Was „normale“ Nordkoreaner denken: Interessantes Büchlein vom DailyNK


Auf dem Blog von Noland und Haggard ist ein interessantes Büchlein verlinkt, das ich euch kurz vorstellen möchte. Darin haben einige der Autoren des DailyNK zehn Interviews mit Nordkoreanern aus verschiedenen Gesellschaftschichten und mit verschiedenen Berufen abgedruckt. Das Ganze ist ein sehr interessantes Dokument, da es ein etwas besseres Gefühl für das Denken und Fühlen „normaler“ Nordkoreaner vermittelt. Natürlich darf man die daran getroffenen Aussagen nicht verallgemeinern. Es kann sein, dass sehr viele Menschen in Nordkorea so denken, wie diese zehn, aber es muss nicht sein. Man weiß es einfach nicht und solange das aktuelle Regime in Pjöngjang herrscht, wird man es auch nicht erfahren. Außerdem muss man vorsichtig sein, weil man nicht genau weiß, wie die Interviews zustande kamen und wie präzise die Übersetzung ist (das was der DailyNK betreibt könnte man teilweise als Gegenpropaganda gegen das Regime in Pjöngjang bezeichnen und beim Lesen der Interviews hat man manchmal das Gefühl, dass das einen gewissen Einfluss auf mögliche Vorgespräche und Übersetzung hat). Nichtsdestotrotz ist sind die Interviews wertvolle Dokumente für ein besseres Verständnis der aktuellen Umstände in Nordkorea.

Einige Aspekte, die mich besonders beeindruckt haben möchte ich hier ganz kurz notieren:

  • Von fast allen befragten wird auf die großen und sehr negativen Auswirkungen hingewiesen, die die Währungsreform auf ihre individuelle Versorgung mit Nahrungsmitteln, aber auch auf das gesamte Versorgungssystem des Landes hatte. Oft wird die Reform direkt oder indirekt als Ursache für die aktuell angespannte Lage identifiziert.
  • Viele der Befragten haben Zugang zu südkoreanischen Fernsehserien oder Filmen und oft wird ein kultureller Einfluss dieser Serien auf die Gesellschaft beschrieben (die Leute kleiden sich nach dem Vorbild der Serien und tragen ihre Haare nach den dort gelernten Vorlagen).
  • Unter den befragten scheint zumindest das Wissen darum verbreitet zu sein, dass es den Menschen in Südkorea wirtschaftlich besser geht als den Nordkoreanern.
  • Eine wichtige Rolle in ihrem Verhältnis zum Staat spielt für viele Befragte ihr erster Besuch in China, als sie durch ihre Kontakte ein Außenbild von ihrem Land erhielten und Zugang zu anderen Informationen erhielten.
  • Offenen Widerstand gegen das Regime können sich die Befragten nicht vorstellen, da die Strafen drastisch sind (Sippenhaft: Die Familie des Widerständlers wird bis in die dritte Generation bestraft).
  • Auch Zeichen des Widerstands wie Graffitis scheinen eher selten zu sein.
  • Ein wenig abstrakter merkt man, dass manche der Befragten sich sehr schwertun, explizite Kritik an Kim Jong Il zu äußern. Generell wird festgestellt, dass das System nicht gut ist und auch Kim Jong Il wird nicht als „Idol“ beschrieben, aber es scheint den Menschen  trotzdem schwer zu fallen, etwas Schlechtes über ihn zu sagen.
  • In einem Interview (10) mit einem Grenzwächter zeigt sich ein unglaubliches Maß an Brutalisierung und Verrohung. Der junge Mann spricht von brutaler Gewalt gegen Wehrlose, als sei es völlig normal und alltäglich.
  • Wie bereits einleitend angesprochen, finde ich einige Antworten aus den Interviews etwas misstrauisch. So ordnet eine befragte sich selbst in der Gesellschaft knapp unter der Mittelschicht (middle class) ein. Ich frage mich, wie sie zu diesem Terminus kommt. Der ist doch wohl eher in marktlich organisierten Gesellschaftsordnungen eine Kategorie, dürfte aber in Nordkorea eher selten genutzt werden. In einem anderen Interview (2) wird ein Mann nach Yonpyong und Cheonan gefragt und stellt diese Vorfälle vollkommen selbstverständlich in Zusammenhang mit den Anschlägen auf das Flugzeug von Korean Air 1987 und den Attentat auf das südkoreanische Kabinett in Rangun 1983. Das finde ich irgendwie seltsam, da es sich bei Yonpyong und Cheonan ja eher um militärische Zwischenfälle gehandelt hat und ich diese Verbindung nicht besonders naheliegend finde, außer man möchte Nordkorea Staatsterrorismus vorwerfen…

Wenn ihr also ein besseres Verständnis um die Situation und das Denken einfacher Menschen in Nordkorea bekommen wollt, dann lest ihr die gut 50 Seiten am besten selbst mal durch. Mit etwas kritischer Reflexion gibt das Buch schon einiges her.

Zitierbares zu Nordkorea frei im Netz: E-books, Berichte, Newsletter (II, Think Tanks und aktuelle Informationen und Analysen)


Vorweg erstmal ne kleine Entschuldigung. Ich hatte ja eigentlich vorgehabt, eine regelmäßige Artikelserie zu starten und hab schon zwischen dem ersten und zweiten Beitrag die selbst gelegte (zeitlich) Latte gerissen. Aber ich war mit dem Interview mit Herrn Klitz, der Korrektur-/Endphase diverser Diplomarbeiten von Freunde und dann privat relativ beschäftigt und hab dementsprechend nur zu aktuellen Entwicklungen, die dies meiner Meinung nach erforderten, geschrieben. Aber jetzt hab ich die unmittelbaren Stressfaktoren abgearbeitet und kann mein Vorhaben zumindest in Teilen einhalten. Besserung zu geloben, was meine Disziplin bei der Einhaltung von selbstgesteckten Zielen angeht, wäre wahrscheinlich etwas zu viel. Ich schwäche das einfach etwas ab und gelobe zu versuchen mich zu bessern. Und nach diesem kurzen mea culpa gehts schon los mit dem, das euch wohl wesentlich mehr interessieren dürfte.

Nachdem ich letztes Mal schon den Newsletter der Good Friends mit dazugenommen habe, dachte ich, schreibe ich euch heute mal darüber, wo man noch Informationen und Analysen zu aktuellen Entwicklungen finden kann, die regelmäßig erscheinen und die Vorgänge in Nordkorea von einer eher wissenschaftlichen Warte betrachten. Dazu gibts ein paar Seiten von Think Tanks, die ich wirklich wärmstens empfehlen kann.

Nautilus Institute: Täglicher Newsletter und Analysen zu aktuellen Entwicklungen sowie eine Vielzahl von Hintergrundressourcen

Das Nautilus Institute ist ein Think Tank der eine Vielzahl von Experten im Bereich Asien-Pazifik vernetzt. Als Ziele hat sich das Institut gesetzt Frieden und Sicherheit schaffen und Nachhaltigkeit zu fördern. Das Netzwerk der Experten aus Forschung und Praxis soll helfen, Lösungen für die miteinander verbundenen Gefahren eines Nuklearkrieges, städtischer- und Energieunsicherheit und dem Klimawandel in der Region Asien-Pazifik zu entwickeln. In diesem Rahmen beschäftigt sich das Nautilus Institute auch ausgiebig mit Nordkorea. Im täglich erscheinenden Newsletter, dem NAPSNet Daily Report, zur Region Asien-Pazifik sind immer die wichtigsten Ereignisse mit Bezug zu Nordkorea enthalten. Darüber hinaus gibt es mehrmals im Monat im Policy Forum Online Analysen (oft) namenhafter Wissenschaftler (Rüdiger Frank schreibt hier öfter und ich glaube Andrei Lankov auch) zu aktuellen Vorgängen in Nordkorea. Und als wäre das noch nicht genug, gibt es auch noch das DPRK Briefing Book, das sich zu fast allen bedeutenden Themen mit Bezug zu Nordkorea beschäftigt, aber kein Buch im eigentlichen Sinne ist, sondern eine relativ gut sortierte und umfangreiche Materialsammlung. Da sind also jede Menge PDFs zu den verschiedenen Themen verlinkt. Kann ich nur jedem empfehlen, der eine Recherche zu einem etwas speziellern Thema anfängt. Leider wurde das Briefing Book, glaube ich seit einigen Jahren nicht mehr geupdated, so dass die neuesten Materialen aus dem Jahr 2005 sind, es ist aber trotzdem toll. Zu der Seite ist generell zu sagen, dass sie graphisch und technisch nicht besonders Nutzerfreundlich gestaltet ist, was ich nicht wirklich verstehe. Die haben echt sehr gute Inhalte, wieso schaffen sie es nicht da einen Informatiker dranzusetzen, der die Seite mal ein bisschen auf Vordermann bringt. Aber naja, so muss man schonmal n bisschen rumklicken bis man das gefunden hat was man sucht. Und das lohnt sich auf jeden Fall. Fazit: Hervorragende Inhalte, aber ausbaufähiger Internetauftritt.

Center for Strategic and International Studies (CSIS): Vierteljährlicher Newsletter mit Analyse

Das CSIS hat sich zum Ziel gesetzt strategisches Einsichten und Lösungen für die Regierung (v.a. der USA) internationale Organisationen, die private Wirtschaft und die Zivilgesellschaft zu generieren. Es beschäftigt sich mit allen Weltregionen, aber eben auch recht ausgiebig mit Asien. Wie schon gesagt ist das CSIS etwas US fokussiert, was aber die Qualität der Informationen keinesfalls schmälert, man kann es aber im Hinterkopf behalten. Vierteljährlich wird das E-Magazin Comparative Connections herausgegeben, in dem verschiedene Länderexperten zu den bilateralen Beziehungen Ost-Asiens (+USA) schreiben (Hier betätigen sich u.a. Scott Snyder und Victor Cha). Es werden auf jeweils etwa 10 Seiten die Beziehungen der Koreas zueinander und mit den USA und China im letzten Quartal revuepassieren gelassen und analysiert. Außerdem gibts ne chronologische Auflistung der Ereignisse in den jeweiligen Beziehungen, die sehr empfehlenswert ist, wenn man irgendwas nachgucken will. Außerdem gibts bei CSIS gelegentlich mal ne Analyse zu aktuellen Themen, aber das muss man dann auf der Seite recherchieren. Leider hab ich auch hier, obwohl sie optisch sehr schön gestaltet ist, nicht ganz den Durchblick, wo man was findet. Die ist auch irgendwie durcheinander. Aber suchen kann sich lohnen. Fazit: Comparative Connections ein Muss für jeden der sich für die bilateralen Beziehungen der Region und Nordkoreas interessiert.

IFES – Institute for Far Eastern Studies: Zeitnahe Informationen und Analysen zu Nordkorea und Online Journal

Das IFES ist ein forschungsorientierter Think Tank, der an der Kyunganam Universität Seoul angesiedelt ist. Es will durch Forschung mit Fokus auf die Koreanische Halbinsel zu Frieden auf derselben und zur Vereinigung Koreas beitragen. Ergebnis dieser Forschungsarbeit sind gleich mehrere lesenswerte Publikationen. Das NK Brief informiert zeitnah und mit oft ausführlicheren Hintergrundinformationen, als man in der Presse finden kann, zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehnissen in Nordkorea. Im IFES Forum sind Analysen südkoreanischer und internationaler Wissenschaftler zu aktuellen Vorgängen in Nordkorea zu finden. Im ICNK Forum schließlich werden, wenn auch in recht großen zeitlichen Abständen, sehr lesenswerte Beiträge zur wirtschaftlichen Entwicklung Nordkoreas veröffentlich. Weiterhin gibt es die wissenschaftliche Zeitschrift Asian Perspectives zum herunterladen. Das dreimonatlich erscheinende Journal beschäftigt sich zwar nicht ausschließlich mit Nordkorea, aufgrund seines Fokus auf Ostasien, gibt es allerdings in nahezu jeder Ausgabe mindestens ein Artikel zu diesem Thema. In seiner Gesamtheit deckt das Informationsangebot des IFES ein breites Spektrum von Informationen ab, so dass man hier immer mal vorbeischauen kann, wenn man Infos zu einem speziellen Thema sucht. Das NK Brief liefert außerdem einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen in Nordkorea. Die sinnvolle und angenehme Navigation auf der Seite vereinfacht die Recherche hier noch zusätzlich. Fazit: Hervorragend wenn man keine bedeutende Entwicklung verpassen will oder zu speziellen (v.a. wirtschaftlichen Themen) recherchiert.

Daily NK: Aktuelle Informationen oft direkt aus Nordkorea von Aktivisten für Menschenrechte und Demokratisierung in Nordkorea.

Daily NK ist eine weniger akademische Informationsquelle als die zuvor Genannten. Eigentlich ist es fast eine Art Online-Zeitung. Da die Macher aber klare politische Ziele verfolgen habe ich mich gescheut, Daily NK unter der Rubrik „Presse“ einzuordnen. Daily NK beschäftigt sich mit politischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen in Nordkorea und hierzu gibt es mehrere sehr interessante Beiträge pro Tag zu lesen, die schön präsentiert und oft mit Fotos versehen sind. Besonders toll an der Seite ist, dass eine Vielzahl von Kontakten zu Menschen in Nordkorea zu bestehen scheint. Dies erlaubt oft interessante Einblicke in die Vorgänge in Nordkorea. Allerdings muss ich gestehen, dass ich Daily NK gegenüber immer etwas misstrauisch bin. Die Informationen sind nicht nachprüfbar und werden oft recht einseitig ausgelegt. Daher sollte man sich beim Lesen der Seite immer bewusst sein, dass die Macher versuchen könnten, die Meinung der Leser zu beeinflussen (vielleicht sogar zu manipulieren). Aber wenn man das beachtet und das gelesenen kritisch hinterfragt, bietet Daily NK eine durchaus lesenswerte und aufgrund ihrer Informationskanäle hochinteressante Informationsquelle. Fazit: Interessante Informationen oft von Menschen aus Nordkorea, aber mit Vorsicht zu genießen.

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