Nahrungssituation in Nordkorea: Von zuversichtlichen Berichten, den Gefahren der Planwirtschaft und einer eklatanten Rechenschwäche


Eben ist der neue Bericht des Welternährungsprogramms (WFP) und der Food and Agriculture Organization (FAO) zur landwirtschaftlichen Produktion und der Ernährungssituation in Nordkorea in mein Postfach geflattert und da ich diesen Bericht immer ziemlich begierig lese, weil er Auskunft nicht nur über die humanitäre Situation im Land gibt, sonder auch über die landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, habe ich die letzte Stunde (oder ein bisschen mehr), mit diesem Dokument zugebracht.

In der Vergangenheit oft alarmierend…

Der Bericht, der für gewöhnlich alle zwei Jahre erscheint — bei Bedarf ergänzt durch Sonderberichte — klang das letzte Mal als ich darüber schrieb sehr alarmierend. Ende 2010 waren danach fünf Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht, was dann durch einen Sonderbericht im Frühjahr 2011 auf 6 Millionen erhöht wurde. Dementsprechend riefen die Organisationen die internationale Gemeinschaft auch zu einer umfangreichen Hilfsaktion auf, in deren Rahmen 400.000 Tonnen Nahrungsmittel benötigt würden. Darum entbrannte ein ziemlich heißer Kampf, der immer wieder mit politischen und ideologischen Positionen sowie Eigeninteressen vermischt wurde, so dass im Endeffekt alle Seiten Propaganda betrieben, ohne diejenigen, denen es vielleicht wirklich schlecht ging im Auge zu haben. Das war wirklich eine recht unschöne Erfahrung, die mitunter auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es keine wirklich glaubwürdigen Informationen über die tatsächliche Lage in Nordkorea zu geben schien, da auch die UN-Organisationen im Ruf standen, die Situation zu dramatisieren.

…dieses Mal zuversichtlich

Dementsprechend wird es allen Beteiligten gut gefallen, dass der diesjährige Bericht, wie momentan vieles in Nordkorea, eher von Zuversicht geprägt zu sein scheint. Die Minderproduktion, also die durch eigene Importe und Hilfen aufzufüllende Lücke fällt in diesem Jahr so gering aus, wie schon lange nicht mehr. Die eigene Produktion hat 2012 zum ersten Mal seit 1994 die 5 Millionen Tonnen Marke überschritten. Im kommenden Jahr müssen den Schätzungen zufolge nur gut 500.000 Tonnen des Bedarfs durch Exporte gedeckt werden (in dem Bericht von 2011 war von über einer Million Tonnen die Rede). Zieht man in Betracht, dass Nordkorea wie in den Jahren zuvor plant, wiederum (nur) 300.000 Tonnen an Lebensmitteln zuzukaufen, bleiben „nurnoch“ 200.000 Tonnen ungedeckter Bedarf. Wenn man dann wiederum bedenkt, dass China allein seinem Verbündeten im vergangenen Jahr mit etwa 250.000 Tonnen beigesprungen ist, dann sind die Sorgen hinsichtlich der Nahrungsmittelsicherheit aktuell so gering wie selten nicht mehr. Aber um jetzt nicht in jubel auszubrechen: Von Hunger bedroht sind dem Bericht zufolge noch immernoch 2,8 Millionen Menschen.

Den Tag nicht vor dem Abend loben

Allerdings bleiben zwei Dinge festzuhalten: Extreme Wetterkatastrophen können diese schönen Annahmen ganz schnell wieder verhageln (vielleicht sogar im wahrsten Sinne). Und natürlich bedeutet die Tatsache, dass im Schnitt alle Leute genug zu essen haben nicht gleichzeitig, dass das in der Realität auch wirklich so ist. Das beweist nicht nur die Körperfülle des jungen Diktators (die er sich bei perfekt ausgeglichenem Schnitt wohl auf Kosten einiger anderer angefuttert hätte), sondern das ist ein generelles Phänomen, das auch in Überflussgesellschaften wie unserer auftreten soll, wo vermutlich im Jahr soviel Essen in die Tonne gekloppt wird, dass man damit ganz Nordkorea dreimal durchfüttern könnte. Verteilungsungerechtigkeit gibt es nunmal bei uns und in Nordkorea. Nur dass die bei knapperen Gütern auch schlimmere Folgen haben kann. Naja, aber wie gesagt. Der Tenor des Berichts klingt irgendwie angenehm und nicht panisch, wie vor zwei Jahren. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der aktuelle Bericht keine Zahlen für aktuell benötigte Hilfen (sonst wurden immer konkrete Mengen angegeben, die gespendet werden sollten) genannt werden, sondern man sich eher auf eine Verbesserung der Gesamtsituation konzentriert.

Eckdaten zu Nordkoreas Landwirtschaftssektor

Ich kann hier natürlich nicht den ganzen Bericht wiedergeben, der immerhin 41 Seiten hat. Aber ein paar Highlights, die mir in die Augen gesprungen sind, will ich euch nicht vorenthalten. Dabei geht es mir aber in erster Linie um die landwirtschaftliche Produktion und nicht so sehr um die Nahrungsmittelsituation (worüber hier in der Vergangenheit schon einiges geschrieben wurde). Ersteinmal kurz zu den Rahmendaten, um ein generelles Problem der nordkoreanischen Landwirtschaft ins Bewusstsein zu rufen. Von den knapp 12,3 Mio. Landfläche Nordkoreas sind nur etwa 2 Mio. Hektar für den Ackerbau nutzbar. Von denen werden wiederum nur etwa 60 % mit mechanischen Hilfsmitteln (Traktoren) beackert, auf dem Rest können Ochsen ihren Nutzen beweisen. Zu den limitierenden Faktoren beim mechanisierten Ackerbau zählen Kraftstoff und Ersatzteile. Letzteres wird zum Beispiel auch darin deutlich das je nach Provinz nur 68 bis 74 % der Fahrzeuge einsatzbereit sind, was aber schon eine deutlich Verbesserung zu den 57 % des Jahres 2004 ist. Weiterhin ist auch das Standardtraktormodell, der mit 28 PS nicht gerade beeindruckend starke Chollima für viele Aufgaben schlicht zu schwach.

Staatliche Steuerung und ihre Fallstricke

In dem Bericht tauchen aber auch immer wieder Hinweise auf die schädliche Wirkung der staatlichen Lenkung auf die Produktion auf. So gibt es zwar Indizien, dass die Produktion durch Anreize deutlich gesteigert werden kann (wo die Anreize gut waren, hat sich auch die Produktion signifikant verbessert), im Zusammenhang damit zeigen sich aber auch gleich Probleme von staatlicher Steuerung. Wenn ein Preisniveau aufgrund staatlicher Fehleinschätzungen falsch gesetzt wird, beginnt es oft im ganzen System zu Haken. So wird z.B. Soja aktuell nicht gern angebaut, weil der Preis verhältnismäßig niedrig ist. Soja spielt aber eine wichtige Rolle in der Fruchtfolge und sollte daher eigentlich mehr angebaut werden, die verfehlte Preissenkung lenkt die Betriebe aber in eine andere Richtung. Auch eine Erklärung für die Verbesserung der Situation gegenüber dem Vorjahr (neben besserem Wetter) deutet in diese Richtung. Ein großer Teil der Verbesserungen hat schlicht damit zu tun, dass die benötigten Materialien und Rohstoffe zu den Zeitpunkten geliefert wurden, an denen sie gebraucht wurden, nicht später, wie das in den Vorjahren der Fall war.

Nordkoreanische Panikmache und…

Ein oder zwei Dinge sind mir daneben noch aufgefallen, die etwas damit zu tun haben, dass ich den Bericht mit anderen Quellen vergleiche. Einerseits erinnert ihr euch vielleicht an die Panikmache wegen des schlechten Wetters in Nordkorea. Die Tatsache, dass es heuer eine Rekordernte dort gibt, zeigt ziemlich deutlich, dass schlechtes Wetter erstens normal ist und in jedem Land vorkommt und zweitens von der nordkoreanischen Seite wohl gezielt für eine kleine Medienkampagne genutzt wurde. Das dürfte sich kontraproduktiv auswirken, wenn nochmal Phasen auftreten sollten, in denen wirklich Not am Mann ist.

…Rechenschwäche bei den UN-Organisationen

Die zweite Beobachtung sind zwei Zahlen. Die erste Zahl stammt aus der Schätzung von WFP, FAO und UNICEF aus dem März 2011. Damals schätzten sie die Ernte für das Jahr 2011/2012 bei etwa 4,25 Mio. Tonnen. Wenn man jetzt einen Blick in den diesjährigen Bericht wirft, dann lag das Ergebnis jedoch tatsächlich bei 4,75 Mio. Tonnen. Da hat sich wohl jemand mal eben um läppische 500.000 Tonnen verrechnet (was wiederum kontraproduktiv mit Blick auf mögliche echte Notfälle sein könnte). Ich wüsste mal gerne, wie es dazu kam. Aber leider scheint man bei FAO und WFP verdräng zu haben, dass man den Bericht veröffentlicht hat. Der Rechenfehler wird jedenfalls nicht thematisiert….

Lesen lohnt sich

Naja, wie gesagt. Der Bericht ist jedenfalls durchaus ein bisschen Zeit wert, die man damit verbringen kann. Einerseits weil es mal angenehm ist, was Hoffnungsvolles zu lesen und andererseits, weil er einen sehr schönen Überblick über das landwirtschaftliche System Nordkoreas und konkrete Methoden gibt.

Ideologische Grabenkämpfe, vergessene Aufgaben und unbekannte Realitäten: Berichte zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea


Seit langem will ich mich heute nochmal kurz der Nahrungsmittelsituation in Nordkorea widmen. Einerseits strahlte die ARD vorgestern in den Tagesthemen einen recht ausführlichen Beitrag aus, der auf Videoaufnahmen beruht, die heimlich aus Nordkorea herausgeschmuggelt wurden. Andererseits hat sich Hiroyuki Konuma, der Regionalrepräsentant der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Asien heute zu der Lage in Nordkorea geäußert, was von den Medien sehr unterschiedlich verstanden wurde (oder werden wollte?) und außerdem gibt es noch ne interessante Analyse der HSS.

Aus Nordkorea geschmuggeltes Video gibt schockierende Einblicke. Nicht mehr und nicht weniger

Aber zuerst einmal zu dem Video. Darin sind Menschen in einem sehr schlechten Zustand zu sehen und wer Barbar Demicks „Die Kinogänger von Chongjin“ gelesen hat (ich fand das Buch übrigens nicht so übergut, will aber noch bei Gelegenheit was dazu schreiben), der fühlt sich durchaus an Schilderungen aus dem Buch erinnert. Es sind Straßenkinder in erbärmlichen Zustand zu sehen und es werden kurz Schicksale beleuchtet, die auf ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft schließen lassen. Auch Soldaten sind zu sehen, denen es sehr schlecht geht. Dagegen sind die Märkte in Pjöngjang stark frequentiert und gut bestückt.

Dreimal gefiltert

Aber ob man das als ein Gesamtporträt der nordkoreanischen Gesellschaft begreifen kann und soll, das sollte doch kritisch hinterfragt werden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Bilder auf unseren Bildschirmen erschienen sind, waren sie vermutlich durch drei Filter gelaufen. Die nordkoreanischen Untergrundjournalisten, die ihr eigenes Wohlergehen aufs Spiel setzen, um über die Situation in Nordkorea zu berichten (und vermutlich um etwas Geld zu verdienen), mussten auswählen, was sie filmen. Und dazu gehörten wohl nicht die „unspektakulären“ Szenen, schließlich wissen sie ja, wonach ihr Auftraggeber sucht. Der japanische Journalist, der das Netzwerk aufgebaut hat (er ist auch im Beitrag zu sehen) hat möglicherweise nochmal eine Auswahl getroffen, denn er will die Bilder ja am internationalen Medienmarkt platzieren. Und dann dürfte die ARD-Redaktion nochmal die Szenen, die gut in den Beitrag passten, festgelegt haben.

Was übrig bleibt…wer weiß es?

Wieviel echtes Abbild der Gesamtrealität dann noch übrig bleibt, ist am Ende wohl für niemanden wirklich zu erkennen. Außer der Tatsache, dass das der schlimme Alltag einiger Menschen in Nordkorea ist, bringen die Bilder kaum Licht ins Dunkle. Aber ich weiß, so werden Nachrichten gemacht und verkauft und damit muss man sich wohl abfinden. Aber wenn man in einigen Industrieländern mit offenen Augen die ärmsten der Armen filmt und darstellt, dann verschwimmen wohl die Unterschiede. Ich möchte nichts kleinreden, aber man sollte immer bedenken, welchen Weg die Bilder genommen haben, bevor wir sie gesehen haben.

Die Realität verschwindet hinter ideologischen Grabenkämpfen. Und die Medien machen mit

Auch bezüglich der Stellungnahme von Hiroyuki Konuma, dem FAO-Repräsentanten in Asien, muss ich eine kleine Medienkritik vorwegschicken. Folgende Überschriften (die Artikel passen jeweils zum Tenor) kamen aufgrund des gleichen Statements Konumas zustanden:

Flood damage to N.Korean crops „not so significant – FAO [FAO: Flutschäden an Nordkoreas Ernte „nicht so bedeutend“]

und

North Korea Food Crisis Worsens as Prices Jump, Aid Vanishes [Nordkoreas Nahrungsmittelkrise verschlimmert sich, da Nahrungsmittelpreise steigen und Hilfen ausbleiben]

REUTERS: Besser als gedacht

Der Unterschied dürfte euch nicht entgangen sein und die unterschiedliche Wahrnehmung ein und derselben Meldung, die für den Leser daraus entsteht wohl auch nicht. Da kann mir einer erzählen was er will, mindestens einer der Journalisten ist hart an der Grenze, mehr seine Meinung oder Botschaft zu vermitteln, als die Botschaft, die von Konuma kam. Welcher das ist weiß ich nicht, ich habe ja nicht gehört und gelesen, wie das Statement in seiner Gesamtheit aussah. REUTERS (der „nicht so schlimm“ Artikel) beschäftigt sich hauptsächlich mit einer Aussage des FAO-Mannes, dass die Ernte in Nordkorea dieses Jahr nicht geringer ausfallen würde als im letzten und dass man bald anfinge das Korn einzubringen. Irgendwo unten wird dann auch noch kurz erwähnt, dass die Einschätzung von WFP, FAO und UNICEF, dass in diesem Jahr 600.000 Tonnen Nahrungsmittel fehlen würden, was 3,5 Millionen Menschen ernsthaft gefährde, nach wie vor bestand hätten. Allerdings habe ein REUTERS. Mitarbeiter kürzlich bei einem Besuch in Nordkorea keine besonders angespannte Lage wahrgenommen.

Bloomberg: Krise wird schlimmer

Bei Bloomberg stellt sich das genau umgekehrt dar. Es würden bis zu 700.000 Tonnen Nahrungsmittel fehlen und davon könnten bis zu 6 Millionen Menschen betroffen sein (da gab es scheinbar eine Spanne, die beide Artikel verschweigen). Durch die gestiegenen Nahrungsmittelpreise, die sinkende Spendenbereitschaft (man schreibt das nur der Verheerenden Hungersnot am Horn von Afrika zu, was wohl ein Grund ist, aber bei Weitem nicht der einzige (was man bei Bloomberg auch wissen dürfte)),die Tatsache, dass Südkorea eine harte Politik gegenüber dem Norden fahre und den Unwillen Pjöngjangs, mehr Ressourcen für sein Volk einzusetzen (aber das kommt weit unten im Text), sei die Lage nach wie vor angespannt.

We are afraid that next year will be a more severe situation [Wir haben Angst, dass die Situation im nächsten Jahr noch ernster wird]

wird Konuma hier zitiert.

Meinungen und Emotionen, nicht Fakten

Wie gesagt, besser informier fühle ich mich nach Lektüre beider Artikel nicht. Vielmehr habe ich das Gefühl, hier einen ideologischen Grabenkampf zu beobachten, den Politiker verschiedener Staaten und Organisationen, Hilfsorganisationen verschiedener Aus- und Zielrichtung und wohl auch die Medien mit- und gegeneinander austragen, oder wie sich Rüdiger Frank kürzlich zitieren ließ. Rüdiger Frank sagte kürzlich hinsichtlich der Politik gegenüber Nordkorea:

Ich selbst habe etwa bei einer Aussage vor dem EU-Parlament in Brüssel 2006 die Erfahrung gemacht, dass beim Thema Nordkorea oft die Emotionen überwiegen.

Und wem ist am Ende damit geholfen? Wohl niemandem! Je nachdem, ob man für Hilfen plädiert, sei es aus reiner Nächstenliebe, aus politischen Interessen oder um eine Daseinsberechtigung für seine Organisation zu generieren, oder ob man gegen Hilfen ist (das Portfolio aus Beweggründen ist hier ähnlich), man findet immer seine Bestätigung und Argumente in den Medien und liest dann wahrscheinlich nur die Artikel, die die eigene Meinung bekräftigen. Wer da im Ende die Nachrichten macht, wer Akteur, wer Aussagender und wer Informationsvermittler ist, das verschwimmt in einer undurchsichtigen Brühe aus Ideologie und Interessen. Ob Politiker da Angst vor Emotionen in Medien und Gesellschaft haben, oder sich aufgrund der unklaren Faktenlage einfach von ihren eigenen Gefühlen leiten lassen, ist im Endeffekt egal. Es kommt jedenfalls am Ende eine Politik raus, die nicht mehr viel mit der realen Sachlage zu tun hat. Nur verhungern vielleicht Menschen, weil keine der Beteiligten Parteien ihrer Aufgabe ehrlich und auf Basis der Realität (die zugegeben oft schwer zu ergründen ist, aber immerhin haben wir eine Botschaft in Pjöngjang und damit sicherlich ein besseres Gefühl für die Realität als manch anderer Staat) nachkommen will. Ich finde das nicht gut und ich bin der Meinung, dass sich da alle Beteiligten nochmal bewusst machen sollten, wozu sie da sind. Dann würden auch nicht Meinungen das Handeln bestimmen, sondern Fakten. Aber daran ist leider scheinbar noch nicht mal die Journalistenkaste wirklich interessiert.

Was man aus den Berichten lernt

So, das war es erstmal mit: „Dem-Ärger-Luft-machen“. Ich mal kurz sehen, was wir sowohl aus Presse, als auch aus Fernsehmeldung an Infos rausziehen können. Der Bericht im Fernsehen demonstriert vor allem eine Tatsache recht plastisch. Diejenigen, die immer davon reden, dass das Militär Lebensmittel für sich abzwacken würde, die sollten sich den Bericht vielleicht nochmal kurz anschauen und dann ihr Argument überdenken. Ich verstehe erhrlichgesagt den Unterschied zwischen einem verhungernden Wehrpflichtigen (Zivildienst oder so is nicht) und einem verhungernden Kohle-Kumpel nicht. Beide brauchen offensichtlich was zu essen und wenn man nicht hilft, dann geht es mit Sicherheit beiden schlecht. Gibt man Hilfen, dann bestehen die Möglichkeiten, dass entweder einer von beiden (vielleicht mit einer größeren Wahrscheinlichkeit der Soldat, weiß ich nicht) oder beide etwas abbekommen. Ist es schon schlimm, wenn der Soldat und der Minenarbeiter was kriegen? Oder wird es erst dann schlimm, wenn der Soldat mehr oder alles kriegt? Oder ist es immer gut, jemandem vor dem Hungertod zu retten? Ich würde zu letzterem tendieren. Natürlich ist es nicht gut, wenn die Verteilung von Hilfen unfair verläuft. Aber ich würde mal gerne die Nothilfestelle sehen, wo am Ende nicht die Gewitztesten, Stärksten, oder Mächtigsten auf dem einen oder anderen Weg mehr als die Dümmeren, Schwächeren oder Machtlosen bekommen, allerdings ist das ein anderes Problem. Das also meine Meinung zu Soldaten und Nahrung.

Nicht so schlimm wie befürchtet, aber kritisch

Das Statement des FAO-Repräsentanten, so wie ich es mir aus den Artikeln zusammenbaut sagt ungefähr folgendes aus: Zum Glück hat der harte Winter und die Überflutungen in diesem Jahr nicht zu so weitreichenden Ernteausfällen geführt, wie das die Mission im März in Nordkorea war befürchtet hat. Daher wird der Versorgungsengpass nicht 886.000 Tonnen betragen sondern nur zwischen 600.000 und 700.000 Tonnen. Einerseits stellt das natürlich bis zu einem gewissen Grad das Budget in Frage, dass das WFP für die Notoperation aufgestellt hat. Andererseits ist das aber immernoch kein Pappenstiel. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch noch zu wissen, inwiefern die bilateralen Hilfen von Russland, immerhin 50.000 Tonnen in die Rechnung schon Eingang gefunden haben.

REUTERS gibt Sprechvorlage für das State-Department

Zum Artikel von REUTERS fällt mir noch etwas ein. Da steht am Ende der schöne Satz:

a variety of crops are nearly ready for harvest [Unterschiedliche Feldfrüchte sind fast erntereif]

Wenn man das so liest, dann hört sich das doch fast schon an wie die Vorbereitung eines Statements des US-State-Department: „Da jetzt geerntet wurde und jede Menge frische Feldfrüchte zur Verfügung stehen, sehen wir keine Notwendigkeit Hilfen zu gewähren. Wir werden die Situation aber weiter beobachten.“ Ein ganz armseliger Trick die Bewertung der Lage solange hinauszuzögern, bis sich die Lage geändert hat.

HSS: „Virtuelle Hungersnot“

Eine interessante Einschätzung zur Lage in Nordkorea gibt es übrigens von Bernhard Seliger, der soweit ich weiß, die Geschäfte der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul leitet. Er ist eher dem Lager zuzuordnen, das sich gegen Hilfen für Nordkorea ausspricht und schreibt von einer „virtuellen Hungersnot“ (wobei er auch öfter in Nordkorea zu tun hat und daher unmittelbare Erfahrungen vorweisen kann). Er kritisiert, wie es ja auch in der Kommentarspalte hier im Blog schon anklang, dass ausländische Hilfsorganisationen (er sagt nicht: „Das WFP“) aus Eigeninteresse zu willfährigen Helfern Pjöngjangs werden, da mehr zu verteilende Hilfen mehr Geld und mehr Personal bedeuten. Ansonsten liefert er eine sehr interessante Analyse der aktuellen Entwicklungen in Nordkorea, die ich nicht immer teile, die aber wie gesagt durchaus einige lesenswerte Ideen beinhaltet.

Bericht zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea: Sechs Millionen von Hunger bedroht


Der  Bericht, den das Welternährungsprogramm (WFP), die Food and Agriculture Organization (FAO) und die UNICEF auf bitte der nordkoreanischen Regierung, hinsichtlich der Ernährungssituation im Land angefertigt haben, ist vorgestern erschienen und ich hab ihn mir mal etwas genauer angeschaut. Wie man es bei den Berichten zur Nahrungssituation in Nordkorea, die WFP und FAO ja ohnehin regelmäßig veröffentlichen, gewohnt ist, ist auch dieser wieder sehr detailliert und informativ. Er geht auf die Ursachen der momentanen Nahrungsmittelsituation ein, beschreibt die aktuelle Versorgungslage und wie die Bevölkerung mit der Knappheit umgeht. Außerdem wird der Grad der Unterernährung in der Bevölkerung erfasst und es werden die gefährdetsten Gruppen beschrieben. Abschließend wird ein umfangreiches Paket an Handlungsempfehlungen gegeben, um die aktuelle Situation zu stabilisieren und für die Zukunft solche Knappheit zu verhindern.

Der Beobachtermission wurde scheinbar eine ungewöhnliche Offenheit seitens der nordkoreanischen Behörden entgegengebracht. Sie bekam Zugang zu Provinzen in denen das WFP aktuell nicht aktiv ist und konnten Märkte besuchen, zu denen zuvor kein Zugang gewährt wurde (jedoch war die Bevölkerung dort den Fremden gegenüber scheinbar recht zurückhaltend). Im Endeffekt stellt der Bericht fest, dass nach Abzug von eigener Produktion und kommerziellen Importen eine Bedarfslücke von 886.000 Tonnen klafft, was 21 % des Nahrungsbedarfs des Landes darstellt.

An uncovered deficit of 886,000 MT is equivalent to 3.68 months of PDS rations for the entire nation. If this uncovered deficit can not be filled by commercial imports or food assistance, the national average per capita food consumption (including cereal, potato, and soybean) will have to be reduced from 174 kg/year to 138 kg/year.

Für die Knappheit ist nicht nur der Rückgang der inländischen Produktion aufgrund von Überschwemmungen und hartem Winter verantwortlich (die Auswirkungen der Maul- und Klauenseuche werden später noch dazukommen) auch der Rückgang von Hilfen aus dem Ausland schlägt im Saldo stark zu Buche. Bis vor drei Jahren wurden aus Südkorea noch jährlich etwa 400.000 Tonnen Reis geliefert. Das wurde seit Amtsantritt Lee Myung-baks auf Null heruntergefahren. Auch die Hilfen des Welternährungsprogramms reichen bisher bei weitem nicht aus, da sich nur wenige Geberländer finden, die das Programm mit Hilfen für Nordkorea ausstatten möchten:

In 2010, WFP received only 20 percent of the resources needed to implement its PRRO. As a result of these funding constraints, many vulnerable groups are no longer receiving food assistance. Of those still receiving food, many receive food fewer days each month. Total food assistance distributed in DPRK in 2010 amounted to only 44,318 MT of cereals, a small fraction of what is needed.

Auch kommerzielle Importe können die Lücke vermutlich nicht schließen. Einerseits führen erhöhte Kosten für Treibstoff (der ebenfalls auf dem Weltmarkt eingekauft werden muss und 2011 vermutlich mit etwa 580 Millionen US-Dollar zu Buche schlagen wird) dazu, dass weniger Ressourcen für Nahrungsmittelimporte frei sein werden. Andererseits sind auch die Preise für Nahrungsmittel erheblich gestiegen. In der Saison 2008/2009 hat das Regime etwa 60 Millionen US-Dollar für Nahrungsmittelexporte ausgegeben in der vergangenen Saison knapp 120 Millionen. Im Januar dieses Jahres waren 18 Millionen. (Natürlich kann man jetzt den Bedarf an Hilfen wieder wegreden indem man sagt, das Regime solle einfach weniger Geld für das Militär ausgeben und mehr für die Ernährung des Volkes. Das ist aber ungefähr genauso hilfreich als würde man sich hinstellen und sagen: „Gaddafi muss weg. Er hat jedes Recht verwirkt, für sein Volk zu sprechen“ aber gleichzeitig möglichen Wegen dorthin verbauen. Klingt gut, ist aber nicht hilfreicher als ein Kropf, weil Gerede nicht satt macht und auch keine entfesselten Diktatoren stoppt.)

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass etwa 6,1 Millionen Nordkoreaner besonders anfällig für Nahrungsmittelunsicherheit sind und durch die internationale Gemeinschaft unterstützt werden sollten. Zu dieser Gruppe zählen vor allem Kinder, schwangere und stillende Frauen, ältere und allein lebende Menschen, Menschen die in großen Haushalten mit wenig „Versorgern“ leben, Menschen die für längere Zeit krank sind und behinderte Menschen. Für diese Gruppen empfiehlt der Bericht die Bereitstellung von knapp 300.000 Tonnen Getreide und 137.000 Tonnen „Fortifed Blended Foods„.

Allerdings ist die Situation bisher noch nicht krisenhaft. Neben der chronischen Unterernährung, die quasi den „Normalzustand“ darstellt:

The nutrition situation, as assessed during the mission, appears to be relatively stable.

Allerdings gebe es

increased risk of malnutrition and infectious diseases (including tuberculosis) due to the lean season (May-July), possible reductions in PDS ration, and other public health issues. At risk is the health and nutrition status of children under five and pregnant and lactating women. A substantial number of households currently subsist on a carbohydrate-based diet which lacks in diversity and nutrients (protein, fat, vitamins and minerals). Given this current precarious nutrition and food security situation, the likelihood of a deterioration of acute malnutrition (wasting) must be considered high.

Das Fazit, das aus diesem sehr informativen Bericht also gezogen werden kann ist, dass das Kind bisher nicht in den Brunnen gefallen, aber bereits tief darüber gebeugt ist. Ich hoffe, dass es einige Regierungen gibt, die sich nicht von politischen Erwägungen leiten lassen, sondern humanitäre Aspekte in den Mittelpunkt stellen. Die indische Regierung scheint hier mit gutem Beispiel voraus zu gehen. Ich bin mal gespannt, ob in einigen westlichen Regierungen da sowas wie Schamgefühl aufkommt, wenn das nicht eben superreiche Indien bereit ist zu helfen, während man selbst bisher nur am Rand steht.

UPDATE: Ausbruch der Maul- und Klauenseuche offiziell bestätigt – Gefahr einer Hungerkrise steigt


Update (18.02.2011): Die World Organization of Animal Health wurde von den Behörden in Nordkorea am 8. Februar über die genauen Ausmaße des Ausbruchs informiert. Aus der Auflistung auf der Homepage der Organisation geht hervor, wo die Seuche überall aufgetreten ist und wie viele Tiere welcher Art befallen wurden. Außerdem ist dort nachzulesen, welche Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. Nach den Angaben, die aus dem Bericht hervorgehen, sind vor allem Schweine der Seuche zum Opfer gefallen. Von den befallenen Kühen und Ziegen starben nur wenige. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, in denen das Keulen (töten) befallener Bestände als präventive Maßnahme Standard ist, scheinen die Behörden in Nordkorea nicht zu diesem Mittel zu greifen. Nur zwei Bestände im Ryokpo district und im Taechon county könnten Ausnahmen zu bilden, weil hier alle befallenen Tiere gestorben sind. Außerdem zeigt der Bericht, dass die Fälle regional relativ weit verbreitet sind und es eine Ballung um Pjöngjang gibt. Als Gegenmaßnahmen hätten die Behörden einen lokal entwickelten Impfstoff zum Einsatz gebracht, was jedoch nicht zum Erfolg geführt habe.

Die regionale Verbreitung zeigt, dass es den Behörden bisher scheinbar nicht gelungen ist, die Ausbreitung effektiv einzudämmen. Nicht besonders hilfreich dürfte dabei sein, dass man versucht die erkrankten Tiere zu erhalten. Was der Hintergrund dafür ist dürfte wohl klar sein. Man will die begrenzten Ressourcen im Land nicht weiter ausdünnen. Ob sich dies jedoch nicht als Fehler erweisen wird, muss sich noch zeigen.

Ursprünglicher Beitrag (14.02.2011): Die schlechten Nachrichten für Nordkoreas Agrarsektor reißen nicht ab. In der vergangenen Woche gaben die Behörden offiziell den Ausbruch der Maul und Klauenseuche bekannt. Bisher seien über 10.000 Ochsen, sowie Rinder und Schweine von der tödlichen und hoch ansteckenden Krankheit befallen. Davon seien bereits einige tausend verendet. Damit bestätigen sich die inoffiziellen Berichte aus dem Januar, dass die  Krankheit in Nordkorea grassiere. Die Behörden hätten am vergangenen Mittwoch die Nahrungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen über den Ausbruch der Krankheit informiert und stünden nun im Kontakt mit der FAO um über das weitere Vorgehen zu beraten.

Anders als Südkorea, das im vergangenen Jahr über ein Drittel seines Schweinebestandes aufgrund der Seuche eingebüßt hatte, war das Damoklesschwert bisher an Nordkorea vorübergegangen. Allerdings kann das Regime in Pjöngjang massive Verluste im Tierbestand anders als der Süden auch nicht so einfach ausgleichen, während die Tragweite großer Verluste für die nordkoreanische Landwirtschaft weitaus schwer wöge. Anders als in Südkorea ist im Norden ein großer Teil des Ackerbaus nicht (mehr) mechanisiert, dass heißt dass beispielsweise zum Pflügen Ochsen als Zugtiere benötigt werden. Verendete ein bedeutender Teil von Nordkoreas Ochsen durch die Krankheit, würde dies anders als in Südkorea nicht nur eine weitere Verknappung von Fleisch bewirken, sondern mittelfristig auch die Produktion von Grundnahrungsmittel wie Reis und Getreide einschränken. Damit würde sich die ohnehin angespannte Nahrungsmittelsituation weiter verschärfen. Da das Land seinen Grundbedarf auch ohne eine solche Krise und trotz Hilfen aus China nicht zu decken vermag, erhöht sich das Risiko für eine schwere Nahrungsmittelkrise in diesem und dem nächsten Jahr weiter. Damit dürfte auch die zunehmend verzweifelt werdende Suche des Regimes nach Hilfen aus dem Ausland weitergehen.

Bericht von WFP und FAO: Fünf Millionen Nordkoreaner sind von Hunger bedroht


Das Welternährungsprogramm und die „Food and Agricultural Organization“ der Vereinten Nationen haben gemeinsam einen Bericht zur Ernährungslage in Nordkorea veröffentlicht. Danach wird von November 2010 bis Oktober 2011 ein Bedarf von 542.000 Tonnen Nahrungsmittel nicht abgedeckt sein. Davon sind vor allem etwa 5 Millionen Menschen Betroffen die vor allem Gruppen wie Schwangeren, Kindern und alten Menschen zuzurechnen sind. Leider habe ich momentan keine Zeit mir das Dokument komplett durchzulesen, aber diese Berichte enthalten immer umfangreiche, gut recherchierte und belastbare Informationen zur Situation im Land.  Ich werde mit den Bericht bei Gelegenheit mal vornehmen, bis dahin könnt ihr ihn euch aber auch selbst anschauen. Hier steht er nämlich zum Download bereit.

%d Bloggern gefällt das: