Von Entführten und Geflohenen – Schlaglicht auf ein wichtiges Thema


Nach einer längeren und unangekündigten Pause melde ich mich heute zurück. Ich war in Urlaub und hatte vergessen euch bescheidzusagen (also nicht direkt vergessen, nur sind wir spontan einen Tag früher los und da kam ich nicht mehr dazu), sorry dafür. Zum Glück ist in der letzten Woche nichts superspektakuläres passiert. Wer sich für Boulevard interessiert konnte sich an den Hirni aus den USA halten, der seine Person etwas überschätzt (auch wenn er den jungen Kim treffen darf) und wer eher an echten Informationen interessiert ist, der konnte sich mit dem Reaktor in Yongbyon auseinandersetzen.
Heute gab es dann noch gute Nachrichten aus Kaesong, aber dazu habe ich eigentlich nicht viel  Neues zu sagen, daher verweise ich euch an die deutschsprachige Medienlandschaft, die das Thema ganz gut abdeckt. Nur der kleine Hinweis zur Einordnung: Das ist jetzt echt kein unglaubliches Friedenssignal, sondern eher eine Normalisierung auf sehr gespanntem Niveau. Der Kaesong-Industriepark lief durch die gesamte Amtszeit Lee Myung-baks hindurch und damals waren die Beziehungen in einem bedauernswertem Zustand. Die Wiedereröffnung könnte man also bestenfalls als Rückkehr von einem „besorgniserregend schlechten“ zu einem „bedauernswert schlechten“ Niveau der Beziehungen bezeichnen. Allerdings ist der aktuelle Trend positiv und daher gibt es vielleicht bald den Schritt von „bedauernswert schlecht“ zu „normal schlecht“ oder so. Kein Grund zur Euphorie also, aber Hoffnung auf bessere Zeiten darf man haben.

Was ich aber bei einem Blick auf die Meldungen der letzten Woche wesentlich spannender fand, waren einige Berichte, die im Zusammenhang mit der Flüchtlings-, bzw. Entführtenfrage stehen. Genau genommen haben hier drei Artikel meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Entführter südkoreanischer Fischer nach 41 Jahren aus Nordkorea geflohen

Eine Meldung, die auch hier in Deutschland einigen Widerhall fand berichtet von der erfolgreichen Flucht eines südkoreanischen Fischers, der vor 41 (!) Jahren durch nordkoreanisches Militär auf hoher See entführt worden war und dem jetzt die Rückkehr nach Südkorea gelungen ist. Über die näheren Hintergründe der Rückkehr und des Aufenthalts von Chun Wook-pyo in Nordkorea ist wenig bekannt. Ihm soll vor einiger Zeit die Ausreise in ein Drittland gelungen sein, von wo aus er sich an die südkoreanische Regierung wandte und um Unterstützung bat, damit er seinen Lebensabend in seiner Heimatstadt verbringen könne.
Diese Geschichte ist aus mehrerlei Gründen interessant. Einerseits weil sie ein erneutes Schlaglicht auf die Vielzahl ungeklärter Fragen zwischen Nordkorea und Südkorea wirft, zu denen nicht zuletzt die bisher kaum diskutierte Entführung hunderter Südkoreaner durch Nordkorea gehört. Hier wird deutlich, wie lang und steinig der Prozess der Aussöhnung zukünftig noch sein wird.
Andererseits kommen solche Fluchten relativ selten vor. Es ist nicht wirklich bekannt, ob das an starker Überwachung der Betroffenen, geringem Willen zur Flucht oder irgendetwas anderem liegt. Gerade aus solchen „Sonderfällen“ könnten sich gleichzeitig Erkenntnisse im Umgang mit Nordkorea ergeben. Zum Beispiel, was die Behandlung der Entführten und den Grund für die Entführungen betrifft. Auch könnte weiteres Wissen um eine etwaige Erosion, Veränderung oder Verstärkung der Sicherheitsarchitektur generiert werden.
Leider wird allerdings von den gewonnenen Erkenntnissen erst einmal sehr wenig an die Öffentlichkeit dringen, weil die südkoreanischen  Geheimdienstleute daran interessiert sein dürften, die Daten exklusiv zu gewinnen, auszuwerten und im Zweifel auch zu nutzen. Also erstmal abwarten, ob wir davon so bald nochmal was hören.

Die nordkoreanisch-japanische Entführtenfrage: Mongolei als Vermittler

Auch die zweite Story betrifft Personen, die von Nordkorea in der Vergangenheit entführt wurden. Allerdings geht es hier nicht um südkoreanische, sondern um japanische Staatsbürger. Die Zahl der entführten Japaner ist zwar weitaus kleiner, als im Falle Südkoreas, die Bedeutung für die „alltägliche Politik“ (wenn es sowas gibt) zwischen Japan und Nordkorea ist aber wesentlich größer. Eigentlich ist die Entführtenfrage das einzige und absolut dominante Thema zwischen  Japan und Nordkorea und das Problem blockiert seit über einem Jahrzehnt jedwede Fortschritte zwischen diesen Staaten.
Daher bin ich immer besonders hellhörig, wenn sich in diesem Bereich etwas tut.
Und deshalb fand ich es sehr interessant, dass sich ein anderer regionaler Partner, der als Vermittler zunehmend an Bedeutung gewinnt, scheinbar eine aktivere Rolle in dieser Frage einnehmen will. Japanische Medien berichten, dass der mongolische Premierminister Norov Altankhuyag eine Vereinbarung mit Japans Regierungschef Abe getroffen hätte, künftig regelmäßig an japanisch-US-amerikanischen Gesprächen über die Entführtenfrage teilzunehmen.
Das ist deshalb wichtig, weil die Mongolei anders als Japan und die USA diplomatische Beziehungen zu Nordkorea unterhält und diese Beziehungen auch noch relativ eng sind. So besteht eine Einladung Kim Jong Uns an den Präsidenten der Mongolei, Nordkorea zu besuchen, die dieser scheinbar annehmen möchte. Hier könnte die Mongolei also gut eine Vermittlerrolle spielen, die sie übrigens auch in der Vergangenheit beispielsweise als Gastgeber japanisch-nordkoreanischer Gespräche schon einmal eingenommen hat. Hier bin ich gespannt, ob die Mongolei ihre aktive Rolle in der Region weiter ausbaut und damit ein positives Gegenbeispiel zu annähernd allen anderen Akteuren spielt, die nahezu gelähmt scheinen und keine eigenen Initiativen hinbekommen. Auch für die EU wäre die Rolle der Mongolei ein Modell, denn hier wird gezeigt, wie ein Akteur ohne großartige eigene Interessen durch seine Neutralität eine wichtige Rolle spielen kann.

Frisch und interessant – ja. Wichtig – eher nein. Tochter aus besserem Hause flieht nach Südkorea

Die letzte Meldung ist ziemlich frisch und auch ziemlich interessant, allerdings nicht zwangsläufig wichtig. Heute Morgen berichteten regionale Medien, dass der Tochter eines hochrangigen nordkoreanischen Funktionärs die Flucht nach Südkorea gelungen sei. Generell ist es ziemlich selten, dass Personen die der nordkoreanischen Elite angehören, fliehen. Die 19 jährige, von der nur ihr Familienname Han bekannt ist, soll die Tochter eines Mitglieds des Ministeriums für Volkssicherheit sein, das für die Polizeioperationen in Pjöngjang zuständig ist. Sie habe in Peking studiert, bevor ihr im Mai dieses Jahres über ein Drittland die Flucht in den Süden gelungen sei. Seitdem werde sie von den dortigen Sicherheitsbehörden befragt.

Interessant ist die Meldung vor allem, weil wie gesagt, Mitglieder der Eliten selten flüchten. Sie werden von Kim Jong Un gut versorgt und haben daher aus diesem Grund, sowie vermutlich aus Angst um ihre Familien, wenig Anlass das Land zu verlassen. Wenn nun doch Personen aus diesem Kreis fliehen, könnte man mutmaßen, dass Kim Jong Un die Eliten nurnoch so unzureichend versorgt, dass sie ein Leben in Südkorea doch reizvoll fänden. Oder man könnte auf die Idee kommen, dass die Person geflohen sei, weil ihre Einschätzungen über die Zukunft des Regimes  sehr schlecht sind.
Solche Gedanken würde ich weiterspinnen, wenn nicht eine 19 jährige Tochter aus gutem Hause, sondern ihr Vater abgehauen wäre. So kann man da glaube ich nicht allzuviel hineininterpretieren, aber ich kann natürlich gut verstehen, dass ein 19 jähriger Mensch, der die Welt (oder zumindest China) gesehen hat, keine Lust auf eine Zukunt im starren Nordkorea hat. Wenn sich solche Fälle häufen würden, dann könnte man darüber nachdenken, ob der westliche Wertkompass (ganzschön hochtrabende Worte für das,  was man auch ungezügelten Materialismus nennen könnte) den Eliten-Nachwuchs in Nordkorea erreicht hat und zunehmend „korrumpiert“.

Naja, soviel für heute von mir, in den nächsten Tagen gibt es wie angekündigt mein Wahlspecial, wenn nichts Großartiges passiert.

P.S. Nurnoch sieben Tage bis zur Bundestagswahl. Nächsten Sonntag ist es soweit, also guckt nochmal in den Kalender, überlegt ob ihr da Zeit habt und ansonsten macht Briefwahl!

Zahl der nordkoreanischen Flüchtlinge in 2012 stark gesunken — Mögliche Ursachen


Eben habe ich einen Artikel gelesen, der mich ein bisschen ins Grübeln gebracht hat und daher möchte ich ihn und meine Gedanken dazu kurz mit euch teilen. Und zwar geht es darum, dass die Zahl der nordkoreanischen Flüchtlinge, die in diesem Jahr Südkorea erreicht haben, mit 1.086 von Januar bis September so niedrig ausfällt wie lange nicht. Die Gesamtzahl für 2012 wird vermutlich in etwa auf dem Niveau der Zahlen von 2005 liegen, als 1.382 Nordkoreaner den Süden erreichten. In den  Jahren nach 2005 waren die Zahlen stetig angewachsen und hatten 2009 mit über 2.900 ihren bisherigen Höchststand erreicht.

Die südkoreanische Lesart…

Aber natürlich geht es mir nicht in erster Linie darum, die Entwicklung der Flüchtlingszahlen über die Jahre hinweg nachzuzeichnen, sondern darzustellen, dass es durchaus als ungewöhnlich zu bewerten ist, dass es in diesem Jahr 2012 „so wenig“ Menschen aus dem Norden nach Südkorea getrieben hat. In dem zugehörigen Artikel wird gleich eine Erklärung mitgeliefert. Allerdings stammt die von südkoreanischen Offiziellen und daher ist es keine große Überraschung, dass es natürlich die verschärften Grenzkontrollen Nordkoreas nach dem Tod Kim Jong Ils waren, die die Menschen im Land hielten.

…naheliegend…

Diese Erklärung ist keinesfalls abwegig, aber ob es die Einzige ist, das möchte ich doch mal schwer in Zweifel ziehen. Ich meine, klar. Nach dem Tod Kim Jong Ils wird man sich sehr große Mühe gegeben haben, alles zu verhindern, was die Situation destabilisieren könnte und damit ein Risiko für die Machtübernahme Kim Jong Uns und seiner Leute dargestellt hätte. Ein solches Risiko wäre zweifelsohne eine Massenflucht in Richtung China gewesen. Daher ist es wahrscheinlich, dass die nordkoreanische Führung die Grenzsicherheit nochmal verschärft hat und damit dafür sorgte, dass weniger Menschen mit einem Fluchtvorhaben die Grenze passierten. Vielleicht kam es auch wegen der größeren „Grenzdichte“ im Norden wiederholt zu Fluchten über die Seegrenze im Süden.

…aber nicht ausreichend.

Wie komme ich jetzt aber darauf, dass diese doch durchaus plausibel klingende Erklärung nicht allein ausreichen soll, um als Ursache für die bemerkenswerten Flüchtlingszahlen zu dienen.

Zwei Überlegungen

Dazu zwei Überlegungen. Erstens wurde schon spätestens seit den olympischen Spielen in China immer wieder von verstärkter Grenzüberwachung berichtet und die niedrigeren Flüchtlingszahlen 2010 und 2011 gegenüber dem Jahr 2009 wurden u.a. mit solchen Maßnahmen erklärt. Die Frage die sich mir dann stellt: War da überhaupt noch viel zu verschärfen? V.a. wenn man bedenkt, dass die Grenzsicherung auf See scheinbar durchlässiger war, als in den Vorjahren und dass dann schon unmittelbar nach dem Schock des Todes Kim Jong Ils die Befehlsketten perfekt funktioniert haben müssten. Nungut, ich weiß, dass man das schwer beurteilen kann und dass es möglich ist, dass die Grenze tatsächlich nochmal dichter gemacht wurde, vielleicht dadurch, dass nicht nur mehr Wächter abgestellt wurden, sondern dass v.a. die Bewachung der Wächter verschärft wurde (denn es wird ja immer wieder berichtet, dass die Grenzposten permanent auf der Suche nach Zuverdienstmöglichkeiten sind).

Also will ich euch auch meine zweite Überlegung nicht vorenthalten: In so ziemlich allen Berichten über die nordkoreanischen Flüchtlinge wird nie vergessen zu erwähnen, dass im chinesischen Grenzland zehntausende bis hunderttausende von Flüchtlingen versteckt sind, die auf eine Fortsetzung ihrer Flucht warten. Auch wenn über den Ablauf von Fluchten berichtet wird, findet die Tatsache häufig Erwähnung, dass es zumindest Monate, oft aber Jahre dauert, bis die Flüchtigen in Südkorea ankommen. Wenn man diesen Aussagen Glauben schenken will, dann wäre es überraschend, wenn Kim Jong Ils Tod sich so schnell auf die Flüchtlingszahlen niedergeschlagen hätte.

Weitere mögliche Gründe

Was kann aber sonst noch dafür gesorgt haben, dass die Flüchtlinge, die in den Süden gingen weniger wurden.

Erweiterte Grenzsicherung

Die erste Ursache könnte in dem liegen, das ich hier einfach mal „erweiterte Grenzsicherung“ nenne (wer weiß, vielleicht hat man sich da ja von der berühmten EU Agentur Frontex inspirieren lassen, genau wie die nordkoreanischen Behörden damit befasst ist, unerwünschte Migration mit allerlei Mitteln zu verhindern). Dazu gehört nicht nur die Grenze zwischen China und Nordkorea, sondern auch der Umgang Chinas und der Staaten Südostasiens mit nordkoreanischen Flüchtlingen. China stand im vergangenen Jahr ja schon häufiger wegen des Umgangs mit den nordkoreanischen Flüchtlingen (die zurück nach Nordkorea geschickt werden, wenn sie aufgegriffen werden) am Pranger und das hat zwar etwas mit einer offensiveren Haltung Südkoreas und der westliche Staaten zu tun. Aber auch damit, dass China vor einigen Jahren das Verfahren gegenüber den Flüchtlingen deutlich verschärft hat. Die Staaten Südostasiens standen gleichzeitig im Fokus eines verstärkten Interesses aus Nordkorea. Gut möglich, dass man dabei auch über die Flüchtlinge gesprochen hat. Vielleicht hat sich bei potentiell Fluchtwilligen Nordkoreanern rumgesprochen, dass es noch schwieriger und gefährlicher geworden ist, aus dem Land zu fliehen.

Propagandaerfolg

Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass Nordkorea in diesem Jahr neue propagandistische Methoden gegen die Landesflucht etabliert hat. Sinnbildlich dafür steht wohl Pak Jong-suk, die — warum auch immer — nach Jahren in Südkorea nach Nordkorea zurückkehrte und den Menschen dort über das grauenvolle Leben etc. im Süden berichtete. Bei Propaganda ist es zwar so ähnlich wie bei Werbung, die Effekte sind schwer messbar, aber vielleicht hatte diese kleine Kampagne um Pak einen Effekt.

Hoffnung auf frischen Wind aus Pjöngjang

Genauso ist es möglich, dass die mediale Darstellung Kim Jong Uns als frischer neuer Führer, mit Herz für die Bevölkerung und mehr Ähnlichkeit zu Kim Il Sung als zu Kim Jong Il, bei einigen Menschen Hoffnungen geweckt hat. Es ist nicht leicht die Heimat zu verlassen und wenn man die Hoffnung hat, dass mit dem neuen Führer alles besser wird, dann wartet man damit vielleicht ein paar Monate oder Jahre, bis man weiß, ob alles beim alten bleibt oder tatsächlich ein frischer Wind aus Pjöngjang weht. Und wenn man sich gerade irgendwo in China versteckt überlegt man vielleicht, ob man nicht doch wieder zurückgehen will, oder zumindest in Schlagweite bleiben soll. Ganz ehrlich gesagt finde ich es durchaus schlüssig, dass auch solche Motive zum Verbleib einiger Menschen in Nordkorea geführt haben könnte.

Wir werden sehen

Naja, wissen kann man es nie, aber vielleicht lassen sich in den nächsten Jahren weitere Schlüsse ziehen, wenn sich zeigt, ob die Flüchtlingszahl dauerhaft niedrig bleibt, weiter zurückgeht, oder wieder ansteigt. Wir werden sehen.

Die Suche nach einem guten Korea: Nordkoreanische Frau kehrt nach sechs Jahren im Süden zurück


Gestern wurde in Pjöngjang auf einer Pressekonferenz ein relativ ungewöhnlicher (weil seltener) Sachverhalt publik gemacht. Auf dem Podium saß eine Frau Namens Pak Jong-suk, die 2006 nach Südkorea geflohen war und nun in den Norden zurückgekehrt war (danke übrigens Bagameri, dass du das schon gestern auf der Freien Beitragsseite gepostet hast).

Kuriose Geschichte, die interessante Schlaglichter wirft

„I illegally crossed the border on the night of March 29, 2006 in a foolish hope of meeting my father who went to south Korea due to the A-bomb scare made by the U.S. imperialists during the Korean War and getting money from him“, she said.

„I was taken in by the luring tactics of south Korean Intelligence Service agents in an alien land and handed over by them according to their scenario. This was how I was taken to south Korea at around 9 a.m. of June 29 of the same year“, she added.

She recalled that while living in south Korea for six years she led a life little short of a miserable slave’s for want of money.

Referring to the living conditions of the „defectors from the north“, she said the jobs they could find at best were nothing but waste cleaning, vessel washing and servicing and other most hateful and difficult jobs.

„Ich überquerte die Grenze in der Nacht des 29. März 2006 illegal in der trügerischen Hoffnung, meinen Vater zu treffen, der aus Angst vor den Atombombendrohungen der US Imperialisten während des Koreakriegs nach Südkorea gegangen war. Außerdem hoffte ich Geld von ihm zu bekommen“, sagte sie.

Ich wurde vom südkoreanischen Geheimdienst in ein feindliches Land gelockt und dort nach ihrem Plan übergeben. So wurde ich am 29. Juni desselben Jahres nach Südkorea gebracht,“ fügte sie hinzu.

Sie erinnerte sich, dass sie während der sechs Jahre in Südkorea das Leben eines armseligen Sklaven auf der ständigen Suche nach Geld führte.

Bezüglich der Lebensbedingungen der Flüchtlinge aus dem Norden sagte sie, dass die Arbeit die sie finden konnten bestenfalls Müllentsorgung oder das Waschen von Schiffen, Bedienen und andere gehasste und schwere Jobs seien.

Natürlich zeigte sich die Frau dem Regime gegenüber sehr dankbar, denn im Süden dürfte sie auch gehört haben, dass es nicht allen Flüchtlingen, die nach Nordkorea zurückkehren (zumindest wenn sie gebracht werden) gleichermaßen gut ergeht. Auf der Pressekonferenz, an der einheimische und ausländische Medien teilnahmen, trat sie gemeinsam mit ihrem Sohn und seiner Frau auf. Der Süden bestätigte die Eckdaten der Geschichte mittlerweile. Es wurde aber noch nicht aufgeklärt, wie die Rückkehr in den Norden konkret ablief.

Diese Geschichte scheint auf den ersten Blick absolut kurios und abwegig, wirft aber auf den zweiten Blick einige interessante Schlaglichter auf die Flüchtlingsproblematik, auf die ich kurz eingehen will.

Die Flüchtlinge in Südkorea. Keine heile Welt.

Als erstes stellt man sich natürlich die Frage: Warum sollte jemand aus der schönen Wohlstandsgesellschaft im Süden in das Armenhaus im Norden zurückkehren? Eine einfache Antwort wäre: „Weil er verrückt ist!“ Während ich diese Erklärung bei Leuten, die aus dem Süden in den Norden abhauen, ohne davor dort gewesen zu sein für nicht unbedingt abwegig halte, dürfte die Erklärung für jemanden, der aus dem Norden geflohen ist nicht ganz so eindimensional sein (vermutlich ist sie das auch in dem anderen Fall nicht, aber da mangelt es mir einfach an Kreativität oder Empathie, um eine vernünftige Erklärung finden zu können).

Im Fall von Flüchtlingen muss man sich vor Augen führen, dass sie beide Gesellschaften kennen gelernt haben und wenn dann jemand zurückgeht, dann muss es also im Norden etwas geben, das dem Süden abgeht. Das ist möglicherweise gerade für die Flüchtlinge wahr, die bei ihrer Ankunft in Südkorea häufig große Probleme haben, sich zu integrieren. Das liegt aber nicht nur an der Fremdheit der neuen Welt, sondern auch einer häufig vorzufindenden Diskriminierung, die sich vor allem, aber nicht nur in der Arbeitswelt finden lässt. Außerdem scheinen die Flüchtlinge häufig sehr isoliert in der Gesellschaft des Südens zu sein, da sie von den Südkoreanern nicht als vollwertig akzeptiert werden, während sie ihren Schicksalsgenossen nicht vertrauen können (häufig nicht zu Unrecht, wenn man an Betrügereien und Spionageaktivitäten denkt). Außerdem haben die Flüchtlinge sehr oft ein gestörtes Verhältnis zu Geld (was recht gut in dem Hinweis auf das Leben eines armseligen Sklaven rauskommt, der nur auf der Suche nach Geld ist), was das Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht unbedingt erleichtert. Mehr zu den Schwierigkeiten nordkoreanischer Flüchtlinge bei der Integration in den Süden findet ihr in dieser echt tollen Studie der International Crisis Group zum Schicksal dieser Flüchtlinge in Südkorea.

Die Symptome, die Frau Pak auf der Pressekonferenz beschrieben hat sind also nicht aus der Luft gegriffen, sondern decken sich durchaus mit dem, was auch in der Wissenschaft beschrieben wird. Viele nordkoreanische Flüchtlinge, die in Südkorea leben scheinen dort nicht wirklich angekommen zu sein und sind mit ihrer Situation unzufrieden. Zwar bemüht sich der Süden mittlerweile, auch mit deutscher Beratung, dieses Problem aktiver anzugehen, aber zu einer erfolgreichen Integration scheint noch viel zu fehlen. Allerdings ist gleichzeitig auch zu bemerken, dass von den über 23.000 Flüchtlingen nicht dutzende und erst recht nicht hunderte zurückgekehrt sind, sondern genau ein Fall vorliegt (vor ein paar Jahren gab es einen weiteren, auf dem es auch eine Pressekonferenz in Nordkorea gab, aber den kann man nicht wirklich zählen, weil der Mann dann später wieder in den Süden floh (womit wir wieder bei „verrückt“ wären)). Nichtsdestotrotz ist es möglich, dass einige der Flüchtlinge mittlerweile an der Richtigkeit ihrer Flucht zweifeln und dass Frau Pak daraus den Schluss zog, dass es besser sei zurückzugehen.

Die Familien der Flüchtlinge. Nicht immer schlimme Folgen?

Einen kleinen aber nicht uninteressanten Aspekt finde ich die Tatsache, dass der Sohn der Frau mit auf dem Podium erschien und als Lehrer vorgestellt wurde. Es wird ja häufig darüber gesprochen, dass die Flucht einer Person auch auf ihre Familienmitglieder die im Land zurückbleiben negative Folgen hat. Das scheint hier nicht der Fall gewesen zu sein, denn der Sohn hat wohl eine ganz gute Ausbildung und lebt in Pjöngjang, was ja nicht gerade eine Strafmaßnahme darstellt, sondern eher ausgewählten Leuten zugute kommt. Das kann alles Zufall sein und wer weiß, wie lange der junge Mann schon in Pjöngjang lebt, aber bemerkenswert ist es trotzdem.

Strategisches Manöver Pjöngjangs: Adressaten im In- und Ausland

Noch bemerkenswerter ist allerdings, dass man über die Frage der Flüchtlinge überhaupt so halbwegs offen spricht und sogar eine davon (in der nordkoreanischen und leider häufig auch noch westlichen Terminologie wird von „Überläufern“ gesprochen) auf einer Pressekonferenz zu Wort kommen lässt. Dieses Thema ist nicht ohne Grund ein sehr sensibles in Nordkorea und dementsprechend spricht man nicht besonders gerne darüber. Allerdings wird man in der Realität nicht ganz darüber hinweggehen können. Die Zahl der Menschen, die im Süden angekommen sind, liegt etwa bei 23.000. Klingt nicht viel, aber ist schonmal jeder tausendste. Wahrscheinlich also dass die meisten Nordkoreaner direkt (ich kenne jemanden) oder indirekt (ich kenne jemanden der jemanden kennt) mit einem Fall einer erfolgreichen Flucht konfrontiert ist. Nicht mit eingegangen sind hier diejenigen, die sich entweder in China verstecken, oder irgendwo auf dem Weg sind. Das würde die Zahl nochmal um einige zehntausend erhöhen. Naja, es ist also ein gesellschaftliches Problem, das man nicht einfach so wegschweigen kann. Vielleicht hat das Regime das erkannt und entschieden, das alles offensiver anzugehen. Zum Beispiel indem man jemanden, dem es im Süden nicht mehr gefiel (und der damit etwas glaubwürdiger ist, als die „normale“ Propaganda) zu Wort kommen und beschreiben lässt, dass da auch nicht das Land ist wo Milch und Honig fließen. In diese Lesart würde auch der kürzliche etwas seltsame Ausfall KCNAs gegen Menschenhandel passen (ich habe ihn leider nicht vor Augen, weil momentan irgendwie alle nordkoreanischen Propagandaseiten einschließlich der in Japan gehosteten KCNA-Seite down sind (Komisch!) wenn die wieder verfügbar sind, spezifiziere ich das ein bisschen und verlinke es).

Aber auch an die Flüchtlinge im Süden könnte das Ganze gerichtet sein. Hier könnte man hoffen, einige Weitere davon zu überzeugen, dass eine Rückkehr eher positive als negative Folgen hat und dass die negativen Wahrnehmungen der neuen Heimat, die ja oben kurz beschrieben sind, bei einigen anderen auch vorhanden sind. So könnte man hoffen, Agenten im Süden zu gewinnen oder Leute ins Land zurück zu holen und damit weitere Propagandaerfolge zu erzielen. Ob das so kommen wird steht allerdings auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist diese Pressekonferenz mit Frau Park ein strategisch interessanter Schritt und ich bin gespannt, ob das in eine umfangreichere Strategie hinsichtlich der Flüchtlinge eingebettet ist, oder ob man eben aus dem kleinen propagandistischen Geschenk, das die Frau darstellt, das Beste gemacht hat.

Heißes Tänzchen auf dem diplomatischen Parkett erwartet: Nordkorea-Bericht wird dem Menschenrechtsrat der UN vor dem Hintergrund um die Debatte um nordkoreanische Flüchtlinge in China vorgelegt


Ich habe nicht besonders viel Zeit, weil ich gleich für ein paar Tage wegmuss. Vorher will ich euch aber noch auf einen weiteren interessanten Anlass mit Nordkoreabezug aufmerksam machen und vorbereiten, der nächste Woche ansteht. Dann wird nämlich der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für die Menschenrechtssituation in Nordkorea, Marzuki Darusman vor dem Menschenrechtsrat seinen alljährlichen Bericht zur Menschenrechtslage in Nordkorea vorlegen.

Diese Veranstaltungen sind ohnehin schon immer begleitet von einigermaßen heißen Debatten. Allerdings dürfte es für die Vertreter Nordkoreas dieses Jahr ein noch heißeres Tänzchen werden. Südkorea hat angekündigt, das Thema der nordkoreanischen Flüchtlinge in China zu thematisieren und wenn man bedenkt, dass Amnesty International sich des Themas angenommen hat und in den letzten Wochen eine Kampagne lief, werden sich sicherlich auch ein paar Vertreter von NGOs (wie z.B. Amnesty) zu Wort melden.

Es wird also nicht nur interessant sein zu sehen, was in dem Bericht steht und ob er dieses Jahr der breiten Thematisierung der Flüchtlingsfrage zufolge, hierauf ein besonderen Fokus gelegt hat. Es wird auch spannend zu sehen sein, was für Wortmeldungen es von den verschiedenen Delegationen gibt. Zum Beispiel wie Südkorea das Thema anpackt und wie der Norden reagiert (das Beschweren über „Double-Standards“ wird dieses Jahr wohl nicht langen). Auch Chinas Rolle wird zu beachten sein. Wird es direkt an den Pranger gestellt oder vermeidet man das. Und welche Haltung legen die chinesischen Vertreter an den Tag? Außerdem gibt es ja noch ein paar übliche Verdächtige (ein paar sind im Verlauf des letzten Jahres auch weggefallen…), die in solchen Sachen eigentlich immer neben Nordkorea stehen und die momentan ebenfalls in der Kritik stehen. Naja, ich denke es wird eine lebhafte Debatte werden und ab Dienstag wird es dann auch ein gewisses mediales Echo haben, denn das Thema Flüchtlinge haben die Redakteure überall ja gerade auf dem Schirm.

Mehr dazu wird es dann irgendwann nächste Woche geben…