Wahlaufruf: Am Sonntag dem 25. für ein besseres Europa zur Wahl gehen


War (mal wieder) ziemlich beschäftigt die letzten Wochen.
Womit?
Leute dran erinnern, am Sonntag zu wählen (am besten die richtige Partei, aber eigentlich Hauptsache demokratisch)! Also keine Sorge, ich bin nicht wieder ewig weg. Aber es gibt eben Sachen die sind mir wichtig. Noch wichtiger, als das was mit Nordkorea oder meinem Blog passiert.

Zum Beispiel brauche ich manches sauf keinen Fall!

Ich bin auch überzeugt, dass wir besser dran sind ohne so ein verkacktes Freihandelsabkommen mit den USA.

Ich finde auch, dass ich mir hier nicht groß Gedanken um Menschenrechte und Humanität machen muss, solange an den Grenzen der EU Menschen absaufen und viele noch so tun, als sei das vernünftig.

Ich weiß, die EU ist nicht perfekt, aber ohne sie wäre es nicht besser, im Gegenteil. Deshalb müssen wir uns dafür einsetzen, dass sie besser wird. Und das tun wir nicht, indem wir irgendwelchen Rechten im (professoralen) Bürgerpelz und anderem Gesocks das Feld überlassen. Naja und was die Niederländer können, das sollte wir ja auch hinkriegen, also investiert die paar Minuten und dann wird das schon…

also sucht euch einen von mir genannte oder einen der vielen anderen Gründe aus, geht am Sonntag (eine demokratische Partei) wählen und erinnert eure Freunde dran, das auch zu machen! Ihr würdet mir damit einen persönlichen Gefallen tun.

 

P.S. In der nächsten Woche plane ich dann ein paar Gedanken dazu, warum die Führung in Pjöngjang mit der Hauseinsturzkatatstrophe letztes Wochenende so – auf den ersten Blick – offen umging. Dabei werde ich mir auch mal die Berichterstattung zur Zugkatastrophe von Ryongchong vor gut 10 Jahren genauer anschauen. Aber wie gesagt: Erstmal wählen!

Lautes Schweigen aus Pjöngjang: Wirkt sich die Ukraine-Krise auf das russisch-nordkoreanische Verhältnis aus?


Wie ich kürzlich ja schon angekündigt habe, finde ich es durchaus spannend mal einen Blick darauf zu werfen, ob der Konflikt um die Ukraine, bei dem Russland ja unbestritten eine zentrale Rolle zukommt, Auswirkungen auf das Agieren des Regimes in Pjöngjang hat oder haben kann. Relevant ist die Situation allemal, denn je nachdem, wie sich die geopolitische Dynamik weiterentwickelt, werden sich für Pjöngjang neue Spielräume bieten, mit deren Hilfe das Fortbestehen des Regimes gesichert werden kann. Wo genau diese Spielräume zu finden sind und ob und wenn ja wie Pjöngjang sie schon nutzt oder zumindest erkennen lässt, ob sie interessant sind, will ich mir heute mal anschauen.

Das Geheimnis ihres Überlebens

Eine der zentralen Erklärungen, warum das Regime in Pjöngjang in den letzten 25 Jahren trotz aller Hemmnisse sehr persistent war und wirklich systemgefährdenden Krisen widerstand, ist die Fähigkeit der Staatslenker, sich bietende Chancen und Spielräume durch sich ändernde geopolitische Konstellationen für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen oder aber entstehende Bedrohungen aus solchen Veränderungen schnell zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Aus der aktuellen Krise um die Ukraine und den noch zu erwartenden Konsequenzen aus dem verschärften Gegensatz, sowie dem verstärkten Misstrauen zwischen westlichen Staaten und Russland ergeben sich schon jetzt Spielräume, die Pjöngjang für die eigenen Ziele kultivieren könnte.

Bruch zwischen Russland und westlichen Staaten als Chance für Nordkorea

Über allem steht dabei der offen aufgetretene Bruch zwischen Moskau und den westlichen Staaten. Dieser Bruch lässt erwarten, dass künftig die Kooperation zwischen beiden Seiten schwieriger werden wird. Es ist sogar möglich, dass Russland auch in anderen außenpolitischen Spielfeldern jenseits der Ukraine in eine eher destruktive Richtung schwenkt, also seine Interessen vor allem auf Kosten der anderen Seite durchsetzen wird. Außerdem können die im Raum stehenden Wirtschaftssanktionen gegen Russland sich indirekt zugunsten des Regimes auswirken. Generell schwebt natürlich über allem die Frage, welche Ziele Wladimir Putin mit seinem Agieren verfolgt. In der Folge will ich einige konkrete Möglichkeiten aufzeigen, die sich für Pjöngjang in Folge des Ukraine-Konfliktes ergeben könnten:

  • In den vergangenen Jahren bestand in den Reihen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen weitgehende Einigkeit, dass auf Provokationen Pjöngjangs, also zum Beispiel Nuklear- und Raketentests, eine Antwort des Sicherheitsrates erfolgen müsse, was in den letzten Jahren zu immer schärferen Resolutionen und damit auch Sanktionen gegen Nordkorea geführt hat. Dabei war vor allem wichtig, dass sich die Fünf Vetomächte, also USA, Großbritannien, Frankreich, China und Russland einig waren. In Bezug auf Nordkorea war es, wenn überhaupt, eher China, das bremste. Wenn Russland nun im Sicherheitsrat eine weniger konstruktive Haltung einnähme, könnte Nordkorea außenpolitisch etwas freier agieren. Die Abschreckung mit Blick auf mögliche Nuklear- und Raketentests wäre deutlich geringer. Vor allem hinsichtlich des anstehenden nordkoreanischen Nukleartests wird es sehr interessant zu sehen sein, wie Russland in der Folge agiert.
  • In den letzten Jahren hat sich die Beziehung Nordkoreas zu China deutlich abgekühlt. China lässt immer mal wieder erkennen, dass es starke Druckmittel in Händen hält und wendet diese (wenn auch bisher nur sachte) bei Bedarf auch an. Ein Treffen auf Führungsebene steht seit Machtantritt Kim Jong Uns aus und aktuell deutet nicht viel darauf hin, dass sich das bald ändert. Sollte Russland daran arbeiten, einen eigenen starken Machtblock zu konstruieren, würde das für Nordkorea vermutlich bedeuten, dass eine zweite strategische Option wieder ins Blickfeld rückte. Damit könnte die Abhängigkeit von China reduziert werden und gleichzeitig würden für Pjöngjang neue Spielräume zum gegeneinander Ausspielen der beiden Freunde entstehen. In den letzten Jahren war das Interesse Russlands schlicht nicht groß genug, um für Nordkorea eine wirklich relevante strategische Option darzustellen.
  • Generell würde es für Pjöngjang erstmal einen Zuwachs an gefühlter Sicherheit versprechen, wenn Russland einen Bereich der eigenen Einflusssphäre abstecken würde und sich Pjöngjang dann unter diesen Einflussbereich begäbe, wenn also wieder eine Art Blockkonfrontation entstünde. Hierzu wäre aber Voraussetzung, dass Russland gestärkt und selbstbewusst aus der Krise hervorginge.
  • Auch im wirtschaftlichen Bereich könnten sich für Pjöngjang Möglichkeiten bieten. Sollte Russland unter starke Wirtschaftssanktionen fallen, so ist es denkbar, dass Ressourcen zum Export frei werden, die den Handel mit Nordkorea fördern könnten, andererseits könnte Russlands Interesse an strategischer Rohstoffversorgung steigen, hier ist Nordkorea, beispielsweise mit den wohl nicht zu verachtenden Vorräten an seltenen Erden ein interessanter Partner.

Der Konflikt findet in Nordkoreas Medien nicht statt

Die oben beschriebenen Aspekte finde ich durchaus beachtlich und ich bin mir sicher, dass man sich in Pjöngjang schonmal ähnliche Gedanken gemacht hat. Eigentlich würde ich aber in einem solchen Fall erwarten, dass man irgendwie versucht, sich in die Situation einzubringen, zumindest durch mediale Stellungnahmen. Interessanterweise konnte ich bei Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA nichts dergleichen finden. Um genau zu sein findet der Konflikt bei KCNA nicht statt. Wenn ich einer der Verfechter wäre (die gibts ja auch in Deutschland), die sagen sie könnten nur glaubwürdige Infos von KCNA beziehen, dann wüsste ich nicht einmal, dass da was ist mit der Ukraine. Und das, obwohl Nordkorea ansonsten nie um Aussagen verlegen ist, die irgendwelche imperialistischen Machenschaften der USA und ihrer Diener weltweit aufs schärfste brandmarken. Irgendwie scheint den Nordkoreanern das hier aber nicht so passend zu sein.

Vorsichtig, oder mit anderem beschäftigt: Gründe für Pjöngjangs Desinteresse

Wie lässt sich dieses bewusste Desinteresse also erklären?
Ich denke, das hat viel mit China zu tun. Der aktuell wichtigste Verbündete Nordkoreas verhält sich sehr zurückhaltend und möglicherweise möchte man sich nicht aus dem Windschatten Pekings begeben und damit den Ärger dort provozieren. Oder man will sich vorerst anschauen was passiert um erst Position zu beziehen, wenn klar ist, welche Richtung vorteilhaft ist. Eventuell nimmt man auch Rücksicht auf Peking, das ja immer sehr kritisch ist, wenn es darum geht, dass Staaten anderen Staaten Landesteile abtrünnig machen, was auf der Krim ja passiert ist. Zuletzt könnte man das vorsichtige Abwarten Nordkoreas auch innenpolitisch erklären. Man verwendet zur Zeit alle bereitstehenden Kapazitäten auf die Regimekonsolidierung. Man will nicht in außenpolitische Situationen hereingehen, die sich dynamisch entwickeln, um daraus nicht internes Konfliktpotential und einen Verlust der Konzentration auf das zentrale Thema Machterhalt zu erzeugen.
Aktuell ist aus Pjöngjang also nichts außer einem vorsichtigem Abwarten zu vermelden. Wenn das auch so bleibt, nachdem klarer wurde, wer gestärkt aus dem Konflikt in der Ukraine hervorgeht, dann dürfte das laute Schweigen aus Pjöngjang innenpolitisch motiviert sein. Ändert sich bald etwas im Verhältnis zwischen Pjöngjang und Moskau, dann hat es sich um strategisches Abwarten gehandelt.

Erste Zeichen der Annäherung

Einen ersten Hinweis auf eine Änderung gibt es bereits. Vor ungefähr drei Wochen ratifizierte die russische Staatsduma ein Abkommen mit Nordkorea, nachdem dem Land 10 seiner 11 Milliarden US-Dollar Schulden bei Russland erlassen werden. Im Gegenzug soll Russland eine Gaspipeline durch Nordkorea nach Südkorea bauen dürfen (mit beiden Projekten habe ich mich in der Vergangenheit befasst). Zwar wurde das Abkommen bereits vor längerer Zeit beschlossen, aber die Ratifizierung zum jetzigen Zeitpunkt könnte man als Signal aus Moskau lesen. Insofern ist dies jedoch nicht als Aktion Nordkoreas sondern nur als ein Zeichen Russlands zu verstehen und ein Tätigwerden Pjöngjangs steht weiter aus. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich die Beziehungen der beiden Länder in den nächsten Jahren entwickeln werden.

 

Wieder da: Was man über Nordkorea (nicht) aus den Nachrichten erfahren kann


So, da ist er also jetzt, der große Tag an dem ich es endlich mal wieder hinkriege, mich an den PC zu setzen und was zu schreiben. Mein Leben normalisiert sich allmählich wieder, ich bin im neuen Job so langsam ein bisschen eingearbeitet und meine neue Wohnung ist so weit eingerichtet, dass ich zumindest mal Gäste empfangen kann, ohne mich zu schämen. Kurz: Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich meinem Hobby widme und deshalb tue ich das jetzt auch mal wieder.

Wenn man seine Infos über Nordkorea aus den Nachrichten bezieht…

In den letzten Wochen habe ich die Erfahrung gemacht, die Millionen Deutsche permanent machen, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Ich habe die gesamten Infos, die ich über Nordkorea bekam aus Fernseh- und Radionachrichten bezogen und wenn ich mich nicht täusche war das in den letzten beiden Monaten folgendes:

Was kann man daraus lernen? Naja, wenn man keinen Kontext zu Nordkorea hat,  sich also nicht schon länger mit dem Land beschäftigt eigentlich nicht wirklich viel. Klingt alles nach dem üblichen Nordkorea-Kram. Großteils ist es das auch: Die Geschichte mit dem Nahrungsmittelknappheit melden kommt jedes Jahr. Raketentesten wird manchmal gemacht, hat bei Nutzung dieser Modelle wohl eher interne Gründe (üben und so), aber ist auch ein Signal nach außen (macht man nicht wenn alles rund läuft), worauf auch die ins-Wasser-Schießerei hindeutet.
Am Interessantesten von diesen Nachrichten fand ich die Meldung zum angedrohten Atomtest. Warum? Die Drohung zieht für gewöhnlich die Umsetzung selbiger nach sich, was einen ganzschön langen Rattenschwanz an weiteren Entwicklungen zur Folge haben wird. Man wird über Sanktionen diskutieren, vielleicht welche beschließen, daraufhin wird sich Pjöngjang zu irgendwelchen Gegenmaßnahmen genötigt sehen, was eine Eskalationsspirale in Gang setzen wird (vielleicht erinnert ihr euch ja noch an den Hype im letzten Jahr. Damals fing irgendwann auch mal alles mit der Ankündigung eines Atomtests an und dann drehte Pjöngjang kräftig am Rad, bzw. der Spirale). Vielleicht fühlt man sich in Nordkorea aufgrund der deutlichen Entfremdung zwischen Moskau und dem Westen bemüßigt mal auszuprobieren, ob das auch die Kooperationsfähigkeit im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mindert. das würde man sehr schnell erfahren, wenn man eine Atombombe testen würde. Naja, jedenfalls war die Drohung mit einem Atomtest definitiv die einzige Nachricht, die ich in den zwei Monaten gehört habe, die mich wirklich aufhorchen ließ.
Die Rezeption der Ukraine-Krise durch Nordkorea werden wir uns jedenfalls bei Gelegenheit mal genauer anschauen müssen, denn eine der zentralen Überlebensstrategien des nordkoreanischen Regimes war es bisher, sich ändernde weltpolitische Konstellationen und damit sich bietende Räume zum Luftholen zu eigenen Gunsten zu nutzen. Eine solche Chance könnte sich gerade bieten. Aber das nur als kurze Randnotiz.

…kann man einfach nicht bescheidwissen.

Was ich eigentlich nur sagen will: Wenn man kein gesteigertes Interesse an Nordkorea hat und sich deshalb nicht bemüht, vernünftige Infos zu bekommen, wird man nicht in der Lage sein, sich ein auch nur halbwegs vernünftiges Bild von dem Land zu machen. Ich konnte mir in den letzten zwei Monaten auch kein annähernd sinnvolles Bild davon machen, was in Nordkorea passiert ist. Das habe ich eben nachzuholen versucht. Die Erkenntnis, es ist definitiv mehr Wichtiges passiert, als aus unseren Medien bei oberflächlichem Konsum zu entnehmen war.

Was wichtig ist: Choe Ryong-haes Degradierung

Mein Highlight, auf das ich kurz eingehen möchte, ist die Degradierung Choe Ryong-haes. Nachdem Kim Jong Un vor ihm schon eine ganze Reihe anderer Leute (erstaunlicherweise jedesmal überraschend für die Beobachter) abserviert hat, von denen man eigentlich angenommen hatte, dass sie unentbehrlich sind, war Choe eigentlich aktuell der gesetzte Mann auf der „unentbehrlich-Position“. Naja, ist er jetzt nicht mehr. Was genau mit ihm passiert ist und wie tief sein Fall war, das kann man aktuell noch nicht genau sagen. NK Leadership Watch vermutet, dass er ins Sekretariat der Partei einsortiert wurde (was irgendwie wie die Regierung ist, nur im Falle Nordkoreas mächtiger als die nominale Regierung), was immernoch ziemlich wichtig ist, aber nichts desto trotz eine Degradierung.
Ich werde mir jetzt einfach mal sparen, zu beschreiben, welche Rolle Choe im Regime gespielt hat und wer ihn jetzt ersetzt und welche Schlüsse über die Funktionen der Regimeinternen Feinmechanik man daraus schließen kann, weil ich denke, das ist verlorene Liebesmüh. Ich hab  ja schon wiederholt gesagt, dass es mittlerweile viel Motivation erfordert, die ständig wechselnden Namen der wichtigen und wichtigsten Leute im Regime zu lernen und ich habe nicht vor, mir diese Arbeit anzutun, solange die Unruhe, die Kim umgibt weiterbesteht. Das heißt, solange seine Führung nach Kims Ansicht nicht konsolidiert ist, werden die wichtigen und wichtigsten Leute in Pjöngjang weiter auf Schleudersitzen hocken und die eigentlich spannende Nachricht wird sein, wenn mal für eine wirklich längere Periode kein Wechsel in der Führung mehr zu verzeichnen ist, denn erst dann wird sich Kim wieder ernsthaft anderen Themen als der Konsolidierung seiner Macht zuwenden und dann macht es auch wieder wirklich Sinn, Namen zu lernen und Lebensläufe anzugucken. Bis dahin wird es wohl reichen, eine Statistik über die Abgänge zu führen.

Naja, das war es erstmal von meiner Seite mit einer ersten vorsichtigen Annäherung an Nordkorea nach zwei Monaten wirklich großer thematischer Ferne…

Out of office… Warum ihr gerade nichts von mir hört und wann ich wieder da bin


Hallo ihr lieben, vielleicht hat sich der Eine oder Andere von Euch gewundert, in den letzten Wochen so garnichts von mir gehört zu haben. Das hat zumindest drei Gründe:

1. Ich bin letzte Woche umgezogen und sitze gerade ziemlich sprichwörtlich auf Kisten. In der letzten Woche hatte ich außerdem kein Internet. Das erschwerte es ungemein, irgendwas netzbasiertes zu machen.

2. Ich mache noch bis Ende des Monats ein Schulpraktikum, das mir einiges an Vor- und Nachbereitungszeit abverlangt und darüber hinaus auch noch durchaus anstrengend ist.

3. Ich habe seit Anfang des Monats einen recht guten Job, der mich 30 Stunden in der Woche beschäftigt.

Wenn ich nur eine der oben genannten Sachen zu tun hätte, dann würde ich es locker schaffen, regelmäßig ein bisschen was zu bloggen. Aber Die Kombination verlangt mir echt einiges ab und ich bin gerade ziemlich am Limit.
Ich kann jetzt nachvollziehen, wie sich der Liebe Führer gefühlt haben muss, wenn er sich nach einem 36 Stunden Tag von Vor-Ort-Anleitungen und strategischer Planung zuhause hingesetzt hat, um eine Oper zu schreiben oder eine Abhandlung über die Kunst des Kinos.

Naja, ich wollte mich nur mal kurz melden und euch informieren, dass ich nicht einfach so verschwunden bin, nur eben gerade anderweitig beschäftigt. Soweit ich das überschaue, wird dieser Zustand auch wohl noch bis zum 05.04. anhalten, aber dann sollte sich alles entspannen und dann werdet ihr auch wieder öfter von mir hören.

Familienzusammenführungen zwischen Süd- und Nordkorea: Tatsächliche und symbolische Bedeutung


Ich muss ja ganz ehrlich zugeben, ich bin fast ein bisschen überrascht, dass es heute in der eigens dazu errichteten Anlage im Kumgang-Gebirge tatsächlich erstmals seit November 2010 zu Familienzusammenführungen zwischen nord- und südkoreanischen Familien kam (hier gibt es einen Artikel von mir aus dieser Zeit, indem ich die Fakten dazu (stand 11/2009) zusammengetragen habe), die durch den Koreakrieg getrennt worden waren. Heut, am ersten Tag des für sechs Tage angesetzten Ereignisses trafen 140 Südkoreaner, die mit dem Bus in die Anlage gereist waren, mit 180 Verwandten aus dem Norden zusammen. Unter den zusammengeführten Familien waren auch solche, bei denen die Väter als Fischer nach Nordkorea entführt worden waren und sich scheinbar danach dort eingelebt haben. Ich will mich in der Folge kurz mit der tatsächlichen und symbolischen Bedeutung dieses Ereignisses auseinandersetzen und eine Bewertung versuchen.
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Tatsächliche Bedeutung und symbolische Ebenen

Die Familienzusammenführungen betreffen zwar nur eine relativ kleine (und schnell kleiner werdende) Personenzahl, sind jedoch von ihrer humanitären und vor allem symbolischen Bedeutung her nicht zu unterschätzen. In der Vergangenheit waren solche Ereignisse eigentlich immer erstes sichtbares Zeichen einer (vom Norden) angestrebten Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Koreas. Genauso waren Absagen als Signal der Unzufriedenheit des Nordens zu werten.
Aber die symbolische Bedeutung reicht natürlich ein gutes Stück über die Tagespolitik hinaus, denn diese Familien sind sozusagen sichtbarer Ausdruck des Bandes, das beide Koreas zusammenhält. Sie zeigen, dass es noch nicht so lange her ist, dass Korea eins war und koreanische Familien diesseits und jenseits des 38. Breitengrades sich sehen und begegnen konnten, wie sie wollten.
Und damit sind wir schon bei einer weniger positiven symbolischen Ebene der Familienzusammenführungen angelangt. Denn wer sich die Bilder des Ereignisses anguckt, dem wird auffallen, das die Leute die sich da treffen sehr alt sind. Viele Südkoreaner die ihre Verwandten im Norden sehen wollten sind gestorben, ohne dass ihnen das vergönnt war und momentan trifft dieses Schicksal regelmäßig weitere Süd- und Nordkoreaner.
Das sichtbare Band zwischen den Koreas wird dünner und damit wird es auf beiden Seiten der Demilitarisierten Zone immer schwerer werden, den Menschen zu vermitteln, dass Korea wirklich zusammen gehört und wirklich eins ist. Wie im Norden die Stimmungslage ist weiß man nicht, aber im Süden macht sich in den jüngeren Altersgruppen eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber der gemeinsamen koreanischen Geschichte breit. Das ist per se nicht schlimm, aber es wird in Zukunft den Umgang mit einem sich wandelnden oder umstürzenden Nordkorea oder gar eine Widervereinigung ungemein erschweren.
Nicht zu vergessen ist bei alldem Symbolischen und Politischen natürlich die menschliche Ebene. Einigen 100 Menschen wird diese Zusammenführung so wichtig sein, wie ich es mir eigentlich garnicht vorstellen kann und wie ich es deshalb auch nicht in Worte fassen werde. Das Glück dieser Menschen für sich genommen ist ein großer Wert und kann mit den anderen Aspekten nicht wirklich abgewogen werden, aber wir wissen alle, dass die darüber schwebenden politischen Bedingungen immer bestimmend dafür sind, ob diese Menschen glücklich sein werden oder nicht.

Bewertung: Symbolik und individuelles Glück als zentrale Elemente

Eine Bewertung der Familienzusammenführungen muss daher auf mehreren Ebenen stattfinden und man darf dieses Ereignis leider nicht zu euphorisch abfeiern.
Auf der tagespolitischen Ebene sind diese Zusammenführungen ohne Zweifel als wichtiges Signal zu sehen, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nichts handfestes (außer eben für die betroffenen Menschen) ist. Wenn die Manöver in Südkorea in Kürze starten, dann kann das Signal, das der Norden hier gesetzt hat sehr schnell vergessen sein. Muss nicht, kann aber.
An die gesamte koreanische Bevölkerung setzt die Zusammenführung zweifelsfrei ein sehr wichtiges Zeichen. Es erinnert alle nach langen Jahren, in denen Konflikt und Spannung zwischen den Koreas dominierten, dass man doch gemeinsame Wurzeln hat und dass man die nicht so einfach abschlagen kann.
Gleichzeitig zeigen die Zusammenführungen aber auch, dass die gemeinsamen Wurzeln langsam verdorren, dass das was eint verschwindet und die Unterschiede immer weiter in den Vordergrund rücken. Allen beteiligten muss klar sein, dass jedes Jahr der Spannung und Konfrontation die Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit mehr und mehr verschwinden lässt. Handeln im Sinne der Versöhnung tut jetzt not, wenn man sich eine solche Versöhnung überhaupt noch wünscht.
Das individuelle Glück der Betroffenen kann man wie gesagt nicht wirklich in dieses Kalkül hereinziehen, aber man kann den Umgang mit diesem Glück betrachten und daraus Schlüsse ziehen. Es steht vollkommen außer Zweifel, dass das Regime in Pjöngjang keinen Gedanken an das Glück dieser Menschen verschwendet. Für die nordkoreanische Führung sind die Familienvereinigungen nichts mehr als Instrumente der Politik. Wenn man ein entsprechendes Signal aussenden will, dann lässt man sie zu, wenn nicht, verzichtet man darauf oder sagt sie sogar kurzfristig ab (was ja noch ein perfideres Spiel mit dem Glück der Menschen ist). Auch im Süden mag es manchmal solche Tendenzen geben, aber ganz so zynisch ist man im Umgang mit Menschen dort nicht. Ich denke der Umgang Pjöngjangs mit den Familienzusammenführungen ist ein plakativer Beleg dafür, wie wenig das Regime sich um das individuelle Wohl seiner Menschen schert.

Die Uhr tickt

Alles in allem sehe ich in den Zusammenführungen vor allen Dingen Symbolik auf verschiedenen Ebenen und individuelles Glück einiger weniger. Die tatsächliche politische Bedeutung der Zusammenführungen ist zu vernachlässigen und sollte nicht überschätzt werden. Aber gleichzeitig sollte die Symbolik ausreichen allen Verantwortlichen klar zu machen, dass ein „Weiter so“ ein Erhalt des Status quos nicht dazu führt, dass alles so bleibt wie es wahr, sondern dass sich für das Koreanische Volk damit die Perspektiven für eine gemeinsame und gute Zukunft immer weiter verdüstern.

Interessante Veranstaltungen zu Nordkorea im Februar in Berlin, Hamburg, Kiel und Stuttgart


Auch auf die Gefahr hin ein bisschen redundant zu sein, möchte ich heute Aufgrund der Vielzahl wirklich spannender Veranstaltungen in den nächsten Wochen doch nochmal einen kleinen Ankündigungsblock einschieben, damit keiner der Zeit und Lust hat einen der durchweg besuchenswerten Termine verpasst.
Wenn das alles für mich nicht so superweit weg wäre (Hamburg und Berlin), würde ich ganz sicher auf ein oder zwei der Veranstaltungen auftauchen, aber für einen Abend zehn Stunden oder so mit dem Zug unterwegs sein, da habe ich keinen Bock drauf. Naja was ich nur sagen will: Jede der Veranstaltungen lohnt sich und um nicht noch redundanter zu wirken werde ich das jetzt nicht mehr extra jedes Mal sagen.

12.02. Hamburg

Ich gehe einfach mal chronologisch vor: Schon übermorgen dem 12.02. um 19h wird es in  Hamburg (Neuer Jungfernstieg 21, 20354 Hamburg) ein GIGA-Forum geben, das von Patrick Köllner (der sich prima in der Region auskennt) moderiert wird. Auf dem Podium sitzen zwei echte Hochkaräter. Zum einen Rüdiger Frank, den die FAZ nicht zu Unrecht vor allem auf Grund seiner relativ einmaligen Nordkorea-Expertise zu einem der 50 einflussreichsten deutschen Ökonomen gekürt hat und dessen Arbeit auch ich einfach prima finde. Zum anderen der ehemalige britische Botschafter in Pjöngjang James Hoare.  Organisiert wird das Ganze vom GIGA in Kooperation mit der Deutsch-Koreanische Gesellschaft Hamburg (DKGH) und dem Ostasiatischer Verein (OAV).

Hier könnt ihr euch schonmal einen kleinen Eindruck von ihm machen.

17.02. Hamburg

Nächste Woche, am 17.02. um 19h gibt es schon wieder in Hamburg (KörberForum – Kehrwieder 12, 20457 Hamburg, Hamburg) was feines. Da gibt es von der Körber-Stiftung eine Diskussionsveranstaltung mit Jang Jin-sung. Für diejenigen, denen es nach Hamburg zu weit ist (also z.B. mich) gibt es coolerweise einen Livestream, den ihr auf der oben verlinkten Seite findet. Wie ich gerade gesehen habe, steht auf der Seite, dass alle Plätze belegt sind, aber ich glaube wenn ich in Hamburg wäre würde ich da einfach mal anrufen. Jang ist einer der führenden Köpfe hinter News Focus International. Er war vor seiner Flucht aus Nordkorea im Jahr 2004 Teil des Regimes und arbeitete für das United Front Department. Ich denke, dass er über einen ganz anderen Blick auf Nordkorea verfügt als wir und einige Aspekte des Systems, die uns unverständlich erscheinen, gut und einfach erklären kann.

19.02. Berlin

Und weil es sich für Jang wohl nicht lohnt, für einen Termin nach Deutschland zu kommen, tritt er am 19.02. um 19h nochmal in Berlin in der Gedenkstätte Hohenschönhausen (Genslerstraße 66, 13055 Berlin) auf. Organisiert hat das Ganze die Europäische Allianz für Menschenrechte in Nordkorea, eine ganz interessante Organisation, die sich vor allem dafür einsetzt, die Aufmerksamkeit für die Menschenrechtssituation in Nordkorea zu steigern, die Informationsbasis zu verbessern und seriöse Forschung zu dem Thema zu fördern.

17.-22.02. Berlin und 20.-25.02. Kiel

Ebenfalls in Berlin gibt es vom 17. bis 22.02. die 2. DVR Korea-Filmwoche im Babylon Kino (Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178  Berlin) zu erleben. Vielleicht erinnert sich der Eine oder Andere von euch: Vor gut zwei Jahren gab es schonmal sowas Ähnliches, damals war es nur ne Art Tournee, bei der nordkoreanische Filme in verschiedenen Städten Deutschlands gespielt wurden. Scheinbar hat man in diesem Jahr (ich bin auch gerade überrascht, das war mir nämlich bisher entgangen) wieder die gleichen Kinos im Programm wie 2011.
Das heißt für die Nordlichter gibt es vom 20. bis 25.02. in der Pumpe in Kiel (Haßstraße 22, 24103 Kiel) ebenfalls die DVRK Nordkorea Filmwoche. Ob es auch in Köln wie 2011 Veranstaltungen gibt, konnte ich bis jetzt nicht rausfinden, aber das war auch schon damals ein bisschen undurchsichtig. Ich werde mal die Augen offen halten.
Das Programm ist ziemlich umfangreich, deshalb werde ich das hier nicht im Detail auswalzen (könnt ihr ja selber nachlesen), aber wenn ihr euch für nordkoreanisches Kino interessiert oder, was ich sehr spannend fände, für Dokus aus Nordkorea, dann solltet ihr euch das mal angucken. Außerdem dürfte es an beiden Standorten zumindest einen Termin mit nordkoreanischen Filmschaffenden und vermutlich auch Botschaftsleuten geben. Den könnt ihr euch ja mal gesondert vormerken.

17.02. Stuttgart

Zuletzt noch eine Veranstaltung, die vielleicht nicht ganz so hoch hängt, wie die vorgenannten, die ich mir aber auch anschauen würde, wenn ich da wäre. Am 17.02. 19h wird die Friedrich-Naumann-Stiftung in Stuttgart (Hotel Sautter, Johannesstr. 28, 70176 Stuttgart) eine Vortragsveranstaltung mit Lars-André Richter durchführen. Der ist Chef des Regionalbüros der Stiftung in Seoul (damit Nachfolger von Walter Klitz, an den ihr euch vielleicht durch das Interview auf diesem Blog erinnert) und damit auch für die vielfältigen und interessanten Aktivitäten in und zu Nordkorea zuständig. Er dürfte interessantes aus der Praxis zu erzählen haben, auch wenn ich mit ihm in seinen Bewertungen nicht immer auf einer Linie liege.

Viel Spaß

Naja, ihr seht, es gibt einiges interessantes in den nächsten Tagen und Wochen und für fast alle Regionen in Deutschland ist was dabei, außer wenn man eher im Westen wohnt ist blöd. Aber das wird bestimmt auch bald besser und bis dahin wünsche ich euch interessante Veranstaltungen und so.

Ein unambitioniertes Interview: Wie die Saarbrücker Zeitung zum nordkoreanischen Propagandalautsprecher wurde


Vor ungefähr einer Woche habe ich ja über das Interview des nordkoreanischen Botschafters in London geschrieben, das in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert war. Damals stellte ich mir unter Anderem folgende Frage:

Ich bin aber gespannt, ob noch andere nordkoreanische Botschafter dazu Pressekonferenzen oder Interviews machen, oder ob Herr Hyon das alleine gemacht hat.

Auf diese Frage gibt es jetzt einige interessante Antworten. Einerseits war das Interview durchaus Teil einer konzertierten Kampagne, wie ich schon gemutmaßt hatte. Denn außer in London, sprachen auch die Botschafter in New York (bei den Vereinten Nationen), Peking und Moskau mit den Medien, allerdings nicht in Form von Interviews sondern auf Pressekonferenzen. Und auch Ri Si-hong, Nordkoreas Botschafter in Berlin beteiligte sich an der Medienoffensive und überraschenderweise auch in einem Interview.

Ri Si-hongs Pseudo-Interview

Allerdings war Ri dabei nicht ganz so ambitioniert wie Hyon Hak-bong. Denn erstens gab es kein Fernseh-, sondern ein Zeitungsinterview, zweitens fand das nicht mit einem Medium aus der ersten deutschen Reihe, sondern mit der Saarbrücker Zeitung statt und drittens war es auch inhaltlich wesentlich wenige ambitioniert.

Der überwiegende Teil des Interviews ist ein aus den anderen Auftritten von Botschaftern bekannter Werbeblock für das „Angebot“ der Nationalen Verteidigungskommission an Südkorea die Beziehungen zu verbessern. Das ist ganz klar der Anlass des Ganzen. Ansonsten gibt es nur die Hinweise, dass Jang Song-thaeks Hinrichtung gerechtfertigt war und dass Deutsche ohne Angst in Nordkorea investieren können. Da wundert man sich doch: Wenn ich einen nordkoreanischen Botschafter für ein Interview bekäme, würde ich ihn aber mehr fragen, als Dinge auf die wir seine Antwort eh schon kennen. Weshalb die Vertreter der Saarbrücker Zeitung das nicht gemacht haben steht unter dem Interview:

Ri Si-Hong suchte nun von sich aus zum ersten Mal den Kontakt zur deutschen Presse. […] Die Botschaft machte in den Vorgesprächen zur Bedingung, dass nur Fragen zum Vorstoß des Verteidigungskomitees gestellt werden dürften, und dass Worte wie „Diktatur“ oder „isoliertes Land“ nicht vorkommen dürften. Außerdem seien die Fragen vorher schriftlich einzureichen. Allerdings war der Gesprächsverlauf dann viel freier und der Botschafter gab sich entspannt. Sein sehr gut deutsch sprechender Stellvertreter übersetzte – korrekt, wie ein externer Dolmetscher anhand des Tonbands hinterher feststellte. Auf eine Prüfung des ausgeschriebenen Interviews verzichtete Ri. Er vertraue der Presse.

Naja, auch wenn das Interview entspannter ablief als gedacht, scheinen die beiden Journalisten die es führten zumindest eine kleine Schere im Kopf gehabt zu haben, bzw. die  Angst, dass das exklusive Interview platzen könnte, wenn sie zu kritische Fragen einreichen. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu so unambitionierten Fragen kam.
Damit dürfte auch klar sein, warum das Interview nicht mit dem Spiegel, der FAZ, der taz oder sonst einem der großen deutschen Printmedien geführt wurde. Die werden sich für ein solches Pseudo-Interview einfach nicht hergegeben haben, bei dem im Endeffekt die Propaganda nur in ein anderes Format gepackt wird. Informationszuwachs gleich Null.
Der Botschafter wiederum wird froh sein, seinen Job erledigt zu haben. Wenn er für die Zukunft Tipps braucht, wie man so richtig professionell Pseudointerviews produziert könnte er ja mal einen seiner Leute bei der Deutschen Bank einschleusen. Die PR-Abteilung dort weiß nämlich sehr gut — zumindest in der Theorie — wie man das macht. Oder man fragt mal bei Martin Sonneborn nach…

Experimentieren mit „neuen“ Kommunikationskanälen

Interessant ist das alles mit Blick auf die nordkoreanische Medienstrategie trotzdem. Denn es wird deutlich, dass man mit neuen Formaten experimentiert. Nicht mehr derselbe ewig-gleiche-Pressekonferenzzirkus rund um die Welt, sondern auch mal ein Interview. Das ist ja nahezu ein Quantensprung. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die Botschafter scheinbar eine gewisse Autonomie darüber haben, wie sie ihren Job machen. Sie kriegen wohl von Zeit zu Zeit eine Depesche aus Pjöngjang, in der verschiedene talking-points stehen, die sie in die Medien ihres Gastlandes einspeisen sollen. Wie sie das machen ist dann scheinbar ein Stück weit freigestellt. Die ganz Unambitionierten machen eine Pressekonferenz, die etwas Kreativeren suchen sich einen Pseudo-Interviewpartner und die wirklich Mutigen, die es wohl noch zu was bringen wollen stellen sich einem Fernsehinterview. Ich bin gespannt, ob die nordkoreanischen Botschaften weiter an ihrer Medienstrategie feilen und ob in Zukunft dem britischen und deutschen Botschafter weitere folgen und sich dem (mehr oder weniger großen) Risiko eines Interviews stellen. Oder aber das nordkoreanische Außenamt weist den Botschaftern die Formate je nach den lokalen Medienlandschaften zu. Wer weiß es. Ich werde das Thema Kommunikationsstrategien Pjöngjangs jedenfalls weiter im Auge behalten.

Warum ich nicht in Nordkorea investieren würde und weshalb es vielleicht trotzdem keine schlechte Idee ist


Eben habe ich in der WELT einen Artikel gelesen, den ich ganz interessant fand. Darin geht es um den bayrischen Schuhunternehmer Michael Ertl, der plant in der gemeinsam von Nord- und Südkorea auf nordkoreanischem Boden betriebenen Sonderwirtschaftszone Kaesong zu investieren. Ich fand das deshalb relativ spannend, weil ich mir danach einfach mal überlegt habe, ob ich wohl aktuell Geld in Kaesong investieren würde. Anfangen will ich aber mit einem kleinen Korrekturblock, denn, naja, die WELT eben

WELT-Korrekturblock

Michael Ertl ist einer der ersten, aber definitiv nicht der Erste Deutsche, der in Nordkorea investieren will. Das hätte der Autor mit einem Blick ins eigene Archiv herausfinden können, wo er hätte lesen können: „Gerry Weber lässt in Nordkorea schneidern„. Oder er hätte es einfach mal beim zuverlässigen Startpunkt fast jeder Recherche versucht und sich den wirklich guten Wikipedia-Artikel zu den deutsch-nordkoreanischen-Beziehungen angeschaut (ich weiß, dass der ganz gut ist, weil ich bei der Erstellung ein (wenn auch nur geringen) Anteil hatte). Da hätte er lesen können, dass die Firma Prettl von 2007 bis 2010 in Kaesong investiert hatte, bevor sich die Pläne dort zerschlugen. Oder er hätte dort gelesen, dass die IT-Firma Nosotek seit 2008 in Nordkorea Software programmieren lässt und dass diese Firma im Gegensatz zu Ertls Plänen so richtig in Nordkorea sitzt und nicht in dem Mischgebiet Kaesong. Aber naja, ich hatte mir ja vorgenommen nicht zu kritisch zu sein und der Autor hat natürlich recht: „Erster Deutscher will in Nordkorea investieren“ ist eine wesentlich griffigere Schlagzeile als „Zirka vierter Deutscher will in Nordkorea investieren“, sowas interessiert ja dann echt keinen. Aber der Erste. Prima. Aber zurück zum Thema: Ist das jetzt eine gute Idee in Nordkorea bzw. in Kaesong zu investieren?

Würde ich in Kaesong investieren?

Hm, garnicht so einfach, weil ich natürlich nicht weiß, was in den nächsten fünf Jahren passiert:
Wenn sich Nordkoreas Außenpolitik in Zukunft friedlich und berechenbar darstellt, es keine Kriegsdrohungen mehr gibt und keine Schließungen der Sonderwirtschaftszone Kaesong und wenn man alle exportrechtlichen Fragen geklärt hat, dann ist es bestimmt keine total schlechte Idee in Kaesong zu investieren, obwohl es natürlich zumindest aktuell noch einige Hemmnisse gibt, die auch im WELT-Artikel beschrieben sind. Wenn sich das alles so wie beschrieben entwickelt, ist die Investition vermutlich vergleichbar mit einem Einstieg in einem anderen Niedriglohnland, mit gut ausgebildeten und disziplinierten Arbeitskräften.
Wenn sich aber das außenpolitische Verhalten Nordkoreas eher in aggressiven und unberechenbaren Bahnen verharrt, einschließlich Drohungen von oder tatsächlichen Schließungen der Sonderwirtschaftszone, dann  dürfte es schwierig werden, die Investitionssumme wieder reinzuholen. Zumindest wird sich Herr Ertl in diesem Fall nie sicher sein können, dass sich sein Investment je rentiert.
Da das Verhalten Pjöngjangs in den letzten fünf Jahren und auch nach dem Machtwechsel von Kim Jong Il auf Kim Jong Un sich nie dadurch ausgezeichnet hat, dass es besonders friedlich oder berechenbar gewesen wäre, würde ich eher vorsichtig sein mit positiven Prognosen für die nächsten Jahre. Gerade die Tatsache, dass Nordkorea im vergangenen Jahr erstmals so weit ging, Kaesong stillzulegen zeigt, dass die gesamte Anlage nicht so wichtig zu sein scheint, dass man sie nicht als Verhandlungsmasse nutzen würde. Ich würde nicht wetten, dass Pjöngjang in Zukunft davor zurückschrecken wird, den Komplex nochmal oder vielleicht auch komplett stillzulegen. Das Ferienressort im Kumgangsan, das seit Jahren im Dornröschenschlaf liegt, sollte hier als Mahnung dienen.

Andere Orte in Nordkorea bieten bessere Investitionschancen…

Kurz, wenn ich eine Million oder so über hätte, würde ich sie nicht in Kaesong investieren. Das soll aber kein Ratschlag sein, denn ich würde mich auch als besonders risikoavers einschätzen und natürlich hat Herr Ertl recht: Wenn man sich als erster in einem neuen Markt oder Standort etablieren kann, dann hat man bessere Chancen, wenn es irgendwann richtig losgeht. Es kann nur sein, dass man dafür einen langen Atem braucht, länger als ihn Gerry Weber und Prettl hatten. Ich würde mir sogar zweimal überlegen, ob ich als Deutscher ausgerechnet nach Kaesong ginge, denn diese Anlage ist meiner Meinung nach mit geringeren Chancen versehen, dafür aber mit höheren Risiken behaftet, als andere Optionen in Nordkorea:
Kaesong ist meiner Meinung nach sowas wie eine exterritoriale südkoreanische Produktionsstätte mit nordkoreanischen Arbeitern. Durch diese Konstellation ist der Zugang zum nordkoreanischen Markt erschwert und nur der Zugang zum südkoreanischen Wirtschaftsraum offen. Das heißt die Marktchancen, wenn sich in Nordkorea was ändert sind erstmal weniger dynamisch, als wäre man direkt im Land investiert. Gleichzeitig unterliegt Kaesong einem besonderen politischen Risiko. Immer wenn es Spannungen zwischen Seoul und Pjöngjang gibt, schwebt das wie ein Damoklesschwert über der Anlage. An anderen Orten in Nordkorea ist das so nicht gegeben.
Gleichzeitig ist Europäern der Weg nach Rason nicht verschlossen, im Gegensatz zu Südkoreanern  (Irgendwie hat mein Hinweis darauf, dass Südkoreanern der Weg nach Rason verschlossen sei, sich als Fehlannahme erwiesen. Danke Werner für die Richtigstellung!) Gleichzeitig stehen Europäern die Türen nach Rason weit offen.  Dort scheinen die Bemühungen des Regimes in Pjöngjang Wirkung zu zeigen und es entfaltet sich zur Zeit eine gewisse wirtschaftliche Dynamik. Gleichzeitig bestehen sowohl Marktchancen in Nordkorea, als auch wegen der geographischen Nähe in China und mit Abstrichen (weil es da nicht so viele Menschen gibt und so) in Russland. Politische Aspekte dürften sich eher nicht auf Rason auswirken, weil dort China und Russland die Nachbarn sind und mit denen ist vorerst nicht mit einem so tiefgreifenden Konflikt zu rechnen, wie er zwischen Nord- und Südkorea besteht.

…aber da würde ich auch nicht investieren…

Das heißt wiederum nicht, dass ich eine Investition in Rason empfehlen würde, aber wenn ich darüber nachdenken würde in Nordkorea zu investieren, dann würde ich mich eher für Rason als für Kaesong interessieren. Natürlich könnte ich auch noch über ein Joint-Venture außerhalb einer Sonderwirtschaftszone nachdenken, aber aktuell muss man dafür mutig sein. Wenn die Anfangsinvestition eher gering ist, wie ich das bei Nosotek einschätzen würde, dann kann man das Risiko vielleicht noch eingehen. Aber wenn man da viel aufbauen muss, dann zeigt der Fall Orascom (die haben scheinbar Schwierigkeiten an ihre Gewinne zu kommen, weil Pjöngjang die nicht transferiert), dass selbst globale Konzerne so ihre Schwierigkeiten mit der Führung in Pjöngjang bekommen können. Zwar bleibt man bei Orascom optimistisch, aber wenn man das viele Geld, das man in Nordkorea verdient hat, irgendwann mal woanders braucht, dann wird es kompliziert.

…weil ich ängstlich bin. Aber: Den Mutigen gehört die Welt

Alles in allem gibt es in Nordkorea zwar große Chancen, aber die wurden schon seit langem kolportiert und nur wenige konnten wirklich Profit daraus schöpfen. Im Endeffekt hängt sehr vieles von der politischen Entwicklung im Lande ab und ich gehe nicht davon aus, dass es kurz- oder mittelfristig zu Entwicklungen kommen wird, die Nordkorea zu einem stabilen und vielversprechenden Markt machen. Vielmehr kann ich mir Entwicklungen vorstellen, die das Land destabilisieren und die Investitionen in Gefahr bringen. Entweder, weil das gegenwärtige System sich als Risiko darstellt oder weil es ins Wanken gerät und durch die entstehende Unordnung Risiken wachsen. Aber wie ich oben schonmal gesagt habe, das hängt von der individuellen Risikobereitschaft ab. Und es heißt ja nicht ohne Grund: Den Mutigen gehört die Welt…

Machiavelli lesen mit Kim Jong Un


Als ich kürzlich von den Gerüchten gehört habe, Kim Jong Un habe nicht nur Jang Song-thaek, sondern auch seine Familie hinrichten lassen, sind mir zwei Dinge durch den Kopf gegangen. Einerseits war ich mir nicht sicher, ob diese Gerüchte glaubwürdig sind, andererseits dachte ich zum wiederholten Male an Niccolò Machiavellis kontroverses Werk „Der Fürst“.
Dabei hatte ich eine ganz bestimmte Passage im Kopf und weil ich es eh nicht schlecht fand, da nochmal reinzulesen, habe ich eben beschlossen, die wenig kreative Übung auf mich zu nehmen und den Sturz Jang Song-thaeks durch die Machiavelli-Brille zu betrachten. Klingt erstmal nicht überspannend, ist aber eigentlich dann wieder so ergiebig, dass man sich fragen könnte, ob Kim Jong Un das Buch vielleicht doch unter seinem Kopfkissen liegen hat.

Notwendige Grausamkeiten auf einen Schlag. Macht das Kim Jong Un?

Allerdings startete mein Ausritt in die politische Philosophie erstmal mit einer Enttäuschung, denn die Passage an die ich gedacht hatte, wollte einfach nicht so richtig passen. Ich hatte irgendwas im Hinterkopf vonwegen „nötige Grausamkeiten in vollem Ausmaß auf einen Schlag begehen“. Und von diesem Anfangsgedanken war ich zu Jang Song-thaeks Hinrichtung und dem Schicksal seiner Familie gekommen. So wie sich uns diese ganze Säuberung dargestellt hat, wurden Jang und sein Netzwerk sowie vielleicht seine Familie innerhalb eines Monats von den Machtpositionen des Regimes entfernt und zumindest teilweise hingerichtet. Allerdings ist die entsprechende Passage bei Machiavelli ein bisschen differenzierter. Da steht nämlich der Absatz:

Woraus sich ergibt, dass der, welcher einen Staat an sich reißen will, alle notwendigen Gewalttaten vorher bedenken und sie auf einen Schlag ausführen soll, um nicht jeden Tag wieder anfangen zu müssen. Ist alles auf einmal abgetan, so beruhigen sich die Menschen, und er kann sie durch Wohltaten gewinnen. Wer aus Furcht oder aus Mangel an Einsicht anders handelt, muss das Schwert ständig in der Hand halten und kann sich nie auf seine Untertanen verlassen, da diese ihm wegen der fortgesetzten Misshandlungen nicht trauen können. Darum müssen alle Gewalttaten auf einmal geschehen, da sie dann weniger empfunden und eher vergessen werden. Die Wohltaten aber müssen nach und nach erwiesen werden, damit sie sich besser einprägen. (N. Machiavelli: Der Fürst, S. 53f)

Naja, einerseits stimmt die Sache mit „auf einen Schlag“ schon, wenn man nur auf Jang guckt. Aber wenn man sozusagen das gesamte Führungssystem in den Fokus nimmt, dann läuft ja eher das ab, was Machiavelli hier als Negativbeispiel nennt. Die notwendigen Gewalttaten werden über Jahre gestreckt und Kim Jong Uns Untergebene können ihm nicht wirklich trauen. Daher dürfte er laut Machiavelli sein Schwert nie weglegen. Man könnte natürlich argumentieren, dass die von Kim Jong Un empfundenen Grausamkeiten schlicht so umfangreich waren, dass er sie nicht hätte umsetzen können, wenn er auf einen Schlag hätte vorgehen wollen, denn wer soll denn gleichzeitig alle Chefs von Militär und Sicherheitsdiensten und ein umfassendes quer durchs Regime verlaufendes Netzwerk aushebeln, wenn man ja gerade mit dieser Aktion die Werkzeuge für ein solches Aushebeln (Militär und Sicherheitsdienste eben) außer Gefecht setzt. Ein bisschen retten könnte man die Passage dann dadurch, dass man davon ausgeht, dass Kim Jong Un das Regime wegen der umfangreichen notwendigen Grausamkeiten in funktionale Einheiten unterteilt hat. Auf der einen Seite der Militär- und Sicherheitsapparat, der sich wiederum in kleinteiliger Einheiten aufsplitterte und im Rahmen mehrerer einzelner Aktionen mit Grausamkeiten überzogen wurde und auf der anderen Seite Jang Song-thaek und sein Netzwerk, das mit Hilfe des runderneuerten Sicherheitsapparates auf einen Schlag ausgeschaltet wurde. Aber ein bisschen bemüht ist das alles schon und daher fand ich es spannend, dass es in einer anderen Passage Inhalte gab, die viel besser auf den Fall Jang passten.

Das „richtige“ Maß an Grausamkeit

Ein Fürst darf daher die Nachrede der Grausamkeit nicht scheuen, um seine Untertanen in Treue und Einigkeit zu erhalten; denn mit einigen Strafgerichten, die du verhängst bist du menschlicher, als wenn du durch übertriebene Nachsicht Unordnung einreißen lässt, die zu Raub und Mord führen. Diese treffen das ganze Gemeinwesen, wogegen die Strafgerichte, die der Fürst verhängt, nur dem einzelnen schaden. Unter allen Fürsten kann der Neue den Ruf der Grausamkeit am wenigsten meiden, weil neue Herrschaften voller Gefahren sind. […] Keineswegs darf er zu leichtgläubig oder zu mitleidig sein, aber auch nicht zu ängstlich, sondern mit Klugheit und Menschlichkeit maßvoll verfahren, damit ihn weder zu großes Vertrauen unvorsichtig, noch zu großes Misstrauen unerträglich mache. (N. Machiavelli: Der Fürst, S. 83f)

Das finde ich schon wesentlich passender. Der neue Fürst, der Ordnung halten will, indem er Strafgericht gegen einzelne hält. Dabei könnte man noch hinzufügen, dass Machiavelli auch gleich ein Argument gegen die von unseren Medien häufiger mal gerne kolportierten perversen Grausamkeiten mitliefert. Jedenfalls kann ich mir kaum vorstellen, wie Kim Jong Un sich nicht unerträglich gemacht haben könnte, wenn er all die abartigen Hinrichtungsmodi, Gründe und Ziele genutzt hätte, die ihm hierzulande schon unterstellt wurden. Überbordende Grausamkeit ist selten geeignet Herrschaft zu festigen. Kann sein, dass Kim Jong Un das nicht mitgekriegt hat, aber meine Vermutung ist eher, dass er das recht genau weiß und beherzigt und dass wir nur öfter mal sowas hören, weil unsere Medien an dieser zynischen rationalen Grausamkeit seiner Herrschaft zu wenig Spektakel finden kann. Dieses Argument stärkt Machiavelli ein paar Zeilen später auch nochmal, wenn er schreibt:

Nichtsdestoweniger muss der Fürst sich derart gefürchtet machen, dass er, wenn er auch keine Liebe erwirbt, doch auch nicht verhasst wird; denn gefürchtet und nicht gehasst zu werden, ist wohl vereinbar. Das kann er erreichen, indem er Hab und Gut seiner Bürger und ihre Frauen unangetastet lässt. Und wenn es nötig ist, einem das Leben zu nehmen, so geschehe es nur, wenn die gerechte Ursache offenbar ist. (N. Machiavelli: Der Fürst, S. 84f)

Das fand ich gleich in doppelter Hinsicht interessant. Einerseits gab man sich vor der Hinrichtung Jangs ja alle Mühe, seine Schuld offenbar und objektiv darzulegen, also die Grausmakeit so zu begehen, dass sie zum gefürchtet sein, nicht aber zum verhasst werden führt. Auch den Hinweis auf das Hab und Gut der Bürger finde ich sehr spannend. Denn klar, das wurde zumindest bei der Währungsreform Ende 2009 nicht geachtet. Die Lösung stellte die Hinrichtung Jangs dar, denn nicht zuletzt wurde ihm ja unterstellt, für diese chaotisch abgelaufene Aktion verantwortlich zu sein. Das zeigt auf der einen Seite, dass der aktuelle Fürst das Eigentum der Bürger achtet und auf der anderen Seite wird klar, dass die Hinrichtung Jangs, der das Eigentum missachtete, gerecht war.
Ziemlich passend fand ich auch das Beispiel des Cesare Borgia, das hier angeführt wird. Unter anderem berichtet Macciaveli dort, dass Borgia einen Statthalter eingesetzt habe, der mit Erfahrung und Grausamkeit für Ruhe in einem unrihigen Gebiet sorgte. Nachdem der Statthalter aufgrund seiner Grausamkeit verhasst wurde, ließ ihn Borgia öffentlichkeitswirksam hinrichten und demonstrierte so zum einen, dass der Statthalter und nicht er für die Grausamkeiten verantwortlich war und dass er selbst das Wohl der Bürger im Auge hätte.

Wie sich die Zeiten doch ähneln

Natürlich hat Machiavelli in seinem Fürsten noch viel mehr stehen und ich habe mir nur das rausgegriffen, was mir gerade prima gepasst hat und natürlich passt nicht alles so gut auf Nordkorea. Aber das wäre auch ein Wunder, schließlich hat sich Machiavelli nicht weniger zum Ziel gesetzt, als eine Allzweckanleitung für Fürsten in allen erdenklichen Lebenslagen zu verfassen. Naja und der nordkoreanische kleine Fürst ist ja nun nur in einer bestimmten Lebenslage. Und so komplett hat Machiavelli das auch nicht vorhersehen können, was heute im Norden der koreanischen Halbinsel existiert. Aber manches von dem, das Machiavelli da zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Toskana als Bewerbungsschreiben verfasst hat, passt erstaunlich gut auf die heutige Zeit und eröffnet unangenehme Perspektiven darauf, wie wenig sich bei aller „Zivilisiertheit“ und „Modernität“ unserer heutigen Zeit im Endeffekt an den grundlegenden Mechanismen der Macht geändert hat.

Hat Kim Jong Un den Fürsten gelesen? Egal!

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob Kim Jong Un jetzt seinen Machiavelli auf dem Nachttisch liegen hat oder nicht? Ganz ehrlich: Ich glaube Machiavellis Werk ist nicht unbedingt deshalb so berühmt, weil er so unglaublich kreative und kaum nachzuvollziehende Gedankengänge zu Papier gebracht hat, sondern weil er das unverblümt aufgeschrieben hat, was man damals wie heute eigentlich als moralisches Wesen nicht aussprechen durfte. Ohne Frage hat er hervorragend beobachtet und zugrundliegende Prozesse herausgestellt, aber ich würde nicht darauf wetten, dass ein junger und in seinem Metier talentierter Nachwuchsdiktator das nicht intuitiv hinkriegen würde.
Aber gleichzeitig hat sich Kim Jong Un vermutlich seit einiger Zeit auf seine Zukunft vorbereitet und abwegig finde ich es da nicht, dass er dabei auch mal in den Fürsten reingelesen haben könnte. Auf jeden Fall beruhen seine Herrschafts- und Machtprozesse meiner Meinung nach in weiten Teilen auf ähnlich kühlem Kalkül, wie es Machiavelli in seinem Buch den Fürsten empfiehlt. Und wenn das so ist, ist es im Endeffekt auch egal, ob er es jetzt gelesen hat oder nicht, die Denkstrukturen gleichen sich und deshalb ist die Machiavelli-Brille mitunter ein geeignetes Werkzeug um Kim Jong Uns Herrschaft zu analysieren.

Spannendes sky-Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter in London — oder: Warum ich nicht gerne nordkoreanischer Botschafter wäre…


Dass sich Vertreter des nordkoreanischen Regimes vor westlichen Medien äußern ist ja relativ selten. Fast nie kommen Gespräche zwischen Politikern die in Pjöngjang arbeiten und Medienvertretern zustande, aber ebenfalls nur sehr spärlich sind Auftritte der nordkoreanischen Diplomaten vor westlichen Medien. Und wenn das mal stattfindet ist es meist Bestandteil einer konzertierten Aktion, mit dem das diplomatische Corps Nordkoreas irgendwelchen als wichtig empfundenen Mitteilungen aus Pjöngjang eine höhere Publicity verschaffen will. Im Ergebnis gibt es dann normalerweise ein ellenlanges Verlesen einer Verlautbarung, bestenfalls gefolgt von einigen wenigen erlaubten Fragen, auf die es standardisierte Antworten gibt.
Deswegen war ich relativ überrascht und relativ angetan, als ich gesehen habe, dass der Fernsehsender sky ein Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter in London, Hyon Hak-bong (Ein ganz interessanter Typ. Bevor er 2012 Botschafter in London wurde, hat er im nordkoreanischen Außenministerium schon ein paar interessante Jobs gehabt. Zumindest zwischen 2004 und 2008 spielte er in den Verhandlungen um die Denuklearisierung Nordkoreas eine wichtige Rolle) geführt und das auch noch ungekürzt ins Netz gestellt hat.

Der langweilige Teil: Der Vorschlag der NDC

Das Interview hat so seine Längen, aber es gibt auch spannende Phasen. Relativ langweilig ist die erste viertel Stunde. Da wird der Botschafter vor allem zum aktuell bedeutendsten Thema befragt, nämlich dem „Vorschlag“ der nationalen Verteidigungskommission Nordkoreas an den Süden, einen friedlicheren Weg ohne gegenseitige Verleumdungen und Beleidigungen einzuschlagen, den sie in einem „offenen Brief“ an die südkoreanische Regierung formuliert hat. Das Wort „Vorschlag“ steht in Anführungszeichen, weil man es auch „Forderung“ nennen könnte. „Forderung“ keine Militärmanöver durchzuführen. Und neben dem Angebot „wenn ihr das macht“ schwingt im Subtext sehr deutlich das „ansonsten“ mit. Naja, eine Spielart der üblichen nordkoreanischen Diplomatie und daher nicht unbedingt spannend. Vor allem weil der Botschafter in diesem so wichtigen Thema keinen Millimeter vom vorgegebenen Sprechzettel abweichen kann und darf.
Das tut er auch nicht und deswegen hören wir wie so oft:

  • dass die USA eine Vereinigung blockieren, dass sie den Norden bedrohen
  • dass der Norden deswegen nukleare Abschreckung braucht
  • dass die Ergebnisse der Sechs-Parteien-Gespräche wegen der Nichterfüllung der Versprechungen durch die USA nicht weiter umgesetzt werden.
  • Natürlich hören wir auch, dass die USA und Nordkorea ihre Beziehungen durchaus normalisieren können, aber erst, wenn die USA Nordkorea nicht mehr bedrohen. Wie das gehen soll weiß ich aber nicht, denn die Interkontinentalraketen rüstet ja noch nichtmal ein Friedensnobelpreisträger ab.

Das alles finde ich nicht interessant, weil man es so oft schon gehört hat. Der Reporter gab sich alle Mühe Herrn Hyon nähere Details zum mitschwingenden „ansonsten“ zu entlocken, aber weil das Thema so hoch hängt umschiffte der Botschafter diese Klippe so oft sie ihm im Wege stand.

Jang Song-thaek: Hunde? — Abwegig

Spannender wurde es dann schon bei den Themen, die nicht ganz so hoch hängen, bzw. nicht ganz so aktuell sind. Für die Jang Song-thaek-Hundestory hatte der Botschafter nur ein sehr ehrlich klingendes Lachen mit anschließendem Hinweis auf westliche Medienpropaganda übrig. Die Frage nach dem Schicksal von Jangs Familie (min 19:30) versuchte er ebenfalls zu umgehen: „Diese Frage verdient keine Antwort“ um dann aber überraschenderweise doch ein bisschen nachdenklich zu sagen, er wisse nicht, was mit der Familie sei. Außerdem interessant, wie er das Vorgehen gegen Jang begründete: „Er hat die rote Linie überschritten“.

Arbeitslager? Nein! – Umerziehungsorte…

Inhaltlich spannend ist auch der Teil des Interviews, in dem über Arbeitslager gesprochen wird. Hier zeigt sich der Zynismus des Regimes und ich hatte in diesem Teil des Gesprächs das Gefühl, ein Grinsen auf dem Gesicht des Botschafters zu erkennen, das ihn als wissenden Lügner erscheinen lässt, der weiß, dass auch die andere Seite die Wahrheit kennt. Auf die Frage zu den Arbeitslagern (24:30) sagt er: „Wer ein Verbrechen gegen die Regierung begeht, muss bestraft werden. Aber wir haben keine „Arbeitslager“. Wir haben Umerziehungslager, verstanden? — Äh, keine Lager — Umerziehungsorte… Die USA und Südkorea und Japan sagen, wir hätten Arbeitslager, aber das stimmt nicht.“ Auf die Frage, warum dann keine Journalisten auf eigene Faust nach den Lagern suchen dürften, versteigt er sich zuerst zu der Erklärung, man könne doch keine Journalisten an einen Ort bringen, der garnicht existiere. Vor allem sei es aber nicht der Job von Journalisten, zu beweisen, dass es diese Lager gebe. Journalisten sollten das gegenseitige Verständnis verbessern und hier und da berichten, was es da so gebe, aber politisch tätig zu werden sei für Journalisten unmoralisch. Bei dieser Aussage habe ich das Gefühl, dass der Botschafter das wirklich glaubt. Es ist nicht nur so eine Art Ausrede, sondern er glaubt, Journalisten die sich in die Politik einmischen haben ihren Job nicht verstanden. Das ist natürlich ein Problem im Umgang des Regimes mit Journalisten, denn das Verständnis von dem was beide Seiten tun sollten und was nicht ist sehr gegensätzlich.

Kenneth Bae? Kommt frei – Wenn er seine Strafe verbüßt hat…

Interessant war auch das Gespräch zu Kenneth Bae (29:10). Da hatte der Botschafter nämlich nicht viel zu sagen, außer dass Bae natürlich freikäme… Wenn er seine Strafe von 15 Jahren harter Arbeit abgesessen hätte. Auf die Frage, was denn die Strafe „harte Arbeit“ genau bedeute erklärte der Botschafter, es sei nicht wirklich harte Arbeit, er bekäme sogar medizinische Versorgung, wenn er die brauche. Naja, interessant wäre hier zu wissen gewesen, was er sich denn unter „echter harter Arbeit“ vorstellt. Vielleicht das, was die Leute machen, die in den nicht vorhandenen Arbeitslagern sitzen? Aber der Journalist war auch nicht schlecht: Er fragte, ob Bae seine 15 Jahre hart Arbeit denn in einem Arbeitslager verbringe… Da hatte er wohl nicht aufgepasst und deshalb bekam er nochmal erklärt, es gebe keine Arbeitslager in Nordkorea. Insgesamt war der Arme aber hier ein Stück weit am Schwimmen: So erklärte er zum „Level der Härte der Arbeit“ es sei eben „harte“ Arbeit, nicht „normale“ Arbeit.

Ein Job den ich nicht gerne hätte: Nordkoreanischer Botschafter

Insgesamt ist dieses Interview ein recht spannendes Dokument, denn es zeigt deutlich, was es für ein schwerer Job ist, nordkoreanischer Botschafter zu sein und warum nordkoreanische Botschafter so ungern Interviews geben: Sobald sie sich aus ihren vorgefertigten Textelementen und Versatzstücken lösen und selbst Antworten geben müssen, also nicht mehr auf dem sicheren Boden des von oben vorgegebenen bewegen, wird das Eis sehr dünn, auf dem sie agieren. Gleichzeitig werden sie natürlich nach vielem gefragt, das kritisch ist und natürlich wissen sie es bei manchen Antworten besser, als sie das kommunizieren. Und wie schnell hat man dann die Existenz von Lagern eingestanden, obwohl es doch garkeine geben darf.

Warum das Interview, warum jetzt?

Spannend wäre es jetzt noch zu wissen, wie es zu dem Interview kam. Generell stehen solche Gelegenheiten eigentlich immer in Verbindung mit irgendwelchen PR-Kampagnen für wichtige Äußerungen der Führung in Pjöngjang. Vermutlich ist der PR-Anlass hier der Vorschlag aus Pjöngjang, nicht mehr zu verleumden oder zu bedrohen. Immerhin ging die erste viertel Stunde des Gesprächs darum. Ich bin aber gespannt, ob noch andere nordkoreanische Botschafter dazu Pressekonferenzen oder Interviews machen, oder ob Herr Hyon das alleine gemacht hat. Das würde ziemlich spannende Erkenntnisse über die Kommandostruktur des Außenministeriums zulassen. Es würde nämlich bedeuten, dass zu manchen Anlässen konzertierte PR-Offensiven stattfinden, zu denen die Botschafter in die Medien müssen, dass es aber generell die Möglichkeit gibt das auch aus eigenem Antrieb zu tun. Das kommt dann vermutlich nur so selten vor, weil es mit den oben beschriebenen Fallstricken verbunden ist.