Der Fall Newman und sein Kontext — Der Koreakrieg, der Tourismus und was wir daraus über Nordkorea lernen

Ich war in den letzten Tagen mit sehr vielen Sachen beschäftigt und kam deshalb mal wieder nicht wirklich zum schreiben (ihr glaubt nicht wie anstrengend es ist, neue Matratzen zu kaufen. Ich dachte bisher, Versicherungsvertretern könnte man nicht trauen, aber Matratzenverkäufer toppen das mit links…). Deshalb habe ich mir auch (wie von bagameri zurecht auf der Freien Beitragsseite angemerkt) die Lässlichkeit erlaubt, euch nicht auf eine recht spannende Geschichte hinzuweisen.

Der Fall Newman

Da jetzt aber die Matratzen gekauft sind und auch andere Aufgaben mir etwas mehr Raum bieten, will ich etwas zu der Geschichte von Merrill Edward Newman, einem 85 jährigem US-Bürger, der vor etwa einem Monat kurz vor dem Ende einer Reise nach Nordkorea von den dortigen Behörden festgesetzt wurde und seitdem in Gefangenschaft ist. Pikanter wird die Geschichte dadurch, dass Newman ein Veteran des Koreakriegs ist. Ende letzter Woche verbreiteten die nordkoreanischen Medien ein Geständnis Newmans, das sich auf Verbrechen gegen Nordkorea in der Gegenwart und der Zeit des Koreakrieges bezieht. Danach soll Newman koreanische Guerillakämpfer ausgebildet und befehligt haben, die im Koreakrieg Sabotageaktionen gegen Nordkorea begangen und dabei auch Unschuldige getötet haben sollen.
Im Rahmen seines aktuellen Besuchs soll er laut dem Geständnis versucht haben Kontakt zu den Familien dieser Kämpfer aufzunehmen, um sie in ein anti-Nordkoreanisches Netzwerk einzubinden. Newmans Geständnis und Entschuldigung waren handschriftlich auf mehreren Blättern notiert und er verlas sie vor der Kamera. Dabei fiel auf, dass in dem Text einige Grammatikfehler enthalten waren, die einem Muttersprachler nicht einfach so unterlaufen. Neben Kenneth Bae ist Newman somit der zweite US-Bürger, der aktuell in Nordkorea festsitzt.

Zwei Aspekte des Falles

Natürlich wird viel gemutmaßt, spekuliert und in altbekannte Kerben gehauen, wenn es um so eine Geschichte geht, aber da habe ich nicht wirklich Lust mich dran zu beteiligen. Ich möchte lieber kurz auf zwei Themen eingehen, auf die dieser Vorfall ein Licht wirft bzw. für die er weiterreichende Implikationen hat. Einmal geht es da um den Tourismus in Nordkorea und zum Anderen  um den Koreakrieg. Mit letzterem möchte ich anfangen.

Der Geschichtliche Kontext und seine Wirkung auf den Fall Newman

Wer sich ein bisschen mit der jüngeren Geschichte der Koreanischen Halbinsel befasst hat, dem dürfte bekannt sein, dass der Koreakrieg als das einschneidende und prägende Ereignis nach der japanischen Besatzung noch heute umfassende Wirkung entfaltet. Die offensichtlichste ist wohl die in ihrer Absolutheit nicht übertreffbare Teilung Koreas, aber daneben gibt es auf beiden Seiten der Demarkationslinie auch noch viele weitere Wirkungen. So kann man u.a. die Wirtschaftsstruktur Nordkoreas, die Architektur des Landes und agrarische Schwierigkeiten in Teilen auf den Koreakrieg zurückführen. Jedoch wirkt der Krieg auch auf individueller Ebene nach. Die dort erlittenen Erlebnisse und die nicht aufgearbeiteten Verbrechen sind ein Stück weit in die kollektive Identitäten beider koreanischer Völker (ich glaube ein koreanisches Volk gibt es nicht mehr wirklich) eingegangen.

In Nordkorea gehört die Erinnerung an amerikanische Kriegsverbrechen zur Staatsräson. Es wird in den Schulen gelehrt und in den Familien weitergetragen. Und — das wird in unseren Breiten gerne mal verdrängt — sie beruht auf sehr realen Begebenheiten in der Vergangenheit. Jeder Krieg ist von Grausamkeit geprägt (sogar saubere chirurgische Drohnenkrieg, nur müssen wir uns das dann nicht im Fernsehen angucken) und der Koreakrieg war es auch. Allerdings war das Ausmaß der Zerstörung auf Seiten Nordkoreas wirklich sehr umfassend und das Sprichwort „keinen Stein auf dem anderen lassen“ traf wahrscheinlich selten so zu wie im Bezug auf dieses Land. Und natürlich sind auch viele Kriegsverbrechen einzelner überliefert, wobei man keine der beteiligten Parteien ausnehmen kann. Das ist ein Teil des Hintergrundes auf den das Geständnis Newmans verweist.

Die Nordkoreaner haben ihn als einen derjenigen festgenommen, die im Koreakrieg Verbrechen gegen das koreanische Volk begangen haben. Ob er wirklich das getan hat, das man ihm nachsagt weiß ich nicht, aber dass das, was er gestanden hat von irgendeinem Amerikaner getan wurde, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Nun kann man durchaus überlegen, ob die Verhaftung Newmans nicht auch in gewisser Weise als Versuch Nordkoreas zu werten ist, auf die Kriegsverbrechen der USA hinzuweisen und so etwas wie einen Verarbeitungsprozess im Sinne der nordkoreanischen Propaganda anzustoßen. Ich meine, auch andere Staaten, z.B. Deutschland verfolgen bis heute Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkrieges und grundsätzlich muss man wohl allen Staaten das Recht zugestehen, die auf eigenem Boden begangenen Verbrechen entsprechend der eigenen Gesetze zu verfolgen (oder habe ich da irgendwas übersehen). Wie gesagt, ich habe da so meine Zweifel, dass Newman wirklich der Kriegsverbrecher ist, als der er angeklagt ist, aber wenn er es ist, dann weiß ich nicht genau, was man den nordkoreanischen Behörden vorwerfen kann. Wenn er es nicht ist, könnte man darüber nachdenken, ob es sich nicht um eine indirekte Aufforderung Pjöngjangs an die USA handelt, ehrlich mit ihrer Kriegsvergangenheit umzugehen.

Auswirkungen auf den Tourismus und was wir daraus über das System lernen

Der zweite Aspekt, über den ich ein bisschen nachgedacht habe ist der Tourismus nach Nordkorea. Ihr alle werdet euch vermutlich schonmal kurz mit diesem Thema beschäftigt haben und entweder die Position: „Wieso sollte man da bloß hinfahren wollen“ oder den Standpunkt: „Ich würde das ja auch gerne mal sehen“ für sich bezogen haben. Wenn man dann hört, dass „ständig“ irgendwelche Touristen in Nordkorea festgesetzt werden, dann verliert man ein bisschen die Lust an „ich würde das auch gerne mal sehen“ denn wer weiß, vielleicht ist das ja garnicht so ungefährlich. Sowas kann natürlich nicht im Sinne der nordkoreanischen Tourismusbehörden liegen, die erst vor relativ kurzer Zeit vermeldet haben, dass sie den Tourismus nach Nordkorea stärken wollten.

Da hilft es auch wenig, dass die Festnahmen allesamt ihre Ursachen in gesetzlichen Vorschriften hatten und dass vermutlich jeder der Leute die in Gefangenschaft geraten sind sehr genau wusste, dass das was er da tut verboten und damit gefährlich ist. Nur bei Newman bin ich mir nicht so sicher, denn wenn er die Verbrechen derer er beschuldigt wird nicht begangen hat, dann konnte er eigentlich nicht damit rechnen verhaftet zu werden. Das heißt, jede Verhaftung ist ein begrenzender Faktor für die zukünftige touristische Entwicklung des Landes. (Einen sehr schönen Artikel dazu, was man als Tourist darf und was nicht und was man sich vielleicht erlauben kann obwohl man es nicht darf gibt es von Rüdiger Frank auf 38 North.)

Warum nehmen die also Leute fest, obwohl das dem Tourismus schadet? Naja, wenn man mal genau drüber nachdenkt, dann ist das eigentlich relativ naheliegend. Weil Tourismus und Justiz eben zwei Systeme sind, die nicht wirklich was miteinander zu tun haben. Das könnte man dann wohl als Zielkonflikte innerhalb des politischen Systems Nordkoreas beschreiben, bei denen Sicherheits-/Justizaspekte ganz klaren Vorrang vor touristischen Aspekten haben. Das ist ziemlich konsistent mit dem System Nordkoreas. Ich würde mal behaupten, dass Sicherheitsaspekte vor fast allen anderen Zielen des Systems Vorrang haben (außer vielleicht die Erfüllung der Bedürfnisse der Herrscher(familie)). Und wer einen Blick auf den Zustand der Wirtschaft und des Tourismus des Landes wirft, dem sollte bewusst werden, dass touristische und auch wirtschaftliche Aspekte sich hinter ziemlich vielen anderen Zielen des Systems anstellen müssen.

Wer deshalb irgendwie annimmt, dass Regime wüsste nicht was es täte oder würde leichtfertig seine Chancen bei der touristischen Verwertung aufs Spiel setzen, dem muss ich klar widersprechen: Das Regime weiß sehr genau was es tut und es folgt dabei einer sehr klar organisierten Prioritisierung. Und wenn sich das Regime auf der einen Seite Möglichkeiten Verbaut, dann ist es meistens wenig sinnvoll zu sagen, es würde planlos verfahren, sondern man sollte besser mal schauen, welchen Zielen es dafür auf der anderen Seite entspricht. Und wenn man das tut und merkt, dass am Ende fast immer die Sicherheit des Systems im Zentrum steht, dann hat man glaube ich auch ein Stück weit das Geheimnis des „Erfolgs“ (wobei „Erfolg“ gleichzusetzen ist mit „Überleben“) des Regimes verstanden: Kompromisslos die Sicherheit über alles andere zu stellen.

Geduld

Wenn ihr mehr konkretes zum Fall Newman erhofft habt, bitte ich euch um Geduld. Ich weiß auch nicht mehr als die Zeitungen schreiben und das zu paraphrasieren ist ja auch langweilig. Aber die Entwicklung der Geschichte könnte darauf hindeuten, dass es bald mehr zu dem Fall gibt (auch wenn es, wie der Fall Bae zeigt mitunter auch ganzschön lange dauern kann) und wenn ich dann nicht wieder irgendwelche Matratzen kaufen muss oder so, dann werdet ihr hier meine Meinung dazu lesen.
Außerdem bin ich mal gespannt, ob in den Medien, im Rahmen der Erzählungen über Newman auch mal öfter Seitenblicke auf die mit der amerikanisch-koreanischen Geschichte verbundenen unschönen Seiten des Koreakrieges geworfen wird. Das würde manchem (nicht nur) US-Bürger vielleicht ein bisschen helfen den Kontext zu verstehen.

3 Antworten

  1. Wenn von „Kriegsverbrechen“ die Rede ist: wer hat denn den Koreakrieg angefangen? Und wer hat ihn über Jahre in die Länge gezogen, weil er eine so wunderbare Gelegenheit war , a) eigene unzuverlässige Truppen loszuwerden, und b) gleichzeitig das amerikanische Militär zu schwächen?
    Was würde wohl geschehen wenn Deutschland als Touristen eingereiste amerikanische Weltkrieg-II-Veteranen festnehmen ließe, weil sie ‚Verbrechen gegen das deutsche Volk“ begangen haben? Würde man in der internationalen Öffentlichkeit der Meinung sein, das sei eine „indirekte Aufforderung Berlins an die USA, ehrlich mit ihrer Kriegsvergangenheit umzugehen“?
    Also, ich weiß nicht…
    Ich denke, der Fall Newman ist eine Retourkutsche einer einer ostasiatischen Mafia-Familie, die im Fall Chong Chon Gang das Gesicht verloren hat. Gesichtsverlust wiegt in Asien nun mal schwerer als Einnahmen aus dem Tourismus. Warum Newman? Er ist 85 – je älter, umso hochrangiger. Warum jetzt? Weil sie’s können. Weil sie wissen, dass mit entschiedener Gegenwehr aus den USA im Moment nicht zu rechnen ist.

  2. Newman ist genauso selber Schuld wie Kenneth Bae, wer so blauäuig ins Land reist ohne sich vorher zu Informieren. Hat es nicht besser verdient…..oder muss wegen Unzurechnungsfähigkeit eingewiesen werden.

    Zitat: ( Quelle: http://www.welt.de/politik/ausland/article122447641/Nordkorea-erpresst-Gestaendnis-in-falschem-Englisch.html )
    Ein Kamerad von damals, ein Hauptmann im Ruhestand namens Ben Malcolm, bestätigte in Atlanta gegenüber der „New York Times“, dass er und wohl auch Newman nordkoreanische Guerillas geführt hätten. Sie hätten damals alles unternommen, was den Kommunisten schadete: von Überfällen auf Militärdepots und Banken über das Drucken von Falschgeld bis hin zum Diebstahl von Ochsen. So berichtete nicht ohne Stolz der 84 Jahre alte Ben Malcolm.

    Die Festnahme Newmans habe ihn nicht überrascht: „Ich würde nie erwägen, nach Nordkorea zu reisen.“

  3. Ich denke hier ist es egal ob Newman eines der beschuldigten Verbrechen begangen hat oder nicht. Fakt ist (und darin sind sich die Medien einig) dass er auf amerikanischer Seite am Koreakrieg teilgenommen hat.
    Fakt ist, dass wenn du als Veteran in das Land reist, gegen welches du gekämpft hast, und die Nachwehen des Krieges immer noch spürbar sind, läufst du in Gefahr Unanehmlichkeiten zu erleben, egal was und wieviel du getan hast.

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