Nordkoreahysterie, der Chuck Norris des Expertentums und ein Henne-Ei-Problem: Nachdenken über die aktuelle Nordkorea-Rezeption in Deutschland


Erstaunlicherweise scheint auch Kim Jong Un sich am Wochenende ein bisschen Ruhe gönnen zu wollen und dementsprechend gab es heute mal keinerlei neue Drohung oder sonstige medienwirksame Maßnahmen. Das gibt mir und scheinbar auch Medienvertretern die Möglichkeit zu reflektieren und über das nachzudenken, das in den letzten Tagen und Wochen auf der Koreanischen Halbinsel und auch in der Wahrnehmung selbiger passiert ist.

Drei Sonderlobe und der Chuck Norris des deutschen Expertentums

Zumindest im Fall der Medienvertreter war das eine ziemlich produktive Angelegenheit, denn nachdem die letzten Tage eigentlich nur aus einer Art hysterischer Krisenberichterstattung bestanden und jeder Pups von Kim Jong Un mindestens fünf Schlagzeilen produzierte (das kann man sich ja fast bildlich vorstellen: „Hat Kim Jong Un eine geheime Superwaffe?“) heben die Redakteure so langsam wieder den Blick und versuchen sich einen Reim zu machen und erstellen nicht mehr nur blöde Grafiken mit Raketenreichweiten, spekulieren über die mentale Gesundheit und die Wiederstandfähigkeit Kim Jong Uns gegen die eigenen Propaganda oder versuchen Experten zwanghaft in Interviews irgendwas zu entlocken, dass man in eine apokalyptische Schlagzeile umwandeln kann. Der Expertentechnische Höhepunkt war übrigens wohl der Besuch von Peter Scholl-Latour, dem Chuck Norris unter den deutschen Experten (der Mann der alles kann) bei Markus Lanz (ungefähr Minute 4 bis 15), aber das ist ein anderes Thema (irgendwie hat mich seine Artikulation an Rainer Brüderle erinnert (und wo ich schon bei Brüderle bin ist der Sprung zur Genderdebatte ja nicht mehr weit: Ich fand es rührend: Die Männer reden über Politik, die Frauen gucken zu und sehen schön aus, oder hat eine der Damen ein Wort sagen dürfen zur „großen“ Politik?)), bei dem allerdings tatsächlich ein sehr spannender Aspekt angesprochen wurde. Die Hysterie der Deutschen in Bezug auf Nordkorea. Dann schwenkte die allerdings zum Medienhysterie-Standardplot (mal abgesehen von der mode- und haartechnischen Stilkritik an Kim Jong Un durch Herrn Lanz, die mal wieder ganz klar auf seine besonderen Fähigkeiten hinwies). Aber ich schweife schon wieder ab. Eigentlich wollte ich ja nicht kritisieren, sondern loben. Ein  Sonderlob haben sich aus meiner Sicht heute nämlich der Focus und die FAZ, sowie die Frankfurter Rundschau verdient. FAZ und Focus haben tatsächlich begonnen darüber nachzudenken, was ernsthafte Motive für das Verhalten Pjöngjangs sein könnten und dabei sind dann vernünftige Analysen jenseits von „Bekloppt“, „Propagandaverwirrt“, “ Selbstüberschätzt“ und „Ahnungslos“ rausgekommen. Beide haben sich recht fruchtbar Gedanken zu Nordkoreas Strategie gemacht und auch mal ein bisschen weiter zurückgeblickt als eine Woche (auch das Hilft Muster zu erkennen). Beruhigend, dass die deutschen Medien doch in der Lage zu sein scheinen, vernünftige und unaufgeregte Situationsbewertungen zu erstellen. Ein Beitrag der Frankfurter Rundschau gefiel mir, weil da mal ein Blick auf ein Thema jenseits des Standardrepertoires geworfen wurde, indem es einen die Nicht-Rolle der europäischen Staaten auf der Koreanischen Halbinsel (mit daraus gefolgerten Schlüssen über die Position der europäischen Staaten in der Welt) ins Zentrum stellte (ein Thema, das mich auch hin und wieder ziemlich in Rage versetzt).

Die Medien, die Hysterie und der Anlass

Bei meinen heutigen Reflektionen — ziellos mit dem Fahrrad rumcruisen hilft da sehr gut weiter — stellte ich mir aber dann irgendwann die Frage: Warum kommen die Herren Journalisten erst zur Besinnung, wenn Kim zu drohen aufhört und die Hysterie etwas nachzulassen beginnt. Ist das Zufall oder hängt das zusammen? Und wenn es zusammenhängt — also Ende von akutem Berichterstattungsanlass, Beginn vernünftiger Berichterstattung und Abklingen der Hysterie — wie sind da die Beziehungen?
Die Hysterie kann zwei Ursachen haben. Entweder die Berichterstattung, oder den Anlass der Berichterstattung. Da man aber ohne Berichterstattung nicht wirklich was über ihren Anlass erfahren kann (jedenfalls nicht ohne ein bisschen Arbeit und dazu haben hysterische Menschen wenig Zeit) liegt es nahe, dass die Hysterie in erster Linie durch die Berichterstattung befeuert wurde. Das deckt sich auch ganz gut mit den Gedanken, die ich mir vor einigen Wochen hinsichtlich unserer Rezeption der Ereignisse auf der Koreanischen Halbinsel gemacht habe. Damals war mir aufgefallen, dass Nordkorea, zumindest in den Statistiken von Wikipedia durch die Drohungen, die ja schon Anfang März anfingen, ein Vielfaches der öffentlichen Aufmerksamkeit in Deutschland bekam, als zum Beispiel nach dem Nukleartest vom 12.02.2013 oder dem Raketentest vom 12.12.2012, also als wirklich was relevantes passiert war (wenn ihr mögt könnt ihr euch hier durch die Wikipedia-Statistiken klicken und überlegen, welche Ausschläge zu welchen Ereignissen gehören).

Hysterie ist geschäftsfördernd

Aber wenn es so ist, dass die Berichterstattung eine gewisse Hysterie schürt und das gerade dann, wenn es nicht wirklich was zu Berichten gibt, dann könnte man sich doch durchaus fragen, warum das so ist. Eine unangenehme Antwort wäre, weil hysterische Menschen einfacher auszurechnen sind und man so sein Produkt einfacher an den Mann bringen kann. Wenn jemand unter Kriegspanik leidet, will er mehr Informationen über das Thema haben. Wenn diese Informationen dann so aussehen, als würde ein Krieg unmittelbar vor der Tür stehen, dann leidet er am nächsten Tag immernoch unter Kriegspanik und will wieder Informationen und immer so weiter, solange der gute Kim irgendwas zum Berichten liefert. Und da es ja die Medien sind, die ihr Geld mit dem Verkaufen von Informationen verdienen, ist es doch eigentlich ganz praktisch, wenn man eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Kriegspanik schürt, denn dann kommen potentiell am nächsten Tag eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Leute zum Kiosk und kaufen sich die Zeitung. Nur brauch man eben irgendeine Vorlage aus Pjöngjang. Und wenn noch nichtmal irgendeine ungenannte Quelle in Seoul irgendetwas spektakuläres und besorgniserregendes über Kim und seine Pläne zu sagen hat, dann kann man die Panikmacherei nicht mehr wirklich weitertreiben ohne grundlegende journalistische Standards zu verletzen (indem man sich einfach was ausdenkt). Das scheint mir mitunter der Zeitpunkt, an dem kluge Redakteure erkennen, dass man nun anfangen kann, guten Journalismus zu machen. Und da sind wir auch schon.

Von Panikmachern und Trittbrettfahrern

Ich will niemandem irgendwelche böse Absicht unterstellen oder so, denn im Endeffekt berichten unsere Medien ja nur über das, was die Leute auch hören wollen. Aber das Ganze ist trotzdem so ein Henne-Ei-Problem, denn kann es nicht sein, dass die Leute das hören wollen, weil sie zuvor von etwas unterkomplex dargestellten Zusammenhängen in Panik versetzt wurden? Ich weiß es nicht, aber ich glaube ich finde diese ganze Panikmacherei nicht gut.
Obwohl: Ein bisschen was habe ich als Trittbrettfahrer natürlich auch von unserem kleinen Hype (mal ganz abgesehen, dass die Panikmacher und Hysteriebeförderer ja vielleicht sogar recht haben werden, wovon ich aber immernoch nicht ausgehe), immerhin hat sich meine Leserzahl in den letzten Tagen versieben- oder achtfacht. Und irgendwie habe ich ja sogar mitgemacht. Ich meine, ich hätte ja auch zu irgendwas anderem schreiben können (ein paar Ideen hatte ich), aber nein, in den letzten Tagen hat es sich hier immer um das Thema gedreht. Ich war sozusagen dem mutmaßlichen Leserinteresse gegenüber opportunistisch und habe keine eigenen thematischen Impulse gesetzt. Und ich mache das Ganze nur zum Spaß und nicht zum Geldverdienen. Kann auch sein, dass ich selbst von dem Hype mitgerissen wurde und das Thema als so übermäßig wichtig empfand, weil dauernd was dazu in den Nachrichten war und so. Ich weiß es ja noch nicht mal selbst. Wer will denn da Medienschaffenden Vorwürfe machen?

War nicht böse gemeint: Der Versuch eines versöhnlichen Abschlusses

Naja, sei’s drum. Hiermit habe ich euch weitgehend die Ergebnisse meiner Fahrradfahrerei verkündet. Ich hoffe ihr fühlt euch jetzt nicht beleidigt, weil ich euch ja irgendwie als hysterisch und panisch und von Medienmeinungsmache beeinflusst dargestellt habe. Das sollte nicht euch persönlich (ich meine rein rechnerisch müssten ja mindesten sieben Achtel oder sechs Siebtel von euch unter die Gruppe fallen, die hier wegen des Hypes gelandet sind) treffen, sondern ist eher als generelles Attest gedacht, zur Rolle der Medien in unserer Gesellschaft und einem Problem, das sich aus der Logik der Medien ergibt. Außerdem habe ich mich selbst ja von dieser Hysteriekiste nicht ausgenommen, von daher seid ihr, wenn ihr euch beleidigt fühlen solltet, wenigstens in guter Gesellschaft.
Und wenn auch das euch nicht versöhnen kann, habe ich zum guten Schluss noch was zum Lachen, das aber auch irgendwie ganz gut in dieses Thema reinpasst und ganz ehrlich: Ich musste sehr lachen! Aber vermutlich kennt ihr es schon alle, weil ihr in eurer Hysterie die ganze Nacht vor dem PC gesessen habt und jeden Text zu Nordkorea gelesen habt, den es gibt…Verdammt! Kann ich nicht mal die Finger still halte?!

Eine deutsche Phantomdebatte: Wie die deutschen Medien sich mit einer Nicht-Geschichte über Nordkorea blamieren


Die Neujahrsansprache Kim Jong Uns, die in unseren Breiten ja für einige Aufregung gesorgt hat, unter anderem weil sich einige Journalisten hier nicht die Mühe machten, sie im Kontext anderer nordkoreanischer Neujahrsbotschaften zu sehen (dann wären einige sprachliche und inhaltliche Punkte nämlich nicht mehr so besonders erschienen), hat eine Wirkung erzielt — zumindest in den deutschen Medien. Hier ist nämlich eine Art Phantomdebatte um nordkoreanische Wirtschaftsreformen entbrannt, die für mich irgendwie schwer zu verstehen ist.

Der Beginn einer Phantomdebatte: Eine seltsame Story

Den Anfang der Debatte bildete die FAZ. Diese kam nach Kim Jong Uns (mehr oder weniger) spektakulären Ankündigungen erstaunlich passend und zeitlich nah mit einem Artikel über deutsche Wirtschaftexperten, die Nordkorea angeblich darin beraten würden, die Wirtschaft des Landes mithilfe eines Masterplans nach vietnamesischem Vorbild umzugestalten. Klingt doch super. Allerdings hatte ich ein paar Schwierigkeiten mit dem Artikel:

  1. Die Wissenschaftler die angeblich helfen bleiben anonym. Natürlich kann es sein, dass man die Arbeit nicht gefährden will, aber naja, die Informationslage ist ein bisschen sehr dünn. Und die Anonymität schützt natürlich nicht nur den Masterplan, sondern auch das Renommee der Wissenschaftler, sollte Pjöngjang die Wirtschaft im kommenden Jahr doch nicht so radikal umgestalten.
  2. Der Zeitpunkt des Artikels kam doch allzupassend. Schon erstaunlich, dass die FAZ gerade ein paar Tage nach Kim Jong Uns Neujahrsansprache mit dem entsprechenden Wissenschaftler gesprochen hat. Dazu habe ich zwei Lesarten: Entweder lag der Artikel schon länger in der Schublade, war aber wegen des dünnen Informationsgehalts schwierig und irgendwie auch nicht zeitgeistig und jetzt hat er eben gepasst. Oder einer der Wissenschaftler wurde von seinem Ego getrieben, doch mal kurz bei der FAZ anzurufen und ein paar unspezifische Infos zu geben, damit man, sollte bei der Geschichte was rumkommen, ein bisschen Publicity bekäme.
  3. Nordkoreas Politiker und Wissenschaftler sprechen öfter mal mit Ausländern. Das ist wahr. Sie sprechen mit vielen Ausländern und sie lassen sich von ihnen gerne Ratschläge geben. Das ist auch wahr! Sie sagen auch eher selten: „Danke für die Tips, aber das alles interessiert uns nicht, jetzt verschwinde, aber sag bitte zuhause, dass wir weiter Entwicklungshilfe wollen.“ Das stimmt. Stattdessen sind sie höflich, hören zu und sagen am Schluss auch artig: „Danke.“ Das ist wahr. Aber das alles heißt noch lange nicht, dass die Nordkoreaner die Ratschläge umsetzen. Sonst gäbe es heute in Nordkorea ganz sicher keine Atomwaffen mehr, auch keine Raketen, ebenso keine Gefangenenlager, vermutlich auch keinen „Sozialismus nordkoreanischer Prägung“ und höchstwahrscheinlich gäbe es auch keine Kim Jong Un Regierung. Man ist in Nordkorea darin geübt, gut gemeinte Ratschläge zu ignorieren. Warum das hier anders sein sollte, weiß ich nicht.
  4. Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann: Warum sind deutsche Juristen und Wirtschaftswissenschaftler eigentlich prädestiniert, nordkoreanische Kollegen bzw. Politiker darin zu beraten, ihre Wirtschaft nach dem Vorbild Vietnams umzugestalten. Ich meine, versteht ihr mein Problem? Warum fragen die Nordkoreaner nicht einfach die Kollegen in Vietnam? Schlechte Beziehungen gibt es ja schließlich nicht zwischen den Staaten und die Vietnamesen kennen sich bestimmt genausogut mit ihrem Wirtschaftssystem aus wie die deutschen Experten. Aber nein, die Nordkoreaner lassen lieber von den deutschen einen Masterplan ausarbeiten…Alles klar!

Nur für deutsche Medien berichtenswert.

Naja, aber diese kleinen Unstimmigkeiten hinderten fast keine der deutschen Medien daran, die Story breitzuwalzen und die kaum vorhandenen Infos zu etlichen Artikeln zu verwursten. Dabei scheint es auch keinen weiter gestört zu haben, dass ausländische Medien einen weiten Bogen um die Geschichte gemacht haben und die globale Sensationsökonomie, die sich ja sonst oft für nichts zu schade ist, das ganze fast vollständig missachtete (nur auf die Chosun Ilbo ist Verlass, aber wen wundert das schon). Eigentlich hätte ich zu dem ganzen Sachverhalt nicht viel mehr zu sagen, als das Adam Cathcart in seinem Tweet hier tat und eigentlich hatte ich auch nicht vor, dazu was zu schreiben.

Wenn schon blamieren dann richtig.

Aber irgendwie scheinen einige Medien hierzulande es unbedingt darauf anzulegen, sich so richtig zu blamieren, indem sie sich weder davon abschrecken lassen, dass es eigentlich keine Story gibt, noch davon, dass die Geschichte von Kollegen in anderen Staaten scheinbar nicht als glaubwürdig eingeschätzt wird und auch nicht davon, dass Leute, die sich mehr oder weniger jeden Tag mit Nordkorea beschäftigen recht offen sagen, dass da nichts dran ist.

Spiegel Online ist Spitze…irgendwie

An die Spitze der Ignorantenbewegung hat sich mittlerweile Spiegel Online gestellt. Dort werden in hoher Frequenz mittelmäßige Artikel zu Wirtschaftsthemen und dem „Masterplan im weiteren Sinne“ veröffentlicht. Die Artikel zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie sich als Berichtsanlass einzig auf den gehaltlosen Beitrag der FAZ stützen, sondern sie sind darüber hinaus auch noch jeweils für sich allein peinlich, weil schlecht recherchiert und reißerisch (oder versteht ihr, warum in diesem Artikel auf den Vorletzten UN-Bericht zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea verwiesen wird und nicht auf den Letzten und damit ein ziemlich verzerrtes Bild widergegeben wird (Wenn man bedenkt, dass der vorletzte Bericht Alarm schlug, der letzte aber Entwarnung gab))?

Schwächer geht immer.

Vorgestern setzte Spiegel Online seinem peinlichen Auftritt aber dann endgültig die Krone (oder Himbeere) auf. Da versuchte man aus einer langweiligen Liste eines drögen Wirtschaftsverbandes und auf Basis eines nahezu inexistenten Handels eine spektakuläre Enthüllungsgeschichte zu machen, was erstaunlicherweise nur mittelmäßig erfolgreich war. Das alles ist ja nicht neu und auch nicht spektakulär und eigentlich wäre es nicht der Rede wert (dass sich der Spiegel mit seinem Onlineauftritt und den Artikeln die für diesen erstellt werden, keinen Gefallen tut indem dort Quantität deutlichen Vorrang vor Qualität erhält, ist ja nicht unbedingt ne Neuigkeit), aber ich meine, wenn man schon eine Enthüllungsstory machen will, dann sollte man doch wenigstens die Munition nutzen, die sich dafür bietet. Wenn man noch nicht mal das schafft, dann blamiert man sich eben.

Was ich damit konkret meine? Der Autorin war aufgefallen, dass auf einer Liste des Ostasiatischen Vereins (OAV), der den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen deutscher Unternehmen in die Region (zu der Nordkorea ja definitiv gehört) fördern will, 15 Unternehmen gelistet waren, die Geschäftsbeziehungen nach Nordkorea hätten. So weit so unspektakulär, denn Handelsbeziehungen nach Nordkorea zu haben, ist weder verboten, noch ist es zwangsweise verwerflich. Dieser Eindruck soll aber wohl in dem Artikel vermittelt werden, auch wenn die Autorin irgendwo auch anerkennt:

Geschäfte in Nordkorea sind nicht automatisch illegal.

Achwas. Wenn man bei SpOn schon soweit ist, dann besteht ja noch Hoffnung…könnte man denken. Allerdings kann man den Gedanken kurze Zeit später dann auch wieder verwerfen. Denn die Recherche dieses Artikels reichte scheinbar nicht einmal bis zu Wikipedia. Dort hätte die Autorin nämlich ein bisschen was zum Schreiben finden können. Zum Beispiel über die Commerzbank. Ein Vertreter dieses Geldinstituts wird in dem Artikel wie folgt zitiert:

Die Geschäftspolitik der Commerzbank lässt grundsätzlich keine Geschäfte mit Nordkorea zu.

Hätte die Autorin zu diesem Thema mal ein bisschen weiterrecherchiert. In einem (zugegeben nicht offiziell erschienen) UN-Bericht hätte sie nachlesen können, dass die Commerzbank als Geschäftspartner einer nordkoreanischen Bank ins Blickfeld der UN gerückt wäre. Dass die Autorin nun aber nicht unbedingt wusste, dass das in diesem Bericht steht, kann ich ja nachvollziehen. Dass sie auch mein Blog nicht kennt ist auch Ok. Aber dass sie noch nichtmal auf die Idee kam, bei Wikipedia nachzulesen, wo neben den Beziehungen der Commerzbank zu den nordkoreanischen Geldhäusern Korea United Development Bank und der Amroggang Development Bank (die mittlerweile durch EU und UN sanktioniert ist) weitere lose Fäden aus der Story (wie die um die Firmengruppe Prettl) weitergeführt werden. Ich meine, natürlich ist es keine Schande, wenn mal ein Artikel erscheint, in dem nicht Wikipedia als wichtiger Informant herhalten muss. Aber wenn dann gleich vollkommen auf Recherche verzichtet wird, dann ist das schon nicht gerade eine Glanzleistung. Vor allem wenn man so recht einfach eine langweilige Geschichte ein bisschen interessanter hätte gestalten können…

Mit Verlaub…

Naja, sei’s drum. Diese Story passt ja perfekt ins Gesamtbild, das die deutsche Presse mit ihrem Hype zu Nordkoreas Wirtschaftsreformen abliefert. Da bleibt eigentlich abschließend nicht mehr viel zu sagen, außer die Worte zu wiederholen, mit denen Rüdiger Frank die Berichterstattung der westlichen Medien zu Kim Jong Uns Neujahrsansprache charakterisierte:

Mit Verlaub: Das ist ein Armutszeugnis für die westliche Berichterstattung.

und die Bitte an die deutschen Printmedien: Bitte lasst diese blöde Phantomdebatte doch einfach bleiben und schreibt doch lieber mal garnichts, statt igendwelchen schlecht recherchierten Kram. Mir wird’s nämlich auch langsam peinlich…

Nordkoreanisches „Guerilla-Marketing“. Wie Kims Regime die Welt überzeugen will…


Ich befasse mich von Zeit zu Zeit ja ganz gerne mit Nordkoreas Öffentlichkeitsarbeit weil das oft gleichermaßen kurios und interessant ist. Daher fand ich es auch sehr spannend, als ich diesen Artikel auf „Korea Realtime“ gelesen habe. Darin geht es darum, wie es dem nordkoreanischen Propagandaparat gelingt, hier und da auf internationaler Ebene, auch mal gute Presse zu bekommen. Die einfache Lösung: Wenn niemand freiwillig was gutes schreiben will, dann schreibt man es halt selbst und bezahlt für die Publikation, zum Beispiel die in Bangladesch erscheinende „BLITZ“. In der Folge kann man dann über diesen Erfolg mächtig stolz sein und wiederum einen Bericht über den Bericht verfassen und den auf KCNA veröffentlichen. Wozu das genau gut sein soll? Ich weiß es nicht und wie groß genau die Zahl der philosophiebegeisterten Bangladeschis ist, die sich für Kim Jong Ils wegweisende Schrift: „On Some Questions in Understanding The Juche Philosophy“ von 1976 interessiert, die Vorgestern in BLITZ erschien, kann ich natürlich nicht sagen und warum es gerade Bangladesch ist, dass wo man für den Abdruck der nordkoreanischen Propaganda bezahlt, auch nicht. Interessant ist es aber allemal. Und die Freude bei KCNA über diesen großen (wenn auch vorhersehbaren) Erfolg hört sich auch echt an.

Jedenfalls erinnerte mich dieser Artikel dann an etwas, das ich vor längerem Mal in einem alten Spiegel gesehen hatte (also die Zeitschrift jetzt, nicht mein Gesicht verschwommen oder sowas…). Dort (Ausgabe vom 15.12.1969) ging es nämlich um eine Werbekampagne des nordkoreanischen Regimes (mittelbar), mit der eine Kim Il Sung Biografie unter anderem in der „New York Times“ und der „Times“ beworben wurde. Und nicht zuletzt auch in der FAZ.

Ganz unideologisch. Wenn sie bezahlten, durften sogar die Kommunisten in der FAZ werben.

Das hatte ich damals schon recht witzig gefunden (über die Medienlandschaft in Deutschland scheint man sich nicht so richtig informiert zu haben. Die potentielle Zielgruppe unter den FAZ-Lesern dürfte damals wie heute nicht sonderlich groß gewesen sein), aber irgendwie finde ich es noch lustiger, dass man gute alte Traditionen beibehält und nur etwas an die heutigen Begebenheiten anpasst (Vielleicht sollten die Propagandaleute mal beim „Express“ aus Köln nachfragen. Viel teurer als bei ner bangladeschischen Zeitschrift sollte es da auch nicht sein, nen Artikel unterzubringen…). Naja, vielleicht gucke ich mir in Zukunft doch mal die KCNA Berichte an, in denen steht, dass diese und jene Arbeit der Kims irgendwo veröffentlicht wurde. Vielleicht aber auch nicht…