UPDATE (Kim Jong Un verheiratet, 25.07.2012): Die Sache mit der Symbolik: Warum Kim Jong Uns Micky-Moment eigentlich ein Obama-Moment war


Update (25.07.2012): Holla! Das ist ja mal ein Ding (dem ich mich trotz sehr knaper Zeit kurz widmen muss). Hab ich vor ein paar Tagen noch über die symbolische Bedeutung des Auflaufens der jungen Dame neben dem jungen Diktator rumgesponnen, da legt man in Pjöngjang heute noch eine Schippe drauf. Nach ziemlich glaubwürdigen Berichten hat Kim Jong Un tatsächlich seine geheimnisvolle Begleiterin, die jetzt garnicht mehr so geheimnisvoll ist, geheiratet. Die Dame heißt Ri Sol-ju und ist wohl Sängerin. Ich glaube was darüber hinausgeht ist Spekulation. Nichtsdestotrotz wird eines deutlicher. Kim Jong Un pflegt einen anderen Stil und das kann man nicht als unwichtig abtun. Ich habe ja schonmal darüber nachgedacht, dass er durch die reine Tatsache, dass er eine öffentliche Rede gehalten hat, ein ganz anderes Verhältnis zur Bevölkerung hat, als das bei seinem Vater der Fall war. Dass er jetzt soviel Einblick und irgendwie auch Zugriff auf sein Privatleben erlaubt, verstärkt diese Wahrnehmung weiter.

Ursprünglicher Beitrag (23.07.2012): Mit den aktuellen Entwicklungen in Nordkoreas Führung werde ich mich erstmal nicht weiter beschäftigen und abwarten, bis sich all der Staub, der von den jüngsten Ereignissen aufgewirbelt wurde ein bisschen gesetzt hat und man die Konturen des „neuen“ Regimes vielleicht ein etwas besser erkennen kann (alles andere bringt glaube ich eh nicht viel). Allerdings möchte ich mich kurz mit einem anderen Thema befassen, das in den vergangenen Wochen ebenso für wirbelnden Staub gesorgt hat. Es geht um Micky-Mäuse, Rocky und junge Frauen. Also eigentlich geht es nicht wirklich um Micky-Mäuse, Rocky und junge Frauen, sondern mehr um Symbolik. Um genau zu sein  geht es darum, dass manche Dinge auf einem Platz höchste Symbolkraft besitzen, während sie andernorts kaum wahrgenommen werden.

Kim Jong Uns Micky-Moment

Nachdem Kim Jong Un vor zwei Wochen das irgendwie denkwürdige Konzert der neugegründeten Moranbong Band besucht hatte, wurde ja viel über die junge Frau über tanzende Winnieh Puuhs und Mickys und über das Abspielen der Rocky-Musik samt einiger Filmausschnitte geschrieben. Dem wurde eine symbolische Bedeutung in Richtung einer Mickyisierung und damit (ganz klar) Amerikanisierung der nordkoreanischen Gesellschaft zugeschrieben und viele frohlockten, wenn auch vorsichtig, dass Nordkorea nach unseren Kategorien „normal“ würde. Immerhin scheint Kim Jong Un als respektierter Führer seines Landes auch einen eher volksnäheren Führungsstil verfolgen zu wollen, der ihn mehr als ganz normalen Menschen zeigt, der eben auch ein Privatleben hat (was das Vorzeigen der First Lady verdeutlicht).

Ist ein Symbol immer ein Symbol?

Allerdings möchte ich erstmal hinterfragen, wieviel und welche Symbolkraft diese ganze Inszenierung im Endeffekt hatte und damit verbunden überlegen, was das Ziel der Übung gewesen sein könnte.

Micky: Imperialistenmaus in nordkoreanischen Kinderzimmern?

Erstmal zu Micky. Ganz ehrlich gesagt verstehe ich nicht wirklich, wieso man Micky (als Flaggmaus eines der „amerikanischsten“ Konzerne der Welt) und den anderen Disneyfiguren eine großartige Aussage nach innen hin andichten möchte. Um in einer Sache mehr zu sehen, als sie grundsätzlich ist, muss man vorab über die Symbolik hinter dieser Sache informiert sein (Ich erwarte beispielsweise hinter dem Besitzer des Autos mit dem Kennzeichen HH-HH-88 eine ganz bestimmte Art Menschen und generell liegt man mit solchen Vermutungen bei HH-88 Kennzeichen oft auch nicht ganz falsch. Wenn man über die Symbolik hinter den Buchstaben aber nicht informiert ist, dann ist es eben einfach ein Autokennzeichen, das gut zu merken ist).

Das heißt ein Symbol ist nicht zwangsweise für jeden ein Symbol und eine Maus ist nicht zwangsweise der Inbegriff der amerikanischen Konsumgesellschaft. Im Endeffekt heißt das, wenn ich im nordkoreanischen Fernsehen Mickymaus und die anderen Disneyfiguren tanzen lasse, dann denken die meisten Nordkoreaner vermutlich. Oh, eine nette Maus (oder oh, eine hässliche Maus)! Wenn ich Lust habe, kann ich vermutlich auch Micky in einem Zeichentrickfilm gegen die amerikanischen Imperialisten kämpfen lassen und keinem würde das komisch vorkommen. Warum soll also Micky für Wirbel in Nordkorea sorgen. Ich vermute mal, dass Micky höchstens in Spitzenfunktionärskreisen mit der entsprechenden symbolischen Besetzung bekannt ist und die finden das Vorzeigen der Figur vermutlich eher amüsant (eine gesalzene Portion Realitätssinn/Zynismus gehört wohl dazu, wenn man Spitzenfunktionär in Pjöngjang werden will, von daher wird sich das Entsetzen in Grenzen gehalten haben).

Die einzigen, die wirklich eine großartige Symbolik in Mickys Auftritt erkannt haben dürften, dass sind wir. Für uns ist es klar für wen Micky steht und wir können Micky garnicht einfach so als irgendeine Mausfigur denken. Deshalb ist es doch auch naheliegend, dass Micky nur für uns, bzw. für „den Westen im Allgemeinen“ auf die Bühne gezerrt wurde. Mit welchem Ziel? Keine Ahnung, aber wenn man Micky Symbolik unterstellen möchte, dann war es wohl eine an uns gerichtete Symbolik. Wer mag kann ja darüber nachdenken, was man uns damit sagen wollte, aber irgendwas dürfte es gewesen sein.

Rocky: Nichtkoreanischer Underdog beißt sich durch

Als nächstes Rocky. Bei dem ist die Sache schon etwas anders gelagert. Während die Musik zum Film wohl einfach nur Musik ist (auch wenn sie vom Stil her vielleicht etwas anders klingt, als das, was man sonst so in Nordkorea gewohnt ist), ist Rocky natürlich nicht ganz so unpolitisch anzusehen. Offensichtlich handelt es sich um einen martialisch (die Haare) aussehenden Kampfsporttypen im Tanktop. Und, was die ganze Sache interessanter macht: Offensichtlich handelt es sich nicht um irgendeine modernisierte Filmversion irgendeines koreanischen Taekwondo-Heroes. Dazu fehlen ihm einfach einige physiognomische Merkmale und einige Taekwondomoves. Das heißt zwar noch lange nicht, dass die nordkoreanischen Bürger, die einen Ausschnitt von Rocky gesehen haben automatisch denken: „Oh, unser respektierter Führer zeigt uns eine amerikanische ein-Mann-Kampfmaschine mit Hang zum Tragischen, das muss doch was bedeuten“ aber es dürfte auf jeden Fall bemerkenswert gewesen sein. Vielleicht könnte Rocky ja als Ergebnis russischer Filmkunst interpretiert wird (davon gibt es ja scheinbar hin und wieder was zu sehen im nordkoreanischen Fernsehen), aber er dürfte die Leute trotzdem vor einige Rätsel gestellt haben. Allerdings ist eine pro-amerikanische Symbolik vermutlich auch hier für den normalsterblichen Nordkoreaner nicht ersichtlich.

Und wenn man hier schon von Symbolik spricht, so liegt hinter dem Rockyfilm ja ganz sicher ein Motiv, das wir relativ einfach entschlüsseln können: Das des Underdogs, der sich entgegen aller Erwartungen durchbeißt und zumindest moralisch als Sieger aus dem Ring geht. Aber wiederum können eben nur wir und nicht unbedingt die nordkoreanischen Menschen auf der Straße dieses Symbol entschlüsseln. Für die ist das schlimmstenfalls (für das Regime) etwas seltsam.

Junge Frau: Kim Jong Uns Image als volksnaher Erneuerer

Auf großes Interesse und eine symbolische Deutung dürfte dagegen die junge Dame an Kim Jong Uns Seite auch in der nordkoreanischen Bevölkerung gestoßen sein. Was mit den Führern zu tun hat, ist immer irgendwie interessant und wichtig und die öffentlichen Inszenierungen der gemeinsamen Auftritte mit der Dame stellen in der Selbstdarstellung der Kim Familie soweit ich das überschauen kann eine absolute Neuerung dar. Über Kim Jong Ils Privatleben und Beziehungen zu Frauen sind eigentlich immer nur Gerüchte publik bekannt geworden und Kim Jong Ils Mutter Kim Jong Suk starb so früh, dass sie kaum die Möglichkeit hatte, glänzende Auftritte als First Lady hinzulegen. Ich weiß nicht genau, wie es Kim Il Sung in der Folge mit den Frauen hielt, aber mir fällt auch nichts in diese Richtung ein (außerdem wäre es bei der propagandistischen Bedeutung Kim Jong Suks seltsam, wenn eine andere für längere Zeit öffentlich als First-Lady fungiert hätte). Damit hat Kim Jong Un eine Art Tabu gebrochen und das dürfte niemandem verborgen geblieben sein. Dieses Vorgehen könnte in das von mir postulierte Bild eines „volksnahen Führers“ passen. Er ist ein Mensch wie du und ich, er hat ein Privatleben und er verbirgt nichts vor dem Volk.

Außerdem bietet das Hinzufügen eines weiblichen Elements dem Regime die Möglichkeit auch eine weichere Seite zu etablieren. Vielleicht ist die Dame in Zukunft bei Besuchen kultureller Events, vor allem aber bei allem, was mit Kindern, mit Kranken und schwachen zu tun hat, mit dabei. Sie wird sozuagen die mütterliche Kümmerin und tritt damit in die Fußstapfen des Bildes, das um Kim Jong Suk gezeichnet wurde. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, würde aber ganz gut passen. Aber diese Symbolik ist jetzt natürlich noch nicht gegeben. Vielmehr könnte das ein weiterer Schritt Kim Jong Uns gewesen sein, sich selbst als Erneuerer zu präsentieren. Einer, mit dem es kein weiter wie bisher gibt, sondern ein junger Mann, der auch mal gerne dazu bereit ist, ein Tabu zu brechen und alte Zöpfe abzuschneiden. Dieser Schluss ist natürlich auch für die anderen beiden oben genannten Symbole nicht auszuschließen, aber im Zentrum des Interesses der Nordkoreaner dürfte wohl das Auftreten mit der Dame gelegen haben.

Symbol ist nicht (immer) gleich Symbol

Das Bild, das sich aus der Nutzung der oben besprochenen Symbole ergibt ist also zwiespältig. Einerseits muss man bei der Interpretation von Symbolen immer darauf achten, wie verallgemeinerbar die innewohnende Symbolik denn im Endeffekt ist und ob man das Symbol, das man da sieht, auch als solches begreifen kann, oder ob es vielleicht nicht mehr ist, als das was man sieht. Allerdings hat zumindest Kim Jong Uns Auftritt mit der jungen Frau einige Symbolkraft besessen und einen Beitrag zur Imagebildung des jungen Diktators geleistet. Er wird als unkonventioneller volksnaher Erneuerer präsentiert.

Riskantes „Obama-Moment“

Dieses Bild, das um ihn gebaut wird bietet ihm kurzfristig sicherlich einige Möglichkeiten, denn es dürfte Bedürfnisse im Volk zu stillen helfen, die bereits seit Jahren bestehen. Den Wunsch nach einer Veränderung, das heißt Verbesserung der Situation. Diese Hoffnungen befeuert er, durch das Bild, das man für ihn entworfen hat und das bringt ihm aus der Bevölkerung vermutlich erstmal Wohlwollen entgegen, aber eben auch Erwartungen. Kurzfristig dürfte er einen gewissen Vertrauensvorschuss haben, der seine Führung gegenüber einem großen Teil der Bevölkerung legitimieren hilft.

Man könnte das als sowas wie ein Obama-Moment auf nordkoreanisch  bezeichnen. Jedoch hat auch Barack Obama eines erkennen müssen: So ein Moment kann schneller verlorengehen als man denkt und dann steckt man in der Tristess des politischen Alltags fest. Auf nordkoreanisch heißt das: Langfristig muss Kim Jong Un die geweckten Hoffnungen auch einlösen, denn unerfüllte Hoffnung könnte irgendwann zu einem Risiko für ihn werden, da die Erwartungsfreude die erzeugt wurde, die Menschen aus ihrer Lethargie gerissen hat und es später nicht einfach sein dürfte, sie da nochmal reinzuzwingen. Daraus ließe sich für mich der Schluss ziehen, dass all die Spekulationen um Wirtschaftsreformen, Kursänderungen und Öffnung nicht ganz aus dr Luft gegriffen sind (vielleicht stellt sich die Überlegung zu Kim Jong Uns Imagebildung als Wirtschaftsmacher, die ich vor knapp zwei Jahren aufgestellt habe am Ende dann doch noch als zutreffend heraus). Das Regime könnte nach zwanzig Jahren tatsächlich die Überzeugung gewonnen haben, dass ein Weiter so nicht mehr möglich ist. Und je mehr man Kim Jong Un zum Erneuerer stilisiert, desto größer werden die Erwartungen und desto unmöglicher wird es, sich weiter durchzuwursteln. Kim Jong Un ist jung und er scheint auch ein Draufgänger zu sein, er setzt alles auf eine Karte, denn ein Zurück wird tagtäglich schwerer.

Nordkoreanisches Sommertheater: Die aktuelle Personalrochade unter dramentheoretischen Gesichtspunkten


Momentan gibt es ja jeden Tag was Neues aus Nordkorea, heute ist es die Ernennung Kim Jong Uns zum Marschall der Koreanischen Volksarmee. Damit positioniert er sich noch deutlicher als oberster Führer des Militärs und folgt außerdem einer guten alten Familientradition (Marschalle die nicht zur Kim Il Sung Blutlinie gehören sind sehr selten im Norden). Wenn man den ganzen Vorgängen in Pjöngjang aber so richtig zu folgen versucht, dann wird es einem fast schwindelig, denn mal ganz ehrlich. Erstens weiß man nicht, was wirklich passiert und zweitens sind die Informationen so vielfältig, dass man fast in jede Richtung argumentieren könnte.

Wider das Spekulationsobjekt Nordkorea

Daher fand ich es auch eigentlich ganz gut, eben diesen hervorragenden Kommentar in der NZZ zu lesen. Seine Kernaussage gibt dieses Zitat ganz gut wieder:

Was ist falsch daran, über Ereignisse zu berichten, ohne sie einzuordnen, wenn sie sich nicht oder noch nicht einordnen lassen? Spekulationen stören die Wahrnehmung und verstellen den Blick auf die Realität. Sie fördern die Projektion eigenen Wunschdenkens auf eine dafür ungeeignete Wirklichkeit. Die Politik sollte nicht die Gewohnheiten des Finanzmarktes übernehmen, wo Spekulation sozusagen zum Geschäftsmodell gehört.

Da hat der Autor so sehr recht (da hab ich mir eine Schwachsinnsphrase überlegt, oder? Entweder man hat recht oder nicht. Mehr oder weniger Rechthaben gibt es glaub ich nicht, oder?), dass ich dem eigentlich nichts mehr hinzufügen möchte.

Ein bisschen Spekulation beugt der Langeweile vor

Allerdings wäre das hier eine sehr dröge Veranstaltung, wenn ich nur die KCNA-Meldungen replizieren würde. Und irgendwie zwingt mich mein Ego auch dazu, meinen Senf in die Welt zu schießen. Daher werde ich hier auch in Zukunft nicht ganz ohne Spekulationen auskommen, allerdings werde ich sie auch in Zukunft als solche kennzeichnen und einzuordnen versuchen. Heute Morgen gab es nämlich noch etwas sehr interessantes aus der spekulativen Kategorie.

Die People’s Daily, das Organ des ZK der Kommunistischen Partei Chinas, hat heute eine Artikel gebracht, in dem über die Vorgänge in Pjöngjang spekuliert wird. Darin wird das Argument stark gemacht, dass die Politik Nordkoreas in den letzten Monaten in sich gegensätzlich gewesen sei und dafür werden zwei Faktionen verantwortlich gemacht. Einmal die Öffnungs- und Reformwilligen und einmal die Isolationisten, die mit Raketentests und der Vorbereitung  des Nukleartests, mit Drohungen und Provokationen gegen den Süden versuchen, die Pläne der Reformer, prominent ist hier die Annäherung gegenüber den USA im Vorfeld des Raketentests zu nennen, zu hintertrebien. Auf der Reformerseite steht Kim Jong Un und auf der Isolationistenseite hatte Ri Yong-ho eine prominente Stellung inne. Dass der jetzt weg ist, scheint nach Meinung des Autors ganz im Interesse Chinas zu liegen, dem ein eher reformerischer Kurs förderlicher zu sein scheint. Interessant finde ich das, weil man in China wohl etwas besser über die internen Vorgänge und auch Konflikte in Pjöngjang informiert sein dürfte, vor allem aber, weil in dem Artikel deutlicher auf eine wirtschaftliche Liberalisierung gedrängt wird, als das für gewöhnlich der Fall ist. So viel, zu soliden Spekulationen, jetzt zu abwegigen Spekulationen.

Ein großartig inszeniertes Stück…

Wie ich oben geschrieben habe, ist in Pjöngjang ja im Moment jeden Tag was neues und wenn man sich die Reihe der Ereignisse so anschaut, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die Führung in Pjöngjang auch die aktuellen Vorgänge dramaturgisch durchchoreographiert hat. Denkbar, dass wir auch hier, ähnlich wie im Fall Ro Su-huis eine, Art politische Inszenierung auf höchstem politischen Parkett erlebt haben. Wie ich auf diese Idee komme? Das werde ich in der Folge kurz zu erklären versuchen.

Akt I (Exposition): Die Abberufung Ri Yong-hos

Die Abberufung Ris kam zwar, was die Prominenz und das Vorgehen des Opfers angeht unerwartet, stellte aber in ihrem eigentlichen Sachverhalt, nämlich das die Nachfolge Kim Jong Uns mit Personalveränderungen/Säuberungen einher gehen würde, einen erwartbaren Vorgang dar. Auf institutioneller Ebene war mit dem Politbüro des ZK der Partei (und dem Präsidium) die Parteiführung, aber nicht das Militär beteiligt. Die Abberufung warf mehr Fragen auf, als sie antworten gab und klärte vor allen Dingen nicht, wer der Nachfolger sein würde. Also quasi ein Cliffhanger, ein Aufrechterhalten der Spannung für den zweiten Akt.

Akt II (Katastase): Die Ernennung Hyong Yong-chols zum Vize-Marschall

Zwar waren für die Zeit nach Ri Yong-hos Entlassung weitere personelle Maßnahmen des Regimes erwartet worden, aber mit der Beförderung Hyong Yong-chols hätte wohl keiner gerechnet, weil ihn niemand auf dem Zettel hatte. Es wurde sozusagen ein völlig neuer Akteur aus dem Hut gezaubert und alle hatten nochmehr darüber nachzudenken, was da jetzt eigentlich passiert sei. Auf institutioneller Ebene kam jetzt auch das Militär ins Spiel. Die Entscheidung wurde gemeinsam von der Nationalen Verteidigungskommission und dem Zentralen Militärkomitee der Partei getroffen. Auch dieses Mal wurde ein Cliffhanger produziert, der aber noch mehr Spannung erzeugte, als der Vorgänger, denn weder waren die offenen Fragen zu Ri Yong-hos Abberufung bisher geklärt, noch wurden welche zu Hyong Yong-chols Berufung beantwortet. Es war also noch unübersichtlicher und noch spannender geworden.

Akt III (Klimax): Kim Jong Un wird zum Marschall ernannt

Auch hier wurde der geneigte Beobachter wieder überrascht. Man dachte, es geht hier um eine Volte in der Reihe 1b und jetzt kommt auch noch die 1a Persönlichkeit ins Spiel. Kim Jong Un, die prominenteste lebende Person (ein Grund dafür, dass man das als Höhepunkt bezeichnen kann) der nordkoreanischen Politik stellt sich als Marschall an die Spitze der militärischen Rangfolge (dafür war zu Kim Jong Ils Geburtstag im Februar Raum geschaffen worden, als Kim Jong Il posthum die Position des Generalissimus erhielt (so stellt sich der Sohn nicht anmaßend neben den Vater, sondern bleibt als Marschall hinter ihm zurück)). Allerdings ist damit nach wie vor nicht die Neubesetzung des Postens des Generalstabschefs verbunden, sondern nur eine formale Einordnung Kim Jong Uns an der Spitze (höher geht es nicht, also auch hier der „Höhepunkt“) der militärischen Hierarchie. Gleichzeitig zeigte sich aber auch im institutionellen Setting die Tatsache, dass wir hier die Handlungsspitze erreicht haben. Dieses Mal waren das Zentralkomitee der Partei, die Zentrale Militärkommission der Partei, die Nationale Verteidigungskommission und die Oberste Volksversammlung beteiligt. Kim Jong Un wurde also sozusagen aus der „single-minded-unity“ aus Partei, Militär und Volk zum obersten Verteidiger des Landes ernannt. Institutionell geht es eigentlich nicht mehr spektakulärer. Allerdings ist das Stück noch nicht ganz zuende gespielt, denn die Fragen, die in den vorherigen Akten aufgeworfen wurden, sind noch immer nicht vollbefriedigend beantwortet, es bleibt also Luft für weitere Akte.

…für Nordkorea und die Welt

Und weshalb sollte die nordkoreanische Führung eine solch theatrale Veranstaltung durchziehen? Vielleicht geht es um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit von der eigenen Bevölkerung, der nochmal deutlich gemacht wird, wer an der Spitze steht und wer der wichtigste Mann im Staat ist, denn alles lief auf Kim Jong Uns Beförderung zu. Aber vielleicht auch Aufmerksamkeit der Welt: „Seht her, ich bin der neue Boss. Ich habe die Kontrolle und ich bin anders als mein Vater, denn ich lasse mir von keinem Militär was sagen.“ In diesem Zusammenhang könnte man die vielbesprochene westliche Symbolik und die interessante Frau als Prätext zu dem Stück lesen: „Ich bin auch offen für Neues und reformerisch drauf. Also beachtet mich und sprecht mit mir.“ Diese Botschaft hätte nicht so gut vermittelt werden können, wenn er sich ohne jedes Vorspiel als Marschall installiert hätte. Das wäre kaum mit Aufmerksamkeit bedacht worden. Es brauchte eine Inszenierung und jeder Menge Anlässe zum Spekulieren, sowie deren geschickte Verknüpfung, um das Augenmerk aller Welt auf die Person Kim Jong Un und auf die mögliche Neuheit in seinem Land zu lenken.

Fehlen noch zwei Akte

Handelt es sich also tatsächlich um eine großangelegte Inszenierung des Regimes? Keine Ahnung! Ist ja eh alles Spekulatius. Aber auf die Möglichkeit dieser Lesart wollte ich dann doch mal hingewiesen haben. Denn, wie gesagt, sonst wäre das ja alles ein bisschen dröge hier. Ihr könnt ja für euch selbst entscheiden ob ihr das für möglich sinnvoll haltet, oder ob es doch eher Quatsch ist. Achja, da fällt mir ein. Wer ein fünfaktiges Drama anfängt und schon beim dritten Akt ist, der muss sich auch damit beschäftigen, wie die Geschichte nach Aristoteles ausgehen wird. Für den fünften Akt ist nämlich für gewöhnlich die Katastrophe vorgesehen.

Aber vielleicht hat die Führung in Pjöngjang ja auch ganz richtig erkannt: Irgendwie ist das ganze Leben ja Theater. Und solange das Licht nicht ausgeht, spielt man am Besten einfach weiter…

Generalstabschef Ri Yong-ho entlassen — Läuft Kim Jong Uns Nachfolge doch nicht so glatt wie gedacht?


Bisher sah es ja so aus, als würde die Nachfolge Kim Jong Uns unglaublich glatt ablaufen und die gesamte Führung seines Landes voll und ganz hinter ihm stehen. Zwar gab es hin und wieder Gerüchte und Vermutungen über radikale Maßnahmen und „Säuberungen“, die hinter den Kulissen abgelaufen seien und weiter ablaufen würden, aber bestätigen ließ sich nichts davon und nach außen drang auch nichts.

Überraschende Entlassung

Heute Morgen nordkoreanischer Ortszeit gab die staatliche Nachrichtenagentur KCNA aber nun bekannt, dass Generalstabschef Ri Yong-ho aufgrund einer Krankheit von einem Treffen des Politbüros des Zentralkomitees der Arbeiterpartei all seiner (Partei-)Ämter enthoben worden sei:

Ri Yong Ho Relieved of All His Posts in DPRK

Pyongyang, July 16 (KCNA) — A meeting of the Political Bureau of the Central Committee of the Workers‘ Party of Korea was held on July 15.

Present there were members of the Presidium of the Political Bureau and members and alternate members of the Political Bureau of the WPK Central Committee.

The meeting dealt with the organizational issue.

It decided to relieve Ri Yong Ho of all his posts including member of the Presidium of the Political Bureau, member of the Political Bureau of the C.C., WPK and vice-chairman of the Central Military Commission of the WPK for his illness.

[Ri Yong-ho aus allen seinen Posten in der DVRK entlassen

Pjöngjang, 16. Juli (KCNA) — Am 15. Juli fand eine Versammlung des Politbüros des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas statt.

Daran nahmen Mitglieder des Präsidiums des Politbüros und Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der PdAK teil.

Die Versammlung betraf eine organisatorische Frage.

Es entschied Ri Yong-ho aufgrund seiner Krankheit aus all seinen Posten einschließlich der Mitgliedschaft im Präsidium des Politbüros, der Mitgliedschaft im Politbüro des ZK der PdAK und des stellvertretenden Vorsitzenden der zentralen Militärkommission der Partei zu entlassen.]

Solche plötzlichen Krankheiten sind bei Offiziellen in Nordkorea ja immer verdächtige Ereignisse, denn in der Vergangenheit wurden sie häufig vorgeschoben, wenn hochrangige Offizielle plötzlich aus ihren Ämtern entfernt wurden und von der Bildfläche verschwanden. Bei Ri Yong-ho ist der Verweis auf eine Krankheit allerdings besonders verdächtig. Sein letzter öffentlicher Auftritt ist erst eine gute Woche her und das letzte Foto von ihm, das ich gefunden habe datiert vom 6. Juli.

Ri Yong-ho am 6. Juli 2012 bei einem repräsentativen Termin. Zwar scheint er sich dabei nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen, aber krank sieht er nicht aus.

In den letzten Wochen und Monaten sehr aktiv

Krank sieht er da jedenfalls nicht aus und insgesamt hat er in den letzten Monaten ein recht strammes Programm absolviert. Erst vor etwa zwei Monaten war er Teil der nordkoreanischen Charmeoffensive gegenüber den Staaten Südostasiens, als er eine Militärdelegation bei ihrem Besuch in Laos anführte, wo er die oberste Staatsführung traf und Ende April hatte er zu einem Militärjubiläum mit markigen Worten gegenüber den USA mit von sich reden gemacht. Ansonsten war er bei fast allen Besuchen Kim Jong Uns bei militärischen Einheiten an seiner Seite zu sehen und stand auch bei offiziellen Anlässen oft unmittelbar neben ihm, wobei ein gutes Verhältnis zwischen beiden bestanden zu haben schien. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Ri Yong-ho einer der acht Männer war, die Kim Jong Il auf dessen Beerdigungsumzug als „Sargträger“ das letzte Geleit gaben.

Der rapide Aufstieg Ri Yong-hos

Der Aufstieg Ris verlief in den letzten Jahren rapide. 2009 relativ überraschend zum Generalstabschef berufen erlangte er danach einige weitere wichtige Posten im Staat, wobei seine Mitgliedschaft im Sekretariat des Politbüros des ZK der PdAK sicherlich das wichtigste war. Dieses Gremium ist mit den fünf mächtigsten Männern im Staat besetzt (neben Kim Jong Un sind das Kim Yong-nam, Choe Yong-rim, Choe Ryong-hae). Es ist nicht abwegig, seinen Aufstieg mit den Vorbereitungen für die Nachfolge Kim Jong Uns in Verbindung zu bringen, denn sein Stern begann erst so richtig hell zu strahlen, als das Regime offensichtlich auch die Entscheidung gefällt hatte, Kim  Jong Un als Nachfolger Kim Jong Ils aufzubauen.

Bisher war ich davon ausgegangen, dass Ri Yong-ho einen sehr wichtigen „Flankenschutz“ bei Kim Jong Uns Aufstieg darstellen würde und dass er als ein absoluter Vertrauensmann für den jungen Diktator die ersten Jahre seiner Nachfolge absichern sollte. Seine mit 69 Jahren noch  relative Jugend hätte auch für solche Pläne gesprochen, denn wähend bei vielen anderen Spitzen des Regimes ein Ausscheiden aus Altersgründen (wie auch immer) absehbar ist, hätte er es locker noch zehn Jahre machen können.

Mögliche Hintergründe der Entlassung

Dass Ri gestern seiner Parteiämter enthoben wurde deutet ganz klar auf eine Planänderung hin. Und eine solche Planänderung deutet darauf, dass bei Kim Jong Uns Machtkonsolidierung eben doch nicht alles so läuft, wie das vorgesehen war. Allerdings ist noch anzumerken, dass Ri soweit ich das überblicke bisher nur seine Parteiämter verloren hat (auch wenn die Schlagzeile von KCNA anders klingt). Von seinem militärischen Amt als Generalstabschef war bisher nicht die Rede. Allerdings wäre es eine ganz schöne Überraschung, wenn es nicht in Kürze eine Mitteilung der Nationalen Verteidigungskommission gäbe, die Ris Demission auch aus diesem Amt verkündet (dann müsste man nochmal anfangen von vorne zu denken). Wenn er aber aus allen Ämtern entlassen werden solte, bzw. schon ist, sind hierfür verschiedene Erkläungen vorstellbar:

  • Selbst wenn es wirklich eine plötzliche schwere Erkrankung war, die Ris politisches bewirkte, war das sicherlich nicht so geplant und die Führung müsste sich schnell überlegen, wie sie den militärischen Flankenschutz des jungen Kim ersetzen würde. Allerdings halte ich dieses Szenario nicht für besonders erklärungsmächtig. Wahrscheinlicher ist es da schon, dass sein Ausscheiden politische Hintergründe hat. Hier sind wiederum mehrere Erklärungen denkbar.
  • Ri gilt als Hardliner (obwohl ich mich oft gefragt habe, woher man das so genau wissen will, aber seine Drohungen gegenüber den USA schließen solche Schlüsse jedenfalls nicht aus) und es ist nicht unmöglich, dass tatsächlich hinter den Kulissen ein Kampf zwischen Reformern und Betonköpfen ausgefochten wird, dessen prominentestes Opfer Ri nun war. Dazu passen könnten auch die sehr liberalen (Mickymaus und Rocky Anwandlungen, die man bei Kim Jong Un in den letzten Tagen beobachtet hat).
  • Eine ähnliche Stoßrichtung könnten Überlegungen über das angeblich weit ausgebreitete Beziehungs- und Abhängigkeitsnetzwerk von Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek haben. Soweit ich das gelesen habe, wurde Ri Yong-ho nie wirklich zu den Leuten Jangs gezählt. Möglich also, dass Ri auf Betreiben der Familie entfernt wurde, weil er ihrem Einfluss als Machtpol entgegen stand.
  • Auch nicht undenkbar ist es, dass das aktuell Ablaufende Programm schon vorab so geplant wurde. Ri Yong-ho kam wie gesagt relativ überraschend in die absolute Führungsspitze des Landes. Er hatte sich dort also vorher kein großartiges Patronagenetzwerk aufgebaut und hatte jetzt erst knapp drei Jahre Zeit, dass nachzuholen (was ihn natürlich so und so für alle Widersacher angreifbarer machte). Vielleicht war gerade deshalb eine relativ schwache Figur in die Führung geholt worden, um ihn nachdem er die ersten Monate des Übergangs abgesichert hat, wieder loswerden zu können, ohne dass er sich auf eine allzu große Machtbasis verlassen könnte. Diese Überlegung würde nahelegen, dass Kim Jong Un eine ähnliche Machtsicherungsstrategie wie sein Vater verfolgt, die es auszuschließen versucht, dass alternative Machtpole  entstehen, die autonom von ihm agieren können. Wenn Kim Jong Un dem Militär nun einen neuen Vertrauensmann voranstellt, dann braucht der erstmal Zeit, um seinen Einfluss zu etablieren. Und so lange wird das Militär keine große Gefahr für die Führung darstellen und der junge Kim hat Zeit, seine eigene Basis weiter zu stärken.
  • Damit Verbunden ist die Überlegung, die bei jeder Säuberung eine Rolle spielt. Der Hinweis an alle, dass niemand sich zu scher fühlen sollte und dass bei Aktivitäten, die nicht im Sinne der Führung sind, jeder angreifbar ist.
  • Eine weitere Erklärung für die Entlassung könnte aber auch schlichte Unzufriedenheit mit seiner Arbeit sein. Immerhin war der Satellitenstart im April gescheitert, was bei Kim Jong Un sicherlich nicht für Zufriedenheit gesorgt hat, vor allen Dingen, weil dafür eine gute Aussicht auf eine Annäherung mit den USA aufegegben wurde. Dieser Vorgang hatte ja schon zuvor Überlegungen geweckt, dass innerhalb der Führung ein Richtungsstreit über die außenpolitische Linie existieren könnte. Dabei könnten die Isolationisten mit dem Satellitenstart zwar einen Erfolg davongetragen haben, der aufgrund des Scheiterns des Starts aber die Führung nicht überzeugen konnte. Die Entlassung Ris könnte somit auch eine Folge dieser Vorgänge sein.

Im Endeffekt können wir vorerst einfach nicht wissen, was die Hintergründe der Entlassung des Generalstabschefs sind. Ich kann fürs Erste nur raten, nicht jedem Gerücht hinterherzulaufen, dass südkoreanische und japanische Medien aus Geheimdienst- und irgendwelchen anderen ominösen Quellen zurechtspinnen, sondern einfach zu beobachten, was aus Nordkorea für Signale kommen.

 Watchlist

In der nächsten Zeit gilt es hinsichtlich dieses Sachverhalts daher einige Dinge im Auge zu behalten:

  • Wird Ri Yong-ho bald (heute oder morgen) auch offiziell seines Postens als Generalstabschef enthoben?
  • Werden schnell Maßnahmen für die Neubesetzung der vakant gewordenen Posten getroffen (das militärische Amt ist dabei wahrscheinlich drängender, als die Parteiposten, die ruhig ein paar Wochen oder Monate unbesetzt bleiben können?
  • Wer folgt ihm nach? Eine etablierte Kraft (Kim Jong-gak vielleicht?) oder wird wieder ein eher „schwacher“ Vertreter aus dem Hut gezaubert?
  • Folgen in den nächsten Tagen und Wochen weitere Personalveränderungen (vor allem Demissionen oder plötzliche Todesfälle)? Südkoreanische Medien werden mit Sicherheit über sowas berichten, aber ist das wahr?
  • Verschwindet Ri ganz von der Bildfläche, oder sieht man ihn nochmal?
  • Wie entwickelt sich die große politische Linie des Landes? Sind weitere Zeichen erkennbar, die auf eine Art Liberalisierung und Öffnung hindeuten oder gibt es ein Weiter so?
  • Was besichtigt Kim Jong Un? Nachdem er sich zum Anfang seiner Diktatorenkarriere fast ausschließlich auf militärische Einrichtungen beschränkt hat, standen in den letzten Wochen fast nur soziale und öffentliche Einrichtungen auf dem Programm. Zu erwarten wäre jetzt wieder eine stärkere Konzentration auf das Militär.

Insgesamt ist wie immer vor allem das interessant, das irgendwie ungewöhnlich und „nicht passend“ scheint. Man kann im Voraus nicht wirklich wissen, was das alles sein kann, aber wenn man es sieht, dann merkt man es schon. Also Augen auf in der nächsten Zeit, es könnten man wieder interessante Zeit bevorstehen.

Zum Weiterlesen

North Korea Leadership Watch

Yonhap

KBS (Deutsch)

Ria Novosti

AP

Xinhua

Kim Jong Un bringt frischen Wind — Vorsichtiger Erneuerer an Nordkoreas Spitze?


Eben habe ich auf der Seite von Radio Free Asia (RFA), einem Radiosender, der von der US-Regierung finanziert wird, einen Bericht gelesen, den ich sehr bemerkenswert fand (oder vielmehr, dass der Bericht nicht bei KCNA zu lesen war). Thema des Berichts ist der neue „Führungsstil“ Kim Jong Uns.

Kim Jong Un macht echte Überraschungsinspektionen

Unter Berufung auf eine Quelle in Nordkorea (was natürlich immer zur Folge hat, dass man den Bericht vorsichtig behandeln muss (denn auch ein geschicktes Propagandamanöver wäre nicht undenkbar)) schreiben die Autoren, dass Kim Jong Un bei seinen Vor-Ort-Anleitungen wesentlich von dem Vorgehen seines Vaters abweiche. Anders als Kim Jong Il besuche Kim Jong Un nicht nur die geplanten „Etappenziele“ sondern mache echte Überraschungsinspektionen. So sei er beim Besuch einer Militäreinheit in ein Gebäude gegangen, das nicht für seine Besichtigung „vorbereitet“ worden sei und habe dort unterernährte Soldaten gefunden. Sehr erzürnt habe er den Kommandanten der Einheit bestraft und die Soldaten zur Behandlung nach Pjöngjang geschickt. In einem anderen Fall habe er in Hamhung überraschend das Zuhause einer Familie besucht und sei entsetzt über die knappen Rationen der Menschen gewesen.

Passt zu KCNA Berichterstattung

Diese Berichte passen zusammen mit der Darstellung Kim Jong Uns in den KCNA-Berichten. Hier sei nur erinnert an den ziemlich aus dem (Berichterstattungs-)Rahmen fallenden Zwischenfall beim Besuch des Mangyongdae Freizeitparks, als er laut KCNA die Verantwortlichen ziemlich zusammenfaltete und die Spitzen seines Regimes abstellte, die Instandsetzung des Parks zu überwachen. Auch der Fokus der Berichterstattung über seine Vor-Ort-Anleitung auf sein Interesse für die alltäglichen Lebensumstände der Menschen (Sätze wie: „Er fühlte mit seinen eigenen Händen wie hart die Matratze war“ findet man recht häufig) fiel mir in der Vergangenheit auf, allerdings dachte ich, dass es sich dabei eher um propagandistische Imagebildung handelte.

Kim Jong Un und die Menschen seines Landes: Ehrliches Interesse? Man weiß es nicht

Kim als „Erneuerer“ oder als Marionette?

Glaubt man allerdings dem Bericht von RFA, dann würde der junge Kim tatsächlich einen frischen Wind mitbringen. Er würde glaubwürdiger das Bild eines Führers kommunizieren, dem das Wohl der Bevölkerung am Herzen liegt und gleichzeitig würde er sich aufgrund dieser Priorität auch mit Teilen seines Regimes anlegen. Das führt zu einer weiteren Überlegung. Denn gemeinhin wird angenommen, dass der junge Kim nicht allzuviel Entscheidungsspielraum habe und zu großen Teilen nach dem Willen seines Führungsteams handeln müsse. Hätte er aber dann so viel Spielraum, dass er anhalten könnte wo er will und dann Kommandanten von Militäreinheiten bestrafen könnte? Es ist möglich. Nämlich dann, wenn seine Propagandisten einigermaßen geschickt dabei wären, ihm das Bild eines Volksnahen Führers anzudichten. Danach würde er eben doch nicht anhalten wo er will, sondern einem Plan folgen, der nur wenigen bekannt ist und der daher sein Handeln „echt“ aussehen lässt. Genausogut wäre es aber auch möglich, dass er sich die Freiheiten tatsächlich nimmt und eine mehr oder weniger weitgehende Erneuerung der Führungsmentalität in seinem Land wünscht.

Aber ist das nicht egal?

Eine weitergehende Frage ist, ob das überhaupt einen großen Unterschied machen würde. Ob der junge Kim nun aus eigenem Antrieb und Willen als „Erneuerer“ handelt (allerdings in der direkten Traditionslinie zum Alten, zu seinem Großvater und den Anfängen seines Landes) oder ob er von einem Führungsteam als solcher ins Rampenlicht gestellt wird und er an den Fäden einiger Militärs und seines Onkels hängt, wäre das nicht im Endeffekt egal? Beide Optionen erfordern irgendwann zwingend Änderungen, denn ein Erneuerer, der nicht erneuert, dessen Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung ist schnell wieder weg und das wird man auch in Pjöngjang wissen. Vor allen Dingen, da diese Hoffnungen in seine Person und sein Agieren als Erneuerer dem Regime vermutlich als neue Quelle der Legitimität dienen sollen. Wenn man diese Legitimität aber nicht durch manifeste Verbesserungen stützt, dann ist sie schnell wieder weg und dann kann es auch für das Regime in Pjöngjang eng werden.

Chance ergreifen! – Neustart wagen!

Naja, ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob es auch in nächster Zeit Zeichen geben wird, die auf einen neuen Wind in Pjöngjang hindeuten. Es gibt zwar gleichzeitig auch Signale, die auf ein „weiter so“ hindeuten, aber zum Abschluss noch eine kleine Frage: Hätte denn ernsthaft jemand geglaubt, dass sich Kim Jong Un ein paar Tage oder Wochen hinstellt, freie Wahlen verkündet, ein McDonalds in Pjöngjang eröffnet und UN Inspektoren in die Straflager einlädt? Nein! Wenn er etwas ändern will und kann, dann muss er das vorsichtig und langsam tun. Signale für solche Änderungen gibt es.

Vielleicht sollte man in westlichen Staaten darüber nachdenken, ihn bei diesen vorsichtigen Änderungen zu unterstützen und einen ehrlichen Neustart zu versuchen. Denn wenn man es nicht wirklich probiert, dann wird man auch nicht rausfinden können, was er vorhat und ob er überhaupt irgendwas zu sagen hat. Aber zu einem ehrlichen Neustart gehört es eben auch, ihm Spielraum zu lassen und ihn nicht zu erpressen. Denn wenn er etwas zu sagen hat, dann ist er doch auf keinen Fall in der gleichen Machtstellung wie sein Vater. Das heißt er muss Entscheidungen vor seinen Leuten in der Heimat vertreten können. Wenn die relevanten Staaten (besser früher als später) auf das Kim Jong Un Regime zugingen, dann wäre das sicherlich eine Möglichkeit, die Gemengelage nachhaltig zu ändern oder zumindest zu erfahren, ob das möglich ist. Wenn man aber weiter mit Druck agieren will dessen einziges Ziel es eigentlich sein kann, das Regime in die Knie zu zwingen, dann wird man es nie erfahren. Denn auf den Druck muss der junge Kim, ob er will oder nicht, irgendwann ähnlich reagieren wie sein Vater. Und dann müssten sich die westlichen Staaten vorwerfen, dass sie Kim Jong Un zu einer jüngere Version seines Vaters gemacht haben. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass die westlichen Staaten zumindest den Versuch riskieren würden, denn dass die letzten Jahrzehnte des Umgangs mit Nordkorea zutiefst unbefriedigend waren, ist wohl allen klar. Und eine vielleicht einmalige Chance verstreichen zu lassen, weil es gerade politisch nicht so passt, wäre auf die lange (historische) Perspektive totaler Wahnsinn. Vielleicht besteht hier auch ein Chance für die EU-Staaten, erste Verbindungen zu knüpfen, bis man in Seoul und Washington aus der Wahlkampstarre erwachen und ernsthafte Außenpolitik machen kann.

Er kann auch anders: Kim Jong Un spielt die „Axt im Freizeitpark“


Eigentlich habe ich gerade nicht so viel Zeit, aber eben ist mir ein Artikel von KCNA in mehrfacher Hinsicht ins Auge gesprungen und daher möchte ich euch kurz darauf aufmerksam machen. Heute hat Kim Jong Un laut KCNA auf dem Mangyongdae Freizeitpark (der nach dem, was man so lesen kann, nicht im allerbesten Zustand ist) Vor-Ort-angeleitet und dabei ziemlich auf den Putz gehauen.

So wie sich der Artikel anhört (verlinke ich morgen. Hier der Link), hatte er so ziemlich an allem etwas auszusetzen und wusch den verantwortlichen vor Ort ordentlich den Kopf: weil Unkraut wuchs, weil der Gehweg nicht richtig in Schuss und die Anlagen insgesamt nicht in Ordnung waren. Nach seinem Rundumschlag beauftragte er Choe Ryong-hae, immerhin etwa Nummer 3 oder 4 in der Führung, zu beaufsichtigen, wie der Park in Stand gesetzt wird.

Unter anderem ist in dem Artikel folgendes zu lesen:

He called for sprucing up the Mangyongdae Funfair as required by the Songun era. This process should be made an occasion of removing outdated ideological point of view from the heads of officials and ending their old work-style, he added.

[Er befahl, den Mangyongdae Freizeitpark so aufzupolieren, wie es die Songun-Ära erfordere. Dieser Prozess solle zum Anlass genommen werden, veraltete ideologische Ansichten aus den Köpfen der Offiziellen zu entfernen und ihre alte Arbeitsweise zu beenden, ergänzte er.]

Es gibt also noch veraltete ideologische Ansichten in Nordkorea! Und das, obwohl das Volk doch schon seit über 4 Jahrzehnten mit der Juche-Ideologie beglückt wird. Wo kommen diese veralteten ideologischen Ansichten wohl her. Und vor allem, wie kriegt man sie aus den Köpfen der Leute? Vielleicht können sich die Nordkoreaner in nächster Zeit auf neue Ausmaße ideologischer Schulung gefasst machen. Hoffen wir, dass nicht soviel alte Ideologiebestände in den Köpfen der Leute sind, dass man aktiv kämpferisch dagegen vorgehen muss.

Naja, das könnte ein Hinweis sein, wo der Weg in Zukunft hinführt.

Mal ganz ab davon sind mir aber noch einige andere Sachen aufgefallen. Erstens hat Kim Jong Un sich weiter von Opas Kleiderschrank inspirieren lassen. Anders kann der Hut, den er da getragen hat wohl kaum deuten. Also weiter „Back to the roots“…

Kim Jong Un auf dem

Des Kaisers neuer Hut…

Kim Jong Un

Kim Jong Un kann auch anders. Er maßregelt…

Kim Jong Un jätet...

…jätet…

Kim Jong Un leger

…und sieht danach richtig nach Arbeit aus.

Außerdem zeigt der junge weiter, dass er anpacken kann. Eigenhändig rupft er am Gras und sieht danach irgendwie schon ein bisschen so aus, als habe er gearbeitet, vor allem wegen der offenen Jacke. Nur sein Volumen lässt ihn unbeholfen wirken.

Naja, sehr interessant ist das alles jedenfalls. Nordkoreas Propagandisten wollen wohl zeigen, wie groß die Autorität Kim Jong Uns ist. Er maßregelt Leute und ordnet einen der mächtigsten Leute des Landes als Vorarbeiter ab. Außerdem ruft er nach ideologischem Fortschritt, hält aber an Songun fest. Fast programmatisch finde ich das ganze…

„The Kim’s Speech“ — Kim Jong Un: Machthaber oder Repräsentant


Heute ist die nordkoreanische Feierwoche mit einer großen Parade und der Ehrung der Ahnen durch Kim Jong Un zuende gegangen und zum Schluss gab es nochmal ein Special. Neben dem vorzeigen neuen Materials, das in den nächsten Tagen und Wochen Militäranalysten beschäftigen wird (und das keine extremgroße Überraschung war) wurde auch noch etwas verkündet (was ich ja auch zu den möglichen Ergebnissen der Woche gezählt hatte). Dabei ist einerseits interessant, was verkündet wurde, wobei ich bisher nur grobe Informationen finden konnte. Danach hat Kim Jong Un angekündigt, die Songun-Politik seines Vaters, nach der dem Militär eine herausgehobene Position im Staat zukommt (aber nicht die Führung), fortzuführen, die feindlichen Beziehungen zu anderen Staaten zu verbessern (und Korea zu vereinigen, aber das ist ja Staatsräson) und dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung „die Gürtel nicht wieder enger schnallen“ müsse. Vor allem finde ich aber spannend, dass es eben Kim Jong Un war, der da gesprochen hat und nicht ein hochrangiges Mitglied der Regimeelite. Damit ist er noch näher an die Bevölkerung herangetreten und andererseits auch aus dem Schatten seines Vaters heraus, denn der hatte während seiner gesamten Amtszeit nicht annähernd soviel in der Öffentlichkeit gesprochen, wie das sein Sohn am heutigen Tag getan hat.

Nein, er stottert nicht.

Ich hatte vor einigen Monaten ja schonmal darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, wenn Kim Jong Un stottern würde und daran ein paar Überlegungen über die Position eines Herrschers angestellt, der das Tabu des „seine Stimme nicht dem Volk schenken“ bricht oder brechen muss. Naja, jetzt wissen wir es jedenfalls. Kim Jong Un stotter nicht.

Nein, das ist jedenfalls nicht sein Problem.

Neue Transparenz?

Er kann sogar ganz gut vor ziemlich vielen Leuten reden. Aus der Tatsache, dass er das auch getan und bewiesen hat, lässt sich schon eine Art von neuem „Herrschaftsstil“ sehen, den er schon unmittelbar nach Machtantritt angedeutet hat. Er wirkt näher am Volk und ist mehr Repräsentant als nur Herrschaftsfigur, die nur aufgrund ihrer Macht etwas Besonderes ist. Man könnte das als eine neue Art von Transparenz sehen und in diese Kategorie auch einordnen, dass das Regime ausländische Journalisten und Raumfahrtexperten zu dem Raketenstart eingeladen hat und das man das Scheitern des Starts eingestand. Auch die „Netzoffensive“ des Regimes, in deren Rahmen in den letzten Jahren mehrere Internetseiten von Staatsmedien Online gingen, könnte man dort einordnen.

Überlegungen zu Kims Auftritt.

Wie all das zu bewerten ist, dafür gibt es natürlich eine große Zahl von Interpretationen, aber ich finde zwei grobe Richtungen, in die man denken kann, für recht schlüssig.

Kim der Machthaber

In der ersten Überlegung besitzt Kim Jong Un tatsächlich eine weitreichende Autorität im Regime und zwar, seit sein Vater sich für ihn als Nachfolger entschieden hat. Seitdem hatte er einige Gestaltungsmöglichkeiten und hat sich daran gemacht, die Repräsentation des Regimes zu modernisieren und für seine Zeit vorzubereiten. Die Veränderungen in der Repräsentation sind sozusagen sein erster Schritt in der Nachfolge und er sieht die Notwendigkeit, anders gegenüber der Bevölkerung als auch gegenüber der Außenwelt zu wirken. Das könnte auch ein Ergebnis des Gedankens sein, dass es in Zukunft nicht unbegrenzt möglich sein wird, die weitgehende Informationsabschottung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Man erkennt sozusagen die Notwendigkeit, die Bevölkerung für die neue Zeit (also die Welt, in der die Menschen in den meisten anderen Ländern leben) heranzuführen und macht sich auf diesen langen und steinigen Weg. Kims Auftritt wäre dann ein Teil davon.

Kim der Repräsentant

Die zweite Überlegung sieht in Kim Jong Un vor allem das, als das er heute aufgetreten ist. Als Repräsentant eines Regimes. Es gab schon früher Überlegungen darüber, inwiefern sein Vater die absolute Macht überhaupt innehätte oder ob er vielleicht mehr das Gesicht des Regimes sei und die wichtigen Entscheidungen im Kollektiv getroffen würden. Viele Experten glauben, er habe bis zu seinem Ende weitgehend allein geherrscht und es deutet vieles darauf hin, dass das so war (so wird als ein Hauptgrund für den Raketenstart sein Wille genannt, den er vor seinem Tod geäußert habe). Das muss dann aber noch lange nicht heißen, dass das auch bei seinem Sohn so ist. Möglich, dass nun die Entscheidungen im Regime kollektiv getroffen werden, also eher nach dem chinesischen Modell. Dann wäre Kim Jong Un vielleicht ein Teil dieser Entscheidungsfindung in der Gruppe. Aber seine wichtigste Funktion wäre es, das Regime vor allem der Bevölkerung gegenüber zu vertreten und sozusagen das Charisma seines Großvaters in der Gegenwart zu verkörpern um Legitimität gegenüber dem Volk zu erhalten oder wieder zurückzugewinnen. Außerdem sind die ideologischen Grundlagen der Herrschaft in Nordkorea, die jeder „Bürger“ (das ist eigentlich das falsche Wort) seit seiner Kindheit eingehämmert bekommt, auf einen Führer an der Spitze des Staates ausgerichtet. Wie die Menschen reagieren würden, wenn man diesen Aspekt in Frage stellen und nach außen hin als kollektive Führung auftreten würde, ist nicht absehbar. Vielleicht fürchtet man dieses Risiko und behält daher einen Repräsentanten. Kurzfristig hieße das, Kim Jong Un trifft kaum Entscheidungen, er vertritt sie nur. Aber langfristig ist er trotzdem in einer strategisch günstigen Position. Denn so weit wie er jetzt schon gekommen ist, wird es kaum möglich sein, ihn einfach zu ersetzen. Das Regime hängt von ihm ab. Und auf die lange Frist kann er daraus dann tatsächliche Macht entwickeln.

Spannende Zeit hinter uns. Interessante Zeit vor uns!

Naja, die nordkoreanische Woche ist jetzt erstmal vorbei und in den nächsten Tagen wird es jede Menge Nachlese geben. Viele Leute die sich echt mit der Materie auskennen werden viel schreiben und sagen und wir werden vielleicht ein bisschen schlauer sein, aber auf jeden Fall jede Menge Meinungen kennen. Gleichzeitig wird sich die Welt weiterdrehen. In Nordkorea wird man zeigen, wie man mit dem gescheiterten Raketenstart umgeht und ob man auf die verfeindeten Staaten zugehen will, oder das Gegenteil. Gleichzeitig wird man sich in diesen Ländern überlegen müssen, wie man mit der neuen Führung, die erstmal im Sattel zu sitzen scheint umgeht, denn man weiß ja vermutlich auch nicht vielmehr, als wir und das wird man so schnell auch nicht rauskriegen, wenn man nicht ein paar Gespräche führt. Kurz: Die Zeiten bleiben spannend.

Noch mehr Ewigkeit und noch mehr neue Posten: Kim Jong Un setzt sich an die Schaltstellen der Macht


Die gestrige Sitzung der Supreme People’s Assembly (SPA) brachte noch mehr Ewigkeit für Kim Jong Il und noch mehr neue Positionen für Kim Jong Un. Damit hat der junge Kim einerseits seine Pflichten gegenüber seinem Vater erfüllt (also ihn in Ehren gehalten), ohne jedoch Andererseits den Aufstieg an die Schaltstellen der Macht zu vernachlässigen. Der für uns sichtbare Teil der Nachfolge scheint damit weiterhin glatt abzulaufen.

Noch ein ewiger Vorsitz für Kim Jong Il…

Nachdem Kim Jong Il am vergangenen Mittwoch bereits für die Position des Generalsekretärs der Partei der Arbeit Koreas eine Ewigkeitsgarantie erhalten hatte und dafür die Statuten der Partei entsprechend angepasst wurden, hat ihn die SPA gestern auch noch zum ewigen Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission (NDC) (oft wird auch „Komitee“ geschrieben. Diese Übersetzung hat zwar einiges für sich, aber ich verstehe dann nicht, warum es in der englischen Übersetzung von KCNA dann „commission“ und nicht „comittee“ heißt. Hat das was mit der direkten Übersetzung aus dem Koreanischen ins Deutsche zu tun? Ich werde vorerst bei „Kommission“ bleiben) gemacht.

…und noch ein neuer Posten für Kim Jong Un

Wie schon im Fall der Partei, hat man auch hier einen neuen Posten für Kim Jong Un geschaffen, der wohl die gleichen Kompetenzen besitzt, wie der, den jetzt Kim Jong Il besetzt und der sich vor allem dem Namen nach unterordnet. Daher wurde Kim Jong Un gestern mit viel „Hurra“ etc. zum „first Chairman“ der NDC gewählt. Damit hat er jetzt die zentralen Schlüsselpositionen des Staates besetzt. Nach dem Bild, das man von außen sehen kann, hat er damit die gleichen Möglichkeiten zur Machtausübung wie einst (das klingt, als wäre es schon lange her, sind aber erst vier Monate, das ist echt nicht lange) sein Vater.

Der Unterschied zwischen nomineller und faktischer Macht

Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich kommt es mindestens genauso darauf an, ob sein Wille die gleiche Autorität besitzt wie der seines Vaters, also ob er alleine Entscheidungen treffen kann und ob diese dann auch Geltung haben. Außerdem weiß man nicht, inwiefern „Berater“ und „Freunde“ in seiner Umgebung ihn in seiner Entscheidungsfindung unterstützen. Daher kann man nicht wirklich sagen, ob seine faktische Macht genausogroß ist, wie seine nominelle. Aber für mich ist es nur schwer vorstellbar, dass die erfahrenen Recken in seiner Umgebung ihr umfangreiches strategisches Wissen dem Willen eines dreißigjährigen unterordnen, der sich einfach noch nicht so gut auskennen kann. Daher ist nicht nur die Frage, ob Kim Jong Un in der Lage ist, seinen Willen durchzusetzen, dass sein Wort also quasi Gesetz ist, sonder auch, wie er sich seine Meinung bildet. Wird er beeinflusst oder wird er beraten? Das werden wir zwar vorerst nicht erfahren, aber es ist nicht uninteressant. Eine kleinen Hinweis auf seine mögliche Autorität gibt vielleicht die Tatsache, dass auch bei Kim Jong Uns Vor-Ort-Anleitungen seine gesamte Gefolgschaft eifrig mitzunotieren scheint, was er weises zu sagen hat (mit diesem Phänomen hatte ich mich ja schon bei seinem Vater befasst).

Die Tradition des Mitschreibens...

...bleibt auch unter Kim Jong Un erhalten. Also wird sein Wort schon etwas gelten.

Für die längere Perspektive, wenn das Regime in seiner bisherigen Form weiterexistiert, ist die Ausgangsposition für den jungen Kim allerdings nicht schlecht. Selbst wenn er jetzt noch beeinflusst wird, dann werden die Beeinflusser lange vor ihm sterben (wenn alles normal läuft) und dann sitzt er an den Schnittstellen der Macht. Er kann also in die Position der absoluten Macht „hineinwachsen“ selbst wenn er vorerst noch auf Ratgeber hören muss.

Wird noch Ewigkeit für Kim Jong Un bleiben?

Ein weiterer praktischer Aspekt, der mich beschäftigt, bezieht sich auf all die Posten, die jetzt von Großvater und Vater besetzt werden. Was würde man denn machen, wenn Kim Jong Un sterben würde. Da bleibt ja nicht mehr viel Ewiges für ihn übrig. „Ewiger Vorsitzender der Zentralen Militärkommission der PdAK“? Klingt irgendwie komisch. Aber da er ja noch jung ist, denkt man in Pjöngjang vermutlich, dass er ja noch viel Zeit hat, sich einen Posten zu schaffen, den er dann ewig besetzen kann. Eine andere Möglichkeit, in der keine Ewigkeit mehr für Kim Jong Un nötig wäre, beschreibt Rüdiger Frank hier sehr plausibel.

Soviel vorerst von mir. Ich werde heute das schöne Wetter ein bisschen genießen und nächste Woche eine Roundup zu den Personalia dieser Woche liefern. Dann gibt es bestimmt auch schon einiges von Experten, von dem wir lernen können.

Parteikonferenz beendet: Kim Jong Un übernimmt die Führung, Kim Jong Il ein Ehrenamt und weitere Personalrochaden


Das erste Event der „nordkoreanischen Woche“ ist heute zu Ende gegangen und wurden bereits einige interessanten Ergebnisse sichtbar (Danke C.R. übrigens für die Updates in den Kommentaren, sogar mit Übersetzung. Super!).

Kim Jong Un wurde nicht zum Generalsekretär ernannt, aber irgendwie doch.

Nur auf den ersten Blick erstaunlich ist die Tatsache, dass Kim Jong Un nicht Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas wurde, sondern ein Anderer. Ganz folgerichtig hat Kim Jong Il nach seinem Vater ebenfalls ein permanentes Amt erhalten. Während Kim Il Sung als ewiger Präsident in den Herzen der Nordkoreaner weiterlebt, soll Kim Jong Il das Gleiche als ewiger Generalsekretär tun. Das wird faktisch allerdings nicht viel ändern, denn Kim Jong Un wurde zum ersten Sekretär der PdAK gewählt. Vermutlich kommen dem Amt nach der Revision der Statuten (allerdings ist das noch nicht klar, weil die revidierten Statuten noch nicht bekannt sind) der Partei ähnliche bzw. die gleichen Kompetenzen zu, wie zuvor dem Generalsekretär.

Naja, jedenfalls ist der junge Kim damit jetzt der faktische Führer der Partei und mehr konnte man von der Konferenz nicht erwarten. Daneben scheint er jetzt auch an der Spitze der zentralen Militärkommission zu sitzen, denn dort wurde Choe Ryong-hae als stellvertretender Vorsitzender „gewählt“ (zu ihm werde ich später noch ein paar Takte schreiben), also auf den Posten, den Kim Jong Un vorher inne hatte.

Choe Ryong-hae. Teil des zentralen Führungsteams

Aber auch in den Kreisen unmittelbar um Kim Jong Un wurde kräftig rotiert. Wie ich bereits vermutet hatte, wurde ein freier Stuhl im Präsidium des Politbüros des Zentralkomitees der Partei neu besetzt. Und dort nahm der eben angesprochene Choe Ryong-hae Platz. Choe ist weder ein Shootingstar des Regimes, noch ein alter Recke, sondern irgendwas dazwischen. Er gilt als alter Freund Kim Jong Ils und scheint auch mit Jang Song-thaek (Kim Jong Uns strippenziehender Onkel) gut bekannt zu sein. Interessant ist er, weil er nach hoffnungsvoller Karriere 1998 von der Bildfläche verschwand und erst 2006 in der Provinz wieder auftauchte. Ab 2010, als das Regime dann unter Hochdruck an die Nachfolge Kim Jong Uns vorzubereiten begann, kehrte Choe dann nach Pjöngjang zurück und seitdem scheint sein Aufstieg nicht zu bremsen zu sein. Erst gestern wurde er zum Vize-Marschall der Armee ernannt, dadrüber kommt dann nur noch der Marschall und den gibt es eigentlich nie, wenn man nicht der Führerfamilie angehört. Choe scheint also eine weitere zentrale Figur in Kim Jong Uns neuem Führungsteam zu sein.

Erwartbare Beförderungen.

Daneben gab es einige wenig überraschende Beförderungen und Ernennungen. So bekamen Kim Jong-gak, Jang Song-thaek und Pak To-chun bekamen volle Mitgliedschaften im Politbüros des Zentralkomitees der Partei. Kim Jong Uns Tante Kim Kyong-hui wurde ins Sekretariat des Zentralkomitees gewählt, wo bisher auch eine sehr illustre Runde versammelt war. Die Namen des Führungsteams beginnen sich zu wiederholen.

Interessant Kim Jong-gaks neuer Job und Kim Yong-chuns Verlagerung

Eine weitere Personalie, die bereits gestern bekannt wurde, ohne dass KCNA sie bisher öffentlich verlautbart hätte, betrifft Kim Jong-gak und Kim Yong-chun. Ersterer hat nämlich von letzteren als Verteidigungsminister beerbt. Interessanterweise hatte ich beide als mögliche Kandidaten für den Platz im Präsidium des Politbüros gesehen. Kim Jong-gak ist jetzt auf eine andere Art aufgestiegen und wird wohl mehr in der militärischen als in der politischen Lenkung aktiv sein. Kim Yong-chun wurde heute zum Abteilungsleiter des Zentralkomitees ernannt. Hier weiß ich nicht genau, was davon zu halten ist, klingt für mich nicht nach Aufstieg, aber er hat ja noch den Vizevorsitz der NDC inne, was ja auch nicht schlecht ist. Nichtsdestotrotz kann man ihn mal im Auge behalten.

Rapide Machtkonsolidierung des Führungsteams

Insgesamt lässt sich sagen, dass Kim Jong Un und seine Leute weiter rasant an den neuen Machtstrukturen arbeiten. Kim Jong Un hat die Führung der Partei erlangt und einige seiner wichtigsten Gefolgsleute in Stellung gebracht. Es kann natürlich auch genau umgekehrt sein. Das lässt sich nur schwer sagen. Nichtsdestotrotz schreitet die Machtkonsolidierung der Führungsgruppe rapide voran und die nächste Runde dürfte es dann übermorgen im Rahmen des Zusammentretens der SPA geben.

„Nordkoreanische Woche“: In den nächsten Tagen werden in Nordkorea entscheidende Weichen gestellt


Nachdem alle Osternester gefunden, alle Ostereier verspeist und alle Sünden erlassen (ich habe am Sonntag beim rumzappen zufällig genau zum richtigen Moment den Papst eingeschaltet, der in seine Generalamnestie für reuige Sünder netterweise auch diejenigen am Fernseher einschloss) sind, kann ich mich mal wieder den aktuellen Ereignissen in Pjöngjang widmen. Und zu widmen gibt es diese Woche ja viel. Daher will ich erstmal kurz die Großereignisse zusammenfassen, die uns in den kommenden sechs Tagen erwarten und jeweils darauf eingehen, was diese Ereignisse bringen können. (Rüdiger Frank hat übrigens auf 38 North einen sehr interessanten Artikel über die Ereignisse im April geschrieben, den ich euch empfehlen möchte. Er kennt sich einfach sehr gut aus und kann die ganze Situation auf eigenen Erfahrungen und jahrelanger Forschung basierend fundiert analysieren. Und erklären kann er auch noch klar aber unterhaltsam.)

Die Parteikonferenz: Wegweisende Personalentscheidungen

Morgen geht es ja auch schon los. Dann steht die Parteikonferenz an, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte. Die letzte Veranstaltung dieser Art gab es ja erst Ende 2010 und damals wurde ein großer Teil der personellen Grundsteine gelegt, auf die Kim Jong Un sein Regime bauen sollte. So wurde zum Beispiel das zuvor sehr einsame Präsidium der Politbüros des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas (manchmal muss man das einfach mal komplett hinschreiben) neu besetzt, so dass Kim Jong Il nicht mehr ganz allein darin sitzen musste. Darüber hinaus wurde eine Vielzahl der gehobenen Parteiposten wurden mit relativ frischem Personal besetzt, von dem man vermuten kann, dass es den Kern des neuen Regimes um Kim Jong Un bilden sollte. Weiterhin trat zu diesem Anlass Kim Jong Un ins Licht der Öffentlichkeit und erhielt seine ersten Posten in Partei und Militär (bzw. im letzten Fall einen Rang).

Die diesjährige IV Parteikonferenz, die sehr dicht auf die von 2010 folgt (die Treffen werden bei Bedarf einberufen und eher unregelmäßig abgehalten) stand ein bisschen im Schatten der (bzw. zumindest eines) anderen Großereignisse dieser Woche und erhielt nicht soviel Beachtung wie die Vorherige. Aber das kann auch an der westlichen Berichterstattung, die stark auf Raketen fokussiert ist und an der inhaltlich und mengenmäßig seit 2010 ausgeweiteten Nachrichten der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA liegen. Nichtsdestotrotz könnten auf der Konferenz weitere wegweisende Personalentscheidungen verkündet werden.

So sind mit dem Tod Kim Jong Ils und Jo Myong-roks wieder zwei der fünf Stühle im Präsidium des Politbüros frei und man könnte sich vorstellen, dass Kim Jong Un auf einem davon Platz nehmen wird, vielleicht sogar als Generalsekretär der Partei. Sollte man den einen Stuhl neu besetzen, dann wird das vermutlich auch mit dem Anderen der Fall sein. Hier wird es spannend sein zu sehen, wer dort Platz nimmt. Ein eher junger Politiker, oder ein alter Recke. Ein Militär oder ein Ziviler. Ich denke es wird eher ein Militär werden (ich finde es sieht aus, als gäbe es da einen Proporz). Da Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek, einer der notorischen Strippenzieher im Hintergrund (sagt man zumindest) seit neuestem ja auch Uniform trägt, wäre er ein Kandidat. Aber auch Kim Yong-chun wäre von seinem Einfluss, seiner relativen Jugend (unter 80) und weil er dem Regime schon lange angehört, ein Kandidat. Oder ein Shootingstar wie Kim Jong-gak bzw. jemand, den man garnicht so richtig auf der Rechnung hat (damit ist wohl alles abgedeckt, hehe). Jedenfalls könnte eine solche Personalie beispielsweise hinsichtlich der Frage ein Signal setzen, ob der Generationenwechsel im Regime, der ab 2010 begann, fortgesetzt wird, oder ob man auf Konstanz setzt. Letzteres könnte auf eine relative Schwäche Kim Jong Uns hindeuten. Dasselbe könnte man auch vermuten, wenn er nicht in weitere Positionen gehievt wird. Es ist zwar eigentlich nicht besonders klug, Prognosen abzugeben, weil man ja eigentlich immer nur im Schlamm stochert und weil man sich danach sagen lassen muss, dass man falsch geraten hat, aber ich habe das Gefühl, dass man anders als beim Tod Kim Il Sungs, die Nachfolge auch nominell recht zügig in trockene Tücher bringen will. Darauf deute zum Beispiel Kim Jong Uns schnelle Rückkehr zur alltäglichen Arbeit (Vor-Ort-Anleitungen) nach dem Tod seines Vaters hin. Also würde es mich eher überraschen, wenn nach der Konferenz und der Sitzung der SPA nicht ein paar neue Gesichter zu erkennen wären und Kim Jong Un sich nicht mit weiteren Posten schmücken könnte.

Die SPA: Änerungen in der NDC?

Das zweite Ereignis, dass auch eher personell-politischer Art ist, ist das Zusammentreten der Supreme People’s Assembly (SPA) am Mittwoch dem 13. April. Auch im Rahmen der jährlichen Sitzung des nordkoreanischen Parlaments gab es in den vergangenen Jahren interessante Personalien. Die betrafen vor Allem Änderungen in der Nationalen Verteidigungskommission (NDC), die oft als mächtigstes außenpolitisches Steuerungsorgan des Regimes beschrieben wird.

Dementsprechend können wir gespannt sein, ob dort neues Personal dazukommt, oder ob alles beim Alten bleibt. Je nach dem was sich da tut, könnten sich Schlüsse darüber ergeben, ob die NDC unter Kim Jong Un dieselbe hervorgehobene Rolle spielen wird, wie unter Kim Jong Il. Ich halte es nach wie vor für möglich, dass Kim Jong Un sich ein anderes Vehikel zur Steuerung des Landes suchen wird und die NDC relativ an Bedeutung verliert. Auch im Kabinett könnte es Umbesetzungen geben.

Weiterhin wird die Regierung zu diesem Anlass dem Parlament Bericht erstatten und das Budget fürs kommende Jahr vorstellen. Beides finde ich aber immer relativ wenig aufschlussreich, weil die Berichte die veröffentlicht werden und die Informationen übers Budget sich für gewöhnlich in schwammigen Phrasen ohne großen Informationsgehalt erschöpfen. Aber Pjöngjang sucht ja in jüngster Zeit recht offensiv nach Investoren für die neuen SWZ. Vielleicht versucht man die auch durch größere Transparenz oder durch irgendwelche besondere Posten im Budget zu überzeugen. Aber ich erwarte nicht allzuviel davon.

Der Kern der Sache: Kim Il Sungs Geburtstagsparty

Das dritte Ereignis ist für uns vermutlich garnicht so super spannend, aber für das Volk und vermutlich auch das Regime das Wichtigste. Am 15. April hätte Kim Il Sung seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Das will und muss entsprechend begangen werden. Die drei anderen Veranstaltungen die ich hier nenne, bilden quasi das offizielle Rahmenprogramm der Geburtstagsparty. Das Fest an sich wird wohl aus einer riesigen Parade (vielleicht gibt es für Leute, die sich mit Militärgerät auskennen, da was Neues aus Pjöngjangs Waffenschmieden zu sehen), rituellen Besuchen an wichtigen Orten (dem Mausoleum zum Beispiel, auch wenn es zurzeit nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist) und jede Menge Reden. Vielleicht wird in deren Rahmen ja auch etwas Wichtiges verkündet, immerhin schaut definitiv dann das ganze Land und ein beträchtlicher Teil der Welt nach Pjöngjang.

Apropos die Welt. Ich bin gespannt, aus welchem Land welche Art von Delegationen kommen wird. Eigentlich hätte man sich ja wichtige Chinesen und Russen erwarten können, aber die Sache mit dem Satellitenstart, könnte in der einen oder anderen Hauptstadt den Bedarf nach weiteren Zaunpfählen zum Winken wecken. Und wenn man nicht ganz so wichtige Leute schickt, ist das ein Signal. Wenn doch, allerdings auch vielleicht. Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass die Gästetribüne für Pjöngjang relativ enttäuschend besetzt sein wird. Naja, und ansonsten kann man noch das übliche Spiel betreiben. Wer steht bei wem und vor allem nahe dem Zentrum, wer hält Reden etc.

Der Satellitenstart: Außenpolitisches Umfeld wird schwieriger

Über den vierten Punkt wurde ja eigentlich schon echt viel geschrieben und den meisten Medien sind die anderen Events neben dem Satellitenstart maximal einen kleinen Abschnitt wert. Ist aber auch irgendwie verständlich, denn hier handelt es sich nicht um „Familiengeschichten“, sondern es geht alle an. Dementsprechend wird der Satellitenstart (ich glaube mittlerweile haben auch die größten Optimisten die Hoffnung auf eine Absage fahren lassen) auch am stärksten medial begleitet.

Der Start ist zweifellos durch die Resolution 1874 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen verboten und wenn man heutige Aussage aus Russland hört, die das genauso sieht, dann dürfte nach dem Start heiß über eine weitere Resolution und eine Verschärfung der Sanktionen diskutiert werden. Das Zustandekommen einer Resolution hätte dann wohl garnicht so schlechte Chancen und hängt dieses Mal allein von China ab, das sich auch schon unzufrieden über Nordkoreas Vorgehen geäußert hat. Wenn es dazu käme, aber vielleicht auch schon bei einer schwächeren Reaktion der Weltgemeinschaft, stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir in einigen Wochen einen weiteren Nukleartest Pjöngjangs sehen werden. Damit stände dann wieder eine Zeit höherer außenpolitischer Spannungen an, was gerade unter den Bedingungen von Kim Jong Uns Nachfolge eventuelle auch Druck auf das Regime bedeuten könnte (vor allem, wenn China zu Strafmaßnahmen greifen würde).

All das zieht noch garnicht ins Kalkül, das bei dem Satellitenstart irgendwas schiefgehen könnte. Ich bezweifle, dass sich irgendwer trauen wird, die Rakete vom Himmel zu holen, wenn sie auf normalem Kurs unterwegs ist, aber unmöglich ist es nicht, dass man in Seoul oder Tokio beweisen will, dass man sich von Pjöngjang nicht mehr malträtieren lassen will. Ich würde als Stratege dort zumindest darüber nachdenken, aber die Folgen sind eben kaum absehbar. Wenn die Rakete wieder unbeschadet abhebt, dann ist das zumindest ein Beleg, dass Pjöngjangs Unberechenbarkeit nach wie vor ein gutes Abschreckungsmittel gegen die verbündeten und –feindeten Staaten darstellt. Seouls, Tokios und Washingtons drohendes Gerede aber nicht. Aber daneben ist zu bedenken, dass Pjöngjang bisher noch keinen erfolgreichen Start einer Rakete dieses Modells geschafft hat. Ist also nicht abwegig, dass der Flugkörper irgendwo auf dem Weg abschmiert. Weil aber gegenüber der anderen Route relativ nah an Land vorbei geflogen wird, könnte das Südkorea, Japan, die Philippinen oder Indonesien (bei ganz viel Abweichung von der Route vielleicht noch Taiwan) betreffen. Was passieren wird, wenn die Rakete unkontrolliert auf Festland stürzt, kann ich mir zwar nicht so genau vorstellen, aber es wird sicherlich nicht zum Frieden und der Stabilität in der Region beitragen. Daher hoffe ich einfach mal, dass die Rakete erfolgreich abhebt.

Der Satellitenstart und die ungewöhnliche Transparenz Pjöngjangs — es wurden ausländische Journalisten und Experten für den Start eingeladen und berichten schon kräftig aus dem Land — haben auch noch den positiven Seiteneffekt, dass die Medien dann noch gleich über die anderen Großereignisse mitberichten können. So hat man sich in Nordkorea zumindest die notwendige Publicity für die Ereignisse gesichert.

Potenzial für internen Unfrieden

Ganz egal, was in den nächsten Tagen konkret passieren wird. Wir werden danach auf jeden Fall ein gutes Stück mehr wissen. Was ich mich dabei frage, ist, ob das Regime sich mit alldem, das es gerade anstößt nicht selbst überfordert. Es werden innenpolitische Entscheidungen getroffen werden, bei denen es nicht nur Gewinner geben kann (auch wenn sich manche das vielleicht wünschen, so ist selbst noch nicht mal die DVRK mit Kim Il Sungs Juche-Ideologie dazu in der Lage). Und Verlierer sind mit ihrem Los öfter mal unzufrieden. Gleichzeitig werden außenpolitische Entscheidungen getroffen, die ebenfalls bei mancher Regimegröße für Ablehnung sorgen könnten. Das heißt, es bestehen Potenziale für internen Unfrieden. Daraus können unüberschaubaren Folgen entstehen. Da wir aber nicht wissen können, wie gut solche Konfliktlinien ausgeglichen oder zugedeckt werden können, bleibt es uns nur abzuwarten und zu beobachten.

Urbi et Orbi

Ich werde in den nächsten Tagen versuchen über die wichtigsten Ereignisse und Erkenntnisse aus dieser (im Fußball würde man wohl sagen „englischen-Woche“) nordkoreanischen-Woche zu berichten. Aber vorerst habt ihr ja schonmal einen kleine „Leitfaden“, was alles interessant sein wird in den nächsten Tagen. Und um aus dem Beitrag eine runde Sache zu machen schließe ich mit einem, mit dem ich auch begonnen habe und bin heute mal ganz einer Meinung mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche und wünsche mir, dass die Stadt und der Erdkreis seinen alljährlichen Friedenswünschen folgen.

Nur ein Gerücht? — Implikationen der Gerüchte über Kim Jong Uns Ermordung für das Regime in Pjöngjang: Die Gefahr autonomer Kommunikationskanäle


Es war ja schon zu Kim Jong Ils Lebzeiten nichts ungewöhnliches, dass allerlei Gerüchte über ihn die Runde machten. Und je mehr Teilnehmer und damit Gewicht soziale Plattformen wie Twitter und Facebook bekamen, desto viraler und rasender verbreitete sich das Ganze dann. Da zeigt sich auch ganz gut das Risiko der sozialen Medien, denn nicht die Nachrichten, die solide belegt waren verbreiteten sich am schnellsten und stärksten, sondern vor allem die, die besonders spektakulär waren. Nicht ohne Grund kam Joshua von One Free Korea mit seiner „Kim Jong Il Death Watch“-Reihe auf beachtliche 10 Artikel, in denen er sich mit Gerüchten über Kim Jong Ils Tod befasste.

Kim Jong Un ist tot. Nur ein Gerücht!…Nur ein Gerücht?

Jetzt ist Kim II tatsächlich tot und ihm folgte Kim III — nicht nur als zumindest nomineller Führer seines Regimes, sondern auch als Ziel von Gerüchten über seinen Tod. Gerade in der aktuell fragilen Zeit, in der viele Augen nach Pjöngjang schauen, werden Indizien schnell zur Grundlage von Gerüchten. Und Gerüchte verbreiten sich ja wie gesagt unter den Bedingungen des Internet ja wie gesagt blendend. Daher ist es auch nicht weiter überraschend, dass sich gestern bei Weibo, dem chinesischen Pendant von Twitter, Meldungen über Kim Jong Uns Ermordung rasend verbreiteten und dann irgendwann auch von westlichen Medien aufgegriffen wurden und auch innerhalb von ein paar Stunden auf diesem Blog auf der Freien Beitragsseite ankamen (Danke für den Hinweis Tobias und franticek). Grundlage des Gerüchts war eine ungewöhnlich große Zahl von (Rettungs-)Fahrzeugen vor der nordkoreanischen Botschaft in Pjöngjang. Und dann ging eben alles seinen Weg (ein ausführlicher Bericht zur Genese des Gerüchts gibts bei North Korea Tech).

Von der niedrigen Trefferquote von  Gerüchten im Fall Nordkorea

Mit Gerüchten ist das ja nun immer so eine Sache. Manchmal haben sie eine Grundlage in der Realität, meistens aber nicht. Ich glaube dass dieses Mal letzteres zutrifft. Jedoch ist es nicht undenkbar, dass Kim Jong Un irgendwann einem Attentat zum Opfer fällt, oder zumindest Pläne für seine Ermordung geschmiedet werden. Schließlich gibt es ja auch deutliche Hinweise, dass sein Vater wiederholt Ziel von Anschlägen oder Putschversuchen war (und der hatte vor seinem Start als Spitze des Regimes mehr Zeit, alles vorzubereiten und die Gefolgschaft auf Linie zu brzwingen). Daher sollte man die Gerüchte auch nicht immer so einfach abtun, jedoch immer erstmal als das behandeln, was sie sind. Unbestätigte Gerüchte eben. Einen Hinweis, dass man Gerüchte nicht überbewerten sollte liefern jedoch auch die Ereignisse um Kim Jong Ils tatsächliches Dahinscheiden. Denn was es im Vorfeld der Verkündigung seines Todes eben nicht gab, waren irgendwelche Gerüchte über seinen Tod. Der Informationsfilter von Nordkorea nach außen hat also bisher noch blendend funktioniert.

Die Wirkkraft von Gerüchten, unabhängig vom Wahrheitsgehalt

Interessant ist das Aufkommen von Gerüchten auch im Hinblick auf Nordkoreas vorsichtige Öffnung gegenüber dem WWW. Natürlich sind bisher nur einige Propagandaorgane des Regimes online und verbreiten Informationen in alle Welt. Aber einerseits weiß man nicht, inwiefern auch über das nordkoreanische Intranet eine zunehmende Vernetzung möglich ist. Auch die eine Million Mobilfunknutzer in Nordkorea sind nicht zu unterschätzen. Mit zunehmender Möglichkeit zur Vernetzung und damit wachsenden Datenmengen, die auszuwerten sind, dürfte es dem Regime immer schwerer fallen, jede SMS und jede E-Mail zu lesen. Und wie die vermutlich eher wenig Medienkompetenten nordkoreanischen Mediennutzer mit Gerüchten umgehen (immerhin war bisher alles was an Nachrichten oder Informationen verbreitet wurde, irgendwie von staatlicher Seite als „wahr“ bestimmt), muss sich erst noch zeigen. Auch ein anderes Moment würde ich nicht ganz außer Acht lassen. Je mehr Propagandalautsprecher Zugang  zum Netz haben (und damit die Möglichkeit zur direkten Verbreitung), desto größer ist auch dort die Fehleranfälligkeit. Natürlich wird es dort mannigfaltige Schutzmechanismen gegen die Verbreitung ungewollter Nachrichten geben, aber undenkbar ist es nicht, dass entweder durch „bösen Willen“ Einzelner, oder durch individuelle Fehler Meldungen veröffentlicht werden, die so nicht nach außen dringen sollten. Und sowas ist unter den Bedingungen des WWW eben nicht mehr einzufangen. Auch wenn es nach innen hin recht schnell behebbar sein wird. Früher waren bei Staatsstreichen immer Fernsehsender und Radiostationen zentrale Ziele von Putschisten. Heute dürften auch Schnittstellen zum Netz interessante Ziele darstellen, denn sie lassen sich vielleicht auch ohne dauerhafte Übernahme, für Attacken einer Art „Informationsguerilla“ nutzen.

Implikationen für Nordkorea: Risiken von Informationsfreiheit erkennen und bewerten

Das alles sind zwar eher Zukunftsträume und ich glaube nicht, dass Gerüchte oder echte Informationen von innen oder außen das Regime in Pjöngjang in naher Zukunft ernsthaft ins Wanken bringen werden. Jedoch haben die Ereignisse der arabischen Rebellion (bevor man den Frühling tatsächlich einläutet, sollte man genau im Auge halten, ob nicht der Winter nochmal zurückkommt) gezeigt, wie schnell Informationen die sich nicht mehr einfangen lassen eine Dynamik entwickeln. Daher bin ich mir sicher, dass das Regime in Pjöngjang sehr genau beobachtet, wie sich die verschiedenen Möglichkeiten zur Vernetzung und zur informationellen Unabhängigkeit auf die Kontrollmöglichkeiten von Regimen auswirkt. Gerade die Tatsachen, dass die jüngsten Gerüchte in China entstanden sind, wird zu denken geben. Daher wird man sich vermutlich sehr genau überlegen, wie weit man der eigenen Bevölkerung die Möglichkeit geben will, autonom zu kommunizieren und sich unabhängig von der Regierung zu vernetzen.

Das Regime werkelt an der Büchse der Pandora

Das ist im Endeffekt eine recht einfache Kosten-Nutzen-Abwägung für das Regime und ich stelle mir die Frage, wo der Nutzen ist? Die Kosten bzw. Risiken sind ja bekannt. Daher kann ich mir vorstellen, dass man weiterhin sehr vorsichtig sein wird, was das Öffnen weiterer unabhängiger Kommunikationskanäle innerhalb des Landes angeht und erst Recht, was Kanäle von außen nach innen betrifft. Nur der umgekehrte Weg wird vermutlich weiter vorangetrieben werden. Die Frage ist nur, ob man mit der breiten Einführung von Mobilfunk nicht schon die Büchse der Pandora geöffnet hat und einer breiten Bevölkerungsgruppe Möglichkeiten gewährt hat, die nicht mehr beschränkt werden können. Das wird mittelfristig auf jeden Fall ein Thema sein, dass man sehr genau m Auge behalten sollte.