Nachwuchs im Irrenhaus: BILD bereitet Kim Jong Ils Nachfolge vor


Die BILD Zeitung hat ja eine herrlich erfrischende Art über Vorgänge in Nordkorea zu berichten. Dabei scheint es grundsätzlich nur zwei Regeln zu geben. Fakten (oder vielmehr deren korrekte Wiedergabe) spielen keine Rolle und im Artikel muss mindestens einmal das Wort „irre“ vorkommen. Das ist ja nicht weiter schlimm, denn andere meinungsBILDende Medien haben ja auch Sprachregelungen. So ist es nicht einfach bei KCNA einen Artikel zu finden, bei dem die südkoreanische Regierung nicht mit „warmongers“ beschrieben wird (zumindest die Aktuelle) und die USA nicht das Attribut „imperialist“ zugeschrieben bekommen. Allerdings kann sich Kim Jong Il (68) nicht allein rühmen, permanent als „irrer Diktator“ bezeichnet zu werden. Diese „Ehre“ muss er sich mit Irans Ahmadinedschad (53) (ist ja auch Teil der Achse des Bösen, arbeitet außerdem hart an seinem Image, hat es aber eigentlich noch nicht verdient (wobei die hier beschriebene Schandtat schon sehr „irre“ ist)) und Libyens Ghaddafi (27) (exzentrisch und drogenvernebelt würden es auch tun, aber hier hat die BILD schon eher recht) teilen. Allerdings ergibt die quantitative Auswertung der BILD-Internetseite, dass Kim nach BILD-Meinung definitiv der „Irrste“ ist. Allerdings scheint man auch in der kreativen Schreibwerkstatt der BILD gemerkt zu haben, dass Kim Jong Il (64) bald durch seinen Sohn (27) ersetzt werden wird. Tja und da stellt sich natürlich die Frage, ob eine vernünftige Berichterstattung zu Nordkorea ohne „irren Diktator“ überhaupt noch zu machen ist. Dieser drängende Zukunftsfrage scheint sich ein Praktikant, schreibender Primat, Zufallsgenerator oder was auch immer für den BILD output verantwortlich ist, nun gestellt zu haben. Die BILD scheint die Nachfolge Kim Jong Uns (33) auf seinen Vater professionell vorzubereiten und hat dazu am 06.09 den Artikel mit der wegweisenden Überschrift: „Wird der Neue so irre wie der Alte?“ veröffentlicht. Allerdings fehlten in diesem Artikel sowohl richtige Fakten (Nein, die Arbeiterpartei hält keinen Parteitag ab, und ihre deutsche Abkürzung ist nicht (WPK), Nein, Deutschland hat und hatte auch keine Botschafterin in Pjöngjang (wenn mich nicht alles täuscht folgte der aktuelle, Gerhard Thiedemann, auf Thomas Schäfer (Da habe ich mich wohl getäuscht! Von 2002 bis 2005 war Frau Doris Hertrampf Botschafterin in Pjöngjang. Im BILDartikel könnte vielleicht Frau Irja Berg gemeint sein, die als stellvertretende Botschafterin die Amtsgeschäfte für längere Zeit führte. Entschuldigt meine fehlerhaften Infos und vielen Dank J. für den Hinweis.) Nein, auf dem fraglichen Bild über dem Artikel ist nicht Kim Jong Un (29) zu sehen…), als auch der letztendliche Beleg für die „Irrheit“ Kim Jong Uns (27). Nicht schlimm, scheinbar hat man in der BILD Strategiezentrale die Entscheidung über Kims Nachfolge getroffen und die Entscheidung am 21.09. der Welt kundgetan. Denn da hieß es dann: „ER wird der neue Irre von Nordkorea„. Über Unrichtigkeiten und Richtigkeiten im Artikel will ich mich jetzt nicht weiter auslassen, muss aber noch kurz schreiben wie schön die Aussage finde, dass Kim Il Sung(?98?) die Führung des Landes vor 16 Jahren an Kim Jong Il (100) übertrug. Bei mir heißt das „sterben“. Aber vielleicht war der Autor auch davon irritiert, dass Kim Il Sung noch Präsident ist.

Wichtig ist nur, dass die BILD die Nachfolge Kim Jong Ils (68) geregelt hat und ein „irrer Nachfolger“ für den „irren Diktator“ parat steht. Und sollte das mit Kim Jong Un als Nachfolger doch nichts werden habe ich einen Vorschlag, wie man die „irren Quote“ doch noch erfüllen könnte: Man könnte die allseits beliebte (auf jeden Fall wenn man Fan anhaltenden Brechreizes ist) Kolumne der Zeitung einfach etwas umbenennen in „Post vom Irren„, käme inhaltlich ganz gut hin glaube ich…

Achja, entschuldigt bitte meine gewöhnungsbedürftige Formatierung, aber ich hatte schon immer den Wunsch, mal völlig willkürlich Unterstreichungen und Fettungen in meinen Text einzufügen (kommt nicht wieder vor!). Keine Ahnung wo das herkommt (ich hoffe mal ich verletze jetzt kein Patent)...

„Das Gehirn eines Irren“ BILD-Reportage zu Nordkorea


Unser aller liebstes Blatt, die Zeitung mit den vier großen Buchstaben hat es scheinbar tatsächlich geschafft, einen Reporter nach Nordkorea zu schicken um sich einen etwas näheren Eindruck von dem Land zu machen. Und da dieses Blatt seit Jahrzehnten für differenzierte fehlerfreie und politisch neutrale Information steht und unsere Medienlandschaft auch schonmal um- vom medialen Mainstream totgeschwiegenen – Themen wie UFO-Landungen oder mehrköpfige Tiere bereichert, kann ich mir den Anlass natürlich nicht nehmen lassen, ein paar Worte dazu zu schreiben. Ein BILD Reporter war in Nordkorea. Wir alle kennen BILD, daher kann ich mir eine Einführung wohl sparen (bevor ich wieder ins Fabulieren gerate).

Der Autor der Serie, Julian Reichelt (sollte es wen interessieren (Wie ich sehe hat sich der BILDblog auch schonmal Reichelts Werk gewidmet)), hat so einiges in Nordkorea gesehen und erlebt (zumindest schreibt er das) und dementsprechend hat BILD daraus eine dreiteilige Serie gemacht. Als ich den ersten Artikel dazu las, war ich beeindruckt, wie differenziert Autoren der BILD doch formulieren können. Kein einziges Mal wurde Kim Jong Il mit Attributen wie: „Der irre Diktator“ versehen und auch darüber, dass Kim Jungfrauenblut trinke, um ewig jung zu bleiben, wurde nicht berichtet. Weiterhin beeindruckte mich die Fähigkeit des Autors, in blumiger, fast schon lyrischer Sprache leere Phrasen an den Mann zu bringen. Vermutlich gehören mehrere Lektionen in Pathos zur Standardausbildung eines jeden BILD-Reporters. Beispiele gefällig?

Ich sah graue Gestalten durch die kalten Schatten gigantischer Hochhausstädte huschen.

Ich habe ein Land gesehen, das wie ein Ufo der Wirklichkeit dieser Welt entschwebt ist.

Manche Sätze sind so eisig, dass man sie sich nicht aufschreiben mag als Reporter. Sätze wie Strahlenwind.

Naja, manchmal kommts mir allerdings vor, als wäre der Autor von ner deftigen Portion dieses „Strahlenwindes“ getroffen worden (was auch immer das genau sein soll…). Neben den üblichen Beobachtungen (die auf die Gewehre aufgepflanzten Bajonette scheinen es ihm besonders angetan, aber stimmt schon, sowas benutzt ja außer der nordkoreanischen nur ungefähr jede Armee der Welt…; weiterhin gibts die üblichen Verkehrspolizistinnen, die den Verkehr regeln, leere Straßen, Märkte etc.) hat Reichelt aber auch einige Fakten in seinen Berichten, die es sonst selten in Reisereportagen zu lesen gibt. Neben dem ständigen zitieren von Diplomaten und anderen Experten (wobei er natürlich nicht vergisst den Anschein zu erwecken, als habe er diese persönlich befragt (immerhin bleibt Kims vorgeblicher ehemaliger Sushi-Koch außen vor)) ist ein besonderes Highlight des Berichtes ein Zusammentreffen mit einem Minister(!), der seinen Namen allerdings nicht in der BILD lesen wollte. Trotzdem hat er aber höflich die Fragen des Reporters zu Nordkoreas Atomprogramm beantwortet (Womit Reichelt der internationalen Staatengemeinschaft vermutlich einiges voraus haben dürfte). Und natürlich hat der Minister es sich nicht nehmen lassen, abschließend dekadent mit dem Reichtum der Eliten zu protzen, indem er allen Champagner einschenkte und als wäre das noch nicht genug, das zynische Kommentar „Auf den Sozialismus! Denn Sozialismus ist Leben!“ hinzufügte. Respekt Herr Reichelt! Oder ist Ihnen da der Strahlenwind durchs Hirn geweht?

Dass Reichelt auch ein paar falsche oder Halbwahre Gerüchte als Fakten hinstellt überrascht natürlich nicht. Nein, Nordkorea baut keinen Nuklearreaktor in Myanmar und Nein, Nordkorea fälscht definitiv nicht 100 Dollar Noten im Wert von 500  Millionen US Dollar jährlich. Naja und wie viele Iraner wirklich in seinem Flugzeug nach Pjöngjang saßen, wie viele hungernde und zwangsarbeitende Menschen Reichelt gesehen hat (Nordkorea ist eigentlich nicht bekannt dafür, solche Bilder (ach, vermutlich hatte Reichelt zu diesen Anlässen seine Kamera nicht dabei, sondern nur an den Stationen der Standard-Touri-tour, denn außer den Standard-Fotos gibts nichts zu sehen) Reportern zugänglich zu machen) und wie viele leeren Ställe er besucht hat, dass weiß ich natürlich nicht so genau, aber Reichelt hat das Glück, dass das außer ihm wohl niemand weiß… Was mich an der ganzen Sache nur wundert, ist das er nicht noch ein  Interview mit Kim Jong Il gemacht hat (Wertvolle Tipps wie man das ohne Teilnahme des Interviewten realisieren kann, hat kürzlich der wirklich lesenswerte Postillion veröffentlicht). Aber das Gespräch mit dem Minister war ja schonmal ein erster Schritt in diese Richtung.

Naja, alles in allem kann man die Berichte lesen. Und wenn man ähnlich aufmerksam auf zweifelhafte Informationen Lügen und Halbwahrheiten aufpasst wie bei der Lektüre von KCNA, dann gibt es vielleicht die eine oder andere interessante Info zu finden (Ich hab mich ja zum Beispiel kürzlich über die niedrige Scheidungsrate in Nordkorea gewundert. Hierzu gibts in den Artikeln ne durchaus glaubwürdige und einleuchtende Erklärung). Aber am besten ihr schauts euch selbst an, nachdem ich (fast kommentarlos) mit den Worten des Autors geschlossen habe (übrigens in original fetten BILD-Lettern gecopypasted): „Man fühlt sich, als würde man im Gehirn eines Irren spazieren gehen“

Teil 1: Nordkorea — Bild-Besuch im verbotenen Land

Teil 2: Kinder lernen mit Raketen rechnen

Teil 3: Wie gefährlich ist das Atom-Reich wirklich?

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