Kim Jong Uns Neujahrsansprache: Viel Lärm um Nichts oder echter Silvesterkracher?


Kaum fährt man mal für ein paar Tage weg und verzichtet vollkommen auf die Segnungen der modernen Kommunikation und schon packt der junge Diktator in Pjöngjang mal wieder eine programmatische Rede aus, die Leute in aller Welt dazu bewegt, soviel Text zu produzieren, dass ich vermutlich das erste Drittel des neuen Jahres (ich hoffe für euch wird es ein frohes (das waren meine guten Wünsche, mehr gibts nicht)) damit zubringen könnte, die Sekundärliteratur zu Kim Jong Uns Neujahrsansprache auszuwerten. Da ich aber solange nicht mit dem Bloggen warten will (und ich hoffe ihr auch nicht), habe ich mich für eine andere Herangehensweise entschieden. Ich verzichte erstmal auf die Sekundärlektüre und überlege für mich und euch, was es mit Kim Jong Uns Rede so auf sich hat.

Der Kontext der Neujahrsansprache

Dazu erstmal eine kontextuelle Einordnung: Die Neujahrsansprache bietet inhaltlich so ziemlich genau das, was in den vergangenen Jahren die sogenannten „Joint New Year Editorials“ der wichtigsten nordkoreanischen Medienorgane geboten haben. Wer sich ein solches Editorial mal durchgelesen hat (hier habe ich das zum Beispiel gemacht), dem werden die Ähnlichkeiten in der Struktur auffallen. Auf einen Jahresrückblick, der sich auf verschiedene Felder von Politik und Gesellschaft beziehen folgt ein eher programmatischer Teil, in dem allgemeine Ziele für die Entwicklungen in verschiedene Wirtschaftbereichen formuliert werden, Hinweise zur Entwicklung der Parteiorganisation und des Militärs gegeben werden und auch außenpolitische Pflöcke eingeklopft werden. (Hier die ganze Rede auf Deutsch und auf Englisch). Von der Länge her fiel die Rede Kim Jong Uns zwar ein gutes Stück kürzer aus als das Editorial, aber da es dieses Jahr nichts dergleichen gab und wie gesagt, strukturell starke Ähnlichkeiten zwischen Rede und Editorial bestehen, setze ich deren inhaltliche Funktionen erstmal ein Stückweit gleich. Das Editorial ersetzte wohl hauptsächlich die Reden Kim Jong Ils, der ja nicht unbedingt als Vielredner bekannt war und da Kim Jong Un die Tradition der Neujahrsansprache, die auch Kim Il Sung regelmäßig hielt, wieder aufzunehmen scheint, wird das Editorial als programmatischer Rahmen wohl nicht mehr gebraucht.

Fragen zur Analyse

Die Interpretation der Rede erschöpft sich aber nicht nur in der inhaltlichen Betrachtung, sondern umfasst auch noch einige andere Ebenen. Zur umfassenden Analyse würde ich mir folgende Fragen stellen:

  • Was hat Kim Jong Un gesagt?
  • Was hat Kim Jong Un gemeint?
  • Was ist die Funktion Kim Jong Uns als Redner?
  • Wie ist die Rede von ihrer Tragweite her zu bewerten?
  • Wer formuliert eine solche Rede?
  • Wie ernst sind die Aussagen der Rede zu nehmen?

Die Tatsache, dass ich mir diese Fragen stellen würde, bedeutet noch lange nicht, dass ich sie auch beantworten kann. Das kann ich leider nicht (vielleicht wäre ich sonst schon reich und berühmt…), aber immerhin kann ich zu jedem der Punkte ein paar Überlegungen anstellen.

Was hat Kim Jong Un gesagt?

Diese Frage habe ich ja eben schon zum Teil beantwortet. Er hat eine Neujahrsansprache in der Tradition seines Großvaters gehalten und dabei neben einer Art Jahresrückblick auch einen Ausblick auf die programmatischen Zielsetzungen im kommenden Jahr gegeben. Und die dort getroffenen Aussagen lassen durchaus aufmerken. Besonders stark finde ich die folgenden Absätze:

Der Aufbau einer Wirtschaftsmacht ist heute die wichtigste Aufgabe, die bei der Erfüllung der Sache zum Aufbau eines mächtigen sozialistischen Staates im Vordergrund steht.

Uns obliegt es, beim wirtschaftlichen Aufbau die schon erreichten Erfolge weiter zu festigen und zu entwickeln und dadurch unser Land auf die Stellung der Wirtschaftsmacht im neuen Jahrhundert gebührend zu heben und den Wunsch Kim Jong Ils, der sein ganzes Leben dafür einsetzte, dass unser Volk ein wohlhabendes Leben führt, ohne jemanden in der Welt beneiden zu müssen, in die Tat umzusetzen. […]

Erfolge beim wirtschaftlichen Aufbau müssen im Leben des Volkes zum Ausdruck kommen. Es ist unumgänglich, große Kräfte dafür einzusetzen, die Bereiche und Einheiten, die mit dem Volksleben in direkter Beziehung stehen, auf die Beine zu bringen und die Produktion zu erhöhen, damit dem Volk im Leben mehr Wohltaten zuteil werden.

Diese Ankündigungen, das wirtschaftliche Wohlergehen der Bevölkerung künftig stärker in den Blick zu nehmen war bisher das deutlichste Signal in diese Richtung und übertrifft die bisher immer wieder zitierte Aussage Kim Jong Uns deutlich, dass in Zukunft niemand mehr den Gürtel würde enger schnallen müssen. Solche klaren Aussagen kommen in der nordkoreanischen Bevölkerung, die sonst eher an leise Zeichen und Zwischentöne gewöhnt ist, vermutlich an wie Donnerschläge.

Die militärische Kraft ist eben die nationale Stärke, und in der allseitigen Stärkung der militärischen Kraft liegen das starke Land und das Glück und Wohlergehen des Volkes. Wir sollten unter dem hoch erhobenen Banner von Songun für die Verstärkung der militärischen Macht weiterhin größere Kraft einsetzen, dadurch die Sicherheit des Vaterlandes und die Souveränität des Landes zuverlässig verteidigen und zum Schutz der Sicherheit in der Region und des Friedens in der Welt beitragen. […]

Dem Bereich Verteidigungsindustrie obliegt es, mehr Spitzenbewaffnungen unseres Typs, die zur Verwirklichung der militärstrategischen Ideen der Partei beitragen können, herzustellen und so seiner Mission als Waffenarsenal der starken Revolutionsarmee von Paektusan gerecht zu werden.

Das klingt zwar spektakulär, aber im Endeffekt klingt es auch nach dem, was Jahr für Jahr im Neujahrseditorial stand. Allerdings ist auch hier die Deutlichkeit mit der Kim nach einer Fortsetzung der Rüstungsbemühungen ruft frappierender als in der Vergangenheit.

Die Vereinigung des Vaterlandes ist die größte dringende Aufgabe der Nation, die keinen Aufschub duldet, und ein lebenslanger Wunsch der großen Generalissimusse und ein von ihnen hinterlassener Hinweis.

Kim Il Sung und Kim Jong Il, Väter der Nation und Retter des Vaterlandes für die Vereinigung, denen wie keinem anderen das Herz vor dem Leiden der nationalen Spaltung blutete, setzten zeitlebens ihre ganze Kraft und Seele darein, unseren Landsleuten ein vereinigtes Vaterland zu schenken, und schufen so eine feste Grundlage für die selbstständige Vereinigung und das friedliche Gedeihen des Landes. […]

Welche Prüfungen und Schwierigkeiten auf dem Weg der Vereinigung des Vaterlandes auch vor uns liegen mögen, werden wir mit zusammengeschlossener Kraft der ganzen Nation auf dem 3000 Ri großen Territorium unbedingt einen mächtigen vereinigten und aufblühenden Staat errichten.

Klingt auch spektakulär, ist es aber eigentlich noch weniger als die vorher aufgeführten Aussagen. Denn was Kim Jong Un da sagte, kann man ziemlich genau so auch im Neujahrseditorial des Vorjahrs nachlesen. Fast könnte einem der Verdacht kommen, da sei garnichts am Text geändert worden.

Gemäß den Forderungen der fortschreitenden Wirklichkeit sind die wirtschaftliche Leitung und Verwaltung zu verbessern.

In allen Bereichen der Volkswirtschaft muss man die wirtschaftliche Operation und Leitung aufeinander abstimmen, um alle Reserven und Möglichkeiten maximal zu mobilisieren und so einen Aufschwung in der Produktion zu vollbringen, den gegenwärtigen Plan und die perspektivische Entwicklungsstrategie in jeder Etappe wissenschaftlich aufstellen und standhaft durchsetzen. Wir sind verpflichtet, nach dem Prinzip, die sozialistische Wirtschaftsordnung unserer Prägung zuverlässig zu verteidigen und die werktätigen Volksmassen als Herren in der Produktionstätigkeit ihrer Verantwortung und Rolle gerecht werden zu lassen, die wirtschaftliche Verwaltungsmethode ständig zu verbessern und zu vollenden und die guten Erfahrungen breit zu verallgemeinern, die in verschiedenen Einheiten geschaffen wurden.

Interessant und neu finde ich diese Bezüge zum wirtschaftlichen Management, die eine Anpassung der Unternehmenssteuerung an die Realität und einer permanenten Verbesserung der Verwaltungsmethoden fordern.

Was hat Kim Jong Un gemeint?

Das weiß natürlich nur Kim Jong Un, aber wenn man das, was Kim Jong Un in diesem Jahr gesagt hat mit dem vergleicht, das im letzten Jahr im Neujahrseditorial stand, dann bekommt man eine Ahnung davon, was für ihn wichtige Punkte waren und was nicht. Ein Signal an Südkorea hat er nicht ausgesandt und was ein Zeichen für mögliche Reformen im wirtschaftlichen Bereich angeht, so sind diese wenn überhaupt vorhanden dann doch nur schwach. Deutlich ist das Signal an die Bevölkerung, nach dem man Zukunft mehr Kraft auf eine Verbesserung des Lebensstandards verwenden will. Ebenfalls deutlich ist der beruhigende Hinweis an das Militär, nach dem man auch in Zukunft kräftig rüsten will, es also bei den Generälen keine Sorgen um die eigenen Pfründer geben muss.

Insgesamt waren die wirklich wichtigen Aussagen der Ansprache klar nach innen gerichtet, während die Hinweise nach außen eher unambitioniert klangen. Das könnte man als Hinweis darauf sehen, dass das nächste Jahr weiterhin eher im Zeichen der inneren Konsolidierung zu sehen ist, bevor sich das Regime den Beziehungen zu anderen Staaten ernsthaft zuwenden will.

Was ist die Funktion Kim Jong Uns als Redner?

Die Tatsache, dass Kim Jong Un eine programmatische Neujahrsansprache gehalten hat, sollte man nicht über- aber auch nicht unterbewerten. Es ist nunmal sein selbstgewählter Führungsstil, dass er anders als sein Vater eher repräsentativ auftritt und sich in Reden an sein Volk wendet. Dazu gehört auch und vor allem eine Neujahrsansprache. Allerdings signalisiert der Auftritt, dass er für die ganze Führung Nordkoreas spricht und damit auch alle Flügel bzw. funktionalen Teile der Führung hinter sich hat.

Wie ist die Rede von ihrer Tragweite her zu bewerten?

Vor allem die deutlichen Signale Kim Jong Uns an seine Bevölkerung, nach der das Regime sich künftig mehr um das materielle Wohl der Menschen kümmern zu wollen sollte in ihrer möglichen Wirkkraft nicht unterschätzt werden. Kim Jong Un setzt seinem Regime hohe Ziele und verspricht den Menschen eine bessere Zukunft. Aktuell sorgt das möglicherweise wirklich für Zuversicht in der Bevölkerung. Aber irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird sich die Führung an diesen konkreten Zielsetzungen messen lassen müssen. Und wenn da dann die eigenen Versprechen nicht eingelöst werden können, dann wandelt sich die Zuversicht, die die Neujahrsbotschaft Kims schürte, sich schnell in Unmut verwandeln.

Wer formuliert eine solche Rede?

Das wüsste ich wirklich mal gerne. Keine Ahnung, aber ich vermute mal, dass Kims Rede in diesem Fall ähnlich wie die Neujahrseditorials entstehen. Ich finde es nicht abwegig, dass es sich dabei um ein kooperatives Produkt verschiedener Personen bzw. Organisationen handelt, die jeweils die eigenen Erfolge und Ziele darstellen. Sortiert und geordnet wird es dann möglicherweise von einigen wenigen Führungskräften. Wie viel davon Kim Jong Un selbst beiträgt ist unmöglich zu sagen, solange man nicht weiß, wieviel faktische Macht er innehat und wieviel er von anderen abhängig ist, bzw. sogar gesteuert wird.

Wie ernst sind die Aussagen der Rede zu nehmen?

So wie ich die Rede verstehen hat sie einen programmatischen Charakter. Sie stellt Ziele und ideale dar, aber es ist eigentlich klar, dass nicht alle Ziele abgearbeitet werde (können). Im Endeffekt ist das soähnlich wie ein Parteiprogramm oder eine Koalitionsvereinbarung. Man setzt sich Ziele und versucht das zu erreichen. Dass am Ende nicht alles gehalten werden kann, ist schon vorher fast klar. Allerdings sind solch starke Schlaglichter wie das auf das materielle Wohl der Bevölkerung dahingehend ernst zu nehmen, dass die Führung sich nach solchen Ankündigungen kaum mehr ernsthaften Bemühungen entziehen kann, das Thema anzugehen. Es sind also Maßnahmen zu erwarten und wenn die ausbleiben, fällt das den Menschen wahrscheinlich schon auf.

So, dass waren jetzt meine Eingangsgedanken zu dem Thema. Ich werde mal sehen, was ich in den nächsten Tagen alles dazu lesen kann und euch eine kleine Sammlung von Analysen und Meinungen zusammenzustellen.

Der Wald und die vielen Bäume — Einige Fragen zur Annäherung an das große Ganze


Nachdem ich dem Blog ein paar Tage ohne mich abzumelden ferngeblieben bin (ich hatte viele kleine Sachen zu machen, die zusammen einen großen Berg ergaben), bin ich jetzt endlich mal so weit, dass ich was schreiben kann. Wie so oft, wenn man sich nach einiger Zeit nochmal eingehend mit der Materie befasst, fängt man an, ein bisschen mehr den Wald zu sehen und ein bisschen weniger die einzelnen Bäume (weshalb ich es nach wie vor für heilsam halte, ab und zu ein paar Schritte rückwärts zu gehen). Das soll keine Kritik an denen sein, die sich mehr für einzelne Bäume interessieren und weniger für den ganzen Wald (schließlich besteht der überwiegende Teil meines Blogs aus der Betrachtung einzelner Bäume), aber ab und zu sollte man eben auch das Ganze anschauen und sich überlegen, was da die Fragen sind, die es momentan zu stellen gilt. Gerade vor dem Hintergrund der ablaufenden Machtkonsolidierung der neuen Ordnung nach Kim Jong Il, sollte man das mal tun.

Ein Baum. …

…Viele Bäume. … Und der Wald? …

…Irgendwo dahinten.

Naja und da mein Objektiv momentan eher auf Weitwinkel steht, dachte ich, versuche ich mal den ganzen Wald aufs Bild zu bekommen. Das soll und kann allerdings nicht heißen, das ich in der Folge versuchen werde, Nordkorea „als Ganzes“ zu erklären oder so einen Quatsch. Stattdessen will ich einfach eine Sammlung von Fragen machen, auf die es soweit ich das sehe, bisher keine abschließenden Antworten gibt, die aber für die nähere und entferntere Zukunft Nordkoreas entscheidend sein werden. Eigentlich werde ich also kein Foto, sondern ein Negativ produzieren. Ich werde aufzeigen, was wir alles nicht sehen.

Machtstrukturen im Regime

Der erste Komplex von Fragen, die indirekt immer wieder gestellt werden (oft in Form von vorgeblichen Antworten, die manche Presseerzeugnisse zu haben glauben), bezieht sich auf die Machtstrukturen des Regimes nach Kim Jong Ils Tod. Es ist schon viel spekuliert, gemutmaßt und analysiert worden und einiges davon war bestimmt richtig, aber wir wissen im Endeffekt nur sehr wenig. Aber sehr wenig ist immernoch mehr als nichts:

  • Es gab Verschiebungen innerhalb der Regimeführung, vor allem beim Militär. Einige der Leute, die schon unter Kim Jong Il, aber in Verbindung mit der Wahl Kim Jong Uns als Nachfolger, ihren Aufstieg begonnen haben, sind noch wichtiger geworden (z.b. Choe Ryong-hae (siehe unten in den Kommentaren) Kim Jong-gak). Andere sind überraschend aus der Führung entfernt worden (z.B. Ri Yong-ho).
  • Jedoch sind andere Bereiche der Führung eher konstant geblieben. Sowohl was die Regierung, als auch den diplomatischen Apparat, das Parlament und die Partei angeht, sind Änderungen weitgehend ausgeblieben.
  • Jang Song-thaek, dem Mann der Schwester Kim Jong Ils, Kim Kyong-hui, scheint tatsächlich eine wichtige Rolle zuzukommen. Er trat nach Kim Jong Ils Tod erstmals mit Militäruniform auf, spielte aber auch im außenpolitischen Bereich, z.B. durch seine China Reise im vergangenen Monat eine wichtigere Rolle.
  • Es scheint innerhalb der Führung eine größere Arbeitsteilung bei der Repräsentation gegenüber der Bevölkerung zu geben. Noch zu Lebzeiten Kim Jong Ils hatte Choe Yong-rim begonnen, eigenständige Vor-Ort-Anleitungen durchzuführen. Diese wurden seit dem Tod aber noch verstärkt und auch der Militär jetzt in Uniform steckende (siehe in den Kommentaren) Choe Ryong-hae durfte ein bisschen Vor-Ort-anleiten. Möglich, dass es das auch schon vorher gab. Aber jetzt wird darüber berichte. Das Regime bekommt also mehr Gesichter.
  • Es gab einzelne Entwicklungen, die von außen betrachtet auf eine inkonsistente Politik hindeuten und mit dem Agieren unterschiedlicher Interessen erklärt werden können. Dass die Führung eine Vereinbarung mit den USA über umfangreiche Lebensmittellieferungen schloss, nur um kurze Zeit später einen Raketenstart anzukündigen, der die Vereinbarung nichtig machte und die Atmosphäre zwischen den beiden Staaten weiter vergiftete, ist mit anderen Gründen nicht leicht zu erklären.

Allerdings sagen diese Beobachtungen wenig darüber aus, was tatsächlich im inneren der Führung geschieht. Hier sind allenthalben nur offene Fragen zu sehen:

  • Waren die Machtverschiebungen im Militär vorab geplant, das Ergebnis von internen Machtkämpfen oder ein Schritt Kim Jong Uns, unbequeme Akteure zu entfernen?
  • Sind die Veränderungen im Regime abgeschlossen, oder besteht weiterer Handlungsbedarf?
  • Haben interne Machtkämpfe Einfluss auf die Politik des Regimes und führen solche Machtkämpfe zu Inkonsistenzen.
  • Hat sich das Gewicht zwischen den verschiedenen institutionellen Machtpolen im Regime verschoben (beispielsweise zuungunsten des Militärs)?
  • Hat sich mit der stärkeren Repräsentation des Regimes nach außen, durch einzelne Akteure auch die Macht stärker verteilt?
  • Welche Position hat Jang Song-thaek (gemeinsam mit seiner Frau Kim Kyong-hui) innerhalb des Regimes? Hat er ein eigenes übergreifendes Machtsystem unabhängig vom institutionellen Machtgleichgewicht etabliert oder stützt er sich auf einzelne Institutionen und Organisationen innerhalb des Regimes, hat jedoch Widersacher in anderen Institutionen?
  • Wie passt Kim Jong Un in das Bild des neuen Regimes?

Und Kim Jong Un?

Die letzte Frage führt zu einem neuen Themenkomplex, denn einerseits könnte die Bedeutung des jungen Kim für die Zukunft seines Landes ähnlich groß sein, wie es die seines Vaters war, andererseits ist es aber auch möglich, dass sein Gewicht überschätzt wird (also ihr wisst wie ich meine…) und er weniger Einfluss hat, als das nach außen hin scheint. Daher erstmal ein Blick auf das was wir wissen.

  • Kim Jong Un hat nach außen hin eine Rolle inne, die der seines Vaters sehr ähnlich ist. Er macht Vor-Ort-Anleitung, wird als der Führer des Landes behandelt und hat die entsprechenden formalen Positionen eingenommen.
  • Er sieht seinem Großvater Kim Il Sung sehr (verblüffend) ähnlich und scheint diese Ähnlichkeit durch Kleidungsstil und Auftreten noch unterstreichen zu wollen.
  • Sein Stil in der Öffentlichkeit unterscheidet sich deutlich von dem seines Vaters. Er hält öffentliche Reden und scheint einen besseren Draht zu den Menschen zu haben. Er tritt gemeinsam mit seiner Frau auf, was im Falle Kim Jong Ils nicht passierte (jedenfalls wurde es nicht von den Medien thematisiert).
  • In seinen Reden setzt er Akzente, die bisher so nicht gekannt waren (z.B. „Die Menschen sollen den Gürtel nicht mehr enger schnallen müssen“).
  • Er nimmt auch außenpolitische Termine wahr.
  • Über seine Vergangenheit und seine Ausbildung, bis zu dem Moment, als er anfing gemeinsam mit Kim Jong Il aufzutreten, liegen keinerlei gesicherte Erkenntnisse vor.

Hier deuten viele der Dinge, die wir wissen in eine gemeinsame Richtung: Kim Jong Un scheint willens und in der Lage, sein Land zu verändern; Oder um genauer zu sein, zu modernisieren. Allerdings muss man mit dieser Einschätzung nach wie vor vorsichtig sein, denn im Endeffekt beruhen fast alle Informationen, die ich hier aufgelistet habe, auf dem, was uns die Staatsmedien zur Verfügung stellen. Das heißt, es kann der Realität entsprechen, es kann sich aber auch um gezielte Manipulation handeln. Daher stehen noch viele Fragezeichen und einige weitere Fragen hinter der Wahrnehmung Kim Jong Uns als Veränderer:

  • Hat Kim Jong Un tatsächlich Macht im Regime, oder ist er nur ein Pappkammerad zum Vorzeigen, der den wahren Machtzentren innerhalb des Regimes hilft, ihren Einfluss zu wahren?
  • Muss (bzw. musste) er um die Mach kämpfen, oder war das Feld soweit bereitet, dass er schlicht übernehmen musste?
  • Wie ist sein Verhältnis zu seinem Onkel Jang Song-thaek? Hat sich dieser untergeordnet, ist er Strippenzieher oder besteht eine latente Konkurrenzsituation?
  • Gibt es innerhalb des Regimes Faktionen, die glauben ohne ihn auskommen zu können?
  • Hat er die Kompetenz, eigene politische Impulse zu setzen, bekommt er sie eingeflüstert, oder wird ihm seine Agenda gar diktiert?
  • Bestand ein Masterplan für seine Machtübernahme und für die Rolle, die er künftig füllen soll und wie weit reicht/e der?
  • Wie ist er sozialisiert worden und was sind seine Ideale (unabhängig von seinem Einfluss und seinen Kompetenzen)? Glaubt er an das System, dem er vorsteht, sieht er es als Mittel zum Zweck oder gar als Übel, dass es zu verändern gilt?

Die Systemfrage

Mit dieser Frage kommen wir zu einem neuen wichtigen Themenkomplex. Unabhängig davon, wie es um die Stabilität und die Dynamiken des gegenwärtigen Regimes bestellt ist, müssen die Leute, die jetzt an der Macht sind ja politische Ziele mit dem Land verfolgen. Dazu kann ich mir grob drei idealtypische Richtungen vorstellen, die man anstreben könnte: Reform und Öffnung, weiter durchwursteln, oder Widerherstellung der Ordnung, die zu Lebzeiten Kim Il Sungs bestand. Eine Bestandsaufnahme der Situation könnte bei einer Annäherung helfen:

  • Nordkorea leidet unter einem strukturellen Nahrungsmittelmangel, der in einem System, das nach Autarkie strebt, kaum zu beheben sein dürfte.
  • Nordkorea hat Ende 2009 eine Währungsreform durchgeführt, die das Ziel hatte, die vom Staat unabhängige Wirtschaft soweit wie möglich einzudämmen.
  • Die Reform ist fehlgeschlagen und nach wie vor bestehen private Schattenwirtschaften, die eine Bevölkerungsgruppe entstehen lassen, die sich vollkommen unabhängig vom Staat versorgen kann und auf die der Staat kaum noch Zugriff (z.B. auch zur ideologischen Schulung) hat. Die Schattenwirtschaft ergänzt gleichzeitig die staatliche Versorgung mit Lebensmitteln um eine teils lebenswichtige Komponente, bietet aber auch staatlich nicht regulierten Zugang zu Konsumgütern und Informationen
  • Die Wirtschaft des Landes ist durch Sanktionen, aber auch durch systemische Mängel marode und kann innerhalb der aktuellen Rahmenbedingungen wohl kaum wieder in Schuss gebracht werden.
  • Nordkorea zeigt ein gesteigertes Interesse an der Idee von Sonderwirtschaftszonen. Vor allem die zwei SWZ im Norden des Landes genießen große Aufmerksamkeit von Seiten des Regimes. Anders als bei früheren Experimenten mit SWZ scheint dieses Mal ein größerer Wille zum Erfolg zu existieren. Währenddessen scheint die SWZ in Kaesong (gemeinsam mit Südkorea betrieben) zu stagnieren.
  • Das Land driftet zusehends in eine einseitige wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber China und ist aktuell auf die Bereitschaft Pekings angewiesen, Unterstützung zu gewähren.
  • Allerdings scheint man in den letzten Monaten auch immer aktiver um Investoren aus anderen Staaten zu werben.

Ich beurteile die Situation in Nordkorea so, dass ein „Zurück zur alten Ordnung“ nicht mehr möglich ist. Der letzte Versuch in diese Richtung ist mit der Währungsreform 2009 gescheitert. Damit blieben als Optionen ein Durchwursteln, das darin bestünde, so weit wie möglich am aktuellen Status quo festzuhalten, oder Reform und Öffnung, was eine graduelle Integration Nordkoreas in das globale Wirtschaftssystem bedeuten würde. Während die erste Alternative für die Führung möglicherweise den Reiz hat, dass plötzliche Instabilitäten vermieden werden können und so ein Volksaufstand in naher Zukunft weitgehend auszuschließen ist, hat eine die zweite Variante den Vorzug, dass sie bei Erfolg einen langfristigeren Machterhalt verspricht. Einiges deutet auf eine Reformrichtung hin, allerdings ist auch hier die definitive Marschrichtung nicht klar. Das alles wirft einige Frage auf:

  • Ist bereits über die Zukunft des Systems entschieden, oder wird darüber ein interner Diskurs geführt?
  • Sollte eine Richtung beschlossen sein: Herrscht darüber Konsens oder gibt es Elemente, die sich aktiv oder passiv widersetzen?
  • Gibt es innerhalb der Führungsspitze Gruppen, denen das Wohl der Bevölkerung ehrlich am Herzen liegt, oder ist das nur ein Faktor, wenn es um den Machterhalt geht?
  • Sieht man die Abhängigkeit von China als unmittelbare Gefahr oder als mittelbares Risiko?
  • Hat man bereits auf die SWZ als die entscheidende Lösung zur Behebung der wirtschaftlichen Probleme gesetzt, oder ist man noch in einem Stadium, wo man die Bemühungen in diesem Feld jederzeit einstellen kann?
  • Sollen die SWZ für sich genommen die Probleme des Landes lösen oder nur als gut abgeriegeltes Experimentierfeld dienen?
  • Sieht man eine Integration Nordkoreas in das internationale Wirtschaftssystem als vereinbar mit der Stabilität des Regimes an?
  • Kann man andere Partner außer China gewinnen, die bereit sind in die Entwicklung des Landes ernsthaft zu investieren?

Außenpolitik

Irgendwie sind wir damit auch schon beim letzten Themenkomplex angekommen, dem ich mich bei der Waldbetrachtung widmen will. Dem Äußeren. Traditionell mied Nordkorea einseitige Abhängigkeiten und fuhr eine unkonventionelle Außenpolitik, die nicht selten gegen hergebrachte Regeln verstieß, was Nordkorea für Freunde zu einem unbequemen Partner und für Feinde zu einem unangenehmen Gegner machte. Damit fuhr die Führung des Landes relativ gut (es existiert immerhin noch irgendwie in der Form, in der es bis zu den 90er Jahren zu den sozialistischen Staaten wurde. Das können nicht viele andere Staaten von sich behaupten) allerdings führte es auch zu einem permanenten Balancieren auf Messers Schneide. Auch hier will ich erstmal auf die aktuelle Situation schauen.

  • Nordkorea wird von der westlichen Staatenwelt mit den USA an der Spitze und Südkorea und Japan als wichtige regionale Verbündete (wobei Südkorea natürlich nochmal ein Sonderfall ist) als Unruhestifter und latentes Risiko für den Frieden und die Sicherheit in der Region gesehen. Die Gefahr geht dabei von der Kriegsgefahr mit Südkorea aus, aber auch vom Proliferationsrisiko, dass Nordkoreas Nuklear- und Raketenprogramm entspringt. Allerdings könnten Instabilitäten auch von unkontrollierten Flüchtlingsströmen nach einem Regimekollaps herrühren. Eine direkte Bedrohung aus dem Nuklear- und Raketenprogramm des Landes ist bisher und auch in den nächsten Jahren dagegen höchstens für Japan und Südkorea existent und selbst da ist ein Fragezeichen angebracht.
  • Nordkorea strebt zwar eine Wiedervereinigung mit Südkorea an, allerdings nicht nach einem „deutschen Modell“, was für die Eliten einen weitgehenden Statusverlust bedeuten würde. Der Süden dürfte sich aber aktuell kaum zu einer Föderation bereitfinden. Eine Wiedervereinigung wird es vermutlich daher erst nach dem Ende des aktuellen nordkoreanischen Regimes geben.
  • Das Regime in Pjöngjang ist aktuell auf den Schutz und die Unterstützung Chinas angewiesen. Ohne die wäre das Risiko eines Regimekollapses sehr hoch.
  • Russland und Nordkorea haben sich in den vergangen Jahren sachte angenähert, aber aktuell sieht es nicht so aus, als würde Russland mit China um die Rolle als Schutzmacht konkurrieren.
  • Nordkorea scheint seit einiger Zeit auf der Suche nach neuen Verbündeten in der Gruppe der kleinen und mittleren Staaten. Dabei scheint ein regionaler Fokus auf geographisch näheren Staaten zu existieren.
  • Gegenüber den westlichen Staaten stellt das Nuklearprogramm den einzigen Garanten für Aufmerksamkeit dar und ist gleichzeitig die entscheidende Verhandlungsmasse des Regimes. Durch den Aufbau des Zentrifugenprogramms zur Urananreicherung wurde diese Verhandlungsmasse sozusagen in zwei Teile gespalten.
  • Nuklearwaffen stellen eine ziemlich gute Versicherung vor Angriffen von außen dar. Die Geschichte lehrt, dass nuklear bewaffnete Staaten nicht von anderen Staaten attackiert werden. Nordkorea sieht das nach außen hin genauso.
  • In den drei für Nordkoreas Außenpolitik enorm wichtigen Staaten USA, Südkorea und China wird innerhalb des nächsten Jahres gewählt, bzw. es werden neue Personen die Führung übernehmen (wenn sie denn wieder auftauchen).
  • Ohne eine Annäherung mit den USA wird es nicht zu einer Erleichterung der Sanktionen der Vereinten Nationen (und natürlich der USA) kommen. Ohne eine solche Erleichterung dürfte eine Eigliederung in das globale Wirtschaftssystem kaum denkbar sein.

Das alles sieht recht vertrakt aus. Nordkorea braucht den Westen, um sich aus der einseitigen Abhängigkeit von China zu lösen und die eigene Entwicklung anzustoßen (oder alternativ, um den Status quo bestmöglich aufrechtzuerhalten). Dazu muss es aber glaubwürdig machen, dass es bereit ist, sein Nuklea(waffen)programm aufzugeben. Das stellt aber eine entscheidende Versicherung gegen Angriffe von außen dar (wenn er noch leben würde, könnte man dazu Herrn Gaddafi befragen). Insgesamt hängt das außenpolitische Agieren Nordkoreas aber in erster Linie von den  außenpolitischen Zielen des Landes ab. Und die sind mir nicht wirklich bekannt. Daher in der Folge einige entscheidende Fragen:

  • Strebt Nordkorea nach einem Ausgleich mit Südkorea und den USA? Vielleicht vor dem Hintergrund der Abhängigkeit von China und der Unmöglichkeit von Entwicklung bei existierenden Sanktionen?
  • Wird Nordkorea bereit sein, sein Nuklearprogramm ganz aufzugeben? Wenn nicht, will es einen Teil davon als Verhandlungsmasse nutzen?
  • Werden sich die USA von dem Nuklearprogramm überhaupt noch lange locken lassen? Wenn nicht, was sind alternativen?
  • Gibt es außer China potentielle Verbündete für Nordkorea, die bei allen Nachteilen einen Sinn darin sehen, dem Land Schutz und Unterstützung zu bieten (das zielt vor allem auf Russland, aber auch auf kleine und Mittelstaaten).
  • Werden sich aus den Veränderungen in den Führungen Chinas, der USA (vielleicht) und Südkoreas neue Möglichkeiten für Nordkorea ergeben, außenpolitisch zu manövrieren? Wenn nicht: Was sind die alternativen? Neue provokative Aggressionen?
  • Ist Pjöngjang bereit, durch weitere Aggressionen das Risiko eines Krieges auf der Koreanischen Halbinsel in Kauf zu nehmen?

Hm, das waren jetzt viele Fragen. Ich weiß, das waren bei weitem nicht alle, die zu stellen wichtig wäre, aber vielleicht hat es geholfen, den Wald ein bisschen mehr als Wald und nicht als viele Bäume zu zeigen. Ich bin gespannt, ob wir in Zukunft auf die eine oder andere Frage eine Antwort kriegen werden. Außerdem bin ich gespannt, ob es mir helfen wird, die Fragen anzuschauen, wenn ich mal wieder mitten im Wald bin und nur noch Bäume sehe. Mal gucken…

Wie Kim Jong Un dem Fluch der bösen Tat entgehen kann — Er muss seine Unschuld wahren


Vor einem knappen Jahr habe ich mich in einem Artikel damit beschäftigt, ob Kim Jong Il etwas aus Muammar al-Gaddafis Ende lernen könnte. Meine Antwort war „Nein“, denn ich ging davon aus, dass er alle Lehren, die er hätte ziehen können schon vorher gezogen hatte. Gleichzeitig merkte ich an, dass es für ihn und sein Regime ohnehin kein Zurück gebe, da der „Fluch der bösen Tat“ ihn soweit gebracht habe, dass jede Änderung seiner Unterdrückungspolitik seine Chancen mindere in relativem Luxus eines natürlichen Todes zu sterben. Mittlerweile ist genau das eingetroffen (höchstwahrscheinlich) und sein Sohn führt das Land.

Die Rolle von Entschuldigungen

In letzter Zeit habe ich deshalb öfter mal daran gedacht, dass Kim Jong Un nicht gleichermaßen vom Fluch der bösen Tat betroffen ist. Als ich dann heute dieses sehr spannende Interview mit Jennifer Lind las, in dem es um die Rolle der Entschuldigung von Staaten für die Taten ihrer Vergangenheit geht (sie macht ein bisschen Werbung für ihr Buch zu diesem Thema) dachte ich, dass es jetzt an der Zeit sei, was dazu zu schreiben. Vor allem da Nordkorea ja momentan in Gesprächen mit Japan steckt und gerade zwischen diesen beiden Staaten eine Untat der Vergangenheit ein riesiges Problem darstellt (eigentlich mehrere, aber eine behindert alles andere) und eine Entschuldigung vermutlich essentiell ist, um das aus der Welt zu schaffen.

Nordkorea: Ein Zeitpunkt die Verantwortung in der Enführtenfrage zu übernehmen?

Im Zusammenhang mit Japan habe ich darüber nachgedacht, ob es für das Kim Jong Un Regime nicht möglich wäre, das Kapitel der Entführten ein für alle Mal zu schließen. Das heißt im Endeffekt die Verantwortung zu übernehmen. Durch umfassende Aufklärung über den Verbleib der Entführten und durch eine Entschuldigung, natürlich (das ist für Pjöngjang wohl die Prämisse) nicht ohne eine Art von Gegenleistung. Kim Jong Il wollte oder konnte das nicht leisten und das dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass er vermutlich selbst zumindest als Teil der Befehlskette in die Entführungen verwickelt war. Er hätte gegenüber Japan, das mit Nordkorea noch die schwere Erblast der Besatzung teilt, seine eigenen Fehler eingestehen müssen. Nur schwer möglich. Kim Jong Un müsste immernoch den Fehler seiner Vorfahren eingestehen, auch nicht leicht (was, wie Frau Lind sagt, auch im Fall Japans, das ja auch noch die eine oder andere Entschuldigung offen hat, ein großes Problem ist), aber vielleicht leichter ist. Er selbst wäre jedenfalls außen vor, was die Schuld angeht.

Noch ist Kim Jong Un relativ „unschuldig“…

Und damit komme ich zum größeren Bild, denn eigentlich ist er ja generell noch ziemlich „unschuldig“. Als Kim Jong Il die Führung Nordkoreas übernahm zeichnete er bereits für die Sprengung eines südkoreanischen Verkehrsflugzeugs und einem desaströsen Anschlag auf das südkoreanische Kabinett in Rangun verantwortlich. Kim Jong Un hatte hier das Glück, dass er nicht so lange Zeit hatte, in die Amtsgeschäfte eingeführt zu werden. Zum aktuellen Stand wird man dem jungen Mann noch nicht viele Untaten nachweisen können. Die Systeminhärenten Menschenrechtsverletzungen, die nach dem Tod seines Vaters natürlich weitergingen können ihm zwar angekreidet werden, aber mal rein hypothetisch: Wenn er morgen damit begänne, die Menschenrechtslage in seinem Land Stück für Stück zu bessern, dann wäre er eher ein Kandidat für den Friedensnobelpreis, als für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

…aber das wird sich bald geändert haben

Allerdings wird das nicht ewig so bleiben. Will er im immer-weiter-so verharren, dann wird er irgendwann Schuld durch sein Handeln auf sich laden, das ist unumgänglich. Vorher wird er schon Schuld durch sein Nicht-Handeln (weil er die Menschenrechtsverstöße einfach weitergehen ließ) auf sich geladen haben. Ich bin mir sicher, dass der junge Mann irgendwann mal über ähnliche Fragen nachgedacht hat. Die Frage ist nur: Hat er den Mut etwas zu ändern? Hat er die Kraft etwas zu ändern? Und hat er die Kompetenz etwas zu ändern?

Eins, zwei oder drei. Letzte Chance…

Wir werden sehen. Schön wäre es jedenfalls, wenn Kim Jong Un sich wünschen würde, irgendwann mal aus der Politik ausscheiden zu können, ohne vorher gestorben zu sein oder nachher wahlweise am Galgen oder sehr lange in einer Gefängniszelle zu landen und daraus die einzig logische Konsequenz zöge seine Unschuld zu bewahren.

UPDATE (Kim Jong Un verheiratet, 25.07.2012): Die Sache mit der Symbolik: Warum Kim Jong Uns Micky-Moment eigentlich ein Obama-Moment war


Update (25.07.2012): Holla! Das ist ja mal ein Ding (dem ich mich trotz sehr knaper Zeit kurz widmen muss). Hab ich vor ein paar Tagen noch über die symbolische Bedeutung des Auflaufens der jungen Dame neben dem jungen Diktator rumgesponnen, da legt man in Pjöngjang heute noch eine Schippe drauf. Nach ziemlich glaubwürdigen Berichten hat Kim Jong Un tatsächlich seine geheimnisvolle Begleiterin, die jetzt garnicht mehr so geheimnisvoll ist, geheiratet. Die Dame heißt Ri Sol-ju und ist wohl Sängerin. Ich glaube was darüber hinausgeht ist Spekulation. Nichtsdestotrotz wird eines deutlicher. Kim Jong Un pflegt einen anderen Stil und das kann man nicht als unwichtig abtun. Ich habe ja schonmal darüber nachgedacht, dass er durch die reine Tatsache, dass er eine öffentliche Rede gehalten hat, ein ganz anderes Verhältnis zur Bevölkerung hat, als das bei seinem Vater der Fall war. Dass er jetzt soviel Einblick und irgendwie auch Zugriff auf sein Privatleben erlaubt, verstärkt diese Wahrnehmung weiter.

Ursprünglicher Beitrag (23.07.2012): Mit den aktuellen Entwicklungen in Nordkoreas Führung werde ich mich erstmal nicht weiter beschäftigen und abwarten, bis sich all der Staub, der von den jüngsten Ereignissen aufgewirbelt wurde ein bisschen gesetzt hat und man die Konturen des „neuen“ Regimes vielleicht ein etwas besser erkennen kann (alles andere bringt glaube ich eh nicht viel). Allerdings möchte ich mich kurz mit einem anderen Thema befassen, das in den vergangenen Wochen ebenso für wirbelnden Staub gesorgt hat. Es geht um Micky-Mäuse, Rocky und junge Frauen. Also eigentlich geht es nicht wirklich um Micky-Mäuse, Rocky und junge Frauen, sondern mehr um Symbolik. Um genau zu sein  geht es darum, dass manche Dinge auf einem Platz höchste Symbolkraft besitzen, während sie andernorts kaum wahrgenommen werden.

Kim Jong Uns Micky-Moment

Nachdem Kim Jong Un vor zwei Wochen das irgendwie denkwürdige Konzert der neugegründeten Moranbong Band besucht hatte, wurde ja viel über die junge Frau über tanzende Winnieh Puuhs und Mickys und über das Abspielen der Rocky-Musik samt einiger Filmausschnitte geschrieben. Dem wurde eine symbolische Bedeutung in Richtung einer Mickyisierung und damit (ganz klar) Amerikanisierung der nordkoreanischen Gesellschaft zugeschrieben und viele frohlockten, wenn auch vorsichtig, dass Nordkorea nach unseren Kategorien „normal“ würde. Immerhin scheint Kim Jong Un als respektierter Führer seines Landes auch einen eher volksnäheren Führungsstil verfolgen zu wollen, der ihn mehr als ganz normalen Menschen zeigt, der eben auch ein Privatleben hat (was das Vorzeigen der First Lady verdeutlicht).

Ist ein Symbol immer ein Symbol?

Allerdings möchte ich erstmal hinterfragen, wieviel und welche Symbolkraft diese ganze Inszenierung im Endeffekt hatte und damit verbunden überlegen, was das Ziel der Übung gewesen sein könnte.

Micky: Imperialistenmaus in nordkoreanischen Kinderzimmern?

Erstmal zu Micky. Ganz ehrlich gesagt verstehe ich nicht wirklich, wieso man Micky (als Flaggmaus eines der „amerikanischsten“ Konzerne der Welt) und den anderen Disneyfiguren eine großartige Aussage nach innen hin andichten möchte. Um in einer Sache mehr zu sehen, als sie grundsätzlich ist, muss man vorab über die Symbolik hinter dieser Sache informiert sein (Ich erwarte beispielsweise hinter dem Besitzer des Autos mit dem Kennzeichen HH-HH-88 eine ganz bestimmte Art Menschen und generell liegt man mit solchen Vermutungen bei HH-88 Kennzeichen oft auch nicht ganz falsch. Wenn man über die Symbolik hinter den Buchstaben aber nicht informiert ist, dann ist es eben einfach ein Autokennzeichen, das gut zu merken ist).

Das heißt ein Symbol ist nicht zwangsweise für jeden ein Symbol und eine Maus ist nicht zwangsweise der Inbegriff der amerikanischen Konsumgesellschaft. Im Endeffekt heißt das, wenn ich im nordkoreanischen Fernsehen Mickymaus und die anderen Disneyfiguren tanzen lasse, dann denken die meisten Nordkoreaner vermutlich. Oh, eine nette Maus (oder oh, eine hässliche Maus)! Wenn ich Lust habe, kann ich vermutlich auch Micky in einem Zeichentrickfilm gegen die amerikanischen Imperialisten kämpfen lassen und keinem würde das komisch vorkommen. Warum soll also Micky für Wirbel in Nordkorea sorgen. Ich vermute mal, dass Micky höchstens in Spitzenfunktionärskreisen mit der entsprechenden symbolischen Besetzung bekannt ist und die finden das Vorzeigen der Figur vermutlich eher amüsant (eine gesalzene Portion Realitätssinn/Zynismus gehört wohl dazu, wenn man Spitzenfunktionär in Pjöngjang werden will, von daher wird sich das Entsetzen in Grenzen gehalten haben).

Die einzigen, die wirklich eine großartige Symbolik in Mickys Auftritt erkannt haben dürften, dass sind wir. Für uns ist es klar für wen Micky steht und wir können Micky garnicht einfach so als irgendeine Mausfigur denken. Deshalb ist es doch auch naheliegend, dass Micky nur für uns, bzw. für „den Westen im Allgemeinen“ auf die Bühne gezerrt wurde. Mit welchem Ziel? Keine Ahnung, aber wenn man Micky Symbolik unterstellen möchte, dann war es wohl eine an uns gerichtete Symbolik. Wer mag kann ja darüber nachdenken, was man uns damit sagen wollte, aber irgendwas dürfte es gewesen sein.

Rocky: Nichtkoreanischer Underdog beißt sich durch

Als nächstes Rocky. Bei dem ist die Sache schon etwas anders gelagert. Während die Musik zum Film wohl einfach nur Musik ist (auch wenn sie vom Stil her vielleicht etwas anders klingt, als das, was man sonst so in Nordkorea gewohnt ist), ist Rocky natürlich nicht ganz so unpolitisch anzusehen. Offensichtlich handelt es sich um einen martialisch (die Haare) aussehenden Kampfsporttypen im Tanktop. Und, was die ganze Sache interessanter macht: Offensichtlich handelt es sich nicht um irgendeine modernisierte Filmversion irgendeines koreanischen Taekwondo-Heroes. Dazu fehlen ihm einfach einige physiognomische Merkmale und einige Taekwondomoves. Das heißt zwar noch lange nicht, dass die nordkoreanischen Bürger, die einen Ausschnitt von Rocky gesehen haben automatisch denken: „Oh, unser respektierter Führer zeigt uns eine amerikanische ein-Mann-Kampfmaschine mit Hang zum Tragischen, das muss doch was bedeuten“ aber es dürfte auf jeden Fall bemerkenswert gewesen sein. Vielleicht könnte Rocky ja als Ergebnis russischer Filmkunst interpretiert wird (davon gibt es ja scheinbar hin und wieder was zu sehen im nordkoreanischen Fernsehen), aber er dürfte die Leute trotzdem vor einige Rätsel gestellt haben. Allerdings ist eine pro-amerikanische Symbolik vermutlich auch hier für den normalsterblichen Nordkoreaner nicht ersichtlich.

Und wenn man hier schon von Symbolik spricht, so liegt hinter dem Rockyfilm ja ganz sicher ein Motiv, das wir relativ einfach entschlüsseln können: Das des Underdogs, der sich entgegen aller Erwartungen durchbeißt und zumindest moralisch als Sieger aus dem Ring geht. Aber wiederum können eben nur wir und nicht unbedingt die nordkoreanischen Menschen auf der Straße dieses Symbol entschlüsseln. Für die ist das schlimmstenfalls (für das Regime) etwas seltsam.

Junge Frau: Kim Jong Uns Image als volksnaher Erneuerer

Auf großes Interesse und eine symbolische Deutung dürfte dagegen die junge Dame an Kim Jong Uns Seite auch in der nordkoreanischen Bevölkerung gestoßen sein. Was mit den Führern zu tun hat, ist immer irgendwie interessant und wichtig und die öffentlichen Inszenierungen der gemeinsamen Auftritte mit der Dame stellen in der Selbstdarstellung der Kim Familie soweit ich das überschauen kann eine absolute Neuerung dar. Über Kim Jong Ils Privatleben und Beziehungen zu Frauen sind eigentlich immer nur Gerüchte publik bekannt geworden und Kim Jong Ils Mutter Kim Jong Suk starb so früh, dass sie kaum die Möglichkeit hatte, glänzende Auftritte als First Lady hinzulegen. Ich weiß nicht genau, wie es Kim Il Sung in der Folge mit den Frauen hielt, aber mir fällt auch nichts in diese Richtung ein (außerdem wäre es bei der propagandistischen Bedeutung Kim Jong Suks seltsam, wenn eine andere für längere Zeit öffentlich als First-Lady fungiert hätte). Damit hat Kim Jong Un eine Art Tabu gebrochen und das dürfte niemandem verborgen geblieben sein. Dieses Vorgehen könnte in das von mir postulierte Bild eines „volksnahen Führers“ passen. Er ist ein Mensch wie du und ich, er hat ein Privatleben und er verbirgt nichts vor dem Volk.

Außerdem bietet das Hinzufügen eines weiblichen Elements dem Regime die Möglichkeit auch eine weichere Seite zu etablieren. Vielleicht ist die Dame in Zukunft bei Besuchen kultureller Events, vor allem aber bei allem, was mit Kindern, mit Kranken und schwachen zu tun hat, mit dabei. Sie wird sozuagen die mütterliche Kümmerin und tritt damit in die Fußstapfen des Bildes, das um Kim Jong Suk gezeichnet wurde. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, würde aber ganz gut passen. Aber diese Symbolik ist jetzt natürlich noch nicht gegeben. Vielmehr könnte das ein weiterer Schritt Kim Jong Uns gewesen sein, sich selbst als Erneuerer zu präsentieren. Einer, mit dem es kein weiter wie bisher gibt, sondern ein junger Mann, der auch mal gerne dazu bereit ist, ein Tabu zu brechen und alte Zöpfe abzuschneiden. Dieser Schluss ist natürlich auch für die anderen beiden oben genannten Symbole nicht auszuschließen, aber im Zentrum des Interesses der Nordkoreaner dürfte wohl das Auftreten mit der Dame gelegen haben.

Symbol ist nicht (immer) gleich Symbol

Das Bild, das sich aus der Nutzung der oben besprochenen Symbole ergibt ist also zwiespältig. Einerseits muss man bei der Interpretation von Symbolen immer darauf achten, wie verallgemeinerbar die innewohnende Symbolik denn im Endeffekt ist und ob man das Symbol, das man da sieht, auch als solches begreifen kann, oder ob es vielleicht nicht mehr ist, als das was man sieht. Allerdings hat zumindest Kim Jong Uns Auftritt mit der jungen Frau einige Symbolkraft besessen und einen Beitrag zur Imagebildung des jungen Diktators geleistet. Er wird als unkonventioneller volksnaher Erneuerer präsentiert.

Riskantes „Obama-Moment“

Dieses Bild, das um ihn gebaut wird bietet ihm kurzfristig sicherlich einige Möglichkeiten, denn es dürfte Bedürfnisse im Volk zu stillen helfen, die bereits seit Jahren bestehen. Den Wunsch nach einer Veränderung, das heißt Verbesserung der Situation. Diese Hoffnungen befeuert er, durch das Bild, das man für ihn entworfen hat und das bringt ihm aus der Bevölkerung vermutlich erstmal Wohlwollen entgegen, aber eben auch Erwartungen. Kurzfristig dürfte er einen gewissen Vertrauensvorschuss haben, der seine Führung gegenüber einem großen Teil der Bevölkerung legitimieren hilft.

Man könnte das als sowas wie ein Obama-Moment auf nordkoreanisch  bezeichnen. Jedoch hat auch Barack Obama eines erkennen müssen: So ein Moment kann schneller verlorengehen als man denkt und dann steckt man in der Tristess des politischen Alltags fest. Auf nordkoreanisch heißt das: Langfristig muss Kim Jong Un die geweckten Hoffnungen auch einlösen, denn unerfüllte Hoffnung könnte irgendwann zu einem Risiko für ihn werden, da die Erwartungsfreude die erzeugt wurde, die Menschen aus ihrer Lethargie gerissen hat und es später nicht einfach sein dürfte, sie da nochmal reinzuzwingen. Daraus ließe sich für mich der Schluss ziehen, dass all die Spekulationen um Wirtschaftsreformen, Kursänderungen und Öffnung nicht ganz aus dr Luft gegriffen sind (vielleicht stellt sich die Überlegung zu Kim Jong Uns Imagebildung als Wirtschaftsmacher, die ich vor knapp zwei Jahren aufgestellt habe am Ende dann doch noch als zutreffend heraus). Das Regime könnte nach zwanzig Jahren tatsächlich die Überzeugung gewonnen haben, dass ein Weiter so nicht mehr möglich ist. Und je mehr man Kim Jong Un zum Erneuerer stilisiert, desto größer werden die Erwartungen und desto unmöglicher wird es, sich weiter durchzuwursteln. Kim Jong Un ist jung und er scheint auch ein Draufgänger zu sein, er setzt alles auf eine Karte, denn ein Zurück wird tagtäglich schwerer.

Nordkoreanisches Sommertheater: Die aktuelle Personalrochade unter dramentheoretischen Gesichtspunkten


Momentan gibt es ja jeden Tag was Neues aus Nordkorea, heute ist es die Ernennung Kim Jong Uns zum Marschall der Koreanischen Volksarmee. Damit positioniert er sich noch deutlicher als oberster Führer des Militärs und folgt außerdem einer guten alten Familientradition (Marschalle die nicht zur Kim Il Sung Blutlinie gehören sind sehr selten im Norden). Wenn man den ganzen Vorgängen in Pjöngjang aber so richtig zu folgen versucht, dann wird es einem fast schwindelig, denn mal ganz ehrlich. Erstens weiß man nicht, was wirklich passiert und zweitens sind die Informationen so vielfältig, dass man fast in jede Richtung argumentieren könnte.

Wider das Spekulationsobjekt Nordkorea

Daher fand ich es auch eigentlich ganz gut, eben diesen hervorragenden Kommentar in der NZZ zu lesen. Seine Kernaussage gibt dieses Zitat ganz gut wieder:

Was ist falsch daran, über Ereignisse zu berichten, ohne sie einzuordnen, wenn sie sich nicht oder noch nicht einordnen lassen? Spekulationen stören die Wahrnehmung und verstellen den Blick auf die Realität. Sie fördern die Projektion eigenen Wunschdenkens auf eine dafür ungeeignete Wirklichkeit. Die Politik sollte nicht die Gewohnheiten des Finanzmarktes übernehmen, wo Spekulation sozusagen zum Geschäftsmodell gehört.

Da hat der Autor so sehr recht (da hab ich mir eine Schwachsinnsphrase überlegt, oder? Entweder man hat recht oder nicht. Mehr oder weniger Rechthaben gibt es glaub ich nicht, oder?), dass ich dem eigentlich nichts mehr hinzufügen möchte.

Ein bisschen Spekulation beugt der Langeweile vor

Allerdings wäre das hier eine sehr dröge Veranstaltung, wenn ich nur die KCNA-Meldungen replizieren würde. Und irgendwie zwingt mich mein Ego auch dazu, meinen Senf in die Welt zu schießen. Daher werde ich hier auch in Zukunft nicht ganz ohne Spekulationen auskommen, allerdings werde ich sie auch in Zukunft als solche kennzeichnen und einzuordnen versuchen. Heute Morgen gab es nämlich noch etwas sehr interessantes aus der spekulativen Kategorie.

Die People’s Daily, das Organ des ZK der Kommunistischen Partei Chinas, hat heute eine Artikel gebracht, in dem über die Vorgänge in Pjöngjang spekuliert wird. Darin wird das Argument stark gemacht, dass die Politik Nordkoreas in den letzten Monaten in sich gegensätzlich gewesen sei und dafür werden zwei Faktionen verantwortlich gemacht. Einmal die Öffnungs- und Reformwilligen und einmal die Isolationisten, die mit Raketentests und der Vorbereitung  des Nukleartests, mit Drohungen und Provokationen gegen den Süden versuchen, die Pläne der Reformer, prominent ist hier die Annäherung gegenüber den USA im Vorfeld des Raketentests zu nennen, zu hintertrebien. Auf der Reformerseite steht Kim Jong Un und auf der Isolationistenseite hatte Ri Yong-ho eine prominente Stellung inne. Dass der jetzt weg ist, scheint nach Meinung des Autors ganz im Interesse Chinas zu liegen, dem ein eher reformerischer Kurs förderlicher zu sein scheint. Interessant finde ich das, weil man in China wohl etwas besser über die internen Vorgänge und auch Konflikte in Pjöngjang informiert sein dürfte, vor allem aber, weil in dem Artikel deutlicher auf eine wirtschaftliche Liberalisierung gedrängt wird, als das für gewöhnlich der Fall ist. So viel, zu soliden Spekulationen, jetzt zu abwegigen Spekulationen.

Ein großartig inszeniertes Stück…

Wie ich oben geschrieben habe, ist in Pjöngjang ja im Moment jeden Tag was neues und wenn man sich die Reihe der Ereignisse so anschaut, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die Führung in Pjöngjang auch die aktuellen Vorgänge dramaturgisch durchchoreographiert hat. Denkbar, dass wir auch hier, ähnlich wie im Fall Ro Su-huis eine, Art politische Inszenierung auf höchstem politischen Parkett erlebt haben. Wie ich auf diese Idee komme? Das werde ich in der Folge kurz zu erklären versuchen.

Akt I (Exposition): Die Abberufung Ri Yong-hos

Die Abberufung Ris kam zwar, was die Prominenz und das Vorgehen des Opfers angeht unerwartet, stellte aber in ihrem eigentlichen Sachverhalt, nämlich das die Nachfolge Kim Jong Uns mit Personalveränderungen/Säuberungen einher gehen würde, einen erwartbaren Vorgang dar. Auf institutioneller Ebene war mit dem Politbüro des ZK der Partei (und dem Präsidium) die Parteiführung, aber nicht das Militär beteiligt. Die Abberufung warf mehr Fragen auf, als sie antworten gab und klärte vor allen Dingen nicht, wer der Nachfolger sein würde. Also quasi ein Cliffhanger, ein Aufrechterhalten der Spannung für den zweiten Akt.

Akt II (Katastase): Die Ernennung Hyong Yong-chols zum Vize-Marschall

Zwar waren für die Zeit nach Ri Yong-hos Entlassung weitere personelle Maßnahmen des Regimes erwartet worden, aber mit der Beförderung Hyong Yong-chols hätte wohl keiner gerechnet, weil ihn niemand auf dem Zettel hatte. Es wurde sozusagen ein völlig neuer Akteur aus dem Hut gezaubert und alle hatten nochmehr darüber nachzudenken, was da jetzt eigentlich passiert sei. Auf institutioneller Ebene kam jetzt auch das Militär ins Spiel. Die Entscheidung wurde gemeinsam von der Nationalen Verteidigungskommission und dem Zentralen Militärkomitee der Partei getroffen. Auch dieses Mal wurde ein Cliffhanger produziert, der aber noch mehr Spannung erzeugte, als der Vorgänger, denn weder waren die offenen Fragen zu Ri Yong-hos Abberufung bisher geklärt, noch wurden welche zu Hyong Yong-chols Berufung beantwortet. Es war also noch unübersichtlicher und noch spannender geworden.

Akt III (Klimax): Kim Jong Un wird zum Marschall ernannt

Auch hier wurde der geneigte Beobachter wieder überrascht. Man dachte, es geht hier um eine Volte in der Reihe 1b und jetzt kommt auch noch die 1a Persönlichkeit ins Spiel. Kim Jong Un, die prominenteste lebende Person (ein Grund dafür, dass man das als Höhepunkt bezeichnen kann) der nordkoreanischen Politik stellt sich als Marschall an die Spitze der militärischen Rangfolge (dafür war zu Kim Jong Ils Geburtstag im Februar Raum geschaffen worden, als Kim Jong Il posthum die Position des Generalissimus erhielt (so stellt sich der Sohn nicht anmaßend neben den Vater, sondern bleibt als Marschall hinter ihm zurück)). Allerdings ist damit nach wie vor nicht die Neubesetzung des Postens des Generalstabschefs verbunden, sondern nur eine formale Einordnung Kim Jong Uns an der Spitze (höher geht es nicht, also auch hier der „Höhepunkt“) der militärischen Hierarchie. Gleichzeitig zeigte sich aber auch im institutionellen Setting die Tatsache, dass wir hier die Handlungsspitze erreicht haben. Dieses Mal waren das Zentralkomitee der Partei, die Zentrale Militärkommission der Partei, die Nationale Verteidigungskommission und die Oberste Volksversammlung beteiligt. Kim Jong Un wurde also sozusagen aus der „single-minded-unity“ aus Partei, Militär und Volk zum obersten Verteidiger des Landes ernannt. Institutionell geht es eigentlich nicht mehr spektakulärer. Allerdings ist das Stück noch nicht ganz zuende gespielt, denn die Fragen, die in den vorherigen Akten aufgeworfen wurden, sind noch immer nicht vollbefriedigend beantwortet, es bleibt also Luft für weitere Akte.

…für Nordkorea und die Welt

Und weshalb sollte die nordkoreanische Führung eine solch theatrale Veranstaltung durchziehen? Vielleicht geht es um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit von der eigenen Bevölkerung, der nochmal deutlich gemacht wird, wer an der Spitze steht und wer der wichtigste Mann im Staat ist, denn alles lief auf Kim Jong Uns Beförderung zu. Aber vielleicht auch Aufmerksamkeit der Welt: „Seht her, ich bin der neue Boss. Ich habe die Kontrolle und ich bin anders als mein Vater, denn ich lasse mir von keinem Militär was sagen.“ In diesem Zusammenhang könnte man die vielbesprochene westliche Symbolik und die interessante Frau als Prätext zu dem Stück lesen: „Ich bin auch offen für Neues und reformerisch drauf. Also beachtet mich und sprecht mit mir.“ Diese Botschaft hätte nicht so gut vermittelt werden können, wenn er sich ohne jedes Vorspiel als Marschall installiert hätte. Das wäre kaum mit Aufmerksamkeit bedacht worden. Es brauchte eine Inszenierung und jeder Menge Anlässe zum Spekulieren, sowie deren geschickte Verknüpfung, um das Augenmerk aller Welt auf die Person Kim Jong Un und auf die mögliche Neuheit in seinem Land zu lenken.

Fehlen noch zwei Akte

Handelt es sich also tatsächlich um eine großangelegte Inszenierung des Regimes? Keine Ahnung! Ist ja eh alles Spekulatius. Aber auf die Möglichkeit dieser Lesart wollte ich dann doch mal hingewiesen haben. Denn, wie gesagt, sonst wäre das ja alles ein bisschen dröge hier. Ihr könnt ja für euch selbst entscheiden ob ihr das für möglich sinnvoll haltet, oder ob es doch eher Quatsch ist. Achja, da fällt mir ein. Wer ein fünfaktiges Drama anfängt und schon beim dritten Akt ist, der muss sich auch damit beschäftigen, wie die Geschichte nach Aristoteles ausgehen wird. Für den fünften Akt ist nämlich für gewöhnlich die Katastrophe vorgesehen.

Aber vielleicht hat die Führung in Pjöngjang ja auch ganz richtig erkannt: Irgendwie ist das ganze Leben ja Theater. Und solange das Licht nicht ausgeht, spielt man am Besten einfach weiter…

Generalstabschef Ri Yong-ho entlassen — Läuft Kim Jong Uns Nachfolge doch nicht so glatt wie gedacht?


Bisher sah es ja so aus, als würde die Nachfolge Kim Jong Uns unglaublich glatt ablaufen und die gesamte Führung seines Landes voll und ganz hinter ihm stehen. Zwar gab es hin und wieder Gerüchte und Vermutungen über radikale Maßnahmen und „Säuberungen“, die hinter den Kulissen abgelaufen seien und weiter ablaufen würden, aber bestätigen ließ sich nichts davon und nach außen drang auch nichts.

Überraschende Entlassung

Heute Morgen nordkoreanischer Ortszeit gab die staatliche Nachrichtenagentur KCNA aber nun bekannt, dass Generalstabschef Ri Yong-ho aufgrund einer Krankheit von einem Treffen des Politbüros des Zentralkomitees der Arbeiterpartei all seiner (Partei-)Ämter enthoben worden sei:

Ri Yong Ho Relieved of All His Posts in DPRK

Pyongyang, July 16 (KCNA) — A meeting of the Political Bureau of the Central Committee of the Workers‘ Party of Korea was held on July 15.

Present there were members of the Presidium of the Political Bureau and members and alternate members of the Political Bureau of the WPK Central Committee.

The meeting dealt with the organizational issue.

It decided to relieve Ri Yong Ho of all his posts including member of the Presidium of the Political Bureau, member of the Political Bureau of the C.C., WPK and vice-chairman of the Central Military Commission of the WPK for his illness.

[Ri Yong-ho aus allen seinen Posten in der DVRK entlassen

Pjöngjang, 16. Juli (KCNA) — Am 15. Juli fand eine Versammlung des Politbüros des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas statt.

Daran nahmen Mitglieder des Präsidiums des Politbüros und Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der PdAK teil.

Die Versammlung betraf eine organisatorische Frage.

Es entschied Ri Yong-ho aufgrund seiner Krankheit aus all seinen Posten einschließlich der Mitgliedschaft im Präsidium des Politbüros, der Mitgliedschaft im Politbüro des ZK der PdAK und des stellvertretenden Vorsitzenden der zentralen Militärkommission der Partei zu entlassen.]

Solche plötzlichen Krankheiten sind bei Offiziellen in Nordkorea ja immer verdächtige Ereignisse, denn in der Vergangenheit wurden sie häufig vorgeschoben, wenn hochrangige Offizielle plötzlich aus ihren Ämtern entfernt wurden und von der Bildfläche verschwanden. Bei Ri Yong-ho ist der Verweis auf eine Krankheit allerdings besonders verdächtig. Sein letzter öffentlicher Auftritt ist erst eine gute Woche her und das letzte Foto von ihm, das ich gefunden habe datiert vom 6. Juli.

Ri Yong-ho am 6. Juli 2012 bei einem repräsentativen Termin. Zwar scheint er sich dabei nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen, aber krank sieht er nicht aus.

In den letzten Wochen und Monaten sehr aktiv

Krank sieht er da jedenfalls nicht aus und insgesamt hat er in den letzten Monaten ein recht strammes Programm absolviert. Erst vor etwa zwei Monaten war er Teil der nordkoreanischen Charmeoffensive gegenüber den Staaten Südostasiens, als er eine Militärdelegation bei ihrem Besuch in Laos anführte, wo er die oberste Staatsführung traf und Ende April hatte er zu einem Militärjubiläum mit markigen Worten gegenüber den USA mit von sich reden gemacht. Ansonsten war er bei fast allen Besuchen Kim Jong Uns bei militärischen Einheiten an seiner Seite zu sehen und stand auch bei offiziellen Anlässen oft unmittelbar neben ihm, wobei ein gutes Verhältnis zwischen beiden bestanden zu haben schien. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Ri Yong-ho einer der acht Männer war, die Kim Jong Il auf dessen Beerdigungsumzug als „Sargträger“ das letzte Geleit gaben.

Der rapide Aufstieg Ri Yong-hos

Der Aufstieg Ris verlief in den letzten Jahren rapide. 2009 relativ überraschend zum Generalstabschef berufen erlangte er danach einige weitere wichtige Posten im Staat, wobei seine Mitgliedschaft im Sekretariat des Politbüros des ZK der PdAK sicherlich das wichtigste war. Dieses Gremium ist mit den fünf mächtigsten Männern im Staat besetzt (neben Kim Jong Un sind das Kim Yong-nam, Choe Yong-rim, Choe Ryong-hae). Es ist nicht abwegig, seinen Aufstieg mit den Vorbereitungen für die Nachfolge Kim Jong Uns in Verbindung zu bringen, denn sein Stern begann erst so richtig hell zu strahlen, als das Regime offensichtlich auch die Entscheidung gefällt hatte, Kim  Jong Un als Nachfolger Kim Jong Ils aufzubauen.

Bisher war ich davon ausgegangen, dass Ri Yong-ho einen sehr wichtigen „Flankenschutz“ bei Kim Jong Uns Aufstieg darstellen würde und dass er als ein absoluter Vertrauensmann für den jungen Diktator die ersten Jahre seiner Nachfolge absichern sollte. Seine mit 69 Jahren noch  relative Jugend hätte auch für solche Pläne gesprochen, denn wähend bei vielen anderen Spitzen des Regimes ein Ausscheiden aus Altersgründen (wie auch immer) absehbar ist, hätte er es locker noch zehn Jahre machen können.

Mögliche Hintergründe der Entlassung

Dass Ri gestern seiner Parteiämter enthoben wurde deutet ganz klar auf eine Planänderung hin. Und eine solche Planänderung deutet darauf, dass bei Kim Jong Uns Machtkonsolidierung eben doch nicht alles so läuft, wie das vorgesehen war. Allerdings ist noch anzumerken, dass Ri soweit ich das überblicke bisher nur seine Parteiämter verloren hat (auch wenn die Schlagzeile von KCNA anders klingt). Von seinem militärischen Amt als Generalstabschef war bisher nicht die Rede. Allerdings wäre es eine ganz schöne Überraschung, wenn es nicht in Kürze eine Mitteilung der Nationalen Verteidigungskommission gäbe, die Ris Demission auch aus diesem Amt verkündet (dann müsste man nochmal anfangen von vorne zu denken). Wenn er aber aus allen Ämtern entlassen werden solte, bzw. schon ist, sind hierfür verschiedene Erkläungen vorstellbar:

  • Selbst wenn es wirklich eine plötzliche schwere Erkrankung war, die Ris politisches bewirkte, war das sicherlich nicht so geplant und die Führung müsste sich schnell überlegen, wie sie den militärischen Flankenschutz des jungen Kim ersetzen würde. Allerdings halte ich dieses Szenario nicht für besonders erklärungsmächtig. Wahrscheinlicher ist es da schon, dass sein Ausscheiden politische Hintergründe hat. Hier sind wiederum mehrere Erklärungen denkbar.
  • Ri gilt als Hardliner (obwohl ich mich oft gefragt habe, woher man das so genau wissen will, aber seine Drohungen gegenüber den USA schließen solche Schlüsse jedenfalls nicht aus) und es ist nicht unmöglich, dass tatsächlich hinter den Kulissen ein Kampf zwischen Reformern und Betonköpfen ausgefochten wird, dessen prominentestes Opfer Ri nun war. Dazu passen könnten auch die sehr liberalen (Mickymaus und Rocky Anwandlungen, die man bei Kim Jong Un in den letzten Tagen beobachtet hat).
  • Eine ähnliche Stoßrichtung könnten Überlegungen über das angeblich weit ausgebreitete Beziehungs- und Abhängigkeitsnetzwerk von Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek haben. Soweit ich das gelesen habe, wurde Ri Yong-ho nie wirklich zu den Leuten Jangs gezählt. Möglich also, dass Ri auf Betreiben der Familie entfernt wurde, weil er ihrem Einfluss als Machtpol entgegen stand.
  • Auch nicht undenkbar ist es, dass das aktuell Ablaufende Programm schon vorab so geplant wurde. Ri Yong-ho kam wie gesagt relativ überraschend in die absolute Führungsspitze des Landes. Er hatte sich dort also vorher kein großartiges Patronagenetzwerk aufgebaut und hatte jetzt erst knapp drei Jahre Zeit, dass nachzuholen (was ihn natürlich so und so für alle Widersacher angreifbarer machte). Vielleicht war gerade deshalb eine relativ schwache Figur in die Führung geholt worden, um ihn nachdem er die ersten Monate des Übergangs abgesichert hat, wieder loswerden zu können, ohne dass er sich auf eine allzu große Machtbasis verlassen könnte. Diese Überlegung würde nahelegen, dass Kim Jong Un eine ähnliche Machtsicherungsstrategie wie sein Vater verfolgt, die es auszuschließen versucht, dass alternative Machtpole  entstehen, die autonom von ihm agieren können. Wenn Kim Jong Un dem Militär nun einen neuen Vertrauensmann voranstellt, dann braucht der erstmal Zeit, um seinen Einfluss zu etablieren. Und so lange wird das Militär keine große Gefahr für die Führung darstellen und der junge Kim hat Zeit, seine eigene Basis weiter zu stärken.
  • Damit Verbunden ist die Überlegung, die bei jeder Säuberung eine Rolle spielt. Der Hinweis an alle, dass niemand sich zu scher fühlen sollte und dass bei Aktivitäten, die nicht im Sinne der Führung sind, jeder angreifbar ist.
  • Eine weitere Erklärung für die Entlassung könnte aber auch schlichte Unzufriedenheit mit seiner Arbeit sein. Immerhin war der Satellitenstart im April gescheitert, was bei Kim Jong Un sicherlich nicht für Zufriedenheit gesorgt hat, vor allen Dingen, weil dafür eine gute Aussicht auf eine Annäherung mit den USA aufegegben wurde. Dieser Vorgang hatte ja schon zuvor Überlegungen geweckt, dass innerhalb der Führung ein Richtungsstreit über die außenpolitische Linie existieren könnte. Dabei könnten die Isolationisten mit dem Satellitenstart zwar einen Erfolg davongetragen haben, der aufgrund des Scheiterns des Starts aber die Führung nicht überzeugen konnte. Die Entlassung Ris könnte somit auch eine Folge dieser Vorgänge sein.

Im Endeffekt können wir vorerst einfach nicht wissen, was die Hintergründe der Entlassung des Generalstabschefs sind. Ich kann fürs Erste nur raten, nicht jedem Gerücht hinterherzulaufen, dass südkoreanische und japanische Medien aus Geheimdienst- und irgendwelchen anderen ominösen Quellen zurechtspinnen, sondern einfach zu beobachten, was aus Nordkorea für Signale kommen.

 Watchlist

In der nächsten Zeit gilt es hinsichtlich dieses Sachverhalts daher einige Dinge im Auge zu behalten:

  • Wird Ri Yong-ho bald (heute oder morgen) auch offiziell seines Postens als Generalstabschef enthoben?
  • Werden schnell Maßnahmen für die Neubesetzung der vakant gewordenen Posten getroffen (das militärische Amt ist dabei wahrscheinlich drängender, als die Parteiposten, die ruhig ein paar Wochen oder Monate unbesetzt bleiben können?
  • Wer folgt ihm nach? Eine etablierte Kraft (Kim Jong-gak vielleicht?) oder wird wieder ein eher „schwacher“ Vertreter aus dem Hut gezaubert?
  • Folgen in den nächsten Tagen und Wochen weitere Personalveränderungen (vor allem Demissionen oder plötzliche Todesfälle)? Südkoreanische Medien werden mit Sicherheit über sowas berichten, aber ist das wahr?
  • Verschwindet Ri ganz von der Bildfläche, oder sieht man ihn nochmal?
  • Wie entwickelt sich die große politische Linie des Landes? Sind weitere Zeichen erkennbar, die auf eine Art Liberalisierung und Öffnung hindeuten oder gibt es ein Weiter so?
  • Was besichtigt Kim Jong Un? Nachdem er sich zum Anfang seiner Diktatorenkarriere fast ausschließlich auf militärische Einrichtungen beschränkt hat, standen in den letzten Wochen fast nur soziale und öffentliche Einrichtungen auf dem Programm. Zu erwarten wäre jetzt wieder eine stärkere Konzentration auf das Militär.

Insgesamt ist wie immer vor allem das interessant, das irgendwie ungewöhnlich und „nicht passend“ scheint. Man kann im Voraus nicht wirklich wissen, was das alles sein kann, aber wenn man es sieht, dann merkt man es schon. Also Augen auf in der nächsten Zeit, es könnten man wieder interessante Zeit bevorstehen.

Zum Weiterlesen

North Korea Leadership Watch

Yonhap

KBS (Deutsch)

Ria Novosti

AP

Xinhua

Kim Jong Un bringt frischen Wind — Vorsichtiger Erneuerer an Nordkoreas Spitze?


Eben habe ich auf der Seite von Radio Free Asia (RFA), einem Radiosender, der von der US-Regierung finanziert wird, einen Bericht gelesen, den ich sehr bemerkenswert fand (oder vielmehr, dass der Bericht nicht bei KCNA zu lesen war). Thema des Berichts ist der neue „Führungsstil“ Kim Jong Uns.

Kim Jong Un macht echte Überraschungsinspektionen

Unter Berufung auf eine Quelle in Nordkorea (was natürlich immer zur Folge hat, dass man den Bericht vorsichtig behandeln muss (denn auch ein geschicktes Propagandamanöver wäre nicht undenkbar)) schreiben die Autoren, dass Kim Jong Un bei seinen Vor-Ort-Anleitungen wesentlich von dem Vorgehen seines Vaters abweiche. Anders als Kim Jong Il besuche Kim Jong Un nicht nur die geplanten „Etappenziele“ sondern mache echte Überraschungsinspektionen. So sei er beim Besuch einer Militäreinheit in ein Gebäude gegangen, das nicht für seine Besichtigung „vorbereitet“ worden sei und habe dort unterernährte Soldaten gefunden. Sehr erzürnt habe er den Kommandanten der Einheit bestraft und die Soldaten zur Behandlung nach Pjöngjang geschickt. In einem anderen Fall habe er in Hamhung überraschend das Zuhause einer Familie besucht und sei entsetzt über die knappen Rationen der Menschen gewesen.

Passt zu KCNA Berichterstattung

Diese Berichte passen zusammen mit der Darstellung Kim Jong Uns in den KCNA-Berichten. Hier sei nur erinnert an den ziemlich aus dem (Berichterstattungs-)Rahmen fallenden Zwischenfall beim Besuch des Mangyongdae Freizeitparks, als er laut KCNA die Verantwortlichen ziemlich zusammenfaltete und die Spitzen seines Regimes abstellte, die Instandsetzung des Parks zu überwachen. Auch der Fokus der Berichterstattung über seine Vor-Ort-Anleitung auf sein Interesse für die alltäglichen Lebensumstände der Menschen (Sätze wie: „Er fühlte mit seinen eigenen Händen wie hart die Matratze war“ findet man recht häufig) fiel mir in der Vergangenheit auf, allerdings dachte ich, dass es sich dabei eher um propagandistische Imagebildung handelte.

Kim Jong Un und die Menschen seines Landes: Ehrliches Interesse? Man weiß es nicht

Kim als „Erneuerer“ oder als Marionette?

Glaubt man allerdings dem Bericht von RFA, dann würde der junge Kim tatsächlich einen frischen Wind mitbringen. Er würde glaubwürdiger das Bild eines Führers kommunizieren, dem das Wohl der Bevölkerung am Herzen liegt und gleichzeitig würde er sich aufgrund dieser Priorität auch mit Teilen seines Regimes anlegen. Das führt zu einer weiteren Überlegung. Denn gemeinhin wird angenommen, dass der junge Kim nicht allzuviel Entscheidungsspielraum habe und zu großen Teilen nach dem Willen seines Führungsteams handeln müsse. Hätte er aber dann so viel Spielraum, dass er anhalten könnte wo er will und dann Kommandanten von Militäreinheiten bestrafen könnte? Es ist möglich. Nämlich dann, wenn seine Propagandisten einigermaßen geschickt dabei wären, ihm das Bild eines Volksnahen Führers anzudichten. Danach würde er eben doch nicht anhalten wo er will, sondern einem Plan folgen, der nur wenigen bekannt ist und der daher sein Handeln „echt“ aussehen lässt. Genausogut wäre es aber auch möglich, dass er sich die Freiheiten tatsächlich nimmt und eine mehr oder weniger weitgehende Erneuerung der Führungsmentalität in seinem Land wünscht.

Aber ist das nicht egal?

Eine weitergehende Frage ist, ob das überhaupt einen großen Unterschied machen würde. Ob der junge Kim nun aus eigenem Antrieb und Willen als „Erneuerer“ handelt (allerdings in der direkten Traditionslinie zum Alten, zu seinem Großvater und den Anfängen seines Landes) oder ob er von einem Führungsteam als solcher ins Rampenlicht gestellt wird und er an den Fäden einiger Militärs und seines Onkels hängt, wäre das nicht im Endeffekt egal? Beide Optionen erfordern irgendwann zwingend Änderungen, denn ein Erneuerer, der nicht erneuert, dessen Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung ist schnell wieder weg und das wird man auch in Pjöngjang wissen. Vor allen Dingen, da diese Hoffnungen in seine Person und sein Agieren als Erneuerer dem Regime vermutlich als neue Quelle der Legitimität dienen sollen. Wenn man diese Legitimität aber nicht durch manifeste Verbesserungen stützt, dann ist sie schnell wieder weg und dann kann es auch für das Regime in Pjöngjang eng werden.

Chance ergreifen! – Neustart wagen!

Naja, ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob es auch in nächster Zeit Zeichen geben wird, die auf einen neuen Wind in Pjöngjang hindeuten. Es gibt zwar gleichzeitig auch Signale, die auf ein „weiter so“ hindeuten, aber zum Abschluss noch eine kleine Frage: Hätte denn ernsthaft jemand geglaubt, dass sich Kim Jong Un ein paar Tage oder Wochen hinstellt, freie Wahlen verkündet, ein McDonalds in Pjöngjang eröffnet und UN Inspektoren in die Straflager einlädt? Nein! Wenn er etwas ändern will und kann, dann muss er das vorsichtig und langsam tun. Signale für solche Änderungen gibt es.

Vielleicht sollte man in westlichen Staaten darüber nachdenken, ihn bei diesen vorsichtigen Änderungen zu unterstützen und einen ehrlichen Neustart zu versuchen. Denn wenn man es nicht wirklich probiert, dann wird man auch nicht rausfinden können, was er vorhat und ob er überhaupt irgendwas zu sagen hat. Aber zu einem ehrlichen Neustart gehört es eben auch, ihm Spielraum zu lassen und ihn nicht zu erpressen. Denn wenn er etwas zu sagen hat, dann ist er doch auf keinen Fall in der gleichen Machtstellung wie sein Vater. Das heißt er muss Entscheidungen vor seinen Leuten in der Heimat vertreten können. Wenn die relevanten Staaten (besser früher als später) auf das Kim Jong Un Regime zugingen, dann wäre das sicherlich eine Möglichkeit, die Gemengelage nachhaltig zu ändern oder zumindest zu erfahren, ob das möglich ist. Wenn man aber weiter mit Druck agieren will dessen einziges Ziel es eigentlich sein kann, das Regime in die Knie zu zwingen, dann wird man es nie erfahren. Denn auf den Druck muss der junge Kim, ob er will oder nicht, irgendwann ähnlich reagieren wie sein Vater. Und dann müssten sich die westlichen Staaten vorwerfen, dass sie Kim Jong Un zu einer jüngere Version seines Vaters gemacht haben. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass die westlichen Staaten zumindest den Versuch riskieren würden, denn dass die letzten Jahrzehnte des Umgangs mit Nordkorea zutiefst unbefriedigend waren, ist wohl allen klar. Und eine vielleicht einmalige Chance verstreichen zu lassen, weil es gerade politisch nicht so passt, wäre auf die lange (historische) Perspektive totaler Wahnsinn. Vielleicht besteht hier auch ein Chance für die EU-Staaten, erste Verbindungen zu knüpfen, bis man in Seoul und Washington aus der Wahlkampstarre erwachen und ernsthafte Außenpolitik machen kann.