Nordkorea und Südostasien: Ein besonderes Verhältnis? (V): Nordkoreas „große außenpolitische Linien“


Die Staaten Südostasiens scheinen in der strategischen Planung Pjöngjangs eine besondere Rolle zu spielen, die sich vor allem an einem besonderen Engagement Nordkoreas und einem verstärkten Interesse anderer Mächte zeigt.

Doch was könnten Gründe für eine Sonderstellung Südostasiens in den Überlegungen Pjöngjangs sein und trifft die Annahme einer Sonderstellung überhaupt zu? In dieser Serie werde ich mich regelmäßig diesen Fragen widmen und mich dem Thema auf der Suche  nach möglichen Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln nähern…

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Nach einer angemessenen Pause von ungefähr sechs Wochen möchte ich mich wieder mal einem Thema widmen, das mir echt Spaß macht. Den Beziehungen Nordkoreas zu  Südostasien. Die Stammleser kennen meine Serie dazu ja schon, in der ich in bisher vier Beiträgen analysiert habe, ob die Beziehungen zwischen den Staaten Südostasiens und Nordkorea tatsächlich etwas „besonderes“ haben, welche Differenzen zwischen den einzelnen Staaten bestehen und woran sich die genannte „Besonderheit“ festmachen lässt (einfach die Karte oben anklicken und ihr habt alle Artikel der Serie in einer Reihe…).

Nachdem ich mit der Wahrnehmung geschlossen habe, dass die Beziehungen durchaus einen besonderen Wert für Pjöngjang zu haben scheinen, da man relativ viel Kapital  investiert, aber auch von manchen Staaten aus der Region dafür Unterstützung zu erhalten scheint, möchte ich mich im zweiten großen Block meiner Serie damit auseinandersetzen, worin diese Besonderheit begründet liegen könnte. Da die Staaten Südostasiens sozusagen vor der Haustür Pjöngjangs liegen (zumindest mittelbar), werden dabei vor allem räumliche Aspekte eine große Rolle spielen. Beginnen möcht ich aber mit einem Blick auf die „großen außenpolitischen Linien“, die für das gesamte außenpolitische Agieren Pjöngjangs kennzeichnend sind.

Die „großen außenpolitischen Linien“

Als solche großen Linien habe ich drei Aspekte ausgemacht. Zum einen ist es die Konkurrenz mit Südkorea um Anerkennung, weiterhin die Tatsache, dass Staaten häufig die Nähe zu Partnern suchen, mit denen sie historische oder ideologische Gemeinsamkeiten sehen und zuletzt sieht sich Nordkorea traditionell als Verfechter von globaler Süd-Süd-Kooperation. Mit diesen Punkten will ich mich in der Folge etwas ausgiebiger befassen.

Konkurrenz mit Südkorea

Wenn sich Staaten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spalteten und in der Folge als ideologische Konkurrenten agierten, verfolgten sie immer auch das Ziel, die Überlegenheit des eigenen Modells gegenüber demjenigen des verfeindeten Bruders zu demonstrieren. Das kann man in nahezu allen Politikfelder ausmachen (zum Beispiel auch in der „Sportförderung“ aka Dopingentwicklung) und eben auch im Bereich der Diplomatie.

Die Schwierigkeit Freunde zu finden, wenn der eigene Block sich auflöst…

Solange es die Blockgegensätze gab, war das Bild einigermaßen einfach. Um die Staaten im eigenen Block hatte man es nicht nötig zu werben und bei denjenigen im verfeindeten Block hätte es wohl meistens eh nichts gebracht. Es blieben noch die Staaten, die keinem Block angehörten, aber dazu später mehr. Nachdem der Kalte Krieg mit dem Zusammenbruch der meisten Ostblockstaaten zuende ging, wurde das Bild dieser diplomatischen Konkurrenz auch ein Anderes. Die Grenzen waren nicht mehr so klar und man hatte im Falle Nordkoreas auch kein so übermäßig großes Potential „natürlicher Verbündeter“ mehr. Es wurde also schwieriger, die eigene Anerkennung sicherzustellen und damit einer diplomatischen Isolation (die ja heute schon oft genug konstatiert wird) vorzubeugen. Ähnlich aber doch ganz anders war die Lage eine Zeitlang (und ist es mit leicht entspannten Vorzeichen bis heute) mit China und Taiwan. Auch hier gab es einen, oft mit Geld ausgetragenen, Wettbewerb um Anerkennung, in dem allerdings der „westliche“ Vertreter den Kürzeren zieht. Noch heute kann man dort hin und wieder von einem Wechsel der staatlichen Anerkennung dieses und jenes Inselstaates gegenüber der VR China und der Republik China lesen.

Ungünstige Wettbewerbsbedingungen

Nordkorea dürfte sich gezwungen sehen, auf diplomatischer Ebene immer wieder den Wettbewerb mit Südkorea um die Anerkennung und Unterstützung anderer Staaten aufzunehmen (siehe hierzu auch den entsprechenden Teil des hervorragenden Artikels von Peter Hayes zu den Konstituenten der nationalen Macht („power“) in Süd- und Nordkorea, bei dem leider die zweite Hälfte fehlt (was für unseren Zweck aber nicht so wichtig ist)). Deshalb ist es nur folgerichtig, dass es versucht, die Kontakte zu allen potentiellen Kandidaten warmzuhalten und so keinen Raum für eine Expansion des südkoreanischen Einflusses zu lassen. Wegen der extremen ökonomischen Übermacht Südkoreas, die sich zumindest zum Teil auch in politischen Einfluss übersetzen lässt, dürfte Pjöngjang immer auf der Suche nach möglichen Lücken sein (wo hat Seoul keine so starke wirtschaftliche Stellung), oder auf andere Aspekte der Verbundenheit, die nicht unbedingt ökonomischer Natur sind, Bezug nehmen.

Ideologische und historische Nähe

Und damit bin ich auch schon beim zweiten der oben genannten Punkte. Nordkorea versucht nämlich relativ erfolgreich, die geringe wirtschaftliche Relevanz dadurch wettzumachen, dass es sich auf ideologische Näher oder aber auf historische Verbindungen zu anderen Ländern beruft.

Die wenigen „Standhaften“ als ideologische Ankerpunkte

Zwar kam mit dem Ende des Kalten Krieges auch das Ende für den Großteil der sozialistischen/kommunistischen Staaten, jedoch nicht für alle. Verstreut über die Welt gibt es verschiedene Länder, die zumindest offiziell noch an ihrer Staatsdoktrin aus dem Kalten Krieg festhalten. Neben China, das wegen seines realkapitalistischen Staatssozialismus mitunter in unseren Breiten belächelt wird, ist zum Beispiel Kuba ein Beispiel hierfür. In Südostasien gehören Vietnam und Laos zu diesen Überbleibseln und in Afrika beispielsweise Tansania, wo trotz demokratischer Wahlen noch immer die ehemalige sozialistische Einheitspartei regiert. Mit all den genannten Ländern unterhält Pjöngjang gute Beziehungen, was vermuten lässt, dass die ideologische Nähe hier ein Faktor sein könnte. Allerdings ist zu bedenken, dass die nach außen getragene Ideologie in vielen der Fälle nicht unbedingt etwas mit dem System zu tun hat, was wiederum in eine andere Richtung deuten würde. Nämlich das die Beziehungen nicht zuletzt auf jahrzehntelange persönliche Kontakte und gegenseitiges Kennenlernen zurückzuführen sein könnten. Im Gegensatz zu vielen anderen Systemen kam es in diesen Staaten nicht zu revolutionären Umbrüchen und so sind noch heute Menschen in hohen Positionen, die man schon ewig kennt.

Kim Il Sungs Kumpels und durch Blut gestählte Freundschaften

Ein weiterer Aspekt aus diesem Feld ist die historische Nähe. Nordkorea hatte mit Kim Il Sung einen Führer, der nicht nur nach innen, sondern auch nach außen hin charismatisch wirkte. Er knüpfte persönliche Beziehungen zu einer Vielzahl von Staatenlernkern weltweit, die mitunter relativ tragfähig zu sein scheinen. Zwar haben viele seiner ehemaligen Kumpels so wie er mittlerweile das zeitliche gesegnet, aber manche der damals geknüpften Bande wirken über Generationen fort. Ein Beispiel hierfür ist Syrien, aber auch Kambodscha kann man in diese Kategorie packen. Vielleicht sogar ein bisschen Indonesien, wo sich die Freundschaft Kim Il Sungs mit dem ersten Präsidenten Sukarno bis in die heutige Zeit auswirkt. Außerdem haben nordkoreanische Soldaten sich öfter mal solidarisch an verschiedenen Konflikten beteiligt. So nahmen beispielsweise Piloten aus Nordkorea am Vietnamkrieg teil und kämpften an der Seite Ägyptens im Yom Kippur Krieg gegen Israel. Auch nach Simbabwe hatte Kim Il Sung seinem Freund Mugabe nordkoreanische Ausbilder geschickt.

Nicht nur historische Pluspunkte, auch Altlasten gibt es

Noch heut nutzen Nordkoreas Diplomaten häufig die Chancen die sich ihnen aufgrund historischer Beziehungen, die oft auf Basis persönliche Freundschaften geknüpft wurden, um einer möglichen politischen Isolation vorzubeugen und sich ein Netzwerk befreundeter Staaten in aller Welt zu bewahren. Das gilt auch für einiger Staaten Südostasiens, jedoch bei weitem nicht für alle. Während es im Fall Indonesien zumindest fraglich ist, kann man sich auf so etwas hinsichtlich der Philippinen, Thailand und Brunei nicht berufen. Gegenüber Myanmar schleppte Pjöngjang sogar sowas wie eine Altlast mit sich herum, da man 1983 versucht hatte, den damaligen Südkoreanischen Präsidenten Chun Doo-hwan mittels eines Bombenanschlags in Rangun zu töten (er selbst überlebte zwar, aber vier Minister seines Kabinetts und 17 weitere Personen kamen ums Leben), was man in Myanmar nicht gerade mit Begeisterung aufnahm.

Süd-Süd-Kooperation als traditioneller außenpolitischer Fokus

Auch den dritten oben genannten Punkt, nämlich die Tradition der Süd-Süd-Beziehungen in der nordkoreanischen Außenpolitik kann man mit den zuvor Genannten in Verbindung setzen.

Die Blockfreien-Bewegung

Nordkorea begann seit Mitte der 1960er Jahre aus wirtschaftlichen, aber auch dipomatischen Gründen den Kontakt zu Staaten zu suchen, die sich weder dem US- noch dem sowjetischen Block zugehörig fühlten. Ein bedeutendes Vehikel dazu stellte die Bewegung der Blockfreien Staaten dar, die sich 1961 gründete. Pjöngjang versuchte immer wieder die Juche-Philosophie als eine Art Entwicklungsmodell für dritte Weltstaaten zu exportieren und sich gleichzeitig eine Spitzenposition unter den Blockfreien zu erarbeiten. Diese Bemühungen waren von einigem Erfolg gekrönt und manche der Freundschaften Kim Il Sungs dürften durch diesen Rahmen ermöglicht worden sein. Dass die Blockfreien auch heute noch eine gewisse Rolle in den geostrategischen Überlegungen Pjöngjangs spielen, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass man auch heute noch sehr hochrangig auf deren Gipfeltreffen — zuletzt im Sommer in Teheran durch Kim Yong-nam — vertreten ist. (Ein sehr gutes Paper zum Thema Nordkoreas Süd-Süd-Engagement findet ihr hier).

Regionale Foki

Besondere regionale Foki lagen damals auf Südostasien, dem Mittleren Osten und Afrika, während Lateinamerika als „Hinterhof der USA“ der es damals nunmal war, für Nordkorea außer Reichweite lag, was ein realistisches Engagement betroffen hätte. Betrachtet man die heutigen Muster der nordkoreanischen Außenpolitik, dann zeigt sich, dass sie was die oben genannten regionalen Foki angeht, weitgehend fortgeschrieben wurde. Noch immer stellen Afrika, Südostasien und der Mittlere Osten wichtige diplomatische Schwerpunktgebiete dar, möglicherweise eben auch, weil durch das verstärkte Engagement in diesen Regionen persönliche Kontakte wuchsen und sich historische Bindungen entwickelten.

To be continued…

Die großen außenpolitischen Linien, die ich hier nur ansatzweise umrissen habe, soweit sie auch die Staaten Südostasiens direkt betrafen, stellen den Rahmen dar, in dem sich nordkoreanische Außenpolitik gegenüber diesen Regionen abspielt. Die Frage ist jetzt, ob diese großen Linien allein ausreichen, um das gesteigerte Interesse Nordkoreas an der Region  Südostasiens zu erklären. Möglich ist es, aber wenn man das diplomatische Engagement Pjöngjangs betrachtet und auch einen Blick auf die mediale Aufmerksamkeit wirft, die diese Region genießt, dann scheinen noch weitere regionenspezifische Aspekte eine Rolle zu spielen. Genau auf diese Aspekte möchte ich in meinen kommenden Beiträgen Bezug nehmen. Mir fallen da zwei bis drei ein, die gute ergänzende Erklärungen für den beschriebenen Sachverhalt bieten können.

Nordkoreas künftige diplomatische Strategie: Offene Fragen im Vorfeld des Blockfreien Gipfels in Teheran


Nordkorea wird auf dem Gipfeltreffen der Blockfreien Staaten (eine relativ große Gruppe von Staaten, die sich während des Kalten Krieges keinem der Machtblöcke zuordnen wollte und die auch heute noch ihre Daseinsberechtigung hat, wenn man die Beeinflussungsversuche der USA auf die Gruppe mal anschaut) vom 26. bis zum 31. August in Teheran durch Kim Yong-nam, den Vorsitzenden des Präsidiums der Obersten Volkskammer Nordkoreas (und damit Stellvertreter Kim Il Sungs als Präsident, solange der unpässlich ist (was vermutlich noch sehr lange dauern wird)) vertreten werden.

Gerüchte um einen Besuch Kim Jong Uns in Teheran

Damit haben sich endgültige alle Gerüchte um eine Teilnahme Kim Jong Uns an diesem Gipfel erübrigt. Diese waren aufgekommen, nachdem ein Sprecher der iranischen Regierung von iranischen und aserbaidschanischen Medien mit der Aussage zitiert worden war, Kim Jong Un werde an dem Gipfel teilnehmen. Darauf hatte die iranische Seite mit einem entschiedenen Dementi reagiert. Ein solcher Vorgang wäre aber auch von der politischen Aussagekraft irgendwo zwischen ungeheuerlich und undenkbar anzusiedeln gewesen, denn was für ein Signal das ausgesendet hätte, wenn die erste Auslandsreise Kim Jong Uns nicht nach China, zum lebensnotwendigen Stützer des Regimes, gegangen wäre, ist ja selbstredend. Wäre diese Reise dann aber noch zu den Blockfreien gegangen (oben habe ich ja den ursprünglichen Zweck der Gruppe genannt), dann wäre ein deutlicherer Affront kaum vorzustellen. Grundsätzlich wäre eine solche Reise aber auch nicht absolut unwahrscheinlich, denn immerhin hatte Mahmud Ahmadinedjad Kim Jong Il erst 2010 zu einem Besuch eingeladen. Nicht undenkbar also, dass Kim Jong Un dieser Einladung irgendwann in Vertretung nachkommt. Nur eben nicht in der gegebenen Situation, sondern dann wenn dem „Protokoll“ mit dem wichtigen Verbündeten China und vielleicht dem potentiellen „zweitverbündeten“ Russland Genüge getan wurde.

Denkanstöße

Nichtsdestotrotz haben die Gerüchte um Kim Jong Uns Reise zwei bis drei Überlegungen bei mir angestoßen. Dabei geht es einerseits um Nordkoreas außenpolitische Ausrichtung unter der neuen Führung und ob davon etwas auf dem Blockfreien Gipfel erkennbar werden wird, weiterhin darum was man in Pjöngjang tun wird, wenn Kim Yong-nam irgendwann ausfällt und damit verbunden um die Frage, welches außenpolitische Profil Kim Jong Un auf den Leib geschneidert werden wird.

Der Blockfreien Gipfel in Teheran: Mögliche Erkenntnisse.

Nordkorea hat nach dem Tod Kim Jong Ils recht schnell seine Diplomaten wieder an die Arbeit geschickt und zu allerlei Besuchen ausgesandt. Dabei standen besonders die Staaten Südostasiens im Fokus, von denen allein Kim Yong-nam in diesem Jahr vier beehrte. Im Zentrum standen dabei wirtschaftliche Fragestellungen. Gleichzeitig wurde China im Verhältnis eher weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Möglicherweise versucht man in Pjöngjang zurzeit die diplomatischen wie die wirtschaftlichen Beziehungen des Landes zu „diversifizieren“ und damit den immer eklatanter und drückender werdenden Klammergriff des übermächtigen Freundes China ein Stück herauszukommen.

Hierfür böte der Blockfreien Gipfel sicherlich ein gutes Spielfeld, denn es gibt nur selten so viele Staats- und Regierungschefs zu treffen, die häufig wirtschaftlich ebenfalls mit Problemen zu kämpfen haben und auf der Suche nach Freunden sind. Daher dürfte interessant zu beobachten sein, wen Kim Yong-nam mit nach Teheran nimmt (eine wirtschaftslastige Delegation? wie „schwergewichtig“?) und mit wem er sich dort zusammensetzt („nur“ die „üblichen Verdächtigen“ aus Südostasien und Afrika (wohin er auch oft gereist ist) oder Vertreter, die man vielleicht nicht so auf dem Zettel hat?). Dabei dürften ihm seine hervorragenden Kontakte sicherlich zugutekommen, die er über Jahrzehnte seines diplomatischen Engagements aufgebaut hat.

Nordkoreas Diplomatie ohne Kim Yong-nam. Wie wird das gehen?

Und damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt. Denn für gewöhnlich ist man nicht mehr der Jüngste, wenn man auf Jahrzehnte diplomatischen Schaffens zurückschauen kann. Auch bei Kim Yong-nam ist das so. Mit 84 Jahren hat er ein Alter erreicht, in dem die Meisten auf ihrem Altenteil ihren Ruhestand genießen, jedenfalls wenn sie nicht schon einen Schritt weiter sind, im natürlichen Lebenslauf.

Nicht so Kim Yong-nam. Wie gesagt: Der alte Herr macht pro Jahr noch mehrere Auslandsreisen und wenn er das nicht macht, empfängt er allerlei Außenminister, Botschafter und andere Besucher. Er ist also gut beschäftigt. Allerdings ist absehbar, dass er das nicht mehr ewig tun können wird (man braucht wohl nicht sehr viele Hände, um die Zeit, in der das so weitergeht anzuzählen) und das wirft dann natürlich die Frage auf, was ist dann? Natürlich gibt es in Pjöngjang einige diplomatische Schlachtrosse, die ebenfalls schon lange im diplomatischen Feld tätig sind, z.B. der aktuelle Außenminister Pak Ui-chun, aber niemand hat auch nur annähernd eine solche Erfahrung und vor allem eine solche Vielzahl persönlicher Kontakte sammeln können wie Kim Yong-nam.

So einer will erstmal ersetzt werden und m.E. ist das auch nicht unwichtig, will sich Pjöngjang in den kommenden Jahren tatsächlich stärker nach außen orientieren und zwar nicht nur einseitig in Richtung China. Es bleibt also zu beobachten, ob man in Pjöngjang nicht irgendwann doch mal anfängt, eine Art Nachfolger aufzubauen. Oder aber, ob Kim Jong Un das außenpolitische Repräsentieren und Netzwerken möglicherweise sogar zur Chefsache macht.

Kim Jong Un als Außenpolitiker: Welches Profil?

Und damit haben wir den Sprung zum letzten bedenkenswerten Punkt geschafft. Kim Jong Un wird nicht umhin kommen, außenpolitisch aktiv zu werden und was bisher von seiner Imagebildung und vielleicht auch dem, was seine Persönlichkeit sein könnte, bekannt wurde, ist zu erwarten, dass er das anders tut, als sein Vater. Kim Jong Il war sehr scheu und vermied als Führer seines Landes Auslandsreisen. Soweit das bekannt ist, besuchte er nach 1990 mit China und Russland nur zwei Länder (wenn auch mehrfach) und reiste immer (was irgendwie exzentrisch schien) mit seinem Panzerzug. Kim Jong Un scheint weniger scheu und erinnert Beobachter in Aussehen und Wesen (oder dem was von seinem Wesen vermittelt wird) eher an seinen Großvater, den volksnaheren und offeneren Kim Il Sung.

Der Gedanke ist daher nicht abwegig, dass auch Kim Jong Uns außenpolitisches Profil eher dem des Großvaters ähneln wird. Der hatte viele persönliche Beziehungen zu Führern in aller Welt aufgebaut, von denen die nordkoreanische Diplomatie zum Teil noch heute zehrt (z.B. fallen mir da Indonesien und v.a. Kambodscha ein). Aber solche Beziehungen kommen natürlich nicht von selbst. Dazu gehört viel Reiserei und viel Treffen mit ausländischen Führern. Will Kim Jong Un das leisten und damit möglicherweise zur Diversifizierung der außenpolitischen und wirtschaftlichen Beziehungen seines Landes beitragen, dann muss er schon bald mit der Reiserei anfangen.

Wie gesagt: Die erste Reise wird mit höchster Wahrscheinlichkeit nach China gehen. Aber danach wird es interessant werden. Folgen danach in nicht allzugroßen Abständen Besuche in kleineren Staaten, vielleicht zuerst Südostasiens? Oder beschränkt er seine Reisediplomatie weitgehend auf dei wichtigen Verbündeten. Das wird im nächsten Jahr ein Thema sein, dass ich sehr aufmerksam beobachten werde und wenn er erstmal ein bisschen gereist ist, wird sich etwas genauer herauskristallisieren, in welche Richtung sich Nordkorea in Zukunft entwickeln wird.

Fragen die man im Auge behalten sollte

Es gibt also einige Dinge zu beobachten in den nächsten Tagen, aber auch Monaten und Jahren:

  • Wie verläuft der Blockfreien Gipfel aus nordkoreanischer Sicht?
  • Wird ein Ersatzmann für Kim Yong-nam aufgebaut?
  • Kann Kim Yong-nam seine Geschäfte weiterhin uneingeschränkt führen?
  • Wann reist Kim Jong Un zum ersten Mal nach China?
  • Wohin tritt Kim Jong Un seine ersten Reisen nach dem Chinabesuch an?
  • Wie tritt er gegenüber ausländischen Gastgebern auf?