Nordkorea bei der Frauen-WM: Roundup von „interessant“ bis „überraschend“


Heute möchte ich mich mal mit einem Thema beschäftigen, von dem ich ehrlich gesagt noch weniger Ahnung habe, als es das ja ohnehin oft der Fall ist. Aber wenn schonmal die Frauen Fußball WM in unserem Land stattfindet und die nordkoreanischen Damen es auch wieder in die Endrunde geschafft haben, dann komme ich da wohl kaum drumrum (und es ist ja auch selten schädlich sich mit etwas zu befassen, mit dem man sich bisher nicht so gut auskennt). Und außerdem möchte ich ja kein blöder Macho-Chauvi sein und will den Frauenfußball genauso würdigen, wie ich es letztes Jahr bei den Herren getan habe.

Eine Größe im internationalen Frauenfußball

Die nordkoreanische Nationalmannschaft schlägt sich schon seit Jahren auf internationaler Ebene recht beachtlich. Sie gewann schon dreimal (2001, 2003 und 2008) den AFC Women’s Asian Cup. Zu den letzten drei Weltmeisterschaften waren die nordkoreanischen Kickerinnen ebenfalls qualifiziert und zogen 2007 sogar ins Viertelfinale ein, wo sie von den späteren Siegerinnen aus Deutschland gestoppt wurden. Die guten Leistungen auf internationaler Ebene hängen wohl mit der intensiven Jugendarbeit zusammen, die sich auch in den noch größeren Erfolgen Nordkoreas in diesem Bereich widerspiegelt (bspw. U-20 WM 2006 gewonnen, 2008 zweite). Berichten zufolge werden die größten Talente schon in früher Jugend speziell ausgebildet, wobei der Fußballverband aus einem Pool von über 350.000 Mädchen zurückgreift. Außerdem vermute ich, dass die nordkoreanische Konkurrenzfähigkeit im Frauenfußball noch auf einem anderen Fakt beruht. Anders als bei den Herren ist die Professionalisierung hier noch nicht so weit fortgeschritten. Dadurch macht die wesentlich geringere Erfahrung der nordkoreanischen Spielerinnen durch internationale Spiele auf Vereinsebene weniger aus, als bei den Männern, die im letzten Jahr gegenüber den Spitzen (und mittelmäßigen Teams) doch relativ deutlich abfielen.

Taktisch geschult, aber nicht kreativ

Über die Spielerinnen und ihre Stärken weiß ich leider relativ wenig (es wird ja auch (wie immer wenn das Schlagwort „Nordkorea“ fällt) viel Schwachsinn „berichtet“ und kommentiert). Ich hätte mir natürlich das Testspiel der Mannschaft gegen die deutschen Damen angucken können, um mir ein Bild zu machen, aber Testspiele sind mir meistens ein Graus (ich hasse es einfach, wenn zur Halbzeit die halbe Mannschaft ausgetauscht wird und danach nichts mehr läuft). Aus Vor- und Nachbericht geht allerdings hervor, dass die nordkoreanischen Spielerinnen vor allem taktisch und athletisch fit sind und so wohl relativ effektiv verhindern, dass die gegnerische Mannschaft ihr Spiel vernünftig aufbaut (was oft ein deutliches Zeichen dafür ist, dass es nicht besonders spaßig sein könnte, dass Spiel anzuschauen). Der deutschen Mannschaft waren sie aber wohl trotzdem deutlich unterlegen, was sich auch im 0:2 Endergebnis widerspiegelt. Interessanterweise haben auch die nordkoreanischen Medien über das Freundschaftsspiel berichtet, obwohl man verloren hat, allerdings ohne diesen Sachverhalt (den der Niederlage) anzusprechen. Vielmehr erfreute man sich an der „experience in tactics and operation“ die man „through the match“ gewonnen hat. Die wohl beste Bewertung bzw. Analyse des nordkoreanischen Teams habe ich auf dem Sportschau Blog zur Frauen WM gefunden. Der Tenor: Die nordkoreanischen Frauen sind durch ihre intensive Ausbildung taktisch und in puncto Spielverständnis hervorragend geschult. Allerdings mangelt es ihnen an Kreativität und individuelle Ideen. So können gegnerische Mannschaften durch eine geschickte taktische Vorgehensweise das starre standardisierte Spiel der Nordkoreanerinnen von Anfang an stören, worauf diesen dann wegen der oben genannten Schwächen keine Antwort einfällt. Wie gesagt, ich habe das Damen Team, in dem keine WM-Fahrerin von 2007 dabei ist, noch nicht spielen sehen, aber die Analyse klingt nach der Betrachtung der Herren-WM schlüssig. Mehr werden wir dann wohl ab dem 26. Juni erfahren.

Doch für Überraschungen gut: Wo die Disziplin aufhört

Einen kleinen Knacks bekam das Klischee von den disziplinierten und gedanklich starren Fußballerinnen allerdings, als ich einen Bericht über einen (für mich überraschenden (kann eigentlich etwas „überraschend“ sein, das vor fünf Jahren passiert ist? Aber ihr wisst ja was ich meine)) Vorfall im Rahmen des AFC Women’s Asian Cup im Jahr 2006 gelesen habe. Nach der knappen Halbfinalniederlage gegen China sind nämlich drei der nordkoreanischen Spielerinnen gegen die Schiedsrichterin tätlich geworden. Eine schlug nach dem Abpfiff mit ihrem Schuh nach ihr, während zwei ihrer Kameradinnen Wasserflaschen nach der Italienerin warfen, die von Securitys vom Platz gebracht werden musste. Ehrlich gesagt wundert  es mich gleich doppelt, dass es zu einem solchen Zwischenfall kam. Einerseits dachte ich, nur adrenalindurchflutete Männer würden sich so total vergessen und andererseits hätte ich das speziell von Nordkoreanerinnen, die definitiv eine stark „disziplinlastige“ Ausbildung erfahren haben, nicht erwartet.

Nordkoreanische Doku über Frauenfußball…

Wenn ihr etwas mehr über die nordkoreanisch Sicht auf den eigenen Frauenfußball erfahren wollt, dann empfehle ich euch diese Dokumentation, aber ihr wisst ja: In Nordkorea sieht man manche Dinge etwas anders als sonstwo, aber der Großteil des Berichts handelt von den objektiv nicht zu bestreitenden Erfolgen der nordkoreanischen Mannschaft.

…und ein österreichischer Film zur WM

Außerdem kommt in der kommenden Woche (fast) pünktlich zum Start die österreichische Dokumentation „Hana, Dul, Sed“ in die Kinos. Die Regisseurin Brigitte Weich begleitete für diesen Film vier nordkoreanische Fußballerinnen, die zu Beginn noch in der Nationalmannschaft spielten, über fünf Jahre hinweg. In diese Zeit fällt auch ein Bruch im Leben der Spielerinnen. Als sich die Nationalmannschaft nicht für die olympischen Spiele in Athen (2004) qualifizieren konnte, fanden die Karrieren der Spielerin ihr abruptes Ende und im Rest des Films werden sie dabei begleitet, wie sie sich ein Leben jenseits vom Fußball aufbauen. Ich habe den Film nicht gesehen, daher kann ich ihn auch nicht empfehlen, aber die Kritiken sind gut und wenn er in meiner Gegend kommen sollte, dann werde ich ihn mir wohl anschauen. Mit Trailern ist das ja immer so eine Sache, aber vielleicht helfen sie euch ja bei der Entscheidungsfindung:

DFB Reise nach Nordkorea: Ein MoU, ein Job für die Grünen und konservative Prinzipientreue


Die deutsche Delegation, die Nordkorea im Rahmen der „Welcome Tour“ zur Frauen Fußball WM in Deutschland in diesem Jahr besucht hat, dürfte mittlerweile wieder in Deutschland gelandet sein. Anlass genug jedenfalls, um euch schonmal kurz zu informieren, was über die Reise, an der neben DFB Chef Theo Zwanziger und der Leiterin des Organisationskomitees Steffi Jones, auch Parlamentariern aller Bundestagsfraktionen (Claudia Roth (Grüne), Dr. Thomas Feist (CDU), Patrick Kurth (FDP), Dr. Johannes Pflug (SPD), Katrin Kunert (Linke)) und 14 (!) Journalisten teilnahmen, so berichtet wird. Erstmal das Video von KCNA, das hauptsächlich aus Händeschütteln besteht (das gibts schon ein paar Tage auf der KCNA-Seite, aber man muss um das anzusehen, glaube ich, irgendwelche Software runterladen und da habe ich gewisse Vorbehalte)

Gespräche und ein MoU

Im Rahmen des zweitägigen Aufenthalts trafen sich die Fußballfunktionäre unter anderem den Chef des nordkoreanischen Fußballverbands Ri Jong-mu und die Politiker mit Yang Hyong-sop, der Vizepräsidenten der Obersten Volksversammlung und Mitglied des Politbüros ist. Auch Jürgen Klimke, ein Parlamentarier der CDU, der Nordkorea unabhängig von dieser Reise kürzlich besuchte, hatte mit ihm die Ehre (vielleicht spricht Yang ja deutsch oder er ist für deutsche Angelegenheiten mit verantwortlich). Als greifbares Resultat der Reise kann man wohl das Memorandum of Undestanding sehen, das Zwanziger und Ri unterzeichnet haben. Darin wird vereinbart, dass beide Verbände bei der Trainerausbildung und im Schiedsrichter- und Nachwuchsbereich intensiver zusammenarbeiten wollen. Außerdem scheint sich Zwanziger ein Länderspiel im Männerbereich gut vorstellen zu können.

Die Grünen als „Jubel-Nordkoreaner“

Auch Claudia Roth wurde von der nordkoreanischen Seite auf ihre Art gewürdigt. Scheinbar fragten nordkoreanische Funktionäre sie darauf an, ob ihre Partei die nordkoreanischen Frauen bei der WM nicht geschlossen unterstützen könne. Scheinbar ist man noch nach der Suche nach einem adäquaten Fanblock für die WM (bei der Herren WM im vergangenen Jahr gab es ja gewisse Diskussionen um „gemietete“ Fans). Weshalb man die Frage allerdings an Roth adressierte, kann ich mir nicht so genau vorstellen (Vielleicht die Haarfarbe in Kombination mit dem Namen?). „Natürlicher“ Ansprechpartner wäre wohl eher Katrin Kunert von der Linken gewesen (ob sie selbst dafür zu haben gewesen wäre bezweifle ich zwar, aber in der Basis gäbe es da sicherlich den einen oder anderen), aber vermutlich haben die nordkoreanischen Fußballvertreter die deutsche Parteienlandschaft nicht so genau studiert und sich eher von Äußerlichkeiten leiten lassen.

CDU und FDP: Prinzipientreu

Von ihren Prinzipien leiten ließen sich dagegen Thomas Feist und Patrick Kurth. Die beiden Vertreter der CDU und FDP hatten scheinbar keine Lust, sich Kim Il Sungs (un-)sterbliche Überreste anzugucken und weigerten sich daher am Besuch im Mausoleum teilzunehmen (damit haben sie aber auch die Chance verpasst, den von Journalisten mit Vorliebe beschriebenen „Riesenstaubsauger“ zur Stäubchenentfernung anzugucken). Scheinbar hatten die beiden also nicht nur keine Lust, Kim Il Sung anzuschauen, sondern wollen in Zukunft auch nicht mehr gern nach Nordkorea fahren. Mit dieser Aktion sollten sie vor solchen Anfragen künftig ziemlich sicher sein. Was genau die Beweggründe für ihre Entscheidung waren weiß ich nicht so genau, aber Parteilinie kann es wohl nicht sein. Von anderen Vertretern ihrer Parteien hat man jedenfalls nicht gehört, dass sie sich bei Besuchen so vehement gegen die zugegeben etwas seltsam anmutende Verehrung des großen Führers — und damit aber wohl auch gegen das Protokoll — gewehrt haben. Allerdings stammen sowohl Feist als Kurth aus der ehemaligen DDR und da kann man ja schon verstehen, dass man noch eher eine Abneigung gegen Riten hat, die bspw. denen in Stalins Sowjetunion recht ähnlich sind.

Keine Sorge, da kommt noch was…

Wenn die vierzehn Journalisten aus dem Pressetross in nächster Zeit ihre Erlebnisse verarbeiten, sollte man sich ja keine Sorgen machen, zu wenig über die Reise informiert zu werden. Aber das findet ihr schon selbst. Ich werde mich dem Thema nur dann nochmal widmen, wenn etwas Interessanteres als das übliche Überwachungs-/Armuts-/Kulturschock-/Riesenstaubsauger-Zeug, vermeldet wird.