Riskante Operation: Nordkoreas Führung baut die Basis ihrer Herrschaftslegitimation um — Ein Fallbeispiel

Eben habe ich bei Yonhap einen kleinen Artikel gelesen, den ich nicht uninteressant fand.
Da wird berichtet, dass Kim Jong Un dazu aufgerufen habe, internationale Maßeinheiten zu nutzen, womit wohl das metrische System gemeint sei.
Generell ist das metrische System in Nordkorea nicht unbekannt und wird vielfach genutzt, z.B. in den (internationalen) Medien des Landes oder auch auf Verkehrsschildern. Allerdings scheint in der Alltagspraxis der Fabriken und Landwirtschaftsbetriebe noch das koreanische System vorzuherrschen. Das verwundert nicht besonders, da sich selbst im Süden, wo die Führung schon lange auf den Wechsel zum metrischen System drängte, selbiges die traditionellen koreanischen Maßeinheiten nicht vollkommen verdrängt hat (ich kannte mich damit bisher auch nicht so gut aus, hatte höchstens mal „Ri“ (Länge, knapp 0,4 km) und „pyeong“ (Fläche, gut 3,3 Quadratmeter) war aber froh diese recht gute Übersicht zu finden, die sich zwar auf Südkorea bezieht, aber die Maßeinheiten dürften die  Kims im Norden ja nicht neu erfunden haben). Weshalb sollte sich da im auf Eigenständigkeit abzielenden Norden ein internationales System durchsetzen?

Kim Jong Uns Internationalisierungsstrategie: Internationalisierung gerne, aber kontrolliert

Diese mir widersprüchlich erscheinende Tatsache scheint Kim Jong Un nicht weiter geschreckt zu haben, für die Aufgabe des traditionellen Systems zu plädieren, um so „den Austausch und die Kooperation mit anderen Staaten in den Bereichen Industrie, Wissenschaft und Technologie und sogar im generellen sozialen Leben zu stärken“. Das kann man durchaus bemerkenswert finden. Neu  ist es allerdings nicht. Im ersten (aber nicht mehr einzigen, hier sind alle vier in Deutsch erschienen Hefte herunterzuladen) (Lehr-)Werk Kim Jong Uns, das den schönen Namen „Über die Herbeiführung einer revolutionären Wende bei der Landespflege gemäss den Erfordernissen des Aufbaus eines mächtigen sozialistischen Staates“ trägt und auch ansonsten nicht uninteressant zu lesen ist, steht geschrieben:

Rege zu entfalten ist auch der wissenschaftlich-technische Austausch mit anderen Ländern und internationalen Organisationen. Auch im Bereich Landespflege und Umweltschutz sind die weltweite Entwicklungstendenz und viele fortgeschrittene und entwickelte Technologien anderer Länder einzuführen. Wie ich schon gesagt habe, ist es notwendig, im Internet mehr Informationen über die weltweite Tendenz und Materialien über die fortgeschrittene und entwickelte Wissenschaft und Technik anderer Länder zu erschließen und Delegationen in andere Länder zu entsenden, damit sie viel Notwendiges lernen und Informationen sammeln. Das Ministerium für Landespflege und Umweltschutz und andere zuständige Organe sollten mit wissenschaftlichen Forschungsorganen anderer Länder gemeinsame Projekte durchführen, den wissenschaftlichen und Informationsaustausch rege betreiben, an internationalen Konferenzen und Symposien teilnehmen und die fortgeschrittene Wissenschaft und Technik aktiv einführen.

Um dieses Ziel zu erreichen ist es allerdings glasklar erforderlich oder zumindest extrem hilfreich, wenn man eine gemeinsame Sprache spricht. Und gerade im Bereich technischer Wissenschaften sind die Maßeinheiten eben die Sprache, die gesprochen wird.
So gesehen kann man die oben beschriebene Forderung nach der Nutzung eines einheitlichen Maßsystems durchaus als konsequentes Vorgehen im Sinne einer Internationalisierung der nordkoreanischen Wirtschafts- und Wissenschaftssysteme sehen. Diese Internationalisierung mag zwar auf den ersten Blick nicht so ganz ins Bild dessen passen, das auf der Koreanischen Halbinsel in den letzten Monaten passiert ist, aber andererseits ist sie ja genau das, das westliche Staatsführer und Wissenschaftler als einzigen Ausweg der wirtschaftlichen Misere Nordkoreas sehen. Gut möglich, dass die Führung in Pjöngjang das sehr ähnlich sieht, allerdings die Strategie einer Internationalisierung nach eigenen Bedingungen verfolgt. Man will zwar Informationen und auch Partner aus dem Ausland ins Land holen, aber nur absolut kontrolliert und gefiltert.

Ideologie vs Wirtschaft

Das alles halte ich für eine ökonomisch nicht schlechte Idee. Kim Jong Un dürfte klar sein, dass ökonomisch irgendetwas passieren muss, wenn er seine Herrschaft dauerhaft absichern will. Allerdings frage ich mich, ob dieses nach außen wenden nicht ideologische Schwierigkeiten mit sich bringen wird. Denn klar ist, dass Maßnahmen wie die Einführung des metrischen Systems nicht mit einem Schlag der Wissenschaft und Wirtschaft zu einem Aufschwung verhelfen werden. Gleichzeitig fällt den Menschen aber auf, dass man eigene kulturelle Güter (Maßsysteme) aufgibt und sich internationalen Vorgaben anpasst. Irgendwie passt das nicht zum Koreanischen Nationalismus, der Teil der Juche Ideologie ist und so recht passt es auch nicht zur Idee zur Unabhängigkeit, manchmal auch Autarkie, die in der Vergangenheit durchaus propagiert wurden und auf die man stolz war.

Eine gefährliche Operation: Neumodellierung der Führungslegitimation

Aus dem vorher Beschriebenen wird klar, dass es das Ziel Kim Jong Uns ist, die eigene Herrschaft in Zukunft stärker über tatsächlich greifbare wirtschaftliche Erfolge zu legitimieren (man könnte das als einen bedeutenden Aspekt der output-Legitimation bezeichnen) und damit die fragwürdige Tragfähigkeit der ideologischen Legitimation zunehmend zu ersetzen. Allerdings ist dieser Vorgang nicht ohne Risiko, denn um die Möglichkeit zu haben, die Herrschaft ökonomisch zu legitimieren, ist es, wie oben beschrieben, notwendig die Fundamente der ideologischen Legitimation zu untergraben.
Wenn es aber im Rahmen dieses Austauschs zu einer Situation kommt, in der keine der legitimatorischen Säulen trägt, dann könnte das die Legitimität des Regimes vor der Bevölkerung in Frage (bei den Eliten ist Ideologie vermutlich ohnehin keine tragende Säule der Legitimation mehr) stellen und so zu einer instabilen Situation führen.
Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und zugespitzt, denn neben der ideologischen und der ökonomischen (output) Legitimation nutzt das Regime weitere Methoden zur Legitimierung bzw. Stabilisierung der eigenen Herrschaft. Prominent dabei ist Kim Jong Uns Versuch, Kim Il Sungs charismatische Qualitäten als Legitimationsmittel anzuzapfen. Als Ergänzende Methode zur Legitimierung ist vor allem Repression zu nennen, aber bei näherer Betrachtung könnte man weitere Aspekte der Legitimierung und Herrschaftssicherung identifizieren.
Nichtsdestotrotz ist es bemerkens- und beobachtenswert, wenn das Regime die zentralen Rechtfertigungsmechanismen der eigenen Herrschaft neu modelliert, denn das ist eine riskante Operation, bei der immer etwas schief gehen kann. Daher werde ich das Thema weiter genau im Auge behalten.

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s