Netze eingeholt: China untersagt Fischerei in nordkoreanischen Gewässern


Die Unstimmigkeiten zwischen China und Nordkorea bezüglich der Fischerei in den aneinandergrenzenden Seegebieten gehen weiter und bleiben nach wie vor undurchsichtig. Nachdem im Mai die Entführung eines chinesischen Fischerboots durch bewaffnete Nordkoreaner (höchstwahrscheinlich Militärs) öffentlich wurde, war es zwischen beiden Ländern zu diplomatischen Verwicklungen gekommen. Im Rahmen des Streits hatten die chinesischen Behörden offensichtlich die Informationssperre zu diesem Themenkomplex aufgehoben und dadurch den Blick auf eine Art mafiöses Netzwerk zwischen nordkoreanischen Militärs und chinesischen Schattenleuten freigegeben, die mit Löse- und Schutzgelderpressung (das Standardverfahren nach der relativ häufigen Entführung chinesischer Fischerboote) und dem Handel mit Fischereirechten in nordkoreanischem Territorium ihr Geld verdienen. Außerdem wurde offensichtlich, dass chinesische Fischer sehr häufig legal und illegal in nordkoreanischen Gewässern fischen.
Der Zugrundeliegende Konflikt wurde aber offensichtlich mit der Freilassung des Fischerbootes im Mai nicht behoben. Das machen Meldungen deutlich, nach denen die chinesischen Behörden ihren Fischerbooten die Fischerei in nordkoreanischen Gewässern untersagen.

Gefährliche Untiefen. In den Grenzgewässern zwischen Nordkorea und China sind die Verhältnisse nicht ganz klar. Der Verdacht liegt nahe, dass Angehörige der nordkoreanischen Marinebasen in der Region ihr Einkommen mit kriminellen Aktivitäten aufbessern. (Karte: Google Earth und North Korea Uncovered von North Korean Economy Watch)

Gefährliche Untiefen. In den Grenzgewässern zwischen Nordkorea und China sind die Verhältnisse nicht ganz klar. Der Verdacht liegt nahe, dass Angehörige der nordkoreanischen Marinebasen in der Region ihr Einkommen mit kriminellen Aktivitäten aufbessern. (Karte: Google Earth und North Korea Uncovered von North Korean Economy Watch)

Chinas Agrarministerium verbietet legale und illegale Fischzüge in nordkoreanischen Gewässern

Hiermit sind zwei verschiedene Fischereiaktivitäten gemeint. Einerseits geht es um legale, andererseits um illegale Fischzüge auf der anderen Seite der Grenze.
Für die legale Fischerei bestehen wohl feste Vereinbarungen, die die nordkoreanische Seite aber jetzt verändern wollte. Um genauer zu sein, wollte sie die chinesischen Bootseigner dazu zwingen, ihre Schiffe von nordkoreanischen Lieferanten betanken zu lassen. Vermutlich sah man hierin einen lukrativen Nebenverdienst, bzw. man wollte möglicherweise die Preise für die Fischereisätze, die vermutlich vertraglich festgesetzt sind, auf diesem Umweg erhöhen. Diesem Ansinnen stand die chinesische Seite allerdings ablehnend gegenüber. Das Landwirtschaftsministerium erklärt die Ablehnung und das damit zusammenhängende Verbot der Fischerei in nordkoreanischen Wassern (kann man das schreiben, oder ist nur „Gewässern“ richtig?) mit Sicherheitsbedenken, was zwar mit Blick auf die Geschichte im Mai nicht gelogen sein dürfte. Allerdings fällt es mir schwer, den Zusammenhang zwischen der (wohl teureren) Zwangsbetankung und Sicherheit herzustellen. Aber vielleicht haben die Chinesen einfach den Kapitalismus schon so gut verinnerlicht, dass man dem Begriff Sicherheit auch die Sicherheit der garantierten Gewinne subsummieren kann.
Aber auch die illegale Fischerei wurde von den Behörden nochmal hoch offiziell untersagt und mit Strafverfolgung bedroht. Das ist interessant, denn damit gibt man erstens zu, dass diese illegale Fischerei existiert und dass sie zweitens bisher nicht verfolgt wurde. Das könnte man also als konziliantes Signal an die nordkoreanische Führung sehen. Muss man aber nicht. Ich weiß nämlich nicht genau, ob mit dieser hier genannten illegalen Fischerei auch der Handel mit Fischereirechten durch die oben angesprochenen mafiösen Netzwerke gemeint ist. Wenn das so ist, dann ist das auch ein Schlag gegen diese Strukturen und damit ein Schlag gegen eine Versorgungsquelle der nordkoreanischen Armeeeinheiten im Grenzgebiet, die über diese Aktivitäten Einnahmen zur Selbstversorgung generierten.  Damit wäre die nordkoreanische Führung entweder gezwungen, die Einheiten mit eigenen Mitteln zu finanzieren oder sie noch mehr darben zu lassen.

Weiterhin ungelöster Konflikt mit unterschiedlichen großen und kleinen Interessenlagen

Insgesamt zeigt sich in diesen Meldungen sehr deutlich, dass weiterhin ein deutlicher Konflikt besteht. Die chinesische Führung verlangt von Nordkorea nicht weniger als Sicherheit für die Boote und Rechtssicherheit bei den Fischereigeschäften. Die chinesischen Fischer klagen gleichzeitig, dass sie nichts zu fischen hätten, wenn sie nicht in nordkoreanischen Gebieten ihre Netze auswürfen, während die nordkoreanische Führung sich damit auseinandersetzen muss, dass das eigene Gebaren nicht besonders nachhaltig ist (wenn man die chinesischen Fischer lässt, dann ist das Meer vor Nordkorea irgendwann auch so leer, dass es da nichts mehr zu fischen gibt) und dass man sich wohl oder übel ein neues Finanzierungsmodell für die Militäreinheiten an der Grenze zu China überlegen muss. Schutzgelderpressung und Entführung scheinen die Chinesen nicht mehr zu dulden, was die Führer und Mannschaften der nordkoreanischen Militäreinheiten wiederum unglücklich machen dürfte, denn sie müssen sich auf ein kargeres Leben einstellen.

Isolierter Konflikt mit Störpotential für die große Politik

Nach wie vor denke ich, dass es sich bei diesem gesamten Komplex um ein isoliertes Problem handelt. Dieser Fischereistreit interferiert so lange nicht mit der großen Politik, so lange kein übermäßiger Druck aus der chinesischen Öffentlichkeit entsteht. Das kann aber schnell passieren, wenn es zu weiteren Bootsentführungen kommt. Wir werden also weiterhin sehen müssen, was sich in diesem Bereich tut aber wir sollten vorsichtig damit sein, Schlüsse hieraus auf andere politische Entwicklungen zu ziehen.

Ein Boot wird kommen — Festsetzung eines chinesischen Fischerbootes in Nordkorea könnte die Beziehungen belasten


Als ich gestern die Geschichte von einem chinesischen Fischerboot las, dass samt Besatzung nach Nordkorea gebracht worden sei und nun dort festgehalten würde, dachte ich zuerst an eine Ente. Denn ziemlich genau vor einem Jahr hat sich ziemlich genau dieselbe Geschichte zwischen beiden Staaten schonmal ereignet. Damals  waren es allerdings drei Fischerboote und nicht nur eines und damals wurden auch 29 Fischer festgehalten und nicht nur 16.
Trotzdem dachte ich zuerst, dass vielleicht ein übereifriger Pressemensch eine alte Pressemitteilung als neue gelesen hätte, weil ihm die Jahreszahl entgangen sei. Dem ist aber offensichtlich nicht so, denn mittlerweile wurde der Zwischenfall auch von chinesischen Medien bestätigt. Diese geben an, dass die chinesische Botschaft in Pjöngjang sich aktiv um eine Freilassung der Seeleute bemühe. Diese Bemühungen dauern wohl schon einige Zeit an, denn den Berichten zufolge bat der Besitzer des Bootes, Yu Xuejun, das chinesische Außenministerium am 10. Mai um Hilfe in den Fall. Das Boot, dass aus der chinesischen Stadt Dalian am Gelben Meer kam, sei allerdings schon am 5. Mai festgesetzt worden und es sei eine Forderung zur Zahlung von etwa knapp 600.000 Remninbi (also knapp 100.000 US-Dollar) ergangen. Die Frist für die Zahlung soll gestern ausgelaufen sein, was ein Grund  für die Bekanntmachung des Zwischenfalls sein könnte. Es scheint mir auch so, dass es Yu war, der den Zwischenfall jetzt in die Öffentlichkeit trug und das Außenministerium mit seiner Bekanntmachung nur auf die schon geschaffenen und nicht mehr rückgängig zu machenden Fakten reagierte.

Vorfall fällt in Zeit gespannter Beziehungen zwischen China und Nordkorea

Während vieles an den Zwischenfällen vom vergangenen und diesem Jahr sehr ähnlich klingt, gibt es aber auch zumindest einen wesentlichen Unterschied. Im vergangenen Jahr war der Vorfall vor allem deshalb so mysteriös, weil bis heute nicht abschließend klar ist, wer eigentlich die chinesischen Boote gekapert hat. Die Personen sollen zwar Uniformen getragen haben, allerdings konnten diese nicht zugeordnet werden und von nordkoreanischer Seite gab es nie eine Erklärung zu dem Vorfall. Dieses Mal klingt es ganz stark danach, als seien es zuständige nordkoreanische Behörden, die für die Festsetzung des Schiffes verantwortlich seien, also wohl die Küstenwache. Insgesamt klingt in den Meldungen weniger mysteriöses mit, was das Ganze mit Blick auch die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen allerdings nicht weniger interessant macht.
Um diese Beziehungen steht es nämlich aktuell nicht besonders gut, auch wenn man versucht sie auf der Arbeitsebene mehr oder weniger intakt zu belassen, zeigt sich die Rhetorik zunehmend scheppernd (lest dazu zum Beispiel das hervorragende „KCNA_China File No. 23“ von Sino-NK). Die Beziehungen zwischen beiden Staaten sind seit Monaten gestört (was man eher als „nicht so gut wie normalerweise“ denn als „schlecht“ verstehen sollte), nachdem Nordkorea mit seinen Raketen- und Atomtests sowie der aggressiven Rhetorik in der Folge für Unruhe gesorgt hatte, während China sich mit öffentlicher Kritik an Nordkorea nicht wirklich zurückhielt, Sanktionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zuließ und sich zuletzt den Finanzsanktionen der USA gegen Nordkorea anschloss. Nicht zuletzt trifft der zunehmende Nationalismus in der chinesischen Gesellschaft auch Nordkorea. Die chinesische Öffentlichkeit, die bei solchen Fällen schnell in Zorn gerät, hat sich schon bei dem Vorfall vor einem Jahr empört bis wütend gezeigt und war auch in den vergangenen Monaten Nordkorea gegenüber eher kritisch gestimmt.

Störpotential

Der aktuelle Vorfall könnte daher die Beziehungen beider Staaten weiter stören. Einerseits dürfte sich die chinesische Führung schnell einem deutlichen Druck  aus der Bevölkerung ausgesetzt sehen, andererseits kann man in Peking ohnehin nicht damit zufrieden sein, dass chinesische Fischerboote von nordkoreanischen Behörden für Lösegeld „entführt“ werden. Allerdings scheinen diese Vorgänge häufiger zu passieren, als wir das denken. Dieser von Sino-NK übersetzte Artikel enthält unter anderem Hinweise darauf, dass solche „Geiselnahmen“ regelmäßig vorkommen und normalerweise im Verborgenen gelöst werden. Das ist auch kein großes Wunder bei der, wie überall in der Region, ungeklärten Grenzziehung, die zu Streit um Fischgründe führt. Jedoch laufen die „Entführungen“ wie gesagt ansonsten im Verborgenen ab und weil das in diesem Fall  nicht so ist, scheint da etwas schief gelaufen oder eine Nachricht ausgesandt zu worden zu sein.

Botschaft oder schlechtes Krisenmanagement Pjöngjangs

Welche Nachricht genau das sein soll ist schwierig zu sagen: Es könnte sein, dass der Führung in Pjöngjang einfach nichts Besseres einfällt, um seine Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der chinesischen Führung auszudrücken. Das wäre dann allerdings ein kurzsichtiges Verhalten, denn im Endeffekt reizt man damit nur Führung und Bevölkerung in China, ohne selbst einen Gewinn davon zu haben. Vielleicht will man auch über die Grenzziehung sprechen. Aber dafür ist momentan vermutlich so ziemlich die schlechteste Zeit. Vielleicht liegt das Problem auch auf viel niedrigerer Ebene: Der Bootsbesitzer wollte nicht mit dem Geld rüberkommen und die Nordkoreaner wollten sich das Geschäft nicht kaputt machen und deshalb niemanden ohne Lösegeld gehen lassen. Dann wäre es allerdings wieder an der Führung in Pjöngjang gewesen, den Fall zu moderieren. Wenn das so war, dann hat die Führung das entweder versäumt, oder sie konnte keinen Einfluss nehmen. Beides würde kein gutes Licht auf die Führung werfen.
Es gibt vermutlich noch einige weitere Erklärungsansätze, aber die fallen mir gerade nicht ein. Leider werden wir vermutlich auch hier nicht erfahren, was im Endeffekt wirklich dahinter gesteckt hat, aber nichtsdestotrotz werde ich das im Auge behalten und euch im Zweifel über neue Entwicklungen informieren.