Jüngste Maßnahmen Nordkoreas: Innere Konsolidierung hat weiter Priorität über Wirtschafts- und Außenpolitik


Nachdem sich in den letzten Tagen mit Bezug auf Nordkorea ja fast alles um Drohungen und Rhetorik gedreht hat und man kaum noch einen Bericht finden konnte, der sich nicht in erster Linie um die Analyse von Aussagen und Vermutungen um die Intentionen dahinter drehte (ich stelle da übrigens nicht wirklich eine Ausnahmen dar), kann ich mich heute endlich nochmal mit handfesterem befassen, denn tatsächlich hat Pjöngjang in den letzten Tagen nach allem Gerede auch mal was getan.
Nicht eben überraschend, hat man aber weder Austin von der Landkarte getilgt, noch Seoul und hat sich auch nicht kopfüber in den militärischen und damit auch politischen Selbstmord gestürzt, indem man irgendeine militärische Aktion gestartet hat, einige Beobachter und Journalisten hier mag das überraschen, mich nicht wirklich, da ich nach wie vor von einem Handeln auf Basis rationaler Entscheidungen ausgehe.
Nein, die Maßnahmen Nordkoreas bezogen sich ebenfalls wenig überraschend auf die Baustelle, an der zurzeit wirklich gearbeitet wird. Auf die innere Konsolidierung. Hier sind Personalwechsel, die Bekanntgabe der politischen Strategie (die man allerdings in gewissem Maße auch unter Rhetorik verbuchen kann) und die Prioritisierung des Nuklearprogramms und in Verbindung damit die Ankündigung der Wiederaufnahme der Arbeit der stillgelegten Nuklearanlagen in Yongbyon zu nennen. Diese greifbaren Sachverhalte will ich im Folgenden kurz thematisieren.

Impulse durch ZK-Plenum und Zusammentreten der SPA

Die Entscheidungen sind im Rahmen von Tagungen hoher politischer Gremien gefallen. Einmal traf sich vorgestern (31. März) das Zentralkomitee der Partei der Arbeit Koreas (Dokumentation der relevanten Stellungnahme der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA mit kurzen Erläuterungen gibt es von NK Leadership Watch), das zwar „nur“ in entscheidenden Parteifragen entscheidet, aber in einem quasi Einparteienstaat sozialistischer Prägung, in der Partei und Staat stark verwoben sind, ist das eben ganzschön viel. Gestern trat dann die Supreme People’s Assembly (SPA), die Oberste Volksversammlung, also quasi das Parlament Nordkoreas zusammen (Dokumentation via NK Leadership Watch), das in der politischen Realität zwar nicht viel zu sagen hat, aber durchaus formell einiges Gewicht hat, da es die Hoheit über sehr viele Personalentscheidungen und das Budget hat und das Kabinett, das vor allem in wirtschaftlichen Fragen großes Gewicht hat, ihm verantwortlich ist. Das Zentralkomitee der Partei hat dabei zwar faktisch wenig Entscheidungsbefugnisse, aber dort wurde die Linie für die SPA vorgeben, sowohl was die Personalfragen als auch was die strategische Ausrichtung betrifft.

Personalentscheidungen

Vor allem zwei personelle Veränderungen sind bemerkenswert und verdienen einen näheren Blick, weil sie Bedeutung für die künftige Ausrichtung des Landes haben könnten und gleichzeitig einen Blick auf Kim Jong Uns Weg zur Machtkonsolidierung erlauben.

Neuer alter Premier: Pak Pong-ju kommt, Choe Yong-rim geht (aber bleibt auch irgendwie)

Die hier stärker rezipierte Personalie war die Ernennung eines neuen Premiers. Choe Yong-rim, der seit 2010  Premierminister war und sich in dieser Position ein ungewöhnlich deutliches eigenes Profil erarbeitet hat, wird durch Pak Pong-ju ersetzt.

Choes neuer Posten

Allerdings wird Choe anders als viele andere in den letzten Monaten, die ihren Posten abgeben mussten wohl nicht von der Bildfläche verschwinden, sondern vermutlich eher als „Elder Statesman“ angelernt. Der inzwischen 83 jährige (Biografie von North Korea Leadership Watch hier) wurde zum Ehrenvorsitzenden der SPA ernannt. Das klingt grundsätzlich wenig spektakulär, aber wenn man bedenkt, dass der gegenwärtige Vorsitzende Kim Yong-nam bereits 85 Jahre alt ist, ist an dieser Position ein Backup sicher nicht schlecht. Vor allem, weil Kim Yong-nam eine große Rolle bei der Repräsentation Nordkoreas gegenüber dem Ausland spielt und sein Wegfall sicherlich ein schmerzlicher Verlust für das Regime wäre. Allerdings ist ein 83 jähriger sicherlich keine Langzeitlösung für dieses Problem. Ich bin aber gespannt, was an dieser Stelle geschieht, wenn Kim Yong-nam irgendwann das Zeitliche segnen sollte.

Pak Pong-ju. Wer ist das?

Vor allem relevant ist jedoch die Ernennung des neuen Premiers Pak Pong-ju (zu dieser Personalie hier auch NK News und das biographische Profil von NK Leadership Watch), weil sie anders als Choes neue Positionierung unmittelbar bemerkbar werden dürfte. Pak Pong-ju der bereits von 2003 bis 2007 Premier war, wird eine reformfreundliche Haltung zugeschrieben, die sich am Vorbild China orientiert. Er wird immer wieder mit den sogenannten Juli-Reformen aus dem Jahr 2002 in Verbindung gebracht, als Pjöngjang sich sachte in Richtung Markt zu öffnen schien und vorsichtig mit Anreizsystemen zu experimentieren begann. Dieser Anlauf blieb allerdings nur eine Fußnote der Geschichte und ähnliches schien auch für Pak zuzutreffen, als er 2007 aus dem Amt und dann von der Bildfläche verschwand. Damit war er allerdings in guter Gesellschaft, denn ungefähr gleichzeitig verschwanden auch einige andere prominente Personen aus den Augen der Öffentlichkeit. Am bemerkenswertesten Kim Jong Uns Tante Kim Kyong-hui und ihr mächtiger Gatte Jang Song-thaek, der hinter den Kulissen einige Fäden zieht. Dies ist nicht die einzige Verbindung Paks zu dem einflussreichen Paar und so verwundert es nicht, dass er auch zu einer ähnlichen Zeit wie sie, nämlich 2010 wieder auftauchte. Damals erschienen viele Personen wieder oder erstmalig prominent auf der Bildfläche, deren Verbleib zuvor nicht genau geklärt ist. Ob Pak nun wirklich ein Verfechter einer Reformpolitik chinesischen Vorbilds ist, oder mittlerweile als geläuterter Parteisoldat in die Spitze zurückkehrt, das lässt sich kaum sagen und daher bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als sein Verhalten in Zukunft zu beobachten.
Dabei halte ich einige Aspekte für besonders spannend. Einerseits bin ich gespannt zu sehen, ob er die von Choe Yong-rim begonnene Praxis (bzw. in seiner Zeit erstmals öffentlich publik gemachte) der selbstständigen Vor-Ort-Anleitungen weiterführen wird, ob das eine Episode war oder ob gar Choe weiterhin Vor-Ort-anleitet. Hieraus dürften sich Schlüsse über sein Gewicht im Regime ziehen lassen. Generell bleibt natürlich das Netzwerk um Jang Song-thaek interessant, dem er anzugehören scheint. Kommen noch mehr Personen aus diesem Dunstkreis in Führungspositionen? Dies wäre ein mögliches Anzeichen für einen Machtgewinn Jangs, aber auch ein Zeichen für politische Vernunft des jungen Kims. Der hat eben kein eigenes verlässliches Netzwerk erfahrener Personen, woher auch. Da er aber scheinbar Jang als verlässlich ansieht, bedient er sich bei seinen Freunden, bis er echte eigene Freunde hat. Das finde ich eine strategisch kluge Entscheidung. Weiterhin wird es interessant sein zu beobachten, ob Pak Choe Ryong-hae in seiner Position als Mitglied des Präsidiums des Politbüros des Zentralkomitees der Partei ablösen wird, wie es eigentlich der Schlüssel dieses Gremiums, soweit ich ihn verstehe, erfordern würde. Allerdings glaube ich, dass solche Personalien nur von einer Parteikonferenz bestimmt werden können. Naja, abwarten und sehen, ob Choe weiterhin als Mitglied des Präsidiums geführt werden wird.

Minister für Volkssicherheit abserviert: Kim Jong Uns kurzweilige Personalpolitik

Eine weitere Personalentscheidung, die ich sehr spannend finde ist die Neubesetzung des Postens des Ministers für Volkssicherheit, der dem Job des obersten Polizeichefs sehr nahe kommt. Ri Myong-su, der diesen Job seit 2011 gemacht hat, wurde für den „Transfer zu einem anderen Job“ (ohne nähere Spezifizierung) freigestellt und durch Choe Pu-il ersetzt. Das finde ich deshalb bemerkenswert, weil ich Ri vor einigen Monaten als potentielles Abschussopfer auf die Watchlist gesetzt habe. Die Logik dahinter war, dass Kim Jong Un scheinbar das gesamte Führungspersonal im Bereich der inneren Sicherheit, das kurz vor dem Tod seines Vaters in diese Ämter kam, ersetzte. Das scheint sich hiermit zu bestätigen.
Gleichzeitig finde ich es interessant, dass mit Choe wieder ein hochrangiger Militär in diesen ja eigentlich eher zivilen Job geholt wird und damit die Verknüpfung zwischen Militär und inneren Sicherheitsorganen eher gestärkt wird. Aber vielleicht ist das auch Strategie, denn durch diese Umbesetzung verliert Choe natürlich Zugänge im Militär und muss sich in der neuen Position erst noch einarbeiten.

Personalentscheidungen deuten eher auf Konstanz und nicht zwingend auf Reformen

Insgesamt könnte man die oben genannten Personalentscheidungen so interpretieren, dass sie in verschiedene Richtungen weisen. Einerseits in Richtung Reform, durch Pak Pong-ju, andererseits in Richtung Konstanz, durch die Choe Yong-rim und Choe Pu-il Entscheidungen. Allerdings würde ich mit einer Interpretation Paks als Reformzeichen sehr vorsichtig sein. Bisher haben alle angeblich reformerischen Personalien nicht wirklich einen Wandel der politischen Linie zur Folge gehabt. Das kann so begründet werden, dass sie schlicht in den Spielräumen agieren müssen, die ihnen gelassen werden. Und die waren bisher nicht besonders groß. Daher könnte man vielleicht eine Einschätzung wie „nicht reformfeindlich“ zulassen, aber alles andere wäre wohl zu viel. Es wird umgesetzt, was von oben entschieden wird. Und die Entscheidungen von oben deuten momentan nicht in Richtung Reform. Aber dazu gleich mehr.

Die eingleisig zweigleisige Strategie Nordkoreas

Um genau zu sein jetzt. Denn von dem Treffen des Zentralkomitees der Partei ein Impuls aus, die die strategische Ausrichtung des Landes, auch mit Hinblick auf die Wirtschaft betraf. Der ist am besten durch diesen Absatz zusammengefasst:

The plenary meeting set forth a new strategic line on carrying out economic construction and building nuclear armed forces simultaneously under the prevailing situation and to meet the legitimate requirement of the developing revolution.

Die Plenarsitzung legte eine neue strategische Linie dar, die sich auf den gleichzeitige wirtschaftlichen Aufbau und die Weiterentwicklung der Nuklearstreitkräfte, vor dem Hintergrund der aktuellen Situation und den legitimen Erfordernisse der sich entwickelnden Revolution bezog.

Also eine zweigleisige Strategie der nuklearen Aufrüstung bei gleichzeitigem wirtschaftlichem Aufbau, wozu bemerkenswerterweise auch der Außenhandel verstärkt werden soll.
Fällt euch was auf? Genau! Das wird niemals funktionieren, denn bei weiterer nuklearer Aufrüstung werden die dringend benötigten Resourcen von Außen fehlen und auch  mit dem Außenhandel wird es schwierig werden, denn woher sollen dringend benötigte Devisen kommen. Schon im Bericht zu dieser Veranstaltung fällt auf, dass das größere Gewicht auf der nuklearen Rüstung liegt und dass als Teil der Wirtschaftsentwicklung ausgerechnet der Nuklearsektor und die Raumfahrt dienen sollen. Das könnte man eine klare Provokation der USA und Südkoreas nennen, die sich gerade an diesem Nuklear- und Raketenprogramm stoßen.
Diese Provokationen wurden dann gestern sozusagen in Gesetzesform gegossen, als man unter anderem ein Gesetz zur Schaffung eines „DPRK State Space Development Bureau“ um so den Lebensstandard der Bevölkerung voranzubringen. Da können die neuen Sanktionen des UN-Sicherheitsrates dann gleich mal greifen und das neue Organ quasi-automatisch unter Sanktionen stellen. Und dabei sind wir dann auch schon bei der Crux. Denn mit solchen Maßnahmen zur Wirtschaftsentwicklung ist es absehbar, dass die USA und viele andere Staaten Nordkorea jede Menge Steine in den Weg rollen können. Naja und dann hat Pjöngjang auch schon Gründe, warum es zwar mit der nuklearen Aufrüstung ganz gut weitergeht, dafür aber nicht mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Umwelt lässt letzteres nicht zu! Und damit haben wir auch ein weiteres Mal den Beleg, in wovon das ganze Säbelgerassele der letzten Wochen und auch diese Maßnahmen motiviert sind: Von innenpolitischen Erfordernissen. Die angelblich neue Strategie ist also eher eine eingleisige der nuklearen Aufrüstung. Naja und wenn das Gleis dann mal frei ist, dann kann auch die Wirtschaft es benutzen.

Nuklearanlagen wieder anfahren, Nukleardoktrin verkünden: Nordkoreas Nuklearprogramm ist nicht (mehr) verhandelbar

Meine oben getroffene Behauptung hinsichtlich der Bevorzugung des Waffenprogramms lässt sich heute bereits an Taten bzw. Ankündigungen belegen, aber auch schon gestern hätte ein näherer Blick auf die geschlossenen Gesetze Nordkoreas diese Annahme gestützt.

Yongbyon soll wieder hochgefahren werden. Implikationen.

Heute legte Nordkorea dann in diese Richtung nach und verkündete die Wiederaufnahme des Betriebs der Nuklearanlagen in Yongbyon, deren Stilllegung im Jahr 2007 einer der größten Erfolge der Sechs-Parteien-Gespräche war. Das wird unter anderem mit den hohen Zielvorgaben für den Nuklearsektor durch die SPA begründet. Danach müsse der Nuklearsektor sowohl der zivilen Wirtschaft (durch die Erzeugung von Strom) als auch dem Militär, durch den qualitativen und quantitativen Ausbau der Nuklearstreitkräfte dienen.

DPRK to Adjust Uses of Existing Nuclear Facilities

Pyongyang, April 2 (KCNA) — A spokesman for the General Department of Atomic Energy of the DPRK gave the following answer to a question raised by KCNA as regards the new strategic line laid down at the March, 2013 plenary meeting of the Central Committee of the Workers‘ Party of Korea on simultaneously pushing forward economic construction and the building of nuclear armed force to cope with the prevailing situation so as to meet the law-governing requirements of the development of the Korean revolution:

The field of atomic energy is faced with heavy tasks for making a positive contribution to solving the acute shortage of electricity by developing the self-reliant nuclear power industry and for bolstering up the nuclear armed force both in quality and quantity till the world is denuclearized, pursuant to the strategic line on simultaneously pushing forward economic construction and the building of the nuclear armed force.

The General Department of Atomic Energy of the DRPK decided to adjust and alter the uses of the existing nuclear facilities, to begin with, in accordance with the line.

This will include the measure for readjusting and restarting all the nuclear facilities in Nyongbyon including uranium enrichment plant and 5 MW graphite moderated reactor which had been mothballed and disabled under an agreement reached at the six-party talks in October, 2007.

Der 5 MW Reaktor in Yongbyon wird sich nicht so schnell wieder anfahren lassen, weil 2007 dessen Kühlturm gesprengt wurde, aber es würde mich überraschen, wenn nicht beim nächsten Satellitenüberflug schon emsige Bauarbeiter an der Wiederrichtung des Turms arbeiten würden. Die Wiederaufbereitungsanlage im gleichen Komplex wird dagegen schnell wieder Arbeit haben, denn Nordkorea besitzt noch einige Brennstäbe, deren Aufbereitung waffenfähiges Plutonium für einige weitere Bomben ergeben würde. Auch hier sollte man bald die Aufnahme des Betriebs erkennen können (wenn ihr wirklich gute Informationen zu Nordkoreas Nuklearprogramm wollt, dann lest entweder bei Arms Control Wonk oder bei ISIS). Und das alles ist für die USA vermutlich absolut inakzeptabel (auf jeden Fall, wenn man dort die eigene Linie nicht radikal ändert) und wird allein ausreichend, um eine nennenswerte politische Interaktion mit Washington zu verhindern. Sollte es doch zu so einer Interaktion kommen, hieße das, dass die USA das Vorgehen Pjöngjangs stillschweigend akzeptieren und wäre ein großer Erfolg für die Führung, die unter dieser Bedingung tatsächlich mit Washington sprechen könnte.

Nordkoreas Nukleardoktrin und ihr Subtext: „Wir sind ein vollwertiger Nuklearstaat und bleiben es“

Bei alldem hilft es auch wenig, dass Nordkorea quasi seine eigene Nukleardoktrin quasi per Gesetz bekannt gemacht hat und dabei die defensive Natur der Nuklearwaffen betonte. Denn einerseits ist die Doktrin schwammig genug, um sie in einem entsprechenden Fall einer Interpretation zu unterziehen, andererseits und wichtiger, schwingt in diesem Vorgehen aber ganz klar der Anspruch Nordkoreas mit, ein Nuklearwaffenstaat zu sein und als solcher international anerkannt zu werden, was wiederum noch deutlicher macht, dass Pjöngjang nicht bereit ist, über eine Aufgabe des eigenen Nuklearprogramms zu verhandeln, wie es auch in der Vergangenheit wiederholt gesagt wurde. Ob unter diesen Bedingungen Gespräche mit den USA möglich sein werden, muss sich zeigen, aber ich tendiere immer mehr dazu, dass Pjöngjang tatsächlich nie wieder ein Abkommen über den Abbau des Nuklearprogramms aushandeln wird. Daher gehe ich davon aus, dass Pjöngjang vor anstrengenden außenpolitischen Verhandlungen erstmal Ruhe haben wird und sich die Führung dort auf die ebenfalls anstrengende Konsolidierung des noch sehr frischen Kim Jong Un Regimes konzentrieren kann.

Disclaimer

Aber wie die Vergangenheit zeigte, lag ich bei meinen Einschätzungen schon oft sehr falsch und wurde (aber selten als einziger) von neuen Schritten Pjöngjangs überrascht. Daher werde ich hier ganz sicher nichts ausschließen und vielleicht irre ich mich auch in allen getroffenen Annahmen (wäre nicht das erste Mal). Aber — und das ist wohl die wichtigste Essenz bei der ich bleiben werden — man sollte Pjöngjangs momentanes Agieren immer in erster Linie als innenpolitisch motiviert ansehen und außenpolitische Erklärungsansätze etwas zurückstellen.
Auch auf etwas anderes möchte ich euch noch aufmerksam machen. Auf der Sitzung der SPA gab es auch noch andere Aspekte, die hier aus Zeitgründen keine weitere Erwähnung finden. So wurde zum Beispiel das Budget für das nächste Jahr mit den für Nordkorea üblichen wenigen, aber vorhandenen Informationen vorgestellt. Das ist sicherlich sehr spannend und wenn ihr euch diesen tollen Artikel von Rüdiger Frank als „Lesehilfe“ danebenlegt, dann versteht ihr auch, dass trotz weniger Infos einiges da rauszuholen ist.

Clinton macht den Carter, oder: Die Reise nach Pjöngjang und jüngste Zeichen der Entspannung. Hintergründe und Zusammenhänge.


In den vergangenen Wochen haben sich die Beziehungen Nordkoreas sowohl zu den USA als auch zu Südkorea erheblich verbessert. Diese bisher kurze aber heftige Entspannungsphase folgt auf eine Periode sich stetig verschlechternder Beziehungen der DVRK mit den beiden anderen Staaten.

Was war…

Mit Südkorea kühlten sich die Beziehungen seit dem Amtsantritt Lee Myung-baks im Februar 2008 ab. Dies ist unter Anderem mit der veränderten Haltung Lees, der die Annäherungspolitik die seine beiden Vorgänger gegenüber Nordkorea betrieben hatten, beendete, zu erklären. Das Ende des Tourismusprojektes im Kumgangsan nach der bisher nicht vollständige geklärten Erschießung einer südkoreanischen Touristin durch einen nordkoreanischen Soldaten und die strengere Haltung bezüglich des Kaesong Industrieparks, einem Kooperationsprojekt in dessen Rahmen südkoreanische Investoren auf nordkoreanischem Boden nordkoreanische Arbeiter beschäftigen, sind deutliche Belege dieser erkalteten Beziehungen. Daneben sorgten die Raketentests im April diesen Jahres und der Nukleartest am 25. Mai 2009 zu verschärften Beziehungen Nordkoreas mit annähernd allen Staaten der Welt, insbesondere aber den USA. Schon durch die Verhaftung der beiden Reporterinnen Euna Lee und Laura Ling nach einem angeblich nicht genehmigten Grenzübertritt am 17. März diesen Jahres, waren die Beziehungen zu den USA stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Schon kurz nach der Verhaftung der beiden asiatischstämmigen Frauen wurde über Zusammenhänge zwischen der angespannten Situation zwischen den USA und Nordkorea rund um den angekündigten Test einer Interkontinentalrakete und der Festnahme sowie dem angekündigten Verfahren gegen die beiden Frauen spekuliert.

Nach der Verurteilung zu zwölf Jahren in den berüchtigten nordkoreanischen Arbeitslagern (zur näheren Information hierzu kann sowohl der recht ausführliche Beitrag auf One Free Korea dienen, bei weiterem Interesse aber auch der hervorragende Bericht The Hidden Gulag von David Hawk.) wurde eine Art Menschenpoker wahrgenommen, in dem Nordkorea gute Karten zu haben schien. (Allerdings wurden die Karten scheinbar als nicht so gut wahrgenommen wie sie tatsächlich waren, denn damals wurde „nur“ mit einer Entsendung des etwas umstrittenen äußerst kontrovers diskutierten demokratischen Gouverneurs von New Mexiko Bill Richardson oder des Ex-Vizepräsidenten Al Gore gerechnet.) Wie gut Kims Blatt wirklich war, zeigte sich jedoch, als Anfang August diesen Jahres nicht Al Gore, sondern sein ehemaliger Chef in Pjöngjang eintraf und sozusagen „den Carter machte„. Dieser hatte 1994 mit seiner Vermittlungsreise nach Pjöngjang das Genfer Rahmenabkommen ermöglicht, dass zu einer zwischenzeitlichen (aber wie wir ja wissen nicht besonders nicht im geringsten nachhaltigen) Beilegung des Konfliktes um das nordkoreanische Nuklearprogramms geführt hatte. Sicher ist, dass Clinton wie Carter vor 15 Jahren die offensichtlichen Ziele seiner Mission erreicht hat. Allerdings begann schon unmittelbar nach der Heimkehr der beiden Journalistinnen und ihrem prominenten Chauffeur eine heiße Diskussion (hierzu zum Beispiel DPRK Forum oder auch One Free Korea, mit etwas harscherer Meinung, oder wer es gerne (etwas) „seriöser“ (sprich durch den Online Ablegers eines Printmedium mit bedeutender Auflagenzahl publiziert) mag: Spiegel Online) um den Preis dieser Mission, denn schließlich lässt sich für das (mal wieder) isolierte Kim Regime kaum etwas besser vor den Propagandakarren spannen, als ein echter Ex-Präsident des imperialistischen Erzfeindes, der als Bittsteller nach Pjöngjang kommt. (Für einen echten Präsidenten, was unzweifelhaft noch besser wäre, braucht es wohl noch etwas mehr als zwei Journalistinnen, vor zehn Jahren soll der Preis dafür sich auf das Ende eines Raketenprogrammes belaufen haben, aber es ist ja eine Binsenweisheit, dass in Nordkorea die Preise (jedenfalls auf außenpolitischem Parkett, wie das auf den Märkten im Land aussieht, darüber können wir ja ein anderes Mal sprechen) stark schwanken) 

Also warum hat Clinton das gemacht? Wollte er Kim Jong Il etwas Gutes tun und hat ihm deshalb den  Propagandaerfolg gewährt? Ist sein Saxophon kaputt und er muss sich jetzt anderweitig beschäftigen? Oder wollte er nur beweisen, dass er auch ohne seine Frau ganz nah hinter sich zu haben etwas erreichen kann? Das sind zwar alles recht schlüssige irgendwie interessante Erklärungen, allerdings muss es da noch etwas anderes geben. Die entscheidende Frage ist hier wohl eher: Warum hat man Clinton das machen lassen? Tja, vermutlich weil es um mehr ging, als „nur“ um zwei Journalistinnen (natürlich kann man die nicht in einem nordkoreanischen Gulag verrotten lassen, allerdings hätten die bei Bedarf (alles eine Frage des Preises, in diesem Falle vermutlich in harter Währung zu entrichten) auch etwas leiser in ihre Heimat zurückgeführt werden können).

…was ist…

Tja und da sind wir schon im hier und jetzt eingetroffen, nach einem mehr oder weniger ausgiebigen Ritt durch die Vorgeschichte. Was fällt uns hierzu ein? So einiges würde ich mal sagen: Die Düsen des Flugzeuges mit dem die beiden Journalistinnen gelandet waren, dürften kaum abgekühlt gewesen sein, da (genauer am 10. August) war auch schon die aktuelle Chefin von Hyundai Hyun Jeong-eun auf dem Weg nach Pjöngjang um die Projekte in Kaesong und im Kumgansan, sowie die Familienzusammenführungen zwischen nord- und südkoreanischen Familien, die im Koreakrieg getrennt worden waren und die Seit längerem ausgesetzt waren, wieder auf die Bahn zu bringen. Gleichzeitig fällt in die Zeit ihrer Anwesenheit in Nordkorea auch die Freilassung eines seit über 5 Monaten in nordkoreanischer Haft befindlichen Mitarbeiters von Hyundai Asan, die im Kaesong Park tätig war. Anders als der Fall Lee/Ling war diese „Geiselnahme“ zwar in den westlichen Medien mit weniger Aufmerksamkeit bedacht worden, jedoch ein bedeutender Streitpunkt zwischen Nord- und Südkorea. Diesem ersten Schritt der Annäherung (wenn auch nicht vollständig, da mit einer vierköpfigen südkoreanischen Besatzung eines Fischerboots, die Ende Juni die Seegrenze zu Nordkorea überschritten hatten, weiterhin „Geiseln“  in nordkoreanischer Hand verbleiben (Jaja ich weiß… Siehe unten!)) folgte bereits wenige Tage später der Nächste. Eine nordkoreanische Kondolenzdelegation unter Führung des  Sekretärs des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas Kim Ki-nam, offiziell entsandt um das Beileid des Kim Jong Ils für den Tod Kim Dae-jungs zu überbringen, traf zuerst mit dem südkoreanischen Minister für Vereinigung zusammen, um schließlich auch Lee Myung-bak persönlich eine Botschaft von Kim Jong Il zu überbringen. Und dann liest man heute (na ja fast heute, aber: s.u.!) noch das hier. Was soviel heißt wie: Nordkorea ist scheinbar wieder bereit über sein Nuklearprogramm zu sprechen, was kurzfristig sicherlich als Fortschritt gelten kann (auch wenn diese Gesprächsbereitschaft bisher langfristig keine Veränderungen am Fortschreiten des Programms gebracht hat). Andererseits deuten Überlegungen der USA eine hochrangige Delegation unter Chefunterhändler Bosworth nach Pjöngjang zu schicken darauf hin, dass man in Washington das beharren auf den Sechs-Parteien-Gesprächen als einzigem Kommunikationskanal langsam aufzugeben scheint. Sollte ein solches Treffen in Pjöngjang tatsächlich stattfinden, so können die Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA als besser beschrieben werden, als sie in der Amtszeit George W. Bushs je waren.

…und was gewesen sein könnte

Liest man nun all dies, und macht man sich klar, dass es innerhalb weniger Wochen sowohl mit den USA als auch mit Südkorea zu wesentlich verbesserten Beziehungen gekommen ist, eingeläutet vom Besuch Bill Clintons, so ist zumindest die Frage berechtigt, ob dies alles nicht irgendwie zusammenhängt. Na gut, der Tod Kim Dae-jungs hängt vermutlich sicherlich mit nichts von alledem direkt zusammen, aber der Besuch der Delegation und das Treffen mit Lee Myung-bak war wohl eher kein Zufall (und zeigt zudem, dass das angeblich erstarrte und von Machtkämpfen zerrüttete Regime in Pjöngjang mit erstaunlicher Präzision und Schnelligkeit auf nicht vorhersehbare kurzfristige Entwicklungen reagieren kann). Da der Besuch Clintons zeitlich am Anfang dieser rapiden Entwicklung stand, könnte die Antwort auf die Frage warum man ihn nach Pjöngjang schickte Folgende sein: Das war der erste Teil eines Handels, der weitaus weiter reichte, als nur zu einem ex-Präsidenten und zwei Journalistinnen, und in irgendeiner Art die oben beschriebenen Entwicklungen beinhaltete.

Ich weiß ja! Weit gesponnen, aber es fällt mir persönlich schwer, solche Koinzidenzen als Zufälle zu verbuchen. Sicherlich werden die nächsten Wochen zeigen, ob es weitere Schritte geben wird, die ein Aufeinanderzugehen Nordkoreas auf der einen und Südkoreas und der USA auf der anderen Seite implizieren. Dumm nur, dass die Frage über Inhalte eines möglichen Deals vermutlich nie ganz beantwortet werden wird (auch wenn Bill, Euna und Laura jeweils ein Buch zu der Story schreiben (nicht unwahrscheinlich)). Das oben Beschriebene wirft außerdem noch eine weitere Frage auf. Sind die Geschehnisse der letzten Wochen Glücksfälle? Oder gab es im Vorfeld dieser Annäherung einen Akteur, dessen Ziele sich ungefähr mit den jetzigen Ergebnissen deckten? Und wenn ja: Wen? Ich weiß es nicht und ich weiß auch nicht ob man es wissen kann. Aber ich habe ein Gefühl das mir sagt: Kim Jong Il ist mit dem Verlauf der letzten Wochen äußerst zufrieden und schaut relativ optimistisch in die nächsten Monate. Allerdings gilt es für ihn noch die Profite der Manöver der letzten Monate abzugreifen. Wie gesagt, nur ein Gefühl, vielleicht schreib ich ja später nochmal hierüber.

Wir werden sehen wie es sich weiter entwickelt, aber ich denke, dass es jetzt nochmal ein paar Jährchen dauern wird, bis man in Nordkorea ne neue und verbesserte Taepodong II Rakete zusammengeschraubt hat und nen neuen Nuklearsprengsatz scharf. Und mit der Obama Administration lässt sich ja auch besser umgehen als mit den Jungs von George W. Bush. Von daher wirds vorerst bestimmt wieder etwas friedlicher auf der koreanischen Halbinsel. Aber wie gesagt, lass dich überraschen…

Ach ja und was gewesen sein werden wäre (sollte es diesen Tempus wirklich geben, dann nur für solche Trottel wie mich, die Beiträge schreiben um sie dann erst ein paar Tage später zu veröffentlichen)

P.S. Da sieht man was man davon hat, wenn man nochmal drüberlesen will und dann unerwartet Besuch bekommt. Das wird wohl zu meinem Lernprozess dazugehören. Wir haben jetzt vier Tage Später und es hat sich mal wieder (hätte ich Pfiffikus mir ja auch denken können) einiges getan. Die vier Fischer sind auch schon wieder zuhause  (oder zumindest auf dem Weg dorthin) und die Familienzusammenführungen scheinen vorerst unter Dach und Fach zu sein. Ich nehme das mal als Bestätigung von meinem oben erläuterten ohne jetzt en detail darauf einzugehen.

Aber stopp! Da war doch noch etwas. Was? Man hört nicht viel von den durch die Vereinigten Arabischen Emirate gerade erst aufgedeckten Waffenlieferungen von Nordkorea an den Iran, sondern nur von freigelassenen Fischern und Familienzusammenführungen? Stimmt! Das mag seltsam finden wer will, wenn man bedenkt, dass vor ein paar Wochen vermutlich noch ein Aufschrei der Empörung (vor allem aus den USA) durch die Staatenwelt gehallt wäre. Aber mein Gott, das ist jetzt schon einen Monat her und wie gesagt, die Zeiten ändern sich schnell (und was juckt uns da das Dumme Geschwätz von gestern…) und im Moment kann man solch negatives Geschwätz eben nicht gebrauchen, will man Entspannungspolitik propagieren. Also wird das wohl eher auf kleiner Flamme gekocht werden. So, aber jetzt Schluss mit der Schreiberei und schnell nochmal drüber und dann ins Netz damit, bevor ich noch ein P.P.S. zum Friedensnobelpreis für Kim Jong Il schreiben muss…

Noch eine Sache kurz, zur Entschuldigung sozusagen: Ich wollte eigentlich noch n paar nette Bildchen einbinden, also das übliche Bill mit Kim, Bill mit Euna und Laura am Flughafen Kim mit Hyun Jeong-eun, Kim Ki-nam mit Lee Myung-bak, das übliche halt. Allerdings ist es mir aus irgendeinem Grund in der jetzigen Phase meines Lernprozesses nicht möglich. Das mag an mir liegen, oder an den Programmieren von WordPress, aber ich gelobe Besserung. Ich wird versuchen mir das anzueignen, dass die Augen auch mal was anderes als Buchstaben angucken dürfen. Und bis dahin könnt ihr die passenden Bilder ja per Google Bildersuche ausfindig machen.