Die Droherei aus Pjöngjang: Eine gelungene Medienwirkungsstrategie

Eigentlich wollte ich heute garnichts schreiben und eigentlich nervt mich das Thema, mit dem ich mich wieder beschäftige auch schon ein bisschen. Es geht nämlich mal wieder um Nordkoreas allgemeine und spezielle Droherei im Nachgang der Resolution 2087 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Allerdings will ich euch nicht mit einer Analyse des gesagten und Überlegungen zur Stichhaltigkeit, Bedeutung und Glaubwürdigkeit der getroffenen Aussagen langweilen (das können andere machen), sondern euch auf einen kleinen Aspekt in Pjöngjangs medialer Strategie aufmerksam machen, der hier so deutlich wie selten sichtbar wird.

Wer ist eigentlich „Nordkorea“?

Vorab aber noch eine kleine Überlegung zum Terminus „Nordkorea“, den auch ich der Einfachheit halber öfter mal nutze, der aber so vermutlich nur selten richtig ist. Denn was ist eigentlich „Nordkorea“? Das ist ein Staat, der irgendwie aus allen Menschen besteht, die nordkoreanische Staatsbürger sind. Aber natürlich meinen wir, wenn wir sagen: „Nordkorea droht diesem und jenem!“ oder „…sagt dieses und jenes!“ nicht, dass das alle nordkoreanische Bürger — also vielleicht auch das hungrige Kind oder der Bauer auf dem Feld — sagen, sondern nur die nordkoreanische Führung. Aber selbst da ist das alles ja nicht so eindeutig. Ist die Führung homogen. Ist eine Aussage des Generlstabschefs genausoviel wert wie des Premiers, der Nationalen Verteidigungskommission oder des Außenministeriums? Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube mal nicht. Das sind alles verschiedene Institutionen innerhalb der Führung und die haben allesamt unterschiedliche Arbeitsbereiche und deshalb dürfte es schon einen Unterschied machen, wer was sagt.

Übrigens kann man dieses „Nordkorea ist soundso“ auch hervorragend nutzen, um Grausamkeiten gegen die Menschen dort weniger grausam erscheinen zu lassen. Wenn man zum Beispiel die Gewährung von Hilfen verweigern will, dann kann man das wesentlich besser verkaufen, wenn man darüber spricht, was „Nordkorea“ alles getan hat, als wenn man auf der individuellen Ebene erklären müsste, was der Bauer auf dem Feld jetzt genau mit der Führung in Pjöngjang zu tun hat und wieso es richtig ist, dass dieser Hunger hat, nur weil jene etwas gemacht haben. Das alles nur kurz vorweg, um euch etwas dafür zu sensibilisieren, dass die Aussage „Nordkorea tut dieses und jenes…“ mit Vorsicht zu genießen ist.

Droherei differenziert

Das war mir aufgefallen, weil in den letzten drei Tagen drei unterschiedliche funktionale Gruppen in der Führung des Regimes unterschiedliche Drohungen ausgestoßen haben und was bei uns ankam war: Tag 1: „Nordkorea droht…“; Tag 2: „Nordkorea droht…USA…“; Tag 3: „Nordkorea droht…Südkorea…“. Und damit sind wir auch schon bei unserem eigentlichen Thema. Denn diese Droherei zeigt ein weiteres Mal, dass die Führung in Pjöngjang bei ihrem Vorgehen häufig auf mehrere Dinge abzielt und das ein Faktor, den man immer recht deutlich im Auge zu haben scheint, auch die Medienwirksamkeit des eigenen Agierens sein dürfte. Dazu hat man in Pjöngjang einige Strategien entwickelt du verfeinert, auf die unsere Medien immer wieder hervorragend anspringen.

Eine Medienwirksamkeitsstrategie

Dafür ist die aktuelle Empörungs- und Drohkampagne ein mustergültiges Beispiel. Vor drei Tagen beschloss der UN-Sicherheitsrat einstimmig Resolution 2087, die eigentlich nicht wirklich was bedrohliches oder spektakuläres enthält. Vermutlich wäre die ganze Aktion medial weitgehend unbemerkt über die Bühne gegangen, wenn aus Pjöngjang nicht unmittelbar danach (wegen der Zeitverschiebung vorgestern) die erste Drohsalve vom Außenministerium abgefeuert worden wäre. Da diese auch den Hinweis auf nukleare Aufrüstung enthielt, gab es darauf ein ordentliches internationales Echo. Dieses Echo wäre vermutlich aber relativ zügig wieder verklungen, hätte sich nicht gestern dann die Nationale Verteidigungskommission, das mächtige Lenkungsorgan, das hinsichtlich des Nuklearprogramms wohl die Fäden in der Hand hält, zu Wort gemeldet und etwas expliziter mit Raketentests (nicht Satellitenstarts) und Nukleartests gedroht und die Nachricht vor allem an die USA adressiert. Aber da reine verbale Drohungen, gerade wenn sie so oft erklingen wie aus Nordkorea, für Medien eben nicht wirklich viel hergeben, als das reine Berichten über diese Drohung (es ist ja nichts passiert und es gab keine „echten“ Folgen), wäre auch das eine Eintagsfliege gewesen. Wen wundert es da, dass aus Nordkorea heute wieder Drohungen zu hören waren; Dieses Mal geäußert vom Komitees für die friedliche Wiedervereinigung des Vaterlands, das bei der Politik gegenüber Südkorea ausführendes (ich weiß nicht ob auch planendes) Organ ist, war die Nachricht an Südkorea gerichtet und enthielt explizite Kriegsdrohungen. Naja und ratet, was in unseren Medien geschieht? Genau: Man berichtet weiter über die Drohungen. Pjöngjang hat es also mit recht einfachen Mitteln geschafft, sich an drei Tagen in Folge vordere Plätze in den Schlagzeilen der internationalen Medien zu sichern. Und das war mit Sicherheit so gewollt.

Ich weiß nicht genau, ob man für morgen auch noch ein Organ in der Hinterhand hat, das drohen könnte, aber total abwegig wäre es nicht. Einfallen würden mir da der Generalstab der Koreanischen Volksarmee (KVA) oder vielleicht auch, aber eher nicht die Mission der KVA in Panmunjom, aber für beide ist es vermutlich etwas schwieriger, den Bogen zur Resolution hinzukriegen. Aber irgendwas wie: „Sollte es ein ausländischer Soldat wagen auch nur 0,000001 mm auf ein Schiff zu treten, dass unter der Flagge der Demokratischen Volksrepublik Korea fährt, wird die KVA nicht zögern, einen gnadenlosen und vernichtenden Gegenschlag gegen den Quell dieser Provokation zu führen…“ könnte man da ja schon hinkriegen.

Interessant ist das Timing

Unabhängig davon, ob man sich für morgen auch noch ein paar Drohungen überlegt hat, kann man die Gesamtchoreographie eigentlich nur als medienstrategisches Vorgehen bezeichnen. Natürlich wäre es für die drei Organe ein leichtes gewesen, unmittelbar nach der Veröffentlichung der Resolution 2087 zu reagieren. In weiten Teilen dürften die Stellungnahmen schon geschrieben in der Schublade gelegen haben. Aber wenn alle drei gleichzeitig gedroht hätten, dann wäre die ganze schöne Wirkung schon an einem Tag verpufft. Die Berichterstattung der westlichen Medien wäre wohl genauso alarmierender ausgefallen, hätte aber wohl kaum so lange angehalten, wie das jetzt der Fall war.

Das Ziel ist klar. Aber was ist das Motiv?

Aus diesem Vorgehen Pjöngjangs würde ich einfach mal ableiten, dass es ein Ziel war, möglichst lange mit den Drohungen von Nuklear- und Raketentests sowie dem Abbruch aller Verhandlungen um die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel in den internationalen Schlagzeilen zu bleiben. Allerdings definiert man solche Ziele ja nicht, ohne Motive dazu zu haben. Und diese zu identifizieren ist ungleich schwieriger als die Erkenntnis zu gewinnen, dass man in Pjöngjang die Logik unserer Medien bewusst strategisch ausnutzt.

Man kann aber mal versuchen zu überlegen, was im Endeffekt damit erreicht wird, dass Nordkorea tagelang mit bedrohlichen Meldungen in den Medien präsent ist: Generell wird bei Menschen, die Meldungen zu diesem Thema eher oberflächlich beobachten (was die Meisten tun und was nicht an sich kritikwürdig ist (man kann ja nicht auf alles achten)), vermutlich ein mulmiges Gefühl erzeugt. In ihrer Wahrnehmung dürfte ankommen, dass die Situation auf der Koreanischen Halbinsel sehr gefährlich ist, dass sich Pjöngjang bedroht und ungerecht behandelt fühlt und das es sehr leicht zu einer weiteren Eskalation kommen kann. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute mal, einer solchen Manipulation können sich selbst Entscheidungsträger nicht immer entziehen. Tendenziell könnte das Motiv also sein, die Welt zu einem vorsichtigeren Umgang mit Nordkorea zu bewegen. Das ist so eine Idee die ich habe.

Natürlich kann man auch weiter gehen und der allgemeinen Argumentation folgen, dass Pjöngjang mit diesem Vorgehen die adressierten Regierungen an den Verhandlungstisch zwingen will, aber vielleicht ist diese Idee tatsächlich etwas weit gesprungen. In den letzten Jahren hat Drohgebaren nie zum Einknicken der anderen Regierungen geführt, sondern eher im Gegenteil zu einer härteren Haltung. Jetzt etwas anderes zu erwarten fände ich überraschend. Andererseits könnte man jedoch argumentieren, dass in Seoul gerade die Regierungsverantwortung wechselt. Es könnte tatsächlich als so eine Art Belastungstest gedacht sein, mit dessen Hilfe festgestellt wird, ob und wann die neue Regierungschefin einknickt, bzw. sich nachgiebiger zeigt. Wenn Pjöngjang mit seinem Drohgebaren (und eventuell auch mit einem Nukleartest, der aber dann erstmal das Maximum an Eskalation darstellen würde) ein Einknicken der südkoreanischen Führung erreichen könnte, dann wäre das Spiel für die Amtszeit von Frau Park klar. Nordkorea würde bei Bedarf immer mal gerne die Eskalationsdrohung auspacken. Wenn Frau Park aber standhaft bleibt, sind die Folgen unberechenbar. Nordkorea könnte versuchen die Eskalationsschraube weiter anzuziehen, wie bei Lee Myung-bak beispielsweise mit dem Beschuss der Insel Yompyong geschehen, oder sich eine alternative Politik überlegen. Denn eines ist auch klar. Solche Versuche eine Politikänderung der anderen Parteien zu erzwingen, können bei Misserfolg auch politisch sehr kostspielig werden. So würde eine Resolution der Vereinten Nationen, die es nach einem nordkoreanischen Nukleartest mit Sicherheit gäbe, sicherlich dieses Mal nicht ohne wirklich schmerzhafte zusätzliche Sanktionen auskommen. Das dürfte man auch in Pjöngjang nicht wollen.

Aber naja, vielleicht ist das Motiv des medialen Vorgehens Pjöngjangs auch ein ganz anderes, oder das alles folgt tatsächlich einzig einer internen Organisationslogik: Als erstes spricht das Organ, dass mit der Sache direkt befasst ist, dann das mächtigste im Land und dann in irgendeiner Form hierarchischer Reihenfolge alle, die auch noch was zu sagen hat. Wer weiß das schon.

Zum versöhnlichen Abschluss. Einiges lesenswertes aus deutschen Medien

Abschließend dachte ich, dass es auch mal schön sei, relativ gelungene Berichterstattung zu Nordkorea in den deutschen Medien zu würdigen. Das heißt nicht, dass ich alle Meinungen teile, die in den verlinkten Artikeln vertreten werden (und es heißt auch nicht, dass das alles ist, was gutes in der deutschen Presse veröffentlicht wurde), aber es zeigt, dass sich einige deutsche Journalisten tatsächlich hin und wieder die Mühe machen, sich in die entsprechende Materie einzuarbeiten, ehe sie was schreiben. Und weil immer nur rumkritteln blöd ist, gibt es hier jetzt ein paar Links zu Beiträgen, die ich ganz ok fand.

Besonders gefreut hat es mich, dass der Focus nicht nur Schund wie denhier zu Nordkorea publiziert, sondern auch mal was Vernünftiges aus der Online-Redaktion kommt.

Die Deutsche Welle ist manchmal wenigstens ein Stück weit neben dem medialen Mainstream hier und das finde ich gut so. Vielleicht hilft dabei auch das globale Korrespondentennetz, das eben auch mal einen kenntnisreichen Kommentar ermöglicht.

Aber das man für halbwegs vernünftige, wenn auch nicht extrem kreative, Kommentare nicht unbedingt in China sitzen muss, sondern das auch von sonstwo erledigen kann, beweist die SZ.

Um das politische Spektrum ein bisschen mehr zu schließen, aber auch, weil ich es immer wieder spannend finde, wie die deutsche Linke mit dem schwierigen Thema Nordkorea umgeht, hier ein Artikel aus der Jungen Welt, der ganz gut eine der Methoden demonstriert: Man umschifft die „Nordkorea-Klippe“ und fokussiert einfach auf andere gern genommene Themen…

Durch den Focus-Bericht bin ich schließlich noch auf diesen interessanten Kommentar (was ich für ein leichtes Understatement halte. Ich finde Kurzanalyse treffender) von Eric Ballbach gestoßen, der als Experte zu dem Thema natürlich einiges weiß und sehr schön die jüngsten Ereignisse in Nordkorea zueinander und zur großen politischen Linie der Führung in Kontexte setzt. Das ist absolut lesenswert und wird natürlich in meiner entsprechenden Kategorie mit aktueller deutschsprachiger Literatur zum Thema verlinkt.

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