Absoluter Herrscher oder Mad Man? Einige Überlegungen zur Unberechenbarkeit Nordkoreas

In den letzten Tagen werden sowohl die Berichterstattung, als auch die medialen Kommentare und sogar einige Expertenmeinungen zur Lage in Nordkorea immer beunruhigter und in gewisser Weise panischer, was sich natürlich in auch auf die Meinung der Öffentlichkeit auswirkt. Dabei scheint man mittlerweile weitgehend Einigkeit darüber erreicht zu haben, dass Nordkoreas Plan wohl nicht sein kann, Südkorea im überraschenden Blitzkrieg zu überrennen und die Amerikaner ins Meer zu treiben.
Dem Meinungskonsens zufolge übt Kim Jong Un einen Tanz auf der Rasierklinge, um ein nicht näher definiertes Ziel gegenüber den USA oder der Welt zu erreichen. Die Annahmen über das konkrete Ziel gehen dabei weit auseinander. Riskant wird die Situation vor allem aus einem Grund: Man fürchtet das Kim Jong Un bei seiner wilden Rasierklingentanzerei das Gleichgewicht verliert und irgendwo runterkippt und dabei mindestens die Koreanische Halbinsel mit sich reißt. Diese Sorgen haben unterschiedliche Herleitungen, wie zum Beispiel, dass er aus Unerfahrenheit, durch eine Fehleinschätzung, durch Selbstüberschätzung, durch absolute Realitätsferne aufgrund von übermäßigem Eigenpropagandakonsum oder einfach nur aus Verzweiflung einen Krieg auslösen könnte.

Nun sehe ich in diesem Meinungskonsens gleich zwei schwerwiegende Haken, die zusammengenommen vollkommen hinreichend sind, die Sorgen vor einem Kim zu entkräften, der aus irgendeinem Grund die Koreanische Halbinsel in den Abgrund reißt. Der eine Aufhänger ist eher historisch bedingt (aber nicht besonders, wer ein paar Jahre zurückdenken kann, der sollte es eigentlich besser wissen) und der andere ist eine Mischung aus allerjüngster Geschichte und „gesundem Menschenverstand“ (wobei ich mir bewusst bin, das mit diesem Menschenverstand (ist das Gegenteil davon „kranker Menschenverstand“?) auch eine Legion von behämmerten Verschwörungstheorien anfangen).

Kim der absolute Herrscher?

Beginnen wir mal mit der allerjüngsten Geschichte. Vor nicht einmal eineinhalb Jahren starb Kim Jong Il, Kim Jong Uns Vater überraschend und alle Welt machte sich Sorgen, die Koreanische Halbinsel würde in Chaos stürzen, weil nicht genug Zeit war das Feld für den jungen Nachfolger zu bereiten und weil die alten Größen im Regime sich nicht von einem nichtmal 30 jährigen Emporkömmling herumkommandieren lassen würden. Als der junge Kim dann Mitte letzten Jahres anfing krachend die Spitze seines Sicherheitsapparates umzubauen war klar, es lief nicht alles so wie es sollte. Es gab „sichere“ Informationen über einen Putschversuch und alle Medien waren sich vollkommen sicher, dass das Regime im inneren sehr unstabil und das Leben des jungen Kim sehr gefährdet sei.
Und jetzt? Wir haben einen absoluten Herrscher in Pjöngjang, dessen Befehlen alle blind folgen und für den sich alle noch so lange gedienten Militärs (aber stimmt schon, seit Amtsantritt ist er ja auch über ein Jahr älter geworden, also eine richtige Respektsperson) kopfüber in das eigen Verderben stürzen würden. Das gesamte Regime hat sich hinter ihn geschart und es ist klar. Wenn dieser Kim an irgendwelchen mentalen Problemen leidet, oder der eigenen Propaganda glaubt, dass er unbesiegbar ist; Wenn er Lebensmüde ist oder glaubt fliegen zu können, dann ist das kein Grund für die Eliten in Pjöngjang, die ihr Leben momentan eigentlich ganz gut genießen könne, all das wegzuwerfen und für eine Wahnsinnsidee in den Tod oder zumindest ein unerfreulicheres Leben zu gehen.
Kommt euch das nicht auch ein bisschen komisch vor? Mir kommt es jedenfalls verdammt komisch vor. Aber die Annahme, dass Kim Jong Un allein in der Lage sein soll, einen Krieg vom Zaum zu brechen, erfordert es zwingend, dass dieser junge Kim ohne Einschränkung oder Beratung zu herrschen oder zu befehlen. Denn ansonsten wären die Probleme, die er letztes Jahr angeblich vonwegen Putschversuchen und so hatte, vermutlich ein Paintballmatch gegen die Sorgen, die er sich jetzt machen müsste. Aber wenn der junge Kim bei seiner Politik tatsächlich die Eliten seines Landes im Boot hat, dann wird das Regime wohl mit irgendeinem Kalkül oder einer Strategie handeln. Gut, soviel erstmal zur jüngsten Geschichte und dem gesunden Menschenverstand.

Ein altes Kalkül

Dem oben angesprochene Kalkül kann man sich sogar auch nähern. Beispielsweise wenn man ein Gedächtnis hat, das länger als vier Wochen zurückreicht. Ich hab euch einfach mal aufs Geratewohl ein paar Zitate zu Nordkorea zusammengestellt:

Im Jahr 2003 schrieb Hans Günther Hilpert für die SWP:

Es bleibt festzustellen, dass Nordkoreas Nuklearpolitik von außen betrachtet wenig ausrechenbar ist. Zuweilen wird sie deshalb gar als irrational bezeichnet. Andererseits gereicht aber gerade die Mehrdeutigkeit der nordkoreanischen Nuklearstrategie und der Mythos ihrer Unberechenbarkeit der DVRK zum Vorteil. Von außen betrachtet unkalkulierbar zu erscheinen, könnte gerade die Intention Nordkoreas sein. Insofern ist das oftmals bizarr erscheinende Agieren Nordkoreas taktisch nicht ungeschickt.

Herbert Wulf schrieb 2006 für die SWP:

Das Verhalten Nordkoreas wirkt bedrohlich und gleicht dem eines Hasardeurs, es ist jedoch — aus nordkoreanischer Perspektive — keineswegs irrational. Im Gegenteil: durch das Offenhalten verschiedener Optionen, einschließlich der nuklearen, verspricht sich Nordkorea eine Stärkung seiner Position, sei es in Verhandlungen, sei es bei anhaltender Isolierung des Landes, um sich notfalls mit militärischen Mitteln zu schützen.

Jihwan Hwang schrieb 2009 für das East Asia Institute:

In sum, North Korea’s strategic choices, which seem irrational to outside observers, in fact reflect its own rationality by defending its position and saving face in terms of its reference points.

Und gestern habe ich ein Interview mit Herfried Münkler gehört, in dem er dashier sagte:

Fischer: Wo Sie dieses Muster erwähnen: Der Vorgänger, Kim Jong-il, wurde auf einem „Spiegel“-Titel ja mal als Mad Man, als der Bekloppte mit der Bombe sehr lustig dargestellt. Tickt denn so eine jüngere Diktatorenpersönlichkeit, wie sie sein Sohn darstellt, ebenfalls so? Der hat ja auch schon ganz anders getönt bis hin zu möglichen Plänen einer Vereinigung mit Südkorea.

Münkler: Das ist ja das Problem, das sich dabei stellt, dass sozusagen man nicht genau weiß und nicht mit Sicherheit einschätzen kann, um wen es sich dabei handelt. Wenn Nordkorea eine Atomwaffendoktrin entwickeln würde, nach der es den Einsatz dieser Waffen vorsieht, dann wäre im Prinzip diese Figur gebändigt. So stehen wir vor dem Problem: Wir wissen nicht viel über ihn. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich das Ganze an die USA oder Südkorea adressiert, möglicherweise auch ein bisschen an China.

Naja, vielleicht wisst ihr was ich meine. Wir haben Jahrelang darüber gesprochen, dass es eine Strategie Nordkoreas sei, mit irrational scheinendem Verhalten und Drohungen eigene Ziele zu verfolgen. Ein Kernelement dieser Strategie ist die Unberechenbarkeit, denn durch diese bekommt das Regime größere Spielräume und kann beispielsweise bei Verhandlungen bessere Ergebnisse erzielen. Jahrelang haben wir das diskutiert und bei jedem Nukleartest Nordkoreas abgeklärt über die Drohstrategie und die versuchte Irrationalität sinniert und vor allem darüber, dass sie ihre Ziele nicht mehr erreicht.
Und jetzt? Es wird geklagt, dass das Regime unberechenbar sei und dass man garnicht einschätzen könne, was in Pjöngjang vor sich gehe. Aber auf die Idee, dass das der Standardkniff aus Pjöngjang ist, nur dieses Mal erfolgreich, nein, darauf kommt nun wirklich keiner, wie auch, wir machen uns ja so große Sorgen und schreiben lieber in Panik jeden Tag was neues über Kims neueste Drohungen und wie gefährlich denn jetzt wirklich alles ist.

Locker bleiben

Vielleicht könnt ihr euch ungefähr vorstellen, wie meine Einschätzung der Gefährlichkeit Kim Jong Uns ist: Der junge Kim handelt vermutlich rational, vielleicht auch nicht, ist auch nicht so wichtig, weil er von ziemlich vielen ziemlich erfahrenen Menschen umgeben ist, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als das Regime am Leben zu halten. Diese Leute werden nicht zulassen, dass ein dreißigjähriger ihr schönes Leben zunichtemacht.
Eine der Strategien, die diese erfahrenen Leute schon seit Jahrzehnten zum Überleben nutzen, könnte man als Mad-Man-Strategie bezeichnen. Sie spielen den Verrückten, weil verrückte für gewöhnlich schwer auszurechnen und potentiell gefährlich sind und deshalb von ihrer Umwelt mit größter Vorsicht behandelt werden. Also lasst sie einfach noch ein paar Tage weiter spielen. Dann hat Kim Il Sung Geburtstag, Kim Jong Un wird sich freuen, dass seine brillante Militärstrategie eine Invasion der USA abgewehrt hat und sich dann weiter darum kümmern, dass in seinem Regime möglichst nurnoch Leute sitzen, denen er trauen zu können glaubt.

2 Antworten

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