Wenn BER in Pjöngjang stände — Kurze Reflektion zu einer never-ending-Story

Kürzlich habe ich in der ZEIT (in der aktuellen Ausgabe gibt es übrigens ein weitgehend schönes Dossier zu Nordkorea) diesen Artikel zu den Sanierungsbemühungen Hartmut Mehdorns auf dem Berliner Flughafen (BER) gelesen. Ich muss zwar zugeben, ich bin kein Fan von Mehdorn und froh, dass er seine „Vision“ für die Deutsche Bahn nicht umsetzen konnte, aber nichtsdestotrotz habe ich den Artikel eigentlich recht unvoreingenommen gelesen und war daher überrascht, was da alles stand.

Noch überraschender fand ich aber, dass ich mich bei der Lektüre ständig an Nordkorea erinnert fühlte. Warum das so war? Ich versuche es kurz zu erklären:
Der Artikel befasst sich in erster Linie mit den Maßnahmen, die Mehdorn ergriffen hat, um den Flughafen so früh wie möglich in Betrieb zu nehmen. Dazu zählen:

  • Die Einrichtung eines Beschleunigungsbüros
  • Das Projekt „Sprint“ zur schnelleren Fertigstellung des Baus
  • Die ökonomisch ineffiziente geplante Inbetriebnahme eines Teils des Flughafens im Jahr 2013, um Fortschritt zu demonstrieren
  • Das Umorganisieren von Bauanlagen (Container und Zäune) um den äußeren Anschein der Baustelle zu verbessern, ohne das damit Verbesserungen in Abläufen verbunden wären (schon aber Kosten in Millionenhöhe)
  • Das Drängen auf Tempo bei der Umsetzung von Baumaßnahmen ohne Rücksicht auf direkte oder Folgekosten

Nungut, könnte man sagen. Da treffen eben viele ungünstige Faktoren zusammen, politischer Wille, ein  mittelmäßiges Management und öffentliches Interesse. Das kommt vor. Klar kommt das vor.
Allerdings habe ich mir bei der Lektüre des Artikels vorgestellt, der Flughafen würde nicht in Berlin, sondern in Pjöngjang gebaut. Dann wären all die Aspekte was ich eben aufgeführt habe als unwiderlegbare Belege für die Ineffizienz und Unterlegenheit sozialistischer Wirtschaftsmodelle herbeigezogen worden.

  • Wir hätten da die einem sozialistischen Wirtschaftssystem inhärente Fuscherei, die erst zu dem ganzen Schlamassel geführt hat.
  • Als Lösung wäre der Bürokratiewut der Betonköpfe entsprechend eine neue Institution (Das Beschleunigungsbüro) ins Leben gerufen worden, die trotz allem Aktionismus höchstens noch mehr Verwirrung stiftet
  • Es wäre ein Kampagne im Sinne einer 100-Tage-Arbeitsschlacht gestartet worden, auch noch mit der schönen Losung „Sprint“
  • Man hätte die ökonomische Vernunft und Effizienz ganz den Ideen eines Individuums untergeordnet: Der Flughafen wird 2013 teileröffnet, ob es Sinn mach oder nicht.
  • Man hätte Zeit und Energie auf die schöne Fassade verwendet, also quasi Potemkinsche Dörfer gebaut, statt die Arbeit substantiell voranzutreiben
  • Die fristgerechte Umsetzung der Pläne hätte Priorität vor Sicherheit und Kosten gehabt.
  • Insgesamt wäre mal wieder die große Unterlegenheit planwirtschaftlich organisierter Wirtschaftssysteme offensichtlich geworden. Was starren Plänen und individueller Selbstherrlichkeit unterworfen ist, das kann am Ende nicht zu effizienten Ergebnissen führen.

Was ich damit sagen will? Eigentlich nicht wirklich was, ich fand die Assoziation nur ganz witzig.

Und vielleicht könnte man mal darüber nachdenken, ob Fehler und Fehlentwicklungen in politischen oder wirtschaftlichen Systemen immer so absolut an diesen Systemen festzumachen sind, oder ob nicht auch in Teilen Individuen und gesellschaftliche Wertorientierungen diese Fehlentwicklungen treiben.
Ich würde mir nämlich mitunter wünschen, dass manche Menschen ihre eigene Systemgläubigkeit ein bisschen hinterfragen und auch mal darüber nachdenken würden, ob nicht das, was das System füllt ein Risiko darstellen könnte. Ein absoluter Glaube an ein System ist nämlich unabhängig von seiner Ausformung immer gefährlich, weil man die Idee über die Realität stellt.

2 Antworten

  1. Der Artikel aus dem ZEIT-Dossier ist übrigens mittlerweile online abrufbar:
    http://www.zeit.de/2013/29/nordkorea-kapitalismus/komplettansicht

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