The day after – Kein Krieg aber viel Ratlosigkeit auf der Koreanischen Halbinsel


So, the day after und erstmal die gute Nachricht. Nordkorea gibt sich fürs erste wohl mit dem Schock zufrieden, den er nicht nur den meisten Südkoreanern, sondern auch jede Menge anderen Leuten rund um die Welt einschließlich denen, die für den Wertpapierhandel zuständig sind, zugefügt hat. Südkorea scheint darauf zu verzichten, weitere militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, was für viele zwar irgendwie unbefriedigend sein dürfte, aber auch ziemlich beruhigend. Weniger gut sind die Nachrichten darüber, dass sich die Opferzahl erhöht hat. Berichten zufolge sind zwei Soldaten und zwei Zivilisten durch den nordkoreanischen Beschuss gestorben. Ob es auf nordkoreanischer Seite durch die Reaktion Südkoreas auch Opfer gab ist natürlich nicht bekannt. Allerdings dürfen die Stellungen recht schwer zu treffen sein, wenn man überlegt, dass sie auf diesem Foto (nicht) zu sehen sind, aber wohl irgendwo in den Löchern der Felswand stecken.

Was die Anderen so schreiben

Hm und damit möchte ich auch schon zu dem Teil kommen, der jetzt interessant werden dürfte, nämlich den Reaktionen. Anfangen möchte ich dazu mit einer kleinen Blogschau, denn es wird natürlich viel geschrieben zu dem Thema und manches davon erweitert das Ideenspektrum. North Korean Economy Watch hat einige lesenswerte Artikel zusammengestellt und natürlich seine Spezialität, eine Google Earth Karte der Gegend samt Grenzziehung, die einem ein besseres räumliches Gefühl der Gegend verleiht. One Free Korea hat in einem echt lesenswerten Beitrag Szenarien für Reaktionen gegenüber Nordkorea durchgespielt und sieht den Hauptgrund für die jüngste Aggression darin, dass die Abschreckung gegenüber Nordkorea nach der Versenkung der Cheonan und der nicht wirklich vorhandenen Reaktion darauf, quasi inexistent war und man dementsprechend in Pjöngjang vor diesem Schritt nicht zurückschreckte. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, außer vielleicht die Tatsache, dass schon viel länger keine wirkliche Abschreckung gegenüber dem Norden bestanden hat. Der Autor von ROK Drop ist ja bekanntermaßen ein recht harter Hund. Dementsprechend fand er den Angriff des Nordens nicht besonders überraschend und sieht darin auch nicht die Spitze möglicher Aggressionen erreicht. Terroranschläge im Süden wären beispielsweise noch möglich, darin hat der Norden schließlich einige Erfahrung. Er sieht es jetzt als wichtig an, dass Südkorea und die USA in ihrer harten Haltung verharren und auf gar keinen Fall nachgeben (wie könnte es auch anders sein), um nicht wieder Missverhalten zu belohnen. The Marmot’s Hole hat schließlich eine schöne Chronologie der Ereignisse (er scheint gestern vor dem PC verbracht zu haben) wobei ich vor allem eine Landkarte toll finde in der die nordkoreanische Vorstellung vom Grenzverlauf zu sehen ist. Nach dieser Karte gehört die Insel nämlich auch zu Südkorea. Damit kann man sich im Norden auch nicht mit irgendwelchem „aber eigentlich ist das ja unsere Insel Gequatsche“ rausreden. Außerdem beschäftigt sich der Autor mit Lee Myung-baks Reaktion auf den Angriff.

Strategie ohne Mittel

Schon aus diesen Blogbeiträgen kann man herauslesen, in was für einer extrem unkomfortablen Situation sich die USA und Südkorea befinden (teilweise selbstverschuldet). Man hat eine Strategie gegenüber dem Norden gewählt, die in großen Teilen auf Konfrontation setzt, ohne die Mittel zur Konfrontation zu haben. Man wünscht sich eine kalte Konfrontation mit einer Art intakten eisernen Vorhang, hinter dem Kims Regime dann nach und nach und vor allem still zu Grunde geht. Nur muss Nordkorea dazu mitspielen und die Füße still halten. Tut es das nicht, dann muss man in Seoul und Washington feststellen, dass man eigentlich nichts tun kann. Scheinbar hat man in den beiden Ländern die Regeln des Kalten Krieges vergessen. Dumm nur, dass Pjöngjang immernoch nach diesen spielt.

Abschreckung die die Abschrecker abschreckt

Die Grundannahme, die die beiden Supermächte über 40 Jahre davon abhielt den dritten Weltkrieg zu führen, ist die Folgende: „Wenn ich eine bestimmte Grenze überschreite, von der ich aber nicht genau weiß wo sie ist, bricht hier die Hölle los und vermutlich sind wir danach alle tot.“ Also war man sehr vorsichtig und vermied es irgendwelchen Grenzen zu nahe zu kommen. Diese Grundannahme hinsichtlich des Handelns Washingtons und Seouls hat Pjöngjang offensichtlich nicht mehr. Hier scheint man eher mit Recht anzunehmen: „Die Anderen haben Angst vor einer Konfrontation. Sie wollen diese um fast jeden Preis vermeiden. Also bringt uns die alleinige Drohung in eine bessere Verhandlungsposition.“ Die USA und Südkorea müssen sich ein für allemal der Tatsache bewusst werden, dass man keine Strategie der Abschreckung fahren kann, wenn man selbst am meisten Angst vor den Konsequenzen dieser Strategie hat oder zu haben scheint.

Eine fundierte Strategie tut not

In der Folge heißt das: Entweder bei der nächsten Provokation muss es eine Antwort geben, die über die „rules of Engagement“ hinausgeht (in dem Fall: Bei einem begrenzten Angriff begrenzt reagieren, keinesfalls die Eskalationsspirale weiterdrehen), denn die sind für den Norden einfach zu berechnen. Damit würde man tatsächlich einen Krieg riskieren, man hätte aber wieder eine wirksame Abschreckung. Denn Krieg wollen beide nicht. Nur das der Norden bisher einfach wusste, dass es keinen geben würde. Die andere Möglichkeit ist die, dass man die komplette „harte Haltung und Abschreckung“ Strategie fallen lässt. Dies muss man dann tun, wenn man auf garkeinen Fall das Risiko eines Krieges eingehen will. Dann muss man sich zwar Fehler eingestehen und möglicherweise auch Zugeständnisse machen. Aber man wird wenigstens nicht mehr vorgeführt.

Versuche Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen

Was die USA und Südkorea momentan tun, sieht aber eher danach aus, dass man sich wieder eine glaubwürdige Abschreckung zulegen will. Lee Myung-bak ist hierzu einen richtigen und wichtigen Schritt gegangen, als er mit markigen Worten drohte man würde:

respond firmly beyond the rules of engagement

Das allein ist schon viel wert, denn glaubt man es ihm in Pjöngjang, kann man nicht mehr davon ausgehen, dass auf einen Artilleriebeschuss an einer bestimmten Stelle nur eine gleichartige Reaktion an gleicher Stelle gibt. Ein Angriff kann eine stärkere Antwort provozieren. Der zweite Hinweis auf den Versuch der Wiederherstellung der Abschreckung ist ein Seemanöver, dass am Sonntag beginnen soll. Da hab ich meine Zweifel ob es was bringt. Bestenfalls lacht man in Pjöngjang darüber, schlimmstenfalls gibt ein übereifriger nordkoreanischer Kommandant Schießbefehl, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Manöver sind als Beweise für militärische Stärke Quatsch, jedenfalls in diesem Fall. Da sind sie ein Beweis für Ohnmacht. Aber naja, es fällt ihnen eben nichts Besseres ein. Wir dürfen gespannt bleiben ob das so bleibt (man könnte natürlich einfach n paar cruise missiles auf die Geschützstellungen schießen. Aber dazu hat man eben doch nicht den Mut)…

Und Nordkorea? Was und das Communiqué alles sagt

So und jetzt kann ich nicht anders, als mir noch kurz Gedanken zu der nordkoreanischen Seite zu machen. Oder vielmehr zu dem Communiqué des Führungsstabes der Koreanischen Volksarmee, dass den Angriffe erklären  sollte. Daran fallen mir nämlich zwei Dinge auf. Erstens kam die Reaktion sehr schnell. Man stelle sich vor, ein übereifriger Kommandant oder ein böswilliger General gibt Schießbefehl und es kommt zu einem nicht geplanten Vorfall. Da würde ich meinen Hut drauf wetten (wenn ich einen hätte), dass man nicht innerhalb einiger Stunden eine offizielle Reaktion vorlegen kann. Da muss erstmal untersucht werden was passiert ist, dann muss mit der obersten Führung beraten werden wie man reagiert, dann muss der Text geschrieben und von oben abgesegnet werden. Das geht nicht in ein paar Stunden. Daher ist der Reaktion wohl zu entnehmen, dass man genau das was passiert ist schon seit einiger Zeit geplant hat. Es war eine strategische Handlung, deren Ziele (zumindest mir) verborgen bleiben.

Der zweite für mich sehr auffällige Punkt ist der Herausgeber des Statements. Nicht die NDC sondern das supreame command, das Oberkommando der Streitkräfte. Ich habe mal bei KCNA geschaut und von 1997 bis 2009 wird das supreme command eigentlich nie als aktiver Akteur genannt. Es hat nie auf Vorfälle oder sonst irgendwas reagiert. Es wurde von 2001 bis 2009 auch insgesamt recht selten genannt. Hm, für mich ist das auffällig, wenn ein Organ plötzlich Stellung beziehen darf, das sonst immer ruhig sein musste. Für mich sieht das aus, als habe die Armee an Autonomie gewonnen, zumindest gegenüber einigen anderen Organen. Ob sie dadurch gegenüber der obersten Führung, Kim Jong Il ist ja schließlich supreme commander, an Unabhängigkeit gewonnen hat möchte ich bezweifeln. Aber stimmt ja: Wer dürfte im supreme command relativ bald nach Kim Jong Il kommen. Genau: Ri Yong-ho, der auffällig häufige Begleiter von Kim Jong Un. Wenn die NDC in den nächsten Tagen nichts zu dem Zwischenfall sagt, dann glaube ich nicht, dass Kim Jong Un so bald Mitglied dieses Organs wird. Dann nimmt nämlich sein Führungszug ein anderes Gleis.

Randnotiz: KCNA ist nicht gleich KCNA

Ah, noch eine kleine Anmerkung am Rande: Erstaunlicherweise hatte der alte (in Japan gehostete) Auftritt von KCNA gestern zwei Berichte über Besuche der Familie Kim nebst Anhang in einer Soyasaucen Fabrik und einer Medizinschule. Der neue Auftritt hat darüber gestern aber garnichts geschrieben. Das finde ich seltsam. Wenn heute nichts davon zu lesen ist, ist die Frage wohl berechtigt, ob das so ganz die Wahrheit ist (schließlich veröffentlicht die neue Ausgabe immer Fotos zusammen mit den Berichten. Vielleicht gab es keine…)

Feuergefecht? Nordkorea schießt ins Wasser, Südkorea in die Luft…


Im Gelben Meer ist es zu einem Zwischenfall gekommen bei dem nordkoreanische Artillerie bis zu 30 Schüsse in ein Gebiet nahe der nördlichen Grenzlinie (NLL) schoss. Allerdings gingen die Geschosse auf der nordkoreanischen Seite dieser De facto Seegrenze, die 1953 vom UN-Oberkommando gezogen und seitdem von Nordkorea kritisiert wird, nieder. Kurz darauf wurden von einer südkoreanischen Marinebasis mehrere Schüsse in die Luft abgefeuert. Also nichts passiert könnte man sagen, oder wie der Autor des Blogs Marmots Hole es ausdrückt: „Boys will be boys„.

Verschärfte Rhetorik zwischen Nord und Süd

Meiner Meinung nach ist das aber nur die halbe Wahrheit. Nachdem in den vergangenen Tagen die Rhetorik zwischen Süd- und Nordkorea immer schärfer wurde stellt dieser Vorfall eine weitere Steigerung auf der Eskalationsleiter dar. Jetzt fliegen als Träger von Provokationen nicht mehr nur noch Worte, sondern auch Artilleriegeschosse. Festzuhalten ist dabei jedoch auch, dass obwohl die Worte als auch die Geschosse in genau dosierter Form unterwegs sind. Man weiß wie weit man gehen kann und weiter geht man auch nicht.

Die Sechs-Parteien-Gespräche fest im Blick

Das scheinen mir mittlerweile alteingeübte Rituale zu sein. Und wozu dienen die Rituale? Genau, da kommt meiner Meinung nach wieder das große Ganze ins Blickfeld. Die Sechs-Parteien-Gespräche. Man hat aus Pjöngjang in den vergangenen Wochen ein erstaunliches „Wohlverhalten“ gegenüber den USA beobachten können. Man zeigte sich entgegenkommend und gesprächsbereit. Gleichzeitig waren die Beziehungen zu Südkorea geprägt von eher zwiespältigem Verhalten. Einerseits zeigte man sich in konkreten Punkten gesprächsbereit, andererseits verschärfte man auf der obersten politischen Ebene die Rhetorik. Vermutlich will man in Pjöngjang seine Charmeoffensive gegenüber den USA noch ein Zeitchen weiterführen. Da man aber gleichzeitig mit der Blockade der Sechs-Parteien-Gespräche unzufrieden ist und das Thema auf der internationalen Agenda hochhalten will, ärgert man eben Südkorea. Das ganze könnte möglicherweise auch noch den strategischen Vorteil mit sich bringen, dass man in den USA und Südkorea die Bedrohung durch Nordkorea unterschiedlich wahrnimmt. Dies könnte ein Bröckeln der gemeinsamen Front gegen Nordkorea bewirken. Aber am wichtigsten dürfte es für Nordkorea zurzeit sein, eine Situation aufrechtzuerhalten, die von der Weltgemeinschaft als bedrohlich empfunden wird, weil man zum Beispiel Kriegsgefahr wahrnimmt. Dadurch entsteht Druck auf die USA und Südkorea zur Lösung des Problems beizutragen, sich also bezüglich der Sechs-Parteien-Gespräche zu bewegen.

Den Boden für die Gespräche bereiten und vielleciht Konzessionen abgreifen

Das was sich in den letzten Wochen zwischen den USA und Nordkorea und Süd- und Nordkorea abspielte ist meiner Meinung nach vor allem ein Zeichen dafür, dass Nordkorea wieder an den Verhandlungstisch zurückwill. Allerdings wollen sie einerseits den Boden für die Verhandlungen bereiten, damit sie dort nicht auf eine gut abgestimmte und vollkommen einheitliche Front von Gegnern treffen. Außerdem versucht man für die Rückkehr an den Verhandlungstisch irgendwelche Konzessionen zu ergattern und bisher sah es ganz so aus, als würde das nicht gelingen. Wenn man allerdings weiter an der Eskalationsschraube drehen sollte, könnte vielleicht doch etwas dabei herauskommen. Wir werden sehen und bis dahin werden sich die Jungs in Nord und Süd wohl weiter gegenseitig ärgern…