Talk for the Sake of Talking — Warum „ergebnislose“ Kommunikation die Voraussetzung für erfolgreiche Gespräche zwischen den USA und Nordkorea ist

Da auf der Koreanischen Halbinsel zum Glück das unselige bedrohen-und-reagieren-Spiel vorerst ein Ende gefunden hat und jetzt vom rhetorische-Fallen-stellen-Spiel abgelöst wird müssen wir uns auch wieder vermehrt eine Phrase anhören, die man in den letzten Jahren so häufig von Vertretern der USA und Südkoreas hören konnte, dass ich schon allein bei der Vorstellung, das könnte jetzt nochmal ein paar Jahre so weiter gehen, einen stechenden Kopfschmerz spüre. Das liegt nicht nur daran, dass die Phrase so verbraucht ist, dass sie noch nicht mal mehr hohl klingt, sondern auch daran, dass sie so furchtbar dumm ist.
Ganz ehrlich gesagt haben sich mir schon immer die Nackenhaare aufgestellt, wenn mal wieder ein schlauer Unterhändler, General, Außenminister, Sprecher oder Präsident den Spruch in die Welt geblasen hat, aber so richtig nachgegangen bin ich dem nie. Jetzt, nachdem die verbale Allzweckwaffe ein paar Monate von der Bildfläche verschwunden war, weil man sich in dieser Zeit um Sachen wie „reden“ keine Gedanken machen musste, klingt sie in meinen Ohren aber noch unerträglicher und deshalb habe ich mal darüber nachgedacht, was das Ganze eigentlich heißt.

Nicht reden um des Redens willen. Einige Thesen…

Achso, nur aus meiner Abneigung gegenüber der Phrase könnt ihr vermutlich noch nicht schließen, worüber ich eigentlich schreibe. Es geht um das immer wieder gern genommene „nicht um des Redens willen reden“ wollens (in Englisch „no talks for the sake of talking“). Das werde ich vermutlich erklären müssen, dass ich mich an diesem Spruch stoße, hm, hätte ich mir vielleicht früher überlegen sollen. Aber sehen wir, was ich tun kann.
Eigentlich wird damit doch auf eines der Grundübel hingewiesen, die Fortschritte im Umgang mit Nordkorea immer wieder verhinderten. Oder?
Man sprach und sprach und verhandelte und verhandelte, am Ende hatte Nordkorea ein paar Tonnen Öl oder Lebensmittel mehr, sein Nuklearprogramm ein bisschen vorangetrieben und war immer noch nicht verschwunden. Gleichzeitig hatten die USA und Südkorea ihre Ziele nicht wirklich erreicht. Die Verhandlungen die geführt wurden waren, so sagt der Spruch aus, nur Smalltalk auf hohem Niveau. Dass das so war wirft man Nordkorea vor, denn wenn es anders gewesen wäre, dann würde man heute ja nicht mehr verhandeln müssen, denn dann hätte man die gesteckten Ziele ja erreicht. Alles ganz einfach. Oder?
Nordkorea ist nicht kompromissbereit. Nordkorea will nicht das tun, was die USA von ihm verlangen. Aber trotzdem will es mit den USA sprechen. Also ist doch klar: Nordkorea will sprechen um des Sprechens willen, denn sonst würde es ja versuchen, mit den Gesprächen konkrete Ergebnisse zu erzielen. Nordkorea will aber keine konkreten Ergebnisse. Oder?
Um den Dialog endlich auf fair und offen zu gestalten, soll Nordkorea erstmal beweisen, dass es der dortigen Führung ernst ist. Daher soll es vorab die Forderungen der Verhandlungen erfüllen, so dass es in den Gesprächen konstruktiv zugehen kann und Ergebnisse sichergestellt sind. Oder?
Ergebnisse sind ja eigentlich das Einzige das wirklich zählt. Am Ende muss immer etwas Greifbares stehen. Wem bringt es schon etwas, wenn man nur spricht und am Ende keinen Output hat, außer der Interaktion, die stattgefunden hat. Gespräche dienen also nur der Anbahnung von konkreten und greifbaren Ergebnissen. Oder?

…und einige Gedanken

Ich will mich jetzt nicht übermäßig lang mit all den Thesen auseinandersetzen, die ich mir gerade erst überlegt habe, aber vielleicht ist euch ja aufgefallen, dass man all das was da steht so und so sehen kann.

Kann man das Werkzeug dafür verantwortlich machen, wenn man selbst unfähig ist damit umzugehen?
Wenn die US-Verhandlungsdelegationen ihren Job in den Sechs-Parteien-Gesprächen wesentlich schlechter gemacht haben, als die Nordkoreas, dann ist das für die USA zwar bitter, aber die Schuld dafür kann man weder bei Nordkorea suchen,  noch bei den Sechs-Parteien-Gesprächen. Die Schuld dafür liegt bei den Akteuren der USA. Wenn ich mir mit einem Hammer auf den Daumen schlage, dann kann ich den Hammer beschuldigen oder sagen, ich schlage niemehr einen Nagel in die Wand, aber dann werde ich mir alternative Modelle zur Anbringung von Gegenständen an Wänden überlegen müssen.

Kann man das Verhandlungsformat oder die Teilnehmer dafür verantwortlich machen, dass die unterschiedlichen Parteien bei Verhandlungen mit unterschiedlichen Zielen antreten?
Eigentlich nicht, denn wenn beide Seiten die gleichen Ziele hätten, dann müsste man ja nicht verhandeln. Und wenn eine Seite ihre Ziele vollständig erreichen würde, dann wären das seltsame Verhandlungen. Damit sind wir aber auch schon wieder beim vorgenannten Punkt, denn wenn eine Seite besser darin ist, ihre eigenen Ziele zu erreichen, dann ist das nicht unfair oder hinterhältig, sondern es liegt in der Natur von Verhandlungen.

Ist „sprechen um des Sprechens willen“ per se schlecht?
Wenn jemand sprechen will, dann ist das erstmal kein schlechtes Zeichen. Wenn er über etwas anderes sprechen will, als der potentielle Gesprächspartner, dann müssen sich beide eben darüber verständigen, worüber und ob man sprechen will. Den Vorwurf in den Raum zu stellen, der andere wolle über das falsche Thema sprechen, ist eine höchst subjektive Angelegenheit und eher ein Zeichen für eigene kommunikative Unfähigkeit (oder der Versuch, die Hegemonie über den Zuschnitt eines Themas zu gewinnen). Kommunikation dient der Verständigung. Wenn man sich nicht über Ziele von Gesprächen verständigt, dann kann man auch nicht erwarten, diese am Ende zu erreichen. Wenn man nicht bereit ist über die Ziele zu sprechen — was allerdings keine greifbaren Ergebnisse nach sich zieht, außer dass die Grundsätze der künftigen Kommunikation danach bestimmt sind — dann kann man nicht zu konkreten Ergebnissen kommen. In diesem Sinne ist „sprechen um des Sprechens willen“ eine notwendige Bedingung, um am Ende erfolgreich irgendwelche Ergebnisse zu erreichen.

Kann man als Beweis für die Verhandlungsbereitschaft die vorab-Erfüllung der in den Verhandlungen vorzubringenden Forderungen verlangen?
Klar kann man das. Man kann das nur nicht ernst meinen. Über was verhandelt man dann am Ende? Über neue Forderungen, die man sich dann überlegt? Ach, eigentlich könnte man die nervige Verhandelei ja gleich sein lassen. Man hat ja erreicht was man wollte…

Gibt es ein gutes Gespräch ohne konkrete Ergebnisse?
Also wenn ich mal auf den zwischenmenschlichen Bereich gucke, dann ist es ja fast die Voraussetzung eines guten Gesprächs, dass am Ende kein Ergebnis stehen muss. Ansonsten prallen Interessen aufeinander und am Ende fühlt sich mindestens einer übervorteilt. Auch zwischen den USA und Nordkorea wäre vermutlich ein Gespräch ohne den Zwang zu Ergebnissen keine schlechte Idee. Wie gesagt: Kommunikation dient der Verständigung. Verständigung ist die Voraussetzung für verstehen. Und ohne Verstehen ist es schwierig eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Verstehen heißt nicht akzeptieren oder zu eigen machen, aber es heißt Motivationen und Beweggründe kennen zu lernen und darauf gründend zu agieren.
Dieses Streben nach Ergebnissen, nach greifbarem ist direkt in unserer heutigen gesellschaftlichen Realität verwurzelt. Alles muss einem Zweck dienen muss effizient sein, muss eben ein Ergebnis haben. Wenn etwas einfach so geschieht und am Ende sozusagen nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung eingeht, dann ist es nutzlos, eine verschwendete Ressource, dient nicht dem gesellschaftlichen Wohlstandswachstum und ist damit eigentlich ein Vergehen an der Gemeinschaft. In dieser Logik steht der dumme Spruch: Wir wollen nicht reden um des Redens willen. Na dann lasst es bitte bleiben, aber wundert euch nachher nicht, wenn das Leben ganzschön scheiße ist, ohne mal einfach so zu reden…

Eine feine Sache: Reden um des Redens willen

Ich werde einfach weiter schreiben um des Schreibens willen. Manchmal mit konkreten Zielen, manchmal ohne, manchmal weil ich mich ärgere, manchmal weil ich mich interessiere, manchmal einfach so. Eigentlich immer ohne Ergebnis (denn dass ich niedergeschriebenen Text produziert habe, ist ja nicht mehr oder weniger Ergebnis, als wenn ich gesprochenen Text produziert hätte), aber irgendwie ist mir das nicht so wichtig. Und vielleicht wäre es manchen Strategen in den USA, Südkorea und anderswo zu wünschen, dass sie mal kurz drüber nachdenken würden, wozu man eigentlich redet und was Ziel und Ergebnis von Kommunikation sein soll, will und kann. Das alles kann man natürlich auch aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten, aber heute ging es mir nicht um Nordkorea, sondern um die USA.

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