Kim Jong Il auf dem Heimweg: Welche Themen in Russland wichtig waren und welche nicht


Update II (04.09.2011): Hier die Dokumentation des nordkoreanischen Staatsfernsehens zu Kims Russlandreise. Leider nur OT ohne Untertitel. Zwar hat NK Economy Watch das auch im Rahmen seiner recht ausführlichen Dokumentation der Reise hochgeladen, aber dieses hier ist nicht gehäckselt.

P.S. (27.08.2011): Habe mir gestern Element of Crime angeschaut. War sehr schön. Einmal habe ich kurz an Kim Jong Ils aktuelle Reiselust gedacht. Warum auch immer…

Update (26.08.2011): Gerade frisch aus meiner „Internetpresse“ kam diese sehr interessante Analyse von Aidan Foster-Carter. Teilweise argumentiert er so ähnlich wie ich zu dem Thema, teilweise aber auch wesentlich „mutiger“. Definitiv lesenswert (Achja, der Titel ist Programm: „Kim Jong-il: Tactical genius„. Aber keine sorge: Foster-Carter ist nicht übergelaufen. Er hat nur ein Gespür für Eyecatcher…). Und weil ich gerade bei „lesenswert“ bin: Ich möchte euch nur kurz erinnern, dass ihr bei North Korea Leadership Watch später bestimmt einen sehr ausführlichen und interessanten Artikel zu dem Thema finden könnt…

Ursprünglicher Beitrag (26.08.2011): Kim Jong Il h Gerade frisch aus meiner „Internetpresse“ kam diese sehr interessante Analyse von Aidan Foster-Carter. Teilweise argumentiert er so ähnlich wie ich zu dem Thema, teilweise aber auch wesentlich „mutiger“. Definitiv lesenswert (Achja, der Titel ist Programm: „Kim Jong-il: Tactical genius“. Aber keine Sorge: Foster-Carter ist nicht übergelaufen. Er hat nur ein Gespür für Eyecatcher…). Und weil ich gerade bei „lesenswert“ bin: Ich möchte euch nur kurz erinnern, dass ihr bei North Korea Leadership Watch später bestimmt einen sehr ausführlichen und interessanten Artikel zu dem Thema finden könnt… at seinen Besuch in Russland nach einem Zusammentreffen mit Dimitri Medwedew beendet und sich (vermutlich über chinesisches Territorium) auf den Heimweg gemacht. Hier ein kleines Video von Al Jazeera, das den Streckenverlauf des Hinwegs zeigt. Auf dem Heimweg ist er vermutlich dann gleich hinter der Mongolei rechts abgebogen und hat den russischen Zipfel ausgelassen (hehe, geographisch unkorrekter kann man das wohl kaum formulieren)

Die Themen

Den Berichten zufolge, gab es auf dem Treffen der beiden Staatsmänner einiges zu besprechen. Dabei scheinen drei Themen im Mittelpunkt gestanden zu haben:

  1. Der Bau einer Gaspipeline, die über nordkoreanisches Territorium nach Südkorea führen soll, sowie der Verbindung von Energie- und Eisenbahnnetzen. Darübe habe ich hier ja schon einiges geschrieben und hier gibt es noch eine recht interessante Analyse eines Energieexperten zu dem Thema. Laut KCNA sollen Arbeitsgruppen eingerichtet werden, um die Grundlagen für eine Umsetzung der Pläne zu schaffen:

The talks discussed a series of agenda items on boosting the economic and cooperative relations in various fields including the issue of energy including gas and the issue of linking railways and reached a common understanding of them.

It was decided at the talks to organize and operate working groups to put the above-said issues into practice and the two countries agreed to continue cooperating with each other in this direction.

  1. Die Frage der Schulden, die Nordkorea bei Russland hat und die seit Ende des Kalten Krieges zwischen beiden Seiten stehen. Die ca. 8 Mrd. US-Dollar (das kommt natürlich darauf an, wie man den damaligen Rubel Kurs bewertet; bezeichnenderweise werden die Schulden in russischen Medien mit ca. 11 Mrd. US-Dollar angegeben) Schulden, deren Rückzahlung Russland noch immer verlangt, verhindern ein stärkeres wirtschaftliches Engagement Russlands in Nordkorea. Scheinbar hat Nordkorea bisher mit der einfachen (aber eher nicht legitimen) Begründung die Rückzahlung verweigert, dass Russland nicht der Rechtsnachfolger der Sowjetunion sei. Das dürfte den verantwortlichen im Kreml nicht gefallen und muss sich ändern, wenn sich beide Staaten weiter annähern sollen. Dass man wieder über die Schulden spricht und das Problem ernsthaft angehen möchte, könnte bedeuten, dass man tatsächlich den Boden für eine weitergehende ökonomische Kooperation bereiten will.
  2. Nordkoreas Nuklearprogramm und die Sechs-Parteien-Gespräche um die Denuklerisierung der Koreanischen Halbinsel. Zu den Gesprächen ließen beide Seiten verlauten:

At the talks they shared the view that the six-party talks should be resumed without any precondition at an early date to implement the September 19 joint statement on the principle of simultaneous action and thus accelerate the denuclearization of the whole Korean Peninsula.

Wer sich ein bisschen mit Nordkoreas Äußerungen in den letzten Monaten hinsichtlich der Sechs-Parteien-Gespräche auseinandergesetzt hat, dem müsste aufgefallen sein, dass das die Standardfloskel ist, die Pjöngjang immer benutzt. Das „ohne Bedingungen“ ist kein Angebot, sondern eine Forderung die als Angebot verpackt ist. Man will, dass die anderen an den Tisch zurückkehren, ohne von Nordkorea etwas zu verlangen (so wie eine Entschuldigung, oder ernsthaftes Interesse an einem Vorankommen der Gespräche). Aber naja, aus den Kreisen des Kreml verlautete darüber hinaus, Kim Jong Il habe angeboten, über ein Moratorium bei Raketen- und Nukleartests nachzudenken.

Na dann ist ja alles klar, wenn Kim Jong Il sich bereit erklärt hat, über all das nachzudenken! Oder? Ich hab auch schonml darüber nachgedacht, 8 Liter Rohmilch in zwei Minuten zu drinken oder in 10 Minuten 62 Hotdogs zu essen…

Beide Pläne habe ich aber — warum auch immer — verworfen. Seltsamerweise wollte aber auch niemand mir etwas dafür geben, dass ich darüber nachdachte.

Aber Spaß beiseite. Selbst wenn Kim Jong Il ein Moratorium auf all das erklären würde. Was würde es ändern. (Vielleicht hat er ja schon vor zwei Jahren heimlich ein Moratorium erlassen, denn seitdem hat Nordkorea keine Raketen getestet und auch keine Atombomben.) Und wenn Kim ein Moratorium erklärt, dann hat er vermutlich erstens momentan keinen Bedarf an Tests und zweitens ist so eine einseitige Zusage ja auch schnell wieder aufgehoben.

Wirtschaftliches im Kern…

Insgesamt ist das, was bei den Gesprächen zwischen Kim und Medwedew rausgekommen ist, durchaus interessant, allerdings nicht in Bezug auf die Sechs-Parteien-Gespräche. Wichtig ist vielmehr der dicke wirtschaftliche Köder, den Russland ausgepackt hat. Sowohl die Frage der Schulden als auch der Infrastrukturprojekte sind für Nordkorea hochinteressant (Allein die Erlöse an Transitgebühren für eine Pipeline werden auf zwischen 100 und 500 Millionen US-Dollar jährlich geschätzt). Aber wie bereits gesagt, dürfte all das nicht ohne Gegenleistung zu haben sein. Was das genau sein wird und ob es etwas mit den Sechs-Parteien-Gesprächen zu tun hat, das muss sich noch zeigen.

…Sechs-Parteien-Gespräche nicht

Zu unmittelbaren Fortschritten hinsichtlich der Gespräche hat das Treffen jedenfalls nicht geführt. Das zeigen auch die zurückhaltenden Reaktionen aus Südkorea und den USA. Im Falle der USA sagte man, dass ein Moratorium zwar ein Schritt sei, aber viel zu wenig für die Aufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche und das vor allem auch etwas (was auch immer) mit dem Urananreicherungs-Programm geschehen müsse. Vielleicht stellen sich die USA vor, dass Nordkorea erstmal komplett denuklearisiert, bevor die Gespräche um die Denuklearisierung weitergehen können. Ob das ein erfolgversprechender Ansatz ist? Aber was man genau verlangt, das wird man bei den Gesprächen in New York letzten Monat sicherlich klargestellt haben.

Was sonst noch war: Nordkoreanisches Medieninteresse und Kims Gesundheit

Auch wenn die Echtzeit-Berichterstattung der nordkoreanischen Medien bei Russlandbesuchen Kims nichts Neues ist, so war das mediale Interesse aus Nordkorea bei diesem Besuch doch sehr ausgeprägt. Man berichtete ausgiebig in Funk und Fernsehen und natürlich auch im Netz. Allein gestern hatte KCNA sieben Artikel zur Reise Kims, die sich um das Treffen mit Medwedew, die Gespräche der Beiden, das abendliche Bankett und die Reden die beide dort hielten und schließlich die Verabschiedung Kims durch Medwedew drehten (zu einem der Anlässe scheint Kim Medwedew auch nach Pjöngjang eingeladen zu haben, ich bin gespannt ob und wann er das annimmt). Außerdem berichten russische Medien, dass Kims Presseleute so ziemlich alles gefilmt hätten, was passiert ist. Anscheinend soll eine Dokumentation über die Reise erstellt werden. Eine Erklärung (aber wohl nicht die einzige!) für diese ausführliche Berichterstattung lieferte KCNA heute in dem Artikel „Koreans Miss Kim Jong Il“:

Nowadays, all of the DPRK people are waiting for news of leader Kim Jong Il on a visit to the Siberian and Far East regions of the Russian Federation.

Many people stop at newsstands on the way to work in the morning to learn about his Russia visit.

What the leader did during his visit is a main topic of conversation among people.

Since it was known that Kim Jong Il left for Russia, the Korean people have missed him, concerning themselves about his health.

They have also made great achievements in their work to delight him when he returns home.

Naja, um seine Gesundheit war es ja schonmal schlechter bestellt. Immerhin hat er nicht mehr diese frappierende Ähnlichkeit zu Gollum aus dem Herrn der Ringe, die ihn vor gut anderthalb Jahren noch auszeichnete. Allerdings sieht man in diesem Video ganz gut, dass mit seinem linken Bein irgendwas nicht in Ordnung ist. Ganz gesund wird er wohl nicht mehr werden.

Kim Jong Il trifft Dimitri Medwedew, oder: Kehrt Russland mit Wucht an den Pazifik zurück?


Das ist ja ein feiner Zug von Kim Jong-il, dass er sich seine Russlandtour bis zum Ende meines Urlaubs verkniffen hat, so dass ich fast aktuell was dazu schreiben kann. Gestern hat Kim Jong Il mit seinem bevorzugten Fernreisevehikel — dem berühmt berüchtigten Panzerzug — bei der russischen Grenzstadt Khasan die Grenze zu Russlands Fernem Osten überquert. Dort wurde er von russischen Offiziellen begrüßt, bevor er seine Reise in Richtung Sibirien fortsetzte. Dabei besichtigte er die Bureja-Talsperre, einen der Energieerzeugung dienenden Staudamm. Das geographische Hauptziel seiner Reise dürfte wohl die Stadt Ulan Ude nahe dem Baikalsee sein, wo er sich wahrscheinlich mit Russlands Präsident Medwedew treffen wird. Auch ein Treffen mit Russlands Ex-Präsidenten (vielleicht ja auch bald wieder) und aktuellem Premierminister Wladimir Putin, den Kim ja von seinen Reisen 2001 und 2002 gut kennt könnte Berichten zufolge stattfinden (Einen ziemlich guten Überblick über die Beziehungen zwischen Russland und Nordkorea bis 2007 gibt dieses hervorragende Paper der International Crises Group).

Zwei Reflexfragen

Wenn Kim Jong Il die Grenzen seines Reiches überquert, stellen die Medien reflexartig zumindest zwei Fragen:

  1. Ist sein Sohn und mutmaßlicher Nachfolger Kim Jong Un dabei? — Kurze Antwort: Nein (zumindest wenn man KCNA glauben darf).
  2. Was ist der Zweck der Reise? — Kurze Antwort: Weiß niemand so genau.

Zu Frage eins ist weiter eigentlich nicht viel zu sagen. Sicher, wir wissen natürlich nicht, ob Kim Jong Un nicht doch in irgendeinem Zugabteil versteckt wird, aber es ist zumindest relativ unwahrscheinlich. Es wäre wohl ein Affront gegen China, wenn der junge Kim zuerst der russischen Führung offiziell vorgestellt würde und einen solchen Affront kann sich Pjöngjang momentan nicht wirklich leisten. Außerdem brächte es in der gegebenen Situation kaum Vorteile, denn eine Abhängigkeit Nordkoreas gegenüber Russland besteht faktisch nicht, warum sollte man sich dann ein Einverständnis abholen?

Frage zwei ist schon spannender und auch wenn keiner so genau weiß, was da besprochen wird, so gibt es doch einige begründete Vermutungen. Die Sache mit der Nachfolgeregelung habe ich ja schon oben besprochen und halte ich für Vernachlässigenswert. Auch das Beitteln um Nahrungsmitthilfen könnte vielleicht eine gewisse Rolle spielen; der Grund für Kims Reise war es aber wohl eher nicht. Dass der Trip etwas mit der kürzlich neu aufgelegten Sonderwirtschaftszone in Rason zu tun haben könnte, scheint nicht unplausibel. Soll das Projekt ein Erfolg werden, dann müssen Investoren aus allen angrenzenden Ländern gewonnen werden (denn wie soll Rason sonst zu einer regionalen Handelsdrehscheibe werden?). Daher ist es essentiell, russische Geschäftsleute zu gewinnen und dazu dürfte eine nette Unterhaltung mit Russlands Präsidenten nicht schädlich sein. Allerdings glaube ich auch hier nicht, dass dies der Hauptanlass ist. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Investitionen in Rason an ein dickeres Geschäft gekoppelt sein könnten, das Kim Jong Il in der Nase hat.

Nordkorea als Transitstrecke zwischen Russland und Südkorea: Chancen und Risiken

Es scheint nämlich aktuell die Chance zu bestehen, dass Nordkorea sowohl wirtschaftlich als auch strategisch einen ordentlichen Coup landen könnte. Nicht ohne Grund war ein stellvertretender Vorsitzender des russischen Gasmultis Gazprom erst kürzlich in Pjöngjang, nicht ohne Grund ist es seit Kurzem kein Geheimnis mehr, dass zumindest in Russland über eine trilaterale Kooperation (Russland, Nord- und Südkorea) im Bereich des Pipelinebaus und bei den Strom- und Eisenbahnnetzen nachdenkt und nicht ohne Grund machte Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA erst kürzlich öffentlich, dass Russlands Präsident Medwedew eine solche Kooperation vorgeschlagen habe. Pjöngjang scheint da eine Chance zu wittern und wenn ich zu den Strategen dort gehören würde, dann würde ich das ehrlich gesagt nicht anders sehen. Ich habe mich zwar schonmal mit den Konsequenzen einer (Gas-)Pipelineverbindung zwischen Russland und Südkorea beschäftigt, die über nordkoreanisches Territorium führt, da aber die ganze Geschichte tatsächlich Chancen haben könnte, will ich den Komplex nochmal etwas ausführlicher aufdröseln:

Nordkorea

Zuerst mal zu Nordkorea. Welche Chancen und Risiken verbergen sich hinter eines möglichen Transits von Gas, Gütern (und Personen?) und Energie über nordkoreanisches Territorium?

Die Chancen sind vielfältig:

  • Nordkorea kann Transitgebühren verlangen und so eine neue Einnahmequelle erschließen, was in Pjöngjang ja immer äußerst wohlwollend gesehen wird.
  • Vermutlich erfährt die Infrastruktur des Landes eine Gratisrenovierung. Zwar gehören die Anlagen nicht dem nordkoreanischen Staat, sondern ausländischen Unternehmen, aber sie sind in Nordkorea und für den Bau werden wohl Straßen etc. in Stand gesetzt werden. Und im Fall einer Eisenbahnverbindung, werden wohl auch nordkoreanische Züge die Schienen benutzen dürfen.
  • Wichtiger aber ist wohl, dass die wirtschaftliche Isolation des Landes ein Stück weit aufgehoben wird. Mit einem Schlag bekäme das Land eine einfache Möglichkeit, Energie und Gas aus Russland per Pipeline bzw. Stromnetz zu importieren. Diese Netze müssen leistungsfähig und gut in Stand sein, denn immerhin sollen sie umfangreichen Geschäften zwischen Russland und Südkorea dienen. Gleichzeitig bestehen durch eine mögliche Bahnverbindung auch neue Optionen für den Warenhandel. Nordkoreas wirtschaftliche Abkopplung von der Welt wird zumindest in Teilen aufgehoben und es könnten neue Perspektiven für die Entwicklung des Landes entstehen.
  • Nicht zuletzt gibt der Transit von Energie, Gas und Waren von und nach Südkorea über nordkoreanisches Territorium Pjöngjang eine neue mächtige Waffe in die Hand. Sollte Südkoreas Wirtschaft tatsächlich in irgendeiner Art von dem Transit durch Nordkorea abhängig werden, dann hätte Pjöngjang jederzeit ein Mittel in der Hand, Seoul massiv zu schaden, auch wenn das beträchtliche Folgen hinsichtlich der Beziehungen zu Russland nach sich zöge. Im Ernstfall ist davon auszugehen, dass Kims Regime dieses Mittel nutzen würde, aber das weiß man wohl nicht nur in Pjöngjang, deshalb wird Seoul sich hüten, eine solche Anhängigkeit entstehen zu lassen. Aber wie schwierig so eine Steuerung unter der Bedingung freier Märkte ist, dass weiß man ja.
  • Ein weiterer riesiger strategischer Vorteil ist die bessere Balance auswärtiger Abhängigkeiten, die für Pjöngjang aus der Durchführung eines solchen Projekts resultiert. Während Kims Regime und Wirtschaft zurzeit fast exklusiv am chinesischen Tropf hängen, könnte man sich mit der Realisierung eines solchen Projekts sozusagen eine zweite Infusionsnadel legen. Damit hätte Pjöngjang wieder etwas mehr Luft gegenüber China und könnte wieder versuchen, über geschicktes lavieren zwischen verschiedenen Patronen, Vorteile zu erlangen (ein Spiel, das schon Kim Il Sung liebte).

Bei den Risiken brauche ich glaube ich weniger Bulletpoints:

  • Natürlich erzeugt ein neuer Infusionstropf auch neue Abhängigkeiten, aber wie Gesagt: Zwei Anschlüsse sind besser als einer und wirtschaftliche Verflechtung ist ohne gegenseitige Abhängigkeiten ja eigentlich nie zu haben. Schwaches Argument also.
  • Ein bisschen stärker ist verbunden mit einem möglichen Bahntransit durch Nordkorea. Es ist schwer vorstellbar, dass mit den Zügen aus dem Ausland nicht auch Einflüsse von dort nach Nordkorea einsickern werden. Das wäre sicherlich ein Schlag für die Kontrollhoheit des Regimes über die nordkoreanischen Bürger. Allerdings besteht das Risiko erst, wenn eine Bahnstrecke gebaut, bzw. instandgesetzt wird. Der Fokus der Idee scheint aber auf der Gaspipeline zu liegen. Daher wird Pjöngjang mit weiteren Schritten wohl warten wollen und dürfen.
  • Ansonsten fällt mir nicht mehr wirklich was ein. Allerdings zeigen die vielen Chancen bei den wenigen Risiken, dass es sich hier um ein Supergeschäft handelt. Das weiß auch Moskau und es wird Pjöngjang wohl dieses Geschenk nicht ohne sehr große Gegenleistung überreichen. Der Preis den Pjöngjang zahlen muss, wird wohl das Hauptrisiko sein. Ich bin gespannt was das sein könnte.

Russland

Das auch Russland in dieser Idee große Chancen wittert ist allein an dem Elan zu erkennen, mit dem man die Idee vorantreibt (es ist schon lange her, dass Moskau soviel Aktivität hinsichtlich Nordkorea gezeigt hat). Aber was sind diese Chancen?

  • Hier nenne ich das wichtigste zuerst, denn alles Andere ergibt sich hieraus: Man kann mit einem Schlag und mit großer Wucht sowohl wirtschaftlich als auch politisch/diplomatisch nach Ostasien und damit an den Pazifik zurückkehren. In beiden Bereichen dümpelte Russland in den letzten Dekaden vor sich hin. Aber wenn uns jetzt tatsächlich das pazifische Jahrhundert bevorsteht, dann führt für Russland kein Weg an der Region vorbei.
  • Wirtschaftlich kann man sowohl in Südkorea als auch in Nordkorea an Gewicht gewinnen und damit auch die eigene Industrie fördern. Ein Punkt der auch für ein stärkeres Engagement in Rason spräche.
  • Wie gesagt: Wirtschaft und Politik sind immer in einem gewissen Maß verflochten. Vor allem in Pjöngjang dürfte man bei Realisierung der Idee wieder mehr Gehör finden, aber auch die Beziehungen zu Seoul dürften sich mit stärkerer Verflechtung weiter verbessern. Sein Gewicht in der Welt wird Russland damit wieder etwas steigern.
  • Gleichzeitig balanciert man damit die immer drückender werdende Macht Chinas etwas aus. Zwar kooperieren beide Staaten in den letzten Jahren recht gut, aber Russland dürfte wissen, dass Chinas Handeln vor allem auf eigenen Interessen beruht. Und sollten die in Zukunft in Gegensatz zu denen Russlands geraten, dann darf man in Moskau keine Nachsicht Pekings erwarten. Daher ist es unerlässlich, eigenen Einfluss aufzubauen.
  • Ein in der Zukunft liegender Punkt ist eine mögliche Wiedervereinigung Koreas. Hat man dann in beiden Ländern wirtschaftlich einen Fuß in der Tür und vor allen Dingen eine funktionierende Infrastruktur installiert, dann kann man von Anfang an vom möglichen Boom des erstarkenden Korea profitieren (und das unabhängig von der neuen politischen Ausrichtung, denn schließlich hat man sich in beiden Staaten Freunde gemacht)
  • Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Preis, den man von Nordkorea für dieses unglaublich lecker aussehende Zuckerbrot verlangen kann. Ich habe zwar wirklich keine genaue Idee was das sein wird, aber es wird was Dolles sein. Definitiv hat Russland hier ein Zuckerbrot, das sich die USA nur wünschen können. Vielleicht sogar einen Schlüssel, um die verfahrene Situation auf der Koreanischen Halbinsel nachhaltig zu bessern. Ob man die Köstlichkeit so benutzen wird (das wäre ein hoher Preis für Kim Jong Il) oder doch lieber beispielsweise an dem Abbau nordkoreanischer Rohstoffe partizipieren will (oder ob man was anderes will), das muss sich erst noch zeigen.

Die Risiken der Idee liegen relativ deutlich auf der Hand:

  • Vor allen Dingen macht man das eigene wirtschaftliche Wohl, von einem Regime abhängig, das sein Handeln immer unter den absoluten Vorbehalt des Überleben des Regimes stellt: Das heißt ein Vertrag gilt nichts mehr, wenn er in Pjöngjang als Gefahr für das Fortbestehen des Regimes gesehen wird. So gesehen gibt Russland eine große Investition der „Willkür“ Kim Jong Ils (bzw. seines/r Nachfolger) preis und begibt sich damit bis zu einem gewissen Grad in eine Abhängigkeit gegenüber Pjöngjang. Ein Scheitern der Idee nach Umsetzung wäre ein teurer Schlag ins Wasser.
  • Außerdem könnte eine Rückkehr nach Ostasien mit solcher Wucht von China sehr kritisch gesehen werden und künftig zu Rivalitäten führen. Aber mal ehrlich: Damit würde Moskau nur vorwegnehmen, was man früher oder später ohnehin fürchten muss, will man nicht vorab die weiße Fahne hissen.

Südkorea

Auch im Falle Russlands ist die Liste der Chancen eindeutig länger und gewichtiger, als die der Nachteile. Allerdings gehören zu der ganzen Idee ja Drei. Und was Südkorea davon haben soll, das ist erstmal schwer auszumachen und dürfte ein großes Hindernis sein. Bei genauem hinschauen gibt es aber auch für Seoul Vorteile, deren Ausmaße allerdings kaum abzuschätzen sind.

  • Ein objektives Plus dürfte sich im rein wirtschaftlichen Bereich finden lassen. Der Transit von Gütern und Rohstoffen auf das asiatische Festland (Südkorea ist ja eigentlich eine Insel, nur das die eine „Meerseite“ aus Minen, Stacheldraht und Soldaten besteht) wird schneller und günstiger. Südkorea wird entinselt und die Wirtschaft wird profitieren.
  • Irgendwo im Nebel der Zukunft liegt ein weiterer Kostenvorteil. Mit einer besseren wirtschaftlichen Anbindung Nordkoreas könnte das Land sich besser entwickeln und eine Wiedervereinigung wäre vielleicht weniger anstrengend. Außerdem müsste teure Infrastruktur, die ansonsten bei einer Wiedervereinigung wohl auf Kosten Seouls ginge, nicht erst gebaut werden, sondern wäre schon da.
  • Allerdings wird dies allein nicht reichen, Südkorea zu überzeugen. Immerhin steht die eigene Sicherheit auf dem Spiel. Da muss noch mehr kommen. Und hier kommt mal wieder der ominöse Preis ins Spiel, den Kims Regime für den Anschluss an russische und südkoreanische Netze zu zahlen hätte. Dieser Preis muss auch für Seoul objektive und vor allem dauerhafte und nicht rückgängig zu machende Vorteile haben. Was das genau sein kann weiß ich nicht, aber danach muss die Situation zwischen den beiden Koreas so viel besser sein, dass Seoul nicht mehr fürchten muss, dass Pjöngjang ständig am Gashahn dreht. Ist das realistisch? Darüber (und wohl auch über Kim Jong Ils bevorstehenden Besuch, oder?) werden sich Sergei Lawrow und Kim Sung-hwan, die Außenminister Russlands und Südkoreas, vor knapp zwei Wochen wohl eingehend unterhalten haben. Scheinbar war Lawrow überzeugend, denn aus Seoul kam kein Störfeuer.

Die Risiken für Südkorea habe ich zwar schon angerissen und sie liegen auf der Hand, trotzdem nochmal kurz die zwei herausragenden Punkte:

  • Es ist ein unglaubliches ökonomisches Risiko. Nordkorea kann Südkoreas Wirtschaft mir nichts dir nichts von sehr wichtigen Rohstoffen und Transportverbindungen abschneiden und dem Land damit massiven Schaden zufügen. So eine Möglichkeit mag eigentlich niemand seinem ausgesprochenen Erzfeind geben.
  • Nordkorea wird stärker. Es kann seine Wirtschaft vielleicht revitalisieren und will man dem Land zukünftig bspw. durch Sanktionen schaden, reicht es nicht mehr, „nur“ China zu überzeugen (selbst das ist ja noch nie gelungen), sondern dann liegt in Moskau ein zweiter „Schlüssel“ zum Regime. Ein mit neuem wirtschaftlichen Selbstvertrauen und politischer Unabhängigkeit ausgestattetes feindlich gesinntes Regime in Pjöngjang. Das ist wohl ein Albtraum für jeden südkoreanischen Politiker (und Bürger) unabhängig seiner politischen Einstellung.

Wichtige Gespräche zwischen Kim und Medwedew

Naja, sehr lange Rede sehr kurzer Sinn. Da könnte was sehr wichtiges passieren, bei den Gesprächen zwischen Kim Jong Il und Dimitri Medwedew. Es kommt nur darauf an, welchen Preis die Russen Nordkorea für den Deal abverlangen und ob dieser Preis für Nordkorea niedrig und für Südkorea hoch genug ist. Sollte all das zutreffen, dann könnte sich in der Folge von Kim Jong Ils Trip die gesamte Dynamik auf der Koreanischen Halbinsel zum positiven verschieben und man könnte fürs erste etwas hoffnungsfroher in die Zukunft schauen. Auch für Russland sind die Verhandlungen von großer Bedeutung. Hier kann eine wichtige Entscheidung für die Entwicklung von Russlands Fernem Osten und der künftigen Stellung des Landes in der Region und der Welt fallen.

Von der schnellen Truppe: Russland setzt UN-Sanktionen gegen Nordkorea um


Die Luft für Nordkoreas Regime, was den Im- und Export von Waffen und Materialen zum Ausbau der Raketen- und Nuklearprogramme angeht, ist noch dünner geworden. Gestern hat Russlands Präsident Dimitri Medwedew ein Dekret unterzeichnet, dass die Umsetzung der UN-Sanktionen, die nach dem Nukleartest Nordkoreas im Jahr 2009 verschärft worden waren, beinhaltet. Russland hat sich allem Anschein nach nicht überschlagen, die Sanktionen umzusetzen, immerhin wurden sie schon vor fast zehn Monaten erlassen (Das Dekret gilt allerdings rückwirkend, was natürlich totaler Quatsch ist, aber wahrscheinlich irgendwelche rechtlichen Gründe oder so hat). Damit dürfte es dem Regime in Pjöngjang noch etwas schwerer fallen, sowohl die Einsatzbereitschaft der Armee, die zu einem bedeutenden Teil mit russischem Material ausgestatte ist, als auch den Ausbau der bestehenden Raketen- und Nuklearprogramme voranzutreiben. Aber vielleicht war das der russische Beitrag zu dem Versuch, Nordkorea an den Verhandlungstisch zurückzudrängen.

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