„Camp 14“: Warum mich der Film über Nordkoreas Gefangenenlager zuerst nicht interessierte und dann doch und warum man auf der Suche nach der „Wahrheit“ öfter mal die Perspektive wechseln sollte.


Eigentlich hatte ich ja nicht vor gehabt, etwas über den Dokumentarfilm „Camp 14“ des deutschen Marc Wiese zu schreiben.

Der Film und warum ich dachte, er interessiert mich nicht

Der Film beschreibt die Lebensgeschichte und das Leben Shin Dong-huyks, der in einem der berüchtigten nordkoreanischen Gefangenenlagern aufwuchs (das nordkoreanische Lagersystem ist recht Komplex und das Lager in dem Shin aufwuchs ist eines, aus dem man für gewöhnlich nicht entlassen wird), dann irgendwann floh und nach Südkorea kam, sich jedoch an diese Umgebung nicht wirklich gewöhnen kann. Ich hatte mir die Meinung gebildet, dass es eigentlich schon soviele Infos über das Schicksal der Lagerinsassen in Nordkorea gibt, dass es nicht nötig sei, irgendeinem Hype hinterherzulaufen, der nichts damit zu tun hat, dass hier irgendwas Neues oder gerade jetzt Relevantes erzählt wird, sondern eigentlich nur auf guter PR beruht. Außerdem stehe ich den Schicksalsberichten von Flüchtlingen immer ein bisschen kritisch gegenüber, denn die Leute, denen die Flucht aus Nordkorea gelingt, haben meistens nicht viel zu bieten, außer dem, was sie erlebt haben. Das lässt sich aber in den seltensten Fällen nachprüfen. Daher sollte man sich zumindest mal mit dem Gedanken befasst haben, dass die geschilderten Erlebnisse vielleicht den Ansprüchen derjenigen angepasst werden, die dafür bezahlen, sie zu hören. Naja, jedenfalls hatte ich soweit für mich selbst beschlossen, dass das Netz genug Infos über den Film vorhält und ich deswegen nicht noch in die Werbemaschine einstimmen muss.

Die Besprechungen…

Gestern habe ich aber (nicht gezielt, sondern zufällig (was entweder für die gute PR oder die Qualität des Films spricht) im Radio und im Fernsehen Besprechungen zu dem Film gehört, die mich in meiner Meinung umgestimmt haben und dazu führten, dass ich euch den Film empfehlen möchte (ich werde ihn mir auch angucken). Die erste Besprechung, die ich gestern gehört habe, kam im Deutschlandfunk in der Sendung Kultur heute. Wie gesagt, die Geschichte bzw. die Geschichten, die dort erzählt werden, hat man schon sehr oft gelesen oder gehört, wenn man sich mit dem Thema etwas auseinandergesetzt hat. Aber man hat (ich jedenfalls) noch nicht die Protagonisten dieser Geschichten gesehen und nur selten gehört. Und das ist schon etwas anderes, als ein Buch zu lesen. Das ist ein Punkt, der in dieser Filmbesprechung stark gemacht wird und der mich zum Teil überzeugte, mir den Film anzuschauen. Hier wird gesagt, dass allein das Agieren Shins die Zweifel an der Echtheit der Geschichte aus dem Weg räumt und das man andererseits durch sein Sprechen und Handeln einen indirekten Eindruck dessen gewinnen kann, das er erlebt hat.

…und warum mich der Film jetzt doch interessiert.

Was ich an der Besprechung überzeugend fand, war die Tatsache, dass auch über die Glaubwürdigkeit der Geschichte diskutiert und problematisiert wurde. Vor allem fand ich aber ein anderes Argument für mich persönlich sehr schlagend. Es wird darauf verwiesen, dass es eine der Aufgaben von Kino ist, den Erinnerungen und der Existenz solch grauenvollen Orten wie den nordkoreanischen Straflagern eine Gestalt zu geben. Ich finde gerade als Deutsche haben wir eine gewisse Verantwortung uns mit solchen Orten zu befassen, von denen keiner „weiß“ ob sie wirklich existieren und von denen sich viele Wünschen, dass sie nicht da sind. Ein Stückweit verleugnen wir unsere eigene Geschichte, wenn wir uns nicht auf die Seite derjenigen stellen, die sich immer wieder dafür rechtfertigen und die Welt überzeugen müssen, dass diese grauenvollen Orte tatsächlich existieren. Ein weiterer Aspekt, der mich von dem Film überzeugt, ist die Tatsache, dass auch Wärter aus solchen Lagern zu Wort kommen. Das gibt dem ganzen eine zusätzliche Authentizität, macht es aber gleichzeitig von einer weiteren Perspektive aus zugänglich und damit für mich interessanter.

Achgott die Wahrheit! Einige andere Blicke darauf.

Im Endeffekt stellt der Film trotzdem nur einen kleinen Stein in einem großen Puzzle dar. Natürlich wird man durch ihn nicht Nordkorea verstehen lernen. Vermutlich wird man durch ihn noch nichtmal die Wahrheit über die nordkoreanischen Lager erfahren — sich ihr aber vielleicht ein Stückweit nähern — man wird nur einen neuen Blick auf das Land und sein System bekommen, mit dessen Hilfe man die anderen Perspektiven, die man schon hat, ergänzen kann. Da ich grundsätzlich immer dafür bin, viele Blickwinkel auf ein Phänomen zu erhalten, um ein besseres Verständnis der Sache zu gewinnen, will ich euch auch hier Ansichten nicht vorenthalten. Eine sehr kritische Haltung gegenüber Flüchtlingen und ihren Geschichten vertritt zum Beispiel Felix Abt in diesem Artikel. Ich kann ihm bei weitem nicht in all seinen Schlüssen zustimmen, aber er bringt trotzdem einige interessante Punkte vor, mit denen man sich zumindest mal beschäftigen sollte. Ich habe ja oben gesagt, dass es etwas ganz anderes ist, etwas, bzw. jemanden zu sehen oder zu hören, als „nur“ über ihn zu lesen. Dementsprechend hat mich auch das Radiofeature „Lebensberichte aus Nordkorea“ sehr beeindruckt, dass weitegehend aus O-Tönen geflohener Nordkoreaner besteht. Das Feature gibt es leider nicht online zum nachhören (nur hier eine kleine Hörprobe), aber es wird von Zeit zu Zeit im öffentlich rechtlichen Radio wiederholt (und lohnt sich auf jeden Fall). Zuletzt will ich euch ein weiteres Mal auf das Standardwerk zum nordkoreanischen Lagersystem aufmerksam machen, dass auch wissenschaftlichen Ansprüchen Genügt. „The Hidden Gulag“ von David Hawk, das im vergangenen Jahr in stark überarbeiteter zweiter Auflage erschienen ist (ich empfehle beide anzuschauen, da nicht alle Informationen in beiden Büchern enthalten sind). Zur 1. Version geht es hier lang, die zweite Version gibt es hier.

Gut oder schlecht? Eure Entscheidung.

Naja und was den Film angeht. Ob er „gut“ oder „schlecht“, sehenswert oder nicht ist, das wird man erst sagen können, wenn man ihn gesehen hat. Ich werde ihn auf jeden Fall anschauen. Ob ihr das als Empfehlung nehmt oder nicht, das bleibt euch überlassen.

Ein ganz großer Erfolg — Deutscher Film gewinnt den Hauptpreis beim Pyongyang International Film Festival


Ich hatte euch ja vor ein paar Tagen das Pyongyang International Film Festival (PIFF) angekündigt und nach der Abschlussveranstaltung gestern gibt es erfreuliche Nachrichten für den Deutschen Film.“Der ganz große Traum“ von Sebastian Grobler hat nämlich in der Hauptkategorie gewonnen (sowas ist ja immer Geschmackssache…) und damit die relativ solide Erfolgsgeschichte deutscher Filme bei diesem Festival fortgesetzt. Darüber wurde Daniel Brühl für seine Hauptrolle in dem Film als bester männlicher Schauspieler geehrt.

In der Vergangenheit hatten bereits mehrfach deutsche Filme den Hauptpreis gewonnen. So wurde 2004 mit Margarethe von Trottas Mauerliebesgeschichte „Das Versprechen“ sogar eine recht heikle Thematik angesprochen, während das Nazijugenddrama „Napola — Elite für den Führer“ eher ins Weltbild passte. Genau wie das Widerstandsdrama „Sophie Scholl — Die letzten Tage“ der 2006 einen Sonderpreis gewann.

Nicht nur innerhalb des Wettbewerbs waren deutsche Filme gut vertreten, denn mit „Ganz nah bei dir“, „Goethe“, „Halt auf freier Strecke“, „Die besten Frauen der Welt“, „Almanya — Willkommen in Deutschland“, „Die Farbe des Ozeans“ und „Peak“ wurden sieben weitere deutsche Filme während des Festivals gezeigt, ohne am Wettbewerb teilzunehmen. Nicht ganz so gut sah es allerdings auf dem roten Teppich aus, was Vertreter aus Deutschland anging. Keiner der Regisseure oder Schauspieler trat die Reise nach Pjöngjang an, da es scheinbar in diesem Jahr Schwierigkeiten mit der Finanzierung gab.

Ganz ohne aktive deutsche Beteiligung musste das Ganze allerdings trotzdem nicht steigen, denn mit Dr. Uwe Schmelter stellte Deutschland in diesem Jahr den Jury-Präsidenten. Schmelter ist schon seit längerem sehr aktiv bei der Förderung des deutsch-nordkoreanischen Austausch im Bereich Film und spielte auch eine nicht unbedeutende Rolle bei der kleinen Tournee nordkoreanischer Filme durch deutsche Kinos im Jahr 2011. Ein ausführliches und interessantes Interview mit Schmelter zum diesjährigen Filmfestival findet ihr hier.

Das PIFF ist ein besonders gutes, aber bei weitem nicht das einzige, Beispiel dafür, dass man Nordkorea nicht immer unter den eindimensionalen Kategorien verstehen und sehen kann, die in unseren Breiten oft an das Land und seine Leute gelegt werden. Gut, dass es solche Veranstaltungen gibt und dass sich auch deutsche Akteure aktiv dafür einsetzen, dass auf diesem Wege nach gegenseitigem Verständnis gesucht wird.

Aktuelle Kinofilme über Nordkorea


Nachdem ich mich ja kürzlich mit dem Film in Nordkorea beschäftigt habe, gibt es jetzt was (kurzes) zum Film über Nordkorea: Ich habe eben nen recht interessanten Beitrag in der New York Times gelesen, der drei aktuelle Filme bespricht, die Nordkorea auf unterschiedliche Arten und von unterschiedlichen Standorten aus in den Blick zu nehmen scheinen. „Kimjongilia“, „The Juche Idea“ und „The Red Chapel“ scheinen drei sehr unterschiedliche Filme zu sein, so dass für jeden Geschmack was dabei sein dürfte. Wer weiß, vielleicht kommt ja einer von ihnen in ein Kino in eurer Nähe…

Oh, ich sehe gerade, dass das relativ junge Filmblog Blogville „The Juche Idea“ recht ausführlich (und auf deutscher Sprache) besprochen hat. Weiterhin gibts ne Besprechung des ebenfalls recht aktuellen Films „Dooman River„, auch das durchaus lesenswert…

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