Ein Strauß voll Buntes V: Papers, Zeitschriften, Atlas, APs North Korea Journal — Beschäftigung für die Sommerferien


In letzter Zeit ist mal wieder einiges liegen geblieben bei mir. Nicht, weil  es irgendwie nicht gut wäre, sondern weil ich schlicht nicht hinterher kam, das ganze gute Zeug aufzuarbeiten (vor allem Noland und Haggard waren ziemlich fleißig in den letzten Wochen und hatten einen beachtlichen Ausstoß von drei Papers in zwei Monaten. Junge, Junge!). Damit ich mir nicht irgendwann vorwerfen muss, ich hätte es euch nicht gesagt, habe ich beschlossen, mal wieder einigermaßen kurz und Bündig einen Strauß voll Buntes zu packen. Der ist, wie es sich im Sommer gehört, besonders bunt, so dass für Jede/n was dabei sein sollte. Ich habe es nicht geschafft, alles zu lesen (was entweder an meiner Faulheit oder am Fleiß der Anderen, vermutlich aber einer Kombination aus beidem liegt) was schade ist, weil ich euch nichts empfehle, von dem ich nicht ausgehe, dass es irgendwie interessant ist, aber vielleicht komme ich dann ja irgendwann dazu, wenn ich es brauche.

Haggard und Noland zu wirtschaftlichen Verknüpfungen und Geschlechterrollen

Naja, fangen wir einfach mal mit den Papers von Haggard und Noland an. Im Mai veröffentlichten sie eins, dass die Frage von wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen China und Nordkorea auf Unternehmensebene beleuchtet und damit das Paper, über das ich hier geschrieben habe, vertieften. Wie bei Haggard und Noland so üblich, haben sie sich dem Thema auf Basis einer Befragung von Unternehmen genähert. Zu „Networks, Trust, and Trade: The Microeconomics of China–North Korea Integration“ geht es hier lang.

Eine ziemlich ähnliche Übung, die aber natürlich inhaltlich trotzdem ganz andere Ergebnisse lieferte haben sie auch für südkoreanisch-nordkoreanische wirtschaftliche Verflechtungen auf Unternehmensebene durchgeführt und darüber noch im selben Monat ein Paper rausgehauen. Hier lang zu „The Microeconomics of North–South Korean Cross-Border Integration“.

Und kürzlich haben sie sich dann noch eines ziemlich anderen aber nicht minder spannenden Themas angenommen. Der Veränderung der Geschlechterrollen in Nordkorea, Frauen haben durch ihre Dominanz in den Marktaktivitäten (was vor allem gesetzlichen Regelungen geschuldet ist) eine neue Rolle errungen, stehen aber gleichzeitig einem männlich dominierten Staatswesen gegenüber, dem sie wenig entgegenzusetzen haben. Diese Ergebnisse wurden mit Hilfe der Befragung von Flüchtlingen gewonnen. Ich hab nur den Abstract gelesen, aber das klingt spannend. Zu „Gender in Transition: The Case of North Korea“ kommt ihr hier.

Dossier von interessanten Autoren. Guter Überblick

Daneben gab es im Mai ein ziemlich interessantes Dossier des „American Foreign Policy Council“. Keine Ahnung, ich kenne den Laden nicht, aber ich kenne die Autoren die an dem Dossier mitgeschrieben haben und die lassen vermuten, dass der Verein eher konservativ ausgerichtet ist. Aber nicht schlimm. Einerseits kann man nie genug von Andrei Lankov lesen und andererseits gibt es sehr selten mal was (open Content mäßiges) von Nicholas Eberstadt (was damit zu tun haben könnte, dass er immer nur seine These aus den 1990ern vom (wirtschaftlichen) Kollaps Nordkoreas verteidigen will, was mit der Zeit langweilig wird. Die vier Artikel des Dossiers setzen sich mit Nordkoreas Nuklearprogramm und dem Vorgehen gegenüber diesem (Peter Brookes), der Frage der Stabilität des Systems (Andrei Lankov), der wirtschaftlichen Lage (Nicholas Eberstadt) und dem schwierigen Feld der humanitären Hilfen (James S. Robbins) auseinander. Es gibt nicht großartig was Neues zu lesen, aber jeweils gute Zusammenfassungen zu den Themen, wie sich das für ein Dossier auch gehört. Finden könnt ihr es hier.

Mark Fitzpatrick zur EU-Rolle gegenüber Nordkorea

Ein sehr spannendes Paper, von dem ich mir wünschen würde, dass es auch ein paar deutsche bzw. europäische Entscheidungsträger läsen, hat Mark Fitzpatrick für das EU-Non-Proliferation-Consortium geschrieben, in dem unter anderem die deutsche HSFK und das schwedische Sipri vertreten sind. Darin beschreibt er die Herausforderungen, die von Nordkorea auf dem Feld der Proliferation (also nicht nur der nuklearen) ausgehen um dann die Rolle der EU in diesem Feld bisher (eine Zeit lang war die ja recht aktiv) und eine mögliche Perspektive für die Zukunft zu beschreiben. Das Paper ist sehr geerdet und verlangt von der EU keine grundsätzliche Politikänderung, nur eine etwas aktivere Politik. Als einen zentralen ersten Schritt schlägt Fitzpatrick dabei die wechselseitige Eröffnung von Botschaften in Pjöngjang und Brüssel vor. So könnte die EU unter anderem unabhängig von den USA und Südkorea Informationen gewinnen und in mögliche politische Prozesse aktiver eingreifen. So wie Fitzpatrick es darstellt gab es bisher keine ernsthaften Initiativen, wechselseitig Botschaften zu eröffnen. Das stimmt allerdings so nicht. Wie man hier nachlesen kann, baten die Nordkoreaner darum, genau dies zu tun (jedenfalls eine eigene Botschaft bei der EU zu eröffnen. Das wurde jedoch von der EU blockiert). Daher ist vielleicht die gesamte EU-Politik nicht so positive zu bewerten, wie Fitzpatrick das tut und ein erster Schritt wäre es, sich eine Linie gegenüber Nordkorea zurechtzulegen, die unabhängig von denen der USA und Südkoreas ist. Darin sehe ich nämlich momentan noch das Problem und so kann man auch nicht als ehrlicher Makler agieren, wie Fitzpatrick ganz richtig rät. Zu dem sehr lesenswerten Paper kommt ihr hier.

Wie die NLL entstand. Neues (bzw. Altes) aus den Archiven

Jetzt wird es eher historisch. Vom North Korea International Documentation Project (NKIDP) des Wilson Center gibt es mal wieder ein sehr spannendes Dossier, in dem wie immer beim NKDIP Quellen aus Archiven verschiedener Geheimdienste und anderer Behörden unterschiedlicher Länder ausgewertet wurden und so ein relativ differenziertes und oftmals neues Licht auf historische Momente und Sachverhalte werfen. Dieses Mal geht es um die Entstehung der Northern Limit Line, also der de facto Seegrenze zwischen Nord- und Südkorea im Gelben Meer, die jedoch vom Norden nicht anerkannt wird und wo es in der Vergangenheit relativ regelmäßig zu Zusammenstöße kam. Zum „NKIDP e-Dossier No. 6: The Origins of the Northern Limit Line Dispute“ kommt ihr, wenn ihr hier klickt.

Zeitschrift: Korean Histories

Und da wir gerade schon historisch unterwegs sind, bleiben wir noch kurz da. In Leiden (NL) veröffentlicht Remco Breuker die peer-reviewte Zeitschrift Korean Histories. Der Titel spricht für sich. Das Feld ist relativ breit und es geht nicht nur um Nordkorea. Aber hin und wieder gibt es auch mal etwas dazu, wie z.B. in der letzten Ausgabe: „North Korean Art Works: Historical Paintings and the Cult of Personality“ von Min-Kyung Yoon. Artikel wie Zeitschrift sind eine schöne Abwechslung, wenn man nicht nur an aktuellen Fragen interessiert ist, sondern auch die historischen Hintergründe erschließen möchte.

Zeitschrift: Asian Literary Review

Ebenfalls gut für eine etwas andere Perspektive ist die Zeitschrift Asia Literary Review. Auch hier gibt es hin und wieder was zu Nordkorea (und Literatur, spannende Kombination über die es selten was gibt). Zwar sind nicht alle Artikel frei zugänglich, aber manche. Derhier zum Beispiel über die Figur Kim Seon-dal die zum Schatz der Koreanischen Volkssagen gehört und vor allem auch in Nordkorea sehr populär ist.

Nordkoreanischer Atlas

Für die eher geographisch interessierten bin ich hier noch über einen eingescannten nordkoreanischen Atlas aus dem Jahr 1997 gestolpert. Leider kann ich nicht so viel damit anfangen, aber vielleicht hilft es euch ja für irgendwas.

Die Früchte ihrer Arbeit: APs North Korea Journal

Zu guter Letzt noch was für Leute, die sich nicht mit ellenlangen Artikeln zu speziellen Themen rumschlagen wollen, sondern mehr Lust auf Presseerzeugnisse haben. Dass die AP ein Büro in Pjöngjang hat wussten wir ja schon alle. Mir war bisher nur leider entgangen, dass es von der AP eine Seite gibt, auf der der gesamte Ausstoß dieses Büros zentral gesammelt wird. Bilder, Artikel und Tweets der Mitarbeiter vor Ort sind im „North Korea Journal“ von AP immer zeitnah zu finden und stellen wohl eines der besten medialen Schaufenster dar, das es von westlichen Medien nach Nordkorea momentan gibt. Irgendwie bricht sich mein PC immer einen ab, wenn ich die Seite aufrufe, aber das Ding ist auch schon ziemlich alt und kaputt (wenn ihr auch so einen PC habt, dann könnten seine Schwierigkeiten von der AP-Seite herrühren).

Die Links werde ich wie immer in die entsprechenden Linkseiten einsortieren. Die Zeitschriften zu den andere Online Zeitschriften und die AP Seite zu den Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Radio, Fernsehen und sonstigen Hilfsmitteln.

Black-box aufgeklappt: Interessantes Paper des PIIE zum Handel zwischen China und Nordkorea


China wird als Handelspartner für Nordkorea immer wichtiger, was die Jahr für Jahr wachsenden Handelszahlen eindrucksvoll belegen. Allerdings ist „China“ genausowenig eine „schwarze Kiste“ (die gute alte black-box) wie Nordkorea  (auch wenn Nordkorea etwas „kistiger“ ist). Der Handel wird von einzelnen Unternehmen betrieben, über die man bisher allerdings relativ wenig weiß. Daher finde ich es sehr verdienstvoll, dass Stephan Haggard, Jennifer Lee und Marcus Noland vom Peterson Institute for International Economics (PIIE) Daten dazu erhoben haben, indem sie im Jahr 2007 etwa 300 Unternehmen in den chinesischen Grenzprovinzen Jilin und Liaoning befragen ließen, von denen 250 Geschäfte mit nordkoreanischen Partnern machten. Die Ergebnisse der Studie, die die Autoren in dem Paper „Integration in the Absence of Institutions: China-North Korea Cross-Border Exchange“ zusammenfassen, sind gleichermaßen vielfältig wie spannend. Ich werde sie hier nicht erschöpfend wiedergeben, sondern mich auf das konzentrieren, dass ich interessant fand.

Risikoscheue Unternehmer

Fast die Hälfte (117) der befragten Unternehmen (die Geschäfte in Nordkorea machen (ich schreibe das ab jetzt nicht mehr extra dazu)) gab an, nur nach Nordkorea zu exportieren, während die Zahl der Firmen, die ausschließlich aus Nordkorea importierten oder gar als einziges Standbein dort investierten mit 20 respektive 5 viel geringer war (aber natürlich gibt es auch viele Mischformen. Im Anhang des Papers ist ein schön einfaches Mengenbild). Das erklären die Autoren damit, dass der Export nach Nordkorea mit wesentlich geringeren Risiken für die Unternehmen verbunden sei. Dass die Geschäftstreibenden durchaus Risiken bei Geschäften mit Nordkorea sehen, wird deutlich, wenn man die hohen Zahlen von Sorgen um eine Enteignung des Eigentums in Nordkorea, das Bewusstsein um die Notwendigkeit von Bestechung und die Schwierigkeiten bei der Beilegung von Streitigkeiten mit den Geschäftspartnern betrachtet. Weitere Hinderungsgründe waren schlechte Infrastruktur in Nordkorea und die Rechtsunsicherheit im Land (man weiß nie ob und wann sich die Regeln ändern).

Gehandelt wird aus eigenem Antrieb und in Dollar

Spannend fand ich auch, dass nur sehr wenige der befragten Unternehmen (es waren einige großen staatlichen Unternehmen und viele kleine private Firmen) angaben, Anreize von der chinesischen Regierung für die Geschäftsverbindungen mit Nordkorea bekommen zu haben (darunter keines der staatlichen). Der Handel entwickelt sich also von selbst was wohl heißt, das in Nordkorea ein wachsender Markt existiert. In diesem Zusammenhang fand ich auch noch spannend, dass über die Hälfte der Unternehmen angab, dass Exporte aus China in US-Dollar gezahlt würden. Die nordkoreanischen Handelspartner scheinen also nach wie vor Zugang zu Devisen zu haben (ich finde das nicht selbstverständlich).

Die Firmen kommen nicht vom Mond, sondern aus China

Ein bisschen zu weit gingen mir die Schlüsse, die die Autoren hinsichtlich Korruption und Bestechung gezogen haben. Sie haben die Ergebnisse wiederholt exklusiv auf Nordkorea bezogen (das ist vielleicht insgesamt eine kleine Schwäche in der Deutung der Ergebnisse, aber im Themenfeld Bestechung fand ich es am frappierendsten) und außer Acht gelassen, dass die Firmen ja nicht vom Mond kommen, sondern unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen Erfahrungen gemacht haben und vielleicht dort auch schon etwas „sozialisiert“ wurden (Korruption und Rechtsunsicherheit sollen in China ja auch nicht völlig unbekannt sein). Natürlich kann man dazu nicht unbedingt Fragen stellen, weil man sich sonst Sorgen machen muss, ob überhaupt jemand antwortet. Aber eine kurze Problematisierung dieser Tatsache hätte ich mir schon gewünscht.

Seit 2007 ist viel passiert. Folgebefragung wäre schön

Naja, das Paper ist jedenfalls sehr interessant und gibt denen, die gerne mit Zahlen werfen ein bisschen Futter. Dafür, dass sich nach der Währungsreform Ende 2009 nochmal einiges an den Ansichten der chinesischen  Unternehmen geändert haben könnten, können die Autoren ja nichts. Vielleicht lassen sie ja bald eine Folgebefragung durchführen. Die Ergebnisse daraus wären bestimmt spannend (z.B. Fluktuation, Auswirkung der Reform etc.).

Handelszahlen…

Wenn wir schonmal beim Handel zwischen China und Nordkorea sind, dann schaue ich mir doch auch noch schnell die aktuellsten Zahlen dazu an. Laut der Korea Trade-Investment Promotion Agency (KOTRA) lag der Handel beider Staaten in 2010 bei 3,47 Milliarden US-Dollar und ist damit um 29 % zum Vorjahr gewachsen. China war nach diesen Zahlen für 83 % des Außenhandels Nordkoreas verantwortlich, was einen weiteren Bedeutungszuwachs Chinas gegenüber dem Vorjahr darstellt.

Laut IFES hat sich der Handel beider Länder in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahresmonat verdoppelt und lag schon ende Mai bei 1,96 Milliarden Dollar. In diesem Zeitraum hat der Import von Nahrungsmitteln gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig auf 119.000 Tonnen zugelegt, die etwa 46 Millionen US-Dollar kosteten. Allerdings ist der Import zum Mai hin deutlich angewachsen. Auch die Einfuhren an Dünger und Fahrzeugen haben zugenommen. Während Dünger zu nicht besonders viel als für landwirtschaftliche Zwecke verwendet werden kann, kann die Verwendung von Fahrzeugen „besser“ (Landmaschinen etc.) oder „schlechter“ (Militär oder Geschenke für den jungen Kim und seine Freunde) sein.

…und ihre begrenzte…

Allerdings ist das mit den Handelszahle Nordkoreas immer so eine Sache. Ich weiß noch nicht mal genau, ob die Zahlen der beiden Quellen de ich hier verwendet habe vergleichbar sind. Was ich weiß ist allerdings, dass die Handelszahlen wohl nur einen Bruchteil der Realität widerspiegeln. In China wird wohl kaum der kleine Grenzhandel in seiner Gesamtheit erfasst und weltweit dürfte außer Acht bleiben, was Nordkorea sonst noch so an Geschäften macht. Und wenn man dann noch in der einen Quelle liest, dass Indien 2009 über eine Milliarde US-Dollar Handelsvolumen mit Nordkorea hat und die andere Quelle sagt, 2,8 Milliarden US-Dollar seien über 79 % des Außenhandels Nordkoreas, dann ist klar, dass da was nicht stimmt. Daher sollte man sich im Fall Nordkorea das Rechnen mit  diesen Zahlen auch weitgehend sparen.

…aber nicht zu vernachlässigende Aussagekraft

Aber natürlich habe ich all das jetzt nicht zum Spaß geschrieben um dann zu sagen, dass es Schrott ist. Denn einen Trend ablesen kann man schon. Und der besagt, dass der Handel beider Länder weiter expandiert und das China seine Bedeutung für Nordkoreas gesamten Außenhandel zumindest hält. Nimmt man dann noch die Ergebnisse von Haggard, Lee und Noland dazu, dann zeigt sich ein Bild, nach dem Nordkorea mehr und mehr für den Markt offen wird (die chinesischen Firmen gehen ja nicht dorthin, weil Chinas Regierung das anordnet oder fördert, sonder weil es dort Geschäfte zu machen gibt). Ob diese Öffnung allerdings auch von nordkoreanischer Seite gewollt wird, oder sie durch den  Marktdruck aus China geschieht, das ist schwer zu sagen. Interessant ist diese Entwicklung allerdings allemal und vor allen Dingen. Sie ist kaum wieder rückgängig zu machen. Nordkorea befindet sich im Prozess der wirtschaftlichen Öffnung zumindest gegenüber China. Die Frage wird in Zukunft sein, wie gut das Regime diesen Prozess lenken kann.

„U.S. Policy Toward the Korean Peninsula“: Exzellente Analyse US-amerikanischer Politikoptionen gegenüber Nordkorea


Vor einiger Zeit habe ich mich ja mal mit der über die US-Politik gegenüber Nordkorea beschäftig beklagt. Eben habe ich einen Hochinteressanten Bericht einer exzellent besetzten (u.a. Cha, Eberstadt, Haggard, Hecker, Noland, Snyder) Expertengruppe gelesen, die sich auch mit diesem Thema befasst (nur eben ausführlicher und informierter (also irgendwie besser (aber damit hab ich bei solch geballter wissenschaftlicher Kompetenz auch garkein Problem))). Und weil ich das Thema so hochinteressant fand, hab ich die letzte Stunde damit verbracht, mir den Bericht mal etwas näher anzuschauen.

Vom Namen „U.S. Policy Toward the Korean Peninsula“ (hier frei zum runterladen) darf man sich nicht täuschen lassen. Eigentlich geht es da nur um Nordkorea und am Ende steht ein Katalog mit Handlungsempfehlungen für die US-Regierung. Nachdem kurz die aktuelle Politik (und die der jüngeren Vergangenheit) der USA gegenüber Nordkorea und ihre Herausforderungen analysiert wurden, (mit dem überraschenden Ergebnis:)

The Task Force finds that the Obama administration’s current approach does not go far enough in developing a strategy to counter North Korea’s continuing nuclear development or potential for proliferation.

werden mögliche Strategien der USA hinsichtlich der Denuklearisierung Nordkoreas erörtert. Dies sind:

  • Acquiescence: Also eine Duldung des Nuklearprogramms Nordkoreas, um so eine Verbesserung der diplomatischen Situation herbeizuführen und vor diesem Hintergrund in konstruktive Verhandlungen mit Nordkorea einzutreten. Für die Experten stellt diese Strategie keine echte Option dar, da hierdurch die regionalen Stabilität gefährdet würde (möglicher Rüstungswettlauf), der NVV zunehmend zu einem Muster ohne Wert würde, andere Staaten (Iran) in ihren Ambitionen gestärkt würden und die möglichen Erträge fraglich wären.
  • Manage and Contain: Man erkennt das Problem des Nuklearprogramms an, ohne aber auf eine kurzfristige Lösung zu hoffen. Daher versucht man die Kontrolle über die Vorgänge zu behalten und gleichzeitig zu verhindern, dass Nordkorea Technologien weitergibt oder das Programm weiter ausbaut. Dieser Ansatz versucht die Risiken gering zu halten, während die Lösung des Problems in die Zukunft (wenn die Gelegenheit besser ist) verlagert wird. Nach Meinung der Experten beschreibt diese Strategie am Ehesten das aktuelle Vorgehen der Obama-Administration. Während der Ansatz für eine Sinnvolle Zwischenlösung gehalten wird, birgt er langfristig zu viele Risiken u.a. eine schleichende Verschlechterung der Sicherheitssituation oder Duldung des Nuklearprogramms, ohne Perspektiven für eine endgültige Lösung zu bieten. In diesem Absatz habe ich eine Aussage mit Verwunderung aufgenommen (was sie wohl da geritten hat?):

Conditional on support from allies Japan and South Korea, efforts to prevent North Korea’s vertical proliferation could include a U.S. strike on North Korea’s long-range missile launch facilities (akin to recommendations made by Ashton B. Carter and William J. Perry before North Korea’s 2006 long-range missile launch) in the event that North Korea prepares once again to defy existing UNSC resolutions.

  • Rollback: Es gibt unmittelbare und konsistente Bemühungen um eine Denuklearisierung Nordkoreas, die mit Hilfe von verstärktem Druck kombiniert mit erweiterten Anreizen und einem koordinierten Vorgehen aller Parteien umgesetzt werden soll. Diese Strategie führt im Idealfall zu einer Denuklearisierung Nordkoreas. Diese Option wird von den Experten klar favorisiert und stellt nach deren Meinung den notwendigen Handlungspfad dar.
  • Regime Change: Unter der Grundannahme, dass das gegenwärtige Regime niemals dazu bereit sein wird, seine Nuklearwaffen abzugeben ist es natürlich unmöglich mit diesem Regime zu einer Denuklearisierung zu kommen. Daher ist es notwendig das Regime zu ändern (so oder so), bevor weitere Schritte erfolgen können. Die Experten sehen in dieser Strategie zu viele Gefahren und Ungewissheiten (Kosten, China, die Rolle und das Image der USA) und lehnen den Absatz daher ab. Allerdings sollte diese Möglichkeiten auf dem Radar bleiben, falls Nordkorea weiter unbeirrt an der Entwicklung des Nuklearprogramms oder an der Verbreitung von Technologien und Waffen festhält.

Weiterhin sehen die Wissenschaftler eine Integration Nordkoreas in die Staatengemeinschaft als Unumgänglich, um die Situation zu verbessern und möglicherweise Wandel in Nordkorea herbeizuführen.

Im Folgenden beschreibt der Bericht die Ziele und Rollen der beteiligten Staaten (den Teilnehmern der Sechs-Parteien-Gesprächen außer Nordkorea) und gibt Empfehlungen ab, wie diese in eine gemeinsame Strategie gegenüber Nordkorea eingebunden werden sollen (auch sehr interessant, aber die Strategien sehe ich ml als Kern des Ganzen). Dann werden die Themen angesprochen (Denuklearisierung ist ja nicht das Einzige, wenn auch nach Ansicht der Meisten Wissenschaftler das Wichtigste) die bei der Politik der USA gegenüber Nordkorea auch eine Rolle spielen. Das sind: -Raketen, -Menschenrechte und -humanitäre Hilfen (auch interessant!). Abschließend werden alle Handlungsempfehlungen dann nochmal kurz und knackig zusammengefasst, wer also keine Lust hat alles zu lesen, für den reicht notfalls auch das.

Was ihr auf jeden Fall noch lesen solltet, meiner Meinung nach das Salz in der Suppe solcher Berichte, sind die Darstellungen abweichender Meinungen, die einzelne Wissenschaftler abschließend abgeben konnten. Mal ganz abgesehen davon, dass eigentlich fast jeder zu mindestens einem Punkt widersprochen hat (was mal wieder zeigt wie schwer es ist, bezüglich Nordkorea einen vernünftige Lösungsvorschlag zu präsentieren), zeigt sich hier sehr schön, wer welche Positionen vertritt. Das schönste Beispiel ist meiner Meinung nach die Kundtuung Nicholas Eberstadts:

[…] In essence, the North Korean nuclear problem is the North Korean regime. A nonnuclear North Korea will be possible only under a Additional and Dissenting Views different government in Pyongyang. This is a highly unpleasant reality. But unless we recognize that reality—rather than imagining Pyongyang as the negotiating partner we wish it to be—continuing the current course can only make for a more dangerous future for the United States and its Asian allies.

Nachdem er schon seit Ewigkeiten versucht Kims Regime totzuschreiben versucht er jetzt andere dazu zu bringen es totzumachen. Aber auch die anderen Aussagen sind spannend zu lesen und werfen einiges Licht auf die Autoren.

Generell ist der Bericht wie bereits mehrfach erwähnt eine hoch spannende und interessante Lektüre. Aber den Schlüssel zur Lösung des Nordkoreaproblems liefert er trotzdem nicht annähernd. Viele der enthaltenen Vorschläge sind gut und würden sie umgesetzt, dann gäbe es sicherlich auch einige Chancen das Problem zu lösen. Allerdings hätten die Autoren der US-Regierung die Eierlegende Wollmilchsau die das bewerkstelligt vielleicht auch gleich in den Anhang packen sollen. Denn die Handlungsempfehlungen umsetzen kann man vermutlich nur, wenn Nordkorea das einzige Problem auf der Welt ist. Ansonsten kann man versuchen die vorgeschlagene Richtung zu nehmen. Allerdings hat sich gerade im Fall Nordkoreas ja schon oft gezeigt, dass gut das Gegenteil von gut gemeint ist. Also Vorsicht mit halben Sachen.

Trotzdem ein must read!

Interessanter Bericht von Noland und Haggard zur Wahrnehmung von Politik durch die Bevölkerung Nordkoreas


Stephen Haggard und Marcus Noland haben vor ein paar Tagen einen Bericht zu politischem Verhalten in einer Situation der Unterdrückung veröffentlicht. Ihre Ergebnisse beziehen sie aus einer Befragung von 300 geflohenen Nordkoreanern die nun in Südkorea leben. Die Daten stammen aus dem Jahr 2008. Wie immer arbeiten die beiden in ihrer Studie wissenschaftlich sauber und haben die vorliegenden Daten mit Hilfe statistischer Methoden geprüft. Die Ergebnisse zeigen eine zunehmende Abwendung der Bevölkerung vom Regime, eine zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft und auch für das Regime kritische Entwicklungen innerhalb der Eliten. Natürlich muss man bei den Studien die sich auf Daten aus Befragungen von Flüchtlingen stützen immer relativierend hinzufügen, dass die Leute ja nicht ohne Grund ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben um aus dem Land wegzukommen, sondern dass sie dem Regime vermutlich so negativ gegenüberstehen, dass sie lieber tot sind als in Nordkorea zu leben (denn das ist die mögliche Konsequenz einer Flucht). Auch wenn die Autoren versucht habe, diesen Faktor in ihrer Analyse einzubeziehen, stimmt mich das immer etwas kritisch. Außerdem ist die Datenlage bei 300 Befragten natürlich recht mager. Nichtsdestotrotz ist der Bericht sicherlich lesenswert und gibt interessante Einblicke ins Innere des Landes. Ich muss gestehen, dass ich ihn bisher erst überflogen hab, deshalb kann ich nicht mehr dazu sagen, aber der knapp 30 Seitige Hauptteil ist übersichtlich und daher lest ihr ihn am besten selbst…