Wie deutschsprachige Experten die Lage auf der Koreanischen Halbinsel bewerten: Eine Netzschau


Wenn es eine verstärkte Medienberichterstattung egal wozu gibt, dann ist die Nachfrage nach Experten auch immer besonders hoch und dann haben wir die Möglichkeit, Meinung von Leuten zu hören, die sich noch besser mit dem Thema auskennen, als die Journalisten das schon tun. Und dann lohnt auch immer mal ein Blick auf diese Meinungen, der bei mir ja mittlerweile eine Tradition geworden ist (zu früheren Überblicken geht es hier: 08.03. nach Beginn der Drohungen 17.02. nach dem Nukleartest 03.01. nach Kim Jong Uns Neujahrsansprache). Die sind auch dieses Mal wieder sehr unterschiedlich und gehen in verschiedenen Aspekten nahezu in gegensätzliche Richtungen. Ich habe mir ganz ehrlich gesagt nicht alles durchgelesen/angehört, sondern nur nach dem gesucht, das Leute gesagt haben, die man als Experten bezeichnen kann. Ihr könnt ja dann selbst reinlesen/hören/gucken…

Rüdiger Frank (Uni Wien):

Fernsehinterview mit dem ZDF (01.04.2013): ZDF heute journal „Rüdiger Frank über Nordkorea“

Radioniterview mit WDR 2 (02.04.2013): Wirtschaftswende als Ziel?

Printinterview mit Spiegel Online (02.04.2013): „Kim verfolgt ein klares Ziel“
Printinterview mit dem Standard (02.04.2013): „Nordkorea will einfach in Ruhe gelassen werden“
Printinterview mit dem Kölner Stadtanzeiger (03.04.2013): Warum Kim so aggressiv auftritt
Printinterview mit dem BR (04.04.2013): Wie gefährlich ist der junge Diktator?

Hanns W. Maull (Uni Trier):

Radiointerview mit dem Deutschlandfunk (30.03.2013): Politologe: Kriegsrhetorik aus Pjöngjang richtet sich vor allem an China und die USA

Printinterview mit dem Trierischen Volksfreund (04.04.2013): „Wir erleben den Anfang vom Ende“

Werner Pfennig (FU Berlin):

Fernsehinterview mit der ARD (02.04.2013): Prof. Werner Pfennig (Politikwissenschaftler FU Berlin) zum Korea-Konflikt

Radiointerview mit BR 2 (02.04.2013): Was folgt den Drohungen zwischen Nordkorea und Südkorea?
Radiointerview mit radioeins (03.04.2013): Konflikt zwischen Nord- und Südkorea verhärtet sich

Printinterview mit der Mittelbayrischen (02.04.2013): „Zu allem Unglück ist der UN-Chef Südkoreaner“
Printinterview mit der Westdeutschen Zeitung (02.04.2013): Experte: „Ich sehe keine direkte Kriegsgefahr“

Hanns Günther Hilpert (SWP):

Radiointerview mit MDR Jump (04.04.2013): Nordkorea verschärft Drohungen gegen USA

Lars-André Richter (Friedrich-Naumann-Stiftung, Seoul):

Radiointerview mit dem Deutschlandfunk (30.03.2013): Friedrich-Naumann-Stiftung: Kim Jong-Un will seine Position festigen

Bernhard Seliger (Hanns-Seidel-Stiftung, Seoul):

Printinterview mit RTL (02.04.2013): Kim Jong Un hat große Angst davor, einen Krieg auszulösen
Printinterview mit RTL (04.04.2013): Experteninterview: Wie gefährlich ist die Lage auf der Koreanischen Halbinsel wirklich?

Christoph Pohlmann (Friedrich-Ebert-Stiftung, Seoul):

Printinterview mit dem Tagesanzeiger (31.03,2013): „Die Nordkoreaner wollen sich das nicht länger bieten lassen
Printinterview mit der DW (03.04.2013): Pohlmann: „Spirale der Provokation in Korea“

Norbert Eschborn (Konrad-Adenauer-Stiftung, Seoul):

Printinterview mit n tv (04.04.2013): „Ich rechne mit einem Angriff“

Kim Jong Uns Neujahrsansprache: Wie deutschsprachige Experten sie bewerten


Wie gestern bereits angekündigt, habe ich mir heute mal angeschaut, was deutsche Experten zu Kim Jong Uns Neujahrsansprache zu sagen hatten und wie die Ansprache von ihnen bewertet wurden. Alles in allem ist die Bewertung eher durchwachsen. Kein Wunder, die Leute befassen sich schon länger mit Nordkorea und haben schon viele Ankündigungen und Versprechen gehört, die dann später vergessen oder umgedeutet wurden. Allerdings sind sich eigentlich auch alle hier aufgeführten ernstzunehmenden Kenner darin einig, dass Kim Jong Un vor allem im wirtschaftlichen Bereich einen gewissen Handlungsbedarf sieht. Allerdings stimmen die Experten nicht überein, wenn es um die Frage geht, inwiefern das in seine Rede eingegangen ist. Auch seine Aussagen hinsichtlich Südkorea werden unterschiedlich bewertet. Aber am besten ihr lest und hört selbst.

Radio

Rüdiger Frank (Uni Wien) im Interview mit Ö1 (Wie immer nimmt Frank da wo er Bescheid weiß klar Stellung und gibt da wo er nichts weiß ebendas zu. Sehr schön.)

Bernhard Seliger (HSS, Seoul) im Interview mit radioeins (Der Interviewer macht das nicht unbedingt seriös, aber das ändert nichts an der Expertise Seligers. Ok.)

Christoph Pohlmann (FES, Seoul) im Interview mit dem DLF (Schöne unaufgeregte Bewertung mit treffenden Analysen. Hörenswert.)

Lars-André Richter (FNS, Seoul) im Interview mit dem RBB (Gute Bewertungen gutes Interview. Hörenswert.)

Print/Online

Rüdiger Frank (Uni Wien) im Interview mit der Deutschen Welle (Super Sache. O-Ton: „Das ist ein Armutszeugnis für die westliche Berichterstattung. Ich denke, die westliche Presse hat wirklich schon bessere Tage gesehen als den, an dem diese Meldung als großer Durchbruch propagiert wurde.“ Da wird einige Euphorie in westlichen Medien ordentlich zurechtgerückt. Ansonsten ähnlich wie das Radiointerview. Sehr schön.)

Norbert Eschborn (KAS, Seoul) im Interview mit der FR (Vorsichtige und unspektakuläre Analyse. Ok.)

Bernhard Seliger (HSS, Seoul) Artikel mit O-Tönen (Guter Artikel ohne spektakuläre Inhalte. Ok.)

Werner Pfennig (FU Berlin) und Hanns Günther Hilpert (SWP) mit O-Tönen (Naja, BILD eben, das macht die Einschätzungen der Experten aber nicht schlechter. Ok.)

Die WELT hat keinen Experten zu Rate gezogen. Brauch sie auch nicht. Hat ja selbst einen…: Torsten Krauel (Die WELT) mit einem Artikel (Naja, wenn man weiß wie Krauel schreibt und was er mag, der weiß, ob er das lesen will. Unterhaltsam ist es mitunter. Wenn man sonst nichts zu tun hat Ok.)

Mehr Experteninfos habe ich nicht gefunden, aber das ist ja schonmal ein bisschen was und hilf mit Sicherheit, sich ein Bild zu machen. Viel Spaß dabei…

Handarbeit für die Vereinigung — Yu Woo-ik töpfert einen Vereinigungsfonds


Ich habe ja in der Vergangenheit schonmal auf die Vorhaben der südkoreanischen Regierung hingewiesen, sich finanziell auf eine eventuelle Wiedervereinigung der Koreas vorzubereiten. Dabei stand anfänglich eine Wiedervereinigungssteuer im Raum, die aber aufgrund von internen politischen Wiederständen bald wieder fallengelassen wurde. Als Ersatzinstrument entwickelten Vereinigungsminister Yu Woo-ik und sein Ministerium einen freiwilligen Vereinigungstopf, der mit Hilfe von privaten Spenden bis zu einer Höhe von etwa 50 Milliarden US-Dollar gefüllt werden soll. Diese Summe wäre zwar nicht annähernd ausreichend, den Preis einer Vereinigung zu zahlen, würde aber zumindest helfen, die ersten unmittelbaren Kosten dieses Ereignisses zu decken, das wenn es kommt, vermutlich recht plötzlich eintritt.

Topf getöpfert; Erste Inhalte bereitgestellt

Am vergangenen Wochenende hat Yu nun scheinbar die Sammelkampagne offiziell gestartet, indem er einen symbolischen Vereinigungstopf töpferte. Erste Spender haben sich auch schon gemeldet: Yu Woo-ik und Präsident Lee Myung-bak wollen jeweils einen Monatslohn in den Pott werfen. Allerdings scheint noch nicht ganz klar zu sein, wie in Zukunft weiter mit dem Topf und dem darin steckenden Geld verfahren wird. Es liegt zwar ein Gesetz im Parlament, das jedoch wohl nicht bis zum Ende der Legislaturperiode des aktuellen Parlaments beschlossen werden wird und danach seine Gültigkeit verliert.

Wichtige Fragen sind noch offen

Damit sieht es wohl so aus, dass momentan Geld gesammelt wird, das aber nicht klar ist, welchen Status der Topf erhält und für welche Ausgaben das Vermögen des Fonds im Endeffekt genutzt werden soll. Dementsprechend mahnte Rüdiger Frank an, dass die spätere Nutzung des Geldes so früh und transparent wie möglich festgeschrieben werden müsse. Bernhard Seliger von der Hanns-Seidel Stiftung  wies auf das Risiko hin, die Kosten einer Vereinigung zu niedrig zu schätzen und bemerke, dass die Deutsch-Deutschen Erfahrungen, wenn auch nicht eins zu eins übertragbar doch wichtige Hinweise für die Regierung in Seoul geben könnten. Seliger ist ja sehr aktiv hinsichtlich Nordkoreas und leistet immer wieder gute Arbeit im Bereich „Capacity Building“, vor allem in den Feldern Ökologie und Ökonomie. (Erst kürzlich hat er eine Große Bücherspende an das nordkoreanische Korea Economy and Trade Information Center (KETIC) übergeben, die aus aktueller Wirtschaftswissenschaftlicher Literatur bestand und vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle bereitgestellt wurde. (Ich wüsste mal gerne, ob auf einer der CD-Roms mit aktuellen Publikationen des IWH auch die Studie zu den Kosten einer Koreanischen Wiedervereinigung drauf war, das das IWH vor einiger Zeit veröffentlicht hat. Wenn ja dürfte das die Leser sicherlich interessieren bis schockieren.))

Nicht nur finanzielle sondern auch mentale Vorbereitung

Der Vereinigungstopf soll aber nicht nur der rein finanziellen Vorbereitung auf eine Vereinigung dienen, sondern auch dabei helfen, das Interesse und die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung zu steigern und so das Ziel der Vereinigung in den Köpfen der Menschen zu verankern. Der Hinweis darauf, dass es notwendig sei, die Einheit als positive Zielsetzung zu etablieren kam scheinbar aus den Reihen der deutschen Expertengruppe, die seit einiger Zeit die südkoreanische Seite hinsichtlich der Vorbereitung  auf eine Wiedervereinigung berät. Ein wichtiger Hinweis, der vor dem Hintergrund von noch immer bestehenden „Mauern im Kopf“ nicht ernst genug genommen werden kann, vor allem, da sich die Gesellschaften in den Koreas wohl noch wesentlich weiter auseinander entwickelt haben, als das in Deutschland je der Fall war.

Pjöngjangs Ablehnung und die Gründe

Gleichzeitig schlug Seliger auch vor, den Fonds mit einem „neutraleren“ Namen zu versehen und einen Teil des Geldes für Kooperationsprojekte zu nutzen, um die Ablehnung des Nordens etwas abzuschwächen. Dies sind sicherlich sehr sinnvolle Vorschläge, denn die nordkoreanische Seite fühlt sich durch die klare Ausrichtung des Fonds provoziert, der dort als einseitiges Werkzeug zur Übernahme des Landes gesehen wird. Ein Vereinigungsmodell mit dem sich die Führung in Pjöngjang verständlicher Weise nicht anfreunden kann. Das „Deutsch-Modell“ einer Vereinigung ist für Pjöngjang ein rotes Tuch.

Ich vermute zwar, dass solche Schritte nicht ausreichen werden, die Ablehnung des Nordens gänzlich zu entschärfen, aber es wären zumindest symbolische Gesten, die zeigen würden, dass tatsächlich nicht nur ein konfrontativer Ansatz hinter dem Fonds steckt wie im Norden vermutet wird und was vor dem Hintergrund der Politik Lee Myung-baks auch nicht vollkommen zu entkräften ist.

Lees Vermächtnis an die Nachfolger?

Ich finde es aus mehrfacher Hinsicht interessant, dass die Lee Regierung sich kurz vor ihrem Ende noch darum bemüht, das Instrument mit Leben zu füllen. Vermutlich steht dahinter die Idee, dass man einen Topf, der schon bis zu einem gewissen Maß gefüllt ist, nicht mehr so einfach aus der Welt schaffen kann. Würde man den Aufbau des Instruments dem nächsten Präsidenten überlassen, bestünde immer das Risiko, dass der sich gegen den Fonds entschiede und das Projekt damit wieder tot sei. Wenn man aber einige Milliarden Dollar in einem gesetzlich fixierten Instrument übergibt, müssen die Nachfolger (unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung) damit umgehen. Es ist nicht unwahrscheinlich (wenn auch alles andere als sicher), dass nach den Präsidentenwahlen in diesem Jahr ein Vertreter der progressiven Parteien im Blauen Haus sitzt und deren Ansatz gegenüber dem Norden ist ja eher ein kooperativer. Und in eine solche Politik würde ein Instrument, das vom Niedergang des nordkoreanischen Systems und nicht einer schrittweisen Annäherung der Systeme ausgeht, nur schlecht hineinpassen.

Ich stehe der Politik Lees ja häufig recht kritisch gegenüber, aber wenn es ihm und Yu gelänge, den Topf bis zum Ende seiner Amtszeit fest zu etablieren, dann würde er seinen Nachfolgern sicherlich ein Werkzeug übergeben, für das sie in Zukunft nochmal sehr dankbar sein dürften und auf das man auch vielleicht nochmal in Form einer Steuer oder ähnlichem aufbauen könnte.

Kleine „to-do-Liste“

Allerdings ist bis dahin noch einiges an Arbeit zu tun: Erstens muss natürlich Geld in den Topf, den ein leeres Gefäß, das nicht der Mode der Zeit entspricht verstaubt schnell mal im Keller.

Zweitens muss transparent gemacht werden wozu das Instrument konkret dienen soll, ansonsten steht zu befürchten, dass der Topf flexible eingesetzt wird und am Ende nicht mehr seinen ursprünglichen Zielen entspricht.

Drittens ist es damit zusammenhängend auch notwendig, dass es eine gesetzliche und institutionelle Verankerung des Werkzeugs gibt.

Viertens muss es schließlich so kommuniziert werden, dass es vom Norden nicht allein als Mittel zur Konfrontation gesehen, sondern auch als Chance begriffen werden kann.

Deutsche Beratung

Sollte Lee all das leisten, dann hat der Süden einen wichtigen Schritt zur Vorbereitung einer möglichen Wiedervereinigung (unabhängig davon, wie diese ablaufen wird) getan und sein nordkoreapolitisches Erbe wird vieleicht nicht ganz so durchwachsen ausfallen. Dass dabei deutsche Beratung eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, ist ein Punkt mit dem ich sehr zufrieden bin. Ich freue mich, dass Deutsche Akteure versuchen die Erfahrungen hierzulande in den politischen Prozess auf der Koreanischen Halbinsel einfließen zu lassen und hoffe, dass das in Zukunft noch ausgebaut wird.

Nordkorea: Wie deutschsprachige Experten die Lage einschätzen — Eine Linksammlung


Heute habe ich leider nicht so viel Zeit (muss noch Geschenke besorgen und so). Daher trifft es sich gut, dass ich eh mal eine „Lese- und Hörliste“ zusammenstellen wollte mit Statements und Analysen deutschsprachiger Experten aus Forschung, Praxis und Politik zusammenstellen wollte (auch da sich ja einige von euch durchaus freuen, nicht immer nur englischsprachige Links präsentiert zu bekommen). Ich habe nicht alles im Einzelnen gehört bzw. gelesen, aber alle Leute auf die ich verweise haben Ahnung von dem was sie sagen und daher mach ich das einfach mal so.

Forschung

Patrick Köllner vom GIGA hat ein Interview gegenüber Radio Bremen gegeben.

Hanns Günther Hilpert von der SWP hat sich zweimal mit der WELT unterhalten.

Rüdiger Frank hat was auf der Uni-Homepage veröffentlicht, mit dem ORF gesprochen und löblicherweise eine Stunde mit Standard-Lesern gechattet.

Hanns W. Maull hat mit dem SWR und dem Deutschlandfunk gesprochen.

Politik

Ulrich Kelber, der letztes Jahr mit der SPD-Delegation in Nordkorea war, war m Montag wohl der Erste, den der Deutschlandfunk erreicht hat. Daher hat auch er seine Einschätzung abgeben können.

Hartmut Koschyk, der sich echt schon lange mit Korea befasst, hat gegenüber der Saarbrücker Zeitung, dem Nordbayerischen Kurier, dem BR und dem Deutschlandfunk Interviews gegeben.

Stiftungen

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat recht schnell zwei Papers veröffentlicht. Eine Situationsbeschreibung aus Peking und eine Lageanalyse aus Seoul.

Auch von der Hanns-Seidel-Stiftung gibt es eine Lageanalyse. Weiterhin hat der Bürochef in Seoul, Bernhard Seliger Interviews im Deutschlandfunk und dem ORF gegeben.

Walter Klitz von der Friedrich-Naumann-Stiftung sprach mit der Tagesschau und der NZZ.

Breites Spektrum

Schaut bzw. hört euch mal verschiedene Meinungen an. Ihr werdet feststellen, dass sich zwar einige Einschätzungen ähneln, dass sich die Gesamtbewertungen aber teils erheblich unterscheiden. Daran erkennt man, wie schwierig es selbst für sehr erfahrene Leute ist, Einschätzungen zu treffen.

Ideologische Grabenkämpfe, vergessene Aufgaben und unbekannte Realitäten: Berichte zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea


Seit langem will ich mich heute nochmal kurz der Nahrungsmittelsituation in Nordkorea widmen. Einerseits strahlte die ARD vorgestern in den Tagesthemen einen recht ausführlichen Beitrag aus, der auf Videoaufnahmen beruht, die heimlich aus Nordkorea herausgeschmuggelt wurden. Andererseits hat sich Hiroyuki Konuma, der Regionalrepräsentant der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Asien heute zu der Lage in Nordkorea geäußert, was von den Medien sehr unterschiedlich verstanden wurde (oder werden wollte?) und außerdem gibt es noch ne interessante Analyse der HSS.

Aus Nordkorea geschmuggeltes Video gibt schockierende Einblicke. Nicht mehr und nicht weniger

Aber zuerst einmal zu dem Video. Darin sind Menschen in einem sehr schlechten Zustand zu sehen und wer Barbar Demicks „Die Kinogänger von Chongjin“ gelesen hat (ich fand das Buch übrigens nicht so übergut, will aber noch bei Gelegenheit was dazu schreiben), der fühlt sich durchaus an Schilderungen aus dem Buch erinnert. Es sind Straßenkinder in erbärmlichen Zustand zu sehen und es werden kurz Schicksale beleuchtet, die auf ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft schließen lassen. Auch Soldaten sind zu sehen, denen es sehr schlecht geht. Dagegen sind die Märkte in Pjöngjang stark frequentiert und gut bestückt.

Dreimal gefiltert

Aber ob man das als ein Gesamtporträt der nordkoreanischen Gesellschaft begreifen kann und soll, das sollte doch kritisch hinterfragt werden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Bilder auf unseren Bildschirmen erschienen sind, waren sie vermutlich durch drei Filter gelaufen. Die nordkoreanischen Untergrundjournalisten, die ihr eigenes Wohlergehen aufs Spiel setzen, um über die Situation in Nordkorea zu berichten (und vermutlich um etwas Geld zu verdienen), mussten auswählen, was sie filmen. Und dazu gehörten wohl nicht die „unspektakulären“ Szenen, schließlich wissen sie ja, wonach ihr Auftraggeber sucht. Der japanische Journalist, der das Netzwerk aufgebaut hat (er ist auch im Beitrag zu sehen) hat möglicherweise nochmal eine Auswahl getroffen, denn er will die Bilder ja am internationalen Medienmarkt platzieren. Und dann dürfte die ARD-Redaktion nochmal die Szenen, die gut in den Beitrag passten, festgelegt haben.

Was übrig bleibt…wer weiß es?

Wieviel echtes Abbild der Gesamtrealität dann noch übrig bleibt, ist am Ende wohl für niemanden wirklich zu erkennen. Außer der Tatsache, dass das der schlimme Alltag einiger Menschen in Nordkorea ist, bringen die Bilder kaum Licht ins Dunkle. Aber ich weiß, so werden Nachrichten gemacht und verkauft und damit muss man sich wohl abfinden. Aber wenn man in einigen Industrieländern mit offenen Augen die ärmsten der Armen filmt und darstellt, dann verschwimmen wohl die Unterschiede. Ich möchte nichts kleinreden, aber man sollte immer bedenken, welchen Weg die Bilder genommen haben, bevor wir sie gesehen haben.

Die Realität verschwindet hinter ideologischen Grabenkämpfen. Und die Medien machen mit

Auch bezüglich der Stellungnahme von Hiroyuki Konuma, dem FAO-Repräsentanten in Asien, muss ich eine kleine Medienkritik vorwegschicken. Folgende Überschriften (die Artikel passen jeweils zum Tenor) kamen aufgrund des gleichen Statements Konumas zustanden:

Flood damage to N.Korean crops „not so significant – FAO [FAO: Flutschäden an Nordkoreas Ernte „nicht so bedeutend“]

und

North Korea Food Crisis Worsens as Prices Jump, Aid Vanishes [Nordkoreas Nahrungsmittelkrise verschlimmert sich, da Nahrungsmittelpreise steigen und Hilfen ausbleiben]

REUTERS: Besser als gedacht

Der Unterschied dürfte euch nicht entgangen sein und die unterschiedliche Wahrnehmung ein und derselben Meldung, die für den Leser daraus entsteht wohl auch nicht. Da kann mir einer erzählen was er will, mindestens einer der Journalisten ist hart an der Grenze, mehr seine Meinung oder Botschaft zu vermitteln, als die Botschaft, die von Konuma kam. Welcher das ist weiß ich nicht, ich habe ja nicht gehört und gelesen, wie das Statement in seiner Gesamtheit aussah. REUTERS (der „nicht so schlimm“ Artikel) beschäftigt sich hauptsächlich mit einer Aussage des FAO-Mannes, dass die Ernte in Nordkorea dieses Jahr nicht geringer ausfallen würde als im letzten und dass man bald anfinge das Korn einzubringen. Irgendwo unten wird dann auch noch kurz erwähnt, dass die Einschätzung von WFP, FAO und UNICEF, dass in diesem Jahr 600.000 Tonnen Nahrungsmittel fehlen würden, was 3,5 Millionen Menschen ernsthaft gefährde, nach wie vor bestand hätten. Allerdings habe ein REUTERS. Mitarbeiter kürzlich bei einem Besuch in Nordkorea keine besonders angespannte Lage wahrgenommen.

Bloomberg: Krise wird schlimmer

Bei Bloomberg stellt sich das genau umgekehrt dar. Es würden bis zu 700.000 Tonnen Nahrungsmittel fehlen und davon könnten bis zu 6 Millionen Menschen betroffen sein (da gab es scheinbar eine Spanne, die beide Artikel verschweigen). Durch die gestiegenen Nahrungsmittelpreise, die sinkende Spendenbereitschaft (man schreibt das nur der Verheerenden Hungersnot am Horn von Afrika zu, was wohl ein Grund ist, aber bei Weitem nicht der einzige (was man bei Bloomberg auch wissen dürfte)),die Tatsache, dass Südkorea eine harte Politik gegenüber dem Norden fahre und den Unwillen Pjöngjangs, mehr Ressourcen für sein Volk einzusetzen (aber das kommt weit unten im Text), sei die Lage nach wie vor angespannt.

We are afraid that next year will be a more severe situation [Wir haben Angst, dass die Situation im nächsten Jahr noch ernster wird]

wird Konuma hier zitiert.

Meinungen und Emotionen, nicht Fakten

Wie gesagt, besser informier fühle ich mich nach Lektüre beider Artikel nicht. Vielmehr habe ich das Gefühl, hier einen ideologischen Grabenkampf zu beobachten, den Politiker verschiedener Staaten und Organisationen, Hilfsorganisationen verschiedener Aus- und Zielrichtung und wohl auch die Medien mit- und gegeneinander austragen, oder wie sich Rüdiger Frank kürzlich zitieren ließ. Rüdiger Frank sagte kürzlich hinsichtlich der Politik gegenüber Nordkorea:

Ich selbst habe etwa bei einer Aussage vor dem EU-Parlament in Brüssel 2006 die Erfahrung gemacht, dass beim Thema Nordkorea oft die Emotionen überwiegen.

Und wem ist am Ende damit geholfen? Wohl niemandem! Je nachdem, ob man für Hilfen plädiert, sei es aus reiner Nächstenliebe, aus politischen Interessen oder um eine Daseinsberechtigung für seine Organisation zu generieren, oder ob man gegen Hilfen ist (das Portfolio aus Beweggründen ist hier ähnlich), man findet immer seine Bestätigung und Argumente in den Medien und liest dann wahrscheinlich nur die Artikel, die die eigene Meinung bekräftigen. Wer da im Ende die Nachrichten macht, wer Akteur, wer Aussagender und wer Informationsvermittler ist, das verschwimmt in einer undurchsichtigen Brühe aus Ideologie und Interessen. Ob Politiker da Angst vor Emotionen in Medien und Gesellschaft haben, oder sich aufgrund der unklaren Faktenlage einfach von ihren eigenen Gefühlen leiten lassen, ist im Endeffekt egal. Es kommt jedenfalls am Ende eine Politik raus, die nicht mehr viel mit der realen Sachlage zu tun hat. Nur verhungern vielleicht Menschen, weil keine der Beteiligten Parteien ihrer Aufgabe ehrlich und auf Basis der Realität (die zugegeben oft schwer zu ergründen ist, aber immerhin haben wir eine Botschaft in Pjöngjang und damit sicherlich ein besseres Gefühl für die Realität als manch anderer Staat) nachkommen will. Ich finde das nicht gut und ich bin der Meinung, dass sich da alle Beteiligten nochmal bewusst machen sollten, wozu sie da sind. Dann würden auch nicht Meinungen das Handeln bestimmen, sondern Fakten. Aber daran ist leider scheinbar noch nicht mal die Journalistenkaste wirklich interessiert.

Was man aus den Berichten lernt

So, das war es erstmal mit: „Dem-Ärger-Luft-machen“. Ich mal kurz sehen, was wir sowohl aus Presse, als auch aus Fernsehmeldung an Infos rausziehen können. Der Bericht im Fernsehen demonstriert vor allem eine Tatsache recht plastisch. Diejenigen, die immer davon reden, dass das Militär Lebensmittel für sich abzwacken würde, die sollten sich den Bericht vielleicht nochmal kurz anschauen und dann ihr Argument überdenken. Ich verstehe erhrlichgesagt den Unterschied zwischen einem verhungernden Wehrpflichtigen (Zivildienst oder so is nicht) und einem verhungernden Kohle-Kumpel nicht. Beide brauchen offensichtlich was zu essen und wenn man nicht hilft, dann geht es mit Sicherheit beiden schlecht. Gibt man Hilfen, dann bestehen die Möglichkeiten, dass entweder einer von beiden (vielleicht mit einer größeren Wahrscheinlichkeit der Soldat, weiß ich nicht) oder beide etwas abbekommen. Ist es schon schlimm, wenn der Soldat und der Minenarbeiter was kriegen? Oder wird es erst dann schlimm, wenn der Soldat mehr oder alles kriegt? Oder ist es immer gut, jemandem vor dem Hungertod zu retten? Ich würde zu letzterem tendieren. Natürlich ist es nicht gut, wenn die Verteilung von Hilfen unfair verläuft. Aber ich würde mal gerne die Nothilfestelle sehen, wo am Ende nicht die Gewitztesten, Stärksten, oder Mächtigsten auf dem einen oder anderen Weg mehr als die Dümmeren, Schwächeren oder Machtlosen bekommen, allerdings ist das ein anderes Problem. Das also meine Meinung zu Soldaten und Nahrung.

Nicht so schlimm wie befürchtet, aber kritisch

Das Statement des FAO-Repräsentanten, so wie ich es mir aus den Artikeln zusammenbaut sagt ungefähr folgendes aus: Zum Glück hat der harte Winter und die Überflutungen in diesem Jahr nicht zu so weitreichenden Ernteausfällen geführt, wie das die Mission im März in Nordkorea war befürchtet hat. Daher wird der Versorgungsengpass nicht 886.000 Tonnen betragen sondern nur zwischen 600.000 und 700.000 Tonnen. Einerseits stellt das natürlich bis zu einem gewissen Grad das Budget in Frage, dass das WFP für die Notoperation aufgestellt hat. Andererseits ist das aber immernoch kein Pappenstiel. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch noch zu wissen, inwiefern die bilateralen Hilfen von Russland, immerhin 50.000 Tonnen in die Rechnung schon Eingang gefunden haben.

REUTERS gibt Sprechvorlage für das State-Department

Zum Artikel von REUTERS fällt mir noch etwas ein. Da steht am Ende der schöne Satz:

a variety of crops are nearly ready for harvest [Unterschiedliche Feldfrüchte sind fast erntereif]

Wenn man das so liest, dann hört sich das doch fast schon an wie die Vorbereitung eines Statements des US-State-Department: „Da jetzt geerntet wurde und jede Menge frische Feldfrüchte zur Verfügung stehen, sehen wir keine Notwendigkeit Hilfen zu gewähren. Wir werden die Situation aber weiter beobachten.“ Ein ganz armseliger Trick die Bewertung der Lage solange hinauszuzögern, bis sich die Lage geändert hat.

HSS: „Virtuelle Hungersnot“

Eine interessante Einschätzung zur Lage in Nordkorea gibt es übrigens von Bernhard Seliger, der soweit ich weiß, die Geschäfte der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul leitet. Er ist eher dem Lager zuzuordnen, das sich gegen Hilfen für Nordkorea ausspricht und schreibt von einer „virtuellen Hungersnot“ (wobei er auch öfter in Nordkorea zu tun hat und daher unmittelbare Erfahrungen vorweisen kann). Er kritisiert, wie es ja auch in der Kommentarspalte hier im Blog schon anklang, dass ausländische Hilfsorganisationen (er sagt nicht: „Das WFP“) aus Eigeninteresse zu willfährigen Helfern Pjöngjangs werden, da mehr zu verteilende Hilfen mehr Geld und mehr Personal bedeuten. Ansonsten liefert er eine sehr interessante Analyse der aktuellen Entwicklungen in Nordkorea, die ich nicht immer teile, die aber wie gesagt durchaus einige lesenswerte Ideen beinhaltet.

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