Starke Analyse: Norbert Eschborn und Kim Young-yoon zu den Perspektiven einer Koreanischen Wiedervereinigung

In aller Kürze möchte ich euch heute auf eine starke Analyse hinweisen, die  Norbert Eschborn und Kim Young-yoon in den „KAS Auslandsinformationen“ der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) veröffentlicht haben. Der 30 seitige Artikel ist mit dem Titel „Die Koreanische Wiedervereinigung. Perspektive oder ‚Lebenslüge‘?“ überschrieben und damit ist auch die inhaltliche Ausrichtung des Artikels schon recht gut umrissen.

Eschborn, der in Seoul für die KAS arbeitet und Kim, der am Korea Institute for National Unification (KINU) forscht, nähern sich der Möglichkeit einer Koreanischen Wiedervereinigung aus verschiedenen Richtungen, aber natürlich mit südkoreanischer Perspektive. Aspekte wie die Haltung der Bevölkerungen, wozu interessante Umfrageergebnisse herangezogen wurden (im Fall der nordkoreanischen Bevölkerung, natürlich nur Flüchtlinge (die sich 2011 in China aufhielten), was die Ergebnisse aber umso spannender macht), historische und internationale Konstellationen, innenpolitische Entwicklungen in Südkorea und die Finanzierungsfrage werden eingehend beleuchtet. Sehr erfreulich finde ich dabei, dass die Autoren ideologische Färbungen, trotz ihrer südkoreanischen Perspektive weitgehend außen vor lassen. Sie kritisieren wo Kritik angebracht ist und loben was lobenswert ist. Erfreulich offen stellt sich dementsprechend auch die Kritik an der Leistung der Regierung Lee Myuung-bak  in diesem Politikfeld. Hervorheben möchte ich auch, dass die Autoren den gesellschaftlich/politischen Umgang mit der Nordkoreafrage problematisieren und die gegenwärtige politische Bildungsarbeit in diesem Bereich und auch das Nationale Sicherheitsgesetz (das leider aber nicht explizit), als Risiken für eine Verankerung des Bewusstseins um die gemeinsame koreanische Geschichte in der Gesellschaft und damit auch für die Perspektiven einer koreanischen Wiedervereinigung benennen.

Vorwerfen kann man der Studie bestenfalls, dass einzelne Aspekte meiner Meinung nach etwas zu kurz kommen. So finde ich, dass die Terroranschläge Nordkoreas auf südkoreanische Regierungschefs im Kontext der Darstellung der historischen Entwicklung der Wiedervereinigungsbemühungen der Koreas zumindest eine Fußnote verdient hätten. Vor allem wird die Vereinigungsfrage aber sehr stark aus südkoreanischer Perspektive beleuchtet. Diesem Ansatz kann man zwar folgen, wenn man die Idee einer plötzlichen Wiedervereinigung unter der Führung Südkoreas nach einem Regimekollaps in Pjöngjang ins Zentrum stellt. Wenn man jedoch eine graduelle Annäherung, die nicht dem deutschen Vorbild entspricht, sondern die Koreas sanft zusammenwachsen lässt favorisiert, dann geht das nicht, ohne auch einen näheren Blick auf die Lage und mögliche Folgen in Nordkorea (vor allem für die Eliten, die ja dann ins Boot müssen) zu versuchen. Ich weiß, dass ist eine große Forderung, aber sonst bleibt das Bild eben etwas unvollständig.

Nichtsdestotrotz kann ich den Text jedem voll und ganz empfehlen, der sich Hintergründe zur Wiedervereinigungsfrage anlesen möchte. Mit Einzelaspekten habe ich mich ja in der Vergangenheit auch schon beschäftigt. Zum Beispiel in meiner Miniserie zu Mauern in den Köpfen oder auch teilweise in Nicolas Gastserie, die sich ja zum Teil mit den Herausforderungen einer Wiedervereinigung für die Verkehrsinfrastruktur befasste.

Diesen Text werde ich natürlich sofort meiner Linksammlung zu aktueller deutschsprachiger Literatur über Nordkorea hinzufügen.

P.S.

Wo ich gerade beim Hinweisen bin, noch zwei Dinge, die eure Aufmerksamkeit verdienen. Einerseits solltet ihr euch den 25. März vormerken. Jedenfalls wenn ihr in Schlagweite zu Dresden wohnt. Dann wird es dort einen Vortrag des aktuellen Deutschen Botschafters in Pjöngjang, Gerhard Thiedemann, geben. Dürfte interessant sein. Andererseits freut es mich, euch mal auf eine ziemlich gute Reisereportage eines deutschen Journalisten hinweisen zu können (meistens lest ihr ja hier eher kritisches über das Wirken deutscher Journalisten, aber mir ist es lieber auf was Schönes hinzuweisen). Christoph Kucklick hat war für die Geo Saison in Nordkorea und ein Auszug seines Artikels ist auf dem Online Auftritt des Sterns erschienen. Außerdem hat er für brand eins noch was Spannendes zu den Mansudae Kunststudios geschrieben, das ich gelesen habe. Ich weiß nicht genau, ob seine Artikel in voller Länge online erscheinen, aber ich hoffe mal. Bis dahin viel Spaß mit dem Anheizer im Stern.

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