Kims Skiliftparadies — Von der Überwindung der Moral

Wenn ihr in den letzten Tagen mal in die Zeitung geschaut und nach einem Nordkorea-Thema gesucht habt, dann dürfte euch nicht entgangen sein, dass die Schweiz, genauer das Staatssekretariat für Wirtschaft, dem Maschinenbau Unternehmen Bartholet den Export einer Seilbahn/Skilift nach Nordkorea untersagt hat. Dieses Verbot erfolgte auf Basis der bestehenden Sanktionen gegen Nordkorea. In Resolution 1718 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen findet sich folgender Absatz:

8. beschließt,

a) dass alle Mitgliedstaaten die Lieferung, den Verkauf oder den Transfer der nachstehenden Gegenstände an die DRVK, auf direktem oder indirektem Weg, über ihr Hoheitsgebiet oder durch ihre Staatsangehörigen oder unter Benutzung von ihre Flagge führenden Schiffen oder Luftfahrzeugen, und gleichviel ob sie ihren Ursprung in ihrem Hoheitsgebiet haben oder nicht, verhindern werden:

[…]

iii) Luxusgüter

Naja und den kann man halt sehr weit auslegen, denn was Luxusgüter genau sind dürfen die Staaten selbst bestimmen und diese Freiheit haben sich die Schweizer nun im Fall der Seilbahn genommen.
Wer hier regelmäßig mitliest, der dürfte wissen, dass ich den Sanktionen gegenüber Nordkorea oder vielmehr ihrer Umsetzung durch viele Staaten, relativ zwiespältig gegenüberstehe. Ich will dieses Thema jetzt nicht wieder von hinten aufrollen und meine Meinung über wirtschaftliche Schäden und kulturelle Bestrafung breittreten (wie weit kann sich eine Wirtschaft ohne Computer entwickeln und wie steht es um die Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe, wenn keine Musikinstrumente in ein Land exportiert werden dürfen), aber in diesem speziellen Fall ist mir doch etwas im Umgang unserer Medien mit dem Thema aufgefallen, das mir ein bisschen nach schlechtem Gewissen riecht.

Kim Jong Uns Seilbahn/Skilift/Paradies

Denn wenn man sich die Artikel zu dem Thema und darin besonders die Überschriften mal anschaut, dann fällt etwas auf:

Sanktionen gegen Nordkorea: Schweiz stoppt Skilift-Lieferung an Kim Jong Un (Spiegel Online)
Kim Jong Un will Skiparadies schaffen — Schweiz verweigert Nordkorea Skilifte (RP Online)
Schweiz untersagt Lieferung an Nordkorea — Kein Skilift für Kim Jong Un (Tagesschau.de)
Luxus-Skigebiet in Nordkorea — Kims Paradies (Süddeutsche.de)

Irgendwie erwecken diese Überschriften den Eindruck, als habe sich Kim Jong Un einen Skilift für sein Schlafzimmer bestellt (vielleicht um damit auf den riesigen Haufen westlicher Pornos zu fahren, den er ja bekanntlich von seinem Vater geerbt hat). Als wäre das Ding für seinen exklusiven Gebrauch gedacht und als würde das ganze Skigebiet eigentlich nur von und für ihn gebaut.
Ich muss ganz ehrlich zugeben, ich weiß nicht zu hundert Prozent sicher, dass das nicht so ist, aber ich würde doch drauf wetten. Selbst wenn Kim Jong Un in der Schweiz war (wofür es nach wie vor nicht den geringsten stichhaltigen Beleg gibt) und da nichts getan hat, außer dem Pistengaudi zu frönen, so ist es doch abwegig zu denken, er würde die „110 Pistenkilometer, Seilbahnen, Hotels“ für sich alleine bauen. Nun gut, man kann ihm vorwerfen, dass er das Skigebiet propagandistisch ausschlachten will, aber das kann man dann auch jedem deutschen Minister und Kanzler und so weiter unterstellen, wenn er irgendein Gebäude, eine Straße oder sonstwas einweiht.

Wie man moralisches Unwohlsein geradebiegt

Wieso aber dann diese Fokussierung auf Kim Jong Un?
Vielleicht denken da doch einige Journalisten drüber nach, dass sie ganz gerne mal in Skiurlaub fahren und dass sie es ziemlich blöd fänden, wenn sie das nicht könnten, weil eine Regierung, an der sie nichts ändern können, eine Politik betreibt, an der sie erst recht nichts ändern können. Grundsätzlich könnte der eine oder andere Schöpfer der oben aufgeschriebenen Unterschriften es irgendwo  tief in sich drin für unfair gehalten haben, dass den Nordkoreanern die Möglichkeiten zum Skifahren verbaut werden sollen, weil man ihren Diktator anders nicht ärgern kann. Die Lösung dieses kognitiven Dilemmas: Man macht sich selbst weiß, dass die ganze Geschichte nur Kim Jong Un wehtut und das ist ja dann eine gute Sache, denn Kim ist ja bekanntlich ein mieser Diktator, der seine Leute schindet und die Welt bedroht. Also schreibt man ganz selbstgewiss von Kims Skilift, Kims Skigebiet und Kims Paradies. Da kommt sonst eigentlich keiner vor und dann trifft es schon den Richtigen.  Bestenfalls werden irgendwo im Text noch „die Eliten“ genannt, die vermutlich tatsächlich vom Skigebiet profitieren. Aber wie schwer die Grenze zwischen „den Eliten“ und „den normalen Diktaturuntertanen“ zu ziehen ist, davon können wir Deutschen doch ein ziemlich langes Lied trällern.
Jedenfalls kann man am Ende sicher sein, dass die ganze Nummer nicht irgendwelche ganz normalen Menschen getroffen hat, die eigentlich garnichts getan haben und nur mal gerne was anderes machen wollen, als die alltäglichen Indoktrinationstrainings und die mehr oder minder sinnige Feld- Straßenreinigungs- oder Fabrikarbeit, sondern dass nur die Eliten und vor allem Kim Jong Un, getroffen wurde. Und das kann man ja wirklich nicht kritisieren…

Eine ruhmlose Ausnahme: Naivität schützt vor Einfältigkeit nicht

Allerdings will ich bei diesem kollektiven Selbstbetrug nicht alle deutschen Journalisten über einen Kamm scheren. Zumindest eine Zeitung war mit sich selbst und den Lesern ehrlich.
Die WELT schreibt nämlich von einem „Trick“ mit dem die Schweizer Regierung den Export des Skilifts verhindert habe. Man habe den Skilift „kurzerhand“ als „Luxusgut“ klassifiziert und damit den Export verhindert. Hier sagt also mal einer, dass ein Skilift kein Lxusgut ist. Aber nur, weil man als WELT Autor scheinbar in der festen Überzeugung verankert ist, dass man den Kommunisten garnichts liefern soll. Weder Luxusgüter, noch irgendwas anderes (wozu laut WELT ja dann auch Skilifte gehören). Und damit schließt sich so ein bisschen der Kreis zu den oben angesprochenen kognitiven Dissonanzen der Journalisten. Denn da der Vertreter der WELT das ja so und so super findet, wenn die Steinzeitkommunisten irgendwas nicht geliefert bekommen, muss er sich auch nicht selbst die Kim Jong Un-Brücke bauen, sondern kann mit der schlichten Schlagzeile

Schweiz verbietet Skilift-Lieferung an Nordkorea

an den Start gehen. Schön wenn die Welt so einfach ist. Erstaunlich finde ich trotzdem die Naivität, über die man wohl verfügen muss, um nicht selbst ins Grübeln zu geraten, wenn man schreibt, dass Staaten der „freien Welt“ mit irgendwelchen Tricks irgendwelche Güter umdeklarieren, um damit anderen Staaten zu schaden. Denn hey, wenn man mit so einer Trickserei erstmal anfängt, dann ist es am Ende schwierig, das richtige Maß zu finden.

Warum nicht mal ein bisschen hinterfragen?

Aber naja, so ist das eben, solange man weiß wo die Bösen stehen, solange man selbst bei den Aufrechten steht und solange man nicht allzuviel drüber nachdenkt, dass hinter jedem Bösen in Nordkorea auch ein paar Normale stehen, solange kann man auch ganz gut ignorieren, dass die Sanktionen gegen Nordkorea öfter mal jeglichen Sinn für Gerechtigkeit und Humanität ad absurdum führen. Ich würde mir nur wünschen, dass hin und wieder ein deutscher Journalist ein bisschen gegen den Strom schwimmt — nicht nur aus Versehen, wie der Mensch von der WELT —  und auch mal hinterfragt, was die Sanktionen erreichen sollen und wie sie im Endeffekt wirklich wirken.

4 Antworten

  1. Laut dem Reiseanbieter „Young Pioneer Tours“ wird weiter an den Pisten gearbeitet. Ein Datum wann sie fertig sein sollen, wurde nicht genannt. Man wird es sehen.
    http://americaninnorthkorea.com/2013/09/08/snow-skiing-in-north-korea/

  2. Hallo Michael,

    wird ein Harz4-Empfänger in Deutschland jemals einen Skilift zu Gesicht bekommen? Nur als kleiner Denkanstoß für die deinige Sichtweise.

  3. Hallo,
    ich verstehe ehrlich gesagt die Aufregung nicht ganz. Es ist journalistisch unsauber hier von einer Skilift-Lieferung direkt an Kim Jong Un zu sprechen, ohne Frage. Nur: Ändert das etwas an der Sachlage? Ob Kim Jong Un persönlich oder sein Regime Skilifte bekommen ist doch zweitrangig. Man darf getrost davon ausgehen dass ein Nordkoreaner der nicht Teil der Elite sondern nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist niemals in seinem Leben einen solchen Skilift zu Gesicht bekommen wird. Das wird der erwähnten (regimetreuen) Elite und ein paar wenigen Glücklichen vorbehalten sein. Der Rest der Bevölkerung wird weiter brutal unterdrückt werden ohne Aussicht auf Besserung der Lage. Und da habe ich die Zwangsarbeiter noch gar nicht mit eingerechnet.

    Egal welche Gründe oder Tricks die Schweiz als Anlass nimmt die Lieferung zu untersagen, schon aus moralischen Gründen ist die Entscheidung richtig. Ich könnte es als Vertreter eines Staates nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, einem Regime in dem es am Allernötigsten mangelt und in dem es faktisch keine Bürger- und Freiheitsrechte gibt, Skilifte zu liefern welche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Verbesserung der Lage der Menschen dort bewirken werden. Skilifte mögen bei uns keine Luxusgüter sein, für Nordkorea(ner) sind sie es. Die Verweigerung der Lieferung ist für mich daher auch kein „Ärgern“ des Diktators, sondern notwendig. Diese Sanktion trifft, im Vergleich zu manch anderer, direkt die Machtelite und ist daher zielführend.

    Dass solche Überlegungen nicht nur für Nordkorea, sondern für sämtliche Diktaturen gelten sollten, sollte klar sein. Aber das steht ja hier auch nicht zur Debatte. Auch wenn ich mir wünschen würde dass man im Umgang mit anderen Staaten auch so konsequent wäre…

    Gruß,
    Michael

    • Hey Michael,
      vielen Dank für den Kommentar.
      Ich würde nicht sagen, dass ich aufgeregt war, sondern eher genervt. Das liegt an zwei Phänomenen, die man an dieser Berichterstattung fest machen kann und die ich festzumachen versucht habe:
      1. Wenn westliche Staaten mit fragwürdigen Methoden gegen Nordkorea (das heißt erstmal gegen alle Nordkoreaner) vorgehen, dann wird das medial oft als zielgenaues Vorgehen gegen Kim Jong Un und seinen Führungszirkel dargestellt. Aber wenn man in ein Land keine Computer (nicht neu und nicht gebraucht) liefern darf, dann trifft das nicht nur die Führer und das Militär, sondern die gesamte Gesellschaft oder kannst Du Dir wirtschaftliche Entwicklung ohne moderne Datenverarbeitung heute vorstellen? Ähnlich ist es auch mit dem Skigebiet. Das ist ein bisschen groß, um nur einigen wenigen zur Verfügung zu stehen und ich würde mit dieser „Regimetreue Eliten“ Geschichte ein bisschen vorsichtig sein. In Nordkorea sind fast alle Leute regimetreu, schlicht weil sie einfach nicht anders können. Brutale Unterdrückung braucht es in Nordkorea selten. Die Gesellschaft ist so starr, dass die Angst und die Indoktrination die Menschen meistens unter Kontrolle hält.
      2. Die Tricks die du ansprichst, finde ich aus einem ganz bestimmten Grund sehr problematisch: Im Endeffekt liegt ihnen nur eine Überlegung zugrunde: Der Zweck heiligt die Mittel. Diese Überlegung halte ich in westlichen Rechtsstaaten für absolut verwerflich, weil damit die eigenen Fundamente ausgehöhlt werden. Mit den gleichen Überlegungen sitzen dutzende nie rechtskräftig verurteilte Leute in Guantanamo und es gibt scheinbar noch keinen vernünftigen Plan, was mit ihnen passiert. Mit den gleichen Überlegungen werden Drohnenangriffe gerechtfertigt, bei dem Leute, die vielleicht Terroristen sind zusammen mit Leuten sterben, die definitiv keine Terroristen sind. Das Recht zu biegen und zu dehnen, bis man damit rechtfertigen kann, was man entgegen diesem Recht tun will, ist verwerflich und kein pfiffiger Trick.

      Daher sind wir am Ende Deiner Ausführungen wieder auf einem Nennenr, dann dass diese Moral eine doppelte ist, sieht man nicht zuletzt daran, dass wirtschaftliche Geschäfte mit anderen Diktatoren, die ähnlich schlimm mit ihren Menschen umgehen, kaum auf moralische Bedenken stoßen, wenn wirtschaftliche oder andere Interessen vorliegen. Wenn ich Panzer oder so in Länder liefere, die diese früher bekanntlich gegen eigene Bevölkerung eingesetzt haben, dann hat das nichts mit Moral, sondern nur mit Wirtschaft und strategischem Denken zu tun. Das finde ich per se nicht unbedingt verwerflich, sondern erst in dem Moment, wenn man in anderen Fällen diese Moral vor sich herträgt und damit Handeln begründet. Das ist nicht ehrlich, sondern nur die Verschleierung dahinterliegender Gründe.

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