Der Kitt des Regimes — Warum Nordkoreas Eliten zusammenhalten


Die Geschehnisse rund um den Sturz und die darauf folgende Hinrichtung Jang Song-thaeks haben mich in letzter Zeit öfter mal zu einer Frage im Zusammenhang mit der Stabilität des Regimes geführt. Ich gehe davon aus, dass die Stabilität des Regimes zumindest aktuell nicht von unten, sondern nur von außen oder von innen gefährdet werden kann. Über das Thema der Bedrohung von außen schreibe ich ja eigentlich relativ oft; Die Thema eines Konfliktes im Inneren umgehe ich dagegen meistens. Das erklärt sich damit, dass es sich einfach um ein sehr spekulatives Ding handelt. Eigentlich zeigen sich uns ja nur die extremsten Symptome eines inneren Konfliktes, nämlich dann, wenn sowas wie mit Jang Song-thaek passiert. Aber selbst dann wissen wir eigentlich kaum etwas. Zwar sind wir informiert, dass Jang gestürzt und hingerichtet wurde, wir wissen aber nicht warum und wer genau die anderen Akteure des Konfliktes waren. Uns ist also im Endeffekt überhaupt nicht klar, wo die Konfliktlinien liefen oder laufen. Wir wissen nur, dass es sowas gegeben haben muss.

Die Eliten halten zusammen

Allerdings ist außerdem zu attestieren, dass die Eliten trotz des Konfliktes, den es gab oder gibt nach außen hin weiter zusammenhalten. Wenn es Brüche gibt, dann sieht man sie von außen nicht. Nach während und vor der Hinrichtung Jangs, konnten wir von außen neben den Vorgängen um Jang nur beobachten, dass das Regime im „buiseness-as-usual-Modus“ arbeitete. Es sah nichts nach großen Verwerfungen aus, sondern als sei das was da gerade passierte ganz normaler Alltag. Ich habe in meinem Artikel nach den ersten Gerüchten um Jangs Sturz einige Punkte identifiziert, die Verwerfungen im Regime gezeigt hätten. Aber nichts davon ist eingetreten. Es gab keine inkonsistenten politischen oder medialen Aktionen und es sind auch keine nennenswerten Absetzbewegungen hochrangiger Funktionäre festzustellen gewesen. Es sind sogar Botschafter, die in Verbindung mit Jang gestanden haben und abberufen wurden brav wie Opferlämmer nach Pjöngjang heimgekehrt. Da fragt man sich doch: Was ist denn der Kitt, der dieses Regime zusammenhält. Was sind die Faktoren, die dazu führen, dass kaum hochrangige Funktionäre ausscheren und trotz wirtschaftlicher Misere, ideologischer Desillusionierung und schlechten Zukunftsperspektiven für Regime und Land, nicht wirklich ein Auseinanderdriften der Führungsschichten zu verzeichnen ist?

Der Kitt des Regimes

Eigentlich kann man von außen nicht beobachten, was diesen massiven Bunker, den das Regime darstellt eigentlich so massiv macht, aber man kann versuchen es sich abzuleiten, denn einige Eigenschaften des Regimes sind ja durchaus bekannt.

Überzeugung:

In den frühen Jahren des Regimes vor allem unter Kim Il Sung dürfte ein großer Teil der Eliten tatsächlich überzeugt gewesen sein, dass sie für eine gute Sache arbeiten und dass die Maßnahmen, die das Regime ergriffen hat gerechtfertigt waren um das gute Ziel zu erreichen. Das dürfte sich mittlerweile jedoch geändert haben, da Realität und Ansprüche kaum mehr zusammenpassen und Ankündigungen und Behauptungen ebenfalls nicht den real existierenden Bedingungen entsprechen. Nichts desto trotz kann es durchaus sein, dass einige Mitglieder der Eliten tatsächlich noch vom langfristigen Sieg des Juche-Sozialismus überzeugt sind.

Ideologie:

Eng verbunden mit Überzeugungen, aber nicht das Gleiche ist der Faktor Glaube. Das Regime in Pjöngjang hat mit der Juche-Ideologie sozusagen eine festgeschriebene Glaubensgrundlage, die einem religiösen Denksystem ziemlich nahe kommt. Wenn man daran glaubt, dann ersetzt das, ähnlich wie bei anderen Religionen ein Stück weit die Notwendigkeit rationaler Begründungen und Motivationen. Wer also der Ideologie glaubt und ich denke es ist garnicht so einfach das nicht zu tun, wenn man es von Kind an eingebläut bekommt, der handelt vielleicht nicht so rational und trägt das Regime mit, obwohl er es eigentlich besser wissen müsste.

Angst:

Einen nicht unwesentlicher Grund für das Regime zu arbeiten dürfte auch die Angst vor den Konsequenzen darstellen, wenn man das nicht täte. Einerseits dürfte auffälliges Verhalten sehr schnell zu einer Gefahr für Leib und Leben desjenigen sein, der dieses Verhalten an den Tag legt. Daher wird er sich bemühen, so konform wie möglich zu erscheinen, um auf garkeinen Fall aus dem Kollektiv herauszustechen. Gerade der Sturz Jang Song-thaeks zeigt, dass vor dieser Gefahr weder mächtige Freunde noch eigene Macht schützen. Im Gegenteil, mächtige Freunde und eigene Macht sind auffällige Attribute.
Andererseits kann man sich dem nur schwer durch Flucht entziehen. Es gibt wohl kaum jemanden, der keine anderen Menschen kennt, die er beschützen möchte. Durch Flucht erreicht jeder das Gegenteil: Er bringt seine Lieben in Gefahr.

Privilegien:

Als Gegenpol zu diesem allgegenwärtigen Bedrohtsein bietet das Regime den Eliten aber auch eine Entschädigung:  Sie haben kein so schlechtes Leben wie diejenigen, die nicht zu den Eliten gehören und je loyaler sie zu der Führung stehen, desto besser wird das Leben, jedenfalls dann, wenn sie sich der Führung als nützlich erweisen. Beides — also Angst und Privilegien — zusammengenommen könnte man von einem recht einfach gestrickten Anreiz- und Disziplinierungsprogramm sprechen. Wer sich wohlverhält wird belohnt, wer aus der Reihe fällt wird bestraft.

Persönliche Schuld:

Ab einer bestimmten Ebene dürfte es im Regime vermutlich kaum mehr jemanden geben, der nicht individuelle Schuld auf sich geladen hat und das auch weiß. Wenn er nicht aus Überzeugung oder ideologisch festgelegt, dass der Zweck die Mittel heilige, muss er mit dieser Schuld klarkommen. Das mag für einige leichter gehen als für andere, aber viele wollen dieser Schuld vermutlich einen Sinn geben, was wiederum dazu führt, dass sie sich dem Regime nicht entgegenstellen können, wenn sie nicht die Schuld die sie auf sich geladen haben sinnlos machen wollen.
Daneben hat die Schuld aber auch eine materiellere Wirkung: Solange das Regime in seiner aktuellen Form existiert, wird es alle schuldigen Mitglieder davor schützen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Jedes andere mögliche System birgt eine gewisse Unsicherheit darüber, ob man weiter straflos bleibt.

Keine „bessere“ Option:

Eng damit zusammenhängend ist die Frage, was die Alternativen zum jetzigen Regime für seine Träger bedeuten. Jeder Träger des Regimes wird sich ja potentiell nur in den Gegensatz zur Führung begeben, wenn er glaubt, sich besser zu stellen. Ein rechtsstaatliches System ist für die Meisten aufgrund ihrer Schuld wohl uninteressant. Sie müssen fürchten zur Rechenschaft gezogen zu werden und das ist keine Besserstellung. Andere Alternativen unterscheiden sich dann jedoch nicht wesentlich von der aktuellen. Höchstens wäre es möglich, dass einzelne denken, sie könnten durch eine solche Änderung mehr Privilegien und weniger Angst erlangen. Aber der Weg dorthin ist riskant und die Konsequenzen eines Scheiterns denkbar negativ. Daher dürfte sich ein bedeutender Teil der Träger des Regimes keine bessere Alternative als den aktuellen Zustand vorstellen können.

Was daraus folgt

Wenn man sich das alles so anguckt, ergeben sich daraus zwei Erkenntnisse.
Zum einen ist die Gewalt und das Unrecht, dass das Regime begeht eine zentrale Stütze, ohne die es vermutlich nicht bestehen können. Dieses Unrecht wirkt einerseits indem es die Eliten einschüchtert, andererseits aber auch indem es sie in das Unrecht verstrickt und ihr individuelles Wohl so an das Fortbestehen des Regimes kettet. Den Schluss den man daraus ziehen muss: Für das Regime ist ein Ende von Terror und Unrecht im eigenen Land nicht von Interesse. Das würde den Zusammenhalt schwächen und die Stabilität gefährden.
Zum anderen ist es aber auch von außen kaum möglich, diesen Zusammenhalt aufzubrechen. Die meisten Faktoren die den Zusammenhalt bestimmen werden durch das System selbst produziert und bieten kaum Ansatzpunkte von außen. Man könnte versuchen, die Anreize des Regimes für Loyalität zu übertreffen, das dürfte aber schwierig sein, denn es liegt ja auch noch die Drohung der Strafe für nichtloyalität auf dem Tisch. Außerdem dürften die Anreize des Regimes nicht eben gering sein und es ist wohl auch garnicht so einfach, den Einzelnen Angebote zu machen. Daneben bleibt eigentlich nur noch die Möglichkeit, den Trägern des Regimes bessere Alternativen für ihre individuelle Zukunft zu bieten. Das wiederum würde aber bedeuten, dass man nicht nur anbieten muss, dass sie für ihre individuelle Schuld (und auch für die kollektive des Regimes) nicht zur Verantwortung gezogen werden, sondern dass sie danach auch noch ein gutes Leben führen werden. Ein solches Angebot wäre vermutlich vor dem Hintergrund des internationalen Rechts und der Menschenrechte schlicht nicht vorstellbar, bzw. nicht glaubwürdig.

Ernüchternder Ausblick

Ein ernüchterndes Urteil, aber ich glaube, dass das Regime in Pjöngjang vor dem Hintergrund des Weges, den es eingeschlagen hat keine Interessen hat, sich in näherer Zukunft zum Positiven zu Wandeln. Unrecht und Gewalt sind zentrale Konstituenten seiner Stabilität geworden und ein Wandel hin zu einem rechtsstaatlichen und Menschenrechte anerkennenden System ist höchsten sehr langfristig und sehr graduell denkbar. Gleichzeitig gibt es für Akteure außerhalb des Regimes kaum Möglichkeiten, den Zusammenhalt der Eliten zu zerstören. Will man von außen also einen Wandel bewirken, muss man andere Optionen wählen oder weiter mit dem Regime leben und hoffen, dass es zu einem Volksaufstand oder unvorhergesehenen Veränderungen im inneren kommt.

Zitierbares zu Nordkorea frei im Netz: E-books, Berichte, Newsletter (V, Kims Regime, Eliten und Stabilität)


Nachdem in der letzten Woche der Artikel über Möglichkeit und Unmöglichkeit von Wandel in Nordkorea einige Diskussionen hervorgerufen hat, die sich nicht zuletzt auf die Führungsstrukturen Nordkoreas bezogen, habe ich mir gedacht, dass es interessant wäre, ein paar Artikel und E-Books vorzustellen, die sich mit dem politischen System Nordkoreas und der Möglichkeit von Wandel in Nordkorea beschäftigen. Vorher ist zu sagen, dass keiner der Analysten wirklich mit Sicherheit sagen und erklären kann, wie die innere Dynamik des Regimes in Pjöngjang funktioniert. Allerdings gibt es einige Anhaltspunkte und Vermutungen, auf denen die Analysen beruhen und eine Lektüre einiger, oder aller vorgestellter Artikel erlaubt durchaus ein etwas tieferes Verständnis der inneren Strukturen des Regimes.

Ich werde im Folgenden versuchen, einen kleinen Ausschnitt der Erkenntnisse und Meinungen zu geben, die bezüglich der Art des nordkoreanischen Systems, seiner inneren Mechanismen und Vorgänge und der Perspektiven für seine Veränderung bestehen. Anfangen werde ich mit Arbeiten, die sich mit Art und Struktur des Regimes in Pjöngjang befassen.

Führungsstrukturen: Die Institutionen und der Führer

Andrew Scobell hat beim Strategic Studies Institute, einem Forschungsinstitut des US Army War College das sich mit geostrategischen Fragen befasst (und das eine Vielzahl interessanter E-Books zum kostenlosen Download anbietet, da macht es schonmal Spaß zu stöbern), „Kim Jong Il and North Korea: The Leader and his System“ veröffentlicht. In dem Büchlein von 2006 (etwa 40 Textseiten) versucht er zuerst den Typ des nordkoreanischen Systems zu identifizieren (Sein Ergebnis ist: „Totalitarismus“, worüber sich trefflich streiten lässt, aber das liegt nicht unbedingt an seiner Analyse, sondern an teils unscharfen Definitionen (welchen Totalitarismus-Begriff nimmt man zu Hand) und daran, dass es schwer ist, die Besonderheiten des nordkoreanischen Systems in bestehende Kategorien zu pressen.) beschreibt und analysiert dann eben jenen Besonderheiten, sowie die Herrschaftsstruktur und gibt abschließend einen kurzen Ausblick über die Perspektiven des bestehenden Herrschaftssystems.

Auch Kim Kap-sik beschäftigt sich in seinem Aufsatz: „Suryong’s direct rule and the political regime in north Korea under Kim Jong Il„, (ca. 20 S.) den er 2008 in Asian Perspective (die habe ich ja bei meiner Online-Zeitschriften-Liste schonmal vorgestellt) veröffentlicht hat mit den Führungsstrukturen in Nordkorea. Er charakterisiert das System dabei als „Suryong [„Führer“ Anm. von mir] Dominant Party State System“ was ein bisschen sperrig klingt aber im Endeffekt nur besagt, dass es sich um ein Parteisystem ähnlich dem das andere kommunistische Staaten hatten, handelt, das um das besondere Element eines darüberstehenden Führers erweitert wird. Während diese Strukturen formal seit den 1980er Jahren unverändert geblieben sind, habe sich in der Ebene unterhalb des Führers seit dem Amtsantritt Kim Jong Ils einiges getan. In der Praxis habe sich ein System der Rollenteilung zwischen Partei, Kabinett und Militär entwickelt. Abschließend gibt Kim einen Ausblick auf möglichen institutionellen Wandel in Nordkorea, an dessen Ende seiner Meinung nach eine Aushöhlung des Suryong-Systems stehen könnte. Wenn man sich an die vielen Abkürzungen gewöhnt hat gibt der Aufsatz einen schönen Einblick in die Machtmechanismen Nordkoreas. Hervorzuheben ist dabei, dass sich der Autor scheinbar auch recht ausgiebig dem Quellenstudium gewidmet hat und öfter mal aus den verschiedenen Versionen von Nordkoreas Verfassung, oder aus wichtigen Werken Kim Jong Ils zitiert.

Han S. Park vertritt in seinem Aufsatz „Military-First Politics (Songun): Understanding Kim Jong-il’s North Korea“ eine etwas andere Auffassung bezüglich der bestehenden Führungsstrukturen und der Art des Systems. Der etwa zehnseitige Artikel aus dem Jahr 2008, den er für das Korea Economic Institute geschrieben hat (hier findet man recht oft was Interessantes) legt seinen Fokus (wie der Titel schon nahelegt) auf Kim Jong Ils songun-Politik, einem vieldiskutierten Thema, bei dem sich die Forschung jedoch nicht wirklich einig darüber ist, welche Bedeutung songun in der Praxis zukommt. Park ist der Meinung, dass songun ein sehr bedeutendes Element der nordkoreanischen Ideologie geworden ist und so zur Stabilität des Systems beiträgt, jedoch ohne die tatsächlichen Machtstrukturen in einem solchen Ausmaß zu verschieben (hin zum Militär), wie das von manchen Analysten vermutet wird. Parks wirklich lesenswerte Arbeit stützt sich weitgehend auf Quellen aus Nordkorea und Gesprächen mit Funktionären, was das Ganze nochmal interessanter macht.

Wer etwas mehr Zeit hat und tiefer in die Materie eintauchen will, kann sich der Dissertation von Patrick McEachern zuwenden. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich sie bisher nur überflogen habe, da aber Einiges was er schreibt mit Annahmen von mir übereinstimmt, werde ich wohl demnächst mal versuchen mir die knapp 200 Seiten genauer anzuschauen. McEachern geht in: „Inside the red box: North Korea’s post-totalitarian Politics“ von der Grundannahme aus, dass in Nordkorea verschiedene Institutionen unterschiedliche politische Linien und Interessen verfolgen. Kim Jong Il und der innere Führungszirkel besäßen zwar die letztendliche Entscheidungsmacht, jedoch seien sie dabei von den Informationen der verschiedenen Institutionen abhängig (was die Entscheidung beeinflussen kann) und müssten letztendlich auch bei der Umsetzung der Entscheidungen auf diese Institutionen bauen (was die Resultat der Entscheidung beeinflussen kann). Dementsprechend beschreibt der Autor Kim Jong Ils Nordkorea als „decentralized post-totalitarian, institutionally plural state“ in dem vor allem Militär, Partei und Kabinett um Einfluss auf verschiedenen Politikfeldern rängen und ihre eigene Linie mehr oder weniger erfolgreich durchsetzen könnten. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass dieser Blick in die „red box“ den Schlüssel für alle politischen Vorgänge in Nordkorea liefern wird. Die Untersuchungsmethode der Quellenanalyse, bei der der Autor die Eliten-Medien, Reden und die alljährlichen Neujahrs-Editorials, hinsichtlich der politischen Linien in der Korea-, US- und Wirtschaftspolitik auswertet, dürfte zwar einige Erkenntnisse liefern, aber ich bezweifle, dass das reicht um die politischen Vorgänge im Inneren des Systems vollständig zu erklären. Aber wie gesagt, spannender Ansatz.

Nach diesem Blick auf einige Ideen zu den inneren Strukturen von Kim Jong Ils Regime – zwar gibt es große Unterschiede, aber wenn man sich die verschiedenen Arbeiten anschaut, fallen auch viele Parallelen auf – gibts im Folgenden zwei Arbeiten zu denen, die diese Strukturen tragen, den Eliten. Teilweise gibts auch hier Überschneidungen mit den vorherigen Aufsätzen und Büchern, aber der Fokus liegt auf den Eliten und der Eliten-Politik Kim Jong Ils.

Die Träger des Systems: Kim und seine Eliten

Jedem nur wärmstens empfehlen kann ich Jei Guk Jeons: „Kim Jong Ils balancing act in the ruling circle„, einen Aufsatz der im Third World Quarterly erschienen ist. Der sechzehn Seitige Artikel ist zwar nicht mehr ganz neu (2000), stellt aber sehr anschaulich verschiedene Bruchlinien innerhalb der Eliten, die Kims Regime tragen dar. Der Autor geht letztendlich (ähnlich wie McEachern) davon aus, dass verschieden Interessengruppen innerhalb der Eliten bestehen, die teilweise divergierende Ziele verfolgen. Kim Kong Il habe durch ein Bündel von Maßnahmen eine fragile aber bisher tragfähige Balance zwischen diesen Gruppen geschaffen, die seine Macht und seine Rolle als letzte Entscheidungsinstanz sicherten. Der Artikel gibt dem Leser einen interessanten Einblick über Kims Mittel zum Machterhalt gegenüber den Eliten des Landes.

Ausschließlich mit den Eliten beschäftigt sich „North Korean Policy Elites„, von Kongdan Oh und anderen, dass beim amerikanischen Think Tank Brookings zum Download bereitsteht, aber scheinbar im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums erstellt wurde. Die umfangreiche Aufsatzsammlung (288 Seiten) aus dem Jahr 2004 beleuchtet verschiedene Aspekte im Zusammenhang mit den politischen Eliten Nordkoreas und hilft sich einen Überblick über dieses sonst recht selten behandelte Thema zu verschaffen. Es ist sowohl zum einfach mal so lesen, als auch zur speziellen Recherche zu den politischen Eliten wohl die beste Anlaufstelle.

Einen Blick über den Tellerrand versuchen die folgenden Publikationen zu werfen. Sie geben sich nicht damit zufrieden das Regime in Pjöngjang zu beschreiben, sondern wollen auch Möglichkeiten für Wandel oder den Status schon stattfindender Veränderungen identifizieren.

Und die Zukunft: Wie sich das System ändern könnte

Auch hierzu hat Andrew Scobell eine Arbeit beim Strategic Studies Institute veröffentlicht. In dem knapp 30 seitigen Aufsatz „Projecting Pyongyang: The Future of North Korea’s Kim Jong Il Regime“ von 2008 versucht Scobell den damaligen Status des Regimes kurz zu beschreiben um dann Faktoren herauszuarbeiten, die in Zukunft Einfluss auf seine Stabilität haben könnten. Wichtig ist dabei weiterhin, dass Scobell den möglichen Zusammenbruch des Regimes als Prozess, nicht als Ergebnis sieht. Schön finde ich in diesem Zusammenhang das Zitat eines japanischen Wissenschaftlers das er einbringt: „If we take the long view, the collapse of North Korea’s system has already begun.“ (Tja, auf die lange Sicht gesehen habe ich auch schon zu sterben begonnen… Vor über zwei Jahrzehnten! (Was mir das sagt? Nicht viel!)). Naja, jedenfalls beschreibt Scobell drei mögliche Szenarien für die Zukunft Nordkoreas (China: soft landing; Albanien: Erstarrung/Scheintod und Rumänien: crash landing) die er anschließend verwirft um für diesen Fall einen Hybrid aus den Dreien zu bilden (Kuba), den er als plausibelstes Zukunftsszenario sieht (während er momentan das albanische Modell für am besten passend hält). Während ich diesen mittleren Teil nur so mittelspannend finde, gefällt mir das was er im Fazit schreibt sehr gut. Er hat nämlich eine recht detaillierte Liste von Indikatoren für Wandel erstellt, die es sich wirklich anzuschauen lohnt und die in Teilen einen schönen Analyserahmen für die Vorgänge in Nordkorea bieten (Man kann sich quasi ne Abhakliste machen).

Auch Andrei Lankov beschäftigt sich mit der Stabilität des Regimes, sieht allerdings andere Faktoren als entscheidend an. In seinem Aufsatz „The Natural Death of North Korean Stalinism“ (27 Seiten, 2006) beschreibt er einen Wandel, der sich schon in Kims Regime vollzogen habe. Im Zuge der Hungerkatastrophe der 1990er Jahre habe es die direkte und umfangreiche Kontrolle über die Bürger in Teilen eingebüßt, es seien Märkte entstanden und auch die Informationsblockade sei brüchig geworden, so dass die Nordkoreaner ihre Situation realistischer einschätzen könnten. Damit sei das Regime in Pjöngjang schonmal nicht mehr als Stalinistisch zu beschreiben. Die einmal begonnene Entwicklung sei kaum mehr aufzuhalten und daher sei ein Kollaps des Regimes eine durchaus wahrscheinliche Zukunftsperspektive für Nordkorea. Lankovs Arbeit finde ich interessant, weil sie mehr die Bevölkerung des Landes in den Fokus nimmt und Prozesse, die dort ablaufen beschreibt. Ich habe zwar meine Zweifel, ob die von ihm beschriebenen Faktoren tatsächlich schon so weit gediehen sind und eine solche Sprengkraft entfalten können. Allerdings sollte man sie wohl auch nicht ganz außer Acht lassen.

Und um euch nicht ganz ohne deutsche Texte darben zu lassen (und natürlich nicht nur deswegen, aber ist halt manchmal schön was deutsches zu lesen), habe ich noch einen recht aktuellen von Patrick Köllner (einer der wenigen deutschsprachigen Forscher, die regelmäßig was zu Nordkorea veröffentlichen) dazugenommen. Köllner setzt sich in seiner kurzen (7 Seiten) Analyse „Nordkorea nach Kim Jong Il: Ein zweiter dynastischer Machtwechsel?“ aus diesem Jahr mit der Nachfolge Kim Jong Ils auseinander und betrachtet dabei besonders die Möglichkeit einer dynastischen Nachfolge Kim Jong Uns. Dabei kann sich der Autor eine erfolgreiche Nachfolge Kim Jong Uns gut vorstellen, zieht aber auch eine kollektive Führerschaft der herrschenden Eliten in Betracht. Während er einer ruhigen (wie auch immer gearteten) Machtübergabe recht gute Chancen einräumt, sieht er für einen langfristigen Machterhalt des Regimes eher schlechte Perspektiven. Wer eine aktuelle Bewertung lesen will, ist hier bestens aufgehoben.

So, dass war jetzt aber einiges und wer es alles lesen will, der hat ein bisschen was vor. Aber eigentlich lohnt sich die Lektüre aller Texte, aber am besten man schaut selbst obs einen interessiert und wenn nicht, wirds in ein paar Jahren ja immernoch irgendwo im Netz rumschwirren.