Ein unambitioniertes Interview: Wie die Saarbrücker Zeitung zum nordkoreanischen Propagandalautsprecher wurde


Vor ungefähr einer Woche habe ich ja über das Interview des nordkoreanischen Botschafters in London geschrieben, das in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert war. Damals stellte ich mir unter Anderem folgende Frage:

Ich bin aber gespannt, ob noch andere nordkoreanische Botschafter dazu Pressekonferenzen oder Interviews machen, oder ob Herr Hyon das alleine gemacht hat.

Auf diese Frage gibt es jetzt einige interessante Antworten. Einerseits war das Interview durchaus Teil einer konzertierten Kampagne, wie ich schon gemutmaßt hatte. Denn außer in London, sprachen auch die Botschafter in New York (bei den Vereinten Nationen), Peking und Moskau mit den Medien, allerdings nicht in Form von Interviews sondern auf Pressekonferenzen. Und auch Ri Si-hong, Nordkoreas Botschafter in Berlin beteiligte sich an der Medienoffensive und überraschenderweise auch in einem Interview.

Ri Si-hongs Pseudo-Interview

Allerdings war Ri dabei nicht ganz so ambitioniert wie Hyon Hak-bong. Denn erstens gab es kein Fernseh-, sondern ein Zeitungsinterview, zweitens fand das nicht mit einem Medium aus der ersten deutschen Reihe, sondern mit der Saarbrücker Zeitung statt und drittens war es auch inhaltlich wesentlich wenige ambitioniert.

Der überwiegende Teil des Interviews ist ein aus den anderen Auftritten von Botschaftern bekannter Werbeblock für das „Angebot“ der Nationalen Verteidigungskommission an Südkorea die Beziehungen zu verbessern. Das ist ganz klar der Anlass des Ganzen. Ansonsten gibt es nur die Hinweise, dass Jang Song-thaeks Hinrichtung gerechtfertigt war und dass Deutsche ohne Angst in Nordkorea investieren können. Da wundert man sich doch: Wenn ich einen nordkoreanischen Botschafter für ein Interview bekäme, würde ich ihn aber mehr fragen, als Dinge auf die wir seine Antwort eh schon kennen. Weshalb die Vertreter der Saarbrücker Zeitung das nicht gemacht haben steht unter dem Interview:

Ri Si-Hong suchte nun von sich aus zum ersten Mal den Kontakt zur deutschen Presse. […] Die Botschaft machte in den Vorgesprächen zur Bedingung, dass nur Fragen zum Vorstoß des Verteidigungskomitees gestellt werden dürften, und dass Worte wie „Diktatur“ oder „isoliertes Land“ nicht vorkommen dürften. Außerdem seien die Fragen vorher schriftlich einzureichen. Allerdings war der Gesprächsverlauf dann viel freier und der Botschafter gab sich entspannt. Sein sehr gut deutsch sprechender Stellvertreter übersetzte – korrekt, wie ein externer Dolmetscher anhand des Tonbands hinterher feststellte. Auf eine Prüfung des ausgeschriebenen Interviews verzichtete Ri. Er vertraue der Presse.

Naja, auch wenn das Interview entspannter ablief als gedacht, scheinen die beiden Journalisten die es führten zumindest eine kleine Schere im Kopf gehabt zu haben, bzw. die  Angst, dass das exklusive Interview platzen könnte, wenn sie zu kritische Fragen einreichen. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu so unambitionierten Fragen kam.
Damit dürfte auch klar sein, warum das Interview nicht mit dem Spiegel, der FAZ, der taz oder sonst einem der großen deutschen Printmedien geführt wurde. Die werden sich für ein solches Pseudo-Interview einfach nicht hergegeben haben, bei dem im Endeffekt die Propaganda nur in ein anderes Format gepackt wird. Informationszuwachs gleich Null.
Der Botschafter wiederum wird froh sein, seinen Job erledigt zu haben. Wenn er für die Zukunft Tipps braucht, wie man so richtig professionell Pseudointerviews produziert könnte er ja mal einen seiner Leute bei der Deutschen Bank einschleusen. Die PR-Abteilung dort weiß nämlich sehr gut — zumindest in der Theorie — wie man das macht. Oder man fragt mal bei Martin Sonneborn nach…

Experimentieren mit „neuen“ Kommunikationskanälen

Interessant ist das alles mit Blick auf die nordkoreanische Medienstrategie trotzdem. Denn es wird deutlich, dass man mit neuen Formaten experimentiert. Nicht mehr derselbe ewig-gleiche-Pressekonferenzzirkus rund um die Welt, sondern auch mal ein Interview. Das ist ja nahezu ein Quantensprung. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die Botschafter scheinbar eine gewisse Autonomie darüber haben, wie sie ihren Job machen. Sie kriegen wohl von Zeit zu Zeit eine Depesche aus Pjöngjang, in der verschiedene talking-points stehen, die sie in die Medien ihres Gastlandes einspeisen sollen. Wie sie das machen ist dann scheinbar ein Stück weit freigestellt. Die ganz Unambitionierten machen eine Pressekonferenz, die etwas Kreativeren suchen sich einen Pseudo-Interviewpartner und die wirklich Mutigen, die es wohl noch zu was bringen wollen stellen sich einem Fernsehinterview. Ich bin gespannt, ob die nordkoreanischen Botschaften weiter an ihrer Medienstrategie feilen und ob in Zukunft dem britischen und deutschen Botschafter weitere folgen und sich dem (mehr oder weniger großen) Risiko eines Interviews stellen. Oder aber das nordkoreanische Außenamt weist den Botschaftern die Formate je nach den lokalen Medienlandschaften zu. Wer weiß es. Ich werde das Thema Kommunikationsstrategien Pjöngjangs jedenfalls weiter im Auge behalten.

Von 120 hungrigen Hunden und 146 Zuchtmeerschweinen: Warum man viel über Nordkorea schreiben kann, aber nur weniges beweisen muss.


Die meisten von euch werden die Story mit Jang Song-thaeks Hinrichtung mit Hilfe von 120 Hunden zumindest am Rande wahrgenommen und sich vielleicht auch eine Meinung dazu gebildet haben. Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben, denn wenn ich anfangen würde mich über jedes dumme Gerücht über Nordkorea aufzuregen, das von unseren Medien ohne seriöse Quellenprüfung oder Anwendung sonstiger journalistischer Standards zu einer skandalösen Geschichte breitgewalzt und mit tollen Schlagzeilen versehen wird, dann würde ich ja sonst nichts mehr machen (und das ist leider nicht wirklich überspitzt).
Dann hätte ich es mir fast anders überlegt, als ich diese ausgezeichnet verschwörungstheoretisch fundierte aber absolut gehaltlose Analyse meines lieblings-Kommunistenflüsterers, Stalinverstehers und Chefkommentators gelesen habe. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil es mir einerseits um die Zeit zu schade war, andererseits möchte ich nicht den Anschein machen, unter irgendeiner Art von persönlichen Manie zu leiden, so oft wie ich über den Quatsch schreibe, den der Mann von der WELT verzapft (der Grund für meine häufige Beschäftigung mit dem Werk des WELT-Chefkommentators ist schlicht, das niemand in Deutschland so ausdauern und so unterirdisch zu Nordkorea schreibt).
Dass ich aber jetzt doch hier sitze und was zu dem Thema tippe, liegt nicht an irgendeinem Mist, den ich gelesen habe sondern ist Folge eines positiven Impulses:

Schön zu wissen: Deutsche Journalisten sind zur Selbstkritik fähig

Denn tatsächlich gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland (bzw. zumindest in deutscher Sprache schreibend) Journalisten, die ihrer Arbeit offensichtlich etwas reflektierter nachgehen, als viele ihrer Kollegen und die auch bereit sind, in diesem Rahmen so etwas wie Medienkritik zu üben (unsere Medien sind ja grundsätzlich nicht unkritisch und verstehen es oft gesellschaftliche Phänomene etc. mit scharfer Feder bzw. Worten anzuprangern; Nur wenn es um sie selbst geht, tun sie sich mitunter schwer mit sowas). Naja, lange Rede kurzer Sinn, lest euch auf jeden Fall mal diesen Artikel von Stephan Scheuer durch, alles was er schreibt kann ich auch so unterschreiben.
Das Schöne an seinem Beitrag: Er suggeriert nichts in die eine oder andere Richtung, sondern macht das, was journalistische Texte eigentlich tun sollten: Er ordnet Informationen ein und bietet Hintergründe. Er lässt der Geschichte ihren Raum, macht nicht mehr daraus, als es ist und versucht nicht irgendwelche hochtrabenden Analysen daraus abzuleiten.
Das mag zwar weniger „sexy“ sein, als eine Story mit einem grausamen mordenden Diktator mit 120 hungrigen Hunde, aber da ich der Ansicht bin, dass „sexieness“ bei Inhalten und Überschriften nicht das oberste Kriterium journalistischer Arbeit sein sollte und gehöre daher zu denen, die solche Artikel wohltuend finden.
Ich hoffe auch einfach mal, dass ihr nicht zu den Leuten gehört, die das anders sehen, denn dann wärt ihr auf diesem Blog vermutlich leider falsch und solltet hier, hier oder hier weiterlesen (allerdings könnt ihr euch dafür dann vielleicht merken, dass die spektakulären, obskuren und „irren“ Storys meistens nicht unbedingt wahr sind).

Warum ich unkritische Berichterstattung zu Nordkorea verwerflich finde

Ich will jetzt nicht lange mit irgendeiner Art von moralischem Zeigefinger rumwinken, denn ich habe ja schon oft genug darauf hingewiesen, wie vorsichtig man mit Medienberichten zu Nordkorea umgehen muss. Denn leider machen sich es Medienvertreter allzuoft allzuleicht, übernehmen irgendwelche Gerüchte und halbseidenen Informationen, drehen sie dann so lange vorwärts, rückwärts, kreuz und quer durch die Medienmaschinerie, bis sie selbst glauben, das Gerücht sei wahr.
Natürlich gibt Nordkorea für ein solches Verhalten das ideale „Opfer“ ab, denn die informative Abschottung, die teils tatsächlich obskure Propaganda und das damit verbundene vergleichsweise lückenhafte gesicherte Faktenwissen über das Land laden dazu ein, einfach irgendetwas zu schreiben, Wiederspruch kommt ja eh nicht und da man ja weiß, dass das Regime böse ist, trifft es immer den Richtigen, selbst wenn das was man da über Nordkorea geschrieben oder gesagt hat, nicht so ganz der Wahrheit entspricht.
Nur dumm, dass damit eigentlich niemandem geholfen ist, außer vielleicht ein paar Journalisten, die mit wenig Aufwand viele Klicks erzeugt oder Zeilen gefüllt haben. Denn was wir als Leser  bekommen haben ist nur das Gefühl informiert worden zu sein, nicht aber echte Information oder Wissen. Noch schlimmer ist dabei, dass nicht nur wir kleinen Lichter Zeitung lesen, sondern auch diejenigen, die entscheiden dürfen. Auch die richten sich mitunter nach dem, von dem sie glauben, dass es sich um echte Informationen handelt. Wenn aber Politik auf Basis falscher Informationen gemacht wird, nur weil irgendwelche Medienschaffenden denken, dass es schon nicht so schlimm sein wird, wenn man ungeprüfte Gerüchte über Nordkorea (oder irgendein anderes Thema) publiziert, dann bin als Bürger damit nicht einverstanden und würde mir ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein der Betreffenden wünschen.

Ist die Hundegeschichte wahr?

Und was ist jetzt mit der Hundegeschichte? Kann die nicht doch wahr sein? Klar kann sie wahr sein! Ich glaube das nicht und verweise euch einfach an den oben verlinkten Artikel, aber auch hierher, hierher und hierher und möchte euch darauf aufmerksam machen, dass ziemlich vieles wahr sein kann, weil man ziemlich weniges selbst nachprüfen kann (das betrifft übrigens nicht nur Nordkorea. So funktionieren Verschwörungstheorien). Es könnte auch gut sein, dass Kim Jong Un ein rosa-Meerschweinchen-Fetischist ist und zu diesem Zweck ein Expertenteam syrischer Meerschweinezüchter mitsamt 146 hochgezüchteten Meerschweinen hat einfliegen lassen (hierdurch erklärt sich übrigens die Präsenz nordkoreanischer Militärangehöriger im syrischen Bürgerkrieg: Sie schützen essentielle Meerschweinezuchteinrichtungen und sichern die Evakuierung der Experten ab). Klingt unwahrscheinlich? Klar! Aber beweist mir doch mal das Gegenteil! Könnt ihr nicht! Seht ihr: Und ich würde euch gerne die Belege für die Meerschweinegeschichte liefern, aber weil das Regime so intransparent, irre und böse ist kann ich das leider nicht.
Naja, und das ist das Motto nach dem ein beachtlicher Teil der Nordkorea-Storys funktioniert. Aber weil ihr ja hier regelmäßig mitlest wisst ihr natürlich Bescheid und geht deshalb gerade mit den Geschichten, die am spektakulärsten klingen auch am vorsichtigsten um und das ist auch gut so…

Kim Jong Uns Porno-Ex und vietnamesische Wasserschweine — Ein gutes Ende für eine inhaltlose Story


Eigentlich hatte ich nicht vor, groß was zu der Kim Jong Un-lässt-seine-Ex-Freundin-wegen-Pornographie-hinrichten-Story zu schreiben. Allerdings wurde sowohl hier als auch auf Facebook danach gefragt bzw. darauf aufmerksam gemacht und daher werde ich doch noch schnell was dazu schreiben.

Warum ich zu solchen Storys ungern scheibe

Einleitend will ich erstmal kurz darlegen, weshalb ich das nicht zum Thema machen wollte (ihr hättet es euch vielleicht auch aus diesem Artikel herleiten können, in dem ich versucht habe Kriterien für meine Themenauswahl aufzustellen):

  1. Ich habe erst gerade Medienkritik geübt und dachte es wäre für mich und für euch ermüdend, alle paar Tage darauf hinzuweisen, dass viele Medien ihre Nordkorea-Berichterstattung nicht in erster Linie an journalistischen, sondern an reiner Sensationslust ausrichten.
  2. Ich habe eigentlich keine Ahnung, was ich dazu schreiben soll. Ich weiß nichts über die Person, die angeblich Kim Jong Uns Ex-Freundin gewesen sein soll, noch weiß ich was über die Pornographiegesetzgebung in Nordkorea und erst recht weiß ich nicht, was an der Geschichte dran ist. Wenn ihr euch also für die Geschichte interessiert, müsst ihr es bei denjenigen nachlesen, die sich entblödet haben das breitzumatschen.
  3. Geschichten die exklusiv von der Chosun Ilbo kommen, mache ich sehr ungern zum Anlass eines Artikels. Wenn ntv schreibt, die Meldung käme aus der größten Zeitung Südkoreas, der Chosun Ilbo, dann ist das wahr. Aber naja, „Größe“ ist bei Zeitungen nicht unbedingt eine geeignete Kategorie um Qualität zu messen, oder wisst ihr nicht, was die größte Zeitung Deutschlands ist… Und wirklich anders ist es in Südkorea leider auch nicht. Die Chosun Ilbo kommt zwar hin und wieder an spektakuläre und richtige Infos ran, aber nur zu dem Preis, dass sie einen unglaublichen Ausstoß an Enten, Halbwahrheiten und niemals bestätigter Gerüchte hat.
  4. Selbst wenn es wahr wäre: Wer braucht denn bitte noch einen Beleg dafür, dass das Regime in Pjöngjang absolut verwerflich und unmenschlich agiert? Ich jedenfalls nicht. Aber scheinbar brauchen einige Leute boulevardeske Unterfütterungen ihrer Abneigung. Es reicht nicht, wenn das Regime abstrakt unmenschlich handelt, sondern man muss für die Bösen (Kim Jong Un) und ihre mutmaßlichen  Opfer (die angebliche Ex-Freundin) Gesichter finden.
  5. Es gibt einen sehr guten Artikel von Patrick Zoll in der NZZ, in dem so ziemlich alles drinsteht, was ich auch schreiben hätte können. Gratulation an Herrn Zoll und die NZZ, schön zu sehen, wenn einige Medien mal kurz innehalten und reflektieren, wozu sie eigentlich da sind.

Ein Faktencheck

Die meisten Fragen, die man an die Geschichte stellen kann, sind damit eigentlich schon mit dem Gesagten beantwortet. Wenn man fragt, ob etwas an der Story dran sei, dann ist vielleicht ein Faktencheck nützlich, in dem man hinterfragt, was übrig bleibt, wenn man alles subtrahiert, das nicht zweifelsfrei bewiesen werden kann.
Soweit ich das überschaue, ist das zum Einen, dass Kim Jong  Un Diktator in Nordkorea ist und dass es zum Anderen eine Frau gibt, die mal im Unhasu-Orchester gesungen hat. Alles Weitere sind Aussagen, die irgendwelche ungenannten Quellen irgendwie geliefert haben und die die Autoren der Chosun Ilbo dann zu einer mehr oder weniger plausiblen Geschichte verknüpft haben.

Ich kann also nicht sagen: „Das ist nicht wahr!“ Aber genauso wenig kann ich sagen: „Ja stimmt, so war das!“ Wenn ich ganz ehrlich bin, dann halte ich diese Geschichte sogar für glaubwürdiger, als den Kram über Kim Jong Uns Schweizer Jugendzeit, denn hier gibt es weniger Ungereimtheiten und Fakten, die dagegen sprechen, aber auch das heißt nicht, dass ich die Story für glaubwürdig halte, ich weiß es einfach nicht.

Ein gelungenes Ende für einen Artikel ohne Gehalt

Und weil ich nicht gerne was schreibe, an dessen Ende steht: „Kann sein, dass Kim Jong Un eine Frau hat hinrichten lassen, die vielleicht mit Pornobibeln (oder wie die Geschichte auch immer genau ging) gehandelt hat und vielleicht auch mal seine Freundin war, ehe sie möglicherweise einen Militär geheiratet hat, weil Kim Jong Il die Verbindung eventuell nicht gutgeheißen hat“, schreibe ich einfach nicht gerne über solchen Boulevardmist.
Ich mache mir über diesen Beitrag keinerlei Illusionen: Wenn man zu etwas über das man nichts weiß schreibt, dass man dazu nichts zu sagen hat und dass einen das Thema nicht interessiert, dann kann das Ergebnis nicht wirklich gutes sein.
Ein gutes hat es allerdings, man kann den Mist mit irgendwelchem Quatsch enden lassen und richtet in der Gesamtkomposition keinen Schaden an.
Sowas wie: „Ließ sich Kim Jong Un ein vietnamesisches Wasserschwein mit dem Gesicht Barack Obamas züchten, dass er mit einem Nuklear bestückten Raketenrucksack hinrichtete?“ kann man doch sonst fast nie schreiben, aber für diese Story ist es das perfekte Ende.
Denn es kann doch sein…oder? Wer einen Gegenbeweis antreten kann, der möge das tun, ansonsten schreibt es bitte in den Wikipedia-Artikel zu Nordkorea, ich glaube da wird es von den Medien am schnellsten gefunden und ändert an der Qualität des Wikis (leider) auch nicht viel.

Kims Skiliftparadies — Von der Überwindung der Moral


Wenn ihr in den letzten Tagen mal in die Zeitung geschaut und nach einem Nordkorea-Thema gesucht habt, dann dürfte euch nicht entgangen sein, dass die Schweiz, genauer das Staatssekretariat für Wirtschaft, dem Maschinenbau Unternehmen Bartholet den Export einer Seilbahn/Skilift nach Nordkorea untersagt hat. Dieses Verbot erfolgte auf Basis der bestehenden Sanktionen gegen Nordkorea. In Resolution 1718 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen findet sich folgender Absatz:

8. beschließt,

a) dass alle Mitgliedstaaten die Lieferung, den Verkauf oder den Transfer der nachstehenden Gegenstände an die DRVK, auf direktem oder indirektem Weg, über ihr Hoheitsgebiet oder durch ihre Staatsangehörigen oder unter Benutzung von ihre Flagge führenden Schiffen oder Luftfahrzeugen, und gleichviel ob sie ihren Ursprung in ihrem Hoheitsgebiet haben oder nicht, verhindern werden:

[…]

iii) Luxusgüter

Naja und den kann man halt sehr weit auslegen, denn was Luxusgüter genau sind dürfen die Staaten selbst bestimmen und diese Freiheit haben sich die Schweizer nun im Fall der Seilbahn genommen.
Wer hier regelmäßig mitliest, der dürfte wissen, dass ich den Sanktionen gegenüber Nordkorea oder vielmehr ihrer Umsetzung durch viele Staaten, relativ zwiespältig gegenüberstehe. Ich will dieses Thema jetzt nicht wieder von hinten aufrollen und meine Meinung über wirtschaftliche Schäden und kulturelle Bestrafung breittreten (wie weit kann sich eine Wirtschaft ohne Computer entwickeln und wie steht es um die Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe, wenn keine Musikinstrumente in ein Land exportiert werden dürfen), aber in diesem speziellen Fall ist mir doch etwas im Umgang unserer Medien mit dem Thema aufgefallen, das mir ein bisschen nach schlechtem Gewissen riecht.

Kim Jong Uns Seilbahn/Skilift/Paradies

Denn wenn man sich die Artikel zu dem Thema und darin besonders die Überschriften mal anschaut, dann fällt etwas auf:

Sanktionen gegen Nordkorea: Schweiz stoppt Skilift-Lieferung an Kim Jong Un (Spiegel Online)
Kim Jong Un will Skiparadies schaffen — Schweiz verweigert Nordkorea Skilifte (RP Online)
Schweiz untersagt Lieferung an Nordkorea — Kein Skilift für Kim Jong Un (Tagesschau.de)
Luxus-Skigebiet in Nordkorea — Kims Paradies (Süddeutsche.de)

Irgendwie erwecken diese Überschriften den Eindruck, als habe sich Kim Jong Un einen Skilift für sein Schlafzimmer bestellt (vielleicht um damit auf den riesigen Haufen westlicher Pornos zu fahren, den er ja bekanntlich von seinem Vater geerbt hat). Als wäre das Ding für seinen exklusiven Gebrauch gedacht und als würde das ganze Skigebiet eigentlich nur von und für ihn gebaut.
Ich muss ganz ehrlich zugeben, ich weiß nicht zu hundert Prozent sicher, dass das nicht so ist, aber ich würde doch drauf wetten. Selbst wenn Kim Jong Un in der Schweiz war (wofür es nach wie vor nicht den geringsten stichhaltigen Beleg gibt) und da nichts getan hat, außer dem Pistengaudi zu frönen, so ist es doch abwegig zu denken, er würde die „110 Pistenkilometer, Seilbahnen, Hotels“ für sich alleine bauen. Nun gut, man kann ihm vorwerfen, dass er das Skigebiet propagandistisch ausschlachten will, aber das kann man dann auch jedem deutschen Minister und Kanzler und so weiter unterstellen, wenn er irgendein Gebäude, eine Straße oder sonstwas einweiht.

Wie man moralisches Unwohlsein geradebiegt

Wieso aber dann diese Fokussierung auf Kim Jong Un?
Vielleicht denken da doch einige Journalisten drüber nach, dass sie ganz gerne mal in Skiurlaub fahren und dass sie es ziemlich blöd fänden, wenn sie das nicht könnten, weil eine Regierung, an der sie nichts ändern können, eine Politik betreibt, an der sie erst recht nichts ändern können. Grundsätzlich könnte der eine oder andere Schöpfer der oben aufgeschriebenen Unterschriften es irgendwo  tief in sich drin für unfair gehalten haben, dass den Nordkoreanern die Möglichkeiten zum Skifahren verbaut werden sollen, weil man ihren Diktator anders nicht ärgern kann. Die Lösung dieses kognitiven Dilemmas: Man macht sich selbst weiß, dass die ganze Geschichte nur Kim Jong Un wehtut und das ist ja dann eine gute Sache, denn Kim ist ja bekanntlich ein mieser Diktator, der seine Leute schindet und die Welt bedroht. Also schreibt man ganz selbstgewiss von Kims Skilift, Kims Skigebiet und Kims Paradies. Da kommt sonst eigentlich keiner vor und dann trifft es schon den Richtigen.  Bestenfalls werden irgendwo im Text noch „die Eliten“ genannt, die vermutlich tatsächlich vom Skigebiet profitieren. Aber wie schwer die Grenze zwischen „den Eliten“ und „den normalen Diktaturuntertanen“ zu ziehen ist, davon können wir Deutschen doch ein ziemlich langes Lied trällern.
Jedenfalls kann man am Ende sicher sein, dass die ganze Nummer nicht irgendwelche ganz normalen Menschen getroffen hat, die eigentlich garnichts getan haben und nur mal gerne was anderes machen wollen, als die alltäglichen Indoktrinationstrainings und die mehr oder minder sinnige Feld- Straßenreinigungs- oder Fabrikarbeit, sondern dass nur die Eliten und vor allem Kim Jong Un, getroffen wurde. Und das kann man ja wirklich nicht kritisieren…

Eine ruhmlose Ausnahme: Naivität schützt vor Einfältigkeit nicht

Allerdings will ich bei diesem kollektiven Selbstbetrug nicht alle deutschen Journalisten über einen Kamm scheren. Zumindest eine Zeitung war mit sich selbst und den Lesern ehrlich.
Die WELT schreibt nämlich von einem „Trick“ mit dem die Schweizer Regierung den Export des Skilifts verhindert habe. Man habe den Skilift „kurzerhand“ als „Luxusgut“ klassifiziert und damit den Export verhindert. Hier sagt also mal einer, dass ein Skilift kein Lxusgut ist. Aber nur, weil man als WELT Autor scheinbar in der festen Überzeugung verankert ist, dass man den Kommunisten garnichts liefern soll. Weder Luxusgüter, noch irgendwas anderes (wozu laut WELT ja dann auch Skilifte gehören). Und damit schließt sich so ein bisschen der Kreis zu den oben angesprochenen kognitiven Dissonanzen der Journalisten. Denn da der Vertreter der WELT das ja so und so super findet, wenn die Steinzeitkommunisten irgendwas nicht geliefert bekommen, muss er sich auch nicht selbst die Kim Jong Un-Brücke bauen, sondern kann mit der schlichten Schlagzeile

Schweiz verbietet Skilift-Lieferung an Nordkorea

an den Start gehen. Schön wenn die Welt so einfach ist. Erstaunlich finde ich trotzdem die Naivität, über die man wohl verfügen muss, um nicht selbst ins Grübeln zu geraten, wenn man schreibt, dass Staaten der „freien Welt“ mit irgendwelchen Tricks irgendwelche Güter umdeklarieren, um damit anderen Staaten zu schaden. Denn hey, wenn man mit so einer Trickserei erstmal anfängt, dann ist es am Ende schwierig, das richtige Maß zu finden.

Warum nicht mal ein bisschen hinterfragen?

Aber naja, so ist das eben, solange man weiß wo die Bösen stehen, solange man selbst bei den Aufrechten steht und solange man nicht allzuviel drüber nachdenkt, dass hinter jedem Bösen in Nordkorea auch ein paar Normale stehen, solange kann man auch ganz gut ignorieren, dass die Sanktionen gegen Nordkorea öfter mal jeglichen Sinn für Gerechtigkeit und Humanität ad absurdum führen. Ich würde mir nur wünschen, dass hin und wieder ein deutscher Journalist ein bisschen gegen den Strom schwimmt — nicht nur aus Versehen, wie der Mensch von der WELT —  und auch mal hinterfragt, was die Sanktionen erreichen sollen und wie sie im Endeffekt wirklich wirken.

Kim Jong Uns Schweizer Zeit revisited: Wo das Konstruieren von Realitäten noch witzig ist und wo es ernst wird


Fast genau vor einem Jahr beschäftigte ich mich mit der Geschichte um Kim Jong Uns Vergangenheit in der Schweiz und der Tatsache, dass es für diese angebliche Vergangenheit eigentlich keine belastbaren Belege gab. Ich stellte die These auf, dass gerade im Falle Nordkorea Medien, Experten und auch die Öffentlichkeit so etwas wie einen Konsens gefunden haben, dass Glauben fast so gut ist wie Wissen, weil man so wenig weiß und sonst so wenig sagen könnte. Seitdem ich mich damals mit dieser Schweizgeschichte beschäftigt habe, sind keine neuen Informationen zu diesem Thema bekannt geworden. Es gibt also weder neue Argumente für noch gegen eine Schweizer Zeit Kim Jong Uns.
Nur ist eben ein Jahr vergangen und man weiß noch immer sehr wenig. Also hat man die angesprochene Realität noch mehr für sich akzeptiert. Kim Jong Un war in der Schweiz und gut ist. So gab es bei n-tv eine ausführliche Geschichte über seine Schweizer Jugend, die BILD hat sogar neue Fotos von den Boulevardkollegen aus Korea und der von mir sonst geschätzte Sender Euronews hatte einen ausgiebigen Bericht, wo die Geschichte immerhin noch als nicht endgültig belegt dargestellt wurde. Auch die ZEIT hat sich umfangreich mit der Schweizer Jugend Kims befasst und nach eingehender Untersuchung für wahr befunden.
Nungut, dass Kim Jong Un in seiner Schweizer Zeit offensichtlich ziemlich gut englisch sprechen konnte, bei dem jüngsten Besuch von Dennis Rodman in Pjöngjang aber kaum noch, das ficht niemanden an, kann es ja schließlich verlernt haben oder auch einfach keine Lust gehabt haben, mit Rodman direkt zu sprechen. Denn wie gesagt. Es ist ja so eine schöne Geschichte, wenn er in der Schweiz war. Da hat dann jeder was zu zu sagen und man kann daraus so schöne Folgerungen ziehen.

Befürchtung bestätigt: Niebel glaubt an Kim Jong Uns schweizer Zeit

Vorgestern zum Beispiel. In der Sendung von Beckmann (die ich aber voll und ganz empfehlen kann, was nicht unbedingt an meiner Verehrung fü Beckmann liegt). Da hat unsere Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, was ich letztes Jahr als Befürchtung geäußert habe. Er gab eine Einschätzung über die Persönlichkeit Kim Jong Uns ab mit dem Hinweis darauf, der sei ja schließlich auch lange in der Schweiz gewesen (Min. 19:00). Na super; Wenn Herr Niebel das so genau weiß. Vielleicht hat es ihm ja der Ressortchef Politik der SZ geflüstert, der von ziemlich belastbaren Fotos wusste (ab Min 22:50). Nur Rüdiger Frank wollte nicht so ganz mit und meinte, dass man auf den Bildern bestimmt einen Nordkoreaner sehen könne, ob das aber Kim Jong Un sei oder nicht, das wisse man schlicht nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Das machte Stefan Kornelius von der SZ zwar kurz nachdenklich, aber nur kurz. Dann hatte er wohl beschlossen, dass es nicht sinnvoll sei weiter darüber nachzudenken.
Zwar dürfte die Tragweite der ministeriellen (vielleicht, oder auch nicht, Fehl-) Einschätzung auf Basis nicht vorhandener Informationen nicht besonders groß, aber meine Sorge ist, dass die Vergangenheit Kim Jong Uns nicht das Einzige ist, das auf Basis von unzureichenden Informationen bewertet und eingeschätzt wird und dass Herr Niebel (bei allem Respekt für die Bedeutung seines Amtes) nicht die einflussreichste Person ist, die solche Einschätzungen trifft.

Wo es relevant wird: Realitäten konstruieren im Fall von Raketen

Eine andere Beobachtung, die man seit einigen Tagen machen kann, deutet stark in diese Richtung. Am vergangenen Montag kamen erstmals später bestätigte Gerüchte auf,  dass die nordkoreanische Mittelstreckenrakete Musudan an die Ostküste verlegt würde. Dieser Schritt deutete dem Augenschein nach darauf hin, dass Pjöngjang als nächsten Schritt einen Raketentest plane. Eine Überlegung, die mit Blick auf vergangenes Verhalten Nordkoreas nicht ganz abwegig ist und die auch ganz gut zu der These vom Bedarf nach greifbaren Taten nach der überdrehten Rhetorik Pjöngjangs in den vergangenen Tagen gepasst hätte. Allein wollte und wollte Nordkorea seitdem keine Rakete testen. Vielmehr bewegte es die Raketen, als sie an ihrem Bestimmungsort angekommen war, mehrmals hin und her, ohne letztendliche Vorbereitungen zu unternehmen. Dementsprechend kommen heute erste Meldungen aus Südkorea, dass ein Test nicht unmittelbar bevorstehen würde. Haben also die Warnungen des Westens Nordkorea von diesem Schritt abgehalten?
Auch hier ist die Ungewissheit wieder treibendes Moment einer für uns zuerst konstruierten und dann akzeptierten plausiblen Realität. Wir haben mit Hilfe von Satellitenbildern festgestellt, dass die Raketen an der Ostküste aufgestellt wurden. Wir haben die Entwicklungen der letzten Tage im Kopf. Daher ist es plausibel, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen testen wird. Wir wissen nichts, sondern wir glauben, aber mangels besserer Erklärung, um die wir uns allerdings auch nicht sonderlich bemüht haben, akzeptieren wir.

Alternative Realitäten

Auch das könnte ein Fehler sein, der von seinem Inhalt her schon etwas mehr Tragweite hat, als Kim Jong Uns sprachliche und gesellschaftliche Sozialisation in der Jugend. Es könnte, es muss aber nicht. Kann auch sein, dass in den nächsten Tagen eine Rakete fliegt. Aber zurück zu der kaum verfolgten Überlegung, dass wir hier einem Schnellschluss aufgesessen sind. Dazu habe ich drei Anmerkungen zu machen, die die These stärken könnten:

  1. Bisher gibt es keinen Beweis dafür, dass es sich bei Raketen des Bautyps Musudan, wie sie jetzt an die Ostküste verlegt wurden, um funktionsfähige Waffensysteme handelt. Bisher wurden sie nie getestet und bei ihrem ersten (und bisher einzigen) öffentlichen Auftritt auf einer Parade 2010 hatte es sich der Meinung eines ausgewiesenen Experten zufolge (in diesem Bericht aus 2012 nachzulesen) um eine Attrappe gehandelt. Gut möglich, dass es eine kleine Baureihe gab, aber nicht belegt, also nicht gewusst. Um diese Überlegungen wurden sich in den westlichen Medien aber wenig Gedanken gemacht. Die Raketen wurden an die Küste gebracht, also sollen sie getestet werden. Eine positive Ausnahme stellt hier Spiegel Online dar, wo sich ein Journalist mal ein bisschen näher mit der Rakete beschäftigt hat, die da angeblich getestet werden soll.
    Natürlich ist das alles kein Beweis dafür, dass man in Pjöngjang diese Rakete nicht testen will, aber irgendwie gehört diese Information der Vollständigkeit halber dazu und zweitens zieht sie die Konsistenz der Testgeschichte etwas in Zweifel: Wirklich eine Rakete, die noch nie getestet wurde, in so einer extrem gespannten Lage über Japan hinweg schießen. Ist das nicht ziemlich riskant, wenn man keinen Wert auf Krieg legt?
  2. Daniel Pinkston, Nordkorea-Experte der International Crisis Group, hat eine interessante andere Lesart der jüngsten Raketenbewegungen geliefert, die von ihrer Konsistenz her genausogut funktioniert, wie die Idee, Nordkorea wolle die Raketen testen, zuvor aber noch ein bisschen damit durch die Gegend fahren. Nachzulesen ist das ganze in diesem Tweet:

    Remember KPA & Strategic Rocket Forces have been training. So moving the missiles & TELs around is part of the training.

    Eine Übungen finde ich eigentlich garnicht so schlecht als  Erklärung für die Hin-und-Herfahrei der Raketen. Aber irgendwie scheint sich sonst keiner für die Idee erwärmen zu können. Vielleich auch deshalb, weil die allgemein akzeptierte Realität ja bereits ist, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen Testen will und weil es dann irgendwie blöd zu erklären wäre, dass man sich da eben geirrt hat. Da lassen sich im Nachhinein sicherlich bessere alternative Erklärungen finden.
    Auch dies ist wieder kein Beweis dafür, dass Nordkorea keine Rakete Testen will und das Eine schließt das Andere ja noch nichtmal aus: Man kann ja ein bisschen üben und wenn man meint, dass man damit durchkommt, ohne einen Krieg auszulösen, dann testet man das Ding eben noch. Aber es bietet eben auch eine Lesart, nach der der Zweck der Übung nicht unbedingt ein Raketenstart gewesen sein muss.

  3. Die Führung in Pjöngjang hat eine gewisse Meisterschaft im ‚Tarnen und Täuschen inne.
    1. Die Raketenattrappen, mit denen man schonmal gerne auf Paraden rumfährt und die gephotoshopten Bilder von Manövern sind dabei zwar viel belächelte, aber trotzdem zugehörige Elemente dieser Tarnen und Täuschen Strategie. Denn egal wie stümperhaft gemacht, führen diese Dinge zu zusätzlicher Unklarheit und Ungewissheit über die tatsächlichen Kapazitäten Nordkoreas. Und Ungewissheit ist eine der stärksten Abschreckungsmethoden, die Pjöngjang zur Verfügung hat.
    2. Vor allem weiß das nordkoreanische Militär aber sehr gut um die Begrenzungen der südkoreanischen und US-amerikanischen Aufklärung in Nordkorea. Die kann eigentlich fast nur von oben (was Sichtaufklärung) und von außen, was Abhören von Kommunikation angeht, erfolgen. In beiden Fällen hat Pjöngjang in der Vergangenheit bewiesen, dass es in der Lage ist, die toten Winkel der Überwachung auszunutzen (Ein absolut lesenswertes GIGA-Paper zu Grenzen und Risiken der Darstellung Nordkoreas mit Satellitenbildern habe ich hier verlinkt). So stellte das nordkoreanische Militär vor dem Beschuss der Insel Yonpyong alle Einheiten dort von Funkkommunikation auf klassische Telefonverbindungen um (S. 3, rechte Spalte), die eigens für den Einsatz gelegt wurden. Im Vorfeld des Raketenstarts vom Dezember warf man zuerst durch eine Meldung der Nachrichtenagentur KCNA Nebelkerzen, was den Termin anging, um anschließend nurnoch an der Rakete zu arbeiten, wenn gerade kein Satellit das Land überflog. Beide Male standen die Dienste der USA bzw. Südkoreas düppiert da. Vielleicht wollten die Nordkoreaner ja auch einfach mal testen, welche Methoden zur Aufklärung die USA und Südkorea hinzuziehen, wenn die Lage gespannt ist und wo dabei tote Winkel der Aufklärung zu finden sind.

Auch die Tarnen und Täuschen Überlegung schließt sich mit den zuvor angestellten Ideen nicht aus, aber könnte genausogut ein zentrales Ziel der ganzen Übung gewesen sein: Wie schnell merken die anderen, dass wir Raketen transportieren? Wieviel von dem das sie wissen wird bekannt? Wie lange dauert es, bis sie merken, dass sie vielleicht an der falschen Stelle Aufklärung betreiben? Alles das sind Fragen, auf die die nordkoreanischen Militärs durch ihre Manövrierei Antworten bekommen haben dürfte. Wertvolle Informationen, die man in der Zukunft für weitere Überraschungsmanöver einsetzen kann.

Was ist wahr, was nicht? Man weiß es nicht!

Mit diesen ganzen Ausführungen wollte ich euch nicht beweisen, dass Nordkorea in den nächsten Tagen keine Rakete testen will. Ich wollte nur zeigen, dass wir uns recht schnell auf eine Annahme festgelegt haben und alle Informationen, die wir zu dem ganzen Sachverhalt bekommen, unter der Maxime einordnen, dass diese Annahme zutrifft. Wir haben uns mal wieder eine Realität konstruiert, von der wir keine Ahnung haben ob sie zutrifft oder nicht, an die wir aber glauben, weil es am bequemsten ist.
Nur finde ich es, wenn es nicht mehr um Jugendfreundschaft, Basketball und Filmvorlieben, sondern um Raketen geht, sehr, sehr bedenklich, wenn das Risiko besteht, dass Leute die die Kompetenz zum Entscheiden haben, nicht auf Basis von Informationen, sondern von Glauben handeln. Hoffen wir also, dass die meisten Minister und Präsidenten nicht so leichtsinnig sind, das zu glauben, was sie in der Zeitung lesen (auch wenn es zehnmal drinsteht), sondern einen guten Stab um sich haben, der ihnen den Unterschied zwischen Wissen, Glauben und Nichtwissen klarmacht und ihnen das, was so in der Zeitung steht entsprechend einordnet. Das würde ungemein zu meiner Beruhigung beitragen.

P.S.:

Ich habe während ich das geschrieben habe jede viertel Stunde die Nachrichtenlage gecheckt, weil ich Sorge hatte, dass man in Pjöngjang doch beschließt, heute eine Rakete abzuschießen und alles, was ich hier geschrieben habe damit hinfällig wird…

Gut gemeinte Empörung. Warum will niemand die nordkoreanische Botschaft in Berlin sprengen?


In letzter Zeit beschäftige ich mich irgendwie ganz schön häufig mit WELT-Journalismus. Das hat einerseits damit zu tun, dass die WELT zu Nordkorea manchmal beispielhaft (oder los) schlechte Artikel zu bieten hat, andererseits aber auch damit, dass einige der WELT-Autoren es einfach nur gut meinen. Naja, aber vielleicht wisst ihr ja, was das Gegenteil von „gut“ ist… Wenn nicht, einfach hinhören.

Einer der es besonders gut meint, scheint Richard Herzinger zu sein. Der hat sich unter dem Titel „Empörungsökonomie -Nordkoreanischer KZ-Staat genießt Sympathiebonus“ ein bisschen empörungsökonomisch umgetan und sich über die mangelnde Empörung gegenüber Nordkorea empört (mit dem Ausmaß seiner Empörung hat er es fast geschafft, das bundesweite Mittel ins Lot zu bringen). Danke für ihre gut gemeinten Worte Herr Herzinger.

Gut, dass endlich mal einer sich über das achselzuckende Schweigen über Kims Horrorstaat und die daraus folgende implizite Mittäterschaft an Verbrechen gegen die Menschheit empört. Die Mittäter sind nicht irgendwelche desinteressierten Versager, oder bösartige Nihilisten, sondern es ist die Weltöffentlichkeit. Zu der gehört Herzinger wohl nicht. Nein, er informiert ja die Weltöffentlichkeit über ihre Komplizenschaft an den Verbrechen gegen die Menschheit (also irgendwie gegen sich selbst (ist jetzt die Weltöffentlichkeit oder die Menschheit die größere Menge?)).

Gut, dass endlich mal jemand der Weltöffentlichkeit die Ungerechtigkeit der Welt an einem knallharten Beispiel aus Deutschland vor Augen führt. Während die Botschaften friedliebender Nationen (die zweifelsohne zum guten Teil der Menschheit/Weltöffentlichkeit gehören) wie den USA, Großbritannien oder Israel weiträumig mit Pollern vor Autobombenterror geschützt werden (Herzinger schreibt „müssen“. Das „müssen“ ist aber immer so ein Ding. Ich weiß, sie werden geschützt. Ich habe kein Problem damit und mir ist lieber sie werden geschützt als sie werden gesprengt. Aber ob sie geschützt werden „müssen“ weiß man im Endeffekt ja erst, wenn die Poller ihren Dienst tun und einen Autobombenanschlag verhindern), scheint sich niemand ein Herz nehmen zu wollen und die sträflich ungeschützte Botschaft des KZ-Horrorstaates in die Stratosphäre bomben. Und das obwohl sie gegenüber von einem Jugendhotel zu finden ist und vermutlich unseren deutschen Ingenieursnachwuchs mit Ideen vom Kommunismus oder schlimmeren verdirbt.

Gut, dass Herzinger daraus den absolut richtigen Schluss zieht: Das Land scheint keine Feinde zu haben, die es fürchten muss. Nungut, die Beziehungen mit den USA würde ich jetzt nicht unbedingt als freundschaftlich bezeichnen und die USA würde ich jetzt auch nicht als angenehmen Feind definieren (darüber könnten einige Despoten und Terroristen, Familien von Terroristen und Leuten, die vielleicht an einem Platz waren, wo vielleicht öfter mal jemand ist, der wie Terroristen heißt und ihre Familien, Auskunft geben, aber dummerweise sind diese Leute tot), aber Herzinger hat natürlich recht: Es wird sich vermutlich kein Mitarbeiter der US-Botschaft in ein Auto setzen und zur nordkoreanischen Botschaft fahren, um sie in die Stratosphäre zu bomben. Das ist (zum Glück!) nicht der Stil der USA. Nungut, aber vielleicht waren mit diesen Feinde auch garnicht andere Staaten gemeint, sondern irgendwelche Hippiespinner, die von Pazifismus beseelt oder vom Horrorstaat schockiert vor der Botschaft auflaufen und da gegen Drohungen demonstrieren, oder gegen Taten und dann zum guten Schluss noch eine Autobombe zünden wollen (auch wenn sich das ein bisschen mit dieser Pazifismussache beißt).

Gut, dass endlich mal jemand die Horizonte der internationalen Empörungsökonomie wieder gerade rückt. Während „Imperialismus“, „Kapitalismus“ oder „Zionismus“ immer wieder in den Blick der Empörungsökonomie rücken, interessiert sich niemand für KZ-Horrorstaaten. Wie auch? Die Verbrechen dort geschehen ja auch im Verborgenen und stellen unsere Vorstellungsvermögen vor extreme Herausforderungen (Herzinger spricht von „sprengen“). Vielleicht sind wir mit unserer Empörung aber mitunter auch Sparsam, weil unser Vorstellungsvermögen zwar gesprengt, das von einigen Journalisten jedoch zu kreativen, dafür jedoch nicht zwangsweise realitätsnahen, Höhenflügen beflügelt wird und weil wir uns im Endeffekt nicht sicher sein können, ob unser Vorstellungsvermögen jetzt aufgrund von realen Geschehnissen oder irgendwelchen Hirngeburten von Journalisten gerade nicht mehr so richtig klarkommt (dabei wäre Herzinger ganz nah an der Quelle solcher kreativen Hirnflüge).

Gut, dass endlich mal jemand darauf hinweist, dass irrlichternde „linke“ und „pazifistische“ Kreise Nordkorea als heroischen Widerständler sehen, der einer imperialistischen Hegemonialmacht und dem „Finanzkapital“ trotzt. Dass diese „linken Kreise“ nicht wesentlich bedeutender sein dürften, als die „rechten“ Kreise, die ein bajuwarisches Königreich wiederaufleben lassen wollen, ist dabei natürlich nur nebensächlich. Es geht ja gegen die Richtigen und ist gut gemeint, da ist der Stil natürlich nur zweitrangig.

Gut, dass sich endlich mal jemand über „die Gleichgültigkeit“ (wessen? Die der Menschheit, der Weltöffentlichkeit oder unsere?) gegenüber Nordkorea, seinen nuklearen Drohungen und seinen Menschenrechtsverletzungen empört. Nungut, die Zahl der UN-Sicherheitsratsresolutionen gegen Nordkorea hält stramm auf die Zweistelligkeit zu; Heute stellte der Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsrates seinen jährlichen Bericht zu Nordkorea vor; EU und UN erlassen jährlich Resolutionen zu den Menschenrechtsverstößen gegen Nordkorea; Menschenrechts-NGOs wie Amnesty, Human Rights Watch, oder auch die deutsch IGFM fahren regelmäßig Kampagnen gegen Menschenrechtsverstöße in Nordkorea… Aber vermutlich hat Herzinger ganz was anderes gemeint, oder irgendeine andere Weltöffentlichkeit, die nicht genug empört ist. Vielleicht den Teil der Weltöffentlichkeit der eine Schnittmenge mit linken Pazifistenkreisen bildet, die Nordkorea für seine Widerständigkeit nach wie vor super findet.

Gut, dass es endlich mal einer gut meint. Und Herzinger meint es gut. Sogar richtig gut. So gut, dass ihn Nordkorea und all das, was dort geschieht, eigentlich keinen Deut interessiert. Eigentlich geht es ihm, wie das ja öfter mal in der WELT der Fall ist, nur um den Iran:

Nordkoreas Machthabern noch in den Arm zu fallen, kommen sie auf die Idee, den roten Knopf zu drücken, könnte es bereits zu spät sein. Umso mehr gilt es jetzt für den Westen, die Islamische Republik Iran unter allen Umständen rechtzeitig vom Bau der Bombe abzuhalten.

Oder fällt euch ein, wie man Nordkoreas Machthabern in den Arm fallen könnte, bevor sie auf die Idee kommen, auf den roten Knopf zu drücken? Geht nicht so richtig, oder? Aber der andere Fall, der da erwähnt wird. Also diese ebenfalls apokalyptische Diktatur in der Islamischen Republik Iran. Der kann man noch in den Arm fallen. Das wäre doch eine Idee. Oder meint Herzinger etwas anderes. Also mal so richtig preäventiv in den Arm fallen? Achja. Stimmt ja. Herzinger weiß ja bescheid, wer die Guten sind. Die dürfen dann auch mal ein bisschen präventiv. Denn könnte ja sein, dass in Pjöngjang doch mal einer auf die Idee mit dem roten Knopf kommt…Oder in Peking…Oder in Moskau…Hoffentlich nicht in Delhi…Oder sollte man denen auch mal in den Arm fallen.

Nungut. Den Rest kann man so sehen, wie Herr Herzinger, wenn man mag. Hätte er sich den einleitenden Stuss über Nordkorea gespart und wäre sofort zum Punkt gekommen: „Irans nukleare Bewaffnung muss verhindert werden, das Nichtverbreitungsregime gestärkt und Nuklearwaffen sind, wenn es sie schon geben muss, am besten in den Händen westlicher Demokratien aufgehoben.“ Hätte er das getan, dann hätte ich gedacht: „Das Ganze ist zwar nicht besonders kreativ, aber wenn man mag, dann kann man es so sehen.“ Aber so wie Herr Herzinger die Sache angegangen ist, hat er einzig den Beleg für das gute alte geflügelte Wort geliefert, nach dem das Gegenteil von „Gut“ „gut gemeint“ ist.

„Ist das Kunst oder kann das Weg?“ — Die WELT/Welt verstehen mit Dada


Irgendwie habe ich keinen Nerv mehr, jedes Mal, wenn die WELT was furchtbar bescheidenes veröffentlicht, eine, meinen ebenfalls bescheidenen Möglichkeiten entsprechend möglichst spitzzüngige (oder in diesem Fall eher „-fingrige“) Replik zu schreiben. Gut, dass der heutige Artikel zu Nordkorea dem Iran und anderen Apokalypseingenieuren, so bescheiden war, dass alles was man noch dazu schreibt, die innewohnende Bescheidenheit und damit den klaren Blick auf das Werk verstellt.

Nichtsdestotrotz fühlte ich mich inspiriert. Ich weiß nicht, kennt ihr cut-up? Eine gute Methode aus Bescheidenen Texten andere bescheidene Texte zu machen (man zerschnipselt einen Text und setzt ihn mehr oder weniger zufällig wieder zusammen). Ich finde das sehr angemessen, um mich dem Werk Herrn Stürmers zu nähern (der zu meinem Erschrecken nicht der neueste Praktikant der WELT ist, sondern es schon ein gutes Stück weiter gebracht hat in seinem Leben…). Ich will jetzt nicht behaupten, dass die literarische Bearbeitung dem Text mehr Sinn verleiht, aber naja, weniger ist es auch nicht geworden.

Wenn ihr mögt könnt ihr Herrn Stürmers Text auch noch lesen, aber eigentlich reicht mein großes  neusortiertes Zitat aus. Als Begleitmusik kamen mir gerade Fehlfarben in den Sinn…

Discountpreis Gleichmacher in Nordkorea?

Im globalen Waffenbasar bedient  eine Staffel israelischer Jagdbomber

der Iraner Schreckensregiment am Rande des Abgrunds seit einiger Zeit zum Bombenbau

Moskau den Plutonium-Reaktor im nordsyrischen Gebirge entwickeln ganz oder in Teilen

düstere Regime in Nordkorea namentlich Ingenieure der Apokalypse — Zusammenspiel

arabische Staaten Sie dienen der Abschreckung die Bauanweisung gegeben

alle Alarmglocken schrillen — Aus Nordkorea kündigt das Spiel der Erpressung

Irgendjemand muss die Teile geliefert den großen roten Drachen zerschmetterte

Trägerwaffen im Angebot tönte es Zeter und Mordio schnell und unauffällig — Revolution

in den Händen apokalyptischer Stoßtrupps verstärkt der jüngste Test den Griff

der gebrochenen Versprechungen eine Anlage kündigt eine Weltrevolution an

Teilhaber der frustrierenden Gespräche verändert nicht nur alle strategischen Gleichungen

am sechseckigen Tisch den die Syrer aus eigener Kraft Sanktionen im Sicherheitsrat — Schwebezustand

Abteilung für Nukleares der Nordkoreaner nach der Atommacht spüren den Druck, etwas zu tun

Sie ist im Zorn Unwiderlegt aus chinesischer Sicht beobachtet Rakete globaler Reichweite

logische Fortsetzung des Exports nuklearer Expertise einen letzten Sicherheitsabstand mitgemacht

Die Regenten des wiederauferstandenen Reichs der Mitte abenteuerlustig in Gefahr — Schutzgelderpressung

zugegen iranische Fachleute die passende nukleare Ladung so schlecht nicht bisher

solvente Käufer erschütterte nicht nur den Boden jenes Tests Erpressung ist auch die Annahme

Streben nach Status quo Reste der Anlage halben Herzens besenrein machten

kleinen roten Drachen öffentliche Abmahnung für nichts taugte aber ebnet den Weg — Möglichkeiten

Nukleartest von 2009 die chinesische Führung die beste unter allen schlechten zähmen

Gleichmacher unter den Staaten Nuklearmacht nach der ultimativen Waffe

die dortigen Mandarine nicht die Endzeitwaffe zu globale Ordnung zusammenfällt

Die Uhren des Weltuntergangs ticken zur weitreichenden Rakete staatenlose Terrorkartelle — Weltrevolution

P.S. Als ich das Gerücht, das gestern noch nicht in Deutschland angekommen war, auf Facebook kommentiert habe, hab ich zuerst auf der Homepage einer deutschen Tageszeitung nachgeguckt,  ob die es noch nicht aufgeschnappt hat. Ratet welche…

Eine deutsche Phantomdebatte: Wie die deutschen Medien sich mit einer Nicht-Geschichte über Nordkorea blamieren


Die Neujahrsansprache Kim Jong Uns, die in unseren Breiten ja für einige Aufregung gesorgt hat, unter anderem weil sich einige Journalisten hier nicht die Mühe machten, sie im Kontext anderer nordkoreanischer Neujahrsbotschaften zu sehen (dann wären einige sprachliche und inhaltliche Punkte nämlich nicht mehr so besonders erschienen), hat eine Wirkung erzielt — zumindest in den deutschen Medien. Hier ist nämlich eine Art Phantomdebatte um nordkoreanische Wirtschaftsreformen entbrannt, die für mich irgendwie schwer zu verstehen ist.

Der Beginn einer Phantomdebatte: Eine seltsame Story

Den Anfang der Debatte bildete die FAZ. Diese kam nach Kim Jong Uns (mehr oder weniger) spektakulären Ankündigungen erstaunlich passend und zeitlich nah mit einem Artikel über deutsche Wirtschaftexperten, die Nordkorea angeblich darin beraten würden, die Wirtschaft des Landes mithilfe eines Masterplans nach vietnamesischem Vorbild umzugestalten. Klingt doch super. Allerdings hatte ich ein paar Schwierigkeiten mit dem Artikel:

  1. Die Wissenschaftler die angeblich helfen bleiben anonym. Natürlich kann es sein, dass man die Arbeit nicht gefährden will, aber naja, die Informationslage ist ein bisschen sehr dünn. Und die Anonymität schützt natürlich nicht nur den Masterplan, sondern auch das Renommee der Wissenschaftler, sollte Pjöngjang die Wirtschaft im kommenden Jahr doch nicht so radikal umgestalten.
  2. Der Zeitpunkt des Artikels kam doch allzupassend. Schon erstaunlich, dass die FAZ gerade ein paar Tage nach Kim Jong Uns Neujahrsansprache mit dem entsprechenden Wissenschaftler gesprochen hat. Dazu habe ich zwei Lesarten: Entweder lag der Artikel schon länger in der Schublade, war aber wegen des dünnen Informationsgehalts schwierig und irgendwie auch nicht zeitgeistig und jetzt hat er eben gepasst. Oder einer der Wissenschaftler wurde von seinem Ego getrieben, doch mal kurz bei der FAZ anzurufen und ein paar unspezifische Infos zu geben, damit man, sollte bei der Geschichte was rumkommen, ein bisschen Publicity bekäme.
  3. Nordkoreas Politiker und Wissenschaftler sprechen öfter mal mit Ausländern. Das ist wahr. Sie sprechen mit vielen Ausländern und sie lassen sich von ihnen gerne Ratschläge geben. Das ist auch wahr! Sie sagen auch eher selten: „Danke für die Tips, aber das alles interessiert uns nicht, jetzt verschwinde, aber sag bitte zuhause, dass wir weiter Entwicklungshilfe wollen.“ Das stimmt. Stattdessen sind sie höflich, hören zu und sagen am Schluss auch artig: „Danke.“ Das ist wahr. Aber das alles heißt noch lange nicht, dass die Nordkoreaner die Ratschläge umsetzen. Sonst gäbe es heute in Nordkorea ganz sicher keine Atomwaffen mehr, auch keine Raketen, ebenso keine Gefangenenlager, vermutlich auch keinen „Sozialismus nordkoreanischer Prägung“ und höchstwahrscheinlich gäbe es auch keine Kim Jong Un Regierung. Man ist in Nordkorea darin geübt, gut gemeinte Ratschläge zu ignorieren. Warum das hier anders sein sollte, weiß ich nicht.
  4. Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann: Warum sind deutsche Juristen und Wirtschaftswissenschaftler eigentlich prädestiniert, nordkoreanische Kollegen bzw. Politiker darin zu beraten, ihre Wirtschaft nach dem Vorbild Vietnams umzugestalten. Ich meine, versteht ihr mein Problem? Warum fragen die Nordkoreaner nicht einfach die Kollegen in Vietnam? Schlechte Beziehungen gibt es ja schließlich nicht zwischen den Staaten und die Vietnamesen kennen sich bestimmt genausogut mit ihrem Wirtschaftssystem aus wie die deutschen Experten. Aber nein, die Nordkoreaner lassen lieber von den deutschen einen Masterplan ausarbeiten…Alles klar!

Nur für deutsche Medien berichtenswert.

Naja, aber diese kleinen Unstimmigkeiten hinderten fast keine der deutschen Medien daran, die Story breitzuwalzen und die kaum vorhandenen Infos zu etlichen Artikeln zu verwursten. Dabei scheint es auch keinen weiter gestört zu haben, dass ausländische Medien einen weiten Bogen um die Geschichte gemacht haben und die globale Sensationsökonomie, die sich ja sonst oft für nichts zu schade ist, das ganze fast vollständig missachtete (nur auf die Chosun Ilbo ist Verlass, aber wen wundert das schon). Eigentlich hätte ich zu dem ganzen Sachverhalt nicht viel mehr zu sagen, als das Adam Cathcart in seinem Tweet hier tat und eigentlich hatte ich auch nicht vor, dazu was zu schreiben.

Wenn schon blamieren dann richtig.

Aber irgendwie scheinen einige Medien hierzulande es unbedingt darauf anzulegen, sich so richtig zu blamieren, indem sie sich weder davon abschrecken lassen, dass es eigentlich keine Story gibt, noch davon, dass die Geschichte von Kollegen in anderen Staaten scheinbar nicht als glaubwürdig eingeschätzt wird und auch nicht davon, dass Leute, die sich mehr oder weniger jeden Tag mit Nordkorea beschäftigen recht offen sagen, dass da nichts dran ist.

Spiegel Online ist Spitze…irgendwie

An die Spitze der Ignorantenbewegung hat sich mittlerweile Spiegel Online gestellt. Dort werden in hoher Frequenz mittelmäßige Artikel zu Wirtschaftsthemen und dem „Masterplan im weiteren Sinne“ veröffentlicht. Die Artikel zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie sich als Berichtsanlass einzig auf den gehaltlosen Beitrag der FAZ stützen, sondern sie sind darüber hinaus auch noch jeweils für sich allein peinlich, weil schlecht recherchiert und reißerisch (oder versteht ihr, warum in diesem Artikel auf den Vorletzten UN-Bericht zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea verwiesen wird und nicht auf den Letzten und damit ein ziemlich verzerrtes Bild widergegeben wird (Wenn man bedenkt, dass der vorletzte Bericht Alarm schlug, der letzte aber Entwarnung gab))?

Schwächer geht immer.

Vorgestern setzte Spiegel Online seinem peinlichen Auftritt aber dann endgültig die Krone (oder Himbeere) auf. Da versuchte man aus einer langweiligen Liste eines drögen Wirtschaftsverbandes und auf Basis eines nahezu inexistenten Handels eine spektakuläre Enthüllungsgeschichte zu machen, was erstaunlicherweise nur mittelmäßig erfolgreich war. Das alles ist ja nicht neu und auch nicht spektakulär und eigentlich wäre es nicht der Rede wert (dass sich der Spiegel mit seinem Onlineauftritt und den Artikeln die für diesen erstellt werden, keinen Gefallen tut indem dort Quantität deutlichen Vorrang vor Qualität erhält, ist ja nicht unbedingt ne Neuigkeit), aber ich meine, wenn man schon eine Enthüllungsstory machen will, dann sollte man doch wenigstens die Munition nutzen, die sich dafür bietet. Wenn man noch nicht mal das schafft, dann blamiert man sich eben.

Was ich damit konkret meine? Der Autorin war aufgefallen, dass auf einer Liste des Ostasiatischen Vereins (OAV), der den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen deutscher Unternehmen in die Region (zu der Nordkorea ja definitiv gehört) fördern will, 15 Unternehmen gelistet waren, die Geschäftsbeziehungen nach Nordkorea hätten. So weit so unspektakulär, denn Handelsbeziehungen nach Nordkorea zu haben, ist weder verboten, noch ist es zwangsweise verwerflich. Dieser Eindruck soll aber wohl in dem Artikel vermittelt werden, auch wenn die Autorin irgendwo auch anerkennt:

Geschäfte in Nordkorea sind nicht automatisch illegal.

Achwas. Wenn man bei SpOn schon soweit ist, dann besteht ja noch Hoffnung…könnte man denken. Allerdings kann man den Gedanken kurze Zeit später dann auch wieder verwerfen. Denn die Recherche dieses Artikels reichte scheinbar nicht einmal bis zu Wikipedia. Dort hätte die Autorin nämlich ein bisschen was zum Schreiben finden können. Zum Beispiel über die Commerzbank. Ein Vertreter dieses Geldinstituts wird in dem Artikel wie folgt zitiert:

Die Geschäftspolitik der Commerzbank lässt grundsätzlich keine Geschäfte mit Nordkorea zu.

Hätte die Autorin zu diesem Thema mal ein bisschen weiterrecherchiert. In einem (zugegeben nicht offiziell erschienen) UN-Bericht hätte sie nachlesen können, dass die Commerzbank als Geschäftspartner einer nordkoreanischen Bank ins Blickfeld der UN gerückt wäre. Dass die Autorin nun aber nicht unbedingt wusste, dass das in diesem Bericht steht, kann ich ja nachvollziehen. Dass sie auch mein Blog nicht kennt ist auch Ok. Aber dass sie noch nichtmal auf die Idee kam, bei Wikipedia nachzulesen, wo neben den Beziehungen der Commerzbank zu den nordkoreanischen Geldhäusern Korea United Development Bank und der Amroggang Development Bank (die mittlerweile durch EU und UN sanktioniert ist) weitere lose Fäden aus der Story (wie die um die Firmengruppe Prettl) weitergeführt werden. Ich meine, natürlich ist es keine Schande, wenn mal ein Artikel erscheint, in dem nicht Wikipedia als wichtiger Informant herhalten muss. Aber wenn dann gleich vollkommen auf Recherche verzichtet wird, dann ist das schon nicht gerade eine Glanzleistung. Vor allem wenn man so recht einfach eine langweilige Geschichte ein bisschen interessanter hätte gestalten können…

Mit Verlaub…

Naja, sei’s drum. Diese Story passt ja perfekt ins Gesamtbild, das die deutsche Presse mit ihrem Hype zu Nordkoreas Wirtschaftsreformen abliefert. Da bleibt eigentlich abschließend nicht mehr viel zu sagen, außer die Worte zu wiederholen, mit denen Rüdiger Frank die Berichterstattung der westlichen Medien zu Kim Jong Uns Neujahrsansprache charakterisierte:

Mit Verlaub: Das ist ein Armutszeugnis für die westliche Berichterstattung.

und die Bitte an die deutschen Printmedien: Bitte lasst diese blöde Phantomdebatte doch einfach bleiben und schreibt doch lieber mal garnichts, statt igendwelchen schlecht recherchierten Kram. Mir wird’s nämlich auch langsam peinlich…

Trash zum Sonntag (III)


Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dieses Jahr zumindest noch einmal ein bisschen Trash zum Sonntag absondern muss (bzw. darauf hinweisen, denn abgesondert haben ihn ja schon andere). Und da unsere Printmedien sich in den letzten Tagen sosehr ins Zeug gelegt haben, haben sie es sich auch redlich verdient, einmal exklusiv ihre besonderen Verdienste bei der Produktion von Ausschuss anerkannt zu bekommen. Die Schwierigkeit war dabei nicht so sehr Trash zu finden, sondern eine Auswahl zu treffen. Die fiel auf einige Dauergäste in meiner Rubrik „Medienschelte“ und ein Blatt, dass sich schon seit Jahren abrackert, auch mal aufgenommen zu werden, mir bisher aber immer einen Tick zu untrashig war. Apropos „un…“.

BILDs Un(glaublich) kreativer Spitzname

Warum nicht gleich mit unser aller Lieblingsunterhaltungsmedium und seiner neuen publizistischen Linie gegenüber Nordkoreas Diktator beginnen. Von Zeit zu Zeit habe ich mich ja schon an Springers Bestem und seinen Namensentwürfen für Kim Jong Un abgearbeitet. Die entwickelten sich vom wenig kreativen „noch irrer als sein Vater“ vor Amtsantritt über den irgendwie lahmen „Bubidiktator“ zum bisherigen kreativen Höhepunkt springerschen Medienschaffens: „Kim Jong Un(heimlich)“ finde ich schon ziemlich in Ordnung und was vor allem toll daran ist. Die Idee hat potential. So wurde das höchstinspirierende Bild, dass auch mich gestern zu geistigen Tiefflügen animiert hat mit „Kim Jong Un(cool)“ beschrieben. Der Anfang ist also getan und jetzt kann selbst der popeligste Bildvolontär lustige Schöpfungen wie Kim Jong Un(tadelig) /(terirdisch) /(bewaffnet) /(ten ohne) /(zerstörbar) /(tergeganen) /(derberg) /(endlich viele Optionen lustiger Namenszusätze eben) in die Welt blasen. Astreine Sache! Das Ding ist ein Selbstläufer und echter Schrott, dafür vielen Dank an die BILD. Ansonsten muss man nicht viel über den Artikel  sagen. BILD eben. Da wird an der antiquierte Inneneinrichtung nordkoreanischer Satellitenkontrollzentren genauso herumgenörgelt wie an ihrer mangelhaften technologischen Ausstattung:

Und ein Satelliten-Kontrollzentrum stellt man sich auch irgendwie technologisch besser ausgerüstet vor. Nur wenige Computer sind zu sehen.

So ein Ärger! Eigentlich schon bedenklich, wenn man überlegt, dass in einer durchschnittlichen Springer-Redaktion vermutlich viermal soviele Computer rumstehen. Hoffentlich kommt der Autor jetzt nicht auf die Idee selbst einen Satelliten ins All zu schicken. Scheint ja technologisch ziemlich anspruchslos zu sein. Mit den paar blöden Computern…

Die Schäbigkeit der Interpretation

Auch unser zweiter Aspirant ist in die Bildinterpretation eingestiegen. Und das ist er ziemlich ernsthaft angegangen. Anders als die Springerkollegen hat der Autor von Spiegel Online sich derart in die (Un)tiefen des Bildes verstrickt, dass er sogar (Un)geheuerlichkeiten aufdeckte, die ohne sein Zutun vermutlich vollkommen (un)bemerkt und (un)beschrieben geblieben werden (ich (un)terlasse das jetzt mal, da wird man ja wahnsinnig mit der ganzen Unnerei hier). Dazu bemüht der Autor sogar einigen theoretischen Unterbau, aber die Frage die sich mir stellt. Gibt das Bild das überhaupt her. Ich meine nein. Die kulturhistorischen Überlegungen zur Repräsentation von Operettendiktatoren im Bild finde ich zwar durchaus lesenswert, aber zu schreiben, Kim Jong Un wäre auf dem Bild dargestellt/inszeniert „wie ein schäbiger Gangster“ finde ich dann doch etwas weit gesprungen. Erstens sind Fotos wie die samt seltsam anmutenden Klamotten, Desinteresse im Blick und leerem Aschenbecher vor sich bereits von seinem Vater in großer Zahl überliefert, zweitens hatte ich bei diesem Bild eine Menge Assoziationen, aber einen schäbigen Gangster stelle ich mir anders vor. Vor allem aber sind die Schlüsse, die der Autor aufgrund seiner Überinterpretation zog finde ich daher mehr als schwierig:

Das Agenturfoto des nordkoreanischen Diktators lässt nur zwei Interpretationen zu: Entweder Kim Jong Un ist entmachtet, eine Witzfigur mit groteskem Irokesenschnitt, vorgeführt von den nordkoreanischen Militärs.

Oder es handelt sich bei ihm um einen visionären Strategen: Der Mann, der die überkommene Optik der Operettendiktaturen des 20. Jahrhunderts überwindet.

Ich verstehe natürlich, der Autor kommt eher aus der Kulturecke und macht deshalb das, was er gut kann: Bilder beschreiben und interpretieren. Aber erstens geht es hier nicht um Kultur sondern um Politik und in der politischen Sphäre stehen Bilder anders als im Bereich der Kunst nicht für sich selbst, sondern sind (nur) im Kontext zu verstehen und deshalb genügen zweitens Bilder nie, um mit ihnen die Realität zu erklären. Da hätte der Autor sich mal bei den Geheimdienstlern und Beobachtern die mit der Satellitenaufklärung Nordkoreas befasst waren informieren können. Die hätten ihm ein Liedchen davon singen können, dass die Bilder die man so sieht eben manchmal nur das zeigen was sie zeigen sollen und dass man vor lauter Bilderinterpretiererei schonmal einen Raketenstart übersehen kann…

Neues vom Godfather of Bildinterpretierei – oder auch nicht

Ach und wenn wir schon bei Bilderinterpretiererei sind, dann liegt es ja extrem nahe, dass wir uns zum Abschluss auch nochmal mit dem Godfather of Bilderinterpretieren himself beschäftigen. Der Mann, der allein an der Farbe eines Daches erkennt, was darunter vorgeht. Der Mann, der sich besser mit den Besitzverhältnisse nordkoreanischer Villen auskennt als die Nordkoreaner…Oder auch nicht. Leider ist der jüngste Artikel in der WELT nämlich nicht mit einem Namen gekennzeichnet. Aber wer schon einmal das Vergnügen hatte, einen Artikel dieses Autors zu lesen, der weiß was dazugehört und dem fällt auf, dass dieser Artikel genau dem typischen Bauschema folgt. Ein ordentlicher Schuss Kalter Krieg Romantik (hier hervorragend präsent durch die Erinnerung an Erich Honecker), ein gute Portion Gerüchte und Sensationen (Iranische Wissenschaftler wurden eingeflogen, damit der Test hinhaut — vielleicht wurden sie eingeflogen und vielleicht aus diesem Grund), eine saftige Prise Faktenwissen (wer die Ereignisse in Nordkorea nicht regelmäßig verfolgt, der kann nicht alle die Detailinfos einbauen die hier einfließen), gewürzt mit einer erstaunlichen Portion von Schlampigkeit bei der Recherche (nein, der Satellit heißt nicht „Kwangmyongsong 2“ (der kreist nämlich laut Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA schon seit 2009 um die Erde). Diese Auskunft hätten übrigens auch die Kollegen von der BILD (oder so ziemlich jeder anderen Zeitung) geben können, die haben das nämlich alle sachlich richtig dargestellt) und teils unverständlichen kausalen Erklärungen.

Nur zögernd und eher leise entschloss Washington sich zu einer Verurteilung des Starts, obwohl der einzige Funktionär, der Kim Jong-un außer dessen Onkel beim Start begleitete, Kims Rüstungschef Pak To-chun war.

Ja und? Und wenn der einzige Funktionär der ihn begleitet hat ein anderer gewesen wäre, oder wenn ihn drei Funktionäre begleitet hätten, wie hätte sich dadurch das erwartbare Verhalten Washingtons wohl verändert? Keine Ahnung! Vielleicht wollte der Autor nur ein bisschen Namedropping betreiben. Ist ja nie schlecht. Was diesen Artikel trotz der zugegeben ordentlichen Faktenkenntnisse (von größeren unerklärlichen Fauxpas mal abgesehen) des Autors zum Trash qualifiziert. Es geht hier nicht um Informationsvermittlung, sondern eigentlich nur darum überlieferte Klischees zu bedienen und zu festigen. Nordkorea, der obskure Staat mit der irren Führung und den bösen Freunden der uns an die guten alten Zeiten des Kalten Krieges erinnert als es noch so schön einfach war die guten von den bösen zu unterscheiden. Das alles ist mehr als bedenklich weil es mit der Realität nicht wirklich was zu tun hat, sonder nur mit einer Hirngeburt eines Chefkommentators.

Bonustrah

Naja, viel schwere (bzw. schwer zu ertragende) Kost so kurz vor Weihnachten und damit ihr nicht schlechtgelaunt den dritten Advent feiern müsst, hab ich noch einen echt trashigen und auf keinen Fall schweren Bonustrash für euch

Die Banalität des Blöden: Mit Darth Vader ins Paralleluniversum und zurück


Man sollte es kaum glauben, aber Deutschland scheint über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Journalisten (naja, zumindest zwei) zu verfügen, die uninformiert, dafür aber voller Vorurteile und Klischees nach Nordkorea fahren, um sich dort darüber zu vergewissern, dass dort tatsächlich alles so böse und grau, hässlich und verboten ist, wie man sich das ohnehin schon vorgestellt hat.

Die seltsame Wirkung Nordkoreas auf einige deutsche Journalisten

Das Schöne an diesen Journalisten ist, dass sie sich anders als Herr Krauel von der WELT (der Google Earth kombiniert mit einer kleinen Farbenlehre für die Wahrheitsfindung kultivierte) garnicht lange damit aufhalten, vorzugeben neutral und vorbehaltlos an die Sache heranzugehen, sondern über die Wahrheit schon vollkommen im Bilde sind. Daher müssen sie auch nicht weiter nach Anhaltspunkten für eine andere als die aus Funk, Fernsehen und Presse bekannte Realität suchen, sondern können sich ganz damit zufriedengeben, weitere Belege für das Bekannte zu suchen (ein Glück, dass sie im Besitz der richtigen Wahrheit sind. Ansonsten könnte man fast vermuten, sie würden sich der gleichen Methoden des Erkenntnisgewinns bedienen, wie Kollegen im „Reich des Bösen“). Die Realität dort scheint auf diesen Schlag Menschen dergestalt zu wirken, dass sie ihre Erinnerungen nur noch in pseudolyrischen Metaphern und verqueren Bildern über die Welt ergießen können, während die Inhalte ihrer Berichte irgendwie informationsarm wirken.

Anonymisieren. Das schützt…

Naja, ein solcher Mensch war jedenfalls nach eigenen Angaben in diesem Sommer in Nordkorea und dankenswerterweise hat er seine Geschichte für den Playboy/Focus unter dem garnicht reißerischen Titel „Undercover in Nordkorea. Ein Reporter reist in das Reich des Bösen“ niedergeschrieben (hiermit ergeht mein ergebenster Dank an die Hubert Burda Media, dass sie sich endlich auf den Weg macht, das Monopol der Springergruppe für solche Texte zu brechen). Seinen richtigen Namen kennen wir nicht, da er diesen — anders als andere Kollegen — sowie den seiner Führerin anonymisierte, um den Schutz der Frau zu sichern, die er hier Fräulein Lee nennt. Das ist vorbildlich und wirklich bedacht gehandelt von dem Mann, der sich den schönen Tarnnamen Harald von Sprengeisen gegeben hat. Damit bin ich allerdings schon am Ende meiner Positivliste angelangt, denn was der Text ansonsten so hergibt. Über das kleine Manko, dass damit auch die Identität des Autors im Dunkeln bleibt, kann man dann getrost hinwegsehen. Ist ja für einen guten Zweck.

Befremdliche Motivation

Der Autor ließ sich laut eigener Angabe

nach alldem, was jüngst mit der Bucherscheinung „Flucht aus Lager 14“ bekannt geworden ist

von seiner Neugier zu der Visite drängen. Genau habe ich den Zusammenhang nicht verstanden, aber vermutlich wollte er mal so richtig grausame Dinge sehen und war neugierig darauf, wie so ein Konzentrationslager wohl aussieht. Schöne Motivation. Und da Guantanamo auch nicht mehr das ist, was es mal war, muss man eben bei den richtig bösen Bösewichten suchen.

Mit Luke Skywalker…

Naja, bei der Wissensbasis, von der der Journalist Ausging, ist es ja schon fast ein Wunder, dass überhaupt irgendwas sein Interesse für Nordkorea wecken konnte:

Was weiß man über dieses Land? Nicht viel. Im Dezember 2011 starb der Diktator Kim Jong Il, der seine Rolle als Darth Vader der Weltgemeinschaft bravourös erfüllt hatte. Nach dessen Tod erbte sein 28-jähriger Sohn Kim Jong Un ein Land, in dem Hunderttausende in Straf- und Arbeitslagern vegetieren, Hungersnöte die Untertanen dezimieren, Todesstrafen zur Tagesordnung gehören.

Scheinbar ist ihm noch nicht mal aufgefallen, dass Nordkorea mit Nuklearwaffen droht, Raketen durch die Gegend schießt und Nuklearrekatoren an Bashar al Assad, einen Kumpel von Darth Vader (wenn ich bei dem Bild mal so blöd fragen darf: Ist dann Kim Jong Un Luke Skywalker? Vielleicht hat dieser Zusammenhang den Autoren ebenfalls beunruhigt und deshalb ist er sicherheitshalber in seinem ganzen Artikel so gut wie mit keinem Wort auf Kim Jong Un eingegangen (noch nicht mal was über Mickey oder so hat er geschrieben)) im Club der Superbösewichte, verscherbelt. Naja, aber als Journalist hat man ja auch bestimmt was anderes zu tun, als sich mit solchem Kram abzugeben.

…im Reich des Bösen

Dabei hätte der Autor all das doch bei Julian Reichelt, einem seiner Brüder im Geiste nachlesen können. Der war schließlich vor garnicht so langer Zeit ebenfalls im

Zentrum eines der letzten Reiche des Bösen.

Überraschende Wetterphänomene

Was unser vorbildlich anonymisierter Autor dann auf seiner Reise gesehen hat, war eigentlich wenig überraschend. Grau war es und nach Wurzeln haben die Leute gegraben. Insgesamt ziemlich warm und trocken.

Wir rollen gemächlich zwischen braunen Äckern hindurch, in denen Kinder und Frauen nach Wurzeln graben. Das ganze Land scheint ein einziger großer Acker zu sein, durch den sich ausgetrocknete Flussbetten schlängeln. In den Gräben neben den Gleisen schlafen erschöpfte Körper. An Bahnhöfen stehen junge Rekruten mit grauen Gesichtern und Gewehrattrappen.

Ein bisschen überraschend finde ich das alles dann aber doch. Das Buch „Flucht aus Lager 14“, das er ja vorher gelesen haben will, wurde im September in deutscher Sprache veröffentlicht. So richtig Trocken war es zuletzt im Mai. Danach gab es richtig gutes Wetter, was zu der richtig guten Ernte geführt hat. Aber vielleicht ist dem Autor auch einfach der Strahlenwind durchs Hirn gepfiffen, der schon Julian Reichelt zu schaffen machte und deshalb hat er etwas mit den Terminen durcheinander gebracht. Man sollte ja nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Pressearchiv im Hotel?

Deswegen wundere ich mich auch nicht weiter darüber, dass im Drehrestaurant des Yanggakdo Hotels 10 Monate alte Zeitungen rumliegen.

Statt mich also im Dienste der Völkerverständigung mit Koreanern zu betrinken, blättere ich im Drehrestaurant im 47. Hotelstock – das sich nicht dreht – bei drei Taedonggang-Bieren in einer alten Ausgabe der „Pyongyang Times“ und erfahre: Ganz Deutschland beweinte den Tod des geliebten Führers Kim Jong Il. Die Deutschen konnten vor lauter Trauer nicht arbeiten. In Nordkorea trauerten selbst die Tiere, Kraniche flogen nur noch mit gesenkten Köpfen.

Wenn man davon ausgeht, dass der Autor tatsächlich von Strahlenwind oder anderen Umständen in temporäre Verwirrung gestürzt wurde, wäre er wohl im Mai dagewesen. Dann wäre die Zeitung immerhin noch 5 Monate alt. Aber wer weiß (ich jedenfalls nicht, war noch nicht da), vielleicht gibt es da oben ja auch einfach ein Zeitungsarchiv und der Journalist hat sich einfach daraus bedient (abwegig wäre die Mutmaßung, dass der Autor seine Story etwas bunter machen wollte und die Storys einfach im Netz nachgelesen hat…).

Seltsame Diskrepanz

Was mich allerdings auch ein bisschen wundert, ist der Unterschied zwischen den Schilderungen dieses Journalisten und so ziemlich allen anderen Westlern, die dort waren.

Schöne Verkehrspolitessen in himmelblauen Uniformen, weißen Söckchen und schwarzen Lackpumps drehen formvollendet Pirouetten auf den Boulevards und filtern den nicht vorhandenen Verkehr zwischen sozialistischen Prachtbauten und stalinistischen Monumenten.

Vor lauter Telefonieren vergisst die gute glatt die Pirouetten. (Foto: Joseph A. Ferris III. unter CC-Lizenz: Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY 2.0))

Während er Pjöngjang so erlebt hat, wie es in den letzten zehn Jahren war, also Grau (bis auf die Politessen (die schönen) und ohne Autos und Ampeln (denn wozu bräuchte man sonst die Pirouetten), ohne wirkliches Leben, berichten andere Besucher von gelegentlichen Staus, von Ampeln, von Verkaufsständen und insgesamt einer gewissen Aufbruchsstimmung die zu spüren sei. Aber vielleicht sind die ganzen Einheimischen wegen der Hitze in ihren Häusern geblieben, haben ihre Autos stehen lassen und hielten ihre Stände geschlossen. Naja, oder die temporäre Verwirrtheit des westlichen Besuchers war noch größer als zuvor angenommen.

Handys verboten?

Das die temporäre Verwirrung des Autors jedoch soweit reicht, dass sein Besuch in Nordkorea tatsächlich zu Zeiten stattfand, als Mobiltelefone dort noch verboten waren, das kann ich mir allerdings eigentlich nicht vorstellen.

Sie am liebsten gleich mitnehmen in meinen Orbit und ihr das Theater einmal von außen zeigen. Doch das Verlassen des Landes ist Nordkoreanern verboten, ebenso wie die Nutzung von Mobiltelefonen, freier Presse, Satellitenfernsehen, Internet. Das alles ist im – laut Transparency International – „korruptesten Land der Welt“ strafbar und hilft, die rund 180 Haftanstalten zu füllen, in denen die meisten Insassen ohne Gerichtsverfahren einsitzen.

Immerhin ging das Koryolink vor fast vier Jahren an den Start und hat mittlerweile die Grenze von einer Million Kunden überrschritten. Aber vielleicht haben die Leute Angst gehabt, dass ihnen die Handys bei der Hitze schmölzen, oder dass sie beim Wurzelgraben verloren gehen. Naja und ob man Frau Lee wünschen soll, von einem solchen verwirrten Menschen mit in seinen Orbit genommen zu werden, das ist zumindest fraglich.

Zerdepperte Vasen und robbende Bienen

Naja und dass die Verwirrtheit unseres Journalisten soweit reicht, dass er sich Metaphern einfallen lässt, die klingen wie explodierende Wattebäusche in einer Kakophonie von Farbelementen (oder so ähnlich) das habe ich ja eben schonmal angedeutet.

Ein Heer fleißiger Arbeitsbienen, die im Dienste der Revolution über den Asphalt robben.

Ich meine, robbende Arbeitsbienen kann ich mir ja noch vorstellen, wenn dieser ja offensichtlich zur Grausamkeit neigende Mensch sie zuvor ihrer Extremitäten entledigt hat

Aber wie jetzt genau das mit den hastig zusammengeflickten Vasen aussehen soll, das geht einfach weit über meine Vorstellungskraft hinaus, aber vielleicht kreise ich dafür einfach im falschen Orbit.

Außerhalb der Hauptstadt sehen die Straßen und Häuser aus wie zersplitterte Vasen, die man hastig wieder zusammengeflickt hat.

Eine Erklärung: Das Paralleluniversum

Gerne würde ich mich ja noch ein bisschen an Fakten abarbeiten, die der Autor so zum Besten gibt. Aber in Ermangelung solcher Inhalte, kann ich mich nur mit dem beschäftigen, dass er geschrieben hat. Aber das allein reicht schon, um ein extrem besorgniserregendes Bild zu sehen. Der Autor dieses Artikels hat durch seine Erlebnisse offensichtlich bis zu einem gewissen Grad den Kontakt zur Realität verloren. Es sei denn, dass was er schreit ist garnicht so metaphorisch, sonder beschreibt die Realität in Nordkorea. Dann wäre die Erklärung er nämlich schlicht

ein Paralleluniversum

in dem er sich aufgehalten hat. Damit wären dann soweit alle Unklarheiten beseitigt. Es sei denn…ja es sei denn…der gute Mensch ist doch verwirrt.

Welcher Mist? Keine Ahnung! — Mist? Auf jeden Fall!!!

Dann wünsche ich ihm, dass er ganz in seiner Deckidentität des Harald von Sprengeisen aufgehen kann und nicht eines Tages feststellen muss, dass er ganz anders heißt, garnicht in diesem, sondern vor einem oder zwei Jahren in Nordkorea war und darüber schon den einen oder anderen Artikel darüber in Blättern des Axel Springer Verlags veröffentlicht hat. Aber die genaue Natur des Mistes, auf dem das ganze gewachsen ist, werden wir wohl nicht so bald klären können. Nur eines ist klar. Das es Mist ist…