Auf den Spuren nordkoreanischer Holzfäller in Russland: Interessante Filme


Ich habe mir ja vorgenommen, hin und wieder mal etwas über nordkoreanische Arbeiter zu schreiben, die in aller Welt eingesetzt werden, um in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern Devisen für Pjöngjang zu erwirtschaften. Eine Gruppe von Arbeitern die in diesem Zusammenhang oft erwähnt wird, sind die nordkoreanischen Holzfäller, die tief in den Wäldern Sibiriens Bäume fällen. Ihre Zahl ist nicht wirklich bekannt, in diesem Bericht von der ICG (allerdings von 2007, S.13) kann man aus bestehenden Verträgen auf 25.000 bis 35.000 schließen. In diesem Artikel im Vantage Point, der sich mit der Frage nordkoreanischer Arbeiter im Ausland insgesamt befasst, schätzt man 20.000. (Juli 2011, S. 24).

Vice auf den Spuren der Holzfäller

Im Zusammenhang mit den nordkoreanischen Holzfällern in Russland trifft es sich gut, dass Vice vor ein paar Tagen eine siebenteilige Serie von Kurzfilmchen gestartet hat, die sich genau mit diesem Thema befasst. Der kräftige Kerl von Vice, den wir schon aus den beiden Nordkoreafilmen der gleichen Firma kennen, hat sich zusammen mit einem freien Journalisten, der dem Thema schon früher nachgegangen ist, auf die Spur der nordkoreanischen Arbeiter gesetzt und seine Erlebnisse filmisch festgehalten. Wie immer sind die Filmchen reißerisch, von Klischees durchsetzt (also mich nervt der Running-gag, alle Russen immer mit Wodka zu belohnen schon irgendwann (obwohl ich das Klischee aus eigener Erfahrung auch nicht ganz von der Hand weisen kann)) und grundsätzlich wohl auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet. Trotzdem ist er wertvoll, weil er ja tatsächlich eine selten thematisierte Problematik sichtbar macht und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Allerdings kommt in den Kurzfilmen, die zwar in englischer Sprache, aber mit deutschen Untertiteln versehen sind, natürlich nicht nur superspannende investigative Dinge vor, sondern einiges, was eigentlich garnichts mit nordkoreanischen Arbeitern zu tun hat, v.a. in den ersten beiden Teilen. Aber je nach Geschmack ist das auch durchaus unterhaltsam.

Was mich ins Grübeln brachte

Einige Aspekte fand ich trotzdem interessant, bzw. haben sie mich nachdenklich gemacht. Besonders dieser Dialog aus dem dritten Teil, in dem der Journalist den Leiter des Verwaltungslagers, von dem aus die Arbeit nordkoreanischer Holzfäller organisiert und gesteuert wird, hat mich ins Grübeln gebracht („J“ = Journalist; „L“ = nordkoreanischer Leiter):

J: Gibt es Probleme mit Nordkoreanern, die von hier flüchten, um nach Südkorea einzuwandern?

L: Ich bezweifle es.

J: Wenn es doch passieren würde gäbe es in Nordkorea eine Strafe?

L: Das wäre Verrat. Ein Mensch wurde geboren, er wuchs auf, wurde ausgebildet und vom Land ernährt. Und was für ein Mensch ist er geworden? Ein Verräter. Er geht los und rennt weg.

J: Welche Strafe bekommen Verräter?

L: Das kann ich nicht sagen, weil ich damit nichts zu tun habe.

Warum mich das nachdenklich macht? Weil mich das an die deutsche Geschichte erinnert. Die Argumentation der Verantwortungslosigkeit ist die Gleiche. Gegen seine Feinde muss der Staat vorgehen. Was er dann mit ihnen macht, das will ich nicht wissen, um mich nicht vor meinem Gewissen und vielleicht irgendwann vor anderen verantworten zu müssen. Sollte das Regime in Pjöngjang irgendwann mal sein Ende finden, dann wird das Land wie vor über 60 Jahren in Deutschland voller Menschen sein, die von all dem Schlimmen nichts gewusst haben und die, wenn sie als kleine oder größere Räder an dem Schlimmen mitgewirkt haben, nur Befehlen gefolgt sind und halfen, die Verräter ihrer Strafe zuzuführen, die von höherer Stelle festgelegt wurde. Ich urteile nicht darüber, denn ich weiß nicht was ich tun würde, wenn ich in einer solchen Situation stecken würde. Ich finde es nur erschreckend, dass dieselben Muster sich in der Menschheitsgeschichte fortschreiben.

Im vierten Teil finde ich es vor allen Dingen bemerkenswert, dass die Arbeiter tatsächlich in Orten leben, die alles haben, was auch ein nordkoreanisches Dorf haben muss. Es ist fast, als hätten die Arbeiter ihre Heimat nie wirklich verlassen. Aber schaut es euch am besten selbst an. Die bisher erschienen Videos findet ihr hier. Die fehlenden drei Teile sollten in den nächsten Tagen folgen.

BBC zum gleichen Thema: Seriöser aber trotzdem grübelfördernd

Wie gesagt, kann ich mir vorstellen, dass dem einen oder anderen von euch der Stil der Vice-Dokus nicht wirklich zusagt (subjektive Einschätzung, kann auch anders sein). Daher habe ich auch noch ein paar ernsthaftere Infos zu diesem Thema rausgesucht. Der freie Journalist, der das Team ins tiefe Sibirien führt, hat zu dem gleichen Thema vor gut zwei Jahren schonmal recherchiert und auch einen etwa fünfzehn minütigen Film gedreht (allerdings nur auf Englisch). Da er damals für die BBC arbeitete ging das Ganze „seriöser“ zu. Er besuchte die gleichen Orte, die er auch bei Vice aufsucht und recherchierte auch, für wen die Arbeiter die Bäume fällen.

Am Ende der Reise ist er in London, wo ein Firmenchef erklärt, er sei froh den nordkoreanischen Holzfällern einen Arbeitsplatz zu bieten und dass es ihnen in Sibirien besser ginge als daheim. Achja und weil ich eben schonmal beim Thema Verantwortlichkeit und Verantwortungslosigkeit war. In diesem Film gibt es die weniger totalitäre und eher kapitalistische Version davon. Für die Lebensbedingungen und das Wohlergehen der nordkoreanischen Arbeiter sei er nicht verantwortlich und darauf könne er keinen Einfluss nehmen, weil sie ja Vertragsarbeiter in Diensten eines Subunternehmens seien und nicht direkt von ihm angestellt (Diese Argumentation ist in Unternehmenskreisen ja sehr beliebt. Ich habe kürzlich eine Reportage über DHL gesehen und da sagte ein Unternehmensvorstand annähernd das Gleiche über Arbeiter seiner Subunternehmer). Auch hier ein gewisses „nicht wissen wollen“, allerdings eher aus eigenen Profitinteressen und nicht aus Sorge um Leib und Leben. Was bedenklicher ist, kann jeder für sich selbst beurteilen.

Ein seltsames Selbstbild: KCNAs Berichterstattung zum Wirtschaftswunderland Nordkorea und eintreffenden Nahrungsmittelhilfen


Heute habe ich mal wieder mit  besonderem Vergnügen die Nachrichten von KCNA gelesen. Einer gewissen Absurdität entbehrt zumindest ein Teil der Inhalte der nordkoreanischen Nachrichtenagentur ja nie, aber heute fand ich es so schön schlagend, dass ich euch kurz darauf aufmerksam machen möchte.

Was mag wohl ein Mensch denken, der die folgenden beiden Überschriften und die zugehörigen Inhalte liest?

Der erste Artikel bezieht sich auf die Schätzungen zu Nordkoreas Wirtschaftsentwicklung von der südkoreanischen Zentralbank „Bank of Korea“. Ich habe mich ja auch bereits zum Wert dieser Zahlen geäußert, die besagen, Nordkoreas Wirtschaft sei im vergangenen Jahr um 0,5 % geschrumpft. Aber naturgemäß fühlt man sich in Nordkorea von den Zahlen und dem daraus gefolgerten Schluss, Nordkoreas Wirtschaft taumele weiter auf den Abgrund zu, tief getroffen. Auch die ungefähr gleichzeitig öffentlich gewordenen Berichte, Chinas Handelsministerium habe vor Investitionen in Nordkorea gewarnt, nimmt man scheinbar sehr übel und sieht darin eine Schmierkampagne, die die (für die Widersacher schwer erträgliche Realität) verdrehen und potentielle Kooperationspartner abschrecken wolle. Die Realität sieht laut KCNA natürlich ganz anders aus:

All these are sophism aimed to distort the true picture of the DPRK’s self-supporting economy. […]

Today the DPRK’s economy is at the highest tide of its development ever in history.

Significant progress has been made in putting the national economy on a Juche-oriented, modern and scientific basis.

Epochal changes equivalent to the industrial revolution in the 21st century are taking place in the DPRK. […]

The Ryonha General Machinery Plant pushed back the frontiers in 11-axes processing. It is leading the world in CNC technology and machine-building industry.

The Juche-based steel-making system was perfected and Juche fibre and Juche fertilizer are being churned out in the country.

The DPRK also succeeded in nuclear fusion and made a signal progress in bio-engineering development.

The day is near at hand when a light water reactor entirely based on domestic resources and technology will come into operation in the DPRK.

Hm, das klingt doch alles super für den Leser. Ein bisschen ins Grübeln kommen dürfte er dann vielleicht doch bei der Lektüre des nächsten Artikels:

The delivery of 50 000 tons of food donated to the DPRK by the Russian government was completed […] Russia’s donation of food to the DPRK is an encouragement to the Korean people in speeding up the building of a thriving country. It will also be helpful to further developing the traditional relations of friendship and cooperation between the two countries.

Also zusammengefasst steht in den beiden Artikeln: Nordkorea hat eine selbsttragende Wirtschaft und ist in vielen Bereich höchstentwickelt. Gleichzeitig lässt man sich von Russland 50.000 Tonnen Getreide spenden (und das trotz der Tatsache, dass Juche Dünger überall im  Land verteilt wird). Also ganz ehrlich gesagt käme mir das spanisch vor, wenn ich diese beiden Artikel direkt hintereinanderweg lesen würde. Das hat ja schon fast was Subversives. Oder ist man in der KCNA-Redaktion so sehr durch die eigene Propaganda-Folklore abgestumpft, dass man gar nicht mehr merkt, dass da was seltsam ist.

Man versteht sich gut: Russland und Nordkorea rücken enger zusammen


Die Beziehungen zwischen Nordkorea und Russland vertiefen sich in jüngster Zeit rapide. Das ist kein Geheimnis und wenn dies hier und da „kleingeschrieben“ wird, dann hat das wohl eher damit zu tun, dass es dem Einen oder Anderen nicht in den Kram passt, oder dass es seinem Bild, das er sich gemacht hat zuwiderläuft. In der letzten Woche gab es wieder drei Belege für diese Vertiefung. Die renovierte Eisenbahnverbindung zwischen Rason und Khasan wurde von einem Probezug befahren, der Besuch des Kommandanten der nordkoreanischen Ostmeerflotte in Russland wurde angekündigt und vor allen Dingen besuchte eine Delegation der russischen Amur-Region Nordkorea, unterzeichnete Abkommen und wurde von Kim Jong Il empfangen.

Russland erneuert Transportinfrastruktur und hat große Pläne

Über die Entwicklungen rund um Rason gab es in letzter Zeit ja bereits viel zu lesen und die Wiederherstellung der Schienenverbindung zwischen Khasan und Rajin gehört sicherlich in diese Kategorie. Den Berichten zufolge wurde die Strecke sowohl mit einem Schienenstrang in der nordkoreanischen Spurweite von 1435 mm ausgebaut, als auch in der in Russland genutzten 1520 mm breiten Spur. Allerdings scheinen noch nicht alle Arbeiten an der Strecke abgeschlossen zu sein. Die nächste Ausbaustufe sieht vor in Rajin ein modernes Frachtterminal zu bauen. Außerdem soll eine Machbarkeitsstudie zum Transport und zur Verschiffung von Containerfracht (was ziemlich wichtig ist, wenn Rason tatsächlich ein Logistikknoten werden soll) durchgeführt werden. Die aktuelle Infrastruktur soll vorerst vor allem zum Transport russischer Kohle genutzt werden und ist auf die Menge von 5 Millionen Tonnen Kohle im Jahr ausgelegt. Ins Auge gefasst wird für die Zukunft eine Menge von 17 Millionen Tonnen, wofür aber auch auf russischer Seite noch Ausbaumaßnahmen notwendig sein werden. Ob diese Ziele erreicht werden bleibt natürlich vorerst offen, aber man scheint auch auf russischer Seite gewillt, das Projekt zum Erfolg zu führen und ist mit dem Ausbau der Strecke bereits in Vorleistung getreten.

Die Seeleute verstehen sich prächtig

Auch im Militärischen Bereich geht die Annäherung nach dem Besuch von Vertretern der russischen Marine und der Vereinbarung einer gemeinsamen Übung (zur Seenotrettung) weiter. Der nordkoreanische Kommandant der Ostmeerflotte, Kim Min-Sik, wird in der kommenden Woche Russland besuchen und dort unter anderem ein russisches Kriegsschiff und ein U-Boote besichtigen und mit Vertretern der russischen Marine zusammentreffen.

Nicht nur ein Höflichkeitsbesuch: Gouverneur der Amur-Region war in Pjöngjang

Vor allen Dingen war aber der Besuch einer Delegation der Amur-Region Russlands unter dem dortigen Gouverneur Oleg Kozhemyako ein deutliches Zeichen für die Annäherung beider Staaten. Die nordkoreanische Seite gab sich offensichtlich alle Mühe einen herzlichen Empfang hinzukriegen, denn neben einem Treffen mit Premier Choe Yong-rim gab es für Kozhemyako auch ein Zusammentreffen mit Kim Jong Il. Dass sich Kim mit Offiziellen im Rang Kozhemyako trifft kann ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn protokollarisch war das wohl nicht notwendig.

Selbstverständlich ist es nicht, dass sich Kim Jong Il die Zeit für Gespräche mit Oleg Kozhemyako genommen hat.

Daher kann man wohl davon ausgehen, dass der Besuch für Pjöngjang auf Arbeitsebene wichtig war. Hier gab es unter anderem Gespräche zwischen den russischen Besuchern und Nordkoreas Minister für Außenhandel Ri Ryong-nam, der vom stellvertretenden Minister für Stromerzeugungsindustrie (wie auch immer) Kim Man-su begleitet wurde. Insgesamt scheint das Stromthema eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, denn in ungefähr jedem KCNA-Artikel zu dem Thema wird berichtet, dass sich die beiden Seiten versicherten, wie „bewegt“ sie waren, wechselseitig im Bau befindliche Anlagen zur Stromerzeugung besichtigt zu haben (Kim und Anhang besichtigten auf Kims jüngster Russlandreise eine Kraftwerksbaustelle in Bureya, Kozhemyako besuchte im Rahmen seines Aufenthalts die Baustelle des Huichon Kraftwerks). Daher ist es auch nicht überraschend (aber auch nicht unwichtig), dass Kozhemyako zwei konkrete Möglichkeiten der Kooperation im Energiesektor ansprach:

In Kozhemyako’s opinion, bilateral energy cooperation may be developed through both construction of the Nizhnyaya Bureya HPP and through export of electricity to North Korea via China.

[Nach Kozhemyako’s Meinung könnte bilaterale Energiekooperation sowohl durch den Bau des Nizhnyaya Bureya Kraftwerks, als auch durch den Export russischen Stroms über China stattfinden.]

Was die Baustelle in Russland angeht, könnte es sich vielleicht um technische Unterstützung und „Manpower“ aus Nordkorea handeln. Die Lieferung von Strom aus Russland dürfte vor allem für Rason, aber auch für die gesamte nordkoreanische Wirtschaft (und Bevölkerung) sehr bedeutend sein, denn bekanntlich herrscht in ganz Nordkorea eine chronische Stromknappheit.

Es gab wohl einiges zu Besprechen. Auch Premier Choe Yong-rim traf sich zu Gesprächen mit Kozhemyako.

Ob das Elektrizitätsthema auch Teil eines der beiden Abkommen ist, die im Rahmen des Besuchs unterzeichnet wurden, weiß man nicht, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass in den Papieren über die Zusammenarbeit in Handel und Wirtschaft auch ein Abschnitt zu Energie enthalten ist. Das zweite Abkommen betrifft die Zusammenarbeit zwischen der Amur-Region und der Süd-Phyongan Provinz Nordkoreas in technischen, wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Fragen. Naja, jedenfalls war die Reise der Russen mehr als nur ein Höflichkeitsbesuch und signalisiert, dass momentan auf beiden Seiten der Wille zu einer vertieften Zusammenarbeit groß ist. Ob die Ergebnisse dann im Endeffekt so weitreichend sind, wie es in Nordkorea sicherlich gehofft wird, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.

Beziehungen so gut wie seit Jahren nicht mehr

Offensichtlich ist jedenfalls: Die Intensität der Beziehungen beider Länder nimmt momentan stetig zu und könnte für Pjöngjang ein wichtiger Anker bei der wirtschaftlichen Entwicklung werden. Mittlerweile dürften die Beziehungen den besten Stand erreicht haben, seit die Sowjetunion in sich zusammenfiel (auch besser als während des kurzen Intermezzos zwischen beiden Ländern (Die „Männerfreundschaft“ Putin-Kim kann man dann ja wiederbeleben, wenn Putin wieder Präsident) um die Jahrtausendwende).

Ich kann mir vorstellen, dass dies in einigen Hauptstädten, in denen man sich mit Pjöngjang befasst bzw. befassen muss, zumindest mit gesteigertem Interesse beobachtet wird. Inwiefern die Vertiefung der Beziehungen auf eine mit China koordinierte Strategie zurückgeht ist schwer zu sagen, aber da die Kommentare aus China bisher wohlwollend bis desinteressiert ausfielen, scheint es eine Absprache zu geben. In Washington und Seoul dagegen dürfte man unruhig werden, denn wenn sich Pjöngjang mit Russland eine neue Geldquelle (und diplomatische Unterstützung) erschließt, dann werden die Peitschen, mit denen Südkorea und die USA ohnehin schon recht erfolglos zu drohen versuchen, in Pjöngjang bald wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken. Vielleicht hat die jüngste Zunahme an Interaktionsbereitschaft aus Seoul und Washington auch damit zu tun, dass man aktuell schwindende Chancen der Einflussnahme befürchtet und versucht zu retten, was zu retten ist… Ganz so dramatisch wie es klingt, wird es nicht sein, aber nachdenklich dürfte die „neuentfachte Flamme der Freundschaft“ (ha! Ich sollte nicht soviel KCNA lesen. Der Pathos frisst sich in mein Hirn!) schon machen…

Sehr guter Überblick von Hans-Joachim Schmidt: „Von der Sonnenscheinpolitik zum Säbelrasseln und Zurück? Zur politischen Lage auf der koreanischen Halbinsel“


Auf CanKor habe ich gestern ein recht interessantes Paper von Hans-Joachim Schmidt von der Hessischen Stiftung Friedens und Konfliktforschung gefunden. Es basiert auf einem Vortrag, den er am 26. April 2011 auf der Tagung „Zusammenbruch oder blühende Landschaften? Szenarien der Zukunft auf der koreanischen Halbinsel“ hielt. Den Inhalt hat er auf den aktuellen Stand gebracht und CanKor unter dem Titel: „Von der Sonnenscheinpolitik zum Säbelrasseln und Zurück? Zur politischen Lage auf der koreanischen Halbinsel“ zur Verfügung gestellt.

Auf dreizehn Seiten fasst er darin sehr gut die aktuelle politische Gemengelage auf der Koreanischen Halbinsel vor allem in Bezug auf das nordkoreanische Nuklearprogramm zusammen. Dabei wirft er hervorragende Schlaglichter auf Interessen und Handlungsmotive der verschiedenen beteiligten Parteien und analysiert verschiedene Optionen des „wie-weiter“ auf der Koreanischen Halbinsel. Eine große Bedeutung räumt er dem Konflikt auch für die bilateralen Beziehungen zwischen den USA und China ein. Ich muss zugeben, dass er mir eigentlich mit allen seiner Einschätzungen aus der Seele spricht und daher gibt es auch nicht viel zu mehr dazu zu sagen. Eine bisschen habe ich mich allerdings an folgendem Satz gestoßen:

Die bloße Gewährung von Sicherheit für Nordkorea ist somit kaum ausreichend, um es zum Verzicht auf Kernwaffen zu bewegen. (S.6)

Das mag zwar stimmen, allerdings frage ich mich schon länger, ob diese „bloße Gewährung von Sicherheit für Nordkorea“ überhaupt möglich ist. Gerade vor dem Libyen-Hintergrund ist es glaube ich durchaus legitim zu fragen, wie es den USA gelingen soll, ein wirklich glaubhaftes und dauerhaftes Sicherheitsversprechen abzugeben. Allein dieser Sachverhalt verzwirbelt die ganze Nuklearfrage zu einem sehr massiv aussehenden gordischen Knoten.

Wenn ihr aber einen guten Überblick über die aktuelle Situation sucht, dann ist der Text sicherlich der ideale Weg, den zu bekommen.

Warum Sechs-Parteien-Gespräche plötzlich wieder möglich scheinen: Alle wollen das gleiche, aber aus unterschiedlichen Gründen


In den letzten Tagen wird wieder viel gesprochen, über eine mögliche Fortsetzung der Sechs-Parteien-Gespräche über die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel und tatsächlich stehen die Chancen vermutlich gar nicht so schlecht. Zum ersten Mal seit den Amtsantritten Lee Myung-baks und Barack Obamas zeigen sich alle Parteien in Maßen flexibel und es ist nicht auszuschließen, dass sich die Parteien aus den unterschiedlichsten Motiven wieder an den Sechsertisch setzen werden (Interessanterweise dürfte dabei — zumindest kurzfristig — die Denuklearisierung Nordkoreas von keiner der Parteien ein unmittelbarer Beweggrund sein, jede Seite verspürt eigene Zwänge, die sie an den Tisch zurückdrängen). Am Mittwoch werden sich auf einem Seminar in Peking der neue nordkoreanische Chefunterhändler bei den Sechsergesprächen, Ri Yong-ho (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Generalstabschef der Armee (ich schreib das dazu, weil selbst Medien, die es eigentlich besser wissen sollten, damit Schwierigkeiten zu haben scheinen) und Südkoreas Chefunterhändler Wi Sung-lac treffen und vermutlich über genau diese Themen diskutieren. Damit würde man sich zum zweien Mal binnen diesen Jahres zusammensetzen, was eine deutliche Verbesserung zu den vorangegangenen Jahren bedeuten würde.

Kim Jong Ils Russlandtrip als Anstoß

Der eigentliche Anstoß für diese wahrnehmbare Annäherung, die Vertreter Chinas schon wieder hoffnungsfroh nach der Wiederaufnahme der Sechsergespräche rufen lässt, kam — wie aus Südkorea und den USA beständig — gefordert aus Nordkorea. Nur, war — wie so oft — der Anstoß des Nordens ein Anderer, als die USA und Südkorea gehofft hatten. Pjöngjang zeigte sich nicht „verantwortungsvoller“ den eigenen Verpflichtungen gegenüber und es unternahm auch keine konkreten Schritte, um die eigene Ernsthaftigkeit zu untermauern. Stattdessen bestieg Kim Jong Il schlicht seinen Zug und fuhr nach Russland. Diese Reise hat das Spiel gedreht und zwar für fast alle Parteien, die an den Gesprächen teilnehmen. Wenn Aidan Foster-Carter schreibt: „Kim Jong-il: Tactical genius„, dann liegt das vermutlich nicht daran, dass ihn nordkoreanische Agenten geschnappt haben, und ihm eine Kim Myong-chol-Gedächtnis-Gehirnwäsche verpasst haben, sondern daran, dass er, wie ich es auch tue, Kim Jong Ils Reise nach Russland als einen ziemlich guten strategischen Schachzug sieht. Im Folgenden will ich kurz zusammenfassen, was sich für die einzelnen Parteien der Sechs-Parteien-Gespräche durch Kims Trip geändert hat, bzw. was ihnen dadurch deutlich ins Bewusstsein gerufen wurde und warum sich daraus ein gesteigertes Interesse für eine Wiederaufnahme der Gespräche begründen lässt.

Bestandsaufnahme: Aktueller Sttatus der Sechs Parteien

Russland

Fangen wir mal mit Russland an. Russland hat seit dem Ende der Sowjetunion in der Asien-Pazifik-Region viel Bedeutung verloren. Der Russischen Fernen Osten entwickelte sich schlecht und so richtig konnte man auch nicht von der rasenden Dynamik Chinas profitieren. Vielmehr bestand ein gewisses Risiko, von dem rasant wachsenden Nachbarn marginalisiert zu werden (sowohl wirtschaftlich als auch politisch). Ein Zustand, der dem russischen Selbstverständnis diametral entgegenläuft und der zu einer strategischen Bedrohung werden kann, denn immerhin sagen Analysten ein pazifisches Jahrhundert voraus. Russland würde in diesem Fall ziemlich dumm dastehen, mit einer auf Europa ausgerichteten Wirtschaft und Politik.

Durch die Vereinbarungen, die während Kim Jong Ils Treffen mit Dimtri Medwedew festgeklopft wurden, hat Russland plötzlich einen großen Schritt in Richtung Pazifik gemacht. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Südkorea könnten durch Eisenbahn- und Gasverbindungen vertieft werden, man hat sich seinen Anteil an der Entwicklung Rasons gesichert, sollte der nordkoreanische Sonderwirtschaftszonenversuch wirklich abheben und man hat ein Lockmittel für das Regime in Pjöngjang, denn an fetten Einnahmen aus dem Gastransit hat man in Pjöngjang definitiv Interesse, an einer besseren Integration in die regionale Wirtschaft vielleicht. Beides kann Russland bieten und mit beidem kann man Pjöngjang wohl locken. Auf diplomatischer Ebene baut Moskau damit seinen Einfluss aus. Einerseits verschafft man sich eine unabhängigere Position neben China und zeigt, dass man ein Werkzeug hat, Pjöngjang zu beeinflussen, also genau das, nach dem Südkorea und die USA schon lange erfolglos suchen. Und natürlich ist Russland an einer möglichst stabilen Entwicklung der Region interessiert, diesem Ziel kann man sich zurzeit wohl am besten im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche nähern. Und da Russland über ein Zuckerli verfügt, kann man selbst bei dieser Annäherung eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Es gibt also viel zu gewinnen und wenig zu verlieren für Moskau.

China

Etwas anders sieht das im Falle Chinas aus. Bisher wurde China von westlichen Medien immer wieder gerne als der Nussknacker angesehen, der die schwierige Schale Nordkoreas zertrümmern könnte, wenn er nur wollte. Vermutlich ha man das in Peking auch so gesehen. Das brachte Peking in eine sehr wichtige diplomatische Rolle, denn wenn Südkorea und die USA gegenüber Nordkorea erfolgreich sein wollten, brauchten sie immer China dazu und mussten mit Peking irgendwie übereinkommen. China hatte wirtschaftlich und politisch alle Trümpfe in der Hand, mit der man Pjöngjang unter Druck setzen konnte, auch wenn das wohl nicht immer so gut klappte, wie sich das Außenstehende vorgestellt hatten. Wirtschaftlich hatte man damit wohl bevorzugtes Zugriffsrecht auf nordkoreanische Rohstoffe, was nicht unwichtig ist. Ob man Rohstoffe aus Allerherrenländer per Schiff durch Gebiete herbeischaffen muss, die man selbst nicht wirklich kontrolliert, oder ob man sie relativ zeitnah per Bahn aufs eigene Territorium schaffen, kann, dass macht wirtschaftlich und strategisch einen großen Unterschied. Nun sieht es so aus, als könnten sowohl die diplomatischen als auch die wirtschaftlichen Felle Richtung Russland davonschwimmen. Das, was man bisher in die Beziehungen zu dem eigenwilligen Nachbarn gesteckt hat, wäre plötzlich weniger Wert. Davon würde in Teilen Russland profitieren, mit dem China zu Zeiten des Kalten Krieges ein inniger Konkurrenzkampf verband, der für kurze Zeit auch mit Waffengewalt ausgetragen wurde (kein Krieg, eher Scharmützel um Flussinseln). Egal wie sehr China immer wieder auf den Wunsch nach einer multipolaren Weltordnung verweist, je weniger starke Pole und je weiter weg sie sind, desto besser dürfte das Peking gefallen.

Aus all diesen Gründen kann und wird es Peking nicht recht sein, wenn Russland plötzlich in trauten Zweierrunden größeren Einfluss auf Nordkorea entwickelt. Besser dürfte es schon sein, wenn man zu sechst am Tisch sitzt, sich im Zweifel dazudrängen, einen Teil möglicher russischer Erfolge bei den Verhandlungen für sich verbuchen kann und als Gastgeber einen viel direkteren Zugng zu Informationen und Einfluss auf den Prozess hat. Außerdem kann man dort auch besser eine eigene Agenda vorantreiben und eigene Projekte mit Pjöngjang starten.

In letzter Zeit sind vermehrt Stimmen laut geworden, die nach der Berechtigung fragen, mit der China als Gastgeber der Sechsergespräche agiert. Das Land sei kein ehrlicher Makler mehr sondern klar ein Verbündeter Pjöngjangs und könne daher nicht mehr als neutraler Gastgeber agieren. Hier könnte China also entscheidend an Einfluss verlieren, wenn die Gespräche nicht bald erfolgreich fortgesetzt werden und man eventuell über alternative Lösungsformate nachzudenken anfängt. Daher braucht China wohl bald eine Fortsetzung der Sechsergespräche, sonst werden die bald eine Fußnote der Geschichte sein.

Südkorea

In Südkorea ist die Ursachenlage eine ganz andere, die Interessen sind aber am Ende ähnlich. Einerseits sind da natürlich innenpolitische Überlegungen zu nennen. Die Kandidaten beginnen sich langsam für den Wahlkampf im kommenden Jahr warmzulaufen. Bisher hat Lee Myung-bak gegenüber Nordkorea kaum etwas auf der positiven Seite zu verbuchen, es stehen aber tote Südkoreaner und eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber dem Norden auf der Minusliste. Nichts was man vorher für Druckmittel hielt, um den Norden zu einer konzilianteren Linie zu zwingen, konnte die Strategen in Pjöngjang beeindrucken. Stattdessen demütigte das Regime Südkorea militärisch (die Provokationen), genau wie wirtschaftlich (man warf südkoreanische Unternehmen aus dem Ressort im Kumgangsan und suchte sich einfach neue Investoren, es ist also bisher höchstens eingeschränkt gelungen, Pjöngjang auf wirtschaftlichem Wege zu „zivilisieren“) und diplomatisch (auf keine der Provokationen Pjöngjangs antwortete die Weltgemeinschaft den Wünschen Seouls entsprechend). Soll Lees Politik nicht als totaler Fehlschlag in den Geschichtsbüchern stehen und will er nicht seiner Partei damit eine schwere Hypothek auf den Weg geben, dann wären Erfolge in den Beziehungen mit dem Norden sicherlich nicht das schlechteste.

Aber auch wirtschaftlich ist eine Annäherung an Nordkorea interessanter geworden. Eine Versorgung mit russischem Gas könnte anstehende Energieprobleme, lindern helfen. Der weitreichende Stromausfall vom vergangenen Donnerstag  dürfte den Behörden vor Augen geführt haben, dass man sich aktiv um Energiesicherheit kümmern muss. Eine neue Gaspipeline könnte dazu beitragen und wird damit zunehmend interessanter, auch wenn der Regierung die Risiken bewusst sein dürften. Daneben zeigt sich in den jüngsten Entwicklungen aber auch, dass sich Nordkorea zunehmend nach Norden lehnt. Während die Kooperationsprojekte zwischen den Koreas im Falle von Kumgangsan kurz vor einem krachenden Ende stehen und im Falle Kaesongs hinter die angepeilten Ausbauziele zurückzufallen scheinen und eher stagnieren, leiert Pjöngjang im Norden neue große Projekte an, von denen Südkorea bisher einerseits ausgeschlossen scheint, die aber andererseits auf reges Interesse der Nachbarn stoßen. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dann wird Südkorea des hoch gehandelten und mit vielen Hoffnungen verbundenen wirtschaftlichen Einflussfaktors beraubt und verliert darüber hinaus weitere Kontakte zum Norden, was für die Frage einer möglichen Wiedervereinigung wichtig wäre.

Daher muss der Süden nun bald an Nordkorea ran, sonst wird es einerseits für die Regierende GNP im nächsten Wahlkampf schwierig, andererseits könnte der Süden wichtige Entwicklungschancen verpassen und auf Jahre hin die Möglichkeit verlieren, wirtschaftlich Einfluss zu gewinnen. Ein erster Schritt hierzu wäre es sicherlich, die Sechs-Parteien-Gespräche nochmal aufzunehmen.

USA

Die USA stehen mehr noch als Südkorea in der Gefahr, langfristig alle Handlungsoptionen gegenüber Nordkorea zu verlieren, weil für Pjöngjang irgendwann der Punkt kommen könnte, an dem die eigenen Interessen auch erreicht werden könnten, ohne dass man den Ausgleich mit den USA dazu suchen müsste. Bisher waren die USA aus zwei Gründen ein entscheidender Ansprechpartner für Nordkorea. Man sah die USA als ökonomische Melkkuh, der man Mittel abpressen konnte, um die Existenz des Regimes zu sichern und vielleicht die nordkoreanische Wirtschaft wiederzubeleben. Vor allem sah man aber in den USA eine entscheidende Bedrohung für die Sicherheit des Regimes. Einerseits haben das Achsen-Geschwätz von George W. Bush (das ich nach wie vor für eine entscheidende strategische Dummheit und auswuchs vollkommener Selbstüberschätzung halte) und das Vorgehen im Irak den Nordkoreanern gezeigt, dass man sich nie wirklich sicher sein kann, nicht doch irgendwann ins Fadenkreuz Washingtons zu rücken. Andererseits sieht man in der Präsenz der USA in der Region ein entscheidendes Hemmnis für eine Wiedervereinigung Koreas, denn solange die USA da sind und Seoul stützen und schützen, besteht dort einfach kein Druck, über eine Vereinigung nachzudenken. Würde sich das ändern, wäre die Position der Stärke, aus der Seoul agieren kann, sehr schnell ins Gegenteil verkehrt.

Was ökonomische Fragen angeht, so scheint sich Pjöngjang nun anderen Partnern zuzuwenden, was Angebote der USA immer weniger verlockend machen dürfte. Gleichzeitig gibt es nicht mehr viele Wege für die USA, negativ auf Nordkoreas Wirtschaft einzuwirken. Diese Schrauben sind fast bis zum Anschlag angezogen und es hat in Pjöngjang zu wenig Einsicht geführt. Die militärische Drohung hat gegenüber Pjöngjang noch nie wirklich gut funktioniert und je weiter Nordkoreas Nuklearprogramm voranschreitet und je stärker Washington unter Spardruck gerät, desto weniger Eindruck dürften solche Drohungen auf Pjöngjang haben.

Gleichzeitig haben die USA aber Interessen gegenüber Nordkorea, die umgesetzt werden wollen. Man wünscht sich Stabilität in der Region und die ist scheinbar mit einem feindlich gesonnenen Regime in Pjöngjang nur schwer zu erreichen. Man will verhindern, dass Pjöngjang nuklear und ballistisch proliferiert, da eine solche Proliferation (genauso wie eine mögliche künftige direkte nukleare Bedrohung aus Pjöngjang) die Sicherheitsinteressen der USA weltweit tangiert. Je näher Pjöngjang an China und Russland rückt desto unwahrscheinlicher wird es auch, das Regime diplomatisch weiter unter Druck zu setzen. Gleichzeitig entsteht dadurch eine Dynamik, von der die USA mehr und mehr ausgeschlossen werden. Langfristig könnte sich das wirtschaftliche wie politische Gewicht im Pazifik immer weiter in Richtung asiatisches Festland entwickeln. Auch die USA müssen aufpassen, dass die entscheidenden Entwicklungen des pazifischen Jahrhunderts nicht ohne sie ablaufen. Ein Schritt dazu wären die Sechs-Parteien-Gespräche, denn so könnte man weiterhin versuchen das Gleichgewicht in der Region zu wahren und gleichzeitig auf die eigenen vitalen Ziele hinzuarbeiten. Mittelfristig könnten sonst die USA diejenigen sein, die anklopfen und um Einlass bitten müssen, nicht mehr Nordkorea.

Japan

Ja, was ist zu Japan zu sagen? Mit politischer wie wirtschaftlicher Instabilität im Land, verliert es immer weiter an Attraktivität für Pjöngjang. Man weiß nicht, wer morgen Ministerpräsident und wer Außenminister ist und welche  Theorie sie gegenüber Nordkorea vertreten. Gleichzeitig hat Japan aber vor allem noch die Entführtenfrage mit Nordkorea zu regeln. Es gibt eine Lobby dort, die das Thema immer wieder anstößt und es steht Regierungen nicht schlecht an, dort Fortschritte zu machen. Allerdings hat das für Pjöngjang eine sehr niedrige Priorität und auch die anderen Teilnehmer der Sechs-Parteien-Gespräche sind von Tokios beharren auf der Frage eher gestört, denn sie verkompliziert die Gespräche noch weiter. Würde sich ein anderes Verhandlungsformat herausbilden, dann dürfte Tokio es nicht leicht haben, eine eigene Teilnahme sicherzustellen. Daher braucht Japan eine Fortsetzung der Gespräche, um nicht aus schwacher Position als Bittsteller nach Pjöngjang kommen zu müssen. Darüber hinaus dürfte sich Japan nicht ungeteilt auf eine Vereinigung Koreas freuen, denn da sind noch einige alte Rechnungen (bspw. die Dokdo-Inseln aber auch Reparationsfragen mit dem Norden, die ein geeintes Korea vielleicht auch noch vorbringen könnte) offen und wenn sich die Koreas schon annähern sollten, dann wäre Japan sicherlich gerne als Begleiter mit am Tisch. Daher wäre es fatal, in diplomatische Kontakte nicht mehr dieselben Einblickmöglichkeiten wie aktuell zu haben.

Nordkorea

Natürlich ist es nicht Kims Russlandtrip alleine, der Pjöngjang aktuell in eine Position befördert hatte, die im Umgang mit den regionalen Partnern und Gegnern so vorteilhaft ist, wie seit Jahren nicht mehr. Vielmehr sind es auch wirtschaftliche und innenpolitische Vorgänge und strategische Entscheidungen der unterschiedlichen Parteien gewesen, die Pjöngjang für sich nutzen konnte. Nichtsdestotrotz waren die Russlandreise und die Ergebnisse daraus für einige ein Weckruf, der zeigte, dass sich die Situation verändert hat. China sieht plötzlich, dass sein Status als exklusiver bester Kumpel in Gefahr ist und damit auch der eigene Einfluss zurückgehen könnte. Russland sieht eine Chance, die man besser nutzen sollte, denn man weiß nicht wann sie wiederkommt. Die USA, Südkorea und Japan, sehen, dass sie nicht mehr zwangsweise gebraucht werden. Für alle Parteien ist das aus anderen Gründen sehr unangenehm und alle wissen, dass etwas getan werden muss, wenn sie nicht in Zukunft vollkommen machtlos dastehen wollen.

Es ist Pjöngjang gelungen, die Bruchstellen zwischen den verschiedenen Parteien wieder offenzulegen. Auf dieser Klaviatur kann man in Zukunft wieder spielen, so wie es nun schon seit Jahrzehnten passiert. Ob sich die verschiedenen Parteien (vor allem der US-Block) nochmal  so gut koordinieren können werden wie bisher bleibt offen. Einerseits hat es nichts gebracht, andererseits sind die unterliegenden Interessen unterschiedlich und damit kann Pjöngjang auch unterschiedliche Partner/Gegner unterschiedlich locken. Zumindest der US-Block würde gut daran tun, sich schnell eine gemeinsame Strategie gegenüber Pjöngjang auszudenken und sich zu versichern, dass die gemeinsam durchgehalten wird, sonst blicken Pjöngjangs Verhandlungsprofis einer angenehmen und ertragreichen Zeit entgegen.

Eine Perspektive für die Sechs-Parteien-Gespräche

Mit alldem im Hinterkopf, sollte man auch nochmal anfangen, die Sechs-Parteien-Gespräche neu zu denken. Viele Experten gehen (gerade vor dem Libyen Hintergrund) davon aus, dass Nordkorea unter den gegebenen innenpolitischen Strukturen, niemals denuklearisieren wird, da Nuklearwaffen die einzige relativ gute Garantie bieten, nicht von anderen Staaten angegriffen zu werden (Worte und Versprechen zählen auf Dauer nicht viel). Nun haben die Sechs-Parteien-Gespräche aber noch den Namenszusatz „über die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel“. Da die USA und Südkorea sagen, sie wollen nicht um der Redens Willen Reden, sondern Ergebnisse erzielen, da die entscheidenden Leute aber gleichzeitig vermutlich auch die Kommentare des einen oder anderen Experten gelesen haben dürften, fragt man sich, wie es dann möglich sein soll, an dem Tisch Platz zu nehmen. Meiner Meinung nach sollte man sich mal Gedanken darüber machen, das Kind einfach umzubenennen und die Agenda breiter zu gestalten (Vielleicht sowas wie: „Sechs-Parteien-Gespräche für ein stabiles, friedliches und ökonomisch erfolgreiches Ostasien“). Das hätte nicht nur den Vorteil, dass die unterschiedlichen Parteien die Themen abarbeiten könnten, die ihnen wichtig sind. Damit wäre auch sichergestellt, dass nicht gleich alle Gesprächsfäden abreißen würden, wenn es in einem Thema Unstimmigkeiten und Konflikte gäbe. Denn eines ist klar: Will man am Sechsertisch ausschließlich über Denuklearisierung sprechen, dann wird man das noch sehr lange erfolglos tun müssen und das will ja eigentlich niemand (außer vielleicht Nordkoera).

Alles was ich hier geschrieben habe gilt natürlich unter dem Vorbehalt, dass das Regime in Pjöngjang nicht schon am zerfallen ist. Wäre das der Fall, dann ist  die Dynamik eine ganz andere und was dann passieren wird, das kann keine der Parteien sagen. Aber auch das ist je eigentlich eher ein Grund, das Gespräch zu suchen, denn so kann man vielleicht einen etwas besseren Einblick gewinnen.

Berichte: Russland plant Schuldenerlass — Will Nordkorea wieder kreditwürdig werden?


Die Tatsache, dass ich mich in letzter Zeit so viel mit Russland beschäftige, hat wohl nicht allein etwas damit zu tun, dass Kim Jong Il kürzlich dort zu Besuch war. Vielmehr folge ich damit dem „trend of the times“ (irgendwie finde ich diese Redewendung toll, mit der KCNA immer mal wieder gerne schlaue Ratschläge an verfeindete Staaten einleitet, indem sie fordert, sich dem Trend zu diesem oder jenem Verhalten nicht zu widersetzen), denn momentan produzieren die Beziehungen zwischen Russland und Nordkorea einfach extrem viele Neuigkeiten, die alle in die gleiche Richtung weisen: Man ist sich einig und will intensiver kooperieren.

Totaler Schuldenerlass Russlands

Die neueste Meldung in dieser Reihe ist von ihrer Auswirkung nicht zu unterschätzen und ist (wenn sie zutrifft) wohl einer der eindeutigsten Belege, dass nicht nur Pjöngjang sich engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland wünscht, sondern dass es auch Moskau ernst ist, mit der Kooperation. Unter Berufung auf die russische Zeitung Izvestia berichten verschiedene Medien, dass Russland bereit sei, Nordkorea ausstehende Schulden im Umfang von 11 Milliarden US-Dollar zu erlassen. Ich habe ja schonmal nach Kims Russland Besuch darauf hingewiesen, dass die bisher ungelöste Schuldenfrage, ein Hindernis für eine stärkere wirtschaftliche Verknüpfung  darstellen würde und das diese Frage daher gelöst werden müsste, bevor es zu einer weitgehenden Kooperation kommen könnte. Die Schulden stehen schon seit Ende der Sowjetunion zwischen beiden Staaten und bisher hat Nordkorea die Schulden einfach nicht anerkannt, indem es Russland nicht als Rechtsnachfolger der Sowjetunion akzeptierte. Scheinbar war Nordkorea nun bereit, die Schulden (bzw. Russlands Rechtsnachfolge) anzuerkennen, nur um sie in der Folge gleich erlassen zu bekommen. Dem Bericht zufolge sollen 90 Prozent der offenstehenden Gelder ersatzlos gestrichen werden, während zehn Prozent für anstehende Infrastrukturprojekte in Nordkorea verwandt werden sollen. Wie das konkret aussehen soll, kann ich mir nicht hundertprozent genau vorstellen, aber möglicherweise arbeiten dann nordkoreanische Arbeiter im Auftrag russischer Firmen ohne Lohn/auf Kosten Pjöngjangs (den Arbeitern dürfte dabei kein großer Unterschied auffallen). Aber diese Zahl zeigt auch, dass Russland plant massiv in nordkoreanische Infrastruktur zu investieren. Auch dies eine gute Nachricht für Pjöngjang.

Nordkorea will sein Konto ausgleichen…

Der Schuldenerlass ist aber auch aus einem weiteren Gesichtspunkt interessant. Wenn Nordkorea den russischen Schuldenberg loswerden kann, dann dürfte sich damit auch ein großteil der Miesen auf Nordkoreas Staatskonten verflüchtigen, denn geschichtlich bedingt dürfte Russland der Hauptschuldner gewesen sein. Ich habe auf die Schnelle keine wirklich guten Zahlen gefunden, aber das World Factbook der CIA gibt aktuell den Schuldenstand Nordkoreas mit 12,5 Milliarden US-Dollar an. Sollten die russischen Schulden dazuzählen, dann wäre Pjöngjang mit einem Schlag fast 90 Prozent der Schulden los, wenn nicht (vielleicht folgte die CIA ja der rgumentation Nordkoreas gegenüber Russland) immernoch fast die Hälfte. Das erinnert mich an Meldungen von vor einem Jahr. Damals versuchte Pjöngjang mit verschiedenen osteuropäischen Staaten Deals auszuhandeln, um offene Schulden begleichen zu können (in unseren Medien wurde das etwas belächelt, weil Nordkorea Naturalien wie Ginseng als Ausgleich liefern wollte). Besonders abwegig finde ich nicht, dass da ein Zusammenhang besteht und das Pjöngjang vielleicht wirklich sein Konto ausgleichen will.

…um wieder kreditwürdig zu werden

Aber warum sollte es das tun? Es hat doch ohnehin keine regelmäßigen Tilgungs- oder Zinszahlungen geleistet. Der einzige Unterschied, den ich da sehe ist, dass man mit ausgeglichenem Konto irgendwann wieder Schulden im Ausland aufnehmen kann (vielleicht hat es auch was mit der Welthandelsorganisation zu tun. Könnte ja sein, dass Nordkorea da rein will). Warum sollte man Schulden machen wollen? Wenn man sich eine nachhaltige Strategie überlegt hat und nicht für ein paar Jahre ein einfaches Leben haben will, um dann wieder da zu stehen, wo man jetzt los geht, dann dürfte das mit wirtschaftlichen Planungen zu tun haben, die das Regime hegt.

Die sind da was am planen dran — und zwar schon länger

Tja, ihr könnt mich spekulativ schimpfen oder auslachen, aber ich glaube, dass Pjöngjang einen Plan für die eigene wirtschaftliche Entwicklung hat und dass es daran schon seit längerem brütet. Ich glaube, dass keine der großen wirtschaftspolitischen Maßnahmen der letzten zwei Jahre ohne diesen Plan betrachtet werden sollte und ich glaube, dass Russland und China in diesen Plan schon seit längerem eingeweiht sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kim Jong Il so ein großer Genius ist, dass er all die Vereinbarungen, über die jetzt nach und nach berichtet wird, auf seiner Tour hat festklopfen können. Da ist ein längerer Vorlauf nötig. Dass Russland und China schon seit längerem über Nordkoreas „Grand Strategy“ informiert waren könnte auch die Tatsache erklären, dass sie in den letzten Jahren so nachsichtig mit Pjöngjang waren und mit ihren schützenden Händen weitreichende Sanktionen nach nordkoreanischen Provokationen immer wieder verhinderten, wofür sie auch mächtigen Druck aushalten mussten. Ich glaube, dass die wirtschaftlichen Maßnahmen über die jetzt viel berichtet wird, von langer Hand geplant waren und dass man nicht wieder dahinter zurückgehen will.

Ansonsten: Hohn und Spott zu mir

Beweise gibt es nicht (zumindest nicht hier). Die wird die Zukunft bringen. Wenn sie das nicht tut, dann stehen euch die Kommentarspalten unter diesem Artikel offen, um mich mit Hohn und Spott zu überschütten.

UPDATE: Gerüchte: Russland und Nordkorea planen gemeinsame Militärübung


Update (16.09.2011):Es ist jetzt amtlich. Der Sprecher des Kommandos des Östlichen Militärbezirks Russlands, Igor Muginov erklärte vorgestern, dass in diesem Jahr kein gemeinsames Manöver mit Nordkorea geplant sei. Allerdings wolle man im nächsten Jahr eine Übung mit nordkoreanischen Truppen durchführen, bei der es um Seenotrettung gehen solle. Das Manöver dürften Ri Yong-ho, Nordkoreas Generalstabschef und der Befehlshaber des Östlichen Militärbezirks Russlands, Konstantin Sidenko, vereinbart haben als sie sich im Rahmen von Sidenkos Besuch in Pjöngjang im August trafen. Wenig überraschend zeigen sich die USA von dem Manöver irritiert und appellieren an Moskau, es möge sicherstellen, dass Pjöngjang das Manöver nicht als Freifahrtschein interpretiert, den internationalen Druck zu ignorieren und sich weiterhin einer Denuklearisierung zu verweigern.

Ursprünglicher Beitrag (13.09.2011): Berichten der japanischen Asahi Shinbun zufolge, planen Russland und Nordkorea möglicherweise noch in diesem Jahr gemeinsame Militärübungen im Ostmeer/Japanischen Meer. Die Zeitung beruft sich dabei auf ungenannte Quellen mit guten Verbindungen zur nordkoreanischen Führung (also ist es bisher nicht mehr als ein Gerücht). An der Übung sollen Marine und Luftwaffe beider Länder teilnehmen und es sollen Maßnahmen zur Rettung auf hoher See simuliert werden. Auf die gemeinsamen Übungen hätten sich Kim Jong Il und Dimitri Medwedew bei Kims Besuch in Russland vor ein paar Wochen geeinigt. Angeblich habe Kim nach einem gemeinsamen offensiven Manöver gefragt, worauf Medwedew aber nicht eingegangen sei (warum eine Quelle, die nah an Nordkoreas Führung ist sowas erzählen sollte weiß ich nicht, daher wäre ich mit diesem Teil doppelt vorsichtig).

Sollten sich diese Gerüchte bestätigen, dann ist darin definitiv ein weiterer Erfolg, den Kim Jong Il bei seiner Reise erzielte, zu sehen, denn gemeinsame Militärmanövern mit Nachbarländern sind etwas, dass Nordkorea schon recht lange nicht mehr hatte. Gleichzeitig wäre ein solches Manöver ein eindeutiges Zeichen für eine Verbesserung der Beziehungen mit Russland und hier besonders der Militär-zu-Militär-Beziehungen, die mitunter nicht unwichtig sind, wenn es mal hart auf hart kommt. Sollte sich das bestätigen, dann kann es auch den USA, Japan und Südkorea nicht gefallen. Bisher sind die einzigen, die in der Region regelmäßig gemeinsame Manöver abhalten (also normalerweise die USA mit einem der Beiden) und damit Macht demonstrieren diese drei. Wenn sich nun andere Staaten der Region zusammentun und das auch noch mit Nordkorea, dann ist das natürlich sowas wie ein kleiner Angriff auf ihre militärische Vormacht und ein Zeichen, dass Nordkorea auch Freunde hat, was die Handlungsoptionen gegenüber Pjöngjang einschränken kann.

Wenn es tatsächlich zu einem gemeinsamen Manöver Russlands und Nordkoreas kommen sollte, ist dies ein weiteres Zeichen dafür, dass Pjöngjang auch militärisch den Blick wieder mehr nach außen richtet und gleichzeitig Seitens China (da war ja kürzlich ein Hafenbesuch zweier chinesischer Schiffe) und Russland nicht auf totale Ablehnung stößt. Ob dieses Verhalten aus eigenem Antrieb geschieht, von Russland und China gefördert wird, oder durch die konfrontativere Politik, die vor allem Südkorea in den vergangenen Jahren fuhr, ausgelöst wird, ist schwer zu sagen. Es spricht etwas für jede dieser drei Möglichkeiten.

Wichtiger Schritt zur Verbesserung der Nahrungsmittelsicherheit: Nordkorea will Ackerland in Russlands Fernem Osten pachten


Eben habe ich bei RIA Novosti einen sehr spannenden Bericht über ein weiteres Ergebnis gelesen, das im Zusammenhang mit Kim Jong Ils Reise nach Russland stehen dürfte. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur plant Nordkorea, 200.000 Hektar ungenutztes Land in Russlands Fernem Osten zu pachten, um dort Lebensmittel wie Sojabohnen, Kartoffeln und Getreide für den nordkoreanischen Bedarf zu produzieren. Damit könnte Nordkorea einen wichtigen Schritt dahin machen, etwas gegen die strukturell Nahrungsmittelknappheit (selbst bei idealen Wetterbedingungen (und eigentlich wird das Land jedes Jahr von Taifunen und Überschwemmungen getroffen) ist es fraglich, ob das nutzbare Ackerland ausreicht, um genügend Lebensmittel für die gesamte Bevölkerung zu produzieren) zu tun, mit der das Land zu kämpfen hat. Das Ackerland soll jährlich etwa 50 Rubel (1,20 €) pro Hektar kosten. Die insgesamt 240.000 Euro wären wohl auch aus Sicht Pjöngjangs zu verschmerzen (dürfte irgendwo im Bereich dessen liegen, dass das Regime jährlich für Schnaps ausgibt).

Sollte diese Idee tatsächlich Substanz annehmen, dann handelt es sich aus mehreren Gründen um einen klugen Schritt des Regimes. Aus rein (agrar-)ökonomischer Sicht, geht man zwei Probleme der nordkoreanischen Nahrungsmittelproduktion an. Da eine der Hauptknappheiten der nordkoreanischen Landwirtschaft im Bereich des nutzbaren Ackerlandes liegt (neben Dünger und modernen Maschinen), ist es eine gute Idee, hier etwas im Ausland dazuzupachten. Außerdem erreicht man so eine etwas größere räumliche Diversifizierung des Ackerlandes, so dass Wetterereignisse eine kleinere Auswirkung auf die Gesamtproduktion an Lebensmitteln haben dürften. Da es nicht an billigen Arbeitskräften mangeln sollte, sollte sich auch hier kein Problem ergeben.

Aber auch die Symbolik dieses Schrittes ist nicht zu unterschätzen. Damit macht das Regime deutlich, dass es sich nicht dauerhaft auf milde Gaben aus dem Ausland verlassen will, sondern eigene Maßnahmen gegen die strukturellen Probleme der nordkoreanischen Landwirtschaft ergreift. Damit dürfte es der zurückhaltenden Staatengemeinschaft noch etwas schwerer fallen, Hilfen abzulehnen (es sei denn, man argumentiert zynisch). Sollte das Geschäft noch dieses Jahr gemacht werden, hätte man auch im Hinblick auf das Jubiläumsjahr 2012 eine unabhängige Quelle für Nahrungsmittel (allerdings glaube ich eigentlich nicht, dass brachliegendes Land binnen eines Jahres urbar gemacht werden und gute Erträge bringen kann).

Interessant wäre es auch zu wissen, wie es um die Qualität des Landes steht. Denn ohne Grund wird es wohl nicht brachliegen. Auch wenn nicht allzuviele Russen in der Region leben wollen, die so weit ab vom Schuss ist, so dürften sich schon Landwirte finden, die das beste Land beackern. Nichtsdestotrotz vollzieht Nordkorea damit einen wichtigen Schritt, der helfen wird, die Nahrungsmittelsituation in Zukunft zu entspannen und damit ein Grundrisiko der Entwicklung Nordkoreas zu beheben.

Kim Jong Il auf dem Heimweg: Welche Themen in Russland wichtig waren und welche nicht


Update II (04.09.2011): Hier die Dokumentation des nordkoreanischen Staatsfernsehens zu Kims Russlandreise. Leider nur OT ohne Untertitel. Zwar hat NK Economy Watch das auch im Rahmen seiner recht ausführlichen Dokumentation der Reise hochgeladen, aber dieses hier ist nicht gehäckselt.

P.S. (27.08.2011): Habe mir gestern Element of Crime angeschaut. War sehr schön. Einmal habe ich kurz an Kim Jong Ils aktuelle Reiselust gedacht. Warum auch immer…

Update (26.08.2011): Gerade frisch aus meiner „Internetpresse“ kam diese sehr interessante Analyse von Aidan Foster-Carter. Teilweise argumentiert er so ähnlich wie ich zu dem Thema, teilweise aber auch wesentlich „mutiger“. Definitiv lesenswert (Achja, der Titel ist Programm: „Kim Jong-il: Tactical genius„. Aber keine sorge: Foster-Carter ist nicht übergelaufen. Er hat nur ein Gespür für Eyecatcher…). Und weil ich gerade bei „lesenswert“ bin: Ich möchte euch nur kurz erinnern, dass ihr bei North Korea Leadership Watch später bestimmt einen sehr ausführlichen und interessanten Artikel zu dem Thema finden könnt…

Ursprünglicher Beitrag (26.08.2011): Kim Jong Il h Gerade frisch aus meiner „Internetpresse“ kam diese sehr interessante Analyse von Aidan Foster-Carter. Teilweise argumentiert er so ähnlich wie ich zu dem Thema, teilweise aber auch wesentlich „mutiger“. Definitiv lesenswert (Achja, der Titel ist Programm: „Kim Jong-il: Tactical genius“. Aber keine Sorge: Foster-Carter ist nicht übergelaufen. Er hat nur ein Gespür für Eyecatcher…). Und weil ich gerade bei „lesenswert“ bin: Ich möchte euch nur kurz erinnern, dass ihr bei North Korea Leadership Watch später bestimmt einen sehr ausführlichen und interessanten Artikel zu dem Thema finden könnt… at seinen Besuch in Russland nach einem Zusammentreffen mit Dimitri Medwedew beendet und sich (vermutlich über chinesisches Territorium) auf den Heimweg gemacht. Hier ein kleines Video von Al Jazeera, das den Streckenverlauf des Hinwegs zeigt. Auf dem Heimweg ist er vermutlich dann gleich hinter der Mongolei rechts abgebogen und hat den russischen Zipfel ausgelassen (hehe, geographisch unkorrekter kann man das wohl kaum formulieren)

Die Themen

Den Berichten zufolge, gab es auf dem Treffen der beiden Staatsmänner einiges zu besprechen. Dabei scheinen drei Themen im Mittelpunkt gestanden zu haben:

  1. Der Bau einer Gaspipeline, die über nordkoreanisches Territorium nach Südkorea führen soll, sowie der Verbindung von Energie- und Eisenbahnnetzen. Darübe habe ich hier ja schon einiges geschrieben und hier gibt es noch eine recht interessante Analyse eines Energieexperten zu dem Thema. Laut KCNA sollen Arbeitsgruppen eingerichtet werden, um die Grundlagen für eine Umsetzung der Pläne zu schaffen:

The talks discussed a series of agenda items on boosting the economic and cooperative relations in various fields including the issue of energy including gas and the issue of linking railways and reached a common understanding of them.

It was decided at the talks to organize and operate working groups to put the above-said issues into practice and the two countries agreed to continue cooperating with each other in this direction.

  1. Die Frage der Schulden, die Nordkorea bei Russland hat und die seit Ende des Kalten Krieges zwischen beiden Seiten stehen. Die ca. 8 Mrd. US-Dollar (das kommt natürlich darauf an, wie man den damaligen Rubel Kurs bewertet; bezeichnenderweise werden die Schulden in russischen Medien mit ca. 11 Mrd. US-Dollar angegeben) Schulden, deren Rückzahlung Russland noch immer verlangt, verhindern ein stärkeres wirtschaftliches Engagement Russlands in Nordkorea. Scheinbar hat Nordkorea bisher mit der einfachen (aber eher nicht legitimen) Begründung die Rückzahlung verweigert, dass Russland nicht der Rechtsnachfolger der Sowjetunion sei. Das dürfte den verantwortlichen im Kreml nicht gefallen und muss sich ändern, wenn sich beide Staaten weiter annähern sollen. Dass man wieder über die Schulden spricht und das Problem ernsthaft angehen möchte, könnte bedeuten, dass man tatsächlich den Boden für eine weitergehende ökonomische Kooperation bereiten will.
  2. Nordkoreas Nuklearprogramm und die Sechs-Parteien-Gespräche um die Denuklerisierung der Koreanischen Halbinsel. Zu den Gesprächen ließen beide Seiten verlauten:

At the talks they shared the view that the six-party talks should be resumed without any precondition at an early date to implement the September 19 joint statement on the principle of simultaneous action and thus accelerate the denuclearization of the whole Korean Peninsula.

Wer sich ein bisschen mit Nordkoreas Äußerungen in den letzten Monaten hinsichtlich der Sechs-Parteien-Gespräche auseinandergesetzt hat, dem müsste aufgefallen sein, dass das die Standardfloskel ist, die Pjöngjang immer benutzt. Das „ohne Bedingungen“ ist kein Angebot, sondern eine Forderung die als Angebot verpackt ist. Man will, dass die anderen an den Tisch zurückkehren, ohne von Nordkorea etwas zu verlangen (so wie eine Entschuldigung, oder ernsthaftes Interesse an einem Vorankommen der Gespräche). Aber naja, aus den Kreisen des Kreml verlautete darüber hinaus, Kim Jong Il habe angeboten, über ein Moratorium bei Raketen- und Nukleartests nachzudenken.

Na dann ist ja alles klar, wenn Kim Jong Il sich bereit erklärt hat, über all das nachzudenken! Oder? Ich hab auch schonml darüber nachgedacht, 8 Liter Rohmilch in zwei Minuten zu drinken oder in 10 Minuten 62 Hotdogs zu essen…

Beide Pläne habe ich aber — warum auch immer — verworfen. Seltsamerweise wollte aber auch niemand mir etwas dafür geben, dass ich darüber nachdachte.

Aber Spaß beiseite. Selbst wenn Kim Jong Il ein Moratorium auf all das erklären würde. Was würde es ändern. (Vielleicht hat er ja schon vor zwei Jahren heimlich ein Moratorium erlassen, denn seitdem hat Nordkorea keine Raketen getestet und auch keine Atombomben.) Und wenn Kim ein Moratorium erklärt, dann hat er vermutlich erstens momentan keinen Bedarf an Tests und zweitens ist so eine einseitige Zusage ja auch schnell wieder aufgehoben.

Wirtschaftliches im Kern…

Insgesamt ist das, was bei den Gesprächen zwischen Kim und Medwedew rausgekommen ist, durchaus interessant, allerdings nicht in Bezug auf die Sechs-Parteien-Gespräche. Wichtig ist vielmehr der dicke wirtschaftliche Köder, den Russland ausgepackt hat. Sowohl die Frage der Schulden als auch der Infrastrukturprojekte sind für Nordkorea hochinteressant (Allein die Erlöse an Transitgebühren für eine Pipeline werden auf zwischen 100 und 500 Millionen US-Dollar jährlich geschätzt). Aber wie bereits gesagt, dürfte all das nicht ohne Gegenleistung zu haben sein. Was das genau sein wird und ob es etwas mit den Sechs-Parteien-Gesprächen zu tun hat, das muss sich noch zeigen.

…Sechs-Parteien-Gespräche nicht

Zu unmittelbaren Fortschritten hinsichtlich der Gespräche hat das Treffen jedenfalls nicht geführt. Das zeigen auch die zurückhaltenden Reaktionen aus Südkorea und den USA. Im Falle der USA sagte man, dass ein Moratorium zwar ein Schritt sei, aber viel zu wenig für die Aufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche und das vor allem auch etwas (was auch immer) mit dem Urananreicherungs-Programm geschehen müsse. Vielleicht stellen sich die USA vor, dass Nordkorea erstmal komplett denuklearisiert, bevor die Gespräche um die Denuklearisierung weitergehen können. Ob das ein erfolgversprechender Ansatz ist? Aber was man genau verlangt, das wird man bei den Gesprächen in New York letzten Monat sicherlich klargestellt haben.

Was sonst noch war: Nordkoreanisches Medieninteresse und Kims Gesundheit

Auch wenn die Echtzeit-Berichterstattung der nordkoreanischen Medien bei Russlandbesuchen Kims nichts Neues ist, so war das mediale Interesse aus Nordkorea bei diesem Besuch doch sehr ausgeprägt. Man berichtete ausgiebig in Funk und Fernsehen und natürlich auch im Netz. Allein gestern hatte KCNA sieben Artikel zur Reise Kims, die sich um das Treffen mit Medwedew, die Gespräche der Beiden, das abendliche Bankett und die Reden die beide dort hielten und schließlich die Verabschiedung Kims durch Medwedew drehten (zu einem der Anlässe scheint Kim Medwedew auch nach Pjöngjang eingeladen zu haben, ich bin gespannt ob und wann er das annimmt). Außerdem berichten russische Medien, dass Kims Presseleute so ziemlich alles gefilmt hätten, was passiert ist. Anscheinend soll eine Dokumentation über die Reise erstellt werden. Eine Erklärung (aber wohl nicht die einzige!) für diese ausführliche Berichterstattung lieferte KCNA heute in dem Artikel „Koreans Miss Kim Jong Il“:

Nowadays, all of the DPRK people are waiting for news of leader Kim Jong Il on a visit to the Siberian and Far East regions of the Russian Federation.

Many people stop at newsstands on the way to work in the morning to learn about his Russia visit.

What the leader did during his visit is a main topic of conversation among people.

Since it was known that Kim Jong Il left for Russia, the Korean people have missed him, concerning themselves about his health.

They have also made great achievements in their work to delight him when he returns home.

Naja, um seine Gesundheit war es ja schonmal schlechter bestellt. Immerhin hat er nicht mehr diese frappierende Ähnlichkeit zu Gollum aus dem Herrn der Ringe, die ihn vor gut anderthalb Jahren noch auszeichnete. Allerdings sieht man in diesem Video ganz gut, dass mit seinem linken Bein irgendwas nicht in Ordnung ist. Ganz gesund wird er wohl nicht mehr werden.

Warum KCNA über Kims Russland-Trip in Echtzeit berichtet und was der große Führer in seiner Freizeit macht…


Gestern hat es mich schon ein bisschen gewundert, dass über Kims Reise nach Russland nicht nur von den internationalen Medien berichtet wurde, sondern dass auch Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA nahezu in Echtzeit diejenigen Informationen zu dem Besuch veröffentlicht, die preisgegeben werden sollten. Wenn Kim Jong Il China besucht ist es Usus (und zwar schon immer), dass erst im Nachhinein ein oder mehrere Berichte zum Verlauf der Reise in den Medien beider Länder erscheinen. Daher dachte ich im ersten Moment, dass in der Zeitnahen Abdeckung des Themas durch KCNA ein Zeichen neuer Offenheit zu sehen sei. Da auch das, für gewöhnlich sehr gut recherchiert und geschriebene Blog (sind ja auch Profis) „Korea Realtime“ in diese Richtung spekulierte, fühlte ich mich weiter in dieser Überlegung bestärkt.

Russlandberichterstattung schon immer in Echtzeit

Allerdings ist diese These bei genauerer Prüfung nicht zu halten und der Grund für KCNA’s „Offenheit“ dürfte eher ein pragmatischer sein. Schließlich war Kim Jong Il 2001 und 2002 bereits in Russland und auch damals berichtete KCNA — und zwar in Echtzeit und im Voraus. Die Überlegung, dass sich Kim auf russischem Boden einfach sicherer fühlt und daher auf gesteigerte Verschleierung verzichtet, ist natürlich relativ großer Quatsch, denn einerseits kann er sich wohl (mit Recht) nirgends hundert Prozent sicher fühlen und andererseits gibt es in Russland wohl eindeutig mehr verunsichernde Subjekte, als die paar (vielleicht selbstgemachten) „Terroristen“ in China.

Pragmatische Gründe

Naja, bleibt für mich eigentlich nur noch ein schlagkräftiger Grund: Russland ist einfach nicht bereit die Informationen über Kims Reise zurückzuhalten. Ob das an einem höheren Grad an Pressefreiheit liegt, sei mal dahingestellt (immerhin beschrieb die staatliche RIA Novosti Wladimir Putin im Rahmen der Berichterstattung zu dem Besuch als: „increasingly autocratic prime minister„, ob das ein Versehen war oder andere Gründe hat?) aber ich kann mir diesen Unterschied zwischen der China- und der Russland-Berichterstattung von KCNA nur so erklären. Denn was würde es bringen, wenn KCNA aus Kims Reise ein Staatsgeheimnis machte, während der Besuch aus Moskau offiziell bestätigt wird. Dann veröffentlicht man doch lieber selbst etwas und bringt vielleicht noch ein paar „Wunschinfos“ in der internationalen Berichterstattung unter. Diese „frühzeitige Information“ ist wohl ein kleiner Preis, den Kim zahlen muss, wenn es nach Russland geht. Aber das scheint er auch gerne zu tun. Naja, die Kaffesatzleserei im Zusammenhang mit der Reise bewegt sich trotzdem mal wieder auf höchstem Niveau…

Eine lange gehegte und völlig unwichtige Frage

Achja, bei meiner Recherche über Kims frühere Russlandbesuche wurde mir auch endlich eine Frage beantwortet, die mich schon seit Jahren beschäftigt: „Was macht Kim Jong Il, wenn er gerade nicht Schweinefarmen, Militärlager und Minen mit seinen Weisheiten beglückt?“  Ein sehr investigativer Journalist von Itar-Tass fragte Kim nämlich 2001 (laut KCNA), was er in seiner Freizeit mache und was seine Hobbies seien. Seine Antwort:

Frankly speaking, I have a lot of work to do. following the lifetime will of the great leader comrade Kim Il Sung, we must build a powerful socialist state on our land and achieve national reunification as soon as possible. Our reality does not allow me to waste time before having built a powerful state and achieved national reunification.
As for my hobbies, I am fond of going among the people and soldiers and spending time among them. I find my life worth living and feel my best pleasure when I learn how they live and work and take care of them, talking with them and sharing their feelings. I also like reading and music.
Reading and music are a part of my life and a pabulum of my work.

Das Hobby zum Beruf gemacht

Wenn er also gerade nicht dem Willen seines Vaters entspricht und einen mächtigen sozialistischen Staat aufbaut und die Wiedervereinigung Koreas beschleunigt, liest er gerne und hört Musik. Und naja, meine Einschätzungen zu Schweinefarmen, Militäranlagen und Minen war wohl eine Fehleinschätzung. Er sieht die vor-Ort-Anleitungen gar nicht als Arbeit, sonder als Hobby. Schon toll wenn man private Interessen und Beruf unter einen Hut bringen kann…