Gut gemeinte Empörung. Warum will niemand die nordkoreanische Botschaft in Berlin sprengen?

In letzter Zeit beschäftige ich mich irgendwie ganz schön häufig mit WELT-Journalismus. Das hat einerseits damit zu tun, dass die WELT zu Nordkorea manchmal beispielhaft (oder los) schlechte Artikel zu bieten hat, andererseits aber auch damit, dass einige der WELT-Autoren es einfach nur gut meinen. Naja, aber vielleicht wisst ihr ja, was das Gegenteil von „gut“ ist… Wenn nicht, einfach hinhören.

Einer der es besonders gut meint, scheint Richard Herzinger zu sein. Der hat sich unter dem Titel „Empörungsökonomie -Nordkoreanischer KZ-Staat genießt Sympathiebonus“ ein bisschen empörungsökonomisch umgetan und sich über die mangelnde Empörung gegenüber Nordkorea empört (mit dem Ausmaß seiner Empörung hat er es fast geschafft, das bundesweite Mittel ins Lot zu bringen). Danke für ihre gut gemeinten Worte Herr Herzinger.

Gut, dass endlich mal einer sich über das achselzuckende Schweigen über Kims Horrorstaat und die daraus folgende implizite Mittäterschaft an Verbrechen gegen die Menschheit empört. Die Mittäter sind nicht irgendwelche desinteressierten Versager, oder bösartige Nihilisten, sondern es ist die Weltöffentlichkeit. Zu der gehört Herzinger wohl nicht. Nein, er informiert ja die Weltöffentlichkeit über ihre Komplizenschaft an den Verbrechen gegen die Menschheit (also irgendwie gegen sich selbst (ist jetzt die Weltöffentlichkeit oder die Menschheit die größere Menge?)).

Gut, dass endlich mal jemand der Weltöffentlichkeit die Ungerechtigkeit der Welt an einem knallharten Beispiel aus Deutschland vor Augen führt. Während die Botschaften friedliebender Nationen (die zweifelsohne zum guten Teil der Menschheit/Weltöffentlichkeit gehören) wie den USA, Großbritannien oder Israel weiträumig mit Pollern vor Autobombenterror geschützt werden (Herzinger schreibt „müssen“. Das „müssen“ ist aber immer so ein Ding. Ich weiß, sie werden geschützt. Ich habe kein Problem damit und mir ist lieber sie werden geschützt als sie werden gesprengt. Aber ob sie geschützt werden „müssen“ weiß man im Endeffekt ja erst, wenn die Poller ihren Dienst tun und einen Autobombenanschlag verhindern), scheint sich niemand ein Herz nehmen zu wollen und die sträflich ungeschützte Botschaft des KZ-Horrorstaates in die Stratosphäre bomben. Und das obwohl sie gegenüber von einem Jugendhotel zu finden ist und vermutlich unseren deutschen Ingenieursnachwuchs mit Ideen vom Kommunismus oder schlimmeren verdirbt.

Gut, dass Herzinger daraus den absolut richtigen Schluss zieht: Das Land scheint keine Feinde zu haben, die es fürchten muss. Nungut, die Beziehungen mit den USA würde ich jetzt nicht unbedingt als freundschaftlich bezeichnen und die USA würde ich jetzt auch nicht als angenehmen Feind definieren (darüber könnten einige Despoten und Terroristen, Familien von Terroristen und Leuten, die vielleicht an einem Platz waren, wo vielleicht öfter mal jemand ist, der wie Terroristen heißt und ihre Familien, Auskunft geben, aber dummerweise sind diese Leute tot), aber Herzinger hat natürlich recht: Es wird sich vermutlich kein Mitarbeiter der US-Botschaft in ein Auto setzen und zur nordkoreanischen Botschaft fahren, um sie in die Stratosphäre zu bomben. Das ist (zum Glück!) nicht der Stil der USA. Nungut, aber vielleicht waren mit diesen Feinde auch garnicht andere Staaten gemeint, sondern irgendwelche Hippiespinner, die von Pazifismus beseelt oder vom Horrorstaat schockiert vor der Botschaft auflaufen und da gegen Drohungen demonstrieren, oder gegen Taten und dann zum guten Schluss noch eine Autobombe zünden wollen (auch wenn sich das ein bisschen mit dieser Pazifismussache beißt).

Gut, dass endlich mal jemand die Horizonte der internationalen Empörungsökonomie wieder gerade rückt. Während „Imperialismus“, „Kapitalismus“ oder „Zionismus“ immer wieder in den Blick der Empörungsökonomie rücken, interessiert sich niemand für KZ-Horrorstaaten. Wie auch? Die Verbrechen dort geschehen ja auch im Verborgenen und stellen unsere Vorstellungsvermögen vor extreme Herausforderungen (Herzinger spricht von „sprengen“). Vielleicht sind wir mit unserer Empörung aber mitunter auch Sparsam, weil unser Vorstellungsvermögen zwar gesprengt, das von einigen Journalisten jedoch zu kreativen, dafür jedoch nicht zwangsweise realitätsnahen, Höhenflügen beflügelt wird und weil wir uns im Endeffekt nicht sicher sein können, ob unser Vorstellungsvermögen jetzt aufgrund von realen Geschehnissen oder irgendwelchen Hirngeburten von Journalisten gerade nicht mehr so richtig klarkommt (dabei wäre Herzinger ganz nah an der Quelle solcher kreativen Hirnflüge).

Gut, dass endlich mal jemand darauf hinweist, dass irrlichternde „linke“ und „pazifistische“ Kreise Nordkorea als heroischen Widerständler sehen, der einer imperialistischen Hegemonialmacht und dem „Finanzkapital“ trotzt. Dass diese „linken Kreise“ nicht wesentlich bedeutender sein dürften, als die „rechten“ Kreise, die ein bajuwarisches Königreich wiederaufleben lassen wollen, ist dabei natürlich nur nebensächlich. Es geht ja gegen die Richtigen und ist gut gemeint, da ist der Stil natürlich nur zweitrangig.

Gut, dass sich endlich mal jemand über „die Gleichgültigkeit“ (wessen? Die der Menschheit, der Weltöffentlichkeit oder unsere?) gegenüber Nordkorea, seinen nuklearen Drohungen und seinen Menschenrechtsverletzungen empört. Nungut, die Zahl der UN-Sicherheitsratsresolutionen gegen Nordkorea hält stramm auf die Zweistelligkeit zu; Heute stellte der Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsrates seinen jährlichen Bericht zu Nordkorea vor; EU und UN erlassen jährlich Resolutionen zu den Menschenrechtsverstößen gegen Nordkorea; Menschenrechts-NGOs wie Amnesty, Human Rights Watch, oder auch die deutsch IGFM fahren regelmäßig Kampagnen gegen Menschenrechtsverstöße in Nordkorea… Aber vermutlich hat Herzinger ganz was anderes gemeint, oder irgendeine andere Weltöffentlichkeit, die nicht genug empört ist. Vielleicht den Teil der Weltöffentlichkeit der eine Schnittmenge mit linken Pazifistenkreisen bildet, die Nordkorea für seine Widerständigkeit nach wie vor super findet.

Gut, dass es endlich mal einer gut meint. Und Herzinger meint es gut. Sogar richtig gut. So gut, dass ihn Nordkorea und all das, was dort geschieht, eigentlich keinen Deut interessiert. Eigentlich geht es ihm, wie das ja öfter mal in der WELT der Fall ist, nur um den Iran:

Nordkoreas Machthabern noch in den Arm zu fallen, kommen sie auf die Idee, den roten Knopf zu drücken, könnte es bereits zu spät sein. Umso mehr gilt es jetzt für den Westen, die Islamische Republik Iran unter allen Umständen rechtzeitig vom Bau der Bombe abzuhalten.

Oder fällt euch ein, wie man Nordkoreas Machthabern in den Arm fallen könnte, bevor sie auf die Idee kommen, auf den roten Knopf zu drücken? Geht nicht so richtig, oder? Aber der andere Fall, der da erwähnt wird. Also diese ebenfalls apokalyptische Diktatur in der Islamischen Republik Iran. Der kann man noch in den Arm fallen. Das wäre doch eine Idee. Oder meint Herzinger etwas anderes. Also mal so richtig preäventiv in den Arm fallen? Achja. Stimmt ja. Herzinger weiß ja bescheid, wer die Guten sind. Die dürfen dann auch mal ein bisschen präventiv. Denn könnte ja sein, dass in Pjöngjang doch mal einer auf die Idee mit dem roten Knopf kommt…Oder in Peking…Oder in Moskau…Hoffentlich nicht in Delhi…Oder sollte man denen auch mal in den Arm fallen.

Nungut. Den Rest kann man so sehen, wie Herr Herzinger, wenn man mag. Hätte er sich den einleitenden Stuss über Nordkorea gespart und wäre sofort zum Punkt gekommen: „Irans nukleare Bewaffnung muss verhindert werden, das Nichtverbreitungsregime gestärkt und Nuklearwaffen sind, wenn es sie schon geben muss, am besten in den Händen westlicher Demokratien aufgehoben.“ Hätte er das getan, dann hätte ich gedacht: „Das Ganze ist zwar nicht besonders kreativ, aber wenn man mag, dann kann man es so sehen.“ Aber so wie Herr Herzinger die Sache angegangen ist, hat er einzig den Beleg für das gute alte geflügelte Wort geliefert, nach dem das Gegenteil von „Gut“ „gut gemeint“ ist.

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