Überleben! – Die Triebfedern von Nordkoreas Außenpolitik, zwischen Regime, Organisationen, Netzwerken und Individuum

Eben habe ich einen sehr guten Artikel von Alexandre Mansourov auf 38 North gelesen, der mich ein bisschen zum Nachdenken animiert hat. Darin versucht Mansourov die Motive und strategischen Ziele zu identifizieren, die Pjöngjang zu dem aktuellen Vorgehen gegenüber Südkorea treiben, gekennzeichnet durch relative Zurückhaltung und Konzilianz in bilateralen Angelegenheiten, aber auch durch den (bisher) weitgehend erfolglosen Eiertanz um die Wiederinbetriebnahme des Kaesong Industrieparks.
Wie gesagt, ich fand Mansourovs Analyse der aktuellen außenpolitischen Gemengelage und möglicher Strategien Nordkoreas (er nennt drei alternative Erklärungen, für das aktuelle Vorgehen) sehr einleuchtend und gut, aber irgendwie habe ich auch immer mal gedacht: „Ja aber… Hier und da fehlt doch was. Das brachte mich dann dazu, einen Schritt zurückzugehen und zu fragen: „Was treibt die nordkoreanische Außenpolitik generell?“

Was treibt Nordkoreas Außenpolitik: Große Frage, kleines Format

Das ist eine große Frage, über die man entweder ein ganzes Buch, oder einen kurzen Artikel schreiben kann. Das ganze Buch hat den Vorteil, die Details entsprechend zu würdigen, aber den Nachteil, dass der Text sehr lang ist. Ein kleiner Artikel kann notwendigerweise nur an der Oberfläche kratzen, aber dafür lässt er sich auch relativ schnell erschließen. Da meine zeitlichen Ressourcen begrenzt sind, habe ich mich dagegen entschieden ein ganzes Buch zu schreiben,  sondern werde nur einen kleinen Artikel verfassen, also klagt nicht, wenn er etwas platt ist, die alternative hätte mich und euch sehr viel Zeit gekostet…

Überleben: Die Grundlage des menschlichen Handelns und verschiedene Wege dorthin

Aber zurück zum Thema. Was treibt die Außenpolitik Nordkoreas? Ganz am Grunde dieser Frage steht ein Wort. Dieses Wort heißt „überleben“.  Was die Motivation von Menschen angeht, bin ich ganz realistisch. Für eigentlich alle steht als oberstes Ziel das Überleben. Da sich das Regime in Pjöngjang aus Menschen zusammensetzt, sollte man davon ausgehen können, dass das gemeinsame  Ziel des Regimes ist, zu überleben. Allerdings hört es hier dann auch schon auf mit den Gemeinsamkeiten dieser Menschen, die das Regime konstituieren, denn wie dieses Überleben zu bewerkstelligen ist, dass hängt ganz von ihrer Stellung im Regime, in ihrer Organisation (und dann wieder von der Stellung der Organisation im Regime) oder in ihrem persönlichen Netzwerk ab.
Hierein haben wir zwar keinen Einblick, aber grundsätzlich ist ja durchaus nachvollziehbar, dass je nach Machtgewichtung etc. für einige Überleben am besten zu bewerkstelligen ist durch das Regime, für andere durch ihre Organisation, für wieder andere durch ihr Netzwerk und für eine Gruppe auch durch Verlassen der ganzen Konstellation.

Nordkoreas Außenpolitik erklärt vor dem Motiv individuellen Überlebens. Ein Ziel…

Nun kann man fragen, was diese Überlegungen zu den grundlegenden Motivationen mit der Außenpolitik des Regimes zu tun haben und ich würde sagen, sehr viel. Denn ganz platt gesagt sind umstürze von außen mindestens ein so großes Überleben wie ein wie auch immer gearteter Wandel von innen heraus (um genau zu sein, sind die Risiken fürs Überleben der Individuen bei Umstürzen von außen wesentlich größer, während Wandel von innen oft nur in Kombination mit Umsturz oder Druck von außen erfolgreich ist. Daher kann man durchaus sagen, dass jedes Individuum im Regime, das Überleben als Hauptziel gesetzt hat, auch Außenpolitik eine gewisse Rolle spielt.

…verschiedene Wege

Und daraus folgt wiederum (was ich ja auch nicht zum ersten Mal sage), dass Überleben das zentrale Motiv der Außenpolitik des Regimes ist. Allerdings ist hier noch nicht der zweite Punkt eingeflossen, den ich oben erörtert habe, nämlich dass unterschiedliche Individuuen innerhalb des Regimes ihr Überleben auf unterschiedliche Weisen am besten absichern (nur so zum Beispiel: Ein Soldat oder ein kleiner Offizier, der absolut unwichtig für das Regime ist, für den ist es eine schlechte Methode fürs Überleben auf das Regime zu bauen, er baut vermutlich besser auf das Militär, bzw. auf seine Einheit, oder auf sein persönliches Netzwerk, wenn er warum auch immer mächtige Freunde hat), wobei wir nicht wissen, wieviele und welche Individuen zur Absicherung ihres Überlebens auf welche Methoden bauen (mit einer Außnahme, aber dazu später mehr).

Individuell-kollektive Überlebensstrategien und ihre Auswirkungen auf Nordkoreas Außenpolitik und ihre Analyse

Gleichzeitig liegt aber hier der Hund begraben, denn je nachdem wie viele und wie mächtige Individuen zur Sicherstellung ihres Überlebens auf diese oder jene Methode zurückgreifen, so verändern sich auch die Erklärungsmuster für die Außenpolitik Nordkoreas.

Das Regime als Überlebensgarant

Wie meine ich das jetzt? Erstmal ganz einfach: Wenn alle maßgeblichen Individuen und Organisationen (was dann auch die nicht so wichtigen Individuen einschließt), ihr Überleben durch „das Regime wie es ist“ gesichert sehen, dann können wir davon ausgehen, dass Nordkorea eine Außenpolitik aus einem Guss macht. Es gibt einen großen strategischen Plan, der im Rahmen einer wie auch immer gearteten Entscheidungsfindung entwickelt wurde und dem sich jetzt alle Individuen unterordnen. Viele Deutungsmuster nordkoreanischer Außenpolitik gehen implizit von dieser Annahme aus. Kein Wunder, es ist auch die einfachste Annahme und erfordert die wenigsten Kenntnisse des Regimes und seines Innenlebens.
Man kann es einfach als in sich geschlossenen rational agierenden Akteur begreifen. Zusätzlichen Charme gewinnt dieses Erklärmuster auch noch dadurch, dass es die Erklärung eigentlich auch nicht anficht, wenn nicht alle maßgeblichen Akteure ihr Überleben durch „das Regime wie es ist“ gesichert sehen, jedenfalls solange die maßgeblichen Individuen und Organisationen nicht in der Lage sind, ihre Position in der Außenpolitik umzusetzen. Wie sie dabei ruhig gehalten (ob durch Geschenke oder Gewalt oder was auch immer) werden ist letztlich egal, denn all das kann man ja auch als Entscheidungsfindungsprozess verbuchen, der im Vorfeld der Außenpolitik abläuft.

Organisation, Netzwerk oder Familie als Überlebensgaranten

Ganz anders und viel unübersichtlicher und schwieriger zu deuten, werden die Erklärungsmuster jedoch, wenn man nicht davon ausgeht, dass die maßgeblichen Individuen und Organisationen in „dem Regime wie es ist“ den besten Weg zur Sicherung des Überlebens sehen, sondern in ihrer Organisation, ihrem persönlichen Netzwerk oder ihrer Familie. Alle sie konstituieren zwar „das Regime wie es ist“ aber die Frage ist, ob man dem Regime eine der Organisationen oder Netzwerke vorzieht oder nicht. Wenn man ersteres tut, baut man auch fürs Überleben auf diese Organisation wenn es hart auf hart kommt. Außerdem muss bei dieser Deutung davon ausgegangen werden, dass einzelne Organisationen oder Individuen ihre Ideen von außenpolitischer Überlebenssicherung unverändert durch Meinungsbildungsprozesse innerhalb des Regimes umsetzen könne. Das heißt, das Regime kann diese Organisationen oder Individuen nicht daran hindern, genau das zu tun was sie für richtig halten, und das Auswirkungen auf die Außenpolitik hat.
Wenn man diesem Deutungsmuster folgt, ist die Außenpolitik Nordkoreas nicht aus einem Guss, sondern setzt sich aus verschiedenen Außenpolitiken verschiedener Organisationen und Individuen zusammen, die zwar alle das grundlegende Interesse des Überlebens eint, die aber unterschiedliche Wege dorthin als zielführend ansehen. Außerdem bedeutet dann ja auch das Überleben des Individuums oder der Organisation nicht zwangsweise, dass auch das Regime und andere Organisationen daraus überleben müssen, es heißt also, dass einzelne Akteure ihr Überleben auch auf Kosten anderer absichern wollen könnten. Die einzelnen Organisationen ergreifen dann die Maßnahmen, die ihnen am angebrachtesten erscheinen, um ihr eigenes Überleben und damit das der Mitglieder zu sichern (so könnte man den Fischerbootzwischenfall deuten, aber auch den Zusammenbruch des nuklear-humanitären Deals zwischen den USA und Nordkorea). Die Analyse einer solchen Gemengelage ist nahezu unmöglich, denn man weiß oft nicht, welche Organisation hinter welcher Maßnahme steckt und welche Ziele die jeweiligen Organisationen im Einzelnen haben.
Unglaublich erschwert wird die Analyse dann auch noch dadurch, dass es Querverbindungen und unüberschaubare Netzwerkstrukturen gibt, die die Organisationen verknüpfen und bestimmte Individuen an Knotenpunkten sitzen haben. Man kann im Zweifel also nicht wissen, ob eine Organisation ein bestimmtes Ziel mit bestimmten Maßnahmen verfolgt, ein Individuum, oder ein Netzwerk oder Familienclan. Es ist von außen nicht zu erkennen und daher wäre eine wirklich Aufschlussgebende Analyse oft schlicht nicht möglich, wenn man davon ausginge, dass ein bedeutender Teil der Individuen ihr Heil nicht im „Regime wie es ist“ sondern in ihrer Organisation, ihrem Netzwerk oder ihrer Person sieht.

Ein Hybrid: Das Regime für die großen Fragen, die Organisation für die Spezialthemen

Man kann sich auch eine Mischung aus den beiden genannten Szenarien vorstellen. So wäre es möglich, dass das Regime vom Großteil seiner Konstituenten als der beste Überlebenssicherer in den großen politischen Fragen, also beispielsweise bei außenpolitischen Verhandlungen mit Südkorea oder was die strategische Linie gegenüber den USA und China angeht, gesehen wird. Aber dass das Regime den jeweiligen Organisationen und Individuen auf den Gebieten, auf denen sie ihre Kernkompetenzen und  Interessen sehen, ein Stück weit freie Hand lässt, um einerseits kräftezehrende Meinungsbildungsprozesse zu vermeiden und andererseits eine Abkopplung einzelner Konstituenten vom Regime zu verhindern.
Diesem hybriden Deutungsmuster habe ich bisher angehangen, wenn ich betrachte, wie ich versucht habe das Vorgehen Pjöngjangs zu verstehen. Manchmal habe ich einen großen strategischen Plan unterstellt, vor dessen Hintergrund sich das Agieren Nordkoreas auf internationalem Parkett erklären lässt, manchmal habe ich geglaubt, individuelle Interessen von Organisationen zu erkennen und eine bestimmte Handschrift wahrzunehmen und manchmal habe ich ein inkonsistent scheinendes Gebaren des Regimes auf interne Bruchstellen und Konflikte geschoben, die man von außen nicht erkennen könne. Der Charme dieser Herangehensweise ist es, dass man zwar eingesteht, nicht alles Schritte des Regimes erklären zu können und sich damit einfach manchmal zufrieden gibt, aber auch nicht immer mit den Schultern zucken muss, sondern manchmal ein allgemeines Regimeinteresse unterstellen und an diesem Entlang analysieren kann. Allerdings birgt diese Herangehensweise auch ein gewisses Risiko, denn wenn man nicht reflektiert rangeht, dann konstruiert man sich die Welt ebenso zurecht, wie sie einem in dem Kram passt, dazu neigen Menschen ja mitunter (obwohl sich selbst für uns Katholiken seit ein paar Jahren die Erde um die Sonne dreht, was aber lange gedauert hat).

Überleben durch Flucht: Was die Nichtnutzung uns sagt

Bei all meinen strategischen Überlegungen habe ich bisher eine Methode zur Überlebenssicherung ausgelassen, die des sich-entziehens. Damit meine ich in erster Linie die Flucht. Da die Flucht wirklich hochrangiger Akteure des Regimes aber seit 15 Jahren keine wirkliche Rolle mehr spielt, ist dieser Aspekt erstmal zu vernachlässigen, was aber auch einiges über die Einschätzungen der zentralen Akteure des Regimes aussagt. Keiner denkt, dass sein Überleben im Ausland sicherer wäre als im Inland. Das kann einerseits mit dem Mittellangen Arm der nordkoreanischen Geheimdienste zu tun haben (Hwang Jang-yop hat man fünfzehn Jahre lang nicht erwischt), aber vor allem müssen die Individuen sich in ihrem Land recht sicher fühlen, das heißt sie haben keine Angst, dass ihre Organisation oder ihre Netzwerke sich auflösen und sie haben auch keine Angst, dass sich das ganze Regime auflöst. Das wiederum heißt, dass zumindest die subjektive Einschätzung über die Zukunft des Regimes oder zumindest ihrer Organisation durch die Akteure positiv ist. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass man dem „Regime wie es ist“ zumindest soweit zutraut, dass es weiter so bleibt, dass die jeweilige eigene Organisation auch weitgehend unbeschadet bleibt. Man kann also aus der niedrigen Fluchtbereitschaft folgern, dass latent die Wahrnehmung vorherrscht, dass das Regime bleibt wie es ist und dass das Ok so ist (wenn eins der beiden nicht gegeben wäre, dann würden zumindest einige fliehen). Ein indirektes Argument dafür, dass Nordkoreas Außenpolitik eher aus einem Guss ist.
Man könnte dieses Argument jedoch auch noch ein bisschen erweitern und nicht nur die tatsächliche Flucht ins Kalkül ziehen, sondern auch die Vorkehrungen, die von Individuen hierfür getroffen werden. Vor allem Geld im Ausland könnte als doppelter Boden gesehen werden, denn mit Geld kommt man auch dann noch weg, wenn das Regime kracht und folglich ziehen diejenigen, die Kapital ins Ausland schaffen in Erwägung dass das passiert und trauen also dem Regime  doch nicht so viel zu. Leider gibt es hierzu kaum Infos, aber ich habe gehört, dass in den letzten Jahren sehr viel nordkoreanisches Kapital nach Südostasien, z.B. nach Kambodscha geflossen ist. Hieraus könnte man folgern, dass entscheidende individuelle Akteure sich auch außenpolitisch immer eine Fluchttür offen halten wollen.

Das Boulevardargument: „Nicht rational“ und was das eigentlich bedeutet

Zum Schluss möchte ich noch auf das Boulevardargument eingehen, das auch immer mal gerne hinzugezogen wird. Das geht so: „Das Regime agiert irrational und daher kann man nicht vorhersagen, was passiert.“ Dieses Argument kann man auf zwei Arten sehen. Entweder das was hier „irrational“ heißt, sind die Symptome der oben beschriebenen Situation, dass unterschiedliche Individuen und Organisationen ihr Heil über das des Regimes setzen, dann ergäbe sich die Irrationalität aus dem inkonsistenten handeln der angenommenen aber eigentlich inexistenten Einheit „das Regime“. Oder man nimmt an, das Regime handelt wirklich als Einheit irrational. Dann müsste man glauben, dass das gesetzte höchste Ziel „überleben“ nicht angestrebt wird. Das würde aber auch bedeuten, dass alle Individuen und Organisationen die das Regime konstituieren dieses Ziel nicht anstreben.
Das fände ich äußerst suspekt. Ich meine, natürlich kennt die Geschichte Beispiele von Massenselbstmorden, aber die Erfolgen ebenfalls mit einer gewissen Rationalität, nur wird dort eben „Überleben“ nicht absolut gesetzt, sondern irgendwas anderes (das Ufo im Kometenschweif soll uns mitnehmen, oder so). Im Falle Nordkoreas wird immer mal darüber gesprochen, dass die Ideologie oder die Rasse solche Ziele sein könnten, die noch vor Überleben kommen. Ich kann das nicht ausschließen, aber mein Gefühl sagt, dass man so flexibel mit der Ideologie umging, dass ich es schon verrückt fände, wenn die nicht nur ein Werkzeug wäre, dass diejenigen die Lenken nutzen, um ihr Überleben zu sichern. Mit der Rasse ist es ähnlich und gleichzeitig enthält ja gerade die Vorzüglichkeit der Rasse die Verpflichtung, sie am Leben zu erhalten, Rasse ist ein schlechtes Argument für Selbstmord, außer wenn es zu einer Zwangsassimilation käme.

Schön war’s

Naja, wie dem auch sei, ich fand es eigentlich mal ganz anregend und heilsam zu versuchen, das Bild ein bisschen mehr in seiner Gesamtheit in den Blick zu bekommen und zu überlegen, wovon eigentlich ausgegangen wird, wenn wir über die Außenpolitik Nordkoreas nachdenken. Mir hat es Spaß gemacht, ich hoffe euch auch.

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