Hat Nordkorea ein Piratenproblem? Hinweise aus chinesischen Medien auf ein kriminelles grenzübergreifendes Netzwerk

Heute möchte ich mich nochmal kurz den Hintergründen der jüngsten Fischerbootstory zwischen China und Nordkorea zuwenden, da die chinesischen Medien inzwischen sehr offen über diese Zusammenhänge berichten und damit einen ganzen Komplex sehr spannender Aspekte freilegen.
In den letzten Tagen gab es in der Global Post zwei Artikel und auf der Plattform China.org einen, die allesamt Hintergründe der Festsetzung eines chinesischen Fischerbootes und seiner Besatzung bis vor einer Woche recherchiert haben und öffentlich machen, die bisher wohl der chinesischen Zensur unterlagen. Der kommende Beitrag stützt sich vollkommen auf den Inhalt dieser drei Artikel.

Stille Wasser sind tief (Foto: Marc Ucker)

Still ruht die See. Aber das ist ja immer so eine Sache mit stillen Wassern… (Foto: Marc Ucker)

Der Anfang der Geschichte: Ein sparsamer Bootseigner

Dabei wird unter anderem auch aufgeklärt, warum die Bootsentführung überhaupt öffentlich wurde. Wie ich vermutet habe, lag es wohl daran, dass er Bootsbesitzer nicht bereit war, das aufgerufene Lösegeld zu zahlen. Nachdem ihm dann keine echte Hilfe von den chinesischen Behörden zuteilwurde, entschloss er sich den Sachverhalt über Weibo öffentlich zu machen. Sein Plan ist ja, wie wir wissen, aufgegangen und hat neben den direkt von ihm intendierten Folgen weitere Auswirkungen  nach sich gezogen. Denn nun ist das Thema so hoch auf der Agenda, dass auch die Hintergründe von den chinesischen Medien recherchiert werden und die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt wird. Dabei zeigt sich ein recht komplexes Bild.

Ein grundlegendes Problem: Nicht geregelte Grenzziehung

Wie bekannt, ist die Grenzziehung zwischen China und Nordkorea im Gelben Meer nicht endgültig geklärt. Daher berufen sich die Fischer auf Gewohnheitsrecht, nach dem „seit Generationen“ westlich des 124. Längengrades Ost chinesische Fischer ihrer Tätigkeit nachgegangen seien. Die chinesischen Behörden scheinen dagegen wenig Drang an den Tag zu legen, dem Nachzukommen. Es gäbe keine offizielle Dokumentation der See-Demarkation zwischen beiden Ländern und die chinesische Fischereibehörde sei chronisch unterbesetzt und -finanziert. Die Lösung des Problems scheint also nicht ganz oben auf der Agenda der chinesischen Führung zu stehen.

Und ein Verstärker: Das grünere Gras/der fettere Fisch auf der anderen Seite der Grenze

Allerdings ist die mangelhafte Abgrenzung zwischen den Staaten nur ein kleiner Teil des Problems. Zwar geben alle Fischer, die in den Berichten zu Wort kommen an, dass ihre Boote nie die inoffizielle Grenzlinie überquert hätten, allerdings wissen auch alle von anderen zu berichten, die in nordkoreanische Gewässer führen, um zu fischen (wobei mitunter wohl die Kontrollmechanismen umgangen werden, indem das GPS ausgeschaltet wird, was aber generell von den chinesischen Behörden geduldet würde) oder „vom Wind dort hingetrieben würden“. Aber die Boote, die im Endeffekt festgesetzt worden seien (wie schon zuvor berichtet, scheinen diese Fälle an der Regel zu sein), die seien natürlich nicht über die Grenzlinie gefahren, sondern in chinesischen Gewässern aufgegriffen worden. Da fragt man sich ja glatt, warum die nordkoreanischen Kidnapper sich solche Mühe machen und so ein Risiko eingehen, wenn es doch im eigenen Meer genug chinesische Fischer gibt, die man an Land ziehen. Aber auch die Tatsache, dass chinesische Fischer nicht unbedingt Rücksicht auf die Eigentumsverhältnisse auf See nehmen, ist bei weitem noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Die seltsamen Vermittler: Verkauf von Fischereirechten (und Schutz)

Denn allem Anschein nach hat sich in der Grenzstadt Dandong so etwas wie ein Schwarzmarkthandel mit Fischereirechten etabliert. Chinesische Fischer können gegen ein gewisses Entgelt das Recht erwerben, in nordkoreanischen Fischgründen zu fischen. Dazu ziehen sie dann neben ihrer chinesischen auch noch eine nordkoreanische Flagge auf. Diese Geschäfte werden aber nicht direkt mit der nordkoreanischen Seite abgewickelt, sondern mit „Firmen“, die in einem chinesischen Bericht unter den Oberbegriff „Bang Ting“ gefasst werden. Diese sind in „unterschiedlichen maritimen Gebieten Nordkoreas aktiv, aber wohl besonders in Dandong und haben einen direkten über die Grenze hinweg. Interessant finde ich dabei, die Tatsache, dass die Fischer, die die Rechte gekauft haben, „markiert“ sind, denn diese Markierung dürfte ja dann sozusagen als Schutz vor den Übergriffen der nordkoreanischen Militärs dienen und vermutlich wirkt das auch unabhängig davon, ob die Nordkoreaner das Boot jetzt in chinesischen oder in nordkoreanischen Gewässern aufbringen. Es werden also nicht nur Fischereirechte verkauft, sondern auch Schutz. Naja und wie das heißt, wenn man Entgelt für Schutz bezahlt, das weiß man ja aus den guten alten Mafiafilmen…

Bang Ting: Grenzübergreifende Vermittler in jeder Lebenslage…

Der Draht der Bang Ting nach Nordkorea geht aber nicht nur soweit, dass die jeweiligen Firmen den chinesischen Fischern Schutz verkaufen, sondern sie treten daneben auch als Vermittler auf, wenn es zur Festsetzung chinesischer Boote kommt. Dann scheinen sie die Lösegeldübergabe abzuwickeln und eben alles „Geschäftliche“ zu regeln. Daneben wird aber auch berichtet, dass die Firmen für den Verkauf von Booten von China nach Nordkorea zuständig seien. Auch würde Gerät und technische Ausrüstung, das häufig durch die Nordkoreaner von den festgesetzten Booten gestohlen würde, später wieder in Dandong auf anderen Schiffen auftauchen. Dies wird zwar nicht eindeutig den „Bang Ting“ zugeschrieben, aber da sie ja scheinbar so ziemlich für alle Vermittlungsaufgaben über die Grenze hinweg zuständig sind, dürfte ihnen auch hier eine Rolle zukommen.

In meinen Ohren klingt das…somalisch

Was man jetzt davon halten soll, kann man sich jeweils selber überlegen. Da werden von nichtstaatlichen Organisationen Fischereirechte und Schutz verkauft, da wird Schwarzgehandelt und es werden Schiffe und Menschen entführt und gegen Lösegeld freigelassen, also wenn das nicht in Nordkorea, sondern in Somalia passieren würde, dann gäbe es dafür einen altbekannten Namen.
Was man in China davon hält, sagt erstaunlich offen die Global Times:

When Yu’s story was confirmed by Chinese foreign ministry on May 20, online reports hinted that Chinese criminal organizations in the bordering areas have linked up with the North Korean military.
But while fishing boat owners know about the connection, they are very reluctant to talk.

[Als Yu’s Geschichte am 20. Mai vom Außenministerium bestätigt wurde, gab es in Online-Berichten Hinweise darauf, dass kriminelle Vereinigungen aus China sich im Grenzgebiet mit dem nordkoreanischen Militär zusammengetan hätten.
Während Fischerbootsbesitzer um diese Verbindungen wissen, sind sie allerdings sehr zurückhaltend damit, darüber zu sprechen.]

Da scheint sich an der Grenze eine Art mafiöses Piratennetzwerk aus chinesischen kriminellen und nordkoreanischem Militär gebildet zu haben, das unter Duldung chinesischer wie nordkoreanischer Behörden (denn sonst wäre das Spiel wohl schnell am Ende) die Hoheitsrechte Nordkoreas privatisiert zu haben scheint und die chinesischen Fischer, deren teils nicht ganz astreines Verlangen nach dem grüneren Gras auf der anderen Seite des Längengrads sie in eine schwierige Rechtsposition bringt, nach allen Regeln der Piratenkunst ausbeutet.
Für die nordkoreanische Regierung heißt das zwar einerseits, dass man ein bisschen was an Militärausgaben und Geschenken für die dortigen Kommandeure einsparen kann (schließlich haben  die eigenen lukrative Einnahmequellen), andererseits hat man aber nicht die volle Kontrolle über das eigene Territorium, man lässt der Korruption ihren Lauf und man sieht weg, wo unabhängige kriminelle Strukturen entstehen. Dass das problematisch werden kann, zeigt die Tatsache, dass nun schon zweimal binnen eines Jahres die nordkoreanisch-chinesischen Beziehungen durch das Agieren dieses kriminellen Netzwerkes beeinträchtigt wurden. Man hat im Grenzgebiet also einen unkontrollierbaren außenpolitischen Spieler entstehen lassen, der zwar nicht den Anspruch erhebt Außenpolitik zu machen, der aber durchaus in der Lage ist, die außenpolitischen Interessen Nordkorea durch sein Handeln zu schädigen.

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