Spannendes sky-Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter in London — oder: Warum ich nicht gerne nordkoreanischer Botschafter wäre…


Dass sich Vertreter des nordkoreanischen Regimes vor westlichen Medien äußern ist ja relativ selten. Fast nie kommen Gespräche zwischen Politikern die in Pjöngjang arbeiten und Medienvertretern zustande, aber ebenfalls nur sehr spärlich sind Auftritte der nordkoreanischen Diplomaten vor westlichen Medien. Und wenn das mal stattfindet ist es meist Bestandteil einer konzertierten Aktion, mit dem das diplomatische Corps Nordkoreas irgendwelchen als wichtig empfundenen Mitteilungen aus Pjöngjang eine höhere Publicity verschaffen will. Im Ergebnis gibt es dann normalerweise ein ellenlanges Verlesen einer Verlautbarung, bestenfalls gefolgt von einigen wenigen erlaubten Fragen, auf die es standardisierte Antworten gibt.
Deswegen war ich relativ überrascht und relativ angetan, als ich gesehen habe, dass der Fernsehsender sky ein Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter in London, Hyon Hak-bong (Ein ganz interessanter Typ. Bevor er 2012 Botschafter in London wurde, hat er im nordkoreanischen Außenministerium schon ein paar interessante Jobs gehabt. Zumindest zwischen 2004 und 2008 spielte er in den Verhandlungen um die Denuklearisierung Nordkoreas eine wichtige Rolle) geführt und das auch noch ungekürzt ins Netz gestellt hat.

Der langweilige Teil: Der Vorschlag der NDC

Das Interview hat so seine Längen, aber es gibt auch spannende Phasen. Relativ langweilig ist die erste viertel Stunde. Da wird der Botschafter vor allem zum aktuell bedeutendsten Thema befragt, nämlich dem „Vorschlag“ der nationalen Verteidigungskommission Nordkoreas an den Süden, einen friedlicheren Weg ohne gegenseitige Verleumdungen und Beleidigungen einzuschlagen, den sie in einem „offenen Brief“ an die südkoreanische Regierung formuliert hat. Das Wort „Vorschlag“ steht in Anführungszeichen, weil man es auch „Forderung“ nennen könnte. „Forderung“ keine Militärmanöver durchzuführen. Und neben dem Angebot „wenn ihr das macht“ schwingt im Subtext sehr deutlich das „ansonsten“ mit. Naja, eine Spielart der üblichen nordkoreanischen Diplomatie und daher nicht unbedingt spannend. Vor allem weil der Botschafter in diesem so wichtigen Thema keinen Millimeter vom vorgegebenen Sprechzettel abweichen kann und darf.
Das tut er auch nicht und deswegen hören wir wie so oft:

  • dass die USA eine Vereinigung blockieren, dass sie den Norden bedrohen
  • dass der Norden deswegen nukleare Abschreckung braucht
  • dass die Ergebnisse der Sechs-Parteien-Gespräche wegen der Nichterfüllung der Versprechungen durch die USA nicht weiter umgesetzt werden.
  • Natürlich hören wir auch, dass die USA und Nordkorea ihre Beziehungen durchaus normalisieren können, aber erst, wenn die USA Nordkorea nicht mehr bedrohen. Wie das gehen soll weiß ich aber nicht, denn die Interkontinentalraketen rüstet ja noch nichtmal ein Friedensnobelpreisträger ab.

Das alles finde ich nicht interessant, weil man es so oft schon gehört hat. Der Reporter gab sich alle Mühe Herrn Hyon nähere Details zum mitschwingenden „ansonsten“ zu entlocken, aber weil das Thema so hoch hängt umschiffte der Botschafter diese Klippe so oft sie ihm im Wege stand.

Jang Song-thaek: Hunde? — Abwegig

Spannender wurde es dann schon bei den Themen, die nicht ganz so hoch hängen, bzw. nicht ganz so aktuell sind. Für die Jang Song-thaek-Hundestory hatte der Botschafter nur ein sehr ehrlich klingendes Lachen mit anschließendem Hinweis auf westliche Medienpropaganda übrig. Die Frage nach dem Schicksal von Jangs Familie (min 19:30) versuchte er ebenfalls zu umgehen: „Diese Frage verdient keine Antwort“ um dann aber überraschenderweise doch ein bisschen nachdenklich zu sagen, er wisse nicht, was mit der Familie sei. Außerdem interessant, wie er das Vorgehen gegen Jang begründete: „Er hat die rote Linie überschritten“.

Arbeitslager? Nein! – Umerziehungsorte…

Inhaltlich spannend ist auch der Teil des Interviews, in dem über Arbeitslager gesprochen wird. Hier zeigt sich der Zynismus des Regimes und ich hatte in diesem Teil des Gesprächs das Gefühl, ein Grinsen auf dem Gesicht des Botschafters zu erkennen, das ihn als wissenden Lügner erscheinen lässt, der weiß, dass auch die andere Seite die Wahrheit kennt. Auf die Frage zu den Arbeitslagern (24:30) sagt er: „Wer ein Verbrechen gegen die Regierung begeht, muss bestraft werden. Aber wir haben keine „Arbeitslager“. Wir haben Umerziehungslager, verstanden? — Äh, keine Lager — Umerziehungsorte… Die USA und Südkorea und Japan sagen, wir hätten Arbeitslager, aber das stimmt nicht.“ Auf die Frage, warum dann keine Journalisten auf eigene Faust nach den Lagern suchen dürften, versteigt er sich zuerst zu der Erklärung, man könne doch keine Journalisten an einen Ort bringen, der garnicht existiere. Vor allem sei es aber nicht der Job von Journalisten, zu beweisen, dass es diese Lager gebe. Journalisten sollten das gegenseitige Verständnis verbessern und hier und da berichten, was es da so gebe, aber politisch tätig zu werden sei für Journalisten unmoralisch. Bei dieser Aussage habe ich das Gefühl, dass der Botschafter das wirklich glaubt. Es ist nicht nur so eine Art Ausrede, sondern er glaubt, Journalisten die sich in die Politik einmischen haben ihren Job nicht verstanden. Das ist natürlich ein Problem im Umgang des Regimes mit Journalisten, denn das Verständnis von dem was beide Seiten tun sollten und was nicht ist sehr gegensätzlich.

Kenneth Bae? Kommt frei – Wenn er seine Strafe verbüßt hat…

Interessant war auch das Gespräch zu Kenneth Bae (29:10). Da hatte der Botschafter nämlich nicht viel zu sagen, außer dass Bae natürlich freikäme… Wenn er seine Strafe von 15 Jahren harter Arbeit abgesessen hätte. Auf die Frage, was denn die Strafe „harte Arbeit“ genau bedeute erklärte der Botschafter, es sei nicht wirklich harte Arbeit, er bekäme sogar medizinische Versorgung, wenn er die brauche. Naja, interessant wäre hier zu wissen gewesen, was er sich denn unter „echter harter Arbeit“ vorstellt. Vielleicht das, was die Leute machen, die in den nicht vorhandenen Arbeitslagern sitzen? Aber der Journalist war auch nicht schlecht: Er fragte, ob Bae seine 15 Jahre hart Arbeit denn in einem Arbeitslager verbringe… Da hatte er wohl nicht aufgepasst und deshalb bekam er nochmal erklärt, es gebe keine Arbeitslager in Nordkorea. Insgesamt war der Arme aber hier ein Stück weit am Schwimmen: So erklärte er zum „Level der Härte der Arbeit“ es sei eben „harte“ Arbeit, nicht „normale“ Arbeit.

Ein Job den ich nicht gerne hätte: Nordkoreanischer Botschafter

Insgesamt ist dieses Interview ein recht spannendes Dokument, denn es zeigt deutlich, was es für ein schwerer Job ist, nordkoreanischer Botschafter zu sein und warum nordkoreanische Botschafter so ungern Interviews geben: Sobald sie sich aus ihren vorgefertigten Textelementen und Versatzstücken lösen und selbst Antworten geben müssen, also nicht mehr auf dem sicheren Boden des von oben vorgegebenen bewegen, wird das Eis sehr dünn, auf dem sie agieren. Gleichzeitig werden sie natürlich nach vielem gefragt, das kritisch ist und natürlich wissen sie es bei manchen Antworten besser, als sie das kommunizieren. Und wie schnell hat man dann die Existenz von Lagern eingestanden, obwohl es doch garkeine geben darf.

Warum das Interview, warum jetzt?

Spannend wäre es jetzt noch zu wissen, wie es zu dem Interview kam. Generell stehen solche Gelegenheiten eigentlich immer in Verbindung mit irgendwelchen PR-Kampagnen für wichtige Äußerungen der Führung in Pjöngjang. Vermutlich ist der PR-Anlass hier der Vorschlag aus Pjöngjang, nicht mehr zu verleumden oder zu bedrohen. Immerhin ging die erste viertel Stunde des Gesprächs darum. Ich bin aber gespannt, ob noch andere nordkoreanische Botschafter dazu Pressekonferenzen oder Interviews machen, oder ob Herr Hyon das alleine gemacht hat. Das würde ziemlich spannende Erkenntnisse über die Kommandostruktur des Außenministeriums zulassen. Es würde nämlich bedeuten, dass zu manchen Anlässen konzertierte PR-Offensiven stattfinden, zu denen die Botschafter in die Medien müssen, dass es aber generell die Möglichkeit gibt das auch aus eigenem Antrieb zu tun. Das kommt dann vermutlich nur so selten vor, weil es mit den oben beschriebenen Fallstricken verbunden ist.

Veranstaltungshinweis: „Ein Volk hinter Gittern – Das Elend in den Arbeitslagern Nordkoreas“ am 23.06. in Berlin


Heute möchte ich euch mal wieder auf eine sehr interessante Veranstaltung aufmerksam machen, die nächste Woche in Berlin stattfindet und unter dem Titel „Ein Volk hinter Gittern – Das Elend in den Arbeitslagern Nordkoreas“ steht. Am 23. Juni ab 18:30 wird in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Genslerstr. 66, 13055 Berlin), ein Zeitzeugengespräch und Diskussionsrunde zu den Arbeitslagern in Nordkorea stattfinden. Anlass ist die Eröffnung einer Ausstellung mit Exponaten aus den Lagern und Zeichnungen geflüchteter Häftlinge. Die Diskussionsrunde ist mit sehr interessanten Leuten besetzt: Neben dem südkoreanischen Journalisten Ha Tae-Keung, dürfte vor allem die Teilnahme von Kim Hye-Sook, die in einem nordkoreanischen Lager einsaß und insgesamt 28 Jahre politischer Gefangenschaft hinter sich hat, tiefe Einblicke gewähren. Ebenfalls spannend finde ich, dass mit Jörn Rohde, dem Leiter des Ostasienreferats im Auswärtigen Amt, auch ein Praktiker deutscher Außenpolitik dabei sein wird (ihm würde ich wirklich gerne die eine oder andere Frage stellen). Im Rahmenprogramm wird außerdem noch der Kurzfilm „Kim Jong-il – Nur sein eigenes Paradies“ (12 min) gezeigt und einleitend werden Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte und Roland Brauckmann, Korea Koordinator von Amnesty International (dem ich auch gerne ein paar Fragen stellen würde, auch wenn er nicht an der Diskussionsrunde teilnimmt) sprechen.

Wenn ich in Berlin oder der näheren Umgebung wohnen würde, wüsste ich jedenfalls, was ich am nächsten Donnerstagabend machen würde. Mit dieser sehr spannend besetzten Veranstaltung haben die Organisatoren etwas auf die Beine gestellt, das definitiv einen Besuch wert sein wird. Über die Ausstellung kann ich leider nicht viel sagen, da es dazu eigentlich keine Informationen gibt, aber sie wird vermutlich nicht riesig sein, denn die Exponate und Zeichnungen müssen ja aus den Lagern erstmal nach Südkorea gelangen und das wird wahrscheinlich nicht so oft vorkommen. Meine Empfehlung für alle, die in und um Berlin wohnen ist jedenfalls, sich unter Tel. 030 / 986082413 oder per Email a.kockisch@stiftung-hsh.de für die Teilnahme an der Veranstaltung anzumelden.

Nordkorea verhängt harte Strafe gegen US-Amerikaner


Lange nichts mehr gehört von Aijalon Mahli Gomes, dem Amerikaner, der aus bisher noch nicht völlig geklärten Motiven (es wird aber vermutet, dass sie denen Robert Parks ähneln könnten) von China aus nach Nordkorea einreisteging. Jetzt gibt es allerdings Neuigkeiten. Und die hören sich nicht gut an. Yonhap berichtet unter Berufung auf KCNA, dass Gomes zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt worden sei. Weiterhin solle er eine Geldstrafe von 70 Millionen Won zahlen (nach offiziellem Wechselkurs 700.000 Dollar). Das sieht erstmal so aus, als wäre Gomes das „vergönnt“ was Robert Park ursprünglich angestrebt hatte. Aber erinnert man sich zurück an die Causa Ling & Lee, dann fällt einem natürlich ein, dass auch diese Beiden zu einem (mit zwölf Jahren noch etwas längeren) Aufenthalt in einem der berüchtigten nordkoreanischen Lager verurteilt wurden. Jedoch schwebte zur Rettung Medienwirksam Ex-US-Präsident Bill Clinton ein und brachte die Beiden in die Heimat zurück.

Nicht unwahrscheinlich, dass Nordkorea auch in diesem Fall darauf hofft, dass die USA versuchen werden ihren Bürger vor der Haft zu bewahren (unwahrscheinlich finde ich es dagegen, dass Nordkorea Gomes tatsächlich in eins der berüchtigten Gulags sperren wird, die bisher noch kein Westler in Augenschein nehmen konnte). Allerdings ist dieser Fall natürlich etwas anders gelagert, als derjenige Lees und Lings. Immerhin ging Gomes wie Park scheinbar freiwillig in nordkoreanische Gefangenschaft. Würden die USA Gomes einfach so freikaufen wäre das ein fatales Signal. Dass es in den USA eine recht große Zahl von Menschen gibt, die im festen Glauben, das Gott es schon richten wird irgendwelche mehr oder weniger sinnvollen Aktionen starten, ist ja nichts Neues. Für einige dieser Leute könnte es wohl das Zeichen sein die Koffer zu packen und sich nach Nordkorea aufzumachen, würde man Gomes freikaufen. Und dass es für die USA nicht eben angenehm wäre, alle paar Wochen als Bittsteller vor das Regime in Pjöngjang zu treten, um einen eigenen Bürger freizubekommen ist ja klar (Wenn man sich die Geldstrafe anschaut, könnte das für Nordkorea ja sogar noch zu einer neuen Einnahmequelle werden). Daher bin ich mal gespannt, wie die Geschichte um Gomes weitergeht…