Schöne Studie des KINU zu Nordkoreas Machteliten

Bei der Betrachtung des Handelns der nordkoreanischen Führung, durch mich und andere, z.B. Qualitätsmedien, dürfte vielen von euch schonmal aufgefallen sein, wie wenig man eigentlich über die Gründe des Handelns, die Ziele und sogar über maßgebliche Akteure dort weiß. Mitunter führt das dazu, dass Nordkoreas Führung als „Black Box“ gesehen wird, deren Handlungen kaum zu  analysieren, zu bewerten oder gar vorherzusagen sind. Oder aber es werden teils abstruse (oder abstrus klingende) Theorien über die Entscheidungsfindung entwickelt und als gegeben gesetzt, die dann als Basis für Analysen dienen, die erstaunlicherweise am Ende teils abstrus erscheinende Ergebnisse haben.
Die einfachste ist beispielsweise die vom irren Diktator. Hier schwingt implizit die Annahme mit, der Führer Nordkoreas habe absolute Autorität und Entscheidungskompetenz und sei daneben „irre“ handle also irrational und damit nicht  vorhersehbar. Das gute an dieser Theorie: Man kann damit nahezu alles Vergangene erklären. Das Schlechte: Man kann damit keinerlei Vorhersagen über die Zukunft treffen. Der Pferdefuß: Warum sollte ein Regierungsapparat einen offensichtlich Irren an seiner Spitze dulden, wo Irrsinn doch ein großes Risiko von fatalen Fehlern mit sich bringt.
Naja, das war jetzt ein bisschen überspitzt, aber es gibt durchaus die eine oder andere Theorie oder Annahme über die Struktur, die Motivationen und die Mitglieder der nordkoreanischen Führung, aber viele davon haben irgendwo ihre Schwächen und Pferdefüße. Daher geht es nicht nur mir so, dass es irgendwie sehr komplex und kaum fassbar scheint, die Führung Nordkoreas in einem ersten Schritt zu beschreiben und dann mit geeigneten Hilfsmitteln zu analysieren. Ich versuche es trotzdem hin und wieder, aber im  Endeffekt bin ich mir bewusst, dass es nicht mehr als unsystematische Versuche  sind, nicht validierbares zu erklären. Im Bewusstsein dieser Problematik finde ich es immer mal schön, wissenschaftlich ausgearbeitete Texte zu Funktionsweisen und Strukturen der Führung in Pjöngjang zu lesen.

Studie zu den Machteliten Nordkoreas

Daher habe  ich mich eben gefreut, als ich auf der Suche nach ganz was Anderem auf der Seite des Korea Institute for National Unification die schöne knapp 70-seitige Analyse: „Study on the Power Elite of the Kim Jong Un Regime“ (hier lang zu Studie, dann einfach auf das PDF-Piktogramm wo „Eng“ drinsteht klicken) gesehen habe. Ich hab sie mir auch gleich durchgelesen, was ich euch auch herzlichst empfehle, will aber in aller Kürze das zusammenfassen, was für mich wichtig bzw. bemerkenswert war:

Einschränkungen

Der methodische Teil der Studie zeigt bereits auf, wo die Schwierigkeiten bei der Analyse der Führung Nordkoreas liegen. Denn einerseits wird angemerkt, dass die meisten Erklärungsmodelle für Nordkoreas Führungssystem nur unter Vorbehalt genutzt werden könne, weil sie nicht zu verifizieren sind. Andererseits wird schnell klar, dass Informationen über Mitglieder der nordkoreanischen Führung nur sehr begrenzt vorliegen. Bei Personen die nicht zur absoluten ersten Reihe des Regimes gehören, ist oft nicht mehr als der Name und daraus abgeleitet das Geschlecht bekannt. Über Alter, Geburtsort oder gar weitere Aspekte der Vita gibt es bei großen Teilen des Führungszirkels keine Informationen. So ist bei etwa einem Drittel der Mitglieder des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas und bei Dreivierteln ihrer Stellvertreter das Alter nicht bekannt. Die Zahlen für Herkunft und Ausbildung sind nochmal höher. Diese Einschränkungen machen nochmal schön deutlich, wie wenig wir wissen und wie eingeschränkt Analysen daher auch nur möglich sind.

Modelle zur Erklärung des Regimehandelns

Nichtsdestotrotz bietet die Studie einige Analyserahmen an, die gut nutzbar sind, um damit die inneren Vorgänge in  Nordkorea zu erklären. Die Studie geht dabei davon aus, dass die Entscheidungen und damit das Handeln in Nordkorea nicht allein von Kim Jong Un bestimmt werden, sondern dass es Konfrontationen und Konflikte innerhalb der Eliten gebe, aus denen im Endeffekt die Ergebnisse der Politik resultierten, die wir beobachten können. Diese Annahme splittert sich dann entlang der Frage, wo die Konfliktlinien innerhalb der Eliten verlaufen in unterschiedliche, aber nicht unbedingt gegensätzliche Erklärungsmodelle auf:

  • Das „policy tendency“ Modell geht davon aus, dass es innerhalb der Führung zwei Gruppen gibt, die im Konflikt um die politische Ausrichtung des Landes stehen. Eine Gruppe steht dabei für eine eher technokratische, effizienzorientierte Herangehensweise, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zum Ziel hat, die andere steht für ideoligsche Reinheit, beispielsweise durch die Fortsetzung der Militär-zuerst-Politik.
  • Das „bureaucratic politics“ Modell sieht den Wettbewerb zwischen unterschiedlichen funktionalen Einheiten, Institutionen und Organisationen im Vodergrund, die um Macht und die Durchsetzung eigener Interessen kämpfen.
  • Das „factionalism-power“ Modell erklärt die Politik ähnlich wie das vorgenannte Modell als Konfikt um Interessen und Macht, nur dass dieser Konflikt nicht durch formelle bürokratische Strukturen ausgefochten wird, sondern durch unterschiedliche informelle Faktionen innerhalb des Regimes.
  • Das „patron-client“ Modell schließlich zielt ebenfalls auf informelle Beziehungen ab, sieht jedoch nicht so sehr Gruppen im Vordergrund, sondern individuelle Beziehungen zwischen nicht gleichrangigen Akteuren, die sich durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen auszeichnen und auf Basis von Familienbeziehungen, gemeinsamen Erfahrungen etc. ergeben. Aus einer Vielzahl solcher Patron-Klient-Verhältnisse können dann komplexe Loyalitätennetzwerke entstehen, die auch Vertikal und über Organisationsgrenzen hinweg wirken.

Wenn ihr hin und wieder einen Artikel über Nordkorea gelesen habt, der sich mit den inneren Vorgängen im Regime befasst, dann dürften euch zumindest einige dieser Erklärungsansätze bekannt vorkommen. Aus diesem Arsenal speist sich je nach zu erklärendem Phänomen, Wissensstand oder persönlicher Vorliebe des Autors ein Großteil der Regimeanalysen und ich bin mir sicher, dass jedes der oben genannten Instrumente eine gewisse Erklärkraft besitzt. Leider weiß ich und auch sonst niemand, wie sich das Anteilig aufteilt. Aber es ist doch immerhin schonmal was, ein paar Werkzeuge zu haben.

Konkrete Analyse

Aber nicht nur die methodische Vorgehensweise, sondern auch die konkrete Analyse des Regimes ist nicht unspannend. So zeigt sich, dass mindestens 61 Prozent der Mitglieder des ZK der PdAK zwischen 60 und 90 Jahren alt sind. Bedenkt man dann aber noch, dass von 33 Prozent der Mitglieder kein Alter bekannt ist, dann ist klar, dass diese Lenkungsinstitution nicht gerade vor Jugend strotzt. Auch die Bedeutung von Blutsverwandtschaften wird hier nochmal klar hervorgehoben. So sind wirklich viele enge Verwandte ehemaliger Spitzenfunktionäre im heutigen ZK zu finden. Allein die Blutsverwandten Kim Il Sungs stellten ab 2010 deutlich über 5 % der Mitglieder des ZK.
Weitere interessante Hinweise beschäftigen sich mit persönlichen Netzwerken, die sich über gemeinesame Tätigkeiten ergeben. Hier geht es zentral um das Netzwerk von Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek, dem eine Vielzahl der absoluten Spitzenkräfte des Regimes zugerechnet werden (darunter aber auch ein paar, die von den Säuberungswellen der letzten Jahre weggespült wurden).

Sehr spannend finde ich auch die statistischen Netzwerkanalysen, mit denen die Autoren das Elitennetzwerk Nordkoreas beleuchten. Hier zeigt sich mehreres. So ist das Netzwerk um Kim Jong Un zwar dichter, es sind also häufiger die gleichen Personen, die auftreten, aber auch weniger konzentriert. Das bedeutet, dass das Netzwerk nicht so sehr unizentrisch ist, sondern neben der Person Kim Jong Uns weitere kleine Zentren innerhalb des Netzwerkes (z.B. Jang Song-thaek und Choe Ryong-hae) bestehen.
Weiterhin wird gezeigt, dass Kim Jong Un, anders als sein Vater, weniger „Machtvorsprung“ vor anderen Führungsfiguren des Regimes hat. Weiterhin zeigt sich, dass seine Führungstruppe (also mächtige Leute), ein gutes Stück jünger ist, als die seines Vaters. Es scheint also so zu sein, als würde Kim Jong Un seine Macht mehr teilen und das mit jüngeren Leuten.
Was den Einfluss von Institutionen angeht, zeigt sich, dass die Führungsfiguren des Militärs unter Kim Jong Un gegenüber denen der Partei an Einfluss gewonnen haben. Ich weiß nicht genau, wie in diese Analyse eingeht, dass mittlerweile einige wichtigen Anführer des Militärs von der Bildfläche verschwunden sind, aber wenn ich die Ausführungen hier richtig verstehe, ist der Einfluss des Top-Führungspersonals unabhängig von diesen individuellen Veränderungen bestehen geblieben.
Spannend finde ich auch den radikalen Generationswechsel, der zwischen 2009 und 2011 sehr konsequent in den Funktionspositionen der Partei umgesetzt wurde, aber auch beim Militär zu bedeutenden Änderungen führte. Im Rahmen dieser „Erneuerung“ wurde ein bedeutender Teil der Funktionspositionen der Partei mit 20 bis 30 jährigen neu besetzt.

Lesen lohnt

Naja, am besten ihr lest das alles selbst durch, es lohnt sich nämlich auf jeden Fall. Es ist zwar nicht alles belegbar und manchmal könnten auch andere Effekte eine Rolle spielen (z.B. kann man die Netzwerkzentralität ja nur anhand der bekannten Auftritte und dessen, was davon berichtet wird, analysieren. Das heißt aber, wenn sich die Art der Berichterstattung unter Kim Jong Un geändet hat, könnte das auch zu einer Veränderung der Analyseergebnisse führen, ohne dass man daraus wirkliche Schlüsse über Machtverhältnisse ziehen könnte), aber einerseits gibt der Bericht einen schönen Überblick über mögliche Analysemodelle der Führung und damit Werkzeug für künftige Bewertungen an die Hand, andererseits lassen sich auch gewisse Trends und Fakten der Zusammensetzung der Führung ablesen, was durchaus spannend ist.

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