Eine Landverbindung nach Südkorea schaffen: China soll Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke durch Nordkorea planen


Kürzlich habe ich bei KBS einen Artikel  gelesen, den ich sehr spannend fand. Es ging darum, dass China und Nordkorea angeblich ein Abkommen über die Errichtung einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke und einer Autobahn zwischen Sinuiju im Nordwesten des Landes an der Grenze zu China und Kaesong im Südwesten an der demilitarisierten Zone, der de facto Grenze zu Südkorea geschlossen hätten. Das 14,2 Milliarden Dollar Projekt solle 30 Jahre lang von dem chinesischen Konsortium betrieben werden und dann an Nordkorea fallen. Dieser Bericht beruht scheinbar auf Informationen des südkoreanischen Abgeordneten Hong Ik-pyo. Allerdings berichtet Daily NK, eine Seit mit Fokus auf der Menschenrechtssituation in Nordkorea, unter Berufung auf das südkoreanische Vereinigungsministerium, es handle sich hier nur um einen Diskussionsprozess, der schon länger bekannt sei und bei dem bisher noch keine Entscheidung gefallen sei.

Südkorea als „Binneninsel“

Nichtsdestotrotz machte mich dieses Thema hellhörig, denn hierdurch wird eines der großen Pfunde, mit denen Nordkorea wirtschaftlich mittel- bis langfristig wuchern könnte, nochmal sehr deutlich. Es geht im Endeffekt um die geographische Lage Nordkoreas. Dadurch, dass der Nordteil und der Südteil Koreas hermetisch voneinander abgeriegelt sind, macht Nordkorea aus dem Süden eine Art „Binneninsel“. Zwar ist Südkorea durch eine Landverbindung an den Rest Asiens angebunden, aber es kann diese Landverbindung nicht nutzen. Eigentlich ist das Ganze noch unangenehmer als eine Position als Insel, denn Wasser schießt nicht mit Artillerie etc.. Dieser Umstand verschließt Südkorea einiges Entwicklungspotential, denn alles was ausgeführt werden soll, muss erstmal auf ein Schiff verladen werden. Möglicherweise wäre es aber mitunter kosteneffizienter, Dinge per Schiene oder Straße in die Abnehmerländer zu schaffen. Solange aber die politische Situation mit dem scharfen Gegensatz zwischen Süd- und Nordkorea so ist, wie sie nun eben ist, wird das vermutlich nicht passieren. Es sei denn…

Optionen zum Anschluss Südkoreas an das chinesische Hochgeschwindigkeitsschienennetz

…Es sei denn einer der beiden großen Nachbarn Nordkoreas im Norden, also China oder Russland schaffen es eine Vereinbarung mit Pjöngjang zu schließen, die den Bau und die sichere Nutzung einer Schienen oder Straßenverbindung durch Nordkorea ermöglicht. So etwas wäre nicht zuletzt für Nordkorea selbst nicht unwichtig, da die marode Infrastruktur des Landes ein Stück weit aufgewertet würde, das Land damit besser erschlossen würde und wirtschaftlichere Prozesse der Arbeitsteilung und Produktion ermöglicht würden. Weiterhin würden aus einem solchen Projekt auch noch eventuell Nutzungsgebühren der Straßen-/ Schienenbetreiber anfallen, was einen unmittelbareren Anreiz darstellen würde. Eine durchaus interessante Geschichte also, die durch den Bau einer Schienenverbindung zwischen Sinuiju und Kaesong quasi in die Tat umgesetzt würde, denn Kaesong ist ans südkoreanische Schienennetz angeschlossen während Sinuiju mit Dandong über die Freundschaftsbrücke eine Schienenverbindung hat. Derzeit wird auf chinesischer Seite daran gearbeitet, Dandong bis 2015 über Schenjang an das chinesische Hochgeschwindigkeitsschienennetz anzuschließen. Kurz, eine Verbindung durch Nordkorea hindurch würde Südkorea ans Kontinentale Schienennetz anschließen und das wäre ein großer Schritt für Seoul. Zwar ist das grundsätzlich auch jetzt schon so, allerdings dürfte die marode nordkoreanische Schieneninfrastruktur kaum einen zügigeren Transport von Personen und Waren erlauben, als per Schiff.

Ein Pokerspiel – Für alle Beteiligten

Die Möglichkeit, die in solchen Projekten für Nordkorea stecken könnte, zeigt sich auch in dem Interesse Russlands daran, Infrastruktur quer durch Nordkorea bis in den Süden aufzubauen. Hier geht es neben einer Bahnstrecke auch um eine Pipeline, durch die Gas nach Südkorea fließen könnte. Ich bin zwar kein erfolgreicher Geschäftsmann oder so, aber ich weiß, dass sich die besten Geschäfte machen lassen, wenn mehrere Interessenten eine Sache gerne hätten. Naja und wenn  sowohl China als auch Russland daran interessiert sind, Südkorea an ihr Schienennetz anzuschließen, dann öffnen sich hierdurch für Pjöngjang Spielräume für das Spiel, das man dort wohl am liebsten spielt: Zum Pokern. In diesem Spiel könnte der Einsatz, mit dem Nordkorea die beiden ambitionierten Staaten locken könnte, die Erlaubnis zum Bau einer Bahnstrecke sein und beide dürften bereit sein, einiges in den Pott zu legen, denn eine Verbindung nach Südkorea verspricht günstigere Importe von dort und gleichzeitig die Erschließung eines neuen Marktes.
Es bleiben jedoch auch Risiken, denn Nordkorea ist nicht unbedingt als verlässlicher Geschäftspartner bekannt. Das haben die in Kaesong ansässigen Firmen in diesem Jahr erlebt und scheinbar auch schon einige chinesische Unternehmen. Daher werden beide Interessen wohl auch mit einer gewissen Vorsicht an einen möglichen Deal mit Pjöngjang herangehen. Ich bin gespannt was kommt, aber verlieren wird Nordkorea wohl eher nicht daran…

Hat Nordkorea ein Piratenproblem? Hinweise aus chinesischen Medien auf ein kriminelles grenzübergreifendes Netzwerk


Heute möchte ich mich nochmal kurz den Hintergründen der jüngsten Fischerbootstory zwischen China und Nordkorea zuwenden, da die chinesischen Medien inzwischen sehr offen über diese Zusammenhänge berichten und damit einen ganzen Komplex sehr spannender Aspekte freilegen.
In den letzten Tagen gab es in der Global Post zwei Artikel und auf der Plattform China.org einen, die allesamt Hintergründe der Festsetzung eines chinesischen Fischerbootes und seiner Besatzung bis vor einer Woche recherchiert haben und öffentlich machen, die bisher wohl der chinesischen Zensur unterlagen. Der kommende Beitrag stützt sich vollkommen auf den Inhalt dieser drei Artikel.

Stille Wasser sind tief (Foto: Marc Ucker)

Still ruht die See. Aber das ist ja immer so eine Sache mit stillen Wassern… (Foto: Marc Ucker)

Der Anfang der Geschichte: Ein sparsamer Bootseigner

Dabei wird unter anderem auch aufgeklärt, warum die Bootsentführung überhaupt öffentlich wurde. Wie ich vermutet habe, lag es wohl daran, dass er Bootsbesitzer nicht bereit war, das aufgerufene Lösegeld zu zahlen. Nachdem ihm dann keine echte Hilfe von den chinesischen Behörden zuteilwurde, entschloss er sich den Sachverhalt über Weibo öffentlich zu machen. Sein Plan ist ja, wie wir wissen, aufgegangen und hat neben den direkt von ihm intendierten Folgen weitere Auswirkungen  nach sich gezogen. Denn nun ist das Thema so hoch auf der Agenda, dass auch die Hintergründe von den chinesischen Medien recherchiert werden und die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt wird. Dabei zeigt sich ein recht komplexes Bild.

Ein grundlegendes Problem: Nicht geregelte Grenzziehung

Wie bekannt, ist die Grenzziehung zwischen China und Nordkorea im Gelben Meer nicht endgültig geklärt. Daher berufen sich die Fischer auf Gewohnheitsrecht, nach dem „seit Generationen“ westlich des 124. Längengrades Ost chinesische Fischer ihrer Tätigkeit nachgegangen seien. Die chinesischen Behörden scheinen dagegen wenig Drang an den Tag zu legen, dem Nachzukommen. Es gäbe keine offizielle Dokumentation der See-Demarkation zwischen beiden Ländern und die chinesische Fischereibehörde sei chronisch unterbesetzt und -finanziert. Die Lösung des Problems scheint also nicht ganz oben auf der Agenda der chinesischen Führung zu stehen.

Und ein Verstärker: Das grünere Gras/der fettere Fisch auf der anderen Seite der Grenze

Allerdings ist die mangelhafte Abgrenzung zwischen den Staaten nur ein kleiner Teil des Problems. Zwar geben alle Fischer, die in den Berichten zu Wort kommen an, dass ihre Boote nie die inoffizielle Grenzlinie überquert hätten, allerdings wissen auch alle von anderen zu berichten, die in nordkoreanische Gewässer führen, um zu fischen (wobei mitunter wohl die Kontrollmechanismen umgangen werden, indem das GPS ausgeschaltet wird, was aber generell von den chinesischen Behörden geduldet würde) oder „vom Wind dort hingetrieben würden“. Aber die Boote, die im Endeffekt festgesetzt worden seien (wie schon zuvor berichtet, scheinen diese Fälle an der Regel zu sein), die seien natürlich nicht über die Grenzlinie gefahren, sondern in chinesischen Gewässern aufgegriffen worden. Da fragt man sich ja glatt, warum die nordkoreanischen Kidnapper sich solche Mühe machen und so ein Risiko eingehen, wenn es doch im eigenen Meer genug chinesische Fischer gibt, die man an Land ziehen. Aber auch die Tatsache, dass chinesische Fischer nicht unbedingt Rücksicht auf die Eigentumsverhältnisse auf See nehmen, ist bei weitem noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Die seltsamen Vermittler: Verkauf von Fischereirechten (und Schutz)

Denn allem Anschein nach hat sich in der Grenzstadt Dandong so etwas wie ein Schwarzmarkthandel mit Fischereirechten etabliert. Chinesische Fischer können gegen ein gewisses Entgelt das Recht erwerben, in nordkoreanischen Fischgründen zu fischen. Dazu ziehen sie dann neben ihrer chinesischen auch noch eine nordkoreanische Flagge auf. Diese Geschäfte werden aber nicht direkt mit der nordkoreanischen Seite abgewickelt, sondern mit „Firmen“, die in einem chinesischen Bericht unter den Oberbegriff „Bang Ting“ gefasst werden. Diese sind in „unterschiedlichen maritimen Gebieten Nordkoreas aktiv, aber wohl besonders in Dandong und haben einen direkten über die Grenze hinweg. Interessant finde ich dabei, die Tatsache, dass die Fischer, die die Rechte gekauft haben, „markiert“ sind, denn diese Markierung dürfte ja dann sozusagen als Schutz vor den Übergriffen der nordkoreanischen Militärs dienen und vermutlich wirkt das auch unabhängig davon, ob die Nordkoreaner das Boot jetzt in chinesischen oder in nordkoreanischen Gewässern aufbringen. Es werden also nicht nur Fischereirechte verkauft, sondern auch Schutz. Naja und wie das heißt, wenn man Entgelt für Schutz bezahlt, das weiß man ja aus den guten alten Mafiafilmen…

Bang Ting: Grenzübergreifende Vermittler in jeder Lebenslage…

Der Draht der Bang Ting nach Nordkorea geht aber nicht nur soweit, dass die jeweiligen Firmen den chinesischen Fischern Schutz verkaufen, sondern sie treten daneben auch als Vermittler auf, wenn es zur Festsetzung chinesischer Boote kommt. Dann scheinen sie die Lösegeldübergabe abzuwickeln und eben alles „Geschäftliche“ zu regeln. Daneben wird aber auch berichtet, dass die Firmen für den Verkauf von Booten von China nach Nordkorea zuständig seien. Auch würde Gerät und technische Ausrüstung, das häufig durch die Nordkoreaner von den festgesetzten Booten gestohlen würde, später wieder in Dandong auf anderen Schiffen auftauchen. Dies wird zwar nicht eindeutig den „Bang Ting“ zugeschrieben, aber da sie ja scheinbar so ziemlich für alle Vermittlungsaufgaben über die Grenze hinweg zuständig sind, dürfte ihnen auch hier eine Rolle zukommen.

In meinen Ohren klingt das…somalisch

Was man jetzt davon halten soll, kann man sich jeweils selber überlegen. Da werden von nichtstaatlichen Organisationen Fischereirechte und Schutz verkauft, da wird Schwarzgehandelt und es werden Schiffe und Menschen entführt und gegen Lösegeld freigelassen, also wenn das nicht in Nordkorea, sondern in Somalia passieren würde, dann gäbe es dafür einen altbekannten Namen.
Was man in China davon hält, sagt erstaunlich offen die Global Times:

When Yu’s story was confirmed by Chinese foreign ministry on May 20, online reports hinted that Chinese criminal organizations in the bordering areas have linked up with the North Korean military.
But while fishing boat owners know about the connection, they are very reluctant to talk.

[Als Yu’s Geschichte am 20. Mai vom Außenministerium bestätigt wurde, gab es in Online-Berichten Hinweise darauf, dass kriminelle Vereinigungen aus China sich im Grenzgebiet mit dem nordkoreanischen Militär zusammengetan hätten.
Während Fischerbootsbesitzer um diese Verbindungen wissen, sind sie allerdings sehr zurückhaltend damit, darüber zu sprechen.]

Da scheint sich an der Grenze eine Art mafiöses Piratennetzwerk aus chinesischen kriminellen und nordkoreanischem Militär gebildet zu haben, das unter Duldung chinesischer wie nordkoreanischer Behörden (denn sonst wäre das Spiel wohl schnell am Ende) die Hoheitsrechte Nordkoreas privatisiert zu haben scheint und die chinesischen Fischer, deren teils nicht ganz astreines Verlangen nach dem grüneren Gras auf der anderen Seite des Längengrads sie in eine schwierige Rechtsposition bringt, nach allen Regeln der Piratenkunst ausbeutet.
Für die nordkoreanische Regierung heißt das zwar einerseits, dass man ein bisschen was an Militärausgaben und Geschenken für die dortigen Kommandeure einsparen kann (schließlich haben  die eigenen lukrative Einnahmequellen), andererseits hat man aber nicht die volle Kontrolle über das eigene Territorium, man lässt der Korruption ihren Lauf und man sieht weg, wo unabhängige kriminelle Strukturen entstehen. Dass das problematisch werden kann, zeigt die Tatsache, dass nun schon zweimal binnen eines Jahres die nordkoreanisch-chinesischen Beziehungen durch das Agieren dieses kriminellen Netzwerkes beeinträchtigt wurden. Man hat im Grenzgebiet also einen unkontrollierbaren außenpolitischen Spieler entstehen lassen, der zwar nicht den Anspruch erhebt Außenpolitik zu machen, der aber durchaus in der Lage ist, die außenpolitischen Interessen Nordkorea durch sein Handeln zu schädigen.

Südkoreanische Aktivisten seit zwei Monaten in chinesischer Haft — Hintergründe


In der vergangenen Woche schlug vor allem in den südkoreanischen Medien eine Geschichte immer wieder Wellen, die aus irgendeinem Grund nicht wirklich in den Deutschland angekommen ist, obwohl ich sie durchaus für bezeichnend für die Umstände im nordkoreanisch-chinesischen Grenzgebiet halte. Dabei geht es um vier südkoreanische Aktivisten, die sich für nordkoreanische Flüchtlinge einsetzen. Diese wurden offenbar schon vor fast zwei Monaten in der Hafenstadt Dalian, etwa 300 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze festgenommen. Danach sollen sie nach Dandong, direkt an der nordkoreanischen Grenze gebracht worden sein.

Links gekennzeichnet: Dalian. Im Nordwesten der chinesisch-nordkoreanischen Grenze: Dandong.

Unter den Aktivisten ist der recht prominente Kim Young-hwan. Dieser hatte bis in die 90er Jahre eine pro-nordkoreanische Gruppe in Südkorea geführt, bevor er die Seiten wechselte und sich u.a. für nordkoreanische Flüchtlinge einsetzt. Nur Kim hatte bisher Zugang zu südkoreanischen Diplomaten, als am 26. April der südkoreanische Konsul für eine halbe Stunde mit dem Mann sprechen durfte, dem offenbar Spionage vorgeworfen wird. Die anderen drei Aktivisten hatten bisher vermutlich keine Möglichkeit, mit einem Vertreter der südkoreanischen Botschaft bzw. des Konsulats zu sprechen. Allerdings gibt es darüber etwas gegensätzliche Informationen, denn in einigen Berichten wird auch gesagt, die drei hätten keinen Kontakt mit konsularischen Vertretern haben wollen. Bei diesen Dreien ist auch nicht wirklich bekannt, was ihnen vorgeworfen wird.

Chinesisches Vorgehen nicht tragbar

Dass das Vorgehen der chinesischen Behörden, hier wohl in ausgeführt durch die Abteilung des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit in der Provinz Liaoning ist vor völkerrechtlichen wie moralischen Maßstäben natürlich sehr kritisch zu betrachten, denn es kann nicht sein, dass Staatsbürger eines anderen Landes festgenommen werden und ihnen dann über Monate hinweg ein Treffen mit Anwälten oder konsularischen Vertretern verweigert wird.

Aber vielleicht nur ein Teil der Geschichte

Allerdings ist das vielleicht auch nur ein Teil der Wahrheit. Es ist bekannt, dass manche Menschenrechtsgruppen, die im Grenzgebiet zu China aktiv sind, teils auch mit harten Bandagen kämpfen, um ihre Themen auf die internationale Agenda zu bekommen. Dabei scheint es zumindest in der Vergangenheit nicht unüblich gewesen zu sein, bewusst einen Konflikt mit den chinesischen Behörden heraufzubeschwören, um dann etwas zum Berichten zu haben, das auf das Interesse der Weltöffentlichkeit stößt.

He said that the dynamics of missionary funding and donation solicitation drove many of these groups to „manufacture conflict“ with the Chinese authorities in order to tug at the heartstrings of Western- and South Korea-based donors. He cited the NGO practice of locating safe houses and orphanages in not-so-safe and very conspicuous sites overlooking the PRC-DPRK border, so that journalists and foreigners could visit and „sense the danger.“

[Er sagte, dass die Dynamik missionarischer Finanzierung und Spendenwerbung viele dieser Gruppen dazu veranlasste, Konflikte mit den chinesischen Behörden zu „fabrizieren“, um so an die Gefühle der westlichen und südkoreanischen Spender appellieren zu können. Er beschrieb die Praxis von Nichtregierungsorganisationen, sichere Verstecke und Waisenhäuser in nicht-so-sicheren und sehr auffälligen Orten nahe der Grenze zu platzieren, damit Journalisten und Fremde sie besuchen und „die Gefahr fühlen“ konnten.]

Auffällig unauffällig. Die Zurückhaltung der südkoreanischen Politik

Ich kann den Aktivisten in diesem Fall nicht unterstellen, dass es sich auch hier um eine Art Beispiel für ein solches Vorgehen handelt, aber es fällt auf, dass die große südkoreanische Politik die Finger von dem Thema lässt und dass das auch von den südkoreanischen Medien nicht unbedingt gepusht wird. Dass das auch anders gehen kann, zeigen Vorfälle vor einigen Monaten.

Die aktuelle Vorsicht kann meiner Meinung nach zwei Ursachen haben:

  • Entweder es ist politisch zurzeit nicht opportun. Man hofft China und Nordkorea ein Stückweit zu separieren und will natürlich dann nicht für Ärger auf Seiten Chinas sorgen. Daher kocht man das Thema auf minimal großer Flamme.
  • Oder man weiß, dass die Aktivisten die Situation, in der sie nun stecken entweder provoziert, oder zumindest in Kauf genommen haben. Man will sich nicht vom strategischen Agieren diese Gruppen treiben lassen und erst recht keine Anreize schaffen, künftig häufiger solche Gefangenschaften zu provozieren und damit den diplomatischen Umgang mit China zu erschweren.

In aller Stille loswerden

Jedoch helfen diese strategischen Überlegungen in der aktuellen Situation wenig weiter. Die vier sitzen in chinesischer Gefangenschaft und Gerüchten zufolge haben auch nordkoreanische Sicherheitsbehörden bereits ihre Fühler nach den Aktivisten ausgestreckt. Allerdings ist eine Auslieferung der vier nach Nordkorea kaum vorstellbar. Vermutlich wird man eher versuchen, sie nach einiger Zeit in aller Stille loszuwerden. Die Beziehungen zu Nordkorea sind momentan nicht so herzlich, dass man bereit wäre, großen internationalen Druck auf sich zu nehmen, wie er beispielsweise im Rahmen eines Prozesses entstünde. Wir werden sehen, wie sich das weiter entwickelt.

Neuer Anlauf an der SWZ Front: „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“ startet


Update (08.06.2011): Offenbar hat die Eröffnungszeremonie für das Projekt tatsächlich heute stattgefunden. Um die tausend Menschen aus Nordkorea und China kamen zu diesem Ereignis zusammen, darunter Kim Jong Ils Schwager (und berühmt berüchtigter Strippenzieher) Jang Song-thaek und Chinas Handelsminister Chen Deming. Weitere Details wurden bisher nicht bekannt.

Ursprünglicher Beitrag (07.06.2011): Lange war schon erwartet worden, dass Pjöngjang seine Sonderwirtschaftszonen-Projekte an der chinesischen Grenze vorantreiben würde und gestern gab KCNA bekannt, dass nach einem Beschluss des Präsidiums der Obersten Volksversammlung die „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“ geschaffen worden sei, um so die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen zu stärken und die wirtschaftlichen Außenbeziehungen auszudehnen und zu entwickeln. Die Zone soll unter nordkoreanische Souveränität fallen und ihre Entwicklung soll im Hwanggumphyong Distrikt beginnen. Zu der neuen Zone sollen „Hwanggumphyong-ri, Sindo County, Sangdan-ri, Hadan-ri and Taji-ri, Sinuiju City and Soho-ri, Uiju County of North Phyongan Province“ gehören. Leider habe ich keine Karte gefunden, auf der die Region so detailliert verzeichnet ist, aber es sind eben diese beiden Inseln, die im Grenzfluss Tumen zwischen den Städten Dandong in China und Sinuiju in Nordkorea liegen, wobei ich ehrlich gesagt nicht genau weiß, wo Wihwa liegt. Hwanggumphyong hat NK Economy Watch hier gut kartiert. In dem zugehörigen Artikel könnt ihr auch einen recht guten Überblick um die Bemühungen Nordkoreas um die Sinuiju SWZ seit 2002 gewinnen.

Das dieses Projekt genauso versanden wird wie der Versuch aus dem Jahr 2002, Sinuiju als Sonderwirtschaftszone zu etablieren ist meiner Meinung nach zu bezweifeln. Es scheint schon vorher Investitionen auch von chinesischer Seite gegeben zu haben, so dass China vermutlich dieses Mal mehr im Boot sitzt, als bei dem gescheiterten Versuch. Auf Kim Jong Ils China Reise vor zwei Wochen hat man wohl auch darüber gesprochen und wenn die Zahlen des Chosun Ilbo über eine Verdopplung des Handels zwischen China und Nordkorea gegenüber dem ersten Vorjahresquartal stimmen, dann steigen wohl auch die chinesischen Interessen in Nordkorea und für die ausgeführten Rohstoffe wird man wohl etwas als Gegenleistung bringen müssen.

Vermutlich wird es auch nicht mehr lange dauern (vermutlich sogar nur bis übermorgen), bis die Entwicklung der SWZ in Rason offiziell gemacht wird. Auch hier investiert China scheinbar groß in die Infrastruktur, denn langfristig könnte dieser Hafen als Seeanschuss für die nordöstlichen Binnenregionen und die in Nordkorea ausgebeuteten Rohstoffe dienen, die auf diesem Weg viel schneller auf die Weltmärkte oder in die boomenden chinesischen Küstenregionen gebracht werden können.

Wie sich diese Projekte weiterentwickeln muss die Zeit zeigen, aber es würde mich überraschen, wenn sie genauso versanden würden, wie ihre Vorgänger. Man kann mittlerweile auf langjährige Erfahrungen in Kaesong zurückgreifen und hat hier vermutlich noch Partner, die bereitwilliger auf Sicherheitsbedenken und ähnliches eingehen. Sollte es nicht zu größeren externen Brüchen kommen, wird zumindest das Projekt in Rason ein Teilerfolg werden, aber auch die Insel Hwanggumphyong dürfte sich gut für industrielle Expansion aus Dandog heraus eignen, da sie näher an dieser Stadt, als am nordkoreanischen Sinujiu liegt.

Schwere Überschwemmungen am Yalu: War eine Dammöffnung die Ursache?


Ich habe ja kürzlich schonmal über die Überschwemmungen berichtet, die in mehreren Regionen Nordkoreas schwere Schäden angerichtet haben. Nun ist es am Yalu (Amnok) rund um die Grenzstadt Sinuiju erneut zu einer Flutwelle gekommen. Starke Regenfälle im Nordosten Chinas hatten den Fluss am Samstag extrem anschwelle lassen, so dass in der chinesischen Stadt Dandong ein Wasserstand von über sieben Metern erreicht wurde (normal sind etwa 4,5 Meter). Mittlerweile scheint der Fluss wieder einen annähernd normalen Pegel erreicht zu haben. Während auf der chinesischen Seite über 250.000 Menschen ihre Häuser verlassen mussten wurden Berichten zufolge nur über 5.000 Nordkoreaner evakuiert. Aus Nordkorea wurden bisher keine Todesopfer gemeldet, allerdings seien schwere Schäden an der Infrastruktur festzustellen, der Verkehr in Sinuiju zusammengebrochen und Sinuiju sowie einige umliegende Regionen von der Umgebung abgeschnitten gewesen. Nordkorea (oder der geliebte Führer, wie KCNA schreibt) habe umgehend Notmaßnahmen ergriffen und Militär in die Katastrophenregion entsandt. Chinesischen Angaben zufolge sind Bahn und Straßenverbindungen beider Länder aber weiterhin intakt, auch wenn der Verkehr gedrosselt werden musste.

Dammöffnung als Ursache?

Ausgelöst wurde die Flut laut KCNA dadurch dass:

5,300 cubic meters of water rushed into the River Amnok per second from a river of China, causing the water level of the river to rise suddenly from 0:00 on August 21. As a result, the river swelled in a minute, leaving even Sinuiju City inundated. This paralyzed traffic and did damage to many objects.

In einem Bericht vom Tag zuvor teilte KCNA weiterhin mit, dass die schweren Regenfälle das Gebiet um den Suphung-See getroffen hätten. Der See befindet sich am Mittellauf des Yalu und wurde durch einen Damm aufgestaut, der zur Stromerzeugung dient (hier via GoogleEarth). North Korean Economy Watch schreibt, dass der Damm von Nordkorea und China gemeinsam betrieben wird, das weiß ich aber nicht genau, weil ich sonst dazu nichts gefunden habe. Die Kombination aus den Tatsachen, dass die Regenfälle eine Region trafen, in der sich ein Staudamm befindet und dem plötzlichen An- und Abschwellen des Flusses (und das der Autor des Artikels so ganz genau wusste, wie viel Wasser um Punkt 0:00 Uhr aus dem „Fluss“ in China kam) lassen vermuten, dass die Verantwortlichen (daher wäre es sehr interessant zu wissen, ob beide, oder nur eine Seite verantwortlich ist) gezwungen waren den Damm zu öffnen und damit die Überflutungen am Unterlauf verursacht haben.

Mögliche Folgeschäden

Im Zusammenhang mit den Überflutungen weist Yonhap auf einen interessanten und weiterreichenden Aspekt hin: Im Februar unterzeichneten Nordkorea und China Verträge (immerhin 800 Millionen US-Dollar) über die Entwicklung einer Sonderwirtschaftszone (SWZ) auf den Inseln Wihwa und Hwanggeumpyong, die bei Sinuiju im Yalu liegen. Bisher sei die Entwicklung aber wegen des Misstrauens chinesischer Investoren in die Verlässlichkeit der nordkoreanischen Wirtschaftspolitik kaum voran gekommen (nicht ganz unbegründet wenn man die multiplen Versuche zur Entwicklung der SWZ in Sinuiju betrachtet). Nun würfen die Überschwemmungen einen neuen Schatten auf die SWZ. Die Investoren seien sich hierdurch neuer Risiken für Investitionen auf den Inseln bewusst geworden und dies würde die Chancen auf einen Erfolg der Sinuiju-SWZ erheblich mindern. Die Fluten haben also nicht nur einen direkten, sondern auch einen indirekten Einfluss auf die nordkoreanische Wirtschaft.

Mehr als „nur“ eine Flut

Mal ganz abgesehen von dem menschlichen Leid, dass die Fluten verursachen, steckt in diesem Fall da also noch einiges mehr hinter. Einerseits scheinen die Hydroenergie-Projekte am Oberlauf des Flusses ein beträchtliches Risiko für die wichtigen chinesischen und nordkoreanischen Städte Dandong und Sinuiju darzustellen. Werden die Dämme am Yalu nicht gemeinsam betrieben könnte das einiges Konfliktpotential bergen. Allerdings war zumindest in der China Daily nichts von einem Damm zu lesen, während man in den Nachrichten von KCNA zwischen den Zeilen recht deutlich erkennen konnte, dass nur die Öffnung eines Dammes zu dem plötzlichen Ansteigen und Absinken des Pegels hat führen können ((mäßig) verdeckte Kritik oder Unbedacht des Redakteurs?). Weiterhin könnten diese Fluten neben den kurzfristigen Schäden auch zu Folgeschäden, nämlich einem erneuten Scheitern der Sinuiju-SWZ führen. Aber wie gesagt, im Mittelpunkt stehen erstmal die menschlichen Opfer und da kann ich den Zahlen Nordkoreas nicht so recht trauen, da sie in keiner Relation zu denen Chinas stehen.