Verhaltener Optimismus ist angesagt: Kommt die Annäherung zwischen den Koreas endlich in die Gänge?


Gestern erinnerte mich eine Meldung aus den Radionachrichten daran, dass ich wohl nochmal was für mein Blog tun muss. Da wurde mitgeteilt, dass in Incheon auf den Asienspielen eine hochrangige nordkoreanische Delegation die Abschlussveranstaltung besucht habe und im Rahmen dieser Reise auch mit Vertretern Südkoreas, darunter Premierminister Chung Hong-won zusammengetroffen sei. Unter anderem sei vereinbart worden Ende Oktober/Anfang November ein weiteres hochrangiges Treffen abzuhalten. Natürlich weckt ein solches Treffen Hoffnungen auf eine Verbesserung der Beziehungen beider Koreas und damit auf eine Entspannung der Gesamtsituation rund um Nordkorea.
Weil ich die Entwicklungen auf der Koreanischen Halbinsel schon etwas länger beobachte und darin schon einige Aufs und Abs gesehen habe, bin ich selten — und auch dieses Mal nicht — euphorisch, aber momentan durchaus positiv interessiert an den jüngsten Entwicklungen. Daher will ich mal versuchen eine Einschätzung über Bedeutung und Reichweite des Besuchs zu treffen.

Kim Jong Uns Abwesenheit… So schlimm kanns nicht sein.

Dazu möchte ich zuerst kurz auf den Rahmen eingehen. Einerseits fällt dabei auf, dass die Reise zu einem Zeitpunkt stattfand, da über die Gesundheit und den Verbleib Kim Jong Uns spekuliert wird. Kim hat seit Anfang September keine öffentlichen Termine mehr absolviert und war kurz zuvor in einem Fernsehbeitrag humpelnderweise zu sehen gewesen, was wie üblich dazu führte, dass internationale Medien über so ziemlich jede erdenkliche Krankheit nachdachten, die er wohl haben könnte (mich überrascht nur, dass ich über das Nächstliegende nichts lesen konnte, nämlich dass er sich bei einem flotten Match mit seinem Superbuddy Dennis Rodman das Knie verdreht hat). All das kann etwas bedeuten (Kim Jong Ils Abwesenheitszeiten 2008 waren beispielsweise wohl schlaganfallbedingt), muss es aber nicht.
Dass man das in diesem Fall nicht überbewerten sollte, zeigt gerade die Reise, um die sich dieser Artikel eigentlich dreht. Denn in Zeiten der Unsicherheit, wenn die Kräfte eher nach innen gebündelt werden müssen, dann wendet sich das Regime nicht nach außen. Jedenfalls nicht auf „positive“ Art und Weise (meine These ist, dass das Regime manchmal in Zeiten inneren Wandels aggressiv nach außen agiert, einerseits um die Funktionsträger im Inneren zu einen, andererseits um vor Avancen von außen Ruhe zu haben). Dass das jetzt passiert kann man im Umkehrschluss als Zeichen dafür deuten, dass sich das Regime recht sattelfest fühlt und deshalb auch mal einige personelle Spitzenressourcen auf die Außenbeziehungen verwenden kann.

Spannend: Das nordkoreanische Personal für Incheon hat Signalwirkung

Mit Blick auf diese personellen Spitzenressourcen kommt der zweite Aspekt, der aufmerken lässt. Denn wenn man sich die Leute mal näher anschaut, die da gefahren sind, dann ist das durchaus eine spannende Konstellation. Aber um das zu verstehen brauch man ein bisschen Background:

Vor einer guten Woche ließ eine Meldung aufhorchen, nach der Choe Ryong-hae — lange hoch gehandelt im vollkommen undurchsichtigen Machtgefüge des Regimes — vom Posten des stellvertretenden Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission degradiert worden sei. KCNA schrieb dazu den lapidaren Satz:

It recalled Deputy Choe Ryong Hae from the post of vice-chairman of the National Defence Commission (NDC) of the DPRK due to his transfer to other post

Wer sich mit der Sprache der nordkoreanischen Medien ein bisschen beschäftigt, der weiß, dass da viel mehr drin stecken kann. Beim lesen dieser Nachricht kann die nicht ganz unberechtigte Erwartung aufkommen, dass dies das letzte Mal war, dass man etwas von Choe Ryong-hae in den nordkoreanischen Medien gehört, gesehen oder gelesen hat. Aber immer ist das eben nicht so. Choe ist noch da und ist nach Incheon geflogen. Zusammen mit Hwang Pyong-so (den ich vor drei Jahren schonmal etwas näher angeschaut hatte, aber wie immer viel ausführlichere und bessere Infos bei NK Leadership Watch). Über den stand auch was in dem KCNA-Artikel, der auf Choe Ryong-haes Degradierung hinwies. Nämlich:

It elected Deputy Hwang Pyong So to fill the vacancy as vice-chairman of the NDC of the DPRK

Also ist Choe quasi mit seinem Nachfolger nach Incheon geflogen. Interessant. Allerdings auch wieder nicht so extrem interessant, wie es auf den ersten Blick scheint, denn Choes verbliebener Job ist der des Vorsitzenden der State Physical Culture and Sports Guidance Commission, er ist also quasi der zweite zuständige Mann.
Der dritte im Bunde war mit Kim Yang-gon ein „üblicher Verdächtiger“, den man bei so einer Initiative in den innerkoreanischen Beziehungen erwartet hätte, weil er einer derjenigen in den Reihen des Regimes ist, die für die innerkoreanischen Beziehungen zuständig sind und scheinbar auch im Süden ein gewisses Ansehen besitzen.

Die Delegation bestand also quasi aus zwei Zuständigen plus einem Wichtigen, was da durchaus ein positives Signal draus strickt. Allerdings würde ich die Sache mit Choes Degradierung und seiner Reise noch nicht direkt ganz außer Acht lassen wollen, denn mal ganz ehrlich: Könnt Ihr Euch vorstellen, dass das Regime in Pjöngjang jemanden in den Süden fahren lässt, dem es nicht vertraut? Also bleibt Choe interessant. Ich werde ihn jedenfalls auf dem Zettel behalten.

Erstmal wenig Haare in der Suppe

Auch die Reise an sich bleibt spannend, denn das Regime in Pjöngjang scheint sich gut und sicher zu fühlen (was man aus der Tatsache folgern kann, dass überhaupt Signale gesendet werden, sowie aus der Gruppenkonstellation) und es scheint positive Signale in den Süden senden zu wollen (was man an der „konstruktiven“ Gruppenzusammenstellung sehen kann). Das ist erstmal ein gutes Zeichen, denn auch der Süden hat konstruktiv reagiert und damit besteht erstmals seit zumindest vier Jahren die Chance, einen echten Gesprächsfaden zu knüpfen und eine echte Besserung der Beziehungen zu bewirken.

Perspektive: Wie stehen die Chancen für eine Annäherung

Ob das dann wirklich passieren wird, das ist jedoch noch keinesfalls sicher.
Einerseits sind die Ziele des Nordens, mit denen die Initiative gestartet wurde nicht bekannt und da der Norden bei Nichterreichung solcher Ziele häufiger mal frustriert reagiert, kann das schnell wieder am Ende sein. Hier ist aber positiv anzumerken, dass auch die Gegenseite um diese niedrige Frustrationsschwelle weiß und erstmal sehr offen reagiert hat. Daher gibt man sich zumindest mal Mühe, aber wenn Ziele unvereinbar sind, kann man sich noch so viel Mühe geben, am Ende kommt man nicht zusammen.
Andererseits haben wir ja leider keine geschlossene Versuchsanordnung. Es passieren oft Dinge, die auf solch sensible Prozesse wie die mögliche Annäherung der Koreas einwirken. Dafür sehe ich vor allem Risiken im Norden, denn einerseits kann es ja durchaus sein, dass Kim Jong Un nicht ganz fit ist, dann hängt das Ganze permanent am seidenen Faden (kein Führer lässt zu, dass entscheidende Dinge verhandelt werden, während er nicht voll handlungsfähig ist); Andererseits ist die Neuorganisation seines Regimes vermutlich immer noch nicht abgeschlossen und wenn es in diesem Feld zu entscheidenden Verwerfungen kommt, verliert alles außenpolitische erstmal wieder an Priorität. Optimistisch stimmt mich hier, dass der Zeitraum bis zum nächsten hochrangigen Treffen verhältnismäßig kurz angesetzt ist. Auch das deutet wieder den Willen an, tatsächlich was hinzukriegen.

Was man im Auge behalten sollte

Wie ihr lest, bin ich verhalten optimistisch und hoffe, dass ich in ein paar Wochen von positiven Entwicklungen auf einem innerkoreanischen Treffen berichten kann.
Bis dahin werden verschiedene Dinge zu beobachten sein, die eine Perspektive für die Entwicklung der Verhandlung geben werden:

  • Was macht Kim Jong Un? Taucht er wieder ganz normal auf und geht seinen Geschäften nach, ist er sichtlich angeschlagen oder bleibt er gar noch länger weg? Bei negativen Nachrichten für Kim Jong Un würden auch die Chancen für ein erfolgreiches hochrangiges Treffen sinken.
  • Bleibt das Regime im inneren Ruhig? Wenn Nachrichten über Degradierungen oder sonstige Zeichen für innere Unruhe (Autounfälle z.B.) nach außen dringen, dann bedeutet das, dass das Regime mit sich selbst zu tun hat und sich vermutlich nicht an zwei Fronten (Innen und Süden) ernsthaft engagieren will.
  • Zuletzt wird auch die Reibungslosigkeit der Vorbereitungen vieles über die Perspektiven des Treffens sagen. Wenn es im Vorfeld permanent Geplänkel um Ort, Zeit, Personal etc. gibt, dann kann man davon ausgehen, dass der Norden auf dem Absprung ist und nurnoch die Rechtfertigung finden will. Auch hier lief die Anbahnung des ersten Treffens so still und reibungslos ab, dass man erstmal vom guten Willen beider Seiten ausgehen muss und damit optimistisch sein kann.

Zu dem Thema werden wir uns in ein paar Wochen ganz sicher wieder lesen. Ich hoffe mit positiven Meldungen.

Wieder da: Was man über Nordkorea (nicht) aus den Nachrichten erfahren kann


So, da ist er also jetzt, der große Tag an dem ich es endlich mal wieder hinkriege, mich an den PC zu setzen und was zu schreiben. Mein Leben normalisiert sich allmählich wieder, ich bin im neuen Job so langsam ein bisschen eingearbeitet und meine neue Wohnung ist so weit eingerichtet, dass ich zumindest mal Gäste empfangen kann, ohne mich zu schämen. Kurz: Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich meinem Hobby widme und deshalb tue ich das jetzt auch mal wieder.

Wenn man seine Infos über Nordkorea aus den Nachrichten bezieht…

In den letzten Wochen habe ich die Erfahrung gemacht, die Millionen Deutsche permanent machen, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Ich habe die gesamten Infos, die ich über Nordkorea bekam aus Fernseh- und Radionachrichten bezogen und wenn ich mich nicht täusche war das in den letzten beiden Monaten folgendes:

Was kann man daraus lernen? Naja, wenn man keinen Kontext zu Nordkorea hat,  sich also nicht schon länger mit dem Land beschäftigt eigentlich nicht wirklich viel. Klingt alles nach dem üblichen Nordkorea-Kram. Großteils ist es das auch: Die Geschichte mit dem Nahrungsmittelknappheit melden kommt jedes Jahr. Raketentesten wird manchmal gemacht, hat bei Nutzung dieser Modelle wohl eher interne Gründe (üben und so), aber ist auch ein Signal nach außen (macht man nicht wenn alles rund läuft), worauf auch die ins-Wasser-Schießerei hindeutet.
Am Interessantesten von diesen Nachrichten fand ich die Meldung zum angedrohten Atomtest. Warum? Die Drohung zieht für gewöhnlich die Umsetzung selbiger nach sich, was einen ganzschön langen Rattenschwanz an weiteren Entwicklungen zur Folge haben wird. Man wird über Sanktionen diskutieren, vielleicht welche beschließen, daraufhin wird sich Pjöngjang zu irgendwelchen Gegenmaßnahmen genötigt sehen, was eine Eskalationsspirale in Gang setzen wird (vielleicht erinnert ihr euch ja noch an den Hype im letzten Jahr. Damals fing irgendwann auch mal alles mit der Ankündigung eines Atomtests an und dann drehte Pjöngjang kräftig am Rad, bzw. der Spirale). Vielleicht fühlt man sich in Nordkorea aufgrund der deutlichen Entfremdung zwischen Moskau und dem Westen bemüßigt mal auszuprobieren, ob das auch die Kooperationsfähigkeit im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mindert. das würde man sehr schnell erfahren, wenn man eine Atombombe testen würde. Naja, jedenfalls war die Drohung mit einem Atomtest definitiv die einzige Nachricht, die ich in den zwei Monaten gehört habe, die mich wirklich aufhorchen ließ.
Die Rezeption der Ukraine-Krise durch Nordkorea werden wir uns jedenfalls bei Gelegenheit mal genauer anschauen müssen, denn eine der zentralen Überlebensstrategien des nordkoreanischen Regimes war es bisher, sich ändernde weltpolitische Konstellationen und damit sich bietende Räume zum Luftholen zu eigenen Gunsten zu nutzen. Eine solche Chance könnte sich gerade bieten. Aber das nur als kurze Randnotiz.

…kann man einfach nicht bescheidwissen.

Was ich eigentlich nur sagen will: Wenn man kein gesteigertes Interesse an Nordkorea hat und sich deshalb nicht bemüht, vernünftige Infos zu bekommen, wird man nicht in der Lage sein, sich ein auch nur halbwegs vernünftiges Bild von dem Land zu machen. Ich konnte mir in den letzten zwei Monaten auch kein annähernd sinnvolles Bild davon machen, was in Nordkorea passiert ist. Das habe ich eben nachzuholen versucht. Die Erkenntnis, es ist definitiv mehr Wichtiges passiert, als aus unseren Medien bei oberflächlichem Konsum zu entnehmen war.

Was wichtig ist: Choe Ryong-haes Degradierung

Mein Highlight, auf das ich kurz eingehen möchte, ist die Degradierung Choe Ryong-haes. Nachdem Kim Jong Un vor ihm schon eine ganze Reihe anderer Leute (erstaunlicherweise jedesmal überraschend für die Beobachter) abserviert hat, von denen man eigentlich angenommen hatte, dass sie unentbehrlich sind, war Choe eigentlich aktuell der gesetzte Mann auf der „unentbehrlich-Position“. Naja, ist er jetzt nicht mehr. Was genau mit ihm passiert ist und wie tief sein Fall war, das kann man aktuell noch nicht genau sagen. NK Leadership Watch vermutet, dass er ins Sekretariat der Partei einsortiert wurde (was irgendwie wie die Regierung ist, nur im Falle Nordkoreas mächtiger als die nominale Regierung), was immernoch ziemlich wichtig ist, aber nichts desto trotz eine Degradierung.
Ich werde mir jetzt einfach mal sparen, zu beschreiben, welche Rolle Choe im Regime gespielt hat und wer ihn jetzt ersetzt und welche Schlüsse über die Funktionen der Regimeinternen Feinmechanik man daraus schließen kann, weil ich denke, das ist verlorene Liebesmüh. Ich hab  ja schon wiederholt gesagt, dass es mittlerweile viel Motivation erfordert, die ständig wechselnden Namen der wichtigen und wichtigsten Leute im Regime zu lernen und ich habe nicht vor, mir diese Arbeit anzutun, solange die Unruhe, die Kim umgibt weiterbesteht. Das heißt, solange seine Führung nach Kims Ansicht nicht konsolidiert ist, werden die wichtigen und wichtigsten Leute in Pjöngjang weiter auf Schleudersitzen hocken und die eigentlich spannende Nachricht wird sein, wenn mal für eine wirklich längere Periode kein Wechsel in der Führung mehr zu verzeichnen ist, denn erst dann wird sich Kim wieder ernsthaft anderen Themen als der Konsolidierung seiner Macht zuwenden und dann macht es auch wieder wirklich Sinn, Namen zu lernen und Lebensläufe anzugucken. Bis dahin wird es wohl reichen, eine Statistik über die Abgänge zu führen.

Naja, das war es erstmal von meiner Seite mit einer ersten vorsichtigen Annäherung an Nordkorea nach zwei Monaten wirklich großer thematischer Ferne…

Schöne Studie des KINU zu Nordkoreas Machteliten


Bei der Betrachtung des Handelns der nordkoreanischen Führung, durch mich und andere, z.B. Qualitätsmedien, dürfte vielen von euch schonmal aufgefallen sein, wie wenig man eigentlich über die Gründe des Handelns, die Ziele und sogar über maßgebliche Akteure dort weiß. Mitunter führt das dazu, dass Nordkoreas Führung als „Black Box“ gesehen wird, deren Handlungen kaum zu  analysieren, zu bewerten oder gar vorherzusagen sind. Oder aber es werden teils abstruse (oder abstrus klingende) Theorien über die Entscheidungsfindung entwickelt und als gegeben gesetzt, die dann als Basis für Analysen dienen, die erstaunlicherweise am Ende teils abstrus erscheinende Ergebnisse haben.
Die einfachste ist beispielsweise die vom irren Diktator. Hier schwingt implizit die Annahme mit, der Führer Nordkoreas habe absolute Autorität und Entscheidungskompetenz und sei daneben „irre“ handle also irrational und damit nicht  vorhersehbar. Das gute an dieser Theorie: Man kann damit nahezu alles Vergangene erklären. Das Schlechte: Man kann damit keinerlei Vorhersagen über die Zukunft treffen. Der Pferdefuß: Warum sollte ein Regierungsapparat einen offensichtlich Irren an seiner Spitze dulden, wo Irrsinn doch ein großes Risiko von fatalen Fehlern mit sich bringt.
Naja, das war jetzt ein bisschen überspitzt, aber es gibt durchaus die eine oder andere Theorie oder Annahme über die Struktur, die Motivationen und die Mitglieder der nordkoreanischen Führung, aber viele davon haben irgendwo ihre Schwächen und Pferdefüße. Daher geht es nicht nur mir so, dass es irgendwie sehr komplex und kaum fassbar scheint, die Führung Nordkoreas in einem ersten Schritt zu beschreiben und dann mit geeigneten Hilfsmitteln zu analysieren. Ich versuche es trotzdem hin und wieder, aber im  Endeffekt bin ich mir bewusst, dass es nicht mehr als unsystematische Versuche  sind, nicht validierbares zu erklären. Im Bewusstsein dieser Problematik finde ich es immer mal schön, wissenschaftlich ausgearbeitete Texte zu Funktionsweisen und Strukturen der Führung in Pjöngjang zu lesen.

Studie zu den Machteliten Nordkoreas

Daher habe  ich mich eben gefreut, als ich auf der Suche nach ganz was Anderem auf der Seite des Korea Institute for National Unification die schöne knapp 70-seitige Analyse: „Study on the Power Elite of the Kim Jong Un Regime“ (hier lang zu Studie, dann einfach auf das PDF-Piktogramm wo „Eng“ drinsteht klicken) gesehen habe. Ich hab sie mir auch gleich durchgelesen, was ich euch auch herzlichst empfehle, will aber in aller Kürze das zusammenfassen, was für mich wichtig bzw. bemerkenswert war:

Einschränkungen

Der methodische Teil der Studie zeigt bereits auf, wo die Schwierigkeiten bei der Analyse der Führung Nordkoreas liegen. Denn einerseits wird angemerkt, dass die meisten Erklärungsmodelle für Nordkoreas Führungssystem nur unter Vorbehalt genutzt werden könne, weil sie nicht zu verifizieren sind. Andererseits wird schnell klar, dass Informationen über Mitglieder der nordkoreanischen Führung nur sehr begrenzt vorliegen. Bei Personen die nicht zur absoluten ersten Reihe des Regimes gehören, ist oft nicht mehr als der Name und daraus abgeleitet das Geschlecht bekannt. Über Alter, Geburtsort oder gar weitere Aspekte der Vita gibt es bei großen Teilen des Führungszirkels keine Informationen. So ist bei etwa einem Drittel der Mitglieder des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas und bei Dreivierteln ihrer Stellvertreter das Alter nicht bekannt. Die Zahlen für Herkunft und Ausbildung sind nochmal höher. Diese Einschränkungen machen nochmal schön deutlich, wie wenig wir wissen und wie eingeschränkt Analysen daher auch nur möglich sind.

Modelle zur Erklärung des Regimehandelns

Nichtsdestotrotz bietet die Studie einige Analyserahmen an, die gut nutzbar sind, um damit die inneren Vorgänge in  Nordkorea zu erklären. Die Studie geht dabei davon aus, dass die Entscheidungen und damit das Handeln in Nordkorea nicht allein von Kim Jong Un bestimmt werden, sondern dass es Konfrontationen und Konflikte innerhalb der Eliten gebe, aus denen im Endeffekt die Ergebnisse der Politik resultierten, die wir beobachten können. Diese Annahme splittert sich dann entlang der Frage, wo die Konfliktlinien innerhalb der Eliten verlaufen in unterschiedliche, aber nicht unbedingt gegensätzliche Erklärungsmodelle auf:

  • Das „policy tendency“ Modell geht davon aus, dass es innerhalb der Führung zwei Gruppen gibt, die im Konflikt um die politische Ausrichtung des Landes stehen. Eine Gruppe steht dabei für eine eher technokratische, effizienzorientierte Herangehensweise, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zum Ziel hat, die andere steht für ideoligsche Reinheit, beispielsweise durch die Fortsetzung der Militär-zuerst-Politik.
  • Das „bureaucratic politics“ Modell sieht den Wettbewerb zwischen unterschiedlichen funktionalen Einheiten, Institutionen und Organisationen im Vodergrund, die um Macht und die Durchsetzung eigener Interessen kämpfen.
  • Das „factionalism-power“ Modell erklärt die Politik ähnlich wie das vorgenannte Modell als Konfikt um Interessen und Macht, nur dass dieser Konflikt nicht durch formelle bürokratische Strukturen ausgefochten wird, sondern durch unterschiedliche informelle Faktionen innerhalb des Regimes.
  • Das „patron-client“ Modell schließlich zielt ebenfalls auf informelle Beziehungen ab, sieht jedoch nicht so sehr Gruppen im Vordergrund, sondern individuelle Beziehungen zwischen nicht gleichrangigen Akteuren, die sich durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen auszeichnen und auf Basis von Familienbeziehungen, gemeinsamen Erfahrungen etc. ergeben. Aus einer Vielzahl solcher Patron-Klient-Verhältnisse können dann komplexe Loyalitätennetzwerke entstehen, die auch Vertikal und über Organisationsgrenzen hinweg wirken.

Wenn ihr hin und wieder einen Artikel über Nordkorea gelesen habt, der sich mit den inneren Vorgängen im Regime befasst, dann dürften euch zumindest einige dieser Erklärungsansätze bekannt vorkommen. Aus diesem Arsenal speist sich je nach zu erklärendem Phänomen, Wissensstand oder persönlicher Vorliebe des Autors ein Großteil der Regimeanalysen und ich bin mir sicher, dass jedes der oben genannten Instrumente eine gewisse Erklärkraft besitzt. Leider weiß ich und auch sonst niemand, wie sich das Anteilig aufteilt. Aber es ist doch immerhin schonmal was, ein paar Werkzeuge zu haben.

Konkrete Analyse

Aber nicht nur die methodische Vorgehensweise, sondern auch die konkrete Analyse des Regimes ist nicht unspannend. So zeigt sich, dass mindestens 61 Prozent der Mitglieder des ZK der PdAK zwischen 60 und 90 Jahren alt sind. Bedenkt man dann aber noch, dass von 33 Prozent der Mitglieder kein Alter bekannt ist, dann ist klar, dass diese Lenkungsinstitution nicht gerade vor Jugend strotzt. Auch die Bedeutung von Blutsverwandtschaften wird hier nochmal klar hervorgehoben. So sind wirklich viele enge Verwandte ehemaliger Spitzenfunktionäre im heutigen ZK zu finden. Allein die Blutsverwandten Kim Il Sungs stellten ab 2010 deutlich über 5 % der Mitglieder des ZK.
Weitere interessante Hinweise beschäftigen sich mit persönlichen Netzwerken, die sich über gemeinesame Tätigkeiten ergeben. Hier geht es zentral um das Netzwerk von Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek, dem eine Vielzahl der absoluten Spitzenkräfte des Regimes zugerechnet werden (darunter aber auch ein paar, die von den Säuberungswellen der letzten Jahre weggespült wurden).

Sehr spannend finde ich auch die statistischen Netzwerkanalysen, mit denen die Autoren das Elitennetzwerk Nordkoreas beleuchten. Hier zeigt sich mehreres. So ist das Netzwerk um Kim Jong Un zwar dichter, es sind also häufiger die gleichen Personen, die auftreten, aber auch weniger konzentriert. Das bedeutet, dass das Netzwerk nicht so sehr unizentrisch ist, sondern neben der Person Kim Jong Uns weitere kleine Zentren innerhalb des Netzwerkes (z.B. Jang Song-thaek und Choe Ryong-hae) bestehen.
Weiterhin wird gezeigt, dass Kim Jong Un, anders als sein Vater, weniger „Machtvorsprung“ vor anderen Führungsfiguren des Regimes hat. Weiterhin zeigt sich, dass seine Führungstruppe (also mächtige Leute), ein gutes Stück jünger ist, als die seines Vaters. Es scheint also so zu sein, als würde Kim Jong Un seine Macht mehr teilen und das mit jüngeren Leuten.
Was den Einfluss von Institutionen angeht, zeigt sich, dass die Führungsfiguren des Militärs unter Kim Jong Un gegenüber denen der Partei an Einfluss gewonnen haben. Ich weiß nicht genau, wie in diese Analyse eingeht, dass mittlerweile einige wichtigen Anführer des Militärs von der Bildfläche verschwunden sind, aber wenn ich die Ausführungen hier richtig verstehe, ist der Einfluss des Top-Führungspersonals unabhängig von diesen individuellen Veränderungen bestehen geblieben.
Spannend finde ich auch den radikalen Generationswechsel, der zwischen 2009 und 2011 sehr konsequent in den Funktionspositionen der Partei umgesetzt wurde, aber auch beim Militär zu bedeutenden Änderungen führte. Im Rahmen dieser „Erneuerung“ wurde ein bedeutender Teil der Funktionspositionen der Partei mit 20 bis 30 jährigen neu besetzt.

Lesen lohnt

Naja, am besten ihr lest das alles selbst durch, es lohnt sich nämlich auf jeden Fall. Es ist zwar nicht alles belegbar und manchmal könnten auch andere Effekte eine Rolle spielen (z.B. kann man die Netzwerkzentralität ja nur anhand der bekannten Auftritte und dessen, was davon berichtet wird, analysieren. Das heißt aber, wenn sich die Art der Berichterstattung unter Kim Jong Un geändet hat, könnte das auch zu einer Veränderung der Analyseergebnisse führen, ohne dass man daraus wirkliche Schlüsse über Machtverhältnisse ziehen könnte), aber einerseits gibt der Bericht einen schönen Überblick über mögliche Analysemodelle der Führung und damit Werkzeug für künftige Bewertungen an die Hand, andererseits lassen sich auch gewisse Trends und Fakten der Zusammensetzung der Führung ablesen, was durchaus spannend ist.

Das alte außenpolitische Spiel: Nordkorea spielt wieder „Teile und Überlebe“


Wie euch vielleicht aufgefallen ist, war ich in der letzten Woche relativ beschäftigt und kam deshalb nicht zum schreiben obwohl sich auf der Koreanischen Halbinsel und drumherum einiges getan hat, das eine Erwähnung verdient. Da ich diese Entwicklungen nach wie vor spannend finde, werde ich euch heute eine kleine Zusammenfassung geben.
Ein Ereignis, das zurecht alles andere, was sich in der letzten Woche mit Bezug zu Nordkorea getan hat, in den Schatten stellte war die Reise Choe Ryong-haes als Sondergesandter nach Peking sowie seine Treffen und Aussagen dort. Jedoch sind auch die Hinweise, die etwa gleichzeitig in Richtung Südkorea ergingen, gemeinsam den 13. Jahrestag der innerkoreanischen Erklärung vom 15. Juni 2000 zu begehen, der Abschuss diverser „Kurzstreckenrojektile“ durch das nordkoreanische Militär, sowie die japanisch-nordkoreanischen Gespräche nicht unwichtig. All das möchte ich im Folgenden kurz anreißen und versuchen, daraus so etwas wie ein konsistentes Bild zu zeichnen. Da ich dieses bisher noch nicht vor Augen habe, bin ich nicht ganz sicher, ob mir das gelingen wird. Wir werden sehen…

Choe in Peking: Wege aus der Isolation

Choe Ryong-haes Reise nach Peking hat gleich in mehrerlei Hinsicht Aufmerksamkeit verdient:

Bemerkenswerter Hintergrund…

Einerseits ist schon die Person Choes sehr interessant, zwar nicht so sehr für die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen, jedoch für ein etwas besseres Verständnis der internen Dynamiken in Kim Jong Uns Regime. Die Dong-A Ilbo beschreibt Choe in diesem sehr interessanten kleinen Porträt als eine der herausragenden Figuren in Kims Regime und als rechte Hand des jungen Herrschers. Schaut man sich seinen Werdegang in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Kim Jong Uns Machtkonsolidierung (auch noch zu Kim Jong Ils Lebzeiten) an, dann kann man dem kaum widersprechen. Mit der schwierigen Reise nach Peking und der heiklen Mission, die er dort zu erfüllen hatte dürfte jetzt aber definitiv klar sein, dass Choe Kim Jong Uns Vertrauen besitzt und damit als tragende Säule des Regimes vorgesehen ist (oder könnt ihr euch vorstellen, dass er einen unsicheren Kantonisten nach Peking geschickt hätte?).
Außerdem deutet die Entsendung eines „Sondergesandten“ ja schon irgendwie an, dass eine besondere Situation existiert und dass für diese besondere Situation besondere Gesandte benötigt werden. Hieraus lässt sich klar erkennen, dass man sich in Pjöngjang durchaus der schwierigen Lage bewusst ist, in die man sich durch sein aggressives Verhalten und dem nahezu demütigenden Ignorieren der Bedürfnisse und Signale Chinas in dieser Situation hineinmanövriert hat.
Tatsächlich ist als Hintergrund der Reise Choes ein dermaßen schlechtes Verhältnis beider Länder zu sehen, wie es schon seit Jahren nicht mehr zu beobachten war (eine hervorragende Analyse der chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen und der Reise Choes bietet Nathan Beauchamp-Mustafaga auf Sino-NK). Der letzte hochrangige diplomatische Kontakt datiert im November letzten Jahres, als Li Jianguo, Politbüromitglied der Kommunistischen Partei Chinas, erfolglos versuchte, Pjöngjang von dem Raketenstart abzubringen, der dann im Dezember erfolgte. Seitdem herrschte auf der obersten Ebene Funkstille, was für die zuvor recht guten Beziehungen ungewöhnlich ist. Auch die Tatsache, dass es bisher keinen Antrittsbesuch Kim Jong Uns in China gab, lässt aufmerken und wirft Schatten auf die Beziehungen der Staaten.
Jedoch wirken sich die gestörten Beziehungen nicht mehr nur noch durch diplomatischen Liebesentzug aus, sondern haben auch ganz reale Folgen. Sinnbildich dafür stehen natürlich die beiden Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen gegen Nordkorea, aber wesentlich wichtiger ist wohl Chinas Umsetzungspraxis bei den Sanktionen gegen Nordkorea und die Gewährung von Freundschaftsboni. Während sich vor allem in der Umsetzung der Sanktionen mittlerweile eine deutlich geänderte Haltung Chinas zeigt, die in Pjöngjang durchaus für Schmerzen sorgen dürfte, lässt sich über die Freundschaftsboni, also vergünstigte Wahren- und Rohstofflieferungen etc. wenig sagen. Allerdings fand ich vor diesem Hintergrund die Meldung ganz interessant, Nordkorea habe in diesem April die Einkäufe von Kunstdünger gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat verfünffacht. Das klingt ja erstmal so, als würde Pjöngjang ein verstärktes Augenmerk auf die Landwirtschaft richten. Abwegig finde ich die Idee aber auch nicht, dass der Dünger, der sonst quasi als Geschenk nach Nordkorea ging, jetzt zu Marktbedingungen gekauft werden muss, wie es eigentlich üblich ist. Dadurch gehen die Importe in die chinesische Statistik ein und werden überhaupt publik (im Gegensatz zu Geschenken, über die China keine Statistik veröffentlicht). Aber das ist nur so eine Überlegung von mir, die durchaus vollkommen falsch sein kann.

…bemerkenswerte Ergebnisse

Aber zurück zu Choe Ryong-haes Peking-Reise. Denn nicht nur die Tatsache, dass er dahin gefahren ist, ist natürlich spannend, sondern auch das, was dann im Endeffekt dort lief. Und das dürfte für Choe und seine(n) Auftraggeber zufriedenstellend gewesen sein. Er traf nicht nur die wichtigsten Köpfe in Chinas Nordkorea-Politik, sondern auch Präsidenten Xi Jinping, dem er einen Brief Kim Jong Uns überreichte. Die Tatsache, dass er Xi treffen konnte galt vorher als keineswegs gewisse und wird daher als positives Signal Pekings an Pjöngjang verstanden. Man ist zwar sehr verärgert, aber wenn sich Pjöngjang wohlverhält, dann wird man den Ärger, den Nordkorea gemacht hat wohl nochmal verzeihen können. Das ist ein wichtiges Zeichen für die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen und es würde mich wundern, wenn es da nicht in den kommenden Wochen zu weiteren Besuchen und Gegenbesuchen käme.
Ebenso bedeutend oder zumindest interessant wie die Signale Chinas sind die Aussagen Choes hinsichtlich der Position Nordkoreas zu diplomatischen Kontakten mit den Nachbarn:

The DPRK is ready to work with parties concerned to properly solve relevant issues through multiform dialogue and consultation, including the six-party talks, said Choe.

[Die DVRK ist bereit, die relevanten Themen mit Hilfe von Multiforum-Dialogen und Konsultationen, einschließlich der Sechs-Parteien-Gespräche mit, mit den beteiligten Parteien sinnvoll zu lösen, sagte Choe.]

Dieses verklausulierte Bekenntnis zu den Sechs-Parteien-Gesprächen ist zwar kein Quantensprung, aber mehr, als man in den letzten Monaten aus Nordkorea gehört hat. Allerdings sollte man es auf keinen Fall überbewerten, denn es lässt so viel Raum für Interpretationen, dass man wohl niemanden auf irgendwas festnageln kann. Dieses Zugeständnis, das wohl unter dem Druck Chinas (oder dem „Rat“ wie es in dieser Meldung formuliert wird) zustande kam, ist daher eigentlich nicht mehr als ein allererster Schritt, dem viele weitere folgen müssen, um einen tatsächlichen Dialog in Gang zu bringen.

Wiederannäherung mit Südkorea? — Widerwille auf beiden Seiten

Mit diesem Hinweis auf die Sechs-Parteien-Gespräche ist das Gemälde jetzt auch sozusagen vollkommen entfaltet, denn auch die anderen Parteien kommen jetzt in den  Blick. Vor allem mit Südkorea gab es in der vergangenen Woche einen vielschichtigen und vieldeutigen Austausch, den ich etwas näher in den Blick nehmen möchte.

Nicht alles was glänzt ist Gold

Positiv klingt erstmal das, wenn auch nicht besonders vielsagende Zugeständnis, dass man Dialog  und Konsultation mit den relevanten Parteien nicht verschlossen sei. Allerdings war die Reaktion aus dem Süden auf das „Angebot“, an den Sechs-Parteien-Tisch zurückzukehren sehr zurückhaltend: Man verlange „Ehrlichkeit“ von Nordkorea, was die Bereitschaft zur Teilnahme an den Sechs-Parteien-Gesprächen angehe und „sei nicht bereit, zu verhandeln um des Verhandelns willen“ (die gute alte Phrase, immerhin gibt es nochmal einen Anlass sie zu benutzen). Das sieht mir doch ganz stark danach aus, als versuche Südkorea Pjöngjang auf eine konkrete Aussage festzunageln, die so aber bisher nicht gemacht wurde. Damit wird auch der Erfolg, den China vielleicht für sich reklamieren könnte („Wir haben Nordkorea wieder aufs Gleis gesetzt, es will wieder verhandeln und wenn das schief läuft, dann liegt das an der anderen Seite.“) relativiert und China dazu angehalten, Nordkorea ebenfalls auf konkrete Zugeständnisse festzunageln.
Weiterhin scheint auf den ersten Blick auch die Einladung des nordkoreanischen Komitees für die Umsetzung der Joint Declaration vom 15. Juni, an die Spiegelorganisation im Süden, den 13. Jahrestag der Joint Declaration gemeinsam zu begehen, ein Friedenssignal zu sein. Allerdings reagierte die südkoreanische Seite auch hier ablehnend. Mit dem, wie ich finde durchaus berechtigten Hinweis, dass man sich, wenn man sprechen wolle an die südkoreanische Regierung und nicht an zivilgesellschaftliche Organisationen wenden solle, lehnte Seoul das Ansinnen ab. Dem Verdacht, Nordkorea habe mit dem Vorgehen, die Regierung zu umgehen und stattdessen regierungskritische progressive Gruppen anzusprechen eher das Stiften von Unfrieden, als einen echten Dialog im Sinn, kann ich durchaus folgen.

Nordkorea ärgert den Süden weiter

Vor allem, wenn man das weitere Verhalten Pjöngjangs gegenüber der südkoreanischen Führung beachtet. In den vergangenen Tagen haben die verbalen Angriffe der nordkoreanischen Medien auf Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye nämlich vor allem in ihrer Qualität deutlich zugenommen, Frau Park rückt mehr und mehr direkt ins Fadenkreuz der Attacken, während sie anfänglich noch geschont worden war.
Auch das Abfeuern von insgesamt sechs „Kurzstreckenprojektilen“ durch Nordkorea sieht irgendwie nicht nach Ausgleich und Dialog aus. Die Sechs-Projektile waren in der vorvergangenen Woche von nordkoreanischem Territorium aus abgefeuert worden und dann ins japanische Meer/Ostmeer gestürzt. Allerdings wurde dieser Vorgang in unseren Medien auch etwas aufgebauscht, denn während man hier von Raketentests sprach, war man sich in Südkorea garnicht so sicher, ob es sich nicht möglicherweise um Artillerie gehandelt habe. Und naja, egal wie gerne man sich auch von Nordkorea provoziert fühlt, so darf man doch durchaus mal fragen, wieso es jetzt eine Provokation gewesen sein soll, wenn Nordkorea Artillerie  auf eigenem Territorium erprobt, während in den Monaten zuvor die südkoreanischen und US-Streitkräfte in Südkorea so ziemlich alles an Waffen ausprobiert haben, was das konventionelle Arsenal so hergab. Nichtsdestotrotz dürfte es Pjöngjang durchaus klar gewesen sein, was die Übungen an solch exponierter Stelle für ein Echo finden würden. Daher waren diese Übungen zumindest mal definitiv kein Zeichen der Annäherung, sondern eher das Gegenteil.
Auch die Tatsache, dass sich Nordkorea, was den Kaesong-Industriepark angeht bisher scheinbar keinen Millimeter bewegt hat ist auch ein Zeichen dafür, dass man mit der südkoreanischen Führung nicht unbedingt einen Ausgleich wünscht. Dass die Führung in Seoul so vorsichtig auf die vorgeblich geänderte Haltung Pjöngjangs reagiert, ist durchaus nachvollziehbar. Sie befürchtet wohl, dass die Welt und vor allem China auf einen neuen Anlauf nordkoreanischer Rhetorik hereinfallen und dass Südkoreas Interessen dabei verschüttgehen könnten. Wenn ich in Südkorea Verantwortung trüge würde mich diese Sorge auch umtreiben, daher ist für mich die Nüchternheit der Regierung bestens zu verstehen.

Japan: Echtes Bemühen Nordkoreas

Interessant ist dagegen die Positionierung Pjöngjangs gegenüber Japan. Ich habe mich ja schon relativ ausführlich damit befasst und will das Geschriebene hier nicht nochmal paraphrasieren (könnt ihr ja hier nachlesen), aber es ist wohl klar, dass Pjöngjang Signale an Tokio gesandt hat, dass man sich in der Entführtenfrage bewegen würde. Hier scheint man also echten Zugeständnissen gegenüber nicht verschlossen zu sein. Wenn man Tokio weiterhin bei der Stange hält, dann treibt man damit gleichzeitig einen Keil zwischen Japan und Südkorea und die USA. Damit würde sich Pjöngjang ein bisschen von dem momentan ziemlich koordiniert ausgeübten Druck der drei Verbündeten freimachen, dem sich auch China in jüngster Zeit zunehmend angeschlossen hat. Und damit möchte ich dazu übergehen, mir einen Reim auf das ganze Bild zu machen.

Ein Reim der keiner ist: Nordkorea spielt „teile und überlebe“

Vielleicht ist Reim allerdings das falsche Wort, denn bei Reimen soll ja irgendwas zusammenpassen und das Bild, das ich hier umrissen habe passt nicht so richtig zusammen. Auf der einen Seite wird Dialogbereitschaft und der Wille zur Rückkehr zu den Sechs-Parteien-Gesprächen signalisiert, auf der anderen Seite ignoriert man die Bedürfnisse Südkoreas und scheint es sogar ein bisschen provozieren zu wollen. Es scheint also alles nicht das zu sein, das es am Anfang zu sein vorgibt. Was aber dann? Ich würde sagen, Pjöngjang versucht mal wieder sein altes Lieblingsspiel „teile und überlebe“ zu spielen. Nachdem es durch seine intern bedingten Aggressionen der letzten Monate die wichtigen Akteure relativ einheitlich gegen sich aufgebracht hat, versucht es nun die Folgen dieser Manöver so weit wie möglich zu mildern.
Dabei ist China natürlich der wichtigste Baustein. Ein China, dass seine Politik mit den USA und Südkorea koordiniert und sich deren Sanktionen gegen den Norden anschließt, raubt der Führung in Pjöngjang die Luft zum Atmen und kann sie potentiell an ihr Ende bringen. Das weiß man in Pjöngjang und es weiß auch, dass man China nicht auf die Schnelle durch andere Patrone ersetzen kann. So bitter das für die Führung Nordkoreas ist, man wird sich selbst demütigen und zu Kreuze kriechen müssen, sonst ist die Stabilität der Führung nicht gewahrt. Allerdings wird man dabei potentiell nicht weiter gehen wollen als nötig, weil momentan die innere Konsolidierung des Regimes noch immer oberste Priorität hat. Und so lange das der Fall ist, wird man sich nicht mit unnötigen und potentiell kontroversen außenpolitischen Schritten belasten wollen. Sechs-Parteien-Gespräche ziehen solche potentiellen Schritte jedoch zwingend nach sich, denn dort wird man über nichts als das Nuklear- und Raketenprogramm sprechen können. Pjöngjang versucht sich also durchzulavieren, um China einerseits wieder von den USA und Südkorea wegzumanövrieren, andererseits aber nicht auf den Wunsch nach Denuklearisierung, den Xi Jinping ja scheinbar offen geäußert hat, eingehen zu müssen. Nicht einfach.
Das Vorgehen gegenüber Japan könnte man als flankierende Maßnahmen sehen, die die Rückgewinnung der Handlungsfreiheit zu tun hat. Auch das Auseinanderdividieren Japans und der USA und Südkoreas kann Druck nehmen und eventuell neue Optionen eröffnen, vor allem, wenn man bereit wäre, Japan etwas Echtes anzubieten.

Außenpolitischer Fahrplan für die nächsten Wochen und Monate

Diese Rückgewinnung und Absicherung der Handlungsfreiheit dürfte auch in den nächsten Wochen und Monaten das Leitmotiv der nordkoreanischen Außenpolitik sein. Druck mindern ohne Zugeständnisse zu machen.
Dazu wird man wohl weiterhin offensiv um die Gunst Pekings werben und sich mitunter auch nicht zu schade sein, sich unterwürfig zu präsentieren (aber natürlich nur in einem gewissen Rahmen, so dass man das zuhause noch stolz weiterverkaufen kann). Mit Japan wird man versuchen möglichst „kostenneutral“ im Dialog zu bleiben. Bei den USA und Südkorea kann ich mir dagegen gut vorstellen, dass man versucht sie auf Distanz zu halten. Vielleicht macht man ein bisschen was für die Galerie, also irgendwelche Initiativen und Schritte, die gut aussehen, aber nicht wirklich Substanz haben, aber auf der anderen Seite kann es auch gut sein, dass man dezent weiter provoziert und die Führungen in Washington damit demotiviert, echte Angebote an Pjöngjang zu machen. Weitere Ziele für Charmeoffensiven könnten zum Beispiel die Staaten Südostasiens sein, die ebenfalls dabei hilfreich sein dürften, direkten Sanktionsdruck von Pjöngjang zu nehmen. Zum Beispiel kann ich mir gut vorstellen, dass sich Pjöngjang auf dem kommenden ASEAN Regional Forum (ARF) im Juni in Brunei durchaus proaktiv zeigen wird, ohne jedoch irgendwas Konkretes zu sagen.

Aber naja, das alles ist Zukunftsmusik und wir werden abwarten müssen, wie sich alles entwickelt. Aber wenn die tatsächlichen Entwicklungen wirklich in die oben von mir umrissene Richtung gehen sollten, dann lassen sich daraus durchaus tragfähige Schlüsse über Motivationen und handlungsleitende Momente in Nordkoreas Außenpolitik ziehen. Ich bin jedenfalls einerseits froh, dass sich die Anaspannung der letzten Monate etwas zu lösen scheint, andererseits jedoch nicht wirklich optimistisch, dass dieses „Lösen“ auch zu einer wirklichen „Lösung“ führen wird.

Er kann auch anders: Kim Jong Un spielt die „Axt im Freizeitpark“


Eigentlich habe ich gerade nicht so viel Zeit, aber eben ist mir ein Artikel von KCNA in mehrfacher Hinsicht ins Auge gesprungen und daher möchte ich euch kurz darauf aufmerksam machen. Heute hat Kim Jong Un laut KCNA auf dem Mangyongdae Freizeitpark (der nach dem, was man so lesen kann, nicht im allerbesten Zustand ist) Vor-Ort-angeleitet und dabei ziemlich auf den Putz gehauen.

So wie sich der Artikel anhört (verlinke ich morgen. Hier der Link), hatte er so ziemlich an allem etwas auszusetzen und wusch den verantwortlichen vor Ort ordentlich den Kopf: weil Unkraut wuchs, weil der Gehweg nicht richtig in Schuss und die Anlagen insgesamt nicht in Ordnung waren. Nach seinem Rundumschlag beauftragte er Choe Ryong-hae, immerhin etwa Nummer 3 oder 4 in der Führung, zu beaufsichtigen, wie der Park in Stand gesetzt wird.

Unter anderem ist in dem Artikel folgendes zu lesen:

He called for sprucing up the Mangyongdae Funfair as required by the Songun era. This process should be made an occasion of removing outdated ideological point of view from the heads of officials and ending their old work-style, he added.

[Er befahl, den Mangyongdae Freizeitpark so aufzupolieren, wie es die Songun-Ära erfordere. Dieser Prozess solle zum Anlass genommen werden, veraltete ideologische Ansichten aus den Köpfen der Offiziellen zu entfernen und ihre alte Arbeitsweise zu beenden, ergänzte er.]

Es gibt also noch veraltete ideologische Ansichten in Nordkorea! Und das, obwohl das Volk doch schon seit über 4 Jahrzehnten mit der Juche-Ideologie beglückt wird. Wo kommen diese veralteten ideologischen Ansichten wohl her. Und vor allem, wie kriegt man sie aus den Köpfen der Leute? Vielleicht können sich die Nordkoreaner in nächster Zeit auf neue Ausmaße ideologischer Schulung gefasst machen. Hoffen wir, dass nicht soviel alte Ideologiebestände in den Köpfen der Leute sind, dass man aktiv kämpferisch dagegen vorgehen muss.

Naja, das könnte ein Hinweis sein, wo der Weg in Zukunft hinführt.

Mal ganz ab davon sind mir aber noch einige andere Sachen aufgefallen. Erstens hat Kim Jong Un sich weiter von Opas Kleiderschrank inspirieren lassen. Anders kann der Hut, den er da getragen hat wohl kaum deuten. Also weiter „Back to the roots“…

Kim Jong Un auf dem

Des Kaisers neuer Hut…

Kim Jong Un

Kim Jong Un kann auch anders. Er maßregelt…

Kim Jong Un jätet...

…jätet…

Kim Jong Un leger

…und sieht danach richtig nach Arbeit aus.

Außerdem zeigt der junge weiter, dass er anpacken kann. Eigenhändig rupft er am Gras und sieht danach irgendwie schon ein bisschen so aus, als habe er gearbeitet, vor allem wegen der offenen Jacke. Nur sein Volumen lässt ihn unbeholfen wirken.

Naja, sehr interessant ist das alles jedenfalls. Nordkoreas Propagandisten wollen wohl zeigen, wie groß die Autorität Kim Jong Uns ist. Er maßregelt Leute und ordnet einen der mächtigsten Leute des Landes als Vorarbeiter ab. Außerdem ruft er nach ideologischem Fortschritt, hält aber an Songun fest. Fast programmatisch finde ich das ganze…

Arbeitsteilung in Pjöngjang: Choe Ryong-hae darf Vor-Ort-Anleiten


Eben habe ich einen interessanten Artikel bei der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA gelesen und dazu schreibe ich trotz knapper Zeit noch schnell was. Darin wird eine Vor-Ort-Anleitung des neuen Sterns in Pjöngjang, Choe Ryong-hae, beschrieben. Choe besuchte ein Bauprojekt, das vom Militär durchgeführt wird (Link folgt morgen, aber ihr findet den Bericht bei den heuutigen Meldungen).

Erwähnenswert finde ich das, weil bis vor einem guten Jahr das Monopol für Vor-Ort-Anleitungen, oder zumindest für Berichte darüber, bei den Kims lag. Dann kam als “reisender Problemlösungskummerkasten” Choe Yong-rim hinzu. Dieser besucht seitdem zivile Bau-, Industrie- und Agraranlagen und scheint dort auch Maßnahmen anzuordnen, die die Arbeit der Anlagen verbessern sollen.

Choes Besuch (oder vielmehr der Bericht darüber, denn es ist ja nicht abwegig, dass er solche Besuche auch schon zuvor alleine durchführen durfte) bei einem vom Militär geführten Bauprojekt könnte darauf hindeuten, dass man in Pjöngjang zu einer weitergehenden Arbeitsteilung, auch nach außen sichtbar, greift. Denkbar wäre es, dass Choe Yong-rim sich weiterhin dem zivilen Sektor widmet, während Choe Ryong-hae den militärisch-wirtschaftlichen Komplex (damit meine ich, wenn das Militär Aufgaben für die Gesellschaft erfüllt, die nicht im engeren Sinne etwas mit Landesverteidigung zu tun haben), der in Nordkorea ja beachtlich ist, bedient. Und Kim Jong Un? Der nimmt das was übrig bleibt und was die meiste faktische Macht symbolisiert. Er besucht weiter militärische Einrichtungen und Einheiten und arbeitet so daran, die Loyalität der Truppe zu sichern bzw. zu erlangen. Außerdem lässt er sich natürlich auf repräsentativen Events sehen.

Interessant finde ich das allemal, denn dadurch, dass anderen Personen das „Recht“ zugestanden wird, Vor-Ort-Anleitungen durchzuführen, symbolisiert man ja irgendwie, dass die Hierarchien in Pjöngjang flacher werden, denn was die Leute auf ihren Besuchen so sagen oder anordnen, kommt ja offensichtlich nicht von ganz oben, sondern aus ihrer eigenen Autorität. Das heißt, faktisch wird die Macht im Regime etwas mehr aufgeteilt. Das finde ich bemerkenswert, aber gleichzeitig zeigt es auch, wer das absolute Vertrauen der Führung besitzt. Alternativ könnte es auch signalisieren, wer soviel Macht besitzt, dass man ihnen eine solche Autorität nicht vorenthalten kann.

Mir ist aufgefallen, dass Choe Ryong-hae bei seinem Besuch anders als es Choe Yong-rim für gewöhnlich tut, scheinbar nicht „problemlösend“ tätig wurde. Er hat kein Treffen oder so einberufen, sondern nur Phrasen gedroschen (jedenfalls wenn man dem folgt, was KCNA berichtet). Allerdings scheint dem, was er zu sagen hat ebenfalls einige Bedeutung beigemessen zu werden, denn genau wie bei den Vor-Ort-Anleitungen der Kims sieht man auch hier einige Leute mit Kladden, die scheinbar allzeit bereit sind, mitzunotieren.

Choe Ryong-haes Begleiter sind allzeit bereit zum Mitschreiben.

Ich werde das Thema in nächster Zeit im Auge behalten, denn ich denke, hier werden strukturelle Veränderungen sichtbar, die mit dem neuen Regime um Kim Jong Un in direkter Verbindung stehen.

Parteikonferenz beendet: Kim Jong Un übernimmt die Führung, Kim Jong Il ein Ehrenamt und weitere Personalrochaden


Das erste Event der „nordkoreanischen Woche“ ist heute zu Ende gegangen und wurden bereits einige interessanten Ergebnisse sichtbar (Danke C.R. übrigens für die Updates in den Kommentaren, sogar mit Übersetzung. Super!).

Kim Jong Un wurde nicht zum Generalsekretär ernannt, aber irgendwie doch.

Nur auf den ersten Blick erstaunlich ist die Tatsache, dass Kim Jong Un nicht Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas wurde, sondern ein Anderer. Ganz folgerichtig hat Kim Jong Il nach seinem Vater ebenfalls ein permanentes Amt erhalten. Während Kim Il Sung als ewiger Präsident in den Herzen der Nordkoreaner weiterlebt, soll Kim Jong Il das Gleiche als ewiger Generalsekretär tun. Das wird faktisch allerdings nicht viel ändern, denn Kim Jong Un wurde zum ersten Sekretär der PdAK gewählt. Vermutlich kommen dem Amt nach der Revision der Statuten (allerdings ist das noch nicht klar, weil die revidierten Statuten noch nicht bekannt sind) der Partei ähnliche bzw. die gleichen Kompetenzen zu, wie zuvor dem Generalsekretär.

Naja, jedenfalls ist der junge Kim damit jetzt der faktische Führer der Partei und mehr konnte man von der Konferenz nicht erwarten. Daneben scheint er jetzt auch an der Spitze der zentralen Militärkommission zu sitzen, denn dort wurde Choe Ryong-hae als stellvertretender Vorsitzender „gewählt“ (zu ihm werde ich später noch ein paar Takte schreiben), also auf den Posten, den Kim Jong Un vorher inne hatte.

Choe Ryong-hae. Teil des zentralen Führungsteams

Aber auch in den Kreisen unmittelbar um Kim Jong Un wurde kräftig rotiert. Wie ich bereits vermutet hatte, wurde ein freier Stuhl im Präsidium des Politbüros des Zentralkomitees der Partei neu besetzt. Und dort nahm der eben angesprochene Choe Ryong-hae Platz. Choe ist weder ein Shootingstar des Regimes, noch ein alter Recke, sondern irgendwas dazwischen. Er gilt als alter Freund Kim Jong Ils und scheint auch mit Jang Song-thaek (Kim Jong Uns strippenziehender Onkel) gut bekannt zu sein. Interessant ist er, weil er nach hoffnungsvoller Karriere 1998 von der Bildfläche verschwand und erst 2006 in der Provinz wieder auftauchte. Ab 2010, als das Regime dann unter Hochdruck an die Nachfolge Kim Jong Uns vorzubereiten begann, kehrte Choe dann nach Pjöngjang zurück und seitdem scheint sein Aufstieg nicht zu bremsen zu sein. Erst gestern wurde er zum Vize-Marschall der Armee ernannt, dadrüber kommt dann nur noch der Marschall und den gibt es eigentlich nie, wenn man nicht der Führerfamilie angehört. Choe scheint also eine weitere zentrale Figur in Kim Jong Uns neuem Führungsteam zu sein.

Erwartbare Beförderungen.

Daneben gab es einige wenig überraschende Beförderungen und Ernennungen. So bekamen Kim Jong-gak, Jang Song-thaek und Pak To-chun bekamen volle Mitgliedschaften im Politbüros des Zentralkomitees der Partei. Kim Jong Uns Tante Kim Kyong-hui wurde ins Sekretariat des Zentralkomitees gewählt, wo bisher auch eine sehr illustre Runde versammelt war. Die Namen des Führungsteams beginnen sich zu wiederholen.

Interessant Kim Jong-gaks neuer Job und Kim Yong-chuns Verlagerung

Eine weitere Personalie, die bereits gestern bekannt wurde, ohne dass KCNA sie bisher öffentlich verlautbart hätte, betrifft Kim Jong-gak und Kim Yong-chun. Ersterer hat nämlich von letzteren als Verteidigungsminister beerbt. Interessanterweise hatte ich beide als mögliche Kandidaten für den Platz im Präsidium des Politbüros gesehen. Kim Jong-gak ist jetzt auf eine andere Art aufgestiegen und wird wohl mehr in der militärischen als in der politischen Lenkung aktiv sein. Kim Yong-chun wurde heute zum Abteilungsleiter des Zentralkomitees ernannt. Hier weiß ich nicht genau, was davon zu halten ist, klingt für mich nicht nach Aufstieg, aber er hat ja noch den Vizevorsitz der NDC inne, was ja auch nicht schlecht ist. Nichtsdestotrotz kann man ihn mal im Auge behalten.

Rapide Machtkonsolidierung des Führungsteams

Insgesamt lässt sich sagen, dass Kim Jong Un und seine Leute weiter rasant an den neuen Machtstrukturen arbeiten. Kim Jong Un hat die Führung der Partei erlangt und einige seiner wichtigsten Gefolgsleute in Stellung gebracht. Es kann natürlich auch genau umgekehrt sein. Das lässt sich nur schwer sagen. Nichtsdestotrotz schreitet die Machtkonsolidierung der Führungsgruppe rapide voran und die nächste Runde dürfte es dann übermorgen im Rahmen des Zusammentretens der SPA geben.