Die DDR und Nordkorea — Digitale Fundstellen beim Bundesarchiv


In der Vergangenheit habe ich euch ja immer mal wieder auf Sammlungen von Originaldokumente aufmerksam gemacht, die auf verschiedene Arten in die Öffentlichkeit gelangt sind und aus einem meist westlichem Blickwinkel Auskunft über zeitgeschichtliche Entwicklungen und Einschätzungen im Zusammenhang mit Korea geben. Ich finde es immer ungeheuer spannend und bereichernd in solchen Dokumenten zu stöbern, aber die Quellen, auf die ich euch bis jetzt hingewiesen habe, hatten für gewöhnlich zwei Schwächen: Einerseits waren sie eigentlich immer in englischer Sprache, so dass einige von euch vielleicht keine Lust mehr hatten, sich das anzugucken. Andererseits waren sie aber mit Blick auf Nordkorea auch irgendwie immer (bzw. meistens, denn es gibt ja auch Quellen aus sowjetischen Archiven die digitalisiert sind) nur zweite Hand Informationen und man bekam relativ selten was in die Hand, dass wirklich aus nordkoreanischer Feder stammte.

Deshalb bin ich jetzt froh, euch auf die Arbeit des Bundesarchives hinweisen zu können, das Akten aus der ehemaligen DDR digitalisiert und zur Verfügung stellt. Die drehen sich um allerlei sehr spannende Themen, aber für das Blog habe ich natürlich in erster Linie darauf geachtet, was es da im Zusammenhang mit Nordkorea zu holen gibt. Und das ist durchaus einiges. Ich habe einfach mal ein bisschen rumgesucht und will euch kurz auf ein paar Fundsachen aufmerksam machen, die ich spannend fand, ohne sie komplett durcharbeiten zu können.  Vorher aber noch kurz der Hinweis: Das Navigieren in den Dokumenten ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig und nicht extrem nutzerfreundlich, aber ihr werdet euch schon damit zurechtfinden. Nach einigen kleinen Frustrationen klappt das ganz gut…

Politische und ökonomische Zusammenarbeit der Partei- und Staatsführung der DDR mit Staaten und Parteien. Bd. 59 Korea 1956 – 1968 Da gibt es Schriftwechsel u.a. mit Hinweisen auf politische Säuberungen in Nordkorea, aber auch beispielsweise den Text des 2. Fünfjahresplanes Nordkoreas zu lesen. (Wer seine russisch-Kenntnisse auffrischen will, findet da auch ein paar Dokumente (keine Ahnung was drinsteht.).

Büro Erich Honecker: Beziehungen mit Korea 1973 bis 1989 Unter anderem findet man da Transkriptionen von Gesprächen zwischen Erich H. und Kim Il Sung

Büro Egon Krenz: Bd 2: Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1984 – 1986, 1988 – 1989 Das ist insgesamt eine schöne Dokumentensammlung, die für mich ein ganz klares Highlight hat: Einen Steckbrief von Kim Jong Il (S.89). Da steht unter anderem drin: „Geboren in Chabarowsk (UdSSR) nach neuesten offiziellen Angaben der KDVR wurde Kim Tschongil“im Blockhütten-Stabsquartier des Generals der Koreanischen Partisanenarmee als dessen ältester Sohn in der Nähe des nordkoreanischen Bergs Paekdu“ geboren“.  Außerdem wird er als bestimmend und impulsiv beschrieben, was man an Sofortmaßnahmen mit bindendem Charakter in Politik und Wirtschaft ablesen könne.

Protokoll der Sitzung des Ministerrats 27.9.1960 Enthält u.a. einen Beschluss und sehr ausführlichen Bericht zur Einstellung der Hilfen beim Aufbau der Stadt Hamhung

Protokoll der 87. Sitzung des Ministerrats am 14.6.1984 Enthält einen ausführlichen Bericht zum Besuch Kim Il Sungs in der DDR

Protokoll der 28. Sitzung des Ministerrats am 15.12.1977 Enthält einen Bericht zum Besuch der Delegation um Honecker in der KDVR 1977 u.a. mit dem Wortlaut eines Kooperationsvertrages zwischen der DDR und der KDVR.

Aber ich denke mal da gibt es noch ein paar weitere spannende Dokumente, die ich hier nicht verlinkt habe. Ich habe erstmal ganz oberflächlich gesucht. Wenn euch gute Suchwörter einfallen oder ihr euch für ganz andere Teile der DDR-Geschichte interessiert, dann könnt ihr hier stöbern. Dabei am besten das Häkchen „nur Material mit Digitalisaten“ setzen, sonst kriegt ihr viele Ergebnisse von nicht digitalisierten Fundstellen. Das ist relativ frustrierend. Ganz witzig an OT Sachen fand ich zum Beispiel die Akte „Rockkonzerte„.

Naja, ich hoffe ich habe eure Neugier geweckt und ihr schaut mal selber ein bisschen was die DDR Bonzen so zu Nordkorea verzapft haben.

Natürlich werde ich diese Fundstelle der Seite „Aus den Archiven: Quellensammlungen und Originaldokumente“ hinzufügen.

Deutsch-nordkoreanische Geschichte(n): Wie kommt ein sächsischer Raddampfer nach Pjöngjang?


Im Alltagsgeschäft meiner Bloggerei verliere ich mich ja allermeistens im Hier und Jetzt und werfe nur ganz selten mal einen Blick in die Vergangenheit. Und wenn ich einen solchen Blick werfe, dann meistens sehr selektiv und im Endeffekt mit dem Ziel einen Rückbezug zur Gegenwart herzustellen. Dabei hält auch die Geschichte manchmal Episoden bereit die für sich genommen schon interessant und erzählenswert genug sind, ohne sie immer gleich im Sinne einer analytischen Auswertung ausschlachten zu müssen. Nur stehen diese Episoden meist ein bisschen im Verborgenen und sind auch eher schwierig zu recherchieren.
Naja,  jedenfalls war ich froh und interessiert, als ich kürzlich auf eine kleine aber durchaus spannende Episode dieser Art gestoßen wurde, als ich ein paar Leute traf, die auf unterschiedliche Art damit verbunden waren. Die Geschichte handelt davon, wie es dazu kommt, dass ein Nachbau des Schaufelraddampfers „Dresden“, der noch heute im Betrieb ist, in Pjöngjang zu finden ist und stellt damit einen der wenigen Bezugspunkte der Freundschaft zwischen der DDR und Nordkorea dar.

1984 besuchte Kim Il Sung im Rahmen einer großen Europareise vom 30. Mai bis zum 3. Juni die DDR (sein zweiter und letzter Besuch dort) und traf dort unter anderem mit dem Generalsekretär der SED, Erich Honecker zusammen. Es wurde viel besprochen und diskutiert (für nähere Informationen dazu lest ihr am besten in den Protokollen der Treffen) aber natürlich gab es auch, wie zu solchen Anlässen üblich, ein umfangreiches Unterhaltungs-/Informationsprogramm, bei dem den ausländischen Gästen die Errungenschaften des realexistierenden Sozialismus auf deutschem Boden präsentiert wurden. Eine der Stationen Kim Il Sungs war eine Schiffstour Tour gemeinsam mit Honecker auf dem Raddampfer „Dresden“ durch die schöne Sächsische Schweiz (danke für die Zeitungsausschnitte an Matthias).

Bild via Politiek en Cultuur

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Naja und diese Tour scheint bei Kim Il Sung einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Jedenfalls interessierte er sich sehr ausgiebig für das Schiff. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Frau Prof. Dr. Picht zu sprechen, die damals, wie auch zu vielen anderen Anlässen, für Honecker und andere Funktionäre gedolmetscht hat und sie erinnerte sich tatsächlich noch recht lebhaft an diese Episode. Kim Il Sung wollte viele Details über das Schiff wissen und als sie auf seine Frage nach dem Tiefgang die Antwort des Kapitäns „90 cm“ übersetzte, konnte Kim das zuerst garnicht so recht glauben und versicherte sich nochmal, dass sie das richtig übersetzt und er das richtig verstanden habe. Danach schickte er seinen Premierminister mit ihr auf die Brücke, um Informationen über den konkreten Aufbau des Schiffes einzuholen. Das Ergebnis dieser Begeisterung des großen Führers war, dass man sich die Pläne für das Schiff von der DDR besorgte und das Ganze dann in Nordkorea nachbauen ließ.

Mit alledem hätte ich mich allerdings so vermutlich nie beschäftigt und auch nicht mit Frau Picht darüber gesprochen, wäre nicht Matthias bei seiner Nordkoreareise im letzten Jahr aufgefallen, dass das Schiff, dass da in Pjöngjang lag, der Dresden zum Verwechseln ähnlich sah und hätte er mir nicht ein Bild von dem Schiff zukommen lassen, dessen nordkoreanische Version sinnigerweise „Pjöngjang“ heißt.

Raddampfer Pjöngjang

Um zum Vergleich den Dampfer „Dresden“ anzugucken einfach auf das Bild klicken. (Bild: M.E.)

Wie gesagt: Nur eine kleine Episode, aber irgendwie doch sinnbildlich. Einerseits, mit Blick auf die ostdeutsch-nordkoreanische Geschichte, die nach dem Ende der DDR und ihrem Anschluss an die BRD nur noch am Rande steht und kaum mehr wahrgenommen wird (wie so manch anderer Aspekt der DDR-Geschichte auch, so ist das eben, die Sieger schreiben die Geschichte (ist es nicht irgendwie bezeichnend, dass ich auf digitalisierte Teile der DDR-Archive am besten über ein US-amerikanisches Projekt zugreifen kann?)), was schade ist, weil es dort sicherlich einiges spannendes zu  finden gäbe. Andererseits sieht man hieran auch, wie viele Leute es gibt, die spannende Geschichte zu erzählen haben, weil sie in der Vergangenheit auf die eine oder andere Art einen Bezug zu Nordkorea bekamen.