Von der Schwierigkeit über Nordkorea zu recherchieren (I, Christen)


Wie ja bereits angedeutet, möchte ich mich heute ein bisschen mit den Problemen beschäftigen, vor denen man so steht, wenn man versucht glaubwürdige Informationen über Nordkorea einzuziehen. Allgemein ist zu sagen, dass dieses Problem natürlich eine generelle Schwierigkeit ist, vor der man steht, wenn man im Internet recherchiert. Denn hier kann ja grundsätzlich erstmal jeder (ich zum Beispiel) schreiben, was ihm gerade einfällt. Und wenn er Lust dazu hat, kann er dementsprechend Fehlinformationen über ein beliebiges Thema für eine große Menge von Menschen zugänglich machen. Bei den meisten Themen ist das allerdings kein so großes Problem, weil man Informationen aus einer Vielzahl von Quellen schöpfen kann (meist auch direkt vom Gegenstand der Untersuchung). Im speziellen Fall Nordkorea wird das allerdings etwas schwieriger, denn: Erstens ist Nordkorea selbst (bzw. seine Staatsbediensteten bis hin zum Geliebten Führer) dafür berühmt und berüchtigt, einen etwas recht extrem kreativen Umgang mit der Realität bzw. mit Fakten zu pflegen. Daher fällt die Selbstauskunft zur Sammlung wirklich glaubwürdiger Informationen schonmal aus. Zweitens beschränkt sich die Tätigkeit der nordkoreanischen Staatsbediensteten nicht nur darauf, Fehlinformationen zu verbreiten, sie versuchen auch eine Verbreitung der realen Informationen zu verhindern. In Anbetracht der Tatsache, dass nur wenige ausländische Beobachter ins Land gelangen, und dort dann meist trotzdem auf die Informationen der Gastgeber angewiesen sind, gibt es kaum unabhängige Daten, die aus direkter Beobachtung gewonnen werden können. (Meist, so zum Beispiel auch bei den Wirtschaftszahlen, handelt es sich um, von Außen gewonnene Schätzungen (deren Qualität je nach Ressourcenausstattung und Methode der Schätzungen variiert). Aber mit wissenschaftlich gewonnen Schätzungen könnte man sich ja zufrieden stellen. Aber auf manchen Gebieten sind eben noch nicht mal die möglich, bzw. es hat noch niemand das erforscht. Da gibt es dann wirklich keine seriösen Zahlen. Drittens besteht allerdings die Schwierigkeit, dass sowohl Journalisten, als auch Wissenschaftler, die zu dem Thema forschen, nach konkreten Daten und Fakten lechzen. Ansonsten fragt man sich nämlich, warum man einen Text lesen soll, der sich permanent darauf beruft, dass seriöse Daten nicht vorhanden sind und man sich mit groben Schätzungen und allgemeinen Aussagen abfinden muss, so dass am Ende nicht einmal ein belastbares Ergebnis steht. Außerdem klingt es für einen Journalisten einfach viel knackiger zu schreiben „In dem Land, in dem Ende der 1990er Jahre  dreieinhalb Millionen Menschen verhungerten…“ als „In dem Land, in dem Ende der 1990er Jahre zwischen 220.000 und 3.500.000 Menschen verhungerten…“. Naja und was macht man, wenn es keine seriösen Zahlen gibt? Man hat genau zwei Möglichkeiten: Entweder man schreibt es wie es ist, oder man übernimmt die Zahlen, die man eben irgendwo finden kann. Und wenn die Zahlen dann erstmal von einigen Journalisten und Wissenschaftlern übernommen wurden, dann sind sie zitierfähig, sie stehen ja auch in ganz vielen anderen Werken, und ruckzuck sind  die „Fakten“ die sich irgendein Hanswurst ausgedacht hat zu einer Art Wahrheit geworden. Mit genau diesen Problemen muss man sich im Rahmen von Recherchen zu Nordkorea immer wieder rumschlagen, weshalb ich jedem, der was dazu rausfinden will nur raten kann, bei Zahlen immer misstrauisch zu sein, sie auf jeden Fall gegenzuchecken und im Zweifel zu gucken, was die Originalquelle ist. Und weil mir die ganze Sache schon länger extrem auf den Nerv fällt, hab ich mir gedacht, dass ich ab und zu wenn es sich anbietet, was zu konkreten Gebieten schreibe, auf denen man sich vor den „Fakten“ in Acht nehmen muss. Ich habe ja gestern was zu Religion in Nordkorea geschrieben und wers gelesen hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass mir das was „Open Doors“ macht, etwas sauer aufgestoßen (gestern hab ich das so ähnlich, nur etwas drastischer formuliert glaub ich) ist.

Das Problem mit „Open Doors“

Als ich meinen Beitrag zu Religion in Nordkorea geschrieben hab, wollte ich anfänglich nur zu Christen schreiben (hab mir dann aber überlegt, warum eigentlich und hab mich letztlich, weil ich keinen Grund gefunden hab, nur über Christen zu schreiben, für den breiteren Rahmen entschieden) und hab mal ganz allgemein bei Google „Christen“ und „Nordkorea“ eingegeben. Was mir erst im Nachhinein aufgefallen ist, ist das Acht der Zehn Treffer auf dieser (aber auch den folgenden Seiten) von „Open Doors“ zitierte, auf diese verlinkten, oder Seiten direkt von „Open Doors“ waren. Ich war auch bei meiner Recherche zur Reise Wolfgang Huber durch einen Artikel im „Rheinischen Merkur“ bereits auf den Namen gestoßen und dachte, wenn selbst die Zeitungen darauf verweisen, wirds wohl seriös sein. Und, ach wie herrlich, „Open Doors“ bietet auch noch Zahlen zu Christen in Nordkorea. Also könnte in diesem Augenblick meine Recherche eigentlich schon vorbei sein: Einfach den Artikel ein bisschen zusammenfassen, besonders die Aussage um:

Das Überleben der Christen, die sich nur im Untergrund versammeln können, ist extrem hart. Entdeckte Christen werden verhaftet, gefoltert oder getötet. Open Doors schätzt, dass es mindestens 200.000 Christen im Untergrund gibt, die Zahl könnte wahrscheinlich sogar bei 400.000 bis 500.000 liegen.

etwas ausbauen, und gut is. Aber irgendwie kommen mir Aussagen wie „die Zahl könnte wahrscheinlich sogar bei 400.000 bis 500.000 liegen“ dann doch etwas schwammig und seltsam vor. Es werden keinerlei Quellen, noch nicht einmal Mitarbeiter vor Ort oder sowas genannt. Was weiterhin komisch ist, ist das zwar auf den Bericht „A Prison without Bars“ verwiesen wird, allerdings ohne den Namen zu nennen, oder gar darauf zu verlinken. Warum das denn? Vielleicht weil in dem Bericht steht, dass es nicht möglich ist, Aussagen über die Zahl der Christen in Nordkorea zu machen, die im Verborgenen praktiziert. Sieht ganz so aus. Und dann noch die Sache mit dem „Weltverfolgungsindex„, auf dem Nordkorea den ersten Rang einnimmt. Auf den ersten Blick ist das ja mal wieder herrlich zum zitieren. „Nordkorea liegt auf dem „Weltverfolgungsindex“ auf Rang 1″, super! Aber wie wird denn der ermittelt? Na ganz einfach:

Der WVI ist das Ergebnis intensiver Recherchen etwa über Übergriffe auf Christen im Berichtsjahr oder Einschätzungen von Länderexperten zur Entwicklung der Religionsfreiheit. Zudem benutzt Open Doors einen eigens hierfür erstellten Fragebogen aus 50 Fragen, die von mehreren erfahrenen und meist einheimischen Mitarbeitern vor Ort oder von Kirchenleitern beantwortet werden. Die Ergebnisse werden mit einer Punktzahl bewertet, die die Situation der Christen in einem Land bzw. Entwicklungen näher bewertet. Die Gesamtzahl der Punkte für ein Land bestimmt dessen Position im Weltverfolgungsindex.

Also der begründet sich in Recherchen oder Einschätzungen und irgendwelchen Fragebogen die entweder von Mitarbeitern vor Ort, oder auch nicht vor Ort, oder von Kirchenleitern (vor Ort oder nicht? keine Ahnung) ausgefüllt werden. Na Super, da kann man vermutlich auch bei Vollmond nen Kilo Hühnerknochen in die Luft werfen, danach den Kaffesatz von letzter Woche draufschütten, schön umrühren und dann daraus wissenschaftlich bestimmen, dass Nordkorea im Weltverfolgungsindex auf Rang 1 liegt. Schönundgut, also hab ich schonmal rausgefunden, dass ich mir die Nennung von „Open Doors“ als Quelle mal lieber spare. Aber weil ich ja von Natur aus ein neugieriger Mensch bin, wollte ich jetzt auch wisssn, was „Open Doors“ überhaupt ist, was die Ziele sind und was es denen bringt, irgendwelche Fabelzahlen über Nordkorea zu verbreiten. Dazu hab ich in der Rubrik „Unsere Berufung“ nachgeschaut:

Im Mittelpunkt steht der Dienst an verfolgten oder benachteiligten Christen. Ziel ist, sie in ihrem Glauben zu stärken, damit sie auch in einer feindlich gesinnten Umwelt das Evangelium verkünden. Unsere Unterstützung gilt christlichen Kirchen aller Bekenntnisse.

Der Auftrag von Open Doors

1. Wir stärken die Kirche, den Leib Christi, wo sie verfolgt und unterdrückt wird, indem wir für ihre Bedürfnisse sorgen: mit Bibeln, Schulungsmaterial, Ausbildungskursen und sozialer und humanitärer Hilfe.

2. Wir helfen der Kirche in unsicheren und bedrohten Gebieten, sich auf bevorstehende Verfolgungen vorzubereiten und ermutigen sie, im Dienst der Verkündigung zu bleiben.

3. Wir informieren die Kirche in der freien Welt und ermuntern sie, sich für die verfolgte Kirche einzusetzen. Unser Grundsatz: «Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen Glieder mit.» 1 Korinther, 12,26.

Beim oberflächlichen Lesen hört sich das erstmal nach christlichem Hilfswerk an, und so wird es in den Medien auch oft beschrieben, zum Beispiel von der ZEIT als: „wohltätige Organisation, die sich für bedrängte christliche Gemeinden und Individuen einsetzt“. Liest man aber genauer, so fragt man sich: Warum müssen die eigentlich Schulungsmaterialien und Bibeln verteilen. Klar: weil sie missionieren! Und „informieren“ und „ermuntern“, dass klingt für mich nach den Standardfloskeln, die man nennt, wenn man nicht „Lobbyarbeit“ sagen will. Und wieso betreibt man Lobbyarbeit? Vermutlich um Spenden einzutreiben, worum man auf der Seite von „Open Doors“ schließlich überall mehr oder weniger dezent gebeten wird. Und dann ist der Kreis ja auch schon geschlossen. Wenn die Mitarbeiter von „Open Doors“ ihren eigenen Aussagen glauben („Entdeckte Christen werden verhaftet, gefoltert oder getötet.“), dann ist ja recht klar was (Punkt 1) die Lieferung von Bibeln und Schulungsmaterialien und die „Ausbildung“ von neuen Christen bewirkt: Es gibt mehr verfolgte (Punkt 2) und „gefolterte oder getötete“ Christen in Nordkorea, aber die werden wahrscheinlich schon bei ihrer „Ausbildung“ darauf  „vorbereitet“. Und was macht man da? Genau man „informiert“ und „ermuntert“ (Punkt 3) die Kirchen zur Solidarität. Und wie drückt man die Solidarität am besten aus? Genau! Durch Spenden. Und schon sind wir wieder am Anfang, denn schließlich müssen die Gelder in irgendwas investiert werden; zum Beispiel in die Missionierung von Nordkoreanern. Und alle sind zufrieden…Außer vielleicht die Nordkoreaner, die ohne die tollen Maßnahmen von „Open Doors“ wohl eher nicht „gefoltert oder getötet“ werden würden. Aber es ist ja für eine gute Sache, den schließlich können dadurch wieder Mittel gewonnen werden, um „die Kirche, den Leib Christi“ zu stärken. Und schließlich hat das Märtyrertum im Christentum eine lange Tradition. Und wenn man als „Open Doors“ mal keine Zahlen zur Hand hat, dann erfindet man halt welche, achtet aber drauf, dass sie hoch genug sind, damit auch viele Leute zur Solidarität ermuntert werden. Das Hilfswerk „Open Doors“ (wobei helfen die eigentlich? Ach ja, die Helfen tausenden Koreanern, die bis dahin noch gar nichts vom Christentum wussten, auf schnellstem Wege Märtyrer zu werden!) sollte man daher als Quelle für harte Fakten eher umgehen.

Open Doors und die Medien

Leider tun das viele Journalisten (von privaten Internetnutzern gar nicht zu sprechen) nicht, was natürlich für Open Doors eine wunderbare Promo ist. Den ZEIT Artikel hab ich ja eben schon erwähnt, was ja schon irgendwie erschreckend ist, dass eine DER seriösen Wochenzeitungen so einer zwielichtigen Firma wie „Open Doors“ aufsitzt. (Das fand im Übrigen auch der „humanistische Pressedienst“ der sich kritisch mit Open Doors und Missionswerken im Allgemeinen beschäftigt). Erschreckender fand ich allerdings noch, dass der einzige Artikel zur Reise Wolfgang Hubers nach Nordkorea, der über die Pressemeldung hinausging, ausgerechnet auf „Open Doors“ als Informationsquelle verweist und Bischof Huber ans Herz legt, sich mit Papieren „wie sie zum Beispiel der Informationsdienst Compass Direct und das Werk „Open doors“ herausgeben“ auszustatten. Da hätte der Autor des Artikels, Herr Wolfgang Thielmann, mal fünf Minuten länger Googeln sollen. Aber vermutlich ist Wolfgang Huber da ein bisschen pfiffiger. Aber für „Open Doors“ mal wieder herrliche Pomo, ganz umsonst. Aber zu seiner Ehrrettung muss man dazu sagen, dass er bei weitem nicht der einzige Professionelle ist, der mal besser hätte googeln können. Andere Beispiele gibt es zum Beispiel hier und leider auch hier (Die gleiche Autorin hatte nämlich 2004 einen recht informativen Artikel zum gleichen Thema geschrieben, der noch nicht mit dem Datenmüll von „Open Doors“ verseucht war). Also das muss man den Jungs von „Open Doors“ jedenfalls lassen, in Sachen Propaganda und Desinformation haben sie was drauf. Dazu nutzen sie auch Kanäle wie Blogs oder ähnliches, wo sie so „freundlich“ sind Gastbeiträge zu schreiben. Auch auf Seiten die sich ausschließlich (auch wenn ich diese schon immer kritisch lese, da sie auch als Lobbyinstrument genutzt wird) mit der Problematik Nordkoreas beschäftigen, konnte „Open Doors“ seine „Informationen“ unterbringen.

Meine Meinung

Ok, das wars jetzt soweit von meiner Seite. Der Artikel sollte nur verdeutlichen, dass es recht schwierig ist, unabhängige Informationen zu manchen Themen bezüglich Nordkorea zu bekommen, dass man sich bei der Suche aber nicht davon blenden lassen soll, dass eine bestimmte Informationsquelle seriös aussieht, oder das bestimmte Zahlen immer wieder im Umlauf sind. Was der Artikel nicht sein soll (auch wenns manchmal so klingt), ist ein Frontalangriff gegen „Open Doors“ oder gar das Missionieren an sich. Ich bin zwar kein Fan davon und wenn ich persönlich von irgendwelchen Missionierungsversuchen betroffen bin, dann nervt mich das recht schnell. Aber wenn irgendwer sich aus seinem Glauben heraus berufen fühlt, andere von Selbigem zu überzeugen, dann soll ers halt tun. Was er aber in manchen Fällen bedenken sollte, ist das er den Menschen, die das betrifft (zum Beispiel in Nordkorea, aber bestimmt auch sonstwo), nicht unbedingt einen Gefallen tut. Vielleicht sollte er sich, wenn ihn das Schicksal der Nordkoreaner interessiert, eher für eine Menschenrechtsorganisation engagieren, die auf andere Weise versucht was zu ändern. Und wenn dann alles liberaler ist (ja ich weiß, sehr platt skizziert alles), dann kann er Nordkoreaner bekehren, solange er will und die werden dann bestimmt nicht gefoltert und umgebracht. (Da fällt mir ein: Lädt man nicht irgendwie Schuld auf sich als Christ, wenn man einen Menschen bekehrt, obwohl man weiß, dass der dafür umgebracht wird? Ich weiß, die Kirche würde es vermutlich nicht geben, wenn man das früher nicht gemacht hätte, aber heute sind die Zeiten ja dann doch irgendwie anders…) Und genau das ist es, was mich an „Open Doors“ dann irgendwie doch aufregt: Da sitzen irgendwelche Einfaltspinsel hier in Deutschland, schreiben einen schöne Texte über Nordkorea (und Jemen und Somalia und Irak…), generieren damit Spenden, die zum Missionieren genutzt werde, sind somit vielleicht mit Schuld am Tod von Menschen, und dann wird über die geschrieben, sie seien ein Hilfswerk und so und wahrscheinlich glauben sie den Quatsch auch noch selbst.

Religion in Nordkorea. Bedeutung, Geschichte, aktueller Status


Anlässlich der (mittlerweile schon seit Tagen vergangenen, aber man hat ja schließlich auch noch anderes zu tun) Reise des EKD Vorsitzenden Wolfgang Huber hab ich mir gedacht, schreib ich doch mal was über Religion in Nordkorea. Natürlich ist auf den ersten Blick nicht das aufregendste und neueste Thema, aber wenn man mal ganz ehrlich ist, weiß man da ja recht wenig drüber und immerhin ist Religionsfreiheit ja ein Menschenrecht. Außerdem wird es ja (gerade in unserer heutigen Zeit) wenns um Religion geht oft recht emotionsgeladen. Erstaunlicherweise hab ich das auch feststellen müssen, als ich mich ein bisschen in die Materie eingearbeitet habe. Gerade auf diesem Feld ist es nämlich nicht nur so, dass die Informationen, die von nordkoreanischer Seite kommen sehr kritisch zu betrachten sind, nein, auch die „andere Seite“ (wobei ich mir immernoch nicht ganz klar bin, wer die „andere Seite“ genau ist, und was genau ihre Ziele sind) arbeitet mit ziemlich ausgefeilten Mitteln der Desinformation, die es schwer machen, die glaubwürdigen Infos von irgendwie gearteter Lobbyarbeit oder „Propaganda“ (Ich musste recht lange überlegen ob ich jetzt „Propaganda“ oder Propaganda, also mit oder ohne „…“ schreibe, aber irgendwie hat man bei dem Wort immer recht deutliche Hemmungen) zu unterscheiden, aber darauf gehe ich morgen (hoff ich) genauer ein. Erstmal möchte ich zu den spärlichen Fakten kommen und dazu eine kurze Erklärung geben: Ich stütze mich hier auf  wenige, aber dafür teils recht umfassende Quellen. Da ich es nicht für sinnvoll halte jedesmal wenn ich es zitiere auf das gleiche, über hundertseitige PDF Dokument zu verlinken, und keine Lust habe (superviele) Fußnoten zu setzen, zitiere ich erstmal einfach so aus den Quellen, und gebe dann am Ende eine kurze Beschreibung und natürlich die Verlinkung zu jeder Quelle. Ich glaube das ist für den interessierten Leser und für mich gleichermaßen sinnvoll, weil ich weniger Arbeit hab und ihr im Zweifel schneller das findet was ihr wollt. Gut. Dann mal zu den spärlichen Fakten:

Die geschichte der Religionen in Nordkorea

Traditionell, also zumindest bis 1945 existierten auf der koreanischen Halbinsel verschiedene Religionen nebeneinander. Bedeutende Gruppen waren vor allem das Christentum (wobei verschiedene Konfessionen vertreten waren, vor allem evangelische und katholische Christen haben eine Rolle gespielt), der Buddhismus und der Cheondogyoismus, eine genuin koreanische Religion, die starke Anleihen am Konfuzianismus, aber auch am traditionellen Schamanismus nimmt, sowie der (Neo-)Konfuzianismus und der Schamanismus (wobei hier natürlich die Frage ist, ob man das als „richtige Religion“ sehen kann, da Menschen die anderen Religionen folgen, durchaus schamanistische Praktiken nutzen). Das Regime unter Kim Il Sung (erstaunlicherweise stehen Kim Il Sungs Wurzeln in recht enger Verbindung zur Religion, da seine Mutter einer Presbyterianischen Kirche in Pjöngjang vorgestanden hatte) verfolgte jedoch von Beginn an eine stark religionsfeindlich Politik. Diese sollte, ganz in Übereinstimmung mit Marx, dessen berühmte Aussage vom „Opium des Volkes“ wohl jedem in den Ohren klingt, ein „Absterben“ der Religionen , was, wie wir sehen werden, in großen Teilen auch tatsächlich „gelungen“ ist. Selbst nach offiziellen Angaben Nordkoreas gab es so bis 1945 noch 120.000 Christen im Land, deren Zahl sich bis zum Ende des Koreakrieges auf 10.000 verringert haben soll (konservative Kreise in Südkorea, deren Ziel es ist, den christlichen Glauben nach Nordkorea zurückzubringen, gehen desweiteren von etwa 30.000 Christen aus, die im Verborgenen ihren Glauben weiter praktizierten (Was naturgemäß nicht nachprüfbar ist)). Anderen Schätzungen zur Folge gab es nach Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 52.000 Katholiken und Schätzungsweise 200.000 Protestanten auf dem Gebiet der heutigen DVRK. Die Bedeutung des Buddhismus war nach Jahrhunderten der Unterdrückung (mit Ausnahme der Zeit der japanischen Besatzung) nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegenüber den anderen Religionen sehr gering. Neo-Konfuzianische Einflüsse waren sicherlich die bedeutendsten, nicht zuletzt, weil diese über Jahrhunderte hinweg von der herrschenden Chosun-Dynastie gestützt wurden. Der Cheondogyoismus hatte Angaben seiner Führer zufolge gegen Ende des Zweiten Weltkriegs etwa 3.000.000 Anhänger unter den ethnischen Koreanern der Region. Der Einfluss des Shamanismus schließlich ist schwer abzuschätzen, da dieser oft auch von Gläubigen anderer Religionen als „Zusatz“ praktiziert wurde.

Vor allem (protestantische) Christen und Anhänger des Cheondogyoismus waren die ersten Ziele der Verfolgung durch das Kim Il Sung Regime, da sie einen hohen Organisationsgrad aufwiesen und durchaus politische Ambitionen erkennbar waren. Durch den Verfolgungsdruck  kam es zu zunehmenden Fluchtbewegungen Richtung Süden, die mit Beginn des Koreakrieges 1950 und einer weiteren Verschärfung des Drucks auf diese Gruppen noch zunahm. Außerdem etablierte das Regime eine „loyale“ christliche Organisation, die Korean Christian Federation (KCF), die eine Alternative zu den oppositionellen Protestanten bieten sollte. Da Katholiken und Buddhisten kaum organisiert waren, waren sie in den Anfängen der DVRK weniger von den Verfolgungen betroffen. Allerdings wurden in einer Bodenreform 1946 ihre Besitztümer eingezogen, so dass beide Gruppen weiter geschwächt wurden. Während des Koreakrieges hatten alle religiösen Gruppierungen unter starken Verfolgungen, die besonders die Priester und Mönche betrafen, zu leiden und es ist zu vermuten, dass ein bedeutender Anteil der christlichen, buddhistischen und cheondoistischen Anhänger unter den 10 – 14 % der nordkoreanischen Bevölkerung waren, die im Verlaufe des Krieges nach Süden flohen. Mit der Umgestaltung der nordkoreanischen Gesellschaft, die vor allem in der Einteilung der Bevölkerung in 51 Gruppen ihren Ausdruck fand, erreichte die Unterdrückung der Religionen einen neuen Höhepunkt. Die Mitglieder der religiösen Gruppen wurden als „feindlich“ eingestuft, was massive soziale und ökonomische Nachteile bis hin zur Verbringung in Arbeitslager mit sich brachte. Durch die Verstärkung des Personenkults um Kim Il Sung (dieser Kult nahm Anleihen vor allem am Neo-Konfuzianismus, aber auch am Christentum), waren konkurrierende Glaubenssysteme kaum mehr vorhanden, da es bis Ende der 1960er Jahre schlicht die Möglichkeiten (es gab keine Kirche mehr, die noch betrieben wurde) nicht gab, aber auch weil die Überwachung dies kaum zuließ.

Religionen und Juche

In den 1960er Jahren füllte „Juche“ mehr und mehr das geistige Vakuum, das die Eindämmung anderer Glaubens- und Wertesysteme bewirkt hatte. Anfänglich eher eine Staats(führungs)ideologie, entwickelte sich Juche mehr und mehr zu einer umfassenden „Kult-Ideologie“, die die Grenze von politischer Beeinflussung hin zur religiösen Überzeugung überschritt. Die Geschichte Koreas, vor allem aber der Familie Kim Il Sungs wurde neu geschrieben (Wer einen langen Atem hat, kanns zum Beispiel mal mit Kim Il Sungs über tausendseitigen (Entschuldigung, hab mich vertan:) über zweitausendseitigen Biographischem Werk  „With the Century“ versuchen), um eine quasi-Deifizierung zu rechtfertigen. Der Kim Familie wurden Wundertaten  und herausragende Fähigkeiten in nahezu allen Bereichen menschlicher Betätigung zugeschrieben. Kim Il Sung wurde zu einem „säkularen Jesus Christus“. Weiterhin beschreibt Juche den Menschen als Meister seines eigenen Schicksals, so dass für höhere Wesenheiten natürlich wenig Raum bleibt. Außerdem ergibt sich aus Juche eine „Führertheorie“, die das koreanische Volk als „soziopolitischen Organismus“ versteht, an deren Spitze der Führer als Kopf oder „top brain“ (herrlich, nicht) steht. (Erinnert mich irgendwie etwas an den Leviathan von Hobbes, aber auch an den „theoretischen“ Unterbau der deutschen Nationalsozialisten). Vor allem aber duldet Juche schlicht keine „Konkurrenz“ neben sich, sondern wird als monolithische Staatsideologie allen Nordkoreanern von der Geburt an als einzige Glaubens- und Werteoption eingebläut. Generell herrschte in Nordkorea seit dem 2. Weltkrieg eine extrem religionsfeindliche Atmosphäre, die ein Festhalten an seinem Glauben für jeden Menschen zu einer harten Probe machte. (Hier gibts einen echt hörenswerten Radiobeitrag von Bayern 2 der neben politischen Zusammenhängen auch auf die Ursprünge von Juche und die Zusammenhänge zwischen Juche und Religion eingeht.)

Heutige Situation

Nichtsdestotrotz haben bis zum heutigen Tag in verschiedenen Formen Reste von Religion in Nordkorea überdauert. Dabei sind drei Gruppen von Anhängern religiöser Praktiken in Nordkorea zu unterscheiden. Die erste Gruppe ist von Amtswegen als religiös praktizierend registriert und  ist durch Vereinigungen wie die Korean Christian Federation(KCF) (die anderen heißen: Korean Catholic/Buddist/Chondokyo/Orthodox Federation, und versuchen jeweils Beziehungen zu Gruppen der gleichen Religion in anderen Staaten zu knüpfen. Allerdings ist die KCF die bedeutendste dieser Gruppen) ins staatliche System Nordkoreas eingebunden. Diese Vereinigungen sind dem Staat, so weit bekannt, loyal ergeben. Eine weitere Gruppe hat sich ihre Religion im Verborgenen bewahrt, allerdings ist hier davon auszugehen, dass innerhalb dieser Gruppe keine (oder nur lokal begrenzte) Vernetzung besteht, und sich ihre Mitglieder nicht über andere religiös praktizierende Gruppen (teilweise noch nicht einmal über die staatlich Sanktionierten) bewusst sind. Die dritte Gruppe sind neue Religionsanhänger, die vor allem während der Hungersnot Mitte bis Ende der 1990er Jahre im Bereich der chinesischen Grenze durch Missionierung, vor allem protestantischer Christen, zur Religion kamen. Die Zahlen die KCF, also protestantische Christen, betreffend, die von offizieller Seite genannt werden variieren zwischen etwa 6.000 (1988) und etwa 12.000 (2002). Allerdings ist der „Anstieg“ eher nicht neuen Kircheneintritten geschuldet, sondern dürfte sich in  internen Schwierigkeiten begründen, die genaue Zahl zu bestimmen. Als gesichert gilt, dass der KCF etwa 500 „Hauskirchen“, also kleine Andachtszentren und 2 Kirchen (in Pjöngjang) zugehörig sind. Die Zahl der katholischen Christen wird mit knapp unter 1.000 angegeben, die für ihre Andacht zwar über eine Kirche in Pjöngjang, aber über keine Priester verfügen. Desweiteren wurde vor einigen Jahren (etwa 2005) ein russisch orthodoxes Gotteshaus eröffnet, das auch über zwei Geistliche verfügt, scheinbar allerdings nicht über eine einheimische Gemeinde. Vielmehr scheint sie ausländischen Anhängern des russisch Orthodoxen Christentums als Gebetsstätte zu dienen. Erstaunlicherweise wird bezüglich der Gotteshäuser in Nordkorea in mehreren Berichten übereinstimmend beschrieben, dass die sonst obligatorische Darstellungen Kim Il Sungs und Kim Jong Ils hier unterbleiben dürfen. Bei den offiziell registrierten und anerkannten Christen in Korea handelt es sich durchaus um echte Christen, für die ihre Religion von großer Bedeutung ist und die ein minimales Maß an religiöser Freiheit zu besitzen scheinen, so dass sie in Abwesenheit Fremder ihre Andacht ausüben können, ohne das diese von politischen Botschaften und Slogans durchsetzt ist. Aussagen über die „verborgene“ und die „neue“ Gruppe zu treffen ist naturgemäß wesentlich schwieriger, da die im „illegal“ agieren. Wie gesagt wurde die Zahl der im Verborgenen praktizierenden Christen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Korea verblieben ist auf 30.000 geschätzt, genaueres lässt sich dazu aber kaum herausfinden. Zu den „neuen Christen“ gibt es zwar eine Vielzahl von Zahlen (Vor allem 200.000 bis 400.000 wird häufig als Zahl solcher Christen genannt. Da Open Doors (Ich werde bei Gelegenheit was zu diesen $%“$!%§Z$%§$!%$%%“ irgendwie zwielichtigen Typen schreiben) hier aber die einzige, und dazu noch nicht besonders seriöse Quelle ist, und da alle wirklich seriösen Quellen sich hüten hier irgendwelche Zahlen zu nennen, möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass zwischen den Zahlen von Open Doors und der Realität wahrscheinlich keine sonderlich große Beziehung gibt, außer dass es wirklich Christen in Nordkorea gibt), aber es weiß keiner was genaues. Sicher scheint, dass durch zunehmende Missionstätigkeit und eine poröser werdende Grenze zwischen China und Nordkorea, die Zahl der Nordkoreaner, die vor allem mit dem protestantischen Christentum in Berührung kamen seit Mitte der 1990er Jahre stark angestiegen ist und dass diese Entwicklung vom Regime in Pjöngjang als Bedrohung wahrgenommen und dementsprechend scharf verfolgt wird. Über im Untergrund lebende Katholiken ist nichts bekannt, möglicherweise auch, weil es seitens der katholischen Kirche nicht zu solch weitreichender Missionstätigkeit kommt. Den Buddhismus betreffend gibt Nordkorea offiziell an, dass etwa 10.000 Buddhisten in Nordkorea leben, denen ungefähr 60 Tempel zur Verfügung stehen in denen etwa 200 Mönche ihren Dienst verrichten. Allerdings deuten Hinweise darauf, dass eine Vielzahl der Tempel eher als Sehenswürdigkeiten zur eventuellen touristischen Nutzung erhalten wird und dass es sich bei den „Mönchen“ zumindest zum Teil um eine Art Hausmeister handelt. Daraus wird teilweise geschlossen, dass dem Buddhismus keine reale Bedeutung zukommt. Die Zahl der Anhänger des Cheondogyoismus beläuft sich offiziellen Angaben zur Folge heute auf etwa 15.000, denen etwa 800 „Beträume“ in privaten Appartements zur Verfügung stehen. Damit wäre die stark nationalistisch geprägte Religion (Sie plädiert zum Beispiel für den Erwerb einer nuklearen Bewaffnung durch Nordkorea und für deren Erhalt auch nach einer möglichen Wiedervereinigung) weiterhin die stärkste (offizielle) Religionsgruppe in Nordkorea. Diese Gruppe ist vor allem interessant, weil noch immer (relativ) enge Beziehungen zwischen nord- und südkoreanischen Anhängern dieser Religion bestehen. Was den Schamanismus angeht, so sind keine offiziellen Angaben vorhanden, da diese Gruppe vom Staat nicht anerkannt ist. Grundideen des Schamanismus, wie zum Beispiel die Annahme, dass der Mensch Meister seines eigenen Schicksals ist, wurden von der Juche Ideologie übernommen, so das hier schwer zu unterschieden ist. Der Schamanismus scheint als Volksglaube allerdings in jüngster Vergangenheit eine Widerauferstehung erlebt zu haben. Hinweise deuten darauf hin, dass Rituale wie Wahrsagung und Exorzismus weit verbreitet sind. Dadurch, dass auch hohe Funktionäre die Dienste von Wahrsagern in Anspruch nehmen, scheinen diese zunehmend  toleriert zu werden. Von offizieller Seite werden schamanistische Praktiken zwar kritisiert, allerdings scheint man nicht einzuschreiten, solange diese Praktiken nicht mehr als zwei Menschen umfasst.

Fazit

So, dass war dann mal ein stark verkürzter Überblick über Religionen in Nordkorea. Ich fands eigentlich ganz interessant mal n bisschen mehr darüber zu lernen. Was mir bezüglich der aktuellen Situation aufgefallen ist sind folgende Punkte: 1. Jahrzehntelange religionsfeindliche Politik bewirkte, dass Religion fast vollständig an Bedeutung verlor. Allerdings kam es nach einer einige Jahre andauernden Schwäche des Staates zu einer partiellen Rückkehr von Religion.  2. Das Regime in Pjöngjang erkennt im Wiederaufleben der Religion eine Gefahr, für deren Bekämpfung es Ressourcen bereitstellt.  3. Die offiziellen religiösen Vereinigungen scheinen eine zwiespältige Rolle zu spielen: Einerseits dienen sie (außen-)politischen Interessen des Regimes in Pjöngjang, andererseits scheinen sie einen (wenn auch minimalen) Grad an religiöser Autonomie erlangt zu haben. 4. Je unklarer die Datenlage sich in einer Quelle darstellt, desto seriöser ist sie oftmals (Jemand der behauptet konkrete Zahlen zu wissen, der lügt!) Natürlich war das das jetzt alles nicht besonders viel und extrem lückenhaft. Wenn ihr weiter recherchieren wollt, dann lest einfach in den folgenden Quellen, und vielleicht gibts ja irgendwann mal mehr Infos. Bis dahin müsst ihr euch mit Folgendem abfinden:

Quellen

Zwei deutschsprachige Quellen, die glaubwürdig sind und interessante Infos zum Thema enthalten hab ich gefunden: Das ist einmal ein verschriftlichter Vortrag des mittlerweile verstorbenen Prof. Günter Freudenberg, einem anerkannten Experten bezüglich Korea. Der Vortrag befasst  sich schwerpunktmäßig mit Christen in Nordkorea, bietet dazu recht gute Daten, wurde aber leider bereits Jahr 1997 gehalten. Die andere Quelle geht auf einen Reisebericht von Lutz Drescher, Ostasienrefernt des evangelischen Missionswerkes (EMS), zurück und beschreibt vor allem seine praktischen Erfahrungen bezüglich der Religionsausübung in Nordkorea, bietet aber gerade deswegen hier eine wertvolle Ergänzung, weil es eben „echte“ Eindrücke sind. Eine weitere Quelle ist ein kurzer (englischsprachiger) Bericht von Forum 18, einer Organisation, die sich mit dem Status des Rechts auf Religionsfreiheit in aller Welt beschäftigt, der genau das kurz und knapp für den Fall Nordkorea auf den Punkt bringt und 2004 geschrieben wurde. Wenn man etwas ausführlichere Informationen sucht, dann sollte man sich die beiden Berichte „Thank you Father Kim Il Sung“ und „A Prison Without Bars“ die von der „U.S. Commission on International Religious Freedom“ herausgegeben wurden. Beide Berichte verbinden Interviews mit aus Nordkorea geflohenen Menschen mit wissenschaftlich recherchierten Informationen. Der Erste ist beschreibt umfassend die Geschichte der verschiedenen Religionen und ihrer Verfolgung in Nordkorea, sowie ihren jetzigen Status und wurde im November 2005 veröffentlicht. Der Zweite kam erst vor gut einem Jahr heraus und erfasst so auch relativ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Zu beachten ist bei beiden Berichten, dass sie sich in wichtigen Punkten auf eine relativ kleine ((unter 100) Stichprobe von Flüchtlingen berufen. Daher muss man bedenken, dass die Aussagen nicht repräsentativ sind und von Menschen getroffen wurden, die (besonders) unzufrieden mit dem Regime in Pjöngjang waren. Nämlich so sehr, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten um zu fliehen. Ergänzend kann man des weiteren den Bericht von Lord Alton und Baroness Cox lesen, zwei britischen Parlamentariern, die Anfang dieses Jahres Nordkorea besucht haben und sich u.a. mit Vertretern verschiedener religiöser Gruppen getroffen haben. Und wenn man das alles gelesen hat, ist man, glaub ich, auf nem recht aktuellen Stand was Religion in Nordkorea angeht, ohne irgendwelchen religiösen Weltverbesserern und Blendern aufgesessen zu sein.

Ok, ich verrate noch kurz warum ich mich so über Sachen wie „Open Doors“ aufrege während der Rest des Beitrags ja eigentlich recht emotionslos war: Da sitzen irgendwelche Spassvögel in Deutschland, machen dick Lobbyarbeit, sammeln Gelder ein, kaufen davon Bibeln und Schulungsmaterialen, finanzieren dann Missionsarbeit in Nordkorea, obwohl sie selbst schreiben, dass der Kontakt mit Missionaren die Menschen in Nordkorea in Lebensgefahr bringt (was ja dann gleichzeitig auch wieder die schreckliche Statistik von „Open Doors“ noch schrecklicher macht (also ganz gut für neue Lobbyarbeit ist)) und glauben dann noch sie hätten was Gutes getan! Sind die bescheuert?! Aber vielleicht stehen dahinter ja auch monetäre anreize? Ich weiß es nicht und will es keinem unterstellen. Aber egal was die Motive sind. Da könnte ich K… wird mir speiübel! Aber dazu schreib ich in kürze was Ausführliches.

Bischof Wolfgang Huber besucht Nordkorea


Update 2: Der ORF hat gestern aus einem Interview Hubers gegenüber der DPA zitiert. Dort beschreibt Huber die Situation der Christen in Nordkorea als sehr schwierig, da sie neben ihrem Glauben auch der nordkoreanischen „Staatsreligion“ folgen müssten. Ob es christliche Gemeinden im Untergrund oder überhaupt irgendwelchen gesellschaftlichen Widerstand  gebe sei kaum zu bewerten, es sei aber vorstellbar. Außerdem hob Huber die Bedeutung des direkten Kontakts der EKD zur KCF, auch im Hinblick auf eine Annäherung zwischen nord- und südkoreanischen Christen, hervor.

Update: Ok, mittlerweile dürfte die EKD Delegation sich wieder in einer nicht-stalinistischen Gesellschaft akklimatisiert haben, denn sie sind am Dienstag nach Südkorea weitergereist. Und da denkt man natürlich, dass es irgendwas über die Reise nach Nordkorea zu hören gibt. Gibt es auch tatsächlich: Um genau zu sein zwei Pressemeldungen, eine von der Pressestelle der EKD, und eine von der berühmt berüchtigten nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA. Die beiden sind durchaus unterschiedlich, was die Textlänge angeht. Was allerdings den Inhalt angeht, werden die Unterschiede schon etwas geringer. Aber wie ja bereits gesagt, wenn der Gesprächsfaden nach Nordkorea, der ja in den seltensten Fällen besonders haltbar ist, nicht reißen soll, dann muss man es wohl bei Allgemeinplätzen belassen und diplomatisches Wischi-Waschi von sich geben. Aber nun mal kurz konkret, obwohl das vermutlich die Meisten, die sich dafür interessieren schon gelesen haben, weil es im Netz ja schließlich auch keine andere Info gibt:

Die Delegation hat sich mit dem Vorsitzenden der offiziellen Kirchenorganisation KCF, Kang Yong-sop getroffen, welcher die Besucher für ihr aktives Engagement bei der Annäherung zwischen nordkoreanischen und südkoreanischen Christen gelobt hat (das aktive Engagement kann ich unterschreiben; was Annäherung angeht, naja…) und seiner Hoffnung zum Ausdruck gebracht hat, dass sich die (christlichen) nord-süd-Beziehungen weiter verbessern mögen. Dann wird aus einer Rede Hubers zitiert, in der er an das geschichtlich bedingte besondere Interesse Deutschlands am geteilten Korea erinnert, um darauf an die Regierungen in aller Welt zu appellieren, „ernsthaft den Weg zu bereiten, damit Frieden, Einheit, Wohlstand und Freiheit auch für die koreanische Halbinsel erreicht werden können“ wozu ein „freies christliches Leben in ganz Korea“ ermöglicht werden müsse. Bei einer weiteren Ansprache nach einem Gottesdienst in einer der beiden evangelischen Kirchen Pjöngjangs berief sich Huber unter anderem auf folgenden Satz aus der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

Hier gibts dann ja doch einige interessante Erkenntnisse (oder Interpretationen) rauszuholen. Es ist ja klar, was die Pressemeldung soll: Uns klarmachen, dass die EKD Delegation in Pjöngjang nicht nur auf eitel Sonnenschein gemacht und backe-backe-Kuchen gespielt hat, sondern durchaus auch öffentlich kritische Themen angesprochen hat. Meiner Meinung nach ist das auch durchaus berechtigt, denn vor allem das Zitat aus der Apostelgeschichte hat theoretisch für ein Regime, wie das in Pjöngjang, ja durchaus negative Implikationen. Allerdings dürfte die Sprengkraft der Aussage in der Realität natürlich etwas begrenzter sein, da erstens diejenigen die Hubers Rede gelauscht haben vom Regime handverlesen gewesen sein dürften, zweitens Mitglieder der mit dem Regime auf Linie liegenden KCF und da drittens selbst wenn Huber mit seinen Reden das Feuer des Widerstandes in den Zuhörern erweckt hätte, die Zahl der Christen in Korea so gering ist, dass daraus kaum ernsthafte Veränderungen entstehen könnten. Nichtsdestotrotz finde ich das Vorgehen Hubers Ok. Er nutzt die Möglichkeit Beziehungen zu knüpfen, bzw. evtl. aufrechtzuerhalten, lässt sich aber trotzdem nicht von einem der repressivsten Regime den Mund verbieten.

Aber es gab ja auch eine offizielle Pressemeldung der KCNA. Weil die vom Ausmaß her recht überschaubar echt winzig ist, zitiere ich sie mal in voller Länge:

A delegation of the Council of the Evangelical Church in Germany arrives

Pyongyang, September 12 (KCNA) — A delegation of the Council of the Evangelical Church in Germany led by Wolfgang Huber, its chairman arrived here today.

Arriving here on the same day were Sachio Nakato, researcher at the International Institute of Juche Idea, and his party.

Also scheinbar hat Huber doch einiges richtig gemacht, jedenfalls wurde sein Besuch nicht zu Propagandazwecken ausgeschlachtet. Warum die Info über den Researcher am Juche Institut noch mit in die Meldung musste versteh ich nicht so ganz, aber vielleicht wollte man ja das ideologische Gleichgewicht aufrechterhalten, oder sowas, und musste daher auch einen echten Verfechter der Wahren Idee mit in den Artikel bauen.

Aber rein spekulativ gibt der Artikel vielleicht noch etwas mehr her, weil oft das was die Leute nicht sagen ja interessanter, als das was sie sagen. Punkt eins warum lädt man einen ausländischen Kirchenmann ein, wenn man fürchten muss, dass er dem Regime eher feindlich gesonnen ist, und wenn man den Besuch auch nicht zur Prestigesteigerung verwerten will? Zwei mögliche Erklärungen: Erstens: Wirtschaftliche Beweggründe, man hofft auf Hilfen. Zweitens: Die KCF besitzt eine gewisse Autonomie und will Kontakte zu Glaubensbrüdern aufrechterhalten. Punkt zwei: Warum schlachtet man den Besuch eines prominenten deutschen Geistlichen nicht unabhängig von dem, was er tatsächlich gesagt und getan hat, propagandistisch aus? Erstens: Wieder wirtschaftliche Beweggründe: Man könnte Sorgen haben, dass die evangelische Kirche darauf nicht besonders erfreut reagieren würde, und evtl. Hilfen nicht gewähren könnte. Zweitens die KCF besitzt über etwas Einfluss und will zwischenkirchliche Kontakte aus der Politik raushalten.

Wie gesagt, für mich haben beide Antwortstränge einen gewissen Charme: Der Wirtschaftliche, weil Nordkoreas Verhalten in einem Großteil der Fälle mit wirtschaftlichen Beweggründen zu erklären ist. (Dagegen spricht allerdings, dass die deutsche evangelische Kirche vermutlich nicht unter den Haupt-Hilfe-Gebern Nordkoreas zu finden ist, und man in Pjöngjang noch nicht einmal zwangsläufig auf die wichtigsten Geldgeber Rücksicht nimmt). Der Punkt mit der gewissen Autonomie der KCF, wegen der Gegenargumente gegen den wirtschaftlichen Erklärungsansatz und weils für mich von der Wahrnehmung her besser passt. (Dagegen spricht allerdings: Warum sollte das Regime in Pjöngjang, einer unbedeutenden Zahl von religiösen Menschen Autonomie gewähren? Das macht eigentlich keinen Sinn.)

Naja, wie meistens werden wir das so genau wohl nie erfahren, aber ich hoffe weiter, dass Bischof Huber, wenn er wieder hier ist, etwas mehr Informationen über seinen Aufenthalt publik macht.

 Ursprünglicher Beitrag: 

Nicht nur deutsche Bundestagsabgeordnete oder Studentinnen fahren nach Nordkorea, nein, auch kirchliche Würdenträger wie zum Beispiel der (noch) Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, der im November in den Ruhestand geht. Dieser Macht sich zum Abschluss seiner Amtszeit noch einmal zu einer recht schwierigen Mission auf, da das Regime in Pjöngjang nicht nur insgesamt recht menschenverachtend ist, sondern es  besonders auf religiöse Menschen abgesehen hat. Huber wird zusammen mit  12 weiteren Delegationsmitgliedern ab heute bis zum 15. September in Nordkorea bleiben und dann in die Republik Korea weiterreisen. Sein Besuch geht auf eine Einladung der Korean Christian Federation (KCF) zurück, also der im staatlichen Gefüge befindlichen Gruppe von evangelischen Christen. Aus der Pressemitteilung der EKD geht hervor, dass der Besuch in Pjöngjang im Zusammenhang stehe

mit ökumenischen Bestrebungen um Frieden und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel und mit Bemühungen, die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Entwicklungspolitik auf der Basis gegenseitigen Vertrauens zu stärken.

Was das genau bedeuten soll, dass wissen wahrscheinlich noch nicht einmal die Reiseteilnehmer selbst (außer vielleicht die Sache mit der Entwicklungspolitik, da gehts dann wohl um Hilfen aller Art). Aber Kontakte aufrecht zu erhalten und vielleicht sogar bei Gelegenheit kritische Themen anzusprechen, dass ist ja auch nicht das Schlechteste. Leider hat Bischof Huber kein Blog, durch das er seine Eindrücke vermitteln kann. Aber weil er ja in offizieller Funktion reist, wäre das eh wahrscheinlich zuviel erwartet, aber vielleicht lässt er die Menschen in Deutschland ja nach seiner Heimkehr (zumindest diplomatisch durchgewischiwaschiet (das soll keine Kritik sein, ich meine ist ja klar, dass wenn man den Kontakt halten will, die „Partner“ in Nordkorea nicht vor den Kopf stoßen darf)) an seinen Eindrücken und Erfahrungen, die er in den drei Tagen gemacht hat, teilhaben (hoffentlich etwas mehr als nur in Form einer mageren Pressemitteilung, die so ziemlich die einzige Info zu der Reise darstellt). Wegen der dünnen Informationslage gibt’s auch nur diesen kurzen Beitrag, aber ich werd das mal zum Anlass nehmen was über Christen in Nordkorea zu schreiben, weil ich über das Thema auch genau nichts weiß, also noch jede Menge lernen kann…

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