Argumentative Fallstricke: Wie die USA einen möglichen Rückzug von den Nahrungsmittelhilfen für Nordkorea rechtfertigen


Ich habe mich ja in den letzten Wochen gefragt, wie die USA wohl den Rückzug von den Nahrungsmittelhilfen für Nordkorea rechtfertigen werden, wenn Nordkorea den Satelliten startet und damit aus Sicht der USA gegen das Abkommen verstößt, das beide Seiten geschlossen hatten und bei dem auch besagte Hilfen ein zentrales Element waren.

Warum die USA sich rechtfertigen müssen

Die Tatsache, dass die USA überhaupt unter Rechtfertigungsdruck stehen rührt daher, dass die USA nach außen hin den Eindruck aufrechterhalten wollten, dass die Gewährung humanitärer Hilfen für Nordkorea nicht im Zusammenhang mit politischen Fragen stehe. Man versuchte also zu vermitteln, dass man sich bei eventuellen Hilfslieferungen einzig an objektiven Maßstäben wie dem tatsächlichen Bedarf in Nordkorea leiten ließe (den Bedarf hat man mit 240.000 Tonnen taxiert).

Diese Position aufrechtzuerhalten wurde jedoch immer schwieriger, je länger die Untersuchung des Bedarfs dauerte, während beispielsweise die EU innerhalb einiger Wochen eine Notsituation in Nordkorea feststellte und Hilfen gewährte, während der Druck von Hilfsorganisationen und der UN stieg und während die Fragen der Journalisten immer bohrender wurden. Dementsprechend dürfte es für die Vertreter des State Department eine Erleichterung gewesen sein, als sie das Zustandekommen des Deals und damit die Gewährung von Hilfen (natürlich unter rein humanitären Gesichtspunkten) verkünden konnten.

Und dementsprechend war es vermutlich auch ein Schock, als Nordkorea nur kurze Zeit später den Deal brach und die USA eigentlich darauf reagieren mussten, indem sie die Hilfslieferung in Frage stellten. Doch damit stellt man natürlich auch gleichzeitig noch mehr das Bild von der unpolitischen Gewährung humanitärer Hilfen in Frage. Und deshalb stellte ich mir die Frage, wie die USA das wohl zurechtbiegen würden.

Obamas Rechtfertigungslinie: Kompliziert aber nachvollziehbar

Gestern wurde die Rechtfertigungslinie dann sehr deutlich, als Präsident Barack Obama im Vorfeld des Gipfels zur Nuklearsicherheit in Seoul zusammen mit Lee Myung-bak eine Pressekonferenz gab (was dort gesagt wurde ist auch ansonsten recht interessant, denn so oft nehmen beide Präsidenten ja auch nicht Stellung zu ihrer Haltung gegenüber Nordkorea). Dort wurde nämlich eigentlich garnicht nach dem Gipfel gefragt, sondern nur nach Nordkorea (vermutlich wird das Nordkoreathema auch im Verlauf des Gipfels die eigentlichen Fragen, die dort besprochen werden sollen, zumindest teilweise überlagern). Nach den Konsequenzen des Satellitenstarts gefragt, erklärte Barack Obama unter anderem:

 Because part of the challenge for any nutrition aid package, for example, is that you makes sure it actually gets to the people who need it, and it doesn’t go to serve elites in that country or their military. That requires monitors. It’s very difficult to have monitors at a period of tension and friction. And it is difficult to provide aid if you don’t think that it’s going to get to the people who actually need it. So that’s just one example of the kinds of consequence that will take place.

[Ein Teil der Herausforderungen bei jeder Art von Nahrungsmittelhilfen ist es, zum Beispiel sicherzustellen dass sie zu den Menschen gelangen, die sie benötigen und nicht den Eliten oder dem Militär des Landes zugutekommt. Dazu werden Beobachter/Kontrolleure benötigt. Es ist sehr kompliziert, Beobachter in einer Phase der Spannungen und Unstimmigkeiten vor Ort zu haben. Und es ist kompliziert Hilfen zu liefern, wenn man nicht glaubt, dass sie die Menschen erreichen werden, die sie brauchen. Das ist nur ein Beispiel für die Konsequenzen, die eintreten werden.]

Zusammengefasst: Der Raketenstart verursacht Spannungen – Bei Spannungen können keine Beobachter stationiert werden – Ohne Beobachter kann man nicht sicher sein, dass die Hilfen ankommen – Ohne diese Sicherheit kann man keine Hilfen liefern.

Das Konstrukt ist zwar recht kompliziert, aber im Endeffekt habe es scheinbar einige kreative Leute im State Department geschafft eine Linie zu entwerfen, mit deren Hilfe die US-Regierung nachwievor argumentieren kann, dass die Hilfen von US-Seite unabhängig von politischen Erwägungen sei. Eine nicht-Lieferung stellt hier also keine Strafe dar, sondern wird einzig auf Sicherheitserwägungen für das amerikanische Personal vor Ort gestützt. Keine schlechte Idee, wie ich finde.

Ein kleines Problem: Das Argument funktioniert nur mit Spannungen

Allerdings hat die Argumentation ein gewisses Problem: Sie funktioniert nur solange Spannungen bestehen. Würde Nordkorea unmittelbar nach dem Satellitenstart wieder eine Charmeoffensive gegenüber den USA starten und zeigen, dass es die Spannungen abbauen will, wären die USA wieder unter Rechtfertigungsdruck. Man könnte nicht mehr mit einer Gefahr für die eigenen Beobachter argumentieren und der Logik von Obamas Argument nach, müsste man damit die Hilfslieferungen aufnehmen. Das ist aber wohl nicht im Sinne der Idee, dass man schlechtes Verhalten nicht ungestraft durchgehen lassen kann (bzw. „belohnen“ wie es von den Vertretern der USA oft zu hören ist).

Also wäre man darauf angewiesen, dass die Spannungen anhalten, was man dadurch erreichen könnte, dass man im politischen Bereich auf Stur schaltet und mit einem Vertrauensverlust in die Ernsthaftigkeit der nordkoreanischen Außenpolitik argumentiert. Oder man muss sich eine neue Linie einfallen lassen. Da fällt mir aber nicht viel ein, außer vielleicht das Argument, dass die Bewertung der USA ja schon ein Jahr alt sei und man eine neue Untersuchung vornehmen müsste. Damit wäre man dann ungefähr wieder da, wo man vor einem knappen Jahr stand.

Warum nicht zugeben was man tut?

Wir werden sehen, wie dieses strategische Manövrieren beider Seiten weitergehen wird. Ich glaube für die US-Regierung wäre es nicht das schlechteste, den humanitären Schleier einfach fallen zu lassen und Tacheles zu reden. Denn geglaubt wird das Argument der unpolitischen humanitären Hilfen ohnehin fast nirgends mehr. Und dann könnte man frei von argumentativen Fallstricken auch nach außen hin das vertreten, was man eh schon lange gegenüber Nordkorea praktiziert. Realpolitik.

Baut Nordkorea einen „neuen Kalten Krieg“? — Blockbildung in Ostasien


Update (07.12.2010): Das Treffen der Außenminister der USA, Südkoreas und Japans scheint so wenig Ergebnisse geliefert zu haben, dass sich viele Medien eine Berichterstattung darüber gleich ganz sparen (dass es in erster Linie um Symbolpolitik geht machte schon die Schweigeminute zu Beginn des Treffens deutlich). Tatsächlich käuten die Drei zumindest öffentlich nur die Dinge wieder, die man in den letzten Tagen schon im Dutzend hören kannte: „Starke Verdammung“; „Aufforderung an China“ und natürlich ein „Zeichen der Einigkeit“.

Interessant sind dagegen die Bewertungen von Experten hinsichtlich der Situation rund um die Koreanische Halbinsel. In einem echt interessanten Interview sprach Shi Ming, der Experte der Deutschen Welle auf diesem Sender unter anderem von begründeten Befürchtungen Chinas, dass ein

Dreier-Militärbündnis auf Hightech-level

entstehe und dass sich China dadurch genötigt sehen könnte, selbst auch

Bündnispolitisch zu reagieren.

Victor Cha, der zugegeben einen relativ harten Standpunkt vertritt, aber auch ein Kenner der Materie ist (er war ein Sondergesandter George W. Bushs für Nordkorea und hat einiges zur Politik Ostasiens geschrieben), wird in der New York Times sogar mit den Worten zitiert:

It almost shows that there is a new cold war in Asia, with Japan, the United States and South Korea on one side, and China and the North on the other side

Ich habe gestern nämlich kurz gezweifelt, ob ich da nicht ein bisschen viel rein- (und rum-)interpretiert habe. Aber wenn dem so ist, bin ich wenigstens nicht allein damit.

Ursprünglicher Beitrag (06.12.2010): Die Dinge stehen schlecht auf der Koreanischen Halbinsel und die Perspektiven sind auch nicht eben erbauend. Nordkoreas Regime hat mit der permanenten Zerrerei an den Nerven aller beteiligten Parteien eine Situation herbeigeführt, in der nicht der Zorn auf die Verursacher der angespannten Lage vorherrscht, sondern latente Konflikte unter den Parteien mehr und mehr offen ausgetragen werden. Ob es nun Strategie war oder nicht, jedenfalls ist das Regime in Pjöngjang zunehmend der Faktor, der die Beziehungen rund um die Koreanische Halbinsel ordnet und gestaltet. Auf der einen Seite wird die Dreierallianz USA-Südkorea-Japan so eng zusammen geschweißt, dass der Pattex-ich-klebe-meine-Schuhe-mit-mir-drin-an-der-Decke-fest-Kleber dagegen lasch erscheint, auf der anderen Seite brechen bestehende Konfliktlinien zwischen den drei Parteien und China immer deutlicher auf und der gute diplomatische Ton wird zunehmend durch schrille Dissonanzen ersetzt.

Diplomatische Dissonanzen I: Die USA drängen, China wiegelt ab

Zum Thema schrille Dissonanzen gibt es heute einen äußerst spannenden Artikel in der Washington Post, dessen Nähkästchenplaudereien gut mit dem Mithalten können, das in den jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen zu finden ist. In dem Artikel wird ein anonymes Regierungsmitglied der USA unter anderem mit den folgenden Worten zitiert:

The Chinese embrace of North Korea in the last eight months has served to convince North Korea that China has its back and has encouraged it to behave with impunity, […] We think the Chinese have been enabling North Korea.

China öffentlich eine Teilschuld an den Aggressionen Nordkoreas zu geben ist ein Novum und wird vermutlich nicht hilfreich dabei sein, China von einer Neupositionierung hinsichtlich Nordkoreas zu überzeugen. Das dürfte dem anonymen Einflüsterer auch durchaus bewusst sein, vor allem wenn man eine interessante Koinzidenz beachtet. Kurz vor dem Erscheinen dieses Artikels haben die Präsidenten Obama und Hu nämlich am Telefon über Nordkorea gesprochen. Dabei hat Obama Hu nochmal persönlich „gedrängt“, eine „eindeutige Botschaft“ an das Regime in Pjöngjang zu senden, dass das jüngste Verhalten vollkommen „inakzeptabel“ sei. Die Antwort Hus dürfte Obama nicht erfreut haben, denn sie lässt nicht die geringste Änderung in Chinas Position erkennen:

China is greatly concerned about the current tension on the peninsula, and deeply regrets the loss of lives and properties in the exchange of artillery fire between the Democratic People’s Republic of Korea (DPRK) and South Korea late last month.

The fragile security situation on the Korean Peninsula, if not properly handled, could lead to further escalation of tension, or even run out of control, which is not in the common interests of all parties concerned

Ein weiterer Aufruf an alle Seiten, die Ruhe zu bewahren und verantwortungsvoll mit der Situation umzugehen. Kein Wort darüber, dass die gegenwärtige Krise von Pjöngjang ausgelöst wurde. Würde man die Vorgeschichte nicht kennen und nur diese Aussage lesen, könnte man nicht ausmachen wer Aggressor und wer Opfer war. Naja, und kurz nach diesem, für Obama unerfreulichen, Telefonat wird Peking beschuldigt, durch sein Verhalten zu den Aggressionen Pjöngjangs beigetragen zu haben. Zufall? Wohl kaum. Washington scheint sich von Peking momentan nichts mehr zu erwarten.

Diplomatische Dissonanzen II: China ärgert Südkorea

Aber das waren noch nicht alle interessanten Informationen in diesem Artikel. Denn auch zwischen Peking und Seoul stehen die Dinge momentan nicht so gut an der diplomatischen Front. Der Krisenbesuch des chinesischen Top Diplomaten Dai Bingguo in Seoul am 27. November scheint nämlich eher für Verstimmungen als für eine Entspannung gesorgt zu haben. Eine fünfzehn Minuten vor seinem Abflug, soll China die südkoreanischen Behörden darüber informiert haben, dass Dai auf einer südkoreanischen Airbase landen werde, die sonst Staatsoberhäuptern vorbehalten sei und dass Lee Myung-bak Termine an diesen Tag absagen solle, um für eine unmittelbares Treffen mit Dai zur Verfügung zu stehen. Das ließ sich Lee natürlich nicht gefallen und so kam es erst am nächsten Tag zu einem Treffen. Bei diesem scheint Dai hauptsächlich eine „Geschichtsstunde“ über die Beziehungen Pekings und Seouls gehalten zu haben und hinsichtlich Nordkoreas nur gesagt zu haben, man solle sich beruhigen. Quasi zwischen Tür und Angel habe er dann noch den Vorschlag eines Treffens der Chefunterhändler bei den Sechs-Parteien-Gesprächen in den Raum geworfen. Klingt so, als sei Dai Bingguo nur nach Südkorea gereist, um Lee Myung-bak und seine Regierung zu ärgern. Schaut man sich diese Geschichte so an, dann kann man das wohl als klaren Beleg für das nehmen, dass ich letzte Woche hinsichtlich des Verhandlungsvorschlags Chinas geschrieben habe. Er war nie ernst gemeint, sondern ein Manöver Chinas. Wenn man mit einem Vorschlag, der fast eine Bitte ist, zu einem Verhandlungspartner kommt behandelt man ihn nicht von oben herab, man piesakt ihn nicht mit verdeckten Frechheiten und vor allen Dingen spricht man mit ihm über den Vorschlag und nicht über Geschichte. China scheint im Moment warum auch immer viel daran gelegen zu sein, sich von den USA und deren Verbündeten abzugrenzen.

Blockbildung: USA, Südkorea, Japan, aber nicht China

Dies scheint recht gut zu gelingen, denn heute treffen sich in Washington die Außenminister der USA, Südkoreas und Japans um über eine Strategie gegenüber Nordkorea zu beraten. Ohne China, wie in fast allen Medien betont wird. Damit wird die Veranstaltung an sich natürlich ziemlich Sinnlos und ist eher in den Bereich der Symbolpolitik einzuordnen, denn es gibt kaum noch Hebel, die man noch nicht umgelegt hat (Das ganze könnte dann so aussehen: „Lasst uns noch mehr Sanktionieren! – Was denn?; Lasst uns keine Hilfen mehr geben! – Welche Hilfen?; Lasst uns die Sache vor den UN Sicherheitsrat bringen! – Aber China…; Lasst uns jedee Tag Manöver abhalten! – Machen wir schon!; Lasst uns schärfere Rhetorik nutzen! – Noch schärfer?; Lasst uns ein gemeinsames Abschlussdokument verfassen, dass Nordkoreas Aggression aufs schärfste verdammt und das Land ultimativ auffordert sowas nie wieder zu tun! Ohja, das wird helfen!). Jedenfalls wird die Dreierallianz durch den jüngsten Konflikt noch enger zusammengeführt und gleichzeitig grenzt sie sich zunehmend vor allem von China ab, wozu es auch kaum eine andere Möglichkeit gibt, denn ansonsten müsste man wohl gegenüber China und damit auch gegenüber Nordkorea einlenken. Die zunehmende diplomatische Spaltung wird noch verschärft durch das nicht abklingende Machtgeprotze der Dreierallianz. Südkorea hat wenige Tage nach dem gemeinsamen Manöver mit den USA umfangreiche Schießübungen begonnen, die teilweise echte Munition nutzen und teilweise in den umstrittenen Gewässern stattfinden sollen, in denen es auch zu dem Artilleriegefecht zwischen den Staaten kam. Gleichzeitig üben auf der anderen Seite der Koreanischen Halbinsel seit dem 3. Dezember US-Amerikanische und japanische Marine recht ausgiebig. Die russische Pravda beschreibt das Manöver als unter anderem gegen China und Nordkorea gerichtet (russische Zeitungen sehen die Dinge naturgemäß etwas anders, aber es würde mich wundern, wenn nicht einige Offizielle in China diese Sicht teilten). Tja und dann gibt es natürlich noch die offensive Rhetorik aus dem südkoreanischen Verteidigungsministerium, die Nordkorea unter anderem mit Luftangriffen droht, wenn es noch einmal südkoreanisches Gebiet beschießen sollte. Würde es zu einer solchen Situation kommen, wäre es vermutlich recht schwierig eine Eskalationsspirale zu vermeiden. Allerdings tut der neue Verteidigungsminister damit etwas, dass wohl gegenüber Nordkorea unvermeidlich ist. Er versucht wieder eine glaubwürdige Abschreckung zu errichten, denn in eine Eskalationsspirale will der Norden auch nicht geraten.

Kalter Krieg im Kleinen

All das was oben beschrieben wurde sind Symptome der veränderten strategischen Situation auf der Koreanischen Halbinsel, die mich mehr und mehr an etwas zu erinnern beginnt, das eigentlich lange vorbei ist und das sich niemand zurück wünscht: Den Kalten Krieg. Wir haben den Aufbau von Abschreckungskapazitäten und wir haben Provokationen auf verschiedensten Ebenen, diplomatisch und militärisch. Vor allem haben wir aber etwas, dass in den letzten Jahren zu einem „richtigen“ Kalten Krieg fehlte. Es bilden sich Blöcke, zwischen denen Misstrauen das Leitmotiv ist und die ihr Handeln zunehmend an den Bedürfnissen ihres Blocks und nicht den individuellen Landesbedürfnissen ausrichten. Natürlich sind die entstehenden Grenzen in ihrer Schärfe noch nicht mit denen im Kalten Krieg zu vergleichen, aber die Mauern werden höher und das Regime in Pjöngjang hat dazu einen großen Beitrag geleistet. Mit jeder Provokation, aber auch mit jedem „Angebot“ an die USA und Südkorea, das abgelehnt wurde, legte Kim Jong Il ein paar Steine auf die Krone der Mauer und mauerte China gleich mit ein. Was mit Russland ist weiß man noch nicht, aber es als wohlwollend neutral zu bezeichnen käme wohl hin und vielleicht findet Kim ja auch noch ein paar Haken, mit denen er Russland an „sein Lager“ binden kann.

Pjöngjang profitiert

Damit hat Pjöngjang ein weiteres Mal das erreicht, dass eine wichtige Möglichkeit zum Überleben offenhält. Einen Konflikt unter den entscheidenden Parteien in seiner Umgebung. Die nordkoreanischen Diplomaten haben ihre Fähigkeit andere Staaten gegeneinander auszuspielen und davon zu profitieren schon ein halbes Jahrhundert lang kultiviert und vermutlich werden sie auch von dem bestehenden tiefen Riss profitieren. Dabei ist die Gefahr natürlich nicht zu missachten, dass Pjöngjang mehr und mehr an Unabhängigkeit an China abgeben muss und zum Satelliten degradiert wird. Bisher ist von einem Verlust der Autonomie gegenüber China wenig zu sehen. Ganz im Gegenteil hat Nordkorea großen Anteil daran, dass die Kluft so tief wurde, es ist also der Baumeister dieses neuen Kalten Krieges.

Natürlich hat auch Lee Myung-bak mit seiner Haltung dazu beigetragen, aber wer weiß, vielleicht hat er Kim Jong Il damit etwas ermöglicht, dass sich dieser schon seit langem wünschte. Nach innen kann das Regime wieder auf die „Belagerungsmentalität“ als stabilisierenden Faktor setzen, der bestehende interne Konflikte in der Zeit des Übergangs zu Kim Jong Un überdeckt. Nach außen gibt es klare Verhältnisse. Man weiß wo der Freund und wo der Feind steht und muss sich keine Sorgen machen, dass man in der Zeit des Übergangs auf einmal von China im Stich gelassen wird. Und vielleicht kann man aus dem Konflikt ja sogar noch etwas Kapital schlagen. Wer weiß, aber vielleicht hat man sich in Pjöngjang für das Modell „Kalter Krieg“ für die Machtübergabe entschieden. Das muss man wohl weiter im Auge behalten. Die einzigen die das noch wirklich verhindern können sind die USA und ihre Verbündeten. Die Gegenseite scheint erstmal gewillt und bereit, sich weiter einzuigeln.

Da muss jetzt was kommen! – Pjöngjang ist am Zug


Ich habe ja kürzlich über hoffnungsvolle Signale geschrieben, die vor allem von Südkorea ausgingen und die neue Perspektiven für eine Entspannung der Situation auf der Koreanischen Halbinsel boten, vielleicht sogar die Tür für neue Verhandlungen einen Spalt weit öffneten. Die Signale mehren sich, aber wird das reichen?

Russland und Südkorea: Gespräche wiederbeleben

In die Kategorie „positive Signale“ passen wohl auch Aussagen, dass Russland und Südkorea gemeinsam versuchen wollen, die Sechs-Parteien-Gespräche um die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel wiederzubeleben. Diese gemeinsame Position wurde auf einer Pressekonferenz des russischen Präsidenten Dmitry Medvedev und seines südkoreanischen Kollegen Lee Myung-bak bekanntgegeben. Weiterhin sagte Medvedev:

As room for conflict remains in Northeast Asia and Asia Pacific region, I believe that countries have no choice but to hold dialogue and cooperate.

Während die Haltung Russlands keine Überraschung ist, bestätigen die Berichte, dass sich Seoul nun aktiv um einen Dialog bemühen will.

USA, wenig visionär, aber Lee führt

Weniger Visionär zeigte sich US Präsident Barack Obama. Bei einer Ansprache vor US Soldaten in Seoul vertrat er nur wohlbekannten amerikanischen Standpunkte, als er sagte:

If they choose to fulfill their international obligations and commitments to the international community, they will have the chance to offer their people lives of growing opportunity instead of crushing poverty — a future of greater security and greater respect; a future that includes the prosperity and opportunity available to citizens on this end of the Korean Peninsula

Auf einer Pressekonferenz mit Lee Myung-bak wiederholte er dann noch weitere Standardfloskeln. Er

urged North Korea to address South Korea’s concerns over the March 26 sinking of a South Korean warship and end its belligerent behavior.

Nordkorea solle seinen Verpflichtungen nachkommen und aufhören andere zu bedrohen. Die USA hätten an einer Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche nur Interesse, wenn man sich davon auch konkrete Ergebnisse versprechen könne. Lee fügte dann noch seine neue Lieblingssprachregelung hinzu, die aber inhaltlich weiter geht, als alles was Obama sagte:

President Obama and I reconfirmed that North Korea’s (move) to take a responsible attitude toward the Cheonan incident will be the starting point for the substantial development of South-North relations.

Eine „responsible attitude“ Nordkoreas hinsichtlich des Cheonan-Untergangs ist also gefragt. Ein angenehm dehnbarer Begriff, genau wie die US Forderung nach Erfüllung der internationalen Verpflichtungen und nach „Ernsthaftigkeit“ hinsichtlich der Sechs-Parteien-Gespräche.

Von den Schwierigkeiten ein Geschäft zu machen, ohne die Preise zu kennnen

Diese Dehnbarkeit der Begriffe stellt eine Chance, aber auch eine Herausforderung für das Regime in Pjöngjang dar. Die Chance ist die Zusage, dass man bei Erbringung einer Leistung eine Gegenleistung zu erwarten hat. Die Herausforderung besteht darin, herauszufinden was die Leistung sein soll, also wie hoch der Preis ist. Das bringt Pjöngjang in die unangenehme Situation, vor der jeder steht, der auf dem Markt etwas kaufen will, für das kein Preis ausgeschrieben ist. Der Händler kennt seinen Preis, nennt ihn aber nicht. Als Käufer läuft man Gefahr zu hoch oder zu niedrig anzusetzen und versucht Informationen über den Preis des Verkäufers zu bekommen. Gelingt das nicht, läuft man sehr große Gefahr, ein schlechtes oder gar kein Geschäft zu machen. In dieser unkomfortablen Situation findet sich Pjöngjang gerade wieder und versucht den Preis auszuloten.

Pjöngjang in einer neuen und schwierigen Situation

Nichtsdestotrotz wird aus Pjöngjang bald irgendwas kommen müssen, sonst könnte der Deal (ein bisschen viel gesagt, aber in diesem Fall ist der Deal, dass man wieder spricht) platzt. Die Frage ist nur was wird Nordkorea bieten? Das ist vor allem daher interessant, weil es bisher eigentlich immer gereicht hat, seine bloße Anwesenheit anzubieten. Und die Information, dass das diesmal nicht ausreichen wird, reiben Seoul und Washington dem Regime bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Also eine neue und nicht eben leicht zu lösende Situation für Pjöngjang. Ich bin gespannt ob es einen Handel gibt und wer dabei besser abschneidet…

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