Ein Strauß voll Buntes VI: Ernten wenn es reif ist — Papers zu Nordkorea aus sehr verschiedenen Perspektiven


Wie das im Sommer nun eben mal so ist, blüht und gedeiht momentan alles herrlich bunt und prächtig, dass es eine wahre Freude ist. Das ist nicht nur auf meinem Balkon der Fall, sondern auch bei dem, das ich hier im Blog immer gerne zu einem Strauß voll Buntem zusammenpacke.

So ist das eben im Sommer. Blumen allenthalben…

Eigentlich hatte ich garnicht vorgehabt schon wieder einen solchen Strauß zu binden, aber so ist das eben im Sommer: Man muss ernten, bevor die Feldfrüchte verblüht oder verdorben sind. Naja und mit dem, das ich hier verlinke, ist es eben ganz ähnlich: Wenn das Zeug erstmal über ein halbes Jahr alt ist (und das ist es jetzt zum Teil schon fast), dann ist es nurnoch halb so spannend. Also macht euch bereit, für einen farbenfrohen Sommerblumenstrauß…

Visuelle Repräsentation Nordkoreas: Satellitenbilder

Einsteigen möchte ich mit einem Paper aus Deutschland (mir fällt gerade auf, dass der heutige Strauß ohnehin recht „kontinental“ ist). Das GIGA in Hamburg setzt seine wirklich spannende Forschung zur visuellen Repräsentation Nordkoreas fort. Der Kopf hinter diesem Vorhaben, David Shim, hat vor ein paar Tagen ein gut 17 Textseiten langes (und mal wieder leider nicht in deutscher Sprache vorliegendes) Working Paper mit dem Titel „Seeing from Above: The Geopolitics of Satellite Vision and North Korea“ veröffentlicht.

Das Paper setzt sich aus kritisch politikwissenschaftlicher Perspektive mit der Rolle auseinander, die die visuelle Repräsentation Nordkoreas durch Satellitenbilder in der heutigen Geopolitik spielt und dekonstruiert dabei ein gutes Stück weit das Bild vom objektiven und nicht manipulierbaren Abbild der Realität durch Satellitenbilder. Dazu wirft der Autor zuerst einen kurzen Blick auf Nordkorea, als das schwarze Informationsloch, dass es für ausländische Regierungen häufig darstellt, um dann zum eigentlichen Thema des Aufsatzes, dem Satellitenbild als einer möglichen Lösung für dieses Problem zu kommen.

In der Folge beschreibt er die hohe Autorität, die Satellitenbilder als Erweiterungen des menschlichen Sichtfeldes und als Möglichkeiten des Zugangs zu Gebieten, die eigentlich versperrt sind, bieten. Satellitenbilder sind mehr als nur die bildliche Untermalung von Wissen und Informationen, sie sind selbst Wissen und Informationen und können so zu politischen Schlussfolgerungen führen, aus denen politisches Handeln folgt. Shim beschreibt dann zwei sehr interessante Fälle, in denen sich jedoch zeigt, dass Satellitenbilder keinesfalls rein objektiv sind, sondern erst einen Sinn zugeschrieben bekommen. Und im Laufe dieses Prozesses können die Bilder bestimmten Interessen dienstbar gemacht werden. Erstens zeigen die Bilder nur das, was sie eben zeigen. Hört sich erstmal blöd an, ist aber wichtig, denn diejenigen, die über die Bilder verfügen entscheiden eben auch, welches Bild und welcher Ausschnitt gezeigt wird. Als Beispiel führt er hier das sehr interessante Beispiel der Satellitenbilder von Arbeitslagern in Nordkorea an: Während südkoreanische und US Regierungen schon seit den 1990er Jahren über solche Bilder verfügen, wurden sie von Regierungsseite bisher nie veröffentlicht, sonder nur durch NGOs (z.B. hier). Das wurde damit erklärt, dass man die Fähigkeiten der Aufklärungssatelliten nicht preisgeben wolle. Gleichzeitig wurden jedoch immer wieder Satellitenbilder von Nuklear- und Raketenanlagen veröffentlicht. Das Argument für die Nichtveröffentlichung der Satellitenbilder war also nur vorgeschoben. Shim vermutet, dass sich dies damit erklären ließe, dass Satellitenbilder nur dann wichtig würden, wenn sie Relevanz in aktuellen internationalen Fragestellungen hätten. Da mit Bezug auf Nordkorea aber eine Fixierung auf die Nuklearfrage vorläge, sei es wenig verwunderlich, dass auch nur hier Satellitenbilder veröffentlicht würden. Zweitens ist es für Laien kaum möglich, den Bildern einen Sinn zuzuschreiben, dazu bedarf es erfahrener Experten. Und die können, wie das Beispiel des Auftritts Collin Powells im Vorfeld des Irakkriegs zeigt, im Endeffekt erzählen was sie wollen, Laien können das nicht wiederlegen (ich erinnere mich da auch an irgendeinen Schlaumeier einer großen deutschen Tageszeitung, der einen direkten Zusammenhang zwischen „blauen oder roten Dächern“ und Minen für Seltene Erden herstellte (weiß ich ob das so ist? Nein! Weiß er es? Nein! Ist er Fernaufklärungsexperte? Nein!)).

Darauf hin führt der Autor einen sehr interessanten Exkurs zur wohl berühmtesten Satellitenaufnahmen Nordkoreas, der Koreanischen Halbinsel bei Nacht (jetzt dürfte so ziemlich jeder wissen was gemeint ist). Er beschreibt, wie viel diese Aufnahme interpretiert hat, obwohl ihre eigentlich Aussage ziemlich dürftig ist (viel Licht gegen wenig) und zeigt so, dass gerade das berühmteste Satellitenbild nicht eine objektive Darstellung der Realität ist, sondern eine symbolische Repräsentation. Im abschließenden Kapitel versucht Shim anhand von mehreren Beispielen die These zu untermauern, dass im Fall von Satellitenbildern nicht das Glauben aus dem Sehen folgt, sondern man sieht was man glaubt. Das wohl spektakulärste Beispiel hierfür ist die Kumchangri Geschichte. Damals hatten US-Satelliten umfangreiche Baumaßnahmen in Nordkorea gesichtet und die US-Regierung vermutete in der Folge, dass Nordkorea eine unterirdische Nuklearanlage bauen wolle. Gegen die Lieferung von 600.000 Tonnen (!) Lebensmitteln, ließ die nordkoreanische Führung das Loch inspizieren und es stellte sich in der Folge heraus, dass es sich tatsächlich um ein Loch handelte (nicht mehr, nicht weniger). Später wurde bekannt, dass die nordkoreanische Führung, nachdem ihr bekannt wurde, dass das Loch beobachtet wurde, umfangreiche Baumaßnahmen angeordnet hatte, um daraus Kapital zu schlagen.

Im abschließenden Fazit mahnt der Autor, dass es wichtig sei, Satellitenfotos als Informationsquellen mit entsprechender Vorsicht gegenüberzustehen. Dem habe ich nur wenig hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass die Lektüre des Artikels eine sehr lohnende Beschäftigung ist und dass ich sie nur wärmsten empfehlen kann.

Outsourcing nach Nordkorea?

Einen interessanten kleinen Artikel habe ich von Paul Tjia gefunden. Er befasst sich auf vier Seiten mit den Möglichkeiten des Outsourcings nach Nordkorea. Das macht er nicht ganz selbstlos, immerhin betreibt der Niederländer eine Consultingagentur, die sich mit dem Outsourcing von IT-Dienstleistungen beschäftigt. Uninteressant ist das Ganze trotzdem nicht, auch wenn der Autor natürlich etwas zu verkaufen hat und daher den Vorteilen einen etwas breiteren Raum gibt als den Risiken. So lernt man die nordkoreanische IT-Landschaft und ihr Portfolio etwas besser kennen und erfährt, dass in diesem Sektor mehr als 10.000 gut ausgebildete Arbeitskräfte teils für weniger als 10 US Dollar die Stunde bereitstehen und das die Gefahr des Job-hoppings wegen der Regulierungen der Regierung nicht so groß ist wie in anderen Ländern. Für alle die das Thema im engeren oder weiteren Sinne interessiert ist der Artikel lesenswert.

Anthropologische Perspektive auf die Nordkoreapolitik der EU

Eduardo Zachary Albrecht hat für das European Institute for Asian Studies den interessanten Artikel „North Korea in the East Asian Puzzle: Anthropological Perspectives for EU Policy Developments“ geschrieben. Ich muss sagen, dass ich den Artikel an sich nicht unbedingt gut finde, dass er aber einige Aspekte beinhaltet, die ich wirklich interessant finde so dass ich das Ganze trotz einiger Aspekte die ich schwierig finde verlinke. Albrecht beschreibt in seinem Artikel kurz und recht gelungen die Migrationsströme Ostasien, auch mit einem kleinen historischen Rückblick, wobei mir gerade der Bevölkerungsaustausch zwischen China und Nordkorea bisher so nicht bewusst war (ich dachte die chinesischen Kämpfer wären nach dem Koreakrieg alle wieder zurückgegangen). Darauf folgen zwei kurze Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlinge, die zwar nicht uninteressant sind, die zum Inhalt des Papers aber nichts beitragen. Die hätte er sich sparen können, aber vermutlich wollte er sie irgendwie einarbeiten, wenn er sie schon durchgeführt hatte…

Im eigentlich zentralen Teil des Papers (so wirklich kann ich nicht nachvollziehen, wieso dafür das nötig war, das zuvor kam) folgt der Autor weitgehend der These die durch das Buch „The cleansest Race“ von Brian Myers in den letzten Jahren recht populär geworden ist: Nordkoreas Führung hat Rassismus und Xenophobie kultiviert und zu einem tragenden Bestandteil ihrer Legitimation gemacht. Albrecht folgert daraus, dass ein Ausgleich mit Nordkorea unmöglich sei, da das Regime die Gefahren für die rassische Reinheit, zu denen nicht nur die Amerikaner und Japan, sondern auch Russen und Europäer zählen, brauche um sich zu legitimieren und sich daher nicht nähern könne. Eine Lösung sieht der Autor in China, der einzigen Ausnahme in der nordkoreanischen Xenophobie. Die EU müsse, wenn sie Einfluss auf die nordkoreanische Politik nehmen wolle, den Umweg über China nehmen, indem sie Gemeinsamkeiten mit diesem auskundschaftet und dann die Politik koordiniert.

Interessante Nebenaspekte in diesem Teil betreffen die Analyse des Autors zur aktuellen Nordkoreapolitik der EU. Er sieht hier einen Wandel, weg von einer Agenda der ökonomischen Öffnung hin zu humanitären Fragen. Wahrscheinlich hat er recht. Eine andere interessante Anmerkung betrifft, ist die „schlechte Angewohnheit“ der EU (wie er schön schreibt) hinter den Kulissen andere Ziele zu verfolgen, als sie nach außen verfolgt. Im Fall Nordkorea habe dies dazu geführt (das schreibt er nicht, aber schlechte Angewohnheiten muss man ja erstmal praktizieren, damit sie als solche identifiziert werden können), dass die EU den Status quo aufrecht erhalten habe, indem sie unmöglich zu erfüllende Forderungen an Pjöngjang gerichtet habe. So sei die Öffentlichkeit zuhause zufrieden gewesen (man hat sich ja eingesetzt…) während man selbst sein Ziel erreicht hat (es war alles beim Alten geblieben). Der Autor geht davon aus, dass die EU dieser Angewohnheit nicht mehr folgt, aber irgendwie klingt das eher wie Zweckoptimismus (denn ansonsten wäre es ja eigentlich Quatsch gewesen, das Paper zu schreiben).

Nordkoreanische Perspektive: Vertrauensbildung zwischen den USA und Nordkorea und ein die Möglichkeit einer Wiedervereinigung Koreas als Föderation im Vergleich zur europäischen Integration

Vielleicht werdet ihr euch fragen, wo denn bitte ein nordkoreanischer Standpunkt herkommen soll, wenn nicht von den üblichen Propagandaorganen. Die Antwort ist ganz einfach: Aus Schweden. Das dort ansässige Institute for Security and Development Policy (ISDP) beherbergt nämlich seit einiger Zeit mindestens einmal pro Jahr jeweils zwei nordkoreanische Gastwissenschaftler, die dann jedesmal jeweils ein Paper schreiben. Ich wollte euch schon länger mal darauf aufmerksam machen, hatte es aber zwischenzeitlich vergessen. Ri Hyon-song, der Autor des ersten Papers forscht am Institute for Disarmament and Peace in Pjöngjang. Sein Aufsatz „Confidence Building Between the DPRK and the U.S.: The Foundation for Settling the Korean Issues“ sollte sich dem Namen nach mit Vertrauensbildung zwischen Nordkorea und den USA befassen. Aber eigentlich geht es in weiten Teilen darum, den USA die Schuld für die angespannte Situation auf der Koreanischen Halbinsel und der Nicht-Lösung des Konfliktes dort zuzuschreiben. Eigentlich nur das Kapitel zu den Prinzipien der Vertrauensbildung orientiert sich etwas anders. Dort werden als Prinzipien „Gegenseitiges Vertrauen und Respekt“ (mutual respect and equality) und „gleichzeitges Vorangehen“ (simultaneous action) genannt, auf deren Basis ein Friedensvertrag den Ausgangspunkt für Vertrauen zwischen beiden Staaten legen soll. So weit so wenig neu. Aber eben mal anders präsentiert.

Der zweite Aufsatz von Jong Chol-nam mit dem Titel „Federation: A Comparative Study of European Integration and Korean Reunification“ spielt da schon in einer anderen Liga. Der Autor stellt auf zwanzig Seiten die Geschichte der Europäischen Einigung und das nordkoreanische Modell einer Demokratischen Föderalen Republik Koryo vor, um dann einen Vergleich zwischen beiden zu ziehen. Dabei arbeitet er Parallelen und Unterschiede zwischen den Modellen heraus um im Endeffekt eine Föderation als ideales Modell für Korea darzustellen. Abschließend gibt er einen kleinen Ausblick auf die Effekte, die eine Föderation der Koreanischen Staaten auf die EU hätte. Auch wenn häufiger mal Standpunkte durchscheinen, die von einem Weltbild herrühren, dem der Autor folgen muss (was die Arbeit ein Stückweit normativ macht, nämlich immer da, wo es politisch kritisch wird, also die Interessen Nordkoreas einfließen), wird bei der Lektüre des Aufsatzes doch einiges sehr schnell deutlich: Der Autor kennt sich gut mit der europäischen Geschichte und auch Geistesgeschichte aus und hat sich auch mit politikwissenschaftlichen Theorien beschäftigt. Sein Ansatz ist kreativ und handwerklich gut durchgeführt. Wo er keine nordkoreanischen Propagandalinien vertreten muss, merkt man nicht unbedingt, dass der Autor Nordkoreaner ist, man merkt, dass er Wissenschaftler ist.

Damit hebt sich die zweite erfreulich von der ersten Arbeit ab (ganz ehrlich, den Kram hätte ich nach ein bisschen KCNA Lektüre auch zusammenkloppen können), die nur altbekannt nordkoreanische Positionen wiedergab und eigentlich kaum einen wissenschaftlichen Anspruch hatte. Wenn man sich das so anguckt und dazu weiß, dass nordkoreanische Gastforscher eigentlich nur im Zweierpack zu haben sind (damit sie gegenseitig aufeinander aufpassen können), stellt sich hier fast die Frage, ob das ISDP in diesem Fall nicht einen Gastforscher und einen Aufpasser zu Besuch hatte. Wenn ich mal ein bisschen mehr Zeit hab, lese ich mir auch die älteren Publikationen nordkoreanischer Gastwissenschaftler beim ISDP mal an und gucke, ob die qualitativen Unterschiede da ähnlich eklatant sind. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr das natürlich auch machen. Hier gibt es die Asienpublikationen des Instituts und solche, deren Autoren koreanische Namen haben sind meistens von den Gastwissenschaftlern verfasst (was euch aber nicht davon abhalten soll, auch mal andere anzugucken, da gibt es nämlich viele interessante).

Hm, mir geht langsam die Puste aus, aber ich habe noch ein bisschen was. Werde mal was schneller machen:

Gute Daten, schlechte Daten: Rüdiger Frank zu den nordkoreanischen Budgetzahlen und was man daraus lernen kann

Rüdiger Frank folgt mal wieder seiner wirtschaftswissenschaftlichen Profession und mischt diese mit seinen Nordkoreaerfahrungen um eine kleine Lehrstunde zur Auswertung der offiziellen Erklärung der nordkoreanischen Regierung zum Staatsbudget zu geben. Dabei zeigt er zuerst die Schwächen auf, die die Zahlen externer Quellen so haben (z.B. die Bank of Korea, die ja jedes Jahr mit einer Zahl wie + 0,8 % die Wirtschaftsentwicklung beschreibt) um dann zu zeigen, was man aus dem, was der Premier alljährlich an konkreten Zahlen so rausrückt, rauslesen kann. Dazu benötigt man laut Frank vor allem die folgenden zwei Kunstfertigkeiten: Das Vergleichen und die kreative Interpretation. Er beschreibt recht einleuchtend, dass die Budgetzahlen vermutlich gute Kennzahlen für die Einschätzungen der Führung über die zivile Wirtschaft des Landes sind. Weiterhin macht er auf zwei bemerkenswerte Aspekte Aufmerksam, die das diesjährige Budget enthielten: Eine Transaktionssteuer und Zahlen für einen gross industrial output. Für Details lest ihr am besten selbst, ist alles was kompliziert zu erklären.

Ein deutscher Blickwinkel: Einschätzungen von Johannes Pflug

Ein kleiner Hinweis noch auf ein Redemanuskript des SPD Politikers Johannes Pflug, der in Bochum vor ein paar Monaten einen Vortrag über Nordkorea hielt (habs zwar schon auf der Freien Beitragsseite verlinkt, aber passt zu meinem bunten Strüssche). Innerhalb Nordkoreas existieren verschiedene Strömungen die um die politische Ausrichtung des Landes streiten (Diesen Punkt macht er sehr stark). Pflug gibt darin seine Einschätzung zur aktuellen Situation in Nordkorea ab und analysiert dabei teilweise recht scharf. Interessant auch, dass er immer mal wieder aus dem Nähkästchen plaudert und Aussagen verschiedener Gesprächspartner zitiert.

Besonders interessant fand ich dabei folgende Einschätzung: Nordkorea wird (oder vielmehr wurde) von einem Quartett geführt: Kim Jong Un, Jang Song-thaek, Kim Kyong-hui und Ri Yong-ho. Was mit Ri ist, wissen wir ja (zumindest, dass er nicht mehr zu einem Führungsquartett gehört) das für unterschiedliche Richtungen steht und nicht für eine kooperative Führung sozialisiert ist. Man könnte die Ereignisse um Ris Entlassung damit erklären, man könnte sie aber auch anders erklären.

Ein paar (zwei sind mir aufgefallen) schwer erklärbare inhaltliche Schnitzer gab es im Manuskript, ich glaube einmal war es eine Jahreszahl und einmal hat er Uran und Plutonium verwechselt (ich glaube 1994 war von Urananreicherung noch keine Rede. Aber sowas kommt vielleicht vor, wenn man viel zu tun hat und das Redenschreiben anderen überlässt, die vielleicht nicht so fit in Nuklearfragen sind. Außerdem finde ich es immer ein bisschen schwierig, wenn jemand nicht mal auf die Idee zu kommen scheint (sie jedenfalls nicht äußert), dass seine Gesprächspartner ihm vielleicht genau das erzählen, was er hören will. Das muss nicht so sein, aber mitunter scheinen das nordkoreanische Offizielle ja zu tun.
Und wenn man deren Aussagen dann kritiklos für seine eigene Argumentation übernimmt, dann handelt man ja auch irgendwie fahrlässig. Nichtsdestotrotz ist das durchaus lesenswert.

Die USA und Nordkorea: So einfach ist die Geschichte nicht

Leon V. Sigal beschäftigt sich in „In Deep Denial on North Korea and Prospects for US-North Korea Negotiations“ mit der Nordkoreapolitik der USA in den letzten zehn Jahren und lässt daran fast kein gutes Haar. Dabei nimmt er die Geschichtsinterpretation zweier ehemaliger US-Präsidentenberater für Ostasienfragen (Jeffrey Bader (Obama) und Victor Cha (Bush)) nach fast allen Regeln der Kunst auseinander und zeigt eine andere Lesart der Historie zwischen beiden Staaten auf.

Schade ist dabei nur, dass er überzieht und manche Sacherhalte eindeutig zugunsten Pjöngjangs auslegt (die Hinweise auf die Versenkung der Cheonan gehen garnicht, auch wenn er schreibt, dass Schiffeversenken natürlich kein Weg sei)…
Aber ansonsten, äußerst lesenswert, weil hier einige Zeitgeistthesen hervorragend zerpflückt werden und darauf hingewiesen wird, dass auch die USA einiges dazu beigetragen haben, dass vor allem in den letzten zehn Jahren getroffene Vereinbarungen immer wieder kollidiert sind.

Wer mag kann dann auch noch direkt den Artikel „Kim Jong Un Is No Reformer“ von Victor Cha in der Foreign Policy lesen und sich die Thesen angucken, die Cha (den Sigal ja hart angeht) so vertritt. Allerdings ist dazu zu sagen, dass sich Cha (der sonst besser schreibt) dieses Mal nicht mit Ruhm bekleckert hat (So verstehe ich nicht, warum an einer Stelle der Augenschein total wertlos sein soll (Kim Jong Un ist kein Reformer, weil er eine junge Frau hat, in der Schweiz war (wer weiß es?) und Mickey mag während er an anderer Stelle vollkommen legitim ist (Kim Jong Un sieht aus wie Kim Il Sung, deshalb ist er ein Fan einer Hardcore-Juche-Version). Die einzige Erklärung: Weil es dem Autor in den Kram passte.).

Ein Blick ins Innenleben des nordkoreanischen Sicherheitsapparates

Ken Gause, der sich einen Namen als Analyst der inneren Strukturen des nordkoreanischen Regimes gemacht hat, wirft in „Coercion, Control, Surveillance, and Punishment: An Examination of the North Korean Police State“ einen Blick in die Funktionsweise des nordkoreanischen Sicherheitsapparates. Das immerhin gut 180 Seiten fassende Buch beschreibt dabei umfassend die verschiedenen Sicherheitsapparate und ihren Aufbau, um dann zu beleuchten, welchen Tätigkeiten die Organisationen nachgehen. Daraufhin beleuchtet er die Entwicklung des ganzen Sicherheitsapparates als Beziehungsnetz zwischen diesen verschiedenen Organen und der Führung des Staates. Ich hab das noch nicht gelesen, aber Ken Gause als Autor und ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung sagen mir, dass ich in Zukunft öfter dort reinschauen werde.

Nordkorea und die digitale Welt. Ein Blick von innen.

Vor einiger Zeit wurden unsere Medien ja mal kurz mit Berichten über eine Organisation nordkoreanischer Untergrundreporter geflutet, aber irgendwie gab es aus dieser Quelle nicht wirklich viel Interessantes, außer ein paar Fotos. Jetzt hat Rimjin-gang aber was wirklich Spannendes veröffentlicht, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Die Leute der Gruppe haben nämlich einen dreiteiligen Bericht zur Nutzung digitaler Medien in Nordkorea produziert.
Im ersten Teil geht es um Handys. Dabei wird beschrieben, wie der Prozess verläuft, in dessen Rahmen man in den Besitz eines Handys kommt (es ist etwas komplizierter als hier), welche Regeln es im Zusammenhang mit Handys gibt, welche Dienste und Modelle verfügbar sind und wie die Geräte genutzt werden. Der zweite Teil befasst sich mit Computern und ist ähnlich wie der erste strukturiert und abschließend werden mögliche Auswirkungen dieser neuen Entwicklungen auf die nordkoreanische Gesellschaft diskutiert. Hier gibt es wirklich einiges Neues zu erfahren, also schauts euch an.

So, dass war viel heute, aber wie gesagt, man muss die Ernte dann einfahren wenn sie reif ist. Also viel Spaß mit dem Strauß…

Auf den Stand bringen: Was gestern (und die Tage davor) in Nordkorea passiert ist und was für morgen (und die Tage danach) daraus lernen können…


Es ist ja immer etwas schwierig, sich einen Eindruck über das zu machen, das in den letzten Wochen passiert ist, wenn man in der Zeit zuvor die Nachrichten und Neuigkeiten so garnicht verfolgt hat und deswegen viel nachzuarbeiten hat. Gleichzeitig biete es aber auch einen netten Vorteile, denn es hilft ein wenig den Blickwinkel einer grünen amphibischen Kreatur zu verlassen und stattdessen das Bild eher als Ganzes zu sehen und vielleicht einige weitere Zusammenhänge in den Blick zu bekommen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich inhaltlich für einige von Euch das Eine oder Andere wiederholt werde ich in der Folge also erstmal versuchen, die Ereignisse bzw. Entwicklungen zu nennen (ich muss sie ehe aufarbeiten und wieso dann nicht gleich schriftlich), die mir von meinem heutigen Standpunkt als wichtig erscheinen um dann zu sehen, ob sich daraus in der Draufsicht interessante Zusammenhänge ergeben.

Olympia

Aus gegebenem Anlass will ich mich zuerst in aller Kürze mit dem Sport beschäftigen. In diesem Jahr nahmen laut KCNA 51 nordkoreanische Athleten an den olympischen Spielen in London teil (laut Veranstalter waren es 56) wovon allerdings allein 21 dem Fußballteam der Damen angehörten. Bei diesen olympischen Spielen waren die nordkoreanischen Sportler so erfolgreich wie selten zuvor. Nur 1992 fiel die Gesamtbilanz besser aus (wenn man Medaillenzählerei als legitimen Erfolgsmesser gelten lässt (wie ich höre strebt man in Deutschland jetzt nach höheren Idealen, nachdem das mit den Medaillen nicht so gut klappte, wie es das Innenministerium wünschte)). Drei der vier Goldmedaillen sowie eine der zwei bronzenen gab es im Gewichtheben eine Goldmedaille trugen die Judoka bei und eine aus Bronze kam von den Ringern.

Unter den olympischen Ringen trafen die südkoreanischen nordkoreanischen (Ups! Aber das kann ja jedem mal passieren…) Athleten auch auf Gegner aus den beiden Hauptwidersacherstaaten. Die Fußballmannschaft der USA schickte die nordkoreanischen Spielerinnen, die sich gut, aber eben nicht ausreichend geschlagen hatten, mit einem 1:0 zurück in die Heimat. Ähnlich lief es im Tischtennis, wo die südkoreanischen Herren die nordkoreanische Mannschaft nach guten Spielen aus dem Turnier warf. Bei beiden Events mühten sich die Medien ein bisschen politische Spannung aufs Spielfeld zu transportieren, aber im Sport geht es eben doch mehr um Sport und weniger um Politik und so waren die markigen Worte eines nordkoreanischen Spielers über einen „Tischtenniskrieg“ in dieser Hinsicht schon das Spektakulärste.

Zur Nachlese noch ein unerfreulicher Aspekt: Wie immer, wenn nordkoreanische Sportler an internationalen Großevents teilnehmen, wird es auch dieses Mal wieder das Arbeitslagergerücht geben (in etwa: „Jeder der kein Gold nach Pjöngjang bringt, muss samt Kindern und Kindeskindern in den Arbeitslagern schuften.“). Die Arbeitslager existieren und darauf muss die Weltöffentlichkeit hingewiesen werden. Das ist wahr. Aber alle zwei Jahre in Form von Falschmeldungen (die dann auch noch Enten der letzten Großereignisse als Beleg nenne) — Muss das denn sein?

Überschwemmungen und El Niño

Weiterhin hat in Nordkorea die Zyklonsaison angefangen und bei den ersten heftigen Überschwemmungen gab es schwere Schäden an Sachen und Menschen (Die Deutsche Welthungerhilfe spricht von 88 Toten, 68.000 Obdachlosen und 30.000 Hektar überschwemmten Ackerlandes). Auch die entsprechenden Hilfen (auch aus Deutschland) sind bereits angelaufen. Diese Ereignisse sind sicherlich schrecklich, gleichzeitig aber auch irgendwie kalkulierbar, denn es kommt jedes Jahr zu dieser Jahreszeit zu ähnlichen Überschwemmungen. Abzuwarten bleibt allerdings noch, ob die Phänomene in diesem Jahr extremer ausfallen werden, da mit El Niño ein weiterer Unruhestifter im Anmarsch ist, den man in Nordkorea kennt und fürchtet (der Link ist sehr zu empfehlen, weil dahinter ein sehr spannendes neues Blog steht, über das ich eben erst gestolpert bin!). Also Augen auf das Wetter in nächster Zeit.

Medienkampagne gegen Spionagebedrohung etc.

In den nordkoreanischen Medien hat man eine Kampagne gestartet, um Kim Jong Ils Andenken ins rechte Licht zu rücken, ihn zu heroisieren und die positive Erinnerung an ihn fest bei der Bevölkerung zu verankern. Parallel dazu läuft die Angstkampagne, die schon vor meiner Abreise begonnen wurde, weiter. Der inneren und äußeren Bedrohung durch Agenten, Spione und Saboteure soll energisch entgegengetreten werden und darüber wird die Bevölkerung eigentlich tagtäglich auf dem Laufenden gehalten. So versucht man wohl den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken (man wird ja angegriffen und jenseits des eigenen sicheren Landes droht die Gefahr) und möglicherweise auch rigide Maßnahmen im Inneren schonmal präventiv zu rechtfertigen (schließlich kann ja jeder ein Terrorist, Saboteur oder Agent sein, wenn die Staatsmacht da mal brutal zuschlägt, wird das schon seine Richtigkeit haben), sollten sie irgendwann notwendig sein.

Regimemodifizierung geht scheinbar weiter

Scheinbar geht auf etwas weniger spektakulärem Niveau auch der Umbau an der Spitze des nordkoreanischen Militärs weiter, bzw. wird sichtbar. So sieht es ganz danach aus, als sei auch der Chef der Marine nicht mehr in seinem Amt.

Das diplomatische Parkett

Japan

Auf dem diplomatischen Parkett hat sich einiges und auch nicht ganz unwichtiges getan. So wird über ein Treffen auf Ebene des Roten Kreuzes zwischen nordkoreanischen Vertretern und abgesandten Japans in Peking berichtet. Dabei soll es um die Rückführung bzw. Besuchsmöglichkeiten der Überreste von japanischen Soldaten gegangen sein, die zwischen 1910 und 1945 auf nordkoreanischem Territorium bestattet wurden bzw. gestorben sind (immerhin vermutlich weit über 20.000 Fälle). Nach japanischen Angaben haben beide Seiten eine Einigung erzielt und die jeweiligen Vertreter des Roten Kreuzes werden ihre Regierungen auffordern, sie bei der Umsetzung der Einigungen zu unterstützen. Wer die schwierige Außenpolitik Nordkoreas mit den Staaten, die man als Feinde betrachtet und mit denen es keine diplomatischen Beziehungen gibt (beides trifft aktuell auf Japan zu) ein bisschen kennt, der weiß, dass Einigungen in humanitären Fragen häufig den Auftakt zu einer generellen Aufhellung der Beziehungen darstellten. Im Falle Japans bleibt aber noch als übergroßer Stolperstein die Entführtenfrage im Raum. Zeigt die Führung in Pjöngjang hier kein Entgegenkommen, sind auch Annäherungen in anderen Bereichen außer Reichweite.

USA

Auch zwischen den USA und Nordkorea gab es offenbar Gespräche. Die waren aber weniger offiziell. Berichten zufolge sprach man in den letzten Wochen in Singapur und New York miteinander. Die Gespräche in Singapur klingen soweit ich das sehe (was ist das denn für ein behämmerter Satz von mir? „Gespräche..klingen…soweit ich sehe…“ Naja, vielleicht  ist mir lauter „szch“, „csch“, „szcz“ und so im Urlaub das Hirn ein bisschen vernebelt)  eher nach einem Track-II austausch (ohne direkte Regierungsbeteiligung zumindest von Seiten der USA). In New York war es aber recht offiziell und es ging wohl hauptsächlich um Nahrungsmittelhilfen, aber immerhin war mit Cliffort Hart der Vertreter der USA bei den Sechs-Parteien-Gesprächen dabei. Und wenn man sich an die Politik der Konditionalität der USA gegenüber Nordkorea erinnert, dann weiß man ja, dass Hilfen unter der aktuellen Regierung an Leistungen aus Pjöngjang gebunden zu sein scheinen, was dann wohl soviel heißt wie: Es geht nicht allein um Hilfen.

Südkorea

Selbst mit Südkorea gab es die Anmutung einer Annäherung. Da ging es einerseits um das Ressort im Kumgangsan, dass maßgeblich von südkoreanischer Seite gebaut und dann enteignet worden war (hier war eine Delegation südkoreanischer Geschäftsleute zu besuch). Andererseits sandte Seoul Signale aus, indem es Pjöngjang gespräche über Familienzusammenführungen anbot (ebenfalls ein Hinweis auf eine Verbesserung der Beziehungen). Hier scheint die Führung in Pjöngjang jedoch wenig Entgegenkommen gezeigt zu haben, denn heute gab es eine Pressemitteilung des südkoreanischen Vereinigungsministeriums, in der Nordkorea die Schuld für das nicht Zustandekommen vorbereitender Gespräche zugewiesen wird, da Pjöngjang solche an weitere Bedingungen hinsichtlich dem Kumgangsan geknüpft habe.

Kim Yong-nam schon wieder in Südostasien

Das Werben um viele Staaten Südostasiens geht unterdessen ungebremst weiter. Kim Yong-nam, der nominelle Stellvertreter Kim Il Sungs als Staatspräsident ist schon wieder in die Region gereist. Dieses Mal nach Vietnam und Laos. Damit haben befreundete und nicht ganz so befreundete Staaten in dieser Region in diesem Jahr ein ungewöhnliches Maß an Aufmerksamkeit bekommen. Im Gespräch hatte Kim neben Außen- auch mal wieder Wirtschaftspolitiker. Da wird es in diesem Jahr noch einiges interessantes zu sehen geben denke ich.

Was auffällt

Teilweise Öffnung nach Außen…

Wenn man sich das jetzt alles so zusammengewürfelt anschaut, dann fällt mir vor allem in diplomatischer Hinsicht etwas auf. Scheinbar ist man gewillt, sich gegenüber Japan und vielleicht auch den USA wohlwollend zu zeigen, während man Seoul die kalte Schulter zeigt. Es sieht so aus, als würde man versuchen mit der „neuen Führung“ ein bisschen im Trüben zu fischen und zu sehen, ob man mit den USA oder Japan einen dicken Fisch an den Haken bekommt. Damit manipuliert man im Vorfeld der Wahlen in Südkorea am Dreierbündnis herum, das in den letzten Jahren so gut zusammenhielt und die nordkoreanische Politik damit vor einige Herausforderungen stellte. Gleichzeitig lässt man (Wenn man erfolgreich ist) Südkoreas Präsidenten Lee (und mit ihm seine politische Linie gegenüber dem Norden) als Verlierer dastehen und macht ein solches Vorgehen für einen Nachfolger unattraktiver. Gerade Japan scheint aktuell ein hoffnungsvoller Adressat für nordkoreanische Avancen. Südkoreas Präsident Lee hat mit seinem Besuch auf der umstrittenen Dokdo-Inselgruppe (Das Wort „Insegruppe“ ist ein Euphemismus: Es handelt sich um Steine im Wasser, allerdings mit entsprechenden Ausbeutungsrechten in der Umgebung) die ohnehin in letzter Zeit etwas gespanntere Situation um diese Inseln weiter verschärft und diplomatisch einiges Porzellan zerdeppert (Japan hat erstmal seinen Botschafter nach Hause gerufen). In dieser Situation könnte man in Pjöngjang hoffen, bessere Karten in Tokio zu haben. Naja und in den USA ist man im Wahlkampf und man weiß, dass Lee auch nicht mehr lange bleibt. Daher ist es nicht abwegig, dass man versucht das Dreierbündnis in seine Bestandteile zu zerlegen.

…Barrikaden bauen nach Innen.

Parallel zu der Öffnung nach außen hin, ist nach innen besagte Angstkampagne zu vermerken. Vielleicht soll das Misstrauen der Bevölkerung gegen Fremde so aufgefrischt und gestärkt werden, so dass es bei einer merklichen Öffnung nicht zu schnell zu einer Infektion mit westlichen Gedanken und Ideen kommt. Auch die Vorgänge in der Arabischen Welt und vor allem in Syrien dürften die Führung in Pjöngjang weiter von der Notwendigkeit überzeugen, den Menschen im Land die Neugier und die Interesse an der Außenwelt auszutreiben und überall Gefahren zu sehen.

Unsicherheitsfaktor

Einen kleinen Unsicherheitsfaktor im Agieren Pjöngjangs könnte die Entwicklung des Wetters bereithalten. Wenn das Wetter in diesem Jahr tatsächlich verrücktspielen sollte und für größere Schäden sorgen sollte, als das gewöhnlich der Fall ist, würde dies die Handlungsspielräume der Führung in Pjöngjang verändern bzw. verengen. Noch ist die Nachfolge nicht abgeschlossen und eine weitreichende humanitäre Katastrophe könnte in der Bevölkerung für Unmut sorgen. Daher sollte man ab und zu die Augen zum Himmel heben und auf aufziehende Stürme achten, sie könnten auch politische Wirkung haben.

Veranstaltungstipp

So, damit bin ich auch schon fast durch, möchte aber noch schnell auf eine Veranstaltung hinweisen, deren Besuch sicherlich für alle, die hier mitlesen eine höchstinteressante Sache wäre. Das GIGA in Hamburg lädt für den 5. September zu der hervorragend besetzten Veranstaltung aus der Reihe GIGA-Forum: Nordkorea nach Kim Jong II: Einblicke in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft„. Es wird Vorträge vom deutschen Botschafter in Pjöngjang, Gerhard Thiedemann (ich habe mir sagen lassen, dass es sehr lohnend ist ihn mal sprechen zu hören) und dem NDR Journalisten Mario Schmidt, der bis 2010 Ostasienkorrespondent der ARD war, geben. Die Moderation übernimmt mit Patrick Köllner ebenfalls ein ausgewiesener Experte und hervorragender Wissenschaftler. Die Veranstaltung ist kostenlos und man muss sich nicht anmelden. Zumindest für die Nordlichter unter Euch dürfte das eines der wenigen Highlights im Nordkorea-Jahreskalender sein, also schauts Euch an.

Qualitätskontrolle? Die KCNA-Berichterstattung zum Besuch von Johannes Pflug in Nordkorea


Johannes Pflug von der SPD ist wohl einer der Parlamentarier des Deutschen Bundestags, der sich mit am Besten auskennt in und mit Nordkorea. Als erfahrener Außenpolitiker mit Fokus auf Ostasien (u.a. ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe) ist er schon häufiger nach Nordkorea gereist, seit 2004 so etwa im Zweijahresturnus. Dort trifft er sich auch regelmäßig mit den zuständigen Leuten und hat freundliche Gespräche mit ihnen (um die KCNA Berichterstattung zu den Besuchen zusammenzufassen).

Was er ihnen (oder anderen) aber in all der Zeit scheinbar noch nicht vermitteln konnte ist sein richtiger Name. Denn irgendwie wird er in den Pressemeldungen seit 2006 meist „Plug“ genannt. Ich meine, dass die nordkoreanischen Journalisten manchmal etwas unvorsichtig mit Namen (oder Geschlechtern) umgehen, ist ja nicht neu. Aber wenn man jemanden schon so oft empfangen hat, könnte man ja meinen, dass man sich mal irgendwann anguckt, wie der denn jetzt heißt. Ist ja auch irgendwie recht unhöflich das nicht zu machen.

Aber stimmt. Das scheint auch einer gemacht zu haben. Und zwar 2004, als der Name noch richtig geschrieben war und 2012 bei seiner Ankunft in Pjöngjang vor ein paar Tagen (das scheint man dann aber wieder ganz schnell vergessen zu haben). Aber das ist noch nicht das Seltsamste an der Sache. Die richtige Schreibweise für den Namen gibt es nämlich nur in dem Artikel auf der alten KCNA-Seite. Auf der neuen Seite (müsst ihr leider selbst raussuchen. Aber gebt einfach „Plug“ in das „Suche-“Fenster ein. Das geht am schnellsten) ist der ansonsten gleiche Artikel mit dem falsch geschriebenen Namen versehen. Es scheint also bei der Artikelübernahme durch die Agentur sowas wie eine partielle redaktionelle Überarbeitung zu geben. Komisch nur, dass derjenige, der das korrigiert hat, nicht auch mal über die anderen „Plug-Artikel“ geschaut hat. So riesig ist das Nachrichtenaufkommen von KCNA ja auch wieder nicht. Interessant jedenfalls. Ich wüsste mal gerne, wie die Arbeitsprozesse zwischen den beiden KCNA-Armen aussehen. Denn eine redaktionell Änderung wie diese habe ich bisher noch nie gesehen.

Ob ihn seine Gesprächspartner auch immer mit…

…“Mr. Plug“ oder so ansprechen?

Leider gibt es ansonsten nicht wirklich viel über Pflugs Reise zu berichten. Aber vielleicht veröffentlicht er ja was dazu, fände ich jedenfalls wie immer eine interessante Angelegenheit. Und vielleicht liest er ja irgendwann auch mal, was KCNA so zu seinem Besuch schreibt und wundert sich, wie konsequent sein Name falsch geschrieben wird. Und vielleicht wird dann bei seinem nächsten Besuch in zwei Jahren dann sein Namen richtig geschrieben. Wir werden sehen, in ein paar Jahren.

(Update) Propaganda verstehen lernen mit Nordkorea: Nordkoreanische Dokumentation „Propaganda“


Update (31.05.2012): Eben hat mich Thomas zurecht darauf hingewiesen, dass ich vielleicht ein bisschen mehr Vorsicht bei der Bewertung der Filmchen hätte walten lassen können und wenn ich so drüber nachdenke hat er eindeutig recht. Die erste Frage bezieht sich auf den verpixelten Sprecher. Bei dem kann man sich zurecht fragen: Warum ist der verpixelt. Eine naheliegende Antwort ist: Weil er ein Südkoreaner ist und ihn ein solcher Auftritt ganzschön in Schwierigkeiten bringen kann. Das hat sich aufgrund seiner Seoul-Sprache auch erhärtet. Hätte ich von da aus allerdings weitergedacht, hätte ich mich auch noch gefragt, warum er der einzige Sprecher ist, der da auftritt. Vielleicht ja, weil kein nordkoreanischer Sprecher zur Verfügung stand, weil der Film im Süden produziert wurde?

Außerdem kann man noch auf die sehr gute Übersetzung verweisen. Allerdings lässt sich das auch klären, wenn man der Uploaderin der Videos glaubt, dass sie die Filme selbst synchronisiert hat. Das lässt sich aber alles nicht nachprüfen. Weiterhin habe ich ja schon auf die „Fehler“ wie den Verweis auf Verbündete als potentielle Ziele für „Krieg gegen Terror“ verwiesen und auch angemerkt, dass sowas aus Nordkorea bisher nicht zu sehen war.

Also läge wohl eine „idealistische“ Produktion von Freunden Nordkoreas im Süden nahe. Allerdings müssen das dann große Idealisten sein. Der Film ist ja schon recht aufwändig zusammengeschnitten, da stecken also einige Stunden Arbeit drin. Da müsste also einer mit viel Zeit und vermutlich auch etwas technischem Know How (und eventuell Zugang zu Bildarchiven (weiß ich nicht) am Werk gewesen sein. Ich weiß nicht, aber das passt für mich ähnlich schlecht, wie die Story einer Produktion in Nordkorea.

Keine Ahnung, ich weiß es nicht, aber eins weiß ich: Ich sollte künftig ein bisschen kritischer mit solchen Sachen umgehen. Wie unangenehm das werden kann, wenn man sein Hirn ausschaltet, bevor man schreibt, davon kann ja gerade ein amerikanischer Journalist ein Lied singen, der eine Story über angebliche Missionen amerikanischer Spezialkommandos in Nordkorea geschrieben hat, was ihm ziemlich auf die Füße geknallt ist, obwohl er nicht inkorrekt zitiert hat.

Ursprünglicher Beitrag (31.05.2012): Eben habe ich ein interessantes Youtube-Filmchen gesehen, auf das ich euch gerne aufmerksam machen möchte. Dieses Filmchen finde ich so besonders interessant (normalerweise widme ich ja Youtube-Videos sehr selten einen ganzen Artikel), weil es sich dabei um eine sehr aktuelle nordkoreanische Propaganda-Doku handelt. Die trägt auch  noch lustigerweise den Titel „Propaganda“ und behandelt die mannigfaltigen Spielarten westlicher Propaganda zur Gehirnwäsche der 99 % Beherrschten durch das 1 % der Reichen und Mächtigen. Leider kenne ich keine anderen Eckdaten zu dem Film und kann noch nicht mal mit hundert Prozentiger Sicherheit beschwören, dass der Film authentisch ist (allerdings fände ich andere Erklärungen über die Herkunft des Films auch in Verbindung mit dem Inhalt echt abenteuerlich) also wenn jemand mehr dazu weiß, dann kann er es ja posten. Ich fände es zum Beispiel auch interessant zu wissen, ob der Film oder Teile davon je in Nordkorea ausgestrahlt wurden, halte das aber für unwahrscheinlich. Allerdings finde ich es auch interessant, dass man so einen Film nur für den externen Gebrauch produziert.

Verderbtheit des Westens zeigen

Der Inhalt des Filmes ist wirklich interessant: Eigentlich wird darin an so ziemlich alles angeknüpft, das man an der westlichen Welt irgendwie kritisieren kann. In den ersten beiden Teilen (es sollen insgesamt neun sein), findet man hauptsächlich recht deutlichen Antiamerikanismus gemischt mit Konsumkritik und dem Hinweis auf die ungleiche Verteilung von Macht und Produktionsmitteln. Im zweiten Teil gibt es dann noch Religionskritik, die aber mit Antiamerikanismus etc. vermischt wird. Die Zielrichtung ist schon jetzt deutlich. Es soll die Krankheit und Verderbtheit der westlichen Welt gezeigt werden. Wenn man zu den eher zart besaiteten Gemütern gehört, sollte man sich überlegen, ob man den Film anschauen will. Da werden nämlich recht häufig sehr drastische Bilder gezeigt um die Brutalität und Unmenschlichkeit der USA zu belegen.

Für nordkoreanische Verhältnisse sehr mordern: „Generation-MTV“ im Visier?

Auch technisch finde ich den Film recht interessant. Ich kenne mich nicht wirklich mit solchen Dingen aus, aber wenn ich es einschätzen müsste, würde ich sagen, das richtet sich an die MTV-Generation. Die ist zwar auch nicht mehr wirklich up-to-date, aber für nordkoreanische Propaganda doch recht modern. Die Filmchen sind in kurze Sequenzen mit eindrucksvollen Bildern und kleine Zitate zerhäckselt, die nur von der Stimme aus dem Off zusammengehalten werden, die den roten Faden erklärt. Außerdem nutzt man auch hier die interessante Technik, die auch Kim Myong-chol, mein Lieblingspropagandalautsprecher nahezu perfektioniert hat. Man reißt irgendwelche Zitate von Instanzen, die nur schwer anfechtbar sind, mehr oder weniger stark aus dem Zusammenhang und verleiht dem Ganzen damit einen gewissen Eindruk von Seriosität. Hier beruft man sich gerne auf Noam Chomsky (was auch naheliegt, weil er der US-Politik ja nicht gerade unkritisch gegenübersteht), aber auch Seneca oder Adolf Hitler kommen zu Wort (Nazibilder sind eh recht beliebt, besonders um dann Bezüge in die Gegenwart, z.B. ähnliche Gesten, aufzuzeigen).

Interessantes Propagandadokument

Naja, das ganze Filmchen ist jedenfalls ein interessantes Propagandadokument im doppelten Sinne. Man lernt, was man in Nordkorea unter Propaganda versteht (Werbung, PR, Wahlkampf etc.) und kriegt das mit Hilfe feinster propagandistischer Methoden vermittelt. Spannende Sache.

Nur fürs Ausland?

Ebenfalls spannend finde ich wie gesagt die Zielgruppe dieses Films. Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass sich das in erster Linie an (junge) Südkoreaner richten sollte und in zweiter Linie an Menschen in aller Welt. Dadurch, dass man so viele Punkte abgrast, in denen Gesellschaftskritik teilweise nicht ungerechtfertigt ist, hofft man wohl, eine breite Gruppe von Leuten anzusprechen. Als Indiz dafür würde ich beispielsweise die Nazibezüge nehmen, die in aller Welt wohl als bekannt vorausgesetzt werden können. In Nordkorea bin ich mir aber nicht so sicher. Daneben finde ich es auch interessant, dass beispielsweise der Sudan und vor allem Simbabwe und Myanmar direkt genannt werden als Länder, die bei einem echten Krieg gegen den Terror auch angegriffen werden müssten. Eigentlich bemüht man sich ja um gute  Beziehungen zu den Führern dieser Staaten (beim Sudan bin ich mir nicht ganz sicher. Man hat sehr schnell den Südsudan anerkannt), aber sowas ist ja nicht gerade nett. Das einzige Motiv, das mir dafür einfällt, ist eine Art opportunistische Anbiederung an linksgerichtet Leute in westlichen Staaten.

Ein bisschen verstehe ich jetzt die südkoreanische Angst vor nordkoreanischer Propaganda

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Filmchen nicht nur bei Irrlichtern und Verschwörungstheoretikern (aber bei denen besonders) auch in unseren Breiten auf Zustimmung oder zumindest Interesse stoßen wird. Ganz ehrlich gesagt verstehe ich heute zum ersten Mal wirklich, warum sich südkoreanische Regierungen Sorgen vor der nordkoreanischen Propaganda machen. Aber schauts euch einfach mal selbst an. Ich bin jedenfalls auf die nächsten Teile gespannt…

A Quiet Opening. North Koreans in a Changing Media Environment — Spannende Studie zum Wandel des medialen Umfelds für die nordkoreanische Bevölkerung


Immernoch nicht viel Zeit, aber um euch auf einen interessanten Bericht hinzuweisen, der gestern veröffentlicht wurde, reicht es noch geradeso. „A Quiet Opening. North Koreans in a Changing Media Environment“ befasst sich mit dem veränderten Zugang der nordkoreanischen Bevölkerung zu ausländischen Medien. Die Studie wurde von einem Informationsconsulting Unternehmen durchgeführt und von der US-Regierung bezahlt. Damit trägt man wohl der Annahme Rechnung, dass viele Kenner der Materie Nordkorea annehmen, dass durch eine erhöhte Medienpenetration langfristig ein Wandel in der nordkoreanischen Bevölkerung ausgelöst werden könnte.

Die üblichen methodischen Schwierigkeiten, aber ausgewogen und reflektiert

Ich habe die Studie bis jetzt nicht ganz gelesen, sondern nur die Findings und den methodischen Teil. Dabei hat mir sehr gut gefallen, dass die Autoren die Schwächen der Studie nicht verschweigen (Repräsentativität, Informationsquellen) und daher vor einer Überinterpretation warnen. Was ich gelesen habe klingt ausgewogen und durchdacht und macht nicht den Anschein, als habe man auf Teufel komm raus daran gearbeitet, das vorher definierte Ergebnis zu erhalten.

Aber wie gesagt, muss sich die Studie mit den Schwächen rumschlagen, die alle derartigen Arbeiten aufweisen. Es gibt eben nur die Flüchtlinge als direkte Informationsquellen. Und die stellen eben eine besondere Bevölkerungsgruppe dar, von der man nicht wirklich weiß, wie sehr sie mit den restlichen Nordkoreanern, die im Land bleiben zu vergleichen sind. Ihre Wahrnehmung des Landes, aus dem sie — oft unter Lebensgefahr — geflohen sind, könnte Einfluss auf die Erinnerungen und Ansichten haben und daher muss man damit immer vorsichtig sein. Aber wie gesagt, dass sprechen die Autoren auch sehr offen an und daher kann man ihnen keinen Strick daraus drehen, man kann ja nur mit den Infos arbeiten, die man hat.

Die Ergebnisse bestätigen bisherige Annahmen

Die Ergebnisse der Studie bestätigen weitgehend das, was man bisher häufig vermutet hat:

  • Der Zugang zu ausländischen Medien ist gestiegen und vor allem südkoreanische DVDs spielen eine Rolle.
  • Wer ein ausländisches Informationsmedium nutzt, versucht Zugangn zu weiteren zu bekommen.
  • Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Zugang zu ausländischen Medien und der Sicht auf das Ausland.
  • Wer mehr Zugang hat sieht das Ausland positiver, was quer zur nordkoreanischen Staatspropaganda läuft.
  • Je einflussreicher (und damit wohl auch materiell reicher jemand ist) desto einfacher ist der Zugang zu ausländischen Medien.
  • Innerhalb der Bevölkerung spielt Mundpropaganda als Informationsmittel immernoch eine entscheidende Rolle.

Zugang zu Informationen langfristig ein Katalysator für Wandel

Die Autoren sehen in diesen Entwicklungen und daraus resultierenden einen möglichen Kern von so etwas wie einer Zivilgesellschaft, wobei dieser Weg noch weit ist. Insgesamt sei aber nicht zu erwarten, dass der erweiterte Zugang kurzfristig zu Veränderungen führe. Allerdings sei auch nicht zu erwarten, dass das Regime nochmal einen Damm gegen den Informationsfluss errichten können würde. Daher seien langfristig Veränderungen durchaus zu erwarten.

Naja, klingt soweit für mich alles schlüssig und ich werde mir das definitiv in den nächsten Tagen mal genauer anschauen, wenn ich wieder mehr Zeit habe. Solange müsst ihr aber natürlich nicht warten. Hier gehts zur druckfrischen Studie

Die Rattenfänger von Pjöngjang — Hintergründe zur jüngsten anti-Lee-Kampagne


Von der nordkoreanischen Propaganda ist man ja einiges gewohnt. Neben einem kreativen Umgang mit der Realität pflegt man in den journalistischen Produktionsstätten des Landes auch einen sehr kreativen Umgang mit der Sprache. Besonders wenn es darum geht, die politischen Gegner aus dem Ausland und vor allem aus den USA und Südkorea zu diffamieren, verfügt man über einen schier unerschöpflichen Schatz von Beleidigungen, die mitunter eine leicht humoristische Note annehmen (ich persönlich finde den “ just like a thief crying „stop the thief““-Spruch irgendwie immer witzig) und die nach Bedarf kombiniert werden können (der „random insult generator“ von NK News.org trifft es ganz gut).

„Ratstorm“

Aber der „shitstorm“ der momentan durch Nordkoreas Medien schwappt, ist wohl bisher präzedenzlos. Seit ungefähr einer Woche hat man sich auf Lee Myung-bak eingeschossen und beschimpft ihn als Ratte oder ratten-ähnlich (es gibt mittlerweile 70 Artikel, in denen die Phrase „rat-like“ vorkommt und alle stammen aus den letzten acht Tagen). Vor drei Tagen hat man dann auch noch angefangen „satirische Cartoons“ zu veröffentlichen, die alle eins gemeinsam haben. Sie zeigen wie der „Ratten-Lee Myung-bak“ getötet wird (in Stücke gehackt, stranguliert, zerquetscht usw.). Ganz ehrlich gesagt finde ich die Bilder schon ziemlich krass scheußlich und wenn ihr sie euch angucken wollt, findet ihr zum Beispiel hier eine Sammlung (irgendwie widerstrebt es mir, sie direkt zu verlinken).

Ratte? Warum Ratte? Ach deshalb…

Eigentlich habe ich mich schon relativ bald nachdem die Rattengeschichte angefangen hat gefragt, was zur Hölle das denn jetzt auf einmal soll und nachdem man das so forciert hat, habe ich mal nachgelesen. Scheinbar ist diese Sache mit der „Ratte“ nicht den Köpfen der nordkoreanischen Propaganda entsprungen, sondern geistert schon seit längerer Zeit durch das südkoreanische Netz. Der einfache Hintergrund: Die Wörter die Lees Namen und das Wort „Ratte“ beschreiben schreiben sich ähnlich und daher war das Wortspiel für seine politischen Gegner wohl naheliegend. Auf den Cartoons findet sich übrigens noch ein anderer „Spitzname“ Lees: 2MB. Auch hier schreiben sich „2“ und „Lee“ gleich. Der Witz: Das Ganze soll als Angabe über das Fassungsvermögen seines Hirns verstanden werden. Manchmal haben die Ratten die gerade erschossen, erstochen oder sonstwas werden, eben noch die Aufschrift „2MB“ irgendwo drauf.

Wo die Story herkommt

Auf die Idee für diese tollen Cartoons und das neue Motiv scheinen die Propagandisten in Pjöngjang vor einiger Zeit gekommen zu sein, als sie eine Story aus Südkorea aufschnappten.

Der Denkanstoß? Diffamierendes Bild Lees mit Rattenmotiv (das "G" auf seiner Armbinde)

Danach hat sich die Kreativabteilung wohl die Köpfe heiß gedacht und pünktlich für die Nachwehen des gescheiterten Raketenstarts und der entsprechend extrem verschärften Kriegsrhetorik der letzten Tage, die neue Rattenkampagne an den Start gebracht. Laut nordkoreanischer Propaganda ist die Ursache des ganzen Buheis, die mit massiven (Gewalt-)drohungen gegen Lee und südkoreanische Medien (wobei ich mir unter den angekündigten „special actions“ auch was asymmetrisches wie eine Hackerattacke vorstellen könnte) einhergingen, eine Beleidigung der Würde der obersten Führung des Landes. Um genauer zu sein regt man sich extrem drüber auf, dass Lee gesagt hat, Pjöngjang hätte das Geld, dass für die Geburtstagsfeierlichkeiten Kim Il Sungs und den gescheiterten Satellitenstart ausgegeben wurden, besser verwenden können. Aber wenn man die Meldungen von KCNA in den Wochen davor durchschaut, dann sieht man, dass man nur nach irgendeinem gangbaren Grund gesucht hat, um sich in seiner Würde verletzt zu fühlen. Wenn es nicht diese Aussage Lees gewesen wäre, dann irgendeine andere.

Nach innen Zusammenhalt stärken…

Aber warum dann diese schrillen Töne? Nach innen hin folgt das Ganze wohl dem altbekannten Motiv: Wenn die Situation in der Welt bedrohlicher wird (sogar wenn selbst verursacht, aber das dürften die Menschen in Nordkorea vermutlich aufgrund der ausführlichen „Information“ durch die Medien anders sehen), halten die Menschen noch enger zusammen und denken garnicht erst darüber nach, ob es Sinn macht, der Führung zu folgen, ob wirklich ein dreißigjährige der Richtige Führer ist und ob das Land jetzt wirklich den Status „Reich und Mächtig“ erreicht hat.

…und nach außen Rattenfängerei?

Vielleicht soll die Kampagne sogar auch nach außen, oder vielmehr auf die Lee kritischen, progressiven Kreise Südkoreas wirken, die ja schließlich den „Ratten-Spitznamen“ erfunden haben, dann könnte man im doppelten Sinne von Rattenfängerei sprechen (einmal die in den Cartoons abgebildete und dann noch die damit intendierte). Vielleicht dachte man, sich gewissen Kreisen anbiedern zu können, indem man signalisiert: „Wir denken genauso wie ihr. Wir übernehmen sogar eure Schmähungen. Ihr seid durch uns besser vertreten.“ Ob das funktionieren wird, finde ich allerdings fraglich. Einerseits ist diese Kampagne so widerlich, dass man schon hartgesotten sein muss, um sich davon überzeugen zu lassen. Andererseits kriegt man in Südkorea wohl nur wenig davon mit. Das Nationale Sicherheitsgesetz verbietet es, die nordkoreanischen Propagandaorgane im Netz zu lesen (bzw. macht es unmöglich) und die südkoreanischen Medien haben recht wenig davon berichtet.

Ärgerlich aber nicht gefährlich

Alles in Allem ist diese Kampagne bisher schrill und ekelhaft, vielleicht sogar besorgniserregend, aber zum Glück nicht gefährlich. Ich hoffe die nordkoreanischen Strategen begnügen sich damit, irgendwas zwischen Abscheu und Belustigung in der Welt geweckt zu haben und verspüren nicht das Bedürfnis, den Drohungen, die mit alldem verbunden sind, Taten folgen zu lassen. Leere Drohungen aus Pjöngjang sind ja schließlich nicht das Neuste vom Neuen, aber dass es auch folgenschwere Ausnahmen gibt, hat sich in der Vergangenheit ja bereits wiederholt gezeigt.

Erbfolge? Hier doch nicht…

Um diese unerfreuliche Geschichte noch etwas versöhnlich bis lustig abzuschließen möchte ich euch noch kurz mitteilen, worin das Regime in Pjöngjang heute einen Angriff auf die Würde der obersten Führung sah. Und zwar hat sich ein Berater Lee Myung-baks doch tatsächlich erdreistet, dass System Nordkoreas als Erbfolgesystem zu bezeichnen. Also sowas. Wie er da nur drauf kam? Hat ja vor ihm auch noch niemand gewagt.

Also wenn man in Pjöngjang darin jetzt schon eine Ehrabschneidung sieht und jedem drohen will, der das behauptet, dann hat KCNA in Zukunft aber viel zu tun. Ich glaube es gibt international nur wenige Medienorgane, die nicht schonmal sowas von sich gegeben haben. Naja…

Noch ein bisschen musikalische Untermalung zur Kampagne. Sogar der Bandname dürfte in Pjöngjang positiv gesehen werden. Ob man Campino aber für ein reunion Konzert in Pjöngjang gewinnen kann, ist fraglich…

„The Kim’s Speech“ — Kim Jong Un: Machthaber oder Repräsentant


Heute ist die nordkoreanische Feierwoche mit einer großen Parade und der Ehrung der Ahnen durch Kim Jong Un zuende gegangen und zum Schluss gab es nochmal ein Special. Neben dem vorzeigen neuen Materials, das in den nächsten Tagen und Wochen Militäranalysten beschäftigen wird (und das keine extremgroße Überraschung war) wurde auch noch etwas verkündet (was ich ja auch zu den möglichen Ergebnissen der Woche gezählt hatte). Dabei ist einerseits interessant, was verkündet wurde, wobei ich bisher nur grobe Informationen finden konnte. Danach hat Kim Jong Un angekündigt, die Songun-Politik seines Vaters, nach der dem Militär eine herausgehobene Position im Staat zukommt (aber nicht die Führung), fortzuführen, die feindlichen Beziehungen zu anderen Staaten zu verbessern (und Korea zu vereinigen, aber das ist ja Staatsräson) und dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung „die Gürtel nicht wieder enger schnallen“ müsse. Vor allem finde ich aber spannend, dass es eben Kim Jong Un war, der da gesprochen hat und nicht ein hochrangiges Mitglied der Regimeelite. Damit ist er noch näher an die Bevölkerung herangetreten und andererseits auch aus dem Schatten seines Vaters heraus, denn der hatte während seiner gesamten Amtszeit nicht annähernd soviel in der Öffentlichkeit gesprochen, wie das sein Sohn am heutigen Tag getan hat.

Nein, er stottert nicht.

Ich hatte vor einigen Monaten ja schonmal darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, wenn Kim Jong Un stottern würde und daran ein paar Überlegungen über die Position eines Herrschers angestellt, der das Tabu des „seine Stimme nicht dem Volk schenken“ bricht oder brechen muss. Naja, jetzt wissen wir es jedenfalls. Kim Jong Un stotter nicht.

Nein, das ist jedenfalls nicht sein Problem.

Neue Transparenz?

Er kann sogar ganz gut vor ziemlich vielen Leuten reden. Aus der Tatsache, dass er das auch getan und bewiesen hat, lässt sich schon eine Art von neuem „Herrschaftsstil“ sehen, den er schon unmittelbar nach Machtantritt angedeutet hat. Er wirkt näher am Volk und ist mehr Repräsentant als nur Herrschaftsfigur, die nur aufgrund ihrer Macht etwas Besonderes ist. Man könnte das als eine neue Art von Transparenz sehen und in diese Kategorie auch einordnen, dass das Regime ausländische Journalisten und Raumfahrtexperten zu dem Raketenstart eingeladen hat und das man das Scheitern des Starts eingestand. Auch die „Netzoffensive“ des Regimes, in deren Rahmen in den letzten Jahren mehrere Internetseiten von Staatsmedien Online gingen, könnte man dort einordnen.

Überlegungen zu Kims Auftritt.

Wie all das zu bewerten ist, dafür gibt es natürlich eine große Zahl von Interpretationen, aber ich finde zwei grobe Richtungen, in die man denken kann, für recht schlüssig.

Kim der Machthaber

In der ersten Überlegung besitzt Kim Jong Un tatsächlich eine weitreichende Autorität im Regime und zwar, seit sein Vater sich für ihn als Nachfolger entschieden hat. Seitdem hatte er einige Gestaltungsmöglichkeiten und hat sich daran gemacht, die Repräsentation des Regimes zu modernisieren und für seine Zeit vorzubereiten. Die Veränderungen in der Repräsentation sind sozusagen sein erster Schritt in der Nachfolge und er sieht die Notwendigkeit, anders gegenüber der Bevölkerung als auch gegenüber der Außenwelt zu wirken. Das könnte auch ein Ergebnis des Gedankens sein, dass es in Zukunft nicht unbegrenzt möglich sein wird, die weitgehende Informationsabschottung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Man erkennt sozusagen die Notwendigkeit, die Bevölkerung für die neue Zeit (also die Welt, in der die Menschen in den meisten anderen Ländern leben) heranzuführen und macht sich auf diesen langen und steinigen Weg. Kims Auftritt wäre dann ein Teil davon.

Kim der Repräsentant

Die zweite Überlegung sieht in Kim Jong Un vor allem das, als das er heute aufgetreten ist. Als Repräsentant eines Regimes. Es gab schon früher Überlegungen darüber, inwiefern sein Vater die absolute Macht überhaupt innehätte oder ob er vielleicht mehr das Gesicht des Regimes sei und die wichtigen Entscheidungen im Kollektiv getroffen würden. Viele Experten glauben, er habe bis zu seinem Ende weitgehend allein geherrscht und es deutet vieles darauf hin, dass das so war (so wird als ein Hauptgrund für den Raketenstart sein Wille genannt, den er vor seinem Tod geäußert habe). Das muss dann aber noch lange nicht heißen, dass das auch bei seinem Sohn so ist. Möglich, dass nun die Entscheidungen im Regime kollektiv getroffen werden, also eher nach dem chinesischen Modell. Dann wäre Kim Jong Un vielleicht ein Teil dieser Entscheidungsfindung in der Gruppe. Aber seine wichtigste Funktion wäre es, das Regime vor allem der Bevölkerung gegenüber zu vertreten und sozusagen das Charisma seines Großvaters in der Gegenwart zu verkörpern um Legitimität gegenüber dem Volk zu erhalten oder wieder zurückzugewinnen. Außerdem sind die ideologischen Grundlagen der Herrschaft in Nordkorea, die jeder „Bürger“ (das ist eigentlich das falsche Wort) seit seiner Kindheit eingehämmert bekommt, auf einen Führer an der Spitze des Staates ausgerichtet. Wie die Menschen reagieren würden, wenn man diesen Aspekt in Frage stellen und nach außen hin als kollektive Führung auftreten würde, ist nicht absehbar. Vielleicht fürchtet man dieses Risiko und behält daher einen Repräsentanten. Kurzfristig hieße das, Kim Jong Un trifft kaum Entscheidungen, er vertritt sie nur. Aber langfristig ist er trotzdem in einer strategisch günstigen Position. Denn so weit wie er jetzt schon gekommen ist, wird es kaum möglich sein, ihn einfach zu ersetzen. Das Regime hängt von ihm ab. Und auf die lange Frist kann er daraus dann tatsächliche Macht entwickeln.

Spannende Zeit hinter uns. Interessante Zeit vor uns!

Naja, die nordkoreanische Woche ist jetzt erstmal vorbei und in den nächsten Tagen wird es jede Menge Nachlese geben. Viele Leute die sich echt mit der Materie auskennen werden viel schreiben und sagen und wir werden vielleicht ein bisschen schlauer sein, aber auf jeden Fall jede Menge Meinungen kennen. Gleichzeitig wird sich die Welt weiterdrehen. In Nordkorea wird man zeigen, wie man mit dem gescheiterten Raketenstart umgeht und ob man auf die verfeindeten Staaten zugehen will, oder das Gegenteil. Gleichzeitig wird man sich in diesen Ländern überlegen müssen, wie man mit der neuen Führung, die erstmal im Sattel zu sitzen scheint umgeht, denn man weiß ja vermutlich auch nicht vielmehr, als wir und das wird man so schnell auch nicht rauskriegen, wenn man nicht ein paar Gespräche führt. Kurz: Die Zeiten bleiben spannend.

Whatever happened to…CNC — Wurde die Wundertechnologie mit Kim Jong Il begraben?


Kennt ihr CNC? Wenn ihr in den letzten Jahren hin und wieder mal bei KCNA oder einem anderen nordkoreanischen Propagandaorgan mitgelesen habt, oder euch auch Bilder des großen Arirang-Festivals angeschaut habt, dann wurdet ihr sicherlich schonmal damit konfrontiert.

Und wenn ihr dann ein bisschen weitergelesen habt, dann wisst ihr auch, dass CNC für Computerized Numerical Control, also Computergestützte numerische Steuerung steht und dass diese Technologie der nordkoreanischen Wirtschaft früher oder später zum Durchbruch verhelfen wird. CNC wurde quasi zum Allheilmittel aller Probleme erhoben (und wenn man dieser, eher technischen Bewertung aus Südkorea glauben schenken darf, dann steht Nordkorea garnicht so schlecht da in diesem Bereich.). Es wurde viel darüber geschrieben, was es mit dieser leicht obskuren Vernarrtheit in diese Technologie (die sicherlich nicht ohne Nutzen für die Wirtschaftliche Entwicklung ist, aber eben auch nicht alleine für den Aufschwung sorgen kann) auf sich hat. Die meiner Meinung nach treffendste Analyse liefert Andrei Lankov, der solchen Technologiefetischismus in eine Traditionslinie stalinistischer Staaten stellt und das quasi als Eigenschaft solcher Staaten beschrieb, die sich aus den Bedürfnissen der jeweiligen Führer nach wirtschaftlichem Erfolg speiste, die den realen Entwicklungen entgegenlief. Hierfür nennt Lankov auch Nordkoreas CNC-Wahn als Beispiel.

CNC kaum noch in den Medien vertreten

Umso interessanter, dass sich die nordkoreanische Euphorie für CNC in den vergangenen Monaten merklich abgekühlt zu haben scheint. Um genauszusein wurde es in diesem Jahr erst zweimal im Zusammenhang mit den Erinnerungen an Kim Jong Ils Großtaten erwähnt und einmal im Neujahrseditorial (aber da auch recht lieblos im Vergleich zu den Vorjahren). Dagegen gab es in den letzten drei Monaten des Vorjahres allein 5 Unternehmensporträts, die sich auf CNC beriefen, daneben einige Nennungen von CNC bei Vor-Ort-Besichtigungen Kim Jong Ils (das kann man natürlich schlecht vergleichen, weil Kim Jong Un bisher kaum industrielle Anlagen besucht hat) und einige weitere Nennungen in Artikeln, so dass das Wort in dieser Zeit insgesamt 26 Mal erwähnt wurde. Besonders bemerkenswert finde ich dabei die Nennungen bei Unternehmensporträts, denn solche Porträts gab es auch in den letzten drei Monaten, nur dass man da nichts von CNC lesen konnte.

Zeichen deuten auf erkaltete Liebe zum Thema

Natürlich sind drei Monate noch nicht viel und daher würde ich das noch nicht als endgültigen Beleg dafür sehen, dass Pjöngjangs heiße Liebe für CNC plötzlich erkaltet ist. Ein Hinweis ist es trotzdem, genauso wie die lieblosere Behandlung des Themas im diesjährigen Neujahrseditorial. Dann bleibt nur noch die Frage: Wieso könnte das so sein. Bei denjenigen, die sich des Themas in der Zeit vor Kim Jong Ils Tod angenommen hatten, wurde häufiger darüber spekuliert, ob die CNC-Begeisterung von Kim Jong Un herrühren würde und das sozusagen einer seiner Beiträge zur Entwicklung des Landes sein könnte. In Lankovs Beitrag zu dem Thema findet sich jedoch auch eine andere Möglichkeit. Er schreibt, dass in Stalinistischen Ländern der Technikfetischismus von den Führern ausgeht, die versuchen das Scheitern der Wirtschaft durch eine neue Wundertechnologie zu verhindern.

Nicht nur die Liebe zu CNC wurde begraben…

So könnte man sagen, die Liebe des nordkoreanischen Regimes für CNC mag parallel mit ihrem heißesten Verfechter erkaltet (also jetzt wortwörtlich) sein. Möglicherweise hat das Regime das Wundermittel zur Wirtschaftsrettung (oder zumindest seine propagandistischen Auswüchse) zusammen mit Kim Jong Il beerdigt (scheinbar hat Kim Jong Il dem Regime hinsichtlich CNC nichts ins Stammbuch geschrieben. Im Gegensatz zu dem Satellitenstart). Dann wäre es jetzt an Kim Jong Un, eine neue allesrettende Technologie zu finden und zu verfechten. Oder man wendet sich in Pjöngjang etwas von solcher technologischer Obskurität ab und versucht mal realistische Auswege aus der wirtschaftlichen Misere. Auch das halte ich nicht für völlig unwahrscheinlich.

Kleine Relativierung

Ein kleines relativierendes Element habe ich noch, zu meinen CNC-Überlegungen. Natürlich wäre es auch möglich, dass man mit der neuen Führung neue wirtschaftliche Prioritäten gesetzt hat. Dann würde die kaum vorhandene Berichterstattung über CNC nichts mit einem geringeren Interesse an dem Thema zu tun haben, sondern nur damit, dass man sich für die Sektoren, in denen CNC genutzt wird, weniger interessiert. Das alles wird sich vermutlich über eine längere Beobachtungsperiode herausstellen. Also mal abwarten und schauen, ob CNC doch noch nicht propagandistisch tot ist.

Nur ein Gerücht? — Implikationen der Gerüchte über Kim Jong Uns Ermordung für das Regime in Pjöngjang: Die Gefahr autonomer Kommunikationskanäle


Es war ja schon zu Kim Jong Ils Lebzeiten nichts ungewöhnliches, dass allerlei Gerüchte über ihn die Runde machten. Und je mehr Teilnehmer und damit Gewicht soziale Plattformen wie Twitter und Facebook bekamen, desto viraler und rasender verbreitete sich das Ganze dann. Da zeigt sich auch ganz gut das Risiko der sozialen Medien, denn nicht die Nachrichten, die solide belegt waren verbreiteten sich am schnellsten und stärksten, sondern vor allem die, die besonders spektakulär waren. Nicht ohne Grund kam Joshua von One Free Korea mit seiner „Kim Jong Il Death Watch“-Reihe auf beachtliche 10 Artikel, in denen er sich mit Gerüchten über Kim Jong Ils Tod befasste.

Kim Jong Un ist tot. Nur ein Gerücht!…Nur ein Gerücht?

Jetzt ist Kim II tatsächlich tot und ihm folgte Kim III — nicht nur als zumindest nomineller Führer seines Regimes, sondern auch als Ziel von Gerüchten über seinen Tod. Gerade in der aktuell fragilen Zeit, in der viele Augen nach Pjöngjang schauen, werden Indizien schnell zur Grundlage von Gerüchten. Und Gerüchte verbreiten sich ja wie gesagt unter den Bedingungen des Internet ja wie gesagt blendend. Daher ist es auch nicht weiter überraschend, dass sich gestern bei Weibo, dem chinesischen Pendant von Twitter, Meldungen über Kim Jong Uns Ermordung rasend verbreiteten und dann irgendwann auch von westlichen Medien aufgegriffen wurden und auch innerhalb von ein paar Stunden auf diesem Blog auf der Freien Beitragsseite ankamen (Danke für den Hinweis Tobias und franticek). Grundlage des Gerüchts war eine ungewöhnlich große Zahl von (Rettungs-)Fahrzeugen vor der nordkoreanischen Botschaft in Pjöngjang. Und dann ging eben alles seinen Weg (ein ausführlicher Bericht zur Genese des Gerüchts gibts bei North Korea Tech).

Von der niedrigen Trefferquote von  Gerüchten im Fall Nordkorea

Mit Gerüchten ist das ja nun immer so eine Sache. Manchmal haben sie eine Grundlage in der Realität, meistens aber nicht. Ich glaube dass dieses Mal letzteres zutrifft. Jedoch ist es nicht undenkbar, dass Kim Jong Un irgendwann einem Attentat zum Opfer fällt, oder zumindest Pläne für seine Ermordung geschmiedet werden. Schließlich gibt es ja auch deutliche Hinweise, dass sein Vater wiederholt Ziel von Anschlägen oder Putschversuchen war (und der hatte vor seinem Start als Spitze des Regimes mehr Zeit, alles vorzubereiten und die Gefolgschaft auf Linie zu brzwingen). Daher sollte man die Gerüchte auch nicht immer so einfach abtun, jedoch immer erstmal als das behandeln, was sie sind. Unbestätigte Gerüchte eben. Einen Hinweis, dass man Gerüchte nicht überbewerten sollte liefern jedoch auch die Ereignisse um Kim Jong Ils tatsächliches Dahinscheiden. Denn was es im Vorfeld der Verkündigung seines Todes eben nicht gab, waren irgendwelche Gerüchte über seinen Tod. Der Informationsfilter von Nordkorea nach außen hat also bisher noch blendend funktioniert.

Die Wirkkraft von Gerüchten, unabhängig vom Wahrheitsgehalt

Interessant ist das Aufkommen von Gerüchten auch im Hinblick auf Nordkoreas vorsichtige Öffnung gegenüber dem WWW. Natürlich sind bisher nur einige Propagandaorgane des Regimes online und verbreiten Informationen in alle Welt. Aber einerseits weiß man nicht, inwiefern auch über das nordkoreanische Intranet eine zunehmende Vernetzung möglich ist. Auch die eine Million Mobilfunknutzer in Nordkorea sind nicht zu unterschätzen. Mit zunehmender Möglichkeit zur Vernetzung und damit wachsenden Datenmengen, die auszuwerten sind, dürfte es dem Regime immer schwerer fallen, jede SMS und jede E-Mail zu lesen. Und wie die vermutlich eher wenig Medienkompetenten nordkoreanischen Mediennutzer mit Gerüchten umgehen (immerhin war bisher alles was an Nachrichten oder Informationen verbreitet wurde, irgendwie von staatlicher Seite als „wahr“ bestimmt), muss sich erst noch zeigen. Auch ein anderes Moment würde ich nicht ganz außer Acht lassen. Je mehr Propagandalautsprecher Zugang  zum Netz haben (und damit die Möglichkeit zur direkten Verbreitung), desto größer ist auch dort die Fehleranfälligkeit. Natürlich wird es dort mannigfaltige Schutzmechanismen gegen die Verbreitung ungewollter Nachrichten geben, aber undenkbar ist es nicht, dass entweder durch „bösen Willen“ Einzelner, oder durch individuelle Fehler Meldungen veröffentlicht werden, die so nicht nach außen dringen sollten. Und sowas ist unter den Bedingungen des WWW eben nicht mehr einzufangen. Auch wenn es nach innen hin recht schnell behebbar sein wird. Früher waren bei Staatsstreichen immer Fernsehsender und Radiostationen zentrale Ziele von Putschisten. Heute dürften auch Schnittstellen zum Netz interessante Ziele darstellen, denn sie lassen sich vielleicht auch ohne dauerhafte Übernahme, für Attacken einer Art „Informationsguerilla“ nutzen.

Implikationen für Nordkorea: Risiken von Informationsfreiheit erkennen und bewerten

Das alles sind zwar eher Zukunftsträume und ich glaube nicht, dass Gerüchte oder echte Informationen von innen oder außen das Regime in Pjöngjang in naher Zukunft ernsthaft ins Wanken bringen werden. Jedoch haben die Ereignisse der arabischen Rebellion (bevor man den Frühling tatsächlich einläutet, sollte man genau im Auge halten, ob nicht der Winter nochmal zurückkommt) gezeigt, wie schnell Informationen die sich nicht mehr einfangen lassen eine Dynamik entwickeln. Daher bin ich mir sicher, dass das Regime in Pjöngjang sehr genau beobachtet, wie sich die verschiedenen Möglichkeiten zur Vernetzung und zur informationellen Unabhängigkeit auf die Kontrollmöglichkeiten von Regimen auswirkt. Gerade die Tatsachen, dass die jüngsten Gerüchte in China entstanden sind, wird zu denken geben. Daher wird man sich vermutlich sehr genau überlegen, wie weit man der eigenen Bevölkerung die Möglichkeit geben will, autonom zu kommunizieren und sich unabhängig von der Regierung zu vernetzen.

Das Regime werkelt an der Büchse der Pandora

Das ist im Endeffekt eine recht einfache Kosten-Nutzen-Abwägung für das Regime und ich stelle mir die Frage, wo der Nutzen ist? Die Kosten bzw. Risiken sind ja bekannt. Daher kann ich mir vorstellen, dass man weiterhin sehr vorsichtig sein wird, was das Öffnen weiterer unabhängiger Kommunikationskanäle innerhalb des Landes angeht und erst Recht, was Kanäle von außen nach innen betrifft. Nur der umgekehrte Weg wird vermutlich weiter vorangetrieben werden. Die Frage ist nur, ob man mit der breiten Einführung von Mobilfunk nicht schon die Büchse der Pandora geöffnet hat und einer breiten Bevölkerungsgruppe Möglichkeiten gewährt hat, die nicht mehr beschränkt werden können. Das wird mittelfristig auf jeden Fall ein Thema sein, dass man sehr genau m Auge behalten sollte.

Nordkoreas Netzoffensive geht weiter: Rodong Sinmun mit englischem Internetauftritt


Kurz möchte ich auf den neuesten Baustein in Nordkoreas internationaler Medien/Propagandaoffensive aufmerksam machen. Wie ich eben bei North Korea Tech gesehen habe, hat die Rodong Sinmun, das Organ der Partei der Arbeit Koreas nach dem koreanischsprachigen nun auch einen englischsprachigen Internetauftritt. Leider kann ich nicht wirklich nachvollziehen, ob alle Artikel der Tageszeitung dort übersetzt werden, oder nur ein Teil, aber es scheint mir, als sei letzteres der Fall. Jedenfalls sind im Archiv Artikel ab dem 1.12.2011 vorzufinden. Die Artikel sind einerseits inhaltlich ähnlich wie bei KCNA gegliedert und andererseits nach den Artikelarten „Editorial“, „article“, „Commentary“ und „Document“. Während in der ersten Gliederung vor allem von KCNA übernommene Inhalte zu finden sind, gibt es unter der zweiten Gliederung fast nur Selbstproduziertes zu lesen, das teilweise auch nicht bei KCNA erschienen ist.

Interessant ist weiterhin, dass ein Teil der Artikel mit Autorennamen gekennzeichnet ist, die nordkoreanische Presse kommt also ein Stück weit aus ihrer Anonymität. Das äußere der Seite ist zwar einfach, aber wie ich finde doch relativ gefällig (mir persönlich gefällt es besser als der Auftritt von KCNA). Ein letzter Punkt ist mir noch aufgefallen, den ich sehr interessant finde: Anders als bei KCNA haben die Führer keine gesonderten Kategorien, sondern Kim Jong Il und Kim Jong Un laufen gemeinsam unter „Supreme Leaders‘ Activities“. Das nenne ich konsequent. Schließlich sind Kim Il Sung, Kim Jong Il und Kim Jong Un eins, da können sie auch in einer Kategorie stecken. Bin gespannt, was als nächstes in englischer Sprache zu sehen ist: Simultan gedolmetschte Treffen der Obersten Volksversammlung? Kim Jong Uns Führerblog? Abwarten…