Nordkorea und Südostasien: Ein besonderes Verhältnis? (VII): Die Flüchtlingsfrage


Die Staaten Südostasiens scheinen in der strategischen Planung Pjöngjangs eine besondere Rolle zu spielen, die sich vor allem an einem besonderen Engagement Nordkoreas und einem verstärkten Interesse anderer Mächte zeigt.

Doch was könnten Gründe für eine Sonderstellung Südostasiens in den Überlegungen Pjöngjangs sein und trifft die Annahme einer Sonderstellung überhaupt zu? In dieser Serie werde ich mich regelmäßig diesen Fragen widmen und mich dem Thema auf der Suche  nach möglichen Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln nähern…

Klicke auf das Bild und finde die anderen Artikel der Serie...

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Wie ich gerade festgestellt habe, ist es schon über ein Jahr her, dass ich mit dieser Serie begonnen habe. Einerseits ist das natürlich ganzschön lange und vielleicht sind die Abstände zwischen den einzelnen Beiträgen auch etwas groß, andererseits zeigt es aber auch, dass es Sinnvoll ist, Artikel in diesem Format zusammenzubinden, denn irgendwie finde ich, dass sich das wohltuend von meiner sonstigen Praxis abhebt, in der die Artikel zwar oft irgendwie zusammenhängen, aber eben keinem roten Faden folgen. Und naja, in meiner Idealvorstellung kann man am Ende dieser Serie ihren Inhalt von vorne bis hinten durchlesen und nimmt das alles dann als ein Ganzes wahr, das optimalerweise auch noch sinnvoll strukturiert ist. Aber das sind nur ein paar Grundsatzüberlegungen am Rande.

Aktuelle Relevanz: Laos schickt nordkoreanische Flüchtlinge zurück

Dass ich gerade heute an der Serie weiterschreibe ist kein Zufall, sondern — neben meinem Wissen, dass es langsam mal wieder an der Zeit ist — der Tatsache geschuldet, dass aktuelle Ereignisse mein Thema eingeholt und auf die Agenda gesetzt haben, so dass es sich jetzt einfach anbietet, mal weiterzumachen. Ich hatte nämlich in meinem „mentalen Publikationsplan“ als nächstes Thema die Flüchtlingsfrage vorgemerkt, die erstmal nicht besonders relevant scheint, die aber ein bestimmendes Element nordkoreanischer Außenpolitik gegenüber den Staaten Südostasiens, vor allem den Festlandstaaten darstellt. Wie das kommt und wie sich das auswirkt, dazu später mehr. Erstmal kurz die aktuelle Geschichte und ihre Hintergründe.

Anfang Mai sind in Laos neun junge nordkoreanische Flüchtlinge festgenommen worden. Zuvor waren sie über China dorthin geflohen. Nach der Festnahme versuchte Südkorea erfolglos auf diplomatischem Wege dafür zu sorgen, dass die Neun Personen im Alter zwischen 15 und 23 Jahren nach Südkorea ausreisen dürften. Stattdessen hat die laotische Regierung die neun jedoch nach China zurückgeschickt. Von dort aus scheinen sie mittlerweile nach Nordkorea ausgeflogen worden zu sein. Dort droht Flüchtlingen, vor allem wenn der Verdacht besteht, dass sie mit Südkoreanern in Kontakt kamen, eine schwere Strafe. Diese Geschichte steht zum Glück nur in Teilen sinnbildlich für das Schicksal vieler nordkoreanischer Flüchtlinge. Denn während die Route für den Großteil der Flüchtlinge, die am Ende in Südkorea oder den USA ankommen „normal“ ist, gelingt den Meisten die Ausreise und es scheint recht selten, dass Personen gefangen genommen und nach Nordkorea deportiert werden.

Das Zugrunde liegende Problem: Warum die „Underground Railroad“ durch Südostasien führt

Um zu verstehen, warum die nordkoreanischen Flüchtlinge eine solch beschwerliche Reise auf sich nehmen müssen, um am Ende nach Südkorea zu gelangen, hilft ein Blick in die Karte:

Fluchtwege

Es gibt nur den Weg Richtung Norden, aber auch von dort aus, gelangen die Flüchtlinge nicht an ihr Ziel.

Der naheliegende direkte Weg Richtung Süden ist annähernd hermetisch abgeriegelt. Die Grenzkontrollen, die hohe Militärpräsenz im Grenzgebiet und andere Gefahren wie Minenfelder, machen eine Flucht über die Landgrenze nach Südkorea nahezu unmöglich. Auch der Seeweg ist weitgehend verschlossen. Auch wenn in der jüngeren Vergangenheit einzelne Bootsfluchten gelangen, so ist dieser Weg trotzdem von nordkoreanischer Seite stark überwacht und für die Flüchtenden, wegen der Risiken des Meeres und der Schwierigkeiten an ein Boot zu gelangen, häufig nicht ungefährlich. Relativ leicht ist dagegen eine Ausreise nach China möglich. Die Grenze ist porös, die Grenzbeamten häufig korrupt und ein kleiner Grenzverkehr zum Handel treiben nichts Ungewöhnliches. Während der Weg nach Russland wegen der geographischen Abgelegenheit des Grenzgebietes eher beschwerlich ist, ist der Übergang nach China im Grunde genommen sehr einfach.

Allerdings ist die Flucht, dort einmal angekommen bei weitem noch nicht beendet. Denn China erkennt nordkoreanische Flüchtlinge nicht als solche an, sondern schreibt ihnen den Status von Wirtschaftsmigranten zu (also der selbe Trick, mit dem auch die EU im Mittelmeerraum mit sehr zweifelhaften Methoden den Flüchtlingsstrom abwürgen will, was ebenfalls zu einer Art humanitärer Katastrophe führt, aber das ist ein unangenehmes Thema und deshalb spricht man lieber über die Flüchtlinge der Anderen.). Das sorgt dafür, dass sie völkerrechtlich einen anderen Status haben und keinen besonderen Schutz genießen. Kurz: Sie können abgeschoben werden, sind illegal und haben auch nicht die Möglichkeit oder das Recht, Ausreisepapiere zu bekommen. Mehr zu dieser rechtlichen Frage könnt ihr zum Beispiel im Bericht des Sonderberichterstatters des UN-Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen zur Situation der Menschenrechte in Nordkorea aus dem Jahr 2011 nachlesen. Hier habe ich mich auch schonmal kurz damit befasst und den Bericht verlinkt.

Dieser Sachverhalt führt auch dazu, dass es immer mal wieder zu Konflikten um die Deportation nordkoreanischer Flüchtlinge aus China kommt. Generell scheint China jedoch dieses Thema möglichst klein halten zu wollen. Das heißt man sieht bei den Aktivitäten der Flüchtlinge weg, unterstützt Nordkoreas Position aber so weit, dass man die Flucht nicht legalisiert. Das heißt jedoch für die Flüchtenden, dass sie aus China weiter in andere Länder flüchten müssen, die eine Ausreise nach Südkorea möglich machen. Und das ist der Punkt, an dem die Staaten Südostasiens ins Spiel kommen und sich wiederum ein Blick in die Karte lohnt:

Der Weg ist weit, doch das Ziel lohnend. Die Flüchtlinge legen unter der ständigen Gefahr entdeckt zu werden einen Weg von mehreren Tausend Kilometern auf sich.

Der Weg ist weit, doch das Ziel lohnend. Die Flüchtlinge legen unter der ständigen Gefahr entdeckt zu werden einen Weg von mehreren Tausend Kilometern auf sich.

Denn die gängigste Route der Flüchtlinge führt sie wohl geradewegs nach Südostasien. Ein Teil scheint zwar auch über die Mongolei auszureisen, aber in den Depeschen des US-Außenministeriums, die von Wikileaks im Jahr 2010 veröffentlicht wurden und die zu diesem Thema eine einzigartig gute Quellensammlung darstellen (weshalb ich mich von hier an hauptsächlich darauf stütze und die meisten Links zu den Cablegate-Depeschen führen), klingt durch, dass die mongolische Regierung zwar keine nordkoreanische Flüchtlinge zurückschickt, aber sie auch nicht als Flüchtlinge anerkennt, was wohl soviel heißt, dass die Sache der Führung in Ulan Bator unangenehm ist, dass man drüber nicht viel Geräusch will und dass die Flüchtlinge nicht wirklich willkommen sind und ihr Status unsicher bleibt.

Der Umgang der Staaten Südostasiens mit nordkoreanischen Flüchtlingen: Ein sensibles Thema

Jedoch sind die Flüchtlinge, wie die einleitende Geschichte verdeutlicht, selbst dann noch nicht gerettet, wenn sie in Südostasien eintreffen. Zwischen Thailand und Südkorea besteht ein relativ eingespieltes System, das die Ausreise der Flüchtlinge garantiert und ihnen Sicherheit bietet. Allerdings gibt es keine direkte Grenze zwischen China und Thailand. Das heißt, die Flüchtlinge müssen zuerst entweder durch Laos oder durch Myanmar. Beide dulden diesen Transitverkehr offenbar nur ähnlich widerwillig wie China. Die Beziehungen zwischen der laotischen Führung und den Herrschenden in Pjöngjang kann als sehr gut beschrieben werden, während die Kontakte zwischen Myanmar und Nordkorea sich auf Betreiben der USA in letzter Zeit abgekühlt haben dürften. Ein Teil dieser Beziehungen dürfte dabei sein, dass Pjöngjang von den Führungen in Rangun bzw. Naypidaw und Vientiane verlangt, rigide mit den Flüchtlingen umzugehen, während die USA und Südkorea versuchen sich für das Gegenteil einzusetzen.

Während Pjöngjang in Laos und Myanmar damit durchaus erfolgreich zu sein scheint, wurde Thailand offensichtlich zumindest bis 2007 von Seiten Nordkoreas nicht auf das Thema angesprochen und ist so dass Thailand die zentrale Anlaufstelle der „underground railroad“ der nordkoreanischen Flüchtlinge darstellt. Nichtsdestotrotz hat sich selbst Thailand in der Vergangenheit mitunter widerwillig gezeigt zu haben, was den Umgang mit Flüchtlingen betrifft, was allerdings auch mit den Lasten zusammenhängen könnte, die das Land zu tragen hat.

Neben der Ausreise über Thailand versucht auch ein Teil der Flüchtlinge über andere Staaten nach Südkorea zu kommen. Entweder Myanmar oder Laos, die ohnehin durchquert werden müssen, aber auch Kambodscha und Vietnam werden mitunter genutzt. In all diesen Staaten scheint die Ausreise jedoch wesentlich schwieriger zu sein. Häufig müssen die Flüchtlinge eine Botschaft oder ein Konsulat eines anderen Landes erreichen, um nach Südkorea oder in die USA zu gelangen.

Vietnam stellt einen interessanten Sonderfall dar, der auch gut belegt, wie sensibel das Thema in Pjöngjang gesehen wird. Bis zum Jahr 2004 war nämlich nicht Thailand, sondern Vietnam die Hauptanlaufstelle der nordkoreanischen Flüchtlinge. Von dort wurden sie offensichtlich diskret nach Südkorea geschickt. Das änderte sich allerdings, als über die südkoreanischen Medien bekannt wurde, dass 450 Flüchtlinge auf einen Schlag aus Vietnam nach Südkorea ausgereist waren. Vietnam war verärgert über die Indiskretion und es gab eine schwere Verstimmung zwischen Nordkorea und Vietnam, die dazu führte, dass Pjöngjang seinen Botschafter aus Hanoi zurückrief und die Beziehungen noch Jahre darunter litten. Nach diesem Vorfall änderte Vietnam die Praxis im Umgang mit den Flüchtlingen, agierte von nun an sehr restriktiv und verschärfte seine Grenzkontrollen, so dass es nur begrenzt als Anlaufstelle gesehen werden kann.

Die hier nicht genannten Staaten Südostasien, also Malaysia, Indonesien, die Philippinen und Brunei sind bezüglich dieses speziellen Themas nicht so interessant, da sie geographisch für die Flüchtlinge kaum erreichbar sind.

Warum ist die Flüchtlingsfrage der nordkoreanischen Regierung wichtig?

Kurz möchte ich noch die Frage anreißen, weshalb die nordkoreanische Führung sich überhaupt solche Mühe gibt, den Flüchtlingen den Weg in die Freiheit zu verbauen. Ganz kurz beantwortet kann man sagen, dass der Grund ein ganz ähnlicher ist, wie der, der den Bau des antiimperialistischen Schutzwalles der DDR motivierte, denn entgegen dem Namen war der Hauptzweck der Mauer, die Leute im Land zu halten und so ein Ausbluten der DDR zu verhindern. Die Führung in Pjöngjang dürfte Angst haben, dass es zu einer umfassenden Fluchtbewegung und damit einer Destabilisierung käme, wenn es „zu leicht“ wäre, das Land in Richtung Südkorea zu verlassen. Das zentrale Puzzelteil ist hier zwar China, aber auch die Staaten Südostasiens spielen eine gewisse Rolle und wie ja oben deutlich wurde, besteht für Fluchtwillige gleich eine mehrfache Barriere. Sie müssen erstens Nordkorea bis zur chinesischen Grenze durchqueren, dann zweitens die Grenze überqueren, drittens China bis nach Südostasien durchqueren, dann viertens über die Grenze nach Laos oder Myanmar um fünftens nach Durchquerung des jeweiligen Landes nach Thailand zu kommen. Die Hürden sind also hoch und wenn die nordkoreanische Führung einen der „Partner“ in diesem Spiel verliert, werden sie niedriger und so wird die Flucht leichter und die Motivation das auf sich zu nehmen höher.

Was unerwähnt blieb und doch wichtig ist

Nicht geschrieben habe ich in diesem Beitrag von den professionellen Schleppernetzwerken, die die Reise nicht nur aus reiner Nächstenliebe organisieren (auch wenn die mitunter an christliche Organisationen angedockt sind), sondern damit gutes Geld verdienen und die Flüchtlinge mitunter auch auf andere Arten ausbeuten. Das sind zwar ebenfalls sehr wichtige Themen, aber sie gehören nicht zu dem hier dargestellten Südostasien-Nordkorea-Komplex. Wenn ihr aber die verlinkten Depeschen aufmerksam lest, dann werden euch recht schnell Hinweise auf diese Geschäfte und Ausbeutung auffallen. Interessant finde ich auch hier nochmal den Bezug zur EU. Wenn wir von Schleppernetzwerken etc. hören, dann ist das ganz klar, das sind die Bösen. In Südostasien sind es die Guten. Warum? Weil ja schon Nordkorea den Job des Bösewichts hat und weil die Flüchtlinge am Ende nicht bei uns landen. Naja, aber das gehört auch nicht zum Thema.

Wichtiger Faktor in der Beziehung Nordkoreas zu den Staaten Festland-Südostasiens.

Ich weiß nicht genau, wie hoch die Bedeutung der Flüchtlingsfrage für die „Sonderbeziehungen“ zwischen den betreffenden Staaten und Nordkorea einzuschätzen sind, allerdings würde ich sie als relativ wichtig einordnen. Wenn man sieht, dass Nordkorea aufgrund dieser Frage bereit ist, seine guten Beziehungen zum ideologisch und historisch nahen Vietnam zu riskieren, dann heißt das schon was. Es erklärt sicherlich nicht die volle Bandbreite der besonderen Aufmerksamkeit, die die Region in der nordkoreanischen Außenpolitik genießt, aber sicherlich einen Teil davon.
Hm, so langsam neigt sich die Serie dem Ende zu. Wenn mir nicht noch was Spannendes einfällt, dann gibt es noch einen inhaltlichen Teil, der sich eher mit Nordkoreas schwieriger politischer Positionierung, Stichwort „Isolation“ auseinandersetzt und dann noch den zusammenfassenden und bewertenden Schluss. Aber bis dahin sind ja noch ein paar Monate hin.

Nordkoreanische Flüchtlinge in Südostasien — Veränderte politische Linie Vietnams?


Die Frage des Umgangs mit den nordkoreanischen Flüchtlingen, die das Land verlassen, um sich an einem anderen Ort, vor allem in Südkorea, niederzulassen, ist in den letzten Monaten so präsent wie lange nicht mehr.

China beim Umgang mit nordkoreanischen Flüchtlingen im Fokus der Kritik…

Dabei stand vor allem China immer wieder in der Kritik, weil es die Flüchtlinge nach Nordkorea deportierte, wenn sie von den chinesischen Behörden aufgegriffen wurden. China hat mit der Flüchtlingspolitik zwar einen mächtigen Hebel in der Hand, mit der es das Regime in Pjöngjang möglicherweise bis in seine Grundfesten erschüttern würde, aber es traut sich nicht, diesen Hebel zu berühren. Insgesamt ist die Flüchtlingsfrage in Peking sehr sensibel und am liebsten würde man vermutlich garnicht an dieses Problem erinnert.

…aber das ist nur ein Element des Themas

Was aber viel seltener Eingang in die mediale Berichterstattung findet, sind die Konsequenzen, die Chinas rigide Haltung für die Flüchtlinge hat. Diese müssen nämlich, um ihren Plan zur Übersiedlung in ein anderes Land umzusetzen, einen Ort finden, an dem sie eine südkoreanische Botschaft erreichen und dorthin ausreisen können, oder an dem sie auf anderem Weg ausreisen können. Diesen Ort finden die Flüchtlinge sehr häufig in den Staaten Festland-Südostasiens. Vor allem Thailand ist Anlaufpunkt, aber auch über die Staaten, die Nordkorea eigentlich ideologisch und historisch näher stehen, nämlich Kambodscha, Laos und Vietnam läuft einiges. Allerdings ist das Thema für die jeweiligen Staaten sehr sensibel, weil es ein Problem im Umgang mit Nordkorea darstellen kann und das auch tut und daher dringt kaum einmal etwas darüber an die Öffentlichkeit.

Thailand: Ein sensibles Thema

Daher war ich sehr verwundert, dass es in den letzten Tagen gleich zwei Meldungen gab, die die nordkoreanischen Flüchtlinge in Südostasien betreffen. Zum Einen ging es dabei um die Festnahme von 19 nordkoreanischen Flüchtlingen in Thailand. Offenbar wird dabei nur die ziemlich normale Prozedur beschrieben, die anläuft, wenn nordkoreanische Flüchtlinge in Thailand aufgegriffen werden. Sie wurden direkt, als sie vom Boot kamen festgenommen und dann in eine „Schutzeinrichtung“ gebracht (soweit ich das gehört habe, gibt es gesonderte Flüchtlingsunterkünfte für nordkoreanische Flüchtlinge in Thailand). Da sie den Wunsch geäußert haben, in ein Drittland auszureisen, wird nun geprüft ob dieses Land (für gewöhnlich Südkorea) bereit ist sie aufzunehmen. Das ist wohl vor allem ein formaler Vorgang und nach einiger Zeit dürfen sie dann nach Südkorea reisen. All das passiert in Thailand im Jahr vermutlich hundertfach. Ich weiß nicht, warum gerade hier die Medien informiert wurden und darüber schreiben, aber es kann damit zu tun haben, dass man dem Thema in Südkorea eine höhere Publicity verschaffen will. Es könnte aber auch eine Verknüpfung von Zufällen dahinter stecken.

Vietnam: Ende eines stillen Übereinkommens?

Der zweite Vorfall, von dem berichtet wird ist inhaltlich sicherlich interessanter, auch wenn weniger Fakten bekannt sind. In Ho Chi Minh Stadt wurde ein südkoreanischer Aktivist von den vietnamesischen Behörden festgenommen, weil er nordkoreanischen Flüchtlingen bei der Ausreise nach Südkorea geholfen habe. Die konkreten Vorwürfe, die gegen ihn erhoben würden, seien bisher nicht bekannt, die südkoreanischen Behörden arbeiteten daran ein Gespräch mit dem Aktivisten führen zu dürfen. Angeblich soll er bereits 2004 in Thailand 400 nordkoreanischen Flüchtlingen die Ausreise nach Südkorea ermöglicht haben.

Dass er nun verhaftet wurde, ist in zweierlei Hinsicht interessant. Einerseits verfolgen eigentlich alle Staaten in der Region eine Politik, in der die Ausreise der Flüchtlinge möglichst geräuschlos abläuft, so dass am Ende alle Seiten zufrieden sein können und niemand sein Gesicht verliert. Es existiert quasi ein stilles Übereinkommen, in dem die verschiedenen Seiten höchstens versuchen, hinter den Kulissen das Vorgehen der Behörden ihren Vorstellungen und Zielsetzungen entsprechend zu beeinflussen. Verhaftet man einen Aktivisten, dann kann man sicher sein, dass das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rückt und dass nicht mehr hinter den Kulissen, sondern durch die Medien kommuniziert wird. Das stille Übereinkommen hat ein Ende und es wird ein offener Streit ausgetragen, der keiner Seite gefallen kann. Wenn die Behörden sich also entscheiden, einen Aktivisten zu verhaften, dann muss es dafür Gründe geben. Das erinnert mich daran, dass in China vor einigen Monaten ähnliches passiert ist (dabei fällt mir ein: Sitzen die Leute die da verhaftet wurden immer noch in China fest? Wahrscheinlich schon. Habe nichts anderes gehört). Vielleicht hat Pjöngjang durch seine verstärkten diplomatischen Bemühungen in den letzten Monaten und Jahren Überzeugungsarbeit geleistet und es geschafft dafür zu sorgen, dass Vietnam schärfer gegen die Helfer der Flüchtlinge vorgeht.

Zum anderen scheint gerade der Helfer, den sich die vietnamesischen Behörden nun rausgepickt haben ja kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Wenn die Zahl von 400 Flüchtlingen in 2004 stimmt, dann hätte dieser Mann bei etwa einem Viertel der geglückten Fluchten in diesem Jahr seine Finger im Spiel gehabt (hier die offizielle Flüchtlingsstatistik des südkoreanischen Vereinigungsministeriums). Und wenn er sowas deichseln kann, dann ist er sicherlich kein Einzelkämpfer, sondern eher eine Art Ikone, die vermutlich auf ein Netzwerk zurückgreifen kann. Das bringt mich dann wieder zurück zu den Verhaftungen in China, denn vielleicht besteht da ja ein Zusammenhang (aber das ist reine Spekulation). Gleichzeitig setzt man durch ein solches Vorgehen natürlich ein Zeichen: „Wir wissen was ihr macht und wenn wir wollen, dann bereiten wir dem schnell ein Ende. Wenn wir Lust haben nehmen wir einen eurer wichtigsten Leute fest und weisen ihn aus.“ Also deutet auch die Person die da festgenommen wurde darauf hin, dass Vietnam seine Linie in der Flüchtlingspolitik möglicherweise verändern könnte.

Bewegung zugunsten Pjöngjangs?

Es scheint etwas in Bewegung gekommen zu sein auf diesem Feld. Das Bild das sich ergibt ist zwar noch nicht wirklich klar, aber es sieht aus, als wäre ein stiller Konsens, der fast zehn Jahre lang existiert hat, langsam am zerbrechen. Das ist vor allem im Sinne des Regimes in Pjöngjang. Das Thema bleibt jedenfalls heiß und ich werde da ein wachsames Auge drauf halten.

China packt die Peitsche aus: Ändert China seine Politik gegenüber nordkoreanischen Flüchtlingen?


Die Frage der nordkoreanischen Flüchtlinge in China, die in den vergangenen Wochen und Monate ja in den internationalen Medien und auf dem diplomatischen Parkett für einiges Aufsehen gesorgt hat, wurde durch die Satellitengeschichte ja relativ stark in den Hintergrund gedrängt.

Bericht: Südkoreanische Flüchtlinge aus Konsulaten in China dürfen ausreisen

Gestern habe ich aber einen sehr interessanten Artikel in der Joong Ang Daily gelesen, der darauf hindeuten könnte, dass China sich möglicherweise bewegt (es macht mich allerdings misstrauisch, dass der Bericht nicht von anderen Medien aufgegriffen wurde. Ich würde also nicht hundertprozentig wetten, dass sich alles bestätigt, was da geschrieben wird). Dort wird berichtet, China sei bereit 11 nordkoreanische Flüchtlinge, die seit 2009 in verschiedenen südkoreanischen Konsulaten in China festsitzen, in kürze nach Südkorea ausreisen zu lassen.

Ein Schritt mit Tragweite

Das wäre deshalb von einiger Tragweite, weil sich hierin ein Politikwechsel Chinas hinsichtlich der Flüchtlingsfrage andeuten könnte. Bis 2009 hatte ein stilles Übereinkommen zwischen Peking und Seoul geherrscht, nach dem nordkoreanische Flüchtlinge, die es in südkoreanische diplomatische Vertretungen schaffen, ausreisen durften. Mit der fortschreitenden Annäherung zwischen China und Nordkorea schlug China diese Tür jedoch zu. Wenn sich das ändern würde, könnten wieder mehr Nordkoreaner versuchen, südkoreanische Konsulate zu erreichen. Und die möglichen Auswirkungen einer veränderten Flüchtlingspolitik Chinas habe ich ja schonmal früher diskutiert. Das hat Potential das Regime zu destabilisieren.

Zusammenhang mit Nordkoreas jüngsten (Satelliten-)Manövern

Sollten sich diese Nachrichten bestätigen, dann wäre das ein interessanter Schritt Chinas. Diesen darf man vermutlich nicht isoliert auf diese humanitäre Fragestellung bezogen betrachten, sondern muss — womit wir wieder bei der Satellitengeschichte wären — aktuelle Entwicklungen im Hinterkopf haben (die zeitliche Koinzidenz dieses Schritts dürfte kein Zufall sein, erst vor ein einigen Tagen hatte China sich kritisch zu Nordkoreas Vorhaben geäußert und Experten erwarteten Schritte Chinas (hier wurde vor ein paar Tagen schon über mögliche Maßnahmen diskutiert).

Peitsche ausgepackt

Was China hier tut ist nicht mehr und nicht weniger, als eine der verstaubten Peitschen auszupacken, die jahrelang im Schrank hingen, über deren Existenz jeder wusste, die China jedoch nicht anfassen wollte, weil (oder obwohl) man ganz genau weiß, dass sie in Pjöngjang gefürchtet werden. China will nicht, dass Nordkorea den Satellitenstart wie geplant durchführt und es dürfte durchaus Verärgerung in Peking bestehen, dass die nordkoreanische Führung die Möglichkeit auf diplomatische Entspannung bewusst und vermutlich auch für längere Zeit ausschlägt und weiterhin für eine gespannte Situation in der Region sorgt. Dementsprechend wird man in Peking den Schluss gezogen haben, dass das jahrelange Verfüttern von Zuckerbroten den nimmersatten Führern in Pjöngjang eher zu Kopf gestiegen ist, als sie zu beeinflussen. Daher zeigt man jetzt, dass es auch anders geht.

Perspektiven werden aufgezeigt

Das heißt bei weitem noch nicht, dass es eine weitreichende Politikänderung in China geben muss, aber die Perspektive die man Pjöngjang aufzeigt ist klar. Wenn man will, kann man zur alten Praxis zurückkehren oder sogar noch weiter gehen, denn der Druck, den China für seinen Umgang mit den Flüchtlingen auf internationalem Parkett aushalten muss, ist beachtlich. Und dass China nicht bereit ist, das für einen Verbündeten zu tun, der gutgemeinte Ratschläge oder sogar klare Wünsche des großen Bruders ignoriert, ist zwar nicht klar, aber durchaus denkbar.

Peitsche auf dem Tisch

Chinas Führung begnügt sich also erstmal damit, die Peitsche auf den Tisch zu legen, so dass man sie in Pjöngjang eingehend betrachten kann. Zuschlagen wird man noch nicht (11 Nordkoreaner ausreisen zu lassen, kann ohne weiteres als einmaliger humanitärer Schritt gekennzeichnet werden, muss aber nicht), jedoch weiß jeder, das wäre schmerzhaft und in Nordkorea wird man sicherlich darüber nachdenken, ob man dem Satellitenstart (den wird es geben) dann wirklich noch weitere Provokationen folgen lassen will (ich denke, dass ein weiterer Nukleartest zumindest ein möglicher Schritt ist, über den man für dieses Jahr nachgedacht hat). Nun zeigt China, dass das echte Folgen haben kann. Mit dem Flüchtlingsthema hat China (neben einigem Anderen) jedenfalls das in der Hand, was die USA und Südkorea sich im Umgang mit Nordkorea sehnlich wünschen. Ein schmerzhaftes Züchtigungsinstrument (manche nennen es auch glaubwürdige Abschreckung (wenn auch nicht militärische)).

Die Beziehungen zwischen China und Nordkorea werden übrigens regelmäßig und in hervorragender Qualität von Sino-NK beschrieben und analysiert (Adam Cathcart hat da in kurzer Zeit echt was tolles aufgebaut). Wenn ihr euch dafür oder für die Flüchtlingsfrage interessiert, dann schaut da mal öfter vorbei.

Erneute Bootsflucht: Lee Myung-bak erlässt Maulkorb — Von „gefühlten“ und realen Flüchtlingszahlen


In den letzten Wochen und Monaten gab es ja wiederholt Berichte über die Bootsflucht nordkoreanischer Gruppen (und Proviant?), die den sonst relativ selten gewählten Seeweg nahmen. Diese Vorfälle werden von den Medien gerne aufgenommen. Das hat wohl damit zu tun, dass das scheinbar weniger leicht in aller Stille abzuhandeln ist, als das Verfrachten derjenigen Flüchtlinge nach Südkorea, die sich auf dem Landweg zu südkoreanischen Botschaften in Südostasien durchgeschlagen haben. Vielleicht ist das Bootsflüchtlingsthema auch interessanter, weil die Vietnamesischen Boat-People vielen Menschen in Erinnerung sind und das dann besser zu transportieren ist. Außerdem lässt sich aus der Mehrzahl der Berichte über solche Fluchten auch die Wahrnehmung erzeugen, dass es um den nordkoreanischen Staat vielleicht doch schlechter steht als gedacht. Einerseits scheinen mehr Menschen fliehen zu wollen (es wird jedenfalls mehr darüber berichtet) andererseits scheint es dem Regime in Pjöngjang nicht (mehr) zu gelingen, dies durch eine effektive Überwachung der Seegrenze zu verhindern.

Zeichen für einen Kontrollverlust des Regimes?

Tatsächlich könnte man es als Zeichen einer bröckelnden Kontrolle sehen, wenn es dem Regime in Pjöngjang tatsächlich schlechter gelänge, die eigenen Grenzen abzuriegeln und wenn gleichzeitig mehr Menschen fliehen würden. Nur wissen wir beides nicht wirklich. Nach den Zahlen (leider nur bis 2010) des südkoreanischen Ministry of Unification, war zwar im vergangen Jahrzehnt ein deutlich ansteigender Trend zu verzeichnen, der 2009 mit knapp 3.000 in Südkorea eingetroffenen Flüchtlingen seinen Höchststand erreichte. Außerdem sank diese Zahl von 2009 auf 2010 um etwa 500. Was das Abriegeln der Seegrenze angeht, so ist es allerdings auffällig, dass es in letzter Zeit scheinbar mehr Gruppen gelingt, die Grenzer zu passieren. Jedoch weiß man auch nicht genau, ob solche Fälle nicht früher stillschweigender gehandhabt wurden und die Lee Regierung eine andere „Informationspolitik“ ausprobiert hat oder zumindest mehr Toleranz gegenüber der Weitergabe solcher Informationen zeigte.

Lee will Diskretion: Maulkorb für Behörden

Damit scheint es nun vorbei zu sein. Lee Myung-bak war mit den Ergebnissen der breiten Medienberichterstattung der Flucht einer Gruppe nach Japan wohl alles andere als angetan. Das Bekanntwerden des Vorfalls führte nämlich zu wiederholten Forderungen aus Nordkorea, die Flüchtlinge zurückzugeben, was die ohnehin angespannten Beziehungen auch nicht gerade entlastete. Daher scheint man in der südkoreanischen Regierung zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es besser sei, solche Fälle künftig wieder in aller Stille zu behandeln. Nach der jüngsten Bootsflucht verpasste Lee Berichten zufolge allen Behörden die damit zu tun hatten einen Maulkorb und für den National Intelligence Service (NIS) dem Geheimdienst, der vorrangig für die Handhabung der Fälle zuständig zu sein scheint, gab es noch einen Extrarüffel für die wiederholten Lecks in den Reihen des Dienstes. Gut möglich also, dass die „gefühlte Flüchtlingszahl“ in Zukunft wieder etwas abnehmen wird.

Es geht auch still: Der Fall Sol Jong-sik

Dass man durchaus in der Lage ist auch spektakuläre Fälle zu handhaben, ohne dass das in der Öffentlichkeit allzusehr breitgetreten wird, zeigt der Fall von Sol Jong-sik, der bis zu seiner Flucht 2009 in der Provinz Ryanggang der League of Kim Il-sung Socialist Working Youth (einer der bedeutenden „Jugendorganisationen“ (das ist ja immer so eine Sache mit der „Jugend“ in sozialistischen Ländern)) vorstand. Die Flucht dieses nicht unbedeutenden Mannes blieb der südkoreanischen Öffentlichkeit eineinhalb Jahre verborgen. Die Abschließende Bestätigung gab es erst im September dieses Jahres, als bekannt wurde, dass Sol künftig für den NIS arbeiten soll.

Zusammenhang zwischen gefühlten und realen Flüchtlingszahlen?

Es wird jedenfalls interessant sein zu sehen, ob die Berichterstattung über spektakuläre Fluchten aus Nordkorea abnimmt. Gespannt bin ich auch auf die Flüchtlingszahlen von 2011 um zu sehen, ob es einen Zusammenhang zwischen der „gefühlten“ Flüchtlingszahl und der realen gibt. Dann sollten es dieses Jahr nämlich deutlich mehr Menschen sein die es nach Südkorea geschafft haben. Interessant auch, dass Lees Maulkorberlass gerade jetzt kam, nachdem immer mehr über einen Richtungswechsel seiner Politik gegenüber Nordkorea diskutiert wird. Das würde ja passen.

Streit um Flüchtlingsgruppe: China will Flüchtlinge nach Nordkorea deportieren; Südkorea vermutet eigene Staatsbürger in der Gruppe


In den letzten Tagen haben mehrere Geschichten im Zusammenhang mit nordkoreanischen Flüchtlingen in Südkorea und international für Aufsehen gesorgt. Während es zwei Gruppen gelang erfolgreich den ungewöhnliche Weg über das Meer zu nehmen — Neun Flüchtlinge kamen in der vorletzten Woche in einem Boot in Japan an und sind mittlerweile nach Südkorea gebracht worden, zwei haben den direkten Weg nach Südkorea genommen — ist es 35 Personen, die durch China fliehen wollten, schlechter ergangen. Sie sind nach Berichten einer südkoreanischen Gruppe, die sich für Flüchtlinge einsetzt, von den chinesischen Behörden aufgegriffen worden und sollten heute nach Nordkorea deportiert werden. Vertrackter wird die Situation noch dadurch, dass die südkoreanische Regierung vermutet, unter den Gefangenen seien auch zwei nordkoreanische Flüchtlinge, die bereits mit der südkoreanischen Staatsbürgerschaft ausgestattet seien. Die südkoreanische Regierung setzte sich bisher erfolglos dafür ein, die Gruppe nach Südkorea ausreisen zu lassen und haben nun zwei Regierungsbeamte nach China entsandt, die dort intervenieren sollen.

Die Praxis der Abschiebung nordkoreanischer Flüchtlinge durch China in ihr Heimatland wird international regelmäßig kritisiert, da die Flüchtlinge in Nordkorea schwere Strafen zu erwarten haben. Die chinesische Regierung rechtfertigt ihr Handeln, indem sie nordkoreanische Flüchtlinge generell nicht als Asylsuchende aufgrund politischer Verfolgung anerkennt, sondern sie als Wirtschaftsflüchtlinge deklariert, die nicht unter dem Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention stehen. Dafür wird China alljährlich vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen gerügt, bisher jedoch ohne jegliche Wirkung.

Es ist davon auszugehen, dass regelmäßig nordkoreanische Flüchtlinge auf chinesischem Territorium aufgegriffen und deportiert werden. Allerdings gelangen solche Fälle  nur sehr selten an die Öffentlichkeit. Warum das gerade jetzt der Fall ist, ist schwer zu sagen, allerdings ist der Fall dadurch, dass südkoreanische Bürger in der Gruppe vermutet werden brisanter, denn einerseits kann die südkoreanische Regierung dies nicht dulden, andererseits haben diese Flüchtlinge wahrscheinlich eine noch schwerere Strafe zu erwarten, als ihre Leidensgenossen. Dass einzelne Fälle der Gefangennahme und Rückführung nordkoreanischer Flüchtlinge auch von Aktivistengruppen bisher nicht an die große Glocke gehängt wurden, könnte mit einem stillschweigenden Übereinkommen zwischen chinesischen Behörden und Aktivisten zusammenhängen (Achtung, das ist reine Spekulation von mir und daher mit Vorsicht zu genießen, aber ich kann mir ansonsten nicht erklären, warum die Behörden die Anwesenheit der Gruppen im Grenzgebiet dulden). Die Behörden dulden die Gruppen auf ihrem Territorium und werden dafür bei ihren Aktivitäten nicht an den Pranger gestellt. Dieses Übereinkommen könnte in jüngster Zeit, vielleicht auch aufgrund einer verstärkten Rücksichtnahme Chinas auf Nordkorea, Risse bekommen haben, wie auch die Verhaftung und Befragung von fünf Aktivisten im Grenzgebiet vor zwei Wochen zeigt.

Die verstärkte Präsenz der Flüchtlingsthemen in den Medien könnte sich kurzfristig negativ auf das politische Klima zwischen Südkorea und Nordkorea, aber auch zwischen Südkorea und China auswirken, da öffentlich gewordene Fluchten schon häufig für Zündstoff zwischen den Koreas gesorgt haben und China es nicht mag, an den Pranger gestellt zu werden. Für die Zukunft wäre es daher wünschenswert, dass sich die beteiligten Parteien, vielleicht im Rahmen künftiger Sechs-Parteien-Gespräche auf einen Kompromiss einigen würden, mit dem alle Beteiligten, also die Regierungen, vor allen Dingen aber die Flüchtlinge leben könnten. Dass das nicht einfach wird weiß ich, aber man wird ja wohl noch hoffen dürfen.

Problem erkannt…Problem benannt: Chinesische Medien thematisieren nordkoreanische Flüchtlinge


Die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen China und Nordkorea sind blendend, dass zeigt sich in jüngster Zeit immer wieder durch regen diplomatischen Austausch und durch die Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Sektoren. Jedoch bringt diese Nachbarschaft für China nicht nur Vorteile mit sich und ich kann mir vorstellen, dass sich manch einer in China wünscht, die Grenzflüsse Yalu und Tumen wären noch ein paar Meter breiter.

Nicht nur treiben sich jede Menge Aktivisten im Grenzgebiet herum, die südkoreanischen Flüchtlingen helfen wollen oder für dieses oder jenes Land spionieren. Nicht nur wird man alljährlich vor UN Gremien an den Pranger gestellt, weil man eingefangene Flüchtlinge zurück nach Nordkorea schickt und sie damit in die Gefahr eines grausamen Schicksals bringt. Nein, auch die Flüchtlinge selbst scheinen für die Chinesen eine Sicherheitsbedrohung darzustellen. Es ist ja nicht schwer vorzustellen, dass ausgehungerte Menschen, die über die Grenze kommen sich erstmal mit allen Mitteln den Bedarf des alltäglichen Lebens sichern und dabei manchmal auch den (auch nicht wirklich reichen) Menschen jenseits der Grenze etwas wegnehmen. Es ist auch nicht schwer vorstellbar, dass manche der „Flüchtlinge“ mit anderen Zielen über die Grenze gehen, zum Beispiel zum Handel legaler und illegaler Güter. All das weiß man eigentlich, oder kann es sich denken. Aber gesprochen wurde darüber nicht wirklich. Zumindest nicht in China.

Daher hat es mich schon ein bisschen überrascht, als ich diesen Artikel in der Global Times gelesen habe. Schon die Überschrift sagt viel: „The thin red line“. Denn rot sind ja meist die Linien, die man nicht übertreten sollte. Allerdings ist die Nennung roter Linien im Zusammenhang mit Nordkorea irgendwie witzig, denn in Pjöngjang hat man es sich ja nahezu zum Hobby gemacht über alle möglichen roten Linien zu hopsen, die in Seoul und Washington zuvor proklamiert wurden. Aber vielleicht hatte der Autor das ja auch im Sinne, denn die Grenze ist ja auch eine „rote Linie“ die nicht wirklich jemanden abzuhalten scheint. Der Autor beschreibt die Situation, in der Grenzregion die er besuchte wie folgt:

The public order situation along Changbai County’s border is more complicated and sensitive compared with other stretches of the border, with frequent forays by illegal immigrants and other cross-border cases.

Danach thematisiert der Autor die Aufrüstung der Sicherheitsmaßnahmen von chinesischer Seite um dann einen recht interessanten Aspekt anzusprechen. Er geht nämlich darauf ein, dass die Region auf chinesischer Seite nur noch sehr dünn besiedelt ist, da die meisten jungen Leute die Gegend verlassen haben um in den Städten Arbeit zu finden (sie habe sich als dem riesigen Heer an Wanderarbeitern angeschlossen, das von vielen Analysten mit Interesse betrachtet wird). Es wird zwar nicht gesagt, aber im Unterton könnte da fast die Sorge mitschwingen, dass der Migrationsdruck aus Nordkorea zu einer weiteren Koreanisierung der Region führen könnte (also ähnlich dem Phänomen, das in Sibirien für Besorgnis Russlands vor einer „Sinisierung“ der Region führt). Aber vielleicht habe ich da auch zu viel Unterton gelesen. Interessant fand ich auch die direkte physische Bedrohung, die laut dem Autor von Nordkoreanern ausgeht. Er beschreibt einen Halt nahe der Grenze, durch den sich jugendliche gestört fühlten und mit Steinen zu werfen begannen. Einerseits zeigt dies eine gewisse Aggressivität der Nachbarn, andererseits die Zurückgezogenheit.

Naja, jedenfalls fand ich es sehr spannend, dass in einer chinesischen Zeitung eine dermaßen kritische Reportage über die nordkoreanischen Nachbarn erscheinen durfte und dies gerade zu einem Zeitpunkt, an dem die politischen Beziehungen bestens sind. Zwar weiß ich nicht genau, was der Zweck der Übung ist, aber nicht zuletzt dürfte es als Hinweis an Nordkorea dienen, sich der Flüchtlingsfrage etwas stärker anzunehmen, aber natürlich zeigt es auch, dass es scheinbar ein solchermaßen großes Problem mit den Flüchtlingen gibt, dass ein Totschweigen schlicht nicht mehr praktikabel ist.

Ich habe noch ein bisschen weitergeschaut und habe auf „Sinologistical Violoncellist“ einen sehr schönen und tiefgehenden Beitrag gefunden, der sich mit einem Artikel in der chinesischen Version der Global Times, der „Huanqiu Shibao“ befasst. Wenn mich nicht alles täuscht ist der dort beschriebene Artikel quasi das Original des englischsprachigen. Scheint auch so, dass die englische Version — wie so häufig — entschärft ist. Naja, wenn ihr mehr und tiefergehende Infos zu dem Thema wollt, dann lest auf jeden Fall den Artikel von Adam.

Das Schicksal nordkoreanischer Flüchtlinge im Süden: Tolle Studie von der ICG


Die International Crisis Group (ICG), ein renommierter Think Tank mit Sitz in Brüssel, hat eine sehr interessante und wichtige Studie zum Schicksal der nordkoreanischen Flüchtlinge in Südkorea veröffentlich. „Strangers at home: North Koreans in the South“ beschreibt sehr umfassend und detailliert die spezifischen Aspekte, die bei der bei der Ankunft und Eingliederung der Flüchtlinge im Süden zu beachten sind und welche Maßnahmen der Staat und zivilgesellschaftliche Gruppen ergreifen, um eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen. Gleichzeitig werden aber auch schonungslos vorhandene Schwächen offen gelegt und Verbesserungsvorschläge gemacht.

Um das schonmal vorweg zu sagen, die Studie ist bis jetzt das Beste, was ich zu diesem Thema gelesen habe. Die beteiligten Mitarbeiter haben eine große Menge von Datenmaterial und anderen Studien gesichtet und eingearbeitet und darüber hinaus noch eigene Befragungen und Expertengesprächen durchgeführt. In den rund 300 Fußnoten (was ich für 30 Textseiten schon ganz ordentlich finde) gibt es zu nahezu allen Aspekten, die in der Studie angerissen werden, Hinweise auf weiterführende Literatur, so dass sich die Studie nicht nur eignet, um einen sehr guten Überblick zu erhalten, sondern auch, um einen sehr aktuellen Einstieg in den wissenschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen (Medienberichte wurden auch in großer Zahl genutzt) diskurs zu dem Thema zu bekommen und zu erfahren, wo man weiter recherchieren kann. Das Paper kann übrigens als inhaltliche Fortsetzung der Studie über das Schicksal der Flüchtlinge im Laufe ihrer Flucht (Perilous Journeys:
The plight of North Koreans in China and beyond), aus dem Jahr 2006 gesehen werden
, die ebenfalls sehr empfehlenswert ist.

Zusammenfassend beschreibt die ICG die individuellen Probleme und Schwierigkeiten, die bei der Integration der Flüchtlinge zu beachten und zu bewältigen sind wie folgt:

North Korean defectors are sicker and poorer than their Southern brethren, with significantly worse histories of nutrition and medical care. They have distinctive accents, use different words and have little experience in the daily demands of life in a developed and open society. In the North, their education, employment, marriage, diet, and leisure were determined by the government, which assigned them to a class of people based on family history and political reliability. In the South, the array of choices presents them with endless difficult decisions that can be overwhelming.

On top of these differences, many have faced arduous journeys through China or other third countries to get to the South. They often have suffered abuse, human trafficking, sexual assault, near-starvation and forced labour on their way. They all live with the possibility that not only will they never see their families again but that their relatives may have been punished, even executed, as a result of their defections. Nevertheless, most South Koreans seem ignorant of their plight. Since only about 20,000 North Korean defectors are in the South, the number is still too small to make a significant impact on society.

Da ich nicht den Inhalt der ganzen Studie widergeben kann und will, fasse ich euch nur kurz die Punkte zusammen, die mir besonders ins Auge gesprungen sind. Wenn euch das nicht interessiert gehts hier direkt zur Studie

Vor allem die Beschreibung der gesellschaftlichen Hindernisse der Integration fand ich sehr erhellend. Dass die Flüchtlinge häufig zu Opfern von Diskriminierung und manchmal auch Ausbeutung werden, da sie oft ihre Herkunft nicht verbergen können, wird ja gelegentlich in den Medien problematisiert. Allerdings habe ich mir bisher nicht wirklich bewusst gemacht, wie wichtig dabei das haben und nicht haben familiärer und regionaler Netzwerke in der koreanischen Gesellschaft ist. Während die „Einheimischen“ auf solche Mechanismen zurückgreifen können, kommen die Flüchtlinge als Fremde in die bestehenden Strukturen und es ist oft schlicht nicht möglich, ein solches Netzwerk nachträglich aufzubauen. Auch untereinander ist dies erstens wegen der relativ geringen Zahl der Flüchtlinge und zweitens wegen des – oft nicht unbegründeten – Misstrauens untereinander kaum möglich. Diese Lücke wird wenn überhaupt vor allem durch unterschiedliche Angebote zivilgesellschaftlicher Gruppen gefüllt. Ein weiterer sehr interessanter Faktor ist die Schwierigkeit der Flüchtlinge, die alltäglichen administrativen Aufgaben zu erfüllen. Während im Norden Vater Staat über seine nahezu entmündigten Kinder wachte und ihre Aufgaben im Verhältnis zwischen Bürger und Staat eher in anderen Bereichen lagen, müssen sich die Flüchtlinge im Süden den Erfordernissen einen ganz normalen, freiheitlichen, bürokratisch organisierten Gesellschaft stellen, sich also um ziemlich viele Dinge selbst kümmern. Ich kann mir das durchaus als Schock vorstellen, wenn ich bedenke, dass selbst Leute die an all das gewöhnt sind, mitunter an der Bürokratie verzweifeln. In der ideologischen Erziehung begründet ist dagegen das scheinbar weit verbreitete „gestörte Verhältnis“ der Menschen zum Geld. Es ist wohl gar nicht so einfach, den Gedanken, Geld würde jemanden versklaven und sei Quell allen möglichen Übeln durch die Idee zu ersetzen, dass es ein ganz normales Hilfskonstrukt ist, dass man eben zum alltäglichen Leben braucht. Auch den Absatz zur „Arbeitsmoral“ fand ich interessant. Während man im Norden als Arbeiter „nicht zuviel tun darf“ um damit nicht die Anforderungen für sich selbst und die anderen Kollegen zu erhöhen (eins der Standardprobleme planwirtschaftlich organisierter Wirtschaftssysteme, für das wohl noch keiner eine Lösung hat finden können), wird im Süden erwartet, dass man alles einsetzt was man hat. Was ich mir ebenfalls noch nie so wirklich bewusst gemacht habe, ist die Ambivalenz, mit der die südkoreanische Politik die Flüchtlinge gesehen hat und sieht. Gerade unter den Sonnenscheinpräsidenten Kim und Roh ergab sich aus der permanenten Fluchtbewegung eine schwere Hypothek für die Annäherungspolitik, was vor allem unter Roh dazu führte, dass die Flüchtlingsproblematik totzuschweigen versucht wurde, was sich nicht unbedingt zum Wohl der Flüchtlinge auswirkte. Generell ist der Umgang mit der Flüchtlingsfrage noch immer eine Funktion der generellen Linie gegenüber Nordkorea. Das führt dazu, dass zumindest alle fünf Jahre (wenn ein neuer Präsident eingeführt wird) ein grundlegendes Umlenken im Umgang mit den Flüchtlingen zu befürchten ist. Ein Umstand, der es sowohl diejenigen, die sich zu integrieren versuchen, als auch die, die ihnen dabei helfen möchten, vor große Probleme stellt. Generell scheint die Zusammenarbeit zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Stellen noch sehr schlecht zu sein, was zu Reibungsverlusten und ineffizientem Einsatz von Mitteln führt. Manche der zivilgesellschaftlichen Helfer scheinen aber auch selbst einen zweifelhaften Umgang mit eigenen Mitteln zu pflegen. Manche Kirchen die auf diesem Feld aktiv sind verfolgen scheinbar Strategien, die auch aus vielen afrikanischen Staaten bekannt sind. Sie kaufen ihrem Herrgott neue Seelen. Manche der Flüchtlinge scheinen daher ihre spirituelle Zukunft — ganz marktwirtschaftlich — vor allem davon abhängig zu machen, wer das beste Gebot für eine frische Seele abgibt. Da könnte ich mir durchaus einen besseren Mitteleinsatz vorstellen.

Naja, wie gesagt, die Studie ist wirklich super und ich empfehle jedem, der sich im geringsten für das  Thema interessiert, sich einfach ein zwei Stunden Zeit zu nehmen, und das durchzulesen.

Nordkoreanische Flüchtlinge in Europa. Auf der Suche nach dem guten Leben


Eben  habe ich bei „London Korean Links“ einer britischen Seite, die sich mit Korea-Themen befasst, zwei interessante Artikel gelesen, die sich mit der Lebenswirklichkeit nordkoreanischer Flüchtlinge befassen und dabei auch auf das Schicksal von Nordkoreanern eingehen, deren Odyssee in Südkorea noch nicht zuende war, sondern die sich von dort aus, oder direkt aus China auf den Weg nach Europa gemacht haben.

Einreiseweg entscheidend

Nach ihrem „Einreiseweg“ nach Europa unterteilen sich diese Flüchtlinge grob in zwei Gruppen. Die Erste kam nach der Flucht aus Nordkorea unmittelbar nach Europa und reiste auf dem Weg nicht in Südkorea ein. Die Mitglieder der zweiten Gruppe taten eben dies, was beispielsweise in Großbritannien einen entscheidenden Einfluss auf ihren Status als Asylsuchende hat. Denn nordkoreanische Staatsbürger haben nach südkoreanischem Recht auch Anspruch auf die südkoreanische Staatsbürgerschaft und erlangen diese auch formal, wenn sie nach Südkorea kommen. Da Südkorea aber ein sicheres Land ist und sie damit als Wirtschaftsflüchtlinge gesehen werden, haben die Nordkoreaner die dort waren keinen Anspruch mehr auf Asyl. Die britischen Behörden vermuten, dass ein großer Teil der im Land lebenden nordkoreanischen Flüchtlinge (bei knapp 400 Menschen wurde dem Asylantrag stattgegeben, da sie wohl nicht über Südkorea nach Großbritannien kamen) zu dieser Gruppe gehören. Folgerichtig wurde in Seoul angefragt, ob Südkorea 500 Flüchtlinge mit südkoreanischer Staatsbürgerschaft wieder zurücknähmen. Jedoch stehen diesen Personen scheinbar keine Unterstützungen des südkoreanischen Staates mehr zu, da sie in einem anderen Land um Asyl gebeten haben.

Integration von Flüchtlingen noch immer ein Problem

Die prekäre Situation in der die Flüchtlinge aus Nordkorea stecken, verdeutlicht gut, wie schwierig es ist, sie in ihrer neuen Heimat zu integrieren. Es ist wohl davon auszugehen, dass diejenigen, die vorher in Südkorea gelebt haben das Land nicht verlassen haben um anderswo Asyl zu suchen, weil es ihnen dort so unglaublich gut geht. Es wird immer wieder Berichtet, dass die Flüchtlinge trotz den Ergriffenen Maßnahmen zu ihrer Integration, in Südkorea vor vielfältige Schwierigkeiten gestellt sind. Es gelingt nicht so einfach, sich an die völlig anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse anzupassen, es bestehen sprachliche Barrieren, die die Unterschiede hervorheben und oft zu Diskriminierungen führen und nicht zuletzt haben die Menschen auch noch das zu verarbeiten, was sie in Nordkorea erlebt haben. Die gegenseitige Überwachung die dort die Regel ist bewirkt, dass es ihnen oft schwer fällt Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen, so dass sie sich abkapseln und noch schwerer Fuß fassen können. Diese Situation führt dazu, dass nordkoreanische Flüchtlinge gegenüber den „gewöhnlichen“ Südkoreanern im Durchschnitt einen niedrigeren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status innehaben. Ich muss sagen ich kann nicht wirklich einschätzen, inwiefern die Maßnahmen der südkoreanischen Regierung zur Integration der Flüchtlinge ausreichend und passend sind und ich möchte mir da auch kein Urteil erlauben. Allerdings verdeutlicht die Tatsache, dass ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge das Land wieder verlässt um anderswo mehr Erfolg zu haben (in einem der beiden Artikel steht sogar, dass 200 Flüchtlinge (immerhin ein Prozent) wieder nach Nordkorea zurück gegangen sind, obwohl ihnen vermutlich die drohenden Strafen bekannt waren), dass die Maßnahmen nicht immer erfolgreich sind. Was würde erst passieren, wenn Seoul vor die Aufgabe gestellt wäre, tausende oder zehntausende Flüchtlinge binnen kurzer Zeit zu integrieren?

Besseres Leben in Großbritannien?

Allerdings führt auch die Flucht nach Europa nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Situation der Flüchtlinge. In Großbritannien beispielsweise werden die Flüchtlinge in der Provinz verteilt, wo ohnehin wenig Landsleute leben. Das oft tief verankerte Misstrauen den Mitmenschen gegenüber führt daher auch hier zur Isolation. Auch die Tatsache, dass sie an ihren neuen Wohnorten noch deutlicher als Fremde zu identifizieren sind, dürfte die Integration nicht erleichtern. Weiterhin plant die britische Regierung im Rahmen ihrer Sparmaßnahmen auch an den Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen zu sparen, was vermutlich vor allem diejenigen trifft, die ohnehin die größten Schwierigkeiten haben, in ihrem neuen Land heimisch zu werden.

Und Deutschland? Rechtliche Kniffe…

Achja, vielleicht fragt ihr euch, wie es mit nordkoreanischen Flüchtlingen in Deutschland aussieht. Zwar spricht ein Bericht der International Crisis Group aus dem Jahr 2006 (der sehr lesenswert ist und detailliert auf die gesamte Flüchtlingsproblematik eingeht, aber leider halt nicht mehr neu) davon, dass damals 300 Asylsuchende aus Nordkorea in Deutschland lebten. Allerdings erging im selben Jahr ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg, in dem Asylanträgen von Nordkoreaner sehr enge Grenzen gesetzt wurden. Eigentlich kommen, soweit ich das juristische Geschreibe verstehe, maximal Soldaten und Offiziere und Funktionäre der Arbeiterpartei für einen erfolgreichen Asylantrag in Frage. Alle anderen sind durch das südkoreanische Gesetz Staatsbürger des Landes und können daher nach Südkorea abgeschoben werden, auch wenn sie zuvor nicht dort waren und keinen südkoreanischen Pass besitzen, denn es ist ja davon auszugehen, dass sie dort aufgenommen werden. Die oben genannten Ausnahmen wurden getroffen, weil diese Personen auch in Südkorea Verfolgung durch nordkoreanische Agenten fürchten müssen. Damit dürfte sich die Zahl der nordkoreanischen Flüchtlinge in Deutschland wohl auch in Zukunft stark im Rahmen halten.

Neues Buch und Blog von Marcus Noland und Stephan Haggard


Marcus Noland und Stephan Haggard haben ein neues Buch veröffentlicht, das wie so oft hauptsächlich darauf beruht, Befragungen von nordkoreanischen Flüchtlingen auszuwerten. Da ich beide Autoren dafür schätze, dass sie versuchen Fragen zu Nordkorea wissenschaftlich sauber zu bearbeiten und ich die Methode der Flüchtlingsbefragung bei einigen Schwächen doch für einen guten Weg halte, nähere Einblicke zu gewinnen, möchte ich euch darauf aufmerksam machen.

Das Thema von „Witness to Transformation: Refugee Insights into North Korea“ könnt ihr euch wohl schon selbst vorstellen. Hauptsächlich fragt das Buch nach dem gesellschaftlichen Wandel innerhalb des Landes und versucht ein möglichst genaues Bild der Umstände dort zu zeichnen. Dazu wurden über 1.300 Flüchtlinge befragt, die sich von 2004 bis 2005 in China aufhielten und weiterhin wurden im Jahr 2008 Interviews mit 300 Flüchtlingen geführt die in Südkorea leben. Das Buch hat 256 Seiten und ist für 18,99 € bei Amazon zu haben (ich verstehe nicht ganz, weshalb dort als Veröffentlichungsdatum der April 2010 steht, aber wenn das so wäre, wäre das Veröffentlichungsevent des Peterson Institute for International Economics am 31.01.2011 wohl etwas spät gewesen). Wer sich vor einer eventuellen Kaufentscheidung einen Eindruck von dem Buch verschaffen möchte, der kann hier schonmal in das einleitende Kapitel, in das Kapitel zu den allgemeinen Umständen eines Flüchtlingslebens (mit ein paar Tabellen zu sozidemographischen Daten), ins Fazit und ins Kapitel zur Methodik rein lesen (die stehen dort zum Download).

An der Vorgehensweise, die sich auf die Befragung von  Flüchtlingen stützt, habe ich zwei Kritikpunkte. Zum einen fand die Befragung in China vor mittlerweile sechs Jahren statt. Das heißt die Informationen, die dort enthalten sind, sind nicht unbedingt neu, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Flüchtlinge dort, wie in Südkorea, ihre Heimat zu diesem Zeitpunkt schon seit längerem verlassen hatten. Vor allem stellt es die Autoren aber vor das Problem, dass die Gruppe der Flüchtlinge nicht unbedingt einen realistischen Querschnitt der nordkoreanischen Bevölkerung zeigt. Einerseits dürften hier erhebliche geographische Verzerrungen bestehen. Andererseits aber auch, was den sozioökonomischen Status der Flüchtlinge angeht. Man flieht nur, wenn man sehr stark unter dem Regime leidet. Das heißt viele der Befragten dürften eine eindeutige Position gegenüber dem Regime und den Umständen im Land haben. Daher ist es zumindest fraglich, ob das dadurch gezeichnete Bild nicht etwas verzerrt ist. Nichtsdestotrotz dürfte  dieses Buch einen neuen Blickwinkel auf die gesellschaftlichen und humanitären Bedingungen in Nordkorea und in der Gruppe der Flüchtlinge erlauben.

Und weil ich gerade schon bei Noland und Haggard bin, kann ich euch natürlich nicht verschweigen, dass die Beiden den sehr ehrbaren Schritt in die Welt des Bloggens gewagt haben. Seit Mitte Januar haben sie immerhin schon zehn kurze Beiträge ins Netz gestellt, unter anderem einen zur Entwicklung der Getreide- und Reispreise in Nordkorea und dem daraus deutlich hervorgehenden Scheitern der Währungsreform Ende 2009. Toll, dass sich immer mehr Wissenschaftler dazu durchringen ihre Informationen auf diese unmittelbare Weise mit der Öffentlichkeit zu teilen. Hoffen wir, dass es nicht nur ein Promo-Projekt für ihr Buch ist.

Aber natürlich werde ich dieses Experten Blog mit Freuden zur Seite: „Links zur Selbstrecherche“ hinzufügen.

Die Zahl der nach Südkorea geflohenen Nordkoreaner übersteigt 20.000


Die Zahl der Nordkoreaner, die seit der Teilung des Landes Südkorea erreicht haben, hat die Zahl von 20.000 überschritten. 1999 flohen erstmals mehr als 1.000 Nordkoreaner in den Süden (für die gesamte Zeit von 1953 bis 1999 werden die Zahlen mit weniger als 1.000 angegeben) unter und seitdem sind die Zahlen relativ kontinuierlich gestiegen. Im Vergangenen Jahr waren es 2.927 Menschen und die Gesamtzahl erreichte am Jahresende 17.984 Flüchtlinge. Das heißt dann wohl, dass in diesem Jahr 2.016 Menschen geflohen sind, so dass der Jahrestrend leicht zurückgehen könnte (Mehr Zahlen findet ihr beim Ministry of Unification). Drei Viertel der Nordkoreaner die im Süden ankommen sind Frauen. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass diese größere Bewegungsfreiheit im Land haben und damit schwerer zu überwachen sind.

Die beständig steigende Zahl von Flüchtlingen zeigt zwar deutlich, dass Indoktrination und Terror zunehmend an Bindekraft einbüßen. Allerdings sind die Zahlen bisher noch so gering, dass sie nicht zu einer Bedrohung für das Regime werden können. Außerdem entledigt man sich so derjenigen, die so unzufrieden sind, dass sie bereit sind ihr Leben (und das ihrer zurückbleibenden Verwandten) zu riskieren um zu fliehen. Man wird also potentielle Oppositionelle los.