Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (VI): Blick in die Zukunft


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Nikola Medimorec

Soweit haben wir in den letzten Wochen ein Bild der Verkehrssituation in Nordkorea gezeichnet und einen Vergleich mit Deutschland gemacht. Jetzt werde ich versuchen, eine möglichst realistischen Blick in die Zeit nach der Wiedervereinigung zu werfen.

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Ein wiedervereintes Korea bedeutet zunächst einmal mehr Macht und eine größere Bevölkerung. Die Konstellation von Macht (wirtschaftlich und politisch) in Ostasien wird sich ändern. Oft wird darüber diskutiert, wie wichtig Nordkorea für China ist und ob es ein „Verlust“ für China darstellen würde. Doch klar ist, dass China ihren räumlichen Puffer zu den Amerikanern verliert, die heute noch in einer großen Anzahl in Korea stationiert sind.

Öffnung der Grenze

Was wird an der innerkoreanischen Grenze, einem 4 km breiten Landstrich, geschehen, welches über 50 Jahre komplett unberührt war und Heim für viele Tier- und Pflanzenarten darstellt? Als in Deutschland die Grenze fiel, ergriffen oft Anwohner die Initiative und rissen die Grenzmauern und Barrikaden mit Baggern ein. Das ist leider in Korea nicht so möglich, weil das Grenzgebiet stark vermint ist. Mit den grenzüberschreitenden Projekten konnte Südkorea in diesem Bereich Erfahrung sammeln, was später sehr vorteilhaft sein wird. Mir wurde gesagt, dass damals auch deutsche Minenräumvehikel zum Einsatz kamen. Das war sehr effektiv, solange es sich um flaches Gelände gehandelt hat. Bei Steigungen fielen diese oftmals um, wenn es über eine Miene ging. Korea und besonders das Grenzgebiet sind sehr gebirgig. Also kann man damit rechnen, dass für eine gewisse Zeit die Übergänge von Norden nach Süden limitiert bleiben, was zur Regulation der Migration nützlich sein kann (was ich persönlich aber nicht befürworte, Menschenrechte garantieren freie Migration innerhalb Staatsgebietes).

Wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten

Es wird angenommen, dass, wenn Nordkorea eine offene Marktwirtschaft hätte, die Wirtschaftsleistung jährlich um 10 % wachsen würde. In einem vereinten Korea, wobei die vorhandenen Finanzmittel aus dem Süden eine Art Katalysator darstellen, wären die Ausmaße des Wachstums noch größer. Man muss aber realistisch bleiben und sich bewusst sein, dass nicht das gesamte Nordkorea aufblühen wird. Der Tourismus in China und Korea würde von einer offenen Grenze profitieren. Die Entwicklung wird sich auf einen oder zwei Korridoren fokussieren. Der Hauptkorridor wird Seoul-Pjöngjang (hier auch Nampo) und Sinuiju beinhalten. Die Verlängerung würde bis nach Peking gehen. Auf diesem Korridor würde sich ein Hochgeschwindigkeitsbahnnetz lohnen und es wäre die erste Möglichkeit des KTX auf einer internationalen Linie zu operieren. Der Korridor mit sekundärer Priorität wäre von Seoul über Pjöngjang nach Wonsan an die Ostküste und den ganzen Weg hoch bis an die Grenze zu Russland. Außerdem wird es wichtig sein, was für eine Rolle Pjöngjang erhalten wird. Vom nordkoreanischen Staat wird die Einwohnerzahl konstant auf ungefähr zwei Millionen gehalten und Zuzüge sind nicht gestattet. Es könnte gut passieren, dass die Stadt geradezu explodieren wird, weil Koreaner aus dem Norden eher eine mehr vertraute Umgebung bevorzugen als die monströse Metropolregion Seoul.

Rolle des Verkehrs

In den ersten Monaten wird der innernationale Lufttransport sehr wichtig sein, um alle Regionen mit Maschinen, Produkten und Baumaterialien zu versorgen. Unvermeidlich wird der Anstieg von Unfällen und der Zahl von Toten im Straßenverkehr auftreten, weil abenteuerlustige Südkoreaner mit ihren Hyundais und Kias auf den unsicheren Straßen im Norden fahren werden. Der Güter- und Personentransport wird eine komplett neue Dimension annehmen. Südkoreas internationaler Gütertransport wird sich von einem kompletten Schiffstransport abhängiges System zu einem weit aus diversifizierterem Angebot umwandeln. Über Schienen können Güter schnell nach China und Russland transportiert werden. Außerdem wird es wichtig sein, die industriellen Kerne von Nordkorea an ein gesamtkoreanisches Infrastrukturnetz anzuschließen, damit diese im Wettbewerb bestehen bzw. überhaupt in ihn eintreten können. Genau hierbei kommt es darauf an, Korridore (wie vorgeschlagen) festzulegen, die industriellen Kerne und Stärken zu analysieren und ein effektives Maßnahmenpaket zur Ausbau der Infrastruktur zu verabschieden.

One Korea

Bei dieser Vision eines vereinten Koreas kann man die Wiedervereinigung nur unterstützen. Der Aufbau der Infrastruktur nach modernen Maßstäben wird ein Schlüsselfaktor sein. Was erwartet Korea in der Zukunft? Natürlich ist es nicht leicht vorhersehbar, aber es wird auf jeden Fall eine sehr interessante Zukunft mit vielen Chancen sein.

 

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss meiner Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit unter folgendem Link erwerben: http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

 

Ja schade! Jetzt ist Nikolas Serie schon zuende. Das will ich aber auf jeden Fall nochmal kurz nutzen, um mich abschließend bei ihm zu bedanken.

Das war eine tolle Bereicherung für mein Blog und Du hast Aspekte gebracht, auf die ich bestenfalls nach langer Recherche (vermutlich aber garnicht) gekommen wäre. Dass Du dir dafür viel Zeit genommen hast, nur um sie uns zu schenken wird wohl keinem entgangen sein. Danke auch dafür. So macht Bloggen Spaß! Wenn man sich gegenseitig ergänzen und weiterhelfen kann. Und wenn die Zusammenarbeit dann noch so unkompliziert und locker läuft, wie in unserem Fall, dann kann man ja nur zufrieden sein

Naja, mir bleibt nicht mehr viel, außer meinen Lesern nochmal wärmstens Dein wirklich tolles Blog zu empfehlen, auf dem du aktuelle (human-)geographische Fragestellung mit Bezug zu Südkorea aufgreifst (Ist spannender als es klingt. Wer Geographen kennt, weiß wie vielfältig ihre Interessengebiete sind) und dir natürlich, wie sich das gehört, ein kleines Blumensträußchen zu überreichen. Leider nur rein virtuell…

Wie praktisch: Virtuelle Blumen sind wiederverwendbar….

Neue Serie: Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (Prolog)


Wie euch vielleicht aufgefallen ist, kümmere ich mich um manche Themen mehr, als um andere (In dieser Woche habe ich mich noch um fast garnichts gekümmert. Das tut mir leid, aber ich habe gerade einiges abzuarbeiten.). Das hat einerseits mit meinen persönlichen Vorlieben zu tun, andererseits aber auch damit, dass ich mich mit manchem eben besser auskenne, als mit anderem. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Themen, denen ich mich nicht widme, nicht auch super spannend wären. Daher bin ich auch sehr froh, heute eine neue Artikelserie eines befreundeten Gastautors einläuten zu können, der sich mit einem der „anderen Themen“ auskennt.

Nikola ist Geograph und hat bis vor einigen Wochen im schönen Trier studiert (dass es schön ist weiß ich, weil ich auch da studiert habe (das könnt ihr als Reiseempfehlung sehen)). Außerdem interessiert er sich besonders für Korea, hat dort vor einiger Zeit ein Auslandssemester absolviert und ist jetzt wieder in Seoul, um an der Seoul National University seinen Master zu machen. Aufgrund seines besonderen Interesses für Korea sind wir irgendwann im Vorfeld seiner Abschlussarbeit in Kontakt gekommen und haben angeregt über ein mögliches Thema diskutiert. Er wollte nämlich etwas zu möglichen „Einheitsprojekten“ im Bereich Infrastruktur machen, wozu er Beispiele der Deutschen Einheit als Vergleichsfolie nehmen wollte. Das fand ich eine super Idee, weil ich fest davon überzeugt bin, dass Wissenstransfer einen entscheidenden und einmaligen Beitrag darstellt, den Deutschland zu einer möglichen Koreanischen Einigung leisten kann. Wir haben eben wichtige Erfahrungen gemacht und die sollten wir auch weitergeben.

Lange Rede kurzer Sinn: Ich fand das Thema, das Nikola im Endeffekt gewählt hat super und seine Arbeit superinteressant und daher freue ich mich sehr, dass er uns daran teilhaben lässt. Wenn ihr mehr über Nikola, sein Studium und über das „Auswandern“ nach Seoul erfahren wollt, dann schaut doch einfach mal in seinem deutschsprachigen Blog vorbei. Wenn euch aktuelle geographische Themen, vor allem mit Bezug zu Seoul und Südkorea interessieren, dann müsst ihr unbedingt sein englischsprachiges Seoul and Korea Blog anschauen. Naja, jetzt reicht es aber mit der Vorrede. Bühn (bzw. Blog) frei für Nikola mit seiner Gastserie „Verkehr auf der koreanischen Halbinsel“.

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Nikola Medimorec

Das Titelbild wird uns als Logo durch die Serie begleiten. Es zeigt ein Hinweisschild, welches ich am Bahnhof Dorosan fotografiert habe. Theoretisch wäre der nächste Halt in Nordkorea. Gleise von Seoul nach Pjöngjang existieren, Straßen ebenso. Als ich dort stand, fragte ich mich, wie wohl die Fahrt bis zur nordkoreanischen Hauptstadt wäre, wie schnell man voran kommt und allgemein wie Verkehr in Nordkorea aussieht.

Denn im Sommer 2012 befasste ich mich mit der Verkehrsinfrastruktur Nordkoreas und deren Entwicklung nach einer möglichen Wiedervereinigung mit Anlehnung an die deutsche Erfahrung. Daraus entstand eine umfangreiche Abschluss-Arbeit mit dem etwas hochgegriffenen Titel „Reunification Through Transport“. Diese Plattform und der Autor des Blogs waren eine große Hilfe bei der Recherche und deswegen möchte ich mich mit dieser Serie dafür revanchieren.

In diesem Prolog möchte ich vorstellen, was für Beiträge über die nächsten Wochen folgen werden. Als grundlegende Voraussetzung nahm ich an, dass sich Nord- und Südkorea in einer ähnlichen Weise wie Deutschland wiedervereint und der Zeitpunkt der Wiedervereinigung nicht allzu weit in der Zukunft liegt. Der erste Punkt ist wichtig, damit die Vergleichbarkeit besser hergestellt werden kann und der zweite Punkt lässt sich begründen, dass nur der jetzige Entwicklungsstand der Verkehrsmittel und Transportmöglichkeiten übertragen werden kann.

Wöchentlich wird die Serie „Verkehr auf der koreanischen Halbsinel“ veröffentlicht und die Beiträge sind wie folgt betitelt:

Teil 1: Vorstellung des Verkehrs auf der koreanischen Halbinsel

Teil 2: Vergleich von Korea heute mit Deutschland in 1990

Teil 3: Grenzüberschreitende Projekte Nordkoreas

Teil 4: Erfahrungen von Reisenden in Nordkorea

Teil 5: Lektionen der Wiederherstellung der deutschen West-Ost Verbindungen für Korea

Teil 6: Blick in die Zukunft

Zu Beginn werden die Charakteristika der Verkehrsinfrastruktur im Norden und Süden vorgestellt und miteinander verglichen. Jedoch wird die Situation auf der koreanischen Halbinsel erst deutlich, wenn es mit Deutschland in Relation gesetzt wird. Damit wird nämlich die Frage aufgegriffen, ob die Herausforderungen in Deutschland und prospektiv in Korea vergleich bar sind. Der dritte Teil über grenzüberschreitende Projekte zeigt eine Besonderheit, die es in dieser Form in Deutschland nicht gab. Hierbei wird deutlich, dass die Dynamik dieser Projekte die einzige treibende Kraft zum Ausbau der Verkehrswege im wirtschaftlich schwachen Nordkorea ist. Aktuelle Informationen über Nordkorea zu beschaffen stellte eine große Hürde dar. Außerdem können Statistiken alleine kein vollständiges Bild der Situation bieten. Daher werden im vierten Teil Ergebnisse von gezielten Befragungen unter Nordkorea-Touristen dargestellt. Es gibt viel Literatur über die Punkte, die Korea von der Wiedervereinigung in Deutschland lernen kann, aber noch nirgends wurde speziell auf die Infrastruktur eingegangen. Deswegen war Teil 5 ein zentraler Teil des Fazits meiner Arbeit. Der Abschluss der Serie greift in die Zukunft, in die Zeit eines wiedervereinigten Koreas, wenn die 250 km von Seoul nach Pjöngjang innerhalb einer Stunde per Hochgeschwindigkeitszug zurückgelegt werden.

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss der Arbeit. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“ unter folgendem Link erwerben:

http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

„Im Auge des Orkans“ – Reportage von Peter Hossli über die Schweizer Friedenswächter an der DMZ


Eben habe ich eine interessante Reportage des Schweizer Journalisten Peter Hossli gelesen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Hossli besuchte die fünf Schweizer Soldaten, die als Teil der neutralen Waffenstillstands-Überwachungskommission in Korea (NNSC) an der Demarkationslinie zwischen Süd- und Nordkorea dienen und begleitete sie in ihrem Arbeitsalltag in Panmunjom. Die Reportage gibt ein schönes und interessantes, wenn auch manchmal etwas aufs Kuriose fixiertes, Bild des Lebens und der Atmosphäre an diesem – zugegeben wirklich kuriosen – Kristallisationspunkt der Spannungen zwischen Nord- und Südkorea wieder und sie beschreibt die Gelassenheit, mit der die Schweizer Friedenssicherer die Situation nach dem Untergang der Cheonan betrachten. Ein unterhaltsam gezeichnetes und trotzdem erhellendes Fenster in eine Welt, die wohl nur diejenigen treffenden beschreiben können, die selbst dort leben und arbeiten (und sich neutral nennen dürfen). Also schauts euch an

Nordkorea stationiert 50.000 weitere Soldaten an der DMZ – Neue Kriegsstrategie


Berichten zufolge hat Nordkorea die Stationierung von knapp 50.000 „special forces“ entlang der Demilitarisierten Zone (DMZ), der Grenze zu Südkorea, abgeschlossen. Die Einheiten sollen seit zwei oder drei Jahren in die Region verlagert worden sein. Nordkorea habe Lehren aus dem Irakkrieg gezogen und die Truppen dort stationiert damit diese bei einem Kriegsausbruch nach Südkorea eindringen und Verwirrung hinter den feindlichen Linien stiften könnten.

Die Aufstellung der Einheiten an der DMZ kann natürlich nicht unmittelbar mit dem weiterhin nicht wirklich geklärten Untergang der Cheonan in Verbindung gebracht werden, allerdings passt sie zu den erhöhten Spannungen, die zurzeit die Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea beherrschen. Außerdem scheint man in Pjöngjang mit dem Amtsantritt Lee Myung-baks geahnt zu haben, dass die Zeiten von Sonnenscheinpolitik und sehr „entgegenkommenden“ südkoreanischen Präsidenten vorbei seien. Denn das eine solche Truppenverschiebung mit dem Amtsantritt Lees zusammenfällt muss ja kein Zufall sein (obwohl es wohl einer wäre, hätte die Verlegung schon vor drei Jahren begonnen).

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