Fischzüge im Gelben Meer — Chinesisches Fischerboot wieder frei: Hintergründe und Einordnung

Das chinesische Fischerboot, über dessen Festsetzung durch nordkoreanische „Geiselnehmer“, vermutlich Einheiten der Küstenwache, seit Sonntag berichtet wurde, ist samt Besatzung wieder frei. Ganz witzig finde ich dabei, dass die Fischer auf dem Heimweg noch schnell die Netze füllen sollen (effizient diese Chinesen!), scheint ihnen also nicht allzu schlecht ergangen zu sein.

Kritische Situation schnell gelöst

Damit wurde die Situation, die ein hohes Störpotential für die bilateralen Beziehungen beider Staaten hatte, zügig ausgeräumt. Das Störpotential rührt dabei nicht so sehr von dem Fakt der Festsetzung an sich her, solche Vorfälle scheinen fast die Regel zu sein, sondern daher, dass der Umstand bekannt wurde und bei der ohnehin zurzeit stark nationalistisch aufgeladenen Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fiel. Erste Empörungswellen begannen wohl schon durch das Netz zu schwappen (also wenn man dieses abgeschmackte Bild von den schwappenden Wellen der Empörung mal nutzen darf, dann doch auf jeden Fall bei ner Bootsstory) und ehe der Druck von unten eventuell noch zu echten Schäden an den Beziehungen beider Staaten geführt hat, hat man die Geschichte wohl lieber schnell beendet.

Chinas Reaktionen geben Anhaltspunkte über Hintergründe des Fischzuges

Die internationalen Medienberichte zu dem Vorfall und vor allem einem Op-Ed und einem Artikel  in der als nationalistisch bekannten chinesischen Zeitung Global Times lassen dabei auch einen Blick auf die Hintergründe der Geschichte zu. In dem Artikel wird unter anderem Angegeben, dass allein in diesem Jahr bereits drei Fischerboote aus der chinesischen Stadt Dandong von nordkoreanischen Behörden festgesetzt und dann erst gegen „Lösegeld“ wieder freigelassen wurden. Der befragte Wissenschaftler Lü Chao wird dahingehend zitiert, dass in dem Seegebiet, in dem das Boot festgesetzt wurde, keine klare Grenzziehung bestehe und in das Seegebiet deshalb gemeinsam ausgebeutet würde. Allerdings würden nordkoreanische Küstenschutzeinheiten bei Geldmangel zu ganz eigenen „Fischzügen“ aufbrechen und sich chinesische Boote schnappen, obwohl die die nordkoreanische Grenze nicht verletzt hätten. Diese müssten sich ihre Freiheit dann erkaufen.
Damit werden hier schonmal zwei Knackpunkte deutlich. Einerseits, die Tatsache, dass sich nordkoreanische Truppen öfter mal selbst finanzieren müssen (erinnert mich irgendwie an das Gebaren mancher deutscher Kommunen im Umgang mit Falschparkern (wobei dann ja nur das Auto in Geiselhaft kommt)) und andererseit die nicht gelöste Grenzfrage (hier gibt es einen ganz interessanten Artikel zu offenen Grenzfragen zwischen China und Nordkorea).  Mit Bezug auf letzteren Sachverhalt ist interessant, dass sowohl im Artikel als auch im Op-Ed diese Frage als hinlänglich geklärt dargestellt wird, obwohl doch klar ist: Wenn die Grenze wirklich festgelegt wäre, dann würde China mit solchen Zwischenfällen besser einfacher umgehen können. Mein Verdacht ist hier, dass China eindeutig in der schwächeren Position wäre, würde man die Grenze fixieren wollen und deshalb will man nicht wirklich über das Thema sprechen, sondern es in einer Grauzone belassen.

Chinas Blick auf die Beziehung zu Nordkorea: Ein Kind das strenge Eltern braucht

Als Reaktion wird von der chinesischen Führung gefordert, in Zukunft konsequenter mit Nordkorea zu verfahren und es im Zweifel auch mal die Folgen seines aggressiven Verhaltens spüren zu lassen. Interessant ist dabei, dass das Op-Ed darauf hinweist, dass Laxheit gegenüber Nordkorea zu einem Präzedenzfall in all den anderen Seegrenzenstreitereien werden könnte, in denen China sonst noch so steckt (eigentlich mit so ziemlich jedem Nachbarland, mit dem es irgendeine Seegrenze gibt (und eigentlich definiert China die eigene Auslegung der Grenzziehung dann irgendwann als „Kerninteresse“ um klar zu stellen, dass man darüber nicht diskutieren wird)). Gleichzeitig wird aber auch immer darauf verwiesen, dass die Beziehungen zwischen China und Nordkorea ja grundsätzlich blendend wären und dass eine solche Kleinigkeit dem nicht im Wege stehen sollte. Der Tonfall, den Artikel und Op-Ed dabei annehmen klingt, ob gewollt oder ungewollt, irgendwie nach der Haltung einer Erziehungsperson gegenüber einem Unmündigen. Nordkorea weiß und kann das nicht besser und muss es durch liebevolles aber konsequent erzieherisches Verhalten beigebracht kriegen. (Interessant auch, weil ich gerade vor ein paar Tagen einen sehr wahren Artikel von John Feffer über die Infantilisierung Nordkoreas gelesen habe).

Warum wurde die Geschichte bekannt: Ein sparsamer Bootsbesitzer

Das Alles stellt den größeren Rahmen der Geschichte, allerdings wird daraus noch nicht klar, warum die jüngste Entführung nicht lautlos abging, wie das ja wohl sonst der Fall ist. Jedoch gibt es auch hier interessante Infos. So wie sich das mir darstellt, hat es sich tatsächlich um eine Art Informationspanne gehandelt, die von dem chinesischen Schiffsbesitzer bewusst ausgelöst wurde. Der scheint (warum auch immer) tatsächlich nicht gewillt gewesen zu sein, Lösegeld für sein Boot zu bezahlen (vielleicht hatte er das Geld wirklich nicht). Jedenfalls kam das Schiff deshalb wohl nicht frei und man steckte in der Sackgasse, weil die nordkoreanischen „Kidnapper“ es ohne Lösegeld nicht ziehen lassen wollten. Um Bewegung in die Sache zu bringen gab er wohl die Information über Weibo, das Twitter Chinas, an die Öffentlichkeit und von dort konnten es die Behörden nicht mehr einfangen. Daher waren wohl sowohl die nordkoreanischen als auch die chinesischen Führungen überrascht, dass sie sich mit dem Problem befassen mussten und schafften es jetzt schnell aus der Welt.
So wie sich die Geschichte mit der Fischerei in der Grauzone zwischen China und Nordkorea darstellt, kann ich mir auch gut vorstellen, dass die chinesischen Behörden ihren Fischern zwar nicht verbieten dort zu angeln, aber ihnen klarmachen, dass sie bei Schwierigkeiten selbst damit klarkommen müssen. So könnte der Schritt des Bootsbesitzers den Vorfall zu veröffentlichen der erfolgreiche Versuch gewesen sein, die Behörden zum intervenieren zu zwingen.

Wenig Auswirkungen auf die aktuellen Beziehungen, aber Fingerzeig für die Zukunft

Insgesamt ist diese Episode zwar interessant, dürfte aber keine weiteren Auswirkungen auf die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen haben. Allerdings wird den Seiten dadurch erneut bewusst gemacht, dass zwischen ihnen durchaus noch ungelöste Fragen stehen, die immer mal wieder zu ungewollten Konflikten führen können. Da Nordkorea aber momentan nicht in der Position ist, Forderungen zu stellen und China über die Grenzziehung nicht sprechen will, weil das aktuelle Arrangement vorteilhaft erscheint, werden diese Fragen so schnell nicht ausgeräumt werden.

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