Die DDR und Nordkorea — Digitale Fundstellen beim Bundesarchiv


In der Vergangenheit habe ich euch ja immer mal wieder auf Sammlungen von Originaldokumente aufmerksam gemacht, die auf verschiedene Arten in die Öffentlichkeit gelangt sind und aus einem meist westlichem Blickwinkel Auskunft über zeitgeschichtliche Entwicklungen und Einschätzungen im Zusammenhang mit Korea geben. Ich finde es immer ungeheuer spannend und bereichernd in solchen Dokumenten zu stöbern, aber die Quellen, auf die ich euch bis jetzt hingewiesen habe, hatten für gewöhnlich zwei Schwächen: Einerseits waren sie eigentlich immer in englischer Sprache, so dass einige von euch vielleicht keine Lust mehr hatten, sich das anzugucken. Andererseits waren sie aber mit Blick auf Nordkorea auch irgendwie immer (bzw. meistens, denn es gibt ja auch Quellen aus sowjetischen Archiven die digitalisiert sind) nur zweite Hand Informationen und man bekam relativ selten was in die Hand, dass wirklich aus nordkoreanischer Feder stammte.

Deshalb bin ich jetzt froh, euch auf die Arbeit des Bundesarchives hinweisen zu können, das Akten aus der ehemaligen DDR digitalisiert und zur Verfügung stellt. Die drehen sich um allerlei sehr spannende Themen, aber für das Blog habe ich natürlich in erster Linie darauf geachtet, was es da im Zusammenhang mit Nordkorea zu holen gibt. Und das ist durchaus einiges. Ich habe einfach mal ein bisschen rumgesucht und will euch kurz auf ein paar Fundsachen aufmerksam machen, die ich spannend fand, ohne sie komplett durcharbeiten zu können.  Vorher aber noch kurz der Hinweis: Das Navigieren in den Dokumenten ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig und nicht extrem nutzerfreundlich, aber ihr werdet euch schon damit zurechtfinden. Nach einigen kleinen Frustrationen klappt das ganz gut…

Politische und ökonomische Zusammenarbeit der Partei- und Staatsführung der DDR mit Staaten und Parteien. Bd. 59 Korea 1956 – 1968 Da gibt es Schriftwechsel u.a. mit Hinweisen auf politische Säuberungen in Nordkorea, aber auch beispielsweise den Text des 2. Fünfjahresplanes Nordkoreas zu lesen. (Wer seine russisch-Kenntnisse auffrischen will, findet da auch ein paar Dokumente (keine Ahnung was drinsteht.).

Büro Erich Honecker: Beziehungen mit Korea 1973 bis 1989 Unter anderem findet man da Transkriptionen von Gesprächen zwischen Erich H. und Kim Il Sung

Büro Egon Krenz: Bd 2: Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1984 – 1986, 1988 – 1989 Das ist insgesamt eine schöne Dokumentensammlung, die für mich ein ganz klares Highlight hat: Einen Steckbrief von Kim Jong Il (S.89). Da steht unter anderem drin: „Geboren in Chabarowsk (UdSSR) nach neuesten offiziellen Angaben der KDVR wurde Kim Tschongil“im Blockhütten-Stabsquartier des Generals der Koreanischen Partisanenarmee als dessen ältester Sohn in der Nähe des nordkoreanischen Bergs Paekdu“ geboren“.  Außerdem wird er als bestimmend und impulsiv beschrieben, was man an Sofortmaßnahmen mit bindendem Charakter in Politik und Wirtschaft ablesen könne.

Protokoll der Sitzung des Ministerrats 27.9.1960 Enthält u.a. einen Beschluss und sehr ausführlichen Bericht zur Einstellung der Hilfen beim Aufbau der Stadt Hamhung

Protokoll der 87. Sitzung des Ministerrats am 14.6.1984 Enthält einen ausführlichen Bericht zum Besuch Kim Il Sungs in der DDR

Protokoll der 28. Sitzung des Ministerrats am 15.12.1977 Enthält einen Bericht zum Besuch der Delegation um Honecker in der KDVR 1977 u.a. mit dem Wortlaut eines Kooperationsvertrages zwischen der DDR und der KDVR.

Aber ich denke mal da gibt es noch ein paar weitere spannende Dokumente, die ich hier nicht verlinkt habe. Ich habe erstmal ganz oberflächlich gesucht. Wenn euch gute Suchwörter einfallen oder ihr euch für ganz andere Teile der DDR-Geschichte interessiert, dann könnt ihr hier stöbern. Dabei am besten das Häkchen „nur Material mit Digitalisaten“ setzen, sonst kriegt ihr viele Ergebnisse von nicht digitalisierten Fundstellen. Das ist relativ frustrierend. Ganz witzig an OT Sachen fand ich zum Beispiel die Akte „Rockkonzerte„.

Naja, ich hoffe ich habe eure Neugier geweckt und ihr schaut mal selber ein bisschen was die DDR Bonzen so zu Nordkorea verzapft haben.

Natürlich werde ich diese Fundstelle der Seite „Aus den Archiven: Quellensammlungen und Originaldokumente“ hinzufügen.

Einheit vs. Mauer in den Köpfen: Deutschland und Korea — Versuch einer Annäherung (II)


So, nach einer Woche wird es aber mal Zeit, mich dem Themenfeld „Einheit vs Mauer in den Köpfen“ weiter anzunähern. Nachdem ich letztes Mal eher auf die Makroebene fokussiert und die großen historischen Linien in den Blick genommen habe, will ich heute auf die Mikroeben hinab (oder hinauf, das kann man so und so sehen) steigen und mir Barrieren und Chancen einer koreanischen Wiedervereinigung vom Individuum aus anschauen. Es wurde ja schon kräftig und inhaltlich interessant zum ersten Teil kommentiert und ihr werdet einige der dort aufgeführten Argumente auch in meinem Text widerfinden, danke jedenfalls an die Kommentatoren. Jetzt aber zum Thema.

Man kennt sich nicht. — Man mag sich nicht?

Eine Frage die immer wieder andiskutiert wird, wenn es um eine mögliche Wiedervereinigung Koreas geht, ist die, des Kontakts zwischen den Bevölkerungen. In Deutschland war ein gewisser Grad an Verbindung  der Bevölkerungen der DDR und der BRD gegeben. Familienangehörige durften sich schreiben und sich zum Teil auch besuchen, BRD Bürger durften in die DDR einreisen, um dort Ferien oder sonstwas zu machen und es gab auch so ein bisschen was wie kulturellen Austausch (über Udo hinaus). Naja und jemandem, den man kennt, wünscht man eben eher das Beste, als völlig Fremden. In Korea dürfte in beiden Teilen die Zahl derjeniger, denen die Menschen auf der jeweils anderen Seite der Demilitarisierten Zone (DMZ) völlig fremd sind, erdrückend groß sein. Gleichzeitig stirbt die Generation, die Verwandte im anderen Landesteil hat, zunehmend schnell aus (was in Deutschland ebenfalls in keiner Weise gegeben war). Schon stark abgenommen haben dürfte ihr direkter Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs, denn die Meisten Mitglieder dieser Generation sind aus Berufsleben und Ämtern ausgeschieden. Die starke Bindung, die Verwandtschaftsverhältnisse mit sich bringen, wird allerhöchstens noch auf die Kinder dieser Menschen, deren Brüder und Schwestern jenseits der DMZ leben, wirken, weil die vielleicht noch aus erster Hand die Gefühle und Gedanken ihrer Eltern miterleben konnten. Aber die Enkelgeneration, also die heutige Jugend? Das kann man von ihnen ja nichtmal verlangen. Jetzt gehe ich vielleicht doch nochmal eine Ebene höher. Die Sozialpsychologie lehrt uns, dass das/der, was/den wir nicht kennen, bei uns schneller Ängste auslöst und das zwei Gruppen, die sich untereinander nicht kennen schneller feindselig gegeneinander werden. Die Perspektiven die sich daraus ergeben finde ich nicht gerade ermutigend.

Wir und ihr: Die Sprache als Grenze

Auch in den Sprachen sehe ich durchaus eine unsichtbare Mauer, die mit jedem Tag der hermetischen Trennung höher wird. Schon vor der Trennung gab es Dialekte, die eine regionale Zuordnung möglich machten und nach der Trennung gab es teils ideologische Bemühungen, die Sprachentwicklung in richtige Bahnen zu lenken. So versuchte man im Norden eine „Koreanisierung“ der Sprache, indem Lehnwörter zum Teil durch koreanische Formen ersetzt wurden. Wenn es heute Lehnwörter im Norden gibt, dann chinesische oder manchmal russische. In Südkorea sind wohl vor allem englische Wörter in den Alltagssprachgebrauch eingeflossen. Beide Sprachen haben sich also weiter auseinander entwickelt (aussagen über Grammatik etc. traue ich mir nicht zu) und dürften im Falle von einer Öffnung zu einer mentalen Gruppenbildung führen. In Deutschland war das z.T. ja auch so. Wir Wessis haben uns über manchen total verrückt klingenden sozialistisch korrekten Begriff aus der DDR amüsiert und was den Dialekt angeht: Für mich sächselte  der „typische Ossi“ (was natürlich totaler Schwachsinn ist, weil damit nur eine Minderheit der ex-DDR Einwohner erfasst wurde. Aber der Punkt ist: Wenn jemand sächselte, war er ein „Ossi“. Naja und wenn in Korea jemand Pjöngjang-Dialekt spricht, dann ist er einer von denen aus dem Norden.

Die Angst vor den Anderen

Gleichzeitig bestehen aber auch verschiedene Ängste, die es umso schwerer machen, im Anderen den Menschen und nicht die Bedrohung zu sehen. Diese Ängste werden noch angefacht durch die Propaganda auf beiden Seiten der DMZ. Die sorgt dafür, dass man in beiden Teilen oft nur die Klischees von den anderen Koreanern kennt. Und die sind ja eher negativ als positiv (selbst wenn über diesen Klischees noch immer die Idee von einer Einheit in der Zukunft schwebt). Im Süden, so habe ich mir das einmal erklären lassen, war das historisch bedingt so ähnlich wie die Angst vorm bösen Wolf, der nach Belieben kommt und die friedlich grasenden Lämmer reißt. Mittlerweile wird dies Topos aber zunehmend verdrängt durch die Angst vorm armen Schlucker, der kommt und den hart erarbeiteten Wohlstand aussaugt. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass in der öffentlichen Diskussion immer wieder von den Kosten einer Wiedervereinigung gesprochen wird. Und spätestens als dann noch die Idee von einer Vereinigungsteuer diskutiert wurde, dürfte jedem klar geworden sein, dass eine Vereinigung für jeden Einzelnen mit Kosten verbunden ist. Und das ist dann etwas anderes, als abstrakt über Milliardenbeträge zu diskutieren, die eine Vereinigung kostet (das ist so ähnlich, wie die Geschichte mit Griechenland und dem Euro. Solange keiner kommt und ein Prozent vom Gehaltscheck für die Griechenlandrettung abzwackt, sagen ziemlich viele: „Lass uns die armen Griechen doch retten. Langfristig ist das besser.“ Wenn aber jetzt eine Steuer nötig würde, dann wäre die Lage mit einem Schlag anders.). Damit will ich nicht die südkoreanische Regierung für ihr herangehen an die Kostenfrage kritisieren. Ich will nur zeigen, dass wir in Deutschland das Glück des Unwissens hatten. Als der Soli fällig wurde, war eh schon alles „zu spät“. In Südkorea weiß man aber schon vorab, dass eine Einheit kommen kann (haben wir ja vorgemacht) und dass das was kosten wird (haben wir ja auch vorgemacht).

Das vertrackte Hauptstadtdilemma und die symbolische Tragweite

Einen weiteren Aspekt sehe ich in der Hauptstadtfrage. Als Deutschland geteilt wurde, hat man in der BRD die kluge Entscheidung getroffen, mit Bonn eine relativ unbedeutende Stadt zur Hauptstadt zu machen. Nicht Köln, nicht Frankfurt, nicht München oder Hamburg. Das beschauliche Bonn. Berlin blieb so eine Art Sehnsuchtsziel. Und es gehörte ja zum Teil auch noch irgendwie zur BRD. Zwar auch zum Teil irgendwie zur DDR, aber ich denke, das hat nicht nur getrennt, sondern auch verbunden. Viele BRD Bürger haben Berlin besucht und viele sind dazu durch die DDR gefahren. Es hat sicherlich mehr das Gefühl einer unnatürlichen Teilung mit sich gebracht, als eine schiere Grenzlinie, die man so ähnlich auch zwischen sehr verfeindeten Nachbarstaaten (oder den USA und Mexiko) finden kann. Viele BRD Bürger sind auch nach Berlin gegangen, um sich den Wehrdienst zu sparen. Das hat natürlich eine bestimmte Gruppe von Menschen dorthin gebracht, die zum Teil ohnehin zu idealistischeren Zielen neigte. Vielleicht hat sich so auch eine gewisser Kern von Einheitsbefürwortern gebildet, der die Vereinigung erleichterte. In Korea gibt es kein Berlin. In Korea gibt es Seoul und Pjöngjang. Beides sind die Metropolen ihres jeweiligen Landes. Wenn es zu einer Vereinigung kommen sollte, dann wird man sich für eine  Hauptstadt entscheiden müssen (muss man das? Irgendwie schon, aber in Südafrika sind die Organe auch auf unterschiedliche Städte verteilt) und da steckt immer eine Aussage und viel Symbolik drin. Das Helmuth Kohl Berlin wieder zu einer richtigen Hauptstadt gemacht hat, war nicht leicht, aber vor allem war es ein wichtiges Einheitssymbol. Sollte Seoul Hauptstadt eines vereinten Koreas werden, wäre das ein Symbol der erfolgreich abgeschlossenen (mehr oder weniger feindlichen) Übernahme. Visionäre Politiker könnten sich vielleicht als symbolisches Zugeständnis einen neutraleren Ort vorstellen, aber mal ganz ehrlich, wäre sowas vorstellbar? Ich weiß es nicht. Jedenfalls bot der Sonderstatus Berlins den Deutschen eine hervorragende Lösung für das vertrackte Hauptstadtdilemma.

Noch ein Cut…

Habe ich was vergessen? Ich weiß nicht was es ist, aber ich bin mir sicher, es ist sehr viel. Das hat damit zu tun, dass man die konkreten Herausforderungen erst sehen können wird, wenn der große Augenblick gekommen ist (sollte er je kommen). Einen Aspekt habe ich allerdings noch auf dem Schirm, dem ich hier bisher wenig Beachtung geschenkt habe. Ich habe nämlich vornehmlich aus Südperspektive geschrieben. Aber natürlich leben auch im Norden ganzschön viele Menschen und natürlich haben die auch eine eigene Sicht auf eine Wiedervereinigung. Und damit komme ich zu dem erstaunlichen Ergebnis (als ich angefangen habe, wollte ich heute fertig werden), dass ich schon wieder einen Cut setzen muss und in ein paar Tagen eine „Nordperspektive“ versuchen werde.

Kritik, Diskussion und Meinung erwünscht

Bis dahin bin ich wieder mal für alle Ergänzungen, kritischen Kommentare und anderen oder gleichen Meinungen dankbar. Ich fand es toll, dass beim letzten Mal einige von euch ihre persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen geteilt haben und würde mich freuen, wenn es dieses Mal ähnlich wäre.

Einheit vs. Mauer in den Köpfen: Deutschland und Korea — Versuch einer Annäherung (I)


Kürzlich hat mir ein Bekannter von einem südkoreanischen Freund berichtet, der sich ihm gegenüber dahingehend geäußert hatte, dass nach seinem Empfinden Nordkoreaner keine Landsleute seien, sondern Ausländer, die zufällig einen anderen koreanischen Dialekt sprächen. Dieser Freund sei gegen eine Wiedervereinigung gewesen und hätte keine Lust gehabt, gemeinsam mit den Nordkoreanern zu leben, die unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen seien, als er selbst und so ziemlich alle Südkoreaner. Mein Bekannter war der Ansicht, dass die Bekundung seines Freundes ganz gut die Haltung der meisten Südkoreaner zu den Themen Nordkorea und Wiedervereinigung widerspiegle. Und dann sagte er noch was, was mich in der Folge beschäftigt hat. Vermutlich sei die Stimmungslage in Deutschland kurz vor der Wiedervereinigung (so 1987) vor allem in der jüngeren Generation ganz ähnlich gewesen.

Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung: That’s me…

Nun kann ich eigentlich dazu nicht wirklich was sagen. Als die Wiedervereinigung kam, hatte ich gerade mal verstanden, dass die DDR ein besonderer Nachbar war (das lag vor allem an den Wetterkarten im Fernsehen), aber für weiterreichende Fragen war ich noch ein bisschen jung. Nichtsdestotrotz — oder vielleicht auch gerade deshalb — beschäftigen mich gesellschaftliche Fragen hinsichtlich einer möglichen Wiedervereinigung schon länger und ich sehe darin ein Areal, dass für „Erfolg“ oder „Misserfolg“ einer möglichen Wiedervereinigung entscheidend sein könnte. Gleichzeitig kann ich mir nicht so wirklich vorstellen, dass die Stimmungslage im Westdeutschland der ausgehenden 1980er Jahre wirklich so radikal war, wie sie mein Bekannter am Beispiel seines Freundes beschrieben hat. Stimmungslagen lassen sich natürlich nicht wieder holen und in der Retrospektive wird da ja öfter mal was verklärt, daher ist es vielleicht auch garnicht so schlecht, wenn jemand sich an dem Thema abarbeitet, der unbeteiligt darauf schauen kann. Ich werde daher einfach mal versuchen, mich der ganzen Geschichte quasi essayistisch zu nähern und auf diesem Wege herauszuarbeiten, inwiefern die gesellschaftlichen Situationen in Deutschland zur Wiedervereinigung und in Korea, wenn dort ein solches Ereignis binnen weniger Monate oder Jahre einträte, vergleichbar sind und inwiefern nicht.

Parallelen zwischen Deutschland und Korea

Die Parallelen, die ja auch dazu führen, dass man die Fälle Deutschland und Korea immer wieder vergleicht, liegen auf der Hand. Deutschland war in Folge der Besatzung der Siegermächte im zweiten Weltkrieg geteilt. In einem Teil herrschte ein marktwirtschaftlich organisiertes, an den USA orientiertes System, im anderen Teil ein an der Sowjetunion orientiertes und planwirtschaftlich organisiertes. Das an der Sowjetunion orientierte System bot weniger Freiheiten als das an den USA orientierte und musste deswegen und wegen einer unbefriedigenden wirtschaftlichen Entwicklung die eigenen Bürger einsperren, um ein Ausbluten des Landes zu verhindern. Im Laufe der Zeit wurde das wirtschaftliche Gefälle zwischen beiden Ländern immer frappierender, was Fluchtanreize erhöhte. Gemeinsam haben beide Fälle auch, dass die Seiten mit ihrer gemeinsamen Identität so ihre Probleme hatten/haben, was vor allem in einem Wettstreit um internationales Ansehen und Einfluss seinen Ausdruck fand/findet. Und natürlich hatte bzw. hat sich in keinem Fall ein stabiler Modus zum gegenseitigen Umgang miteinander oder gar für eine stabile Zukunft nebeneinander eingeschliffen. Aber da enden die Parallelen schon und wir kommen zur meiner Meinung nach wesentlich längeren Liste der Unterschiede.

Selbstbewusstsein und Fremdsteuerung

Diese Unterschiede ergeben sich häufig schon, wenn man die oben beschriebenen Parallelen ein bisschen weiter denkt. So war Korea anders als Deutschland nicht als Täternation, sondern als Opfernation des zweiten Weltkriegs geteilt worden. Das bringt zwar einerseits den vielleicht positiven Aspekt mit sich, dass man sich nicht so sehr mit der Bewältigung der eigenen Tätervergangenheit rumzuschlagen hat, andererseits hat das aber sicherlich Auswirkungen auf die nationale Identität und das nationale Selbstwertgefühl, denn im Endeffekt, war Korea damit immer Objekt fremden Handelns und konnte nicht selbstbestimmt agieren. Dieser Punkt wird der südkoreanischen Führung  aus dem Norden ja noch heute permanent vorgehalten. Im Fall Deutschlands war es zu  einer Katastrophe gekommen, die aber von allen gemeinsam verursacht worden war. Gleichzeitig war es, wenn es überhaupt eine Seite gab, die frei von Fremdsteuerung agierte, eher die BRD, aber eigentlich waren beide Seiten nicht wirklich frei von äußeren Einflüssen, was man ja schon allein an den jeweiligen Militärpräsenzen erkennen kann. In Nordkorea gab es nach dem Koreakrieg keine Besatzungstruppen, im Süden sind die noch immer präsent. Das könnte beim Eintreten einer Wiedervereinigung durch „Kapitulation des Nordens“ (wie das dann genau aussieht sei mal dahingestellt, aber im Endeffekt ist das ja das einzige für den Süden akzeptable Modell) für einige Schwierigkeiten Sorgen, weil nur der Norden sich aus der Fremdsteuerung herausgelöst hat und der Süden und seine Elite daher evtl. für einen gewissen Bevölkerungsteil nur schwer als Führer eines neuen Koreas akzeptabel sein dürften. Gleichzeitig ist es schwer vorstellbar, dass die Gewinner aus dem Süden den „großen Preis“ (die Macht über gesamt Korea) an die Eliten des Nordens abtreten.

Von Tätern und Opfern – Der große Unterschied.

Und mit dem Stichwort Koreakrieg sind wir schon beim nächsten Punkt. Die Teilung Deutschlands verlief ziemlich friedlich. Es gab keine militärische Auseinandersetzung und damit hatten die Deutschen zwar unglaubliche Schuld gegenüber Völkern aus aller Welt auf sich geladen, aber sie waren nur in überschaubarem Maß untereinander schuldig geworden (was keine der Opfer der Nazis kleinreden soll). In Korea ist es zu einem Krieg mit Gräueltaten auf beiden Seiten und ungeheuren Zerstörungen im ganzen Land gekommen. Viele Menschen auf beiden Seiten der Demilitarisierten Zone hatten nach dem Krieg das Blut von Landsleuten an den Händen kleben. Auch die Konstitution der Gesellschaften nach dem Krieg war unterschiedlich. In Deutschland mussten (von anderen) Vertriebene aus den Ostgebieten integriert werden während die Bevölkerungen in dem, was heute noch Deutschland ist, relativ stabil blieben. In Korea kam es während des und nach dem Krieg zu einem relativ umfangreichen Austausch der Bevölkerung zwischen Süd- und Nord. Die Menschen wählten vor dem Hintergrund des Krieges in größerem Ausmaß das Regime und die Ordnung, das ihnen eher zusagte. Das alles könnte bei einer möglichen Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn dann sollen sich Menschen wieder zu einem Volk zusammen finden, deren Großeltern sich abgeschlachtet haben. Außerdem könnte im Süden das Argument stärker zum Vorschein kommen: Ihr habt euch damals so entschieden, jetzt habt ihr Pech gehabt. Seht zu wie ihr allein klarkommt. Weiterhin hatte man in Deutschland damit schon umfangreichere Erfahrungen mit einer großen Integrationsleistung gesammelt, während es sich in Korea eher um einen kollektiven Neustart der Gesellschaft handelte.

Das Ziel der Wiedervereinigung: Niedriges Profil bringt hohe Erfolgschancen…

Hinsichtlich des Umgangs der beiden Staaten miteinander gibt es neben dem Krieg und den wesentlich umfangreicheren Auseinandersetzungen in Friedenszeiten einen weiteren interessanten Unterschied. Denn während sich die beiden deutschen Staaten irgendwann implizit mehr oder weniger darauf einigten, sich voneinander abzugrenzen und das Ziel der Wiedervereinigung eher stillschweigend in die Zukunft zu verlagern (besonders die DDR, aber auch die BRD behandelte die DDR seit Willy Brandts Ostpolitik ja fast wie einen normalen Staat), halten die koreanischen Staaten weiter am Ziel der Wiedervereinigung fest, ohne sich jedoch auf ein Modell einigen zu können. Das gegenseitige politische Verständnis voneinander ist eher das von jeweils abtrünnigen Gebieten. Natürlich könnte man argumentieren, dass es für eine Wiedervereinigung doch eine gute Voraussetzung sein müsste, wenn beide Seiten an diesem Ziel festhalten. Zum Teil ist das auch wahr, aber gleichzeitig birgt dieses Festhalten wie ich meine auch einige Risiken. Einerseits kann ich mir gut vorstellen, dass das permanente Festhalten an einem unrealistisch scheinenden Ziel irgendwann dazu führt, dass die Bevölkerung das als politische Folklore sieht, die von der wirklichen Politik zu unterscheiden ist. Gleichzeitig könnte es auch passieren, dass das „Ausstellen“ des Ziels der Wiedervereinigung, im Süden irgendwann dazu führt, dass diese mit einem stärkeren Profil als in Deutschland versehene Ziel selbst angezweifelt und Teil des Wettbewerbs der politischen Parteien wird (bspw. könnten progressive Parteien sich für eine dauerhafte zwei Staaten Lösung aussprechen). Bildet sich dann (z.B. durch einen Wahlsieg solcher Parteien) der gesellschaftliche Konsens heraus, dass die Wiedervereinigung als Ziel fallengelassen wird, dann wird es schwierig, später nochmal die gesellschaftliche Unterstützung für die Kosten zu erhalten, die mit einem solchen Vorhaben verbunden sind. Zumindest in der BRD, war das Ziel der Wiedervereinigung vielleicht gerade deshalb kein Thema im politischen Parteienwettbewerb, weil es ein niedriges Profil hatte.

Cut

Huch, allein der historische Teil war jetzt schon ziemlich lang, aber mir schwirrt da noch ziemlich viel im Kopf rum, das eher praktische Aspekte betrifft und weil das jetzt schon einiges war (und ich noch anderes zu tun habe), mache ich hier einen cut. Bisher wurde deutlich, dass den Parallelen in den „großen politischen Linien“ viele Unterschiede entgegenstehen, die erst bei näherer Betrachtung augenscheinlich werden, die aber allesamt negative Effekte auf eine Zusammenführung der Gesellschaften bzw. schon davor, auf eine Akzeptanz einer möglichen Wiedervereinigung haben könnten.

Kritik und Meinungen erwünscht

In den nächsten Tagen werde ich den Rest dazu liefern. Ich habe heute bewusst auf jegliche Recherche und Quellenverweise verzichtet, um meinem Bauchgefühl und dem was ich so weiß entsprechend runterzuschreiben. Das kann natürlich dazu geführt haben, dass ich das eine oder andere falsch in Erinnerung hatte, bzw. nicht korrekt interpretiert habe. Wenn das so ist, dann seid ihr herzlich eingeladen, nach Lust und Laune auf mich einzudreschen. Wenn ich etwas nicht gebracht habe (bis jetzt habe ich mich ja vor allem in der Historie bewegt), das eurer Meinung nach unbedingt noch erwähnt werden muss, merkt es bitte an. Und wenn ihr glaubt, dass ich irgendwas völlig schief argumentiert habe, ebenso. Ich habe die Zeit nicht erlebt, deshalb kann ich nur von meinem heutigen Standpunkt darüber schreiben. Einigen von euch geht das sicherlich anders und natürlich sind mir diese Erfahrungen sehr willkommen.

Achja, an eine Sache erinnere ich mich noch: Den „Song zur Einheit“ (Wer glaubt, irgendwelche Proteste in der DDR oder Ausreisewellen hätten die Mauer hinweggefegt, der ist vollkommen auf dem Holzweg! Es waren die Scorpions…).

Und vielleicht gibt es in Korea ja irgendwann mal eine Nachrichtensendung ähnlich dieser hier:

Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (V): Lektionen aus der Wiederherstellung der deutschen West-Ost Verbindungen für Korea


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Nikola Medimorec

Bei der Betrachtung der vorigen Beiträge wird deutlich, dass viel mehr Schwierigkeiten bei einer Wiedervereinigung in Korea als in Deutschland auftauchen werden. Deswegen ist es wichtig, dass Südkorea die gleichen Fehler vermeidet und die Wiedervereinigung gut vorbereitet, indem die Lektionen aus Deutschland gesammelt und analysiert werden. Dazu gibt es zwar viele Abhandlungen, aber nur wenige befassen sich mit Verkehr.

Unser aller Problem: Zeit und Geld

Eine Lektion betrifft den Faktor Zeit: Auf der einen Seite braucht der Prozess der Wiedervereinigung Zeit bis er vollkommen abgeschlossen ist, andererseits müssen Verkehrsverbindungen innerhalb kürzester Zeit realisiert werden. Immerhin ist das Hauptziel die wirtschaftliche Entwicklung im Norden anzutreiben, die wahrscheinlich mit der direkten Konkurrenz im Süden große Schwierigkeiten haben wird. Neben gut durchdachter Planung ist politischer und gesellschaftlicher Konsens sehr wichtig. Später kommen wir noch einmal auf den Faktor Zeit zurück.

Vorbereitung ist wichtig

Ein Fonds für eine Wiedervereinigung, also ein spezieller Geldtopf für die Wiedervereinigung, fehlte im Voraus in Deutschland. Der Solidaritätszuschlag war zwar eine gute Finanzierungsquelle aber bei weitem nicht ausreichend. Wenn in Korea zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung ein Fonds vorhanden wäre, könnten Projekte schneller starten, da die Finanzierung nicht geklärt werden müsste. Auch weil die Umstrukturierung und Entwicklung der Wirtschaft im Norden teuer werden wird, höchstwahrscheinlich in Relation viel teurer als es in Deutschland der Fall war, ist eine finanzielle Vorbereitung geboten.

Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit wurden mit einem Investitionsvolumen und Zeitlimit versehen. Das motivierte die Planer zur schnellen und kosteneffizienten Umsetzung. Es wurden privatrechtlich organisierte Projektgesellschaften gegründet, die über mehrere Regionalbüros eng mit der jeweiligen Verwaltung zusammenarbeiteten. Mehrere Gesetze verkürzten die Planungsdauer effektiv. Wie es bei Großprojekten ja schon fast die Regel ist konnte allerdings der Zeitrahmen nicht immer eingehalten werden und die Gesamtkosten fielen deutlich höher als geplant aus. Dies kann allerdings nicht zuletzt damit erklärt werden, dass sobald die Projekte erst einmal anliefen, deren erfolgreiche Fertigstellung die höchste Priorität hatte .Aus der deutschen Situation kann Korea lernen, wie die Aufgabe der Infrastrukturplanung organisiert und umgesetzt werden kann.

If wealth doesn’t come to North Korea, North Koreans will come to the wealth.” (1)

Eine sehr wichtige Sache, die in Deutschland aus bestimmten Gründen nie explizit in die Planung der Verkehrswege miteinbezogen wurde, war die Frage über die Migration von Ost nach West. Deutschland erlebte zwei große Wellen der Migration: zuerst direkt nach dem Mauerfall in der Euphorie und dem Wunsch der direkten Verbesserung des Lebensbedingungen und die zweite Welle war knappe acht Jahre später als die Frustration über die langsame Anpassung zu einem gewissen Punkt angestiegen war. Teils wurden Autobahnen und Straßen gebaut, die eine viel zu große Kapazität haben, weil das projizierte Verkehrsvolumen zu hoch war. Die Arbeitsmigration wurde durch die gut ausgebaute Infrastruktur verstärkt. Das bedeutet, dass es möglich wurde im Osten zu leben und im Westen zu arbeiten. Was die Folgewirkungen des Infrastrukturausbaus noch komplizierter macht, ist die Tatsache, dass die verbesserte Verbindung von Hinterland und Zentrum dazu führt, dass Firmen und Betriebe ihren Einflusskreis (in Bezug auf Lieferungen und Serviceleistungen) erweitern konnten. Das führte zur Existenzgefahr von Betrieben auf dem Land, die mit dieser neuen Konkurrenz nicht mithalten konnten. Oben erwähnte ich, dass die Konkurrenz aus dem Süden die Wirtschaft in Nordkorea schädigen würde. Gute Verkehrsnetzanbindung ist aber essentiell, damit ein Standort überhaupt konkurrenzfähig sein kann. Ohne noch weiter auf die Effekte von Infrastruktur einzugehen, lässt sich festhalten, dass die Wirkungen sehr vielfältig sind, aber der Ausbau entscheidende  Möglichkeiten zur Entfaltung und Mobilität fördert.

Tipping Point

Der Faktor Zeit beschreibt sich nicht nur durch Dauer sondern auch durch gewisse Momente bzw. Zeitpunkte. Das wahrscheinlich Wichtigste, was Südkorea lernen sollte, ist den richtigen Zeitpunkt abzupassen, ab dem man von kleinen und schnell realisierbaren Projekten zu langfristigen, sich über ganz Nordkorea erstreckende Großprojekte wechselt. In der englischen Literatur wird es als „tipping point“ (2) bezeichnet. Während zwischen DDR und BRD die genauen Details der Wiedervereinigung diskutiert wurden, gab es bereits eine Verkehrswegekommission, die wichtige Verkehrsrouten (je für Schiene und Autobahn) ausarbeitete. Wie in den vorhergehenden Artikeln schon mehrmals erwähnt, die verschärfte Situation in Nordkorea mehr Planung und mehr Projekte brauchen, sollte frühestmöglich angefangen werden. Zumindest könnte jetzt bereits die Planung stattfinden, wobei hier zwei Gefahren herrschen: Wenn die Wiedervereinigung noch weit in der Zukunft liegt, wäre es ein großer Fehler diesen bis dahin veralteten Plan 1:1 umzusetzen. Außerdem kann die Planung jetzt nur aus südkoreanischer Sicht ohne Bestandsaufnahme der exakten Verhältnisse im Norden oder deren Kooperation stattfinden. Nordkoreas neue Verwaltung und Bürger müssen in den Planungsprozess involviert werden, damit ein bestmöglichster Konsens entsteht. Das macht den „Tipping Point“ aus.

Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit werden als ein Erfolg bewertet. Deswegen wäre eine Übertragung des Grundprinzips auf Korea eine große Hilfe und in Kombination mit anderen Lektionen könnte der Erfolg einer Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel sehr wahrscheinlich sein. Im nächsten (und auch letzten) Beitrag lassen wir die Phantasie spielen und schauen uns die Zukunft des Verkehrs in Korea an.

(1) TORRY, HARRIET (2012): Lessons From German Reunification. The Wall Street Journal Asia.

(2) CHA, VICTOR/ KANG, DAVID (2011): Challenges for Korean Unification Planning. Justice, Markets, Health, Refugees, and Civil-Military Transitions. An Interim Report of the USC-CSIS Joint Study. The Korea Project: Planning for the Long Term.

 

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss meiner Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit unter folgendem Link erwerben: http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (II): Vergleich von Korea heute mit Deutschland in 1990


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Nikola Medimorec

Der zweite Teil der Serie „Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel“ beschäftigt sich mit der grundlegenden Frage, ob sich die heutigen Herausforderungen Koreas mit der Situation Deutschlands zur Wiedervereinigung in Bezug auf Verkehr und dessen Infrastruktur überhaupt vergleichen lassen und was für Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen.

Die Grenze zwischen der BRD und der DDR

Zwischen der BRD und der DDR waren zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung noch einige Brücken zu schlagen. Hier die Dömitzer Brücke (Straße) 1983, die im Jahr 1992 wieder in Betrieb ging. (Foto: Jürgen Mangelsdorf; CC Lizenz: Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC-ND 2.0))

ROK, BRD, DDR, DVRK: Ein Überblick

Wir haben es hier mit zwei komplett unterschiedlich gelegenen Regionen der Welt zu tun, die aber ein ähnliches Schicksal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges teilten. Aber es geht hier weniger um einen Vergleich der Geschichte sondern mehr um die Rahmenbedingungen für Umsetzung von Verkehrsprojekten. Beim Vergleich zwischen den Größenverhältnissen in Korea und in Deutschland wird deutlich, dass Nordkorea flächenmäßig größer als Südkorea ist, während Ostdeutschland kleiner als Westdeutschland ist. Hinzu kommt, dass das Verhältnis der Bevölkerungen Nord- und Südkoreas „ungünstiger“ ist als das in Deutschland der Fall war. 1990 war es in Deutschland ein Verhältnis von 1:4 (Ostdeutschen zu Westdeutschen), in Korea ist es zurzeit 1:2 (Nordkoreaner zu Südkoreaner). Für den Verkehr ist auch die Topographie, wobei Ostdeutschland und Nordkorea kaum größere Gegensätze darstellen könnten. Südkorea gilt bereits als sehr gebirgig und der Hochgeschwindigkeitszug KTX fährt auf der Strecke Seoul-Busan durch dutzende Tunnel, aber die gebirgige Landschaft in Nordkorea stellt eine echte physische Barriere dar.

Die Straßendichte in der DDR war höher als in Nordkorea. Im Osten Deutschland bestand 1990 ein gut ausgebautes Straßennetz, auch wenn der Zustand nicht so gut wie im Westen war. Es gab 1,850 km an Autobahn und 8,721 km Autobahn in Westdeutschland. In Südkorea gibt es zurzeit ein Netz von 3,776 km, was aber weiterhin stark ausgebaut wird. Der größere Norden hat dagegen nur 661 km, also eine weitaus größere Herausforderung als in Deutschland wird bevorstehen. Denn es ist irrelevant ob in Bezug auf Fläche oder auf Einwohner, das Autobahnnetz in Nordkorea ist unter keinen Gesichtspunkten zufriedenstellend aufgebaut.

Zwischen Nord- und Südkorea hat sich bereits etwas getan, aber es bleibt noch viel Arbeit. Hier eine Brücke an der innerkoreanischen Bahnstrecke, die Kaesong mit dem südkoreanischen Netz verbindet. Links die neu errichtet Brücke, rechts die Kriegszerstörte. (Foto: Nikola Medimorec; Alle Rechte Vorbehalten)

Beim Bereich Schiene hat die DDR und Nordkorea die positive Gemeinsamkeit, dass deren Netze quantitativ viel besser ausgebaut sind als bei den Nachbarn. Bei beiden Ländern ist das auf die industrielle Struktur zurückzuführen. Die Hauptenergiequelle in der DDR war die Braunkohle und der ihr Transport fand per Schiene statt. Im Norden Koreas sieht es ähnlich aus: Die Wirtschaft besteht in großen Teilen aus Schwerindustrie und Rohstoffförderung, deren Erzeugnisse am effizientesten per Zug befördert werden. Qualitativ zeigte sich die DDR von einer besseren Seite als Nordkorea. Der Sowjet-Union war die strategische Lage der DDR mitten in Europa bewusst und deswegen wurde in die Infrastruktur investiert. So konnte das vorhandene Schienennetz nach der Wiedervereinigung gut genutzt werden. Selbstverständlich gab es Mängel und viele Gefahrenstellen, an denen die Züge ihre Geschwindigkeit drosseln mussten, aber es war möglich Streckenausbauten vorzunehmen, während der normale Betrieb weiterlaufen konnte.

Hauptstadt-Diskussion

Eine Besonderheit in Deutschland war der Verkehr zwischen Westdeutschland und Berlin. Der besondere Status von Berlin vor und nach der Wiedervereinigung war auf jeden Fall eine treibende Kraft in der Infrastrukturentwicklung. Eine Diskussion über eine neue Hauptstadt nach der Wiedervereinigung wird in Korea nicht geführt und ebenso ist Transitverkehr ein Fremdwort. Es gibt nur punktuelle Übergänge, die den Zweck von zwischenstaatlichen Kooperationen dienen. Damit meine ich Kaesong, Rajin und ehemals auch Bergregion Geumgang, die im nächsten Beitrag beschrieben werden.

Das wiedervereinte Deutschland drückte die Wichtigkeit der Anpassung der ostdeutschen Verkehrsinfrastruktur an westdeutsche Standards in Form der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ (VDE) aus. 17 Großprojekte sollten Ost-West-Verbindungen verbessern und die Konkurrenzfähigkeit von Industriestandorten in Ostdeutschland steigern. Die meisten Projekte verbesserten primär die Verbindung von Berlin mit westdeutschen Städten. Die Projekte wurden von einen Paket aus Maßnahmen und Planungsgesetzen begleitet, die die Umsetzung beschleunigen sollten. Mittlerweile sind die VDE mehrheitlich beendet und es wurde eine positive Bilanz gezogen. Die Effektivität war unglaublich in Bezug auf Planungsgeschwindigkeit und es könnte ein gutes Vorbild für die Wiederverbindung der koreanischen Infrastruktur sein.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, oder so?

Eine wichtige Sache kommt aber noch hinzu, die zeigt, dass die Wiedervereinigung in Deutschland zu einer besseren Zeit als in Korea (in ein paar Jahren von jetzt an) für die Verkehrsplanung gekommen ist. In Deutschland wurde gerade der ICE entwickelt, wodurch es zur Planung von neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken kam. Nicht nur im Osten mussten Neuerungen stattfinden, auch im Westen wurde durch technischen Fortschritt der Schienenverkehr auf eine neue Stufe gehoben. So konnte alles schön einheitlich und parallel aufgerüstet werden. In Südkorea gibt es bereits moderne Hochgeschwindigkeitszüge auf mehreren Strecken und moderne Anlagen. Außerdem wird in Südkorea die Privatisierung der Staatseisenbahn KORAIL und der Schienenwege geplant. Solche Umstände machen einen Vergleich schwieriger.

Öffnung der innerdeutschen Grenze

Es bleibt viel zu tun, wenn es auf der Koreanischen Halbinsel einmal so weit kommt. Im Bild der innerdeutsche Grenzverkehr bei Hötensleben im November 1989. (Foto: Jürgen Mangelsdorf; CC Lizenz: Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC-ND 2.0))

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich im wiedervereinten Korea sehr ähnliche Prozesse wie in Deutschland vollziehen werden: Neubau von Autobahnen, Ausbau von Schienenstrecken. Aber es wird vor allem teurer durch die Topographie, zeitaufwendiger durch die Größe der Fläche und weitaus umfangreicher, was sogar in einer vollständigen Grunderneuerung kompletter Netze gipfeln könnte. Deutschland lässt sich als gutes Vorbild nehmen und ein spezielles Paket wie die VDE könnten in Korea von einem ähnlichen Erfolg sein.

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss meiner Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit unter folgendem Link erwerben: http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

Wissenstransfer: Deutsch Experten beraten Südkorea für die Vorbereitungen auf eine Wiedervereinigung


Zurzeit ist eine Gruppe deutscher Experten um Lothar de Maizière, dem letzten Ministerpräsidenten der DDR, in Seoul zu Gast, um dort mit südkoreanischen Kollegen heute und morgen über eine mögliche Wiedervereinigung der Koreas zu sprechen und sie auf Basis der Deutschen Erfahrungen zu beraten. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Yonhap sagte de Maizière, der zentrale Faktor für eine Wiedervereinigung seien Reformen in Nordkorea. Allerdings seien auch eine Normalisierung der Beziehungen beider Länder und verstärkter Austausch entscheidende Faktoren für eine positive Entwicklung. Die Idee Steuergelder für die Vorbereitung auf eine mögliche Wiedervereinigung zu nutzen lobte de Maizière.

Ich vermute, dass de Maizières Besuch auf einem Memorandum of Understanding beruht, das Südkorea und Deutschland im vergangenen Jahr unterzeichneten. Darin wurde unter anderem die Installation eines Expertengremiums vereinbart, das die deutschen Erfahrungen für eine koreanische Vereinigung nutzbar machen soll. Dass dieses Abkommen nun auch konkrete Ergebnisse nach sich zieht und dass erfahrene Leute wie de Maizière ihre Kenntnisse und Anschauungen, die sie unmittelbar im Vereinigungsprozess sammeln konnten, diese Expertise mit ihren südkoreanischen Kollegen teilen finde ich sehr gut. Es ist doch irgendwie eine historische Verpflichtung Deutschlands, das einmalige Wissen im Bereich einer solchen Wiedervereinigung in den Prozess auf der Koreanischen Halbinsel einzubringen. Denn so kann Korea in das schwierige und vermutlich überraschend eintretende Ereignis wie die Wiedervereinigung zumindest in Teilen vorbereitet hineingehen und das ist nie schlecht. Vermutlich haben Menschen wie de Maizière auch einen ganz anderen Blick auf die Entwicklungen in Nordkorea, denn sie haben das Ende eines Staates schon einmal hautnah miterlebt.

Der Wissenstransfer von Deutschland nach Südkorea ist jedenfalls eine sehr gute Sache und sollte in Zukunft weiter gefördert und ausgedehnt werden. Natürlich ist klar, dass nicht alles aus der Deutschen Vereinigungsgeschichte auf den koreanischen Fall übertragbar ist, aber das kann ja in Diskussionen und gemeinsamer Analyse herausgearbeitet werden. Eine Schande wäre es jedenfalls, wenn es zu einer Vereinigung in Korea zu Fehlern käme, weil man nicht in ausreichendem Maß aus den deutschen Erfahrungen lernen konnte; Was man in Seoul mit dem Wissen aus Deutschland im Endeffekt anfängt, bleibt ja dann immernoch den jeweiligen Regierungen überlassen. Ich hoffe also, dass die Deutsch-Koreanische Zusammenarbeit in diesem Bereich sich künftig weiter vertieft.

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