Wie deutschsprachige Experten die Lage auf der Koreanischen Halbinsel bewerten: Eine Netzschau


Wenn es eine verstärkte Medienberichterstattung egal wozu gibt, dann ist die Nachfrage nach Experten auch immer besonders hoch und dann haben wir die Möglichkeit, Meinung von Leuten zu hören, die sich noch besser mit dem Thema auskennen, als die Journalisten das schon tun. Und dann lohnt auch immer mal ein Blick auf diese Meinungen, der bei mir ja mittlerweile eine Tradition geworden ist (zu früheren Überblicken geht es hier: 08.03. nach Beginn der Drohungen 17.02. nach dem Nukleartest 03.01. nach Kim Jong Uns Neujahrsansprache). Die sind auch dieses Mal wieder sehr unterschiedlich und gehen in verschiedenen Aspekten nahezu in gegensätzliche Richtungen. Ich habe mir ganz ehrlich gesagt nicht alles durchgelesen/angehört, sondern nur nach dem gesucht, das Leute gesagt haben, die man als Experten bezeichnen kann. Ihr könnt ja dann selbst reinlesen/hören/gucken…

Rüdiger Frank (Uni Wien):

Fernsehinterview mit dem ZDF (01.04.2013): ZDF heute journal „Rüdiger Frank über Nordkorea“

Radioniterview mit WDR 2 (02.04.2013): Wirtschaftswende als Ziel?

Printinterview mit Spiegel Online (02.04.2013): „Kim verfolgt ein klares Ziel“
Printinterview mit dem Standard (02.04.2013): „Nordkorea will einfach in Ruhe gelassen werden“
Printinterview mit dem Kölner Stadtanzeiger (03.04.2013): Warum Kim so aggressiv auftritt
Printinterview mit dem BR (04.04.2013): Wie gefährlich ist der junge Diktator?

Hanns W. Maull (Uni Trier):

Radiointerview mit dem Deutschlandfunk (30.03.2013): Politologe: Kriegsrhetorik aus Pjöngjang richtet sich vor allem an China und die USA

Printinterview mit dem Trierischen Volksfreund (04.04.2013): „Wir erleben den Anfang vom Ende“

Werner Pfennig (FU Berlin):

Fernsehinterview mit der ARD (02.04.2013): Prof. Werner Pfennig (Politikwissenschaftler FU Berlin) zum Korea-Konflikt

Radiointerview mit BR 2 (02.04.2013): Was folgt den Drohungen zwischen Nordkorea und Südkorea?
Radiointerview mit radioeins (03.04.2013): Konflikt zwischen Nord- und Südkorea verhärtet sich

Printinterview mit der Mittelbayrischen (02.04.2013): „Zu allem Unglück ist der UN-Chef Südkoreaner“
Printinterview mit der Westdeutschen Zeitung (02.04.2013): Experte: „Ich sehe keine direkte Kriegsgefahr“

Hanns Günther Hilpert (SWP):

Radiointerview mit MDR Jump (04.04.2013): Nordkorea verschärft Drohungen gegen USA

Lars-André Richter (Friedrich-Naumann-Stiftung, Seoul):

Radiointerview mit dem Deutschlandfunk (30.03.2013): Friedrich-Naumann-Stiftung: Kim Jong-Un will seine Position festigen

Bernhard Seliger (Hanns-Seidel-Stiftung, Seoul):

Printinterview mit RTL (02.04.2013): Kim Jong Un hat große Angst davor, einen Krieg auszulösen
Printinterview mit RTL (04.04.2013): Experteninterview: Wie gefährlich ist die Lage auf der Koreanischen Halbinsel wirklich?

Christoph Pohlmann (Friedrich-Ebert-Stiftung, Seoul):

Printinterview mit dem Tagesanzeiger (31.03,2013): „Die Nordkoreaner wollen sich das nicht länger bieten lassen
Printinterview mit der DW (03.04.2013): Pohlmann: „Spirale der Provokation in Korea“

Norbert Eschborn (Konrad-Adenauer-Stiftung, Seoul):

Printinterview mit n tv (04.04.2013): „Ich rechne mit einem Angriff“

Die Situation auf der Koreanischen Halbinsel nach UN-Resolution und nordkoreanischen Drohungen: Medienschau zu den Einschätzungen deutschsprachiger Experten


Wie immer in der letzten Zeit, wenn sich auf der Koreanischen Halbinsel etwas ergibt, das hier eine breite Medienaufmerksamkeit auf sich zieht, mache ich auch heute nochmal eine kleine Presse-/Medienschau, bei der der Fokus wie immer auf der Berichterstattung liegt, die durch Expertenmeinungen fundiert ist.

Presseschauen

Vorab aber ein paar Presseschauen anderer, die eher auf Kommentare der deutschen und internationalen Presse ausgerichtet sind, was auch eine interessante Meinungsschau ermöglicht. Dazu kann ich einmal die Frankfurter Rundschau empfehlen (gottseidank gibt es sie noch, auch wenn ich gespannt bin, was die Rumpfcrew da zukünftig noch fabrizieren wird), aber natürlich auch den zeitlosen Klassiker, die Presseschau des Deutschlandfunks. Heute Morgen international und heute Mittag national, beide Male mit Nordkorea als erstem Thema.

Radio

Rüdiger Frank (Universität Wien) im Interview mit WDR 5 (Wie häufig richtet sich der Blick Franks stärker auf die internen Vorgänge in Nordkorea, als das bei anderen Analysten der Fall ist. Da man Kim Jong Un nicht einschätzen könne, sieht Frank durchaus eine bedrohliche Situation. Gute Analyse mit gutem Blick fürs Ganze.)

Rüdiger Frank (Universität Wien) im Interview mit Ö1 (Siehe oben.)

Werner Pfennig (FU Berlin) im Interview mit radioeins (Er sieht es als zentral an, den Blickwinkel der nordkoreanischen Seite zu verstehen, also so etwas wie Empathie für das Regime zu zeigen. Das sehe ich genauso. Allerdings geht mir seine „Empathie“ etwas zu weit, einfach weil es mir mitunter vorkommt, als würde er der nordkoreanischen Propaganda auf den Leim gehen. Die Militärmanöver der USA und Südkoreas gibt es jedes Jahr. Nordkorea geht nur manchmal laut, manchmal sehr laut und manchmal extrem laut damit um, ohne dass die Bedrohungslage jetzt extrem unterschiedlich wäre. Kontrovers, aber nicht schlecht.)

Werner Pfennig (FU Berlin) im Tagesgespräch mit BR alpha (Das Ganze dauert fast eine Stunde und es handelt sich dabei um eine Call-in-Sendung. Ich hab‘s mir nicht ganz angehört, aber es dürfte sich wohl  lohnen, wenn man gerade eine Stunde über hat…)

August Pradetto (Bundeswehr-Uni Hamburg) im Interview mit DRadio Kultur (Eigentlich ist mir Herr Pradetto noch nicht als dezidierter Nordkorea-Experte aufgefallen, aber er verfügt über gesunden Menschenverstand und scheint dem Thema in der Vergangenheit bereits aufmerksam gefolgt zu sein. Angenehm nüchterne und sachliche Analyse.)

Hans-Joachim Schmidt (HSFK) im Interview mit dem rbb Inforadio (Stand gestern. Wie immer solide Analyse. Ob allerdings das nordkoreanische Vorgehen primär außenpolitisch motiviert ist, darauf würde ich nicht wetten. Solide.)

„Print“

Hartmut Koschyk (MdB CSU und in den deutsch-koreanischen Beziehungen engagiert) im Interview mit dem Straubinger Tagblatt (Gute Analyse der Situation.)

Hanns Günther Hilpert (SWP) im Interview mit der WELT (Solide Analyse mit meiner Meinung nach zu starker außenpolitischen Erklärung des Verhaltens Nordkoreas. Das Ziel mit den USA zu sprechen mag ein zentrales außenpolitisches Motiv sein, aber es ist bei weitem nicht handlungsleitend für das Regime.)

Christoph Pohlmann (FES) im Interview mit dem Tagesanzeiger (Pohlmann sieht die aktuellen Drohungen Nordkoreas als neue Eskalationsstufe. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Gute, aber nicht tiefschürfende Analyse.)

Christoph Pohlmann (FES) im Interview mit der deutschen Welle (Was die Eskalationsstufe angeht, siehe oben. Ansonsten sieht man im Vergleich zum vorigen Interview, das bei einem guten Fragesteller und einer vernünftigen Vorbereitung auch der Befragte viel besser rüberkommt. Gute Sache.)

Sondererwähnung

Kürzlich habe ich mich sehr über einen ziemlich schwachen (und wenig -sinnigen) Artikel von Michael Stürmer geärgert. Aber nur weil jemand einmal etwas sehr dummes schreibt/sagt/tut, heißt das ja nicht, dass das immer so sein muss (Dieser Satz bezieht sich auf alle Menschen gleichermaßen und nicht auf einen im Speziellen). In seiner heutigen Analyse zieht Stürmer den durchaus bedenkenswerten Schluss, dass das aktuelle Gebaren Pjöngjangs vor allem an China gerichtet sei. Wie gesagt, das ist einen Gedanken wert und wurde von den vorgenannten Analysten wenig beachtet. An diesem lobenswerten Aspekt ändert sich auch dadurch nichts, dass Herr Stürmer ein paar Fakten durcheinanderwirft (Cheonan und Yonpyong in die Amtszeit Kim Jong Uns zu verlegen, zeugt von verbessernswerter Redaktion).

Was lernen wir daraus

Einige Aspekte ziehen sich durch fast alle Bewertungen:

  • Die Drohungen aus Pjöngjang sind nicht wörtlich zu nehmen.
  • Durch die neue Führung ist Nordkorea wieder unberechenbarer geworden.
  • Die Militärmanöver auf beiden Seiten bergen in dieser verbal angespannten Zeit das wahre Eskalationsrisiko.
  • Eine weitere Lehre will ich nur kurz anreißen: Dass Nordkorea mehr auf Worte als auf Taten setzt, mag auch damit zu tun haben, dass Worte ein Echo hervorrufen, dass mitunter stärker ist als das von Taten. Das mediale Echo nach den Drohungen aus Pjöngjang war nämlich (mal wieder) besser zu vernehmen, als nach dem Nukleartest. Vielleicht gibt uns die nordkoreanische Führung auch nur das, was wir wollen. Spektakel!

Interessantes Paper von der SWP mit vier Szenarien für Nordkoreas Zukunft


Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer der wichtigsten außenpolitischen Think Tanks Deutschlands, hat ein Paper mit zehn Szenarien erstellt, die auf Konstellationen hinweisen sollen, die:

besondere politische Aufmerksamkeit verdienen, weil sie Situationen hervorbringen könnten, die deutsche und europäische Politik vor größere Herausforderungen stellen würden.

Gesteigerten Wert legt die SWP darauf, dass es sich um Zukunftsszenarien handelt. Das heißt es sind keine Voraussagen sondern einfach plausible mögliche Versionen der Zukunft (nicht mehr und nicht weniger). Diese Anmerkung machen die Autoren ganz zurecht, denn in manchen Medien werden politische Szenarien gelegentlich als erwartete Zukunft dargestellt (steigert mitunter den Sensationswert), nicht aber als eine mögliche Zukunft neben vielen anderen.

Mit Szenarien habe ich nur immer ein kleines Problem, weil man sie nicht wirklich kritisieren kann (außer wenn die Autoren totalen Mist gebaut haben), denn wie kann man schon objektiv bewerten, wie plausibel und wahrscheinlich eine mögliche Zukunft ist. Eigentlich garnicht. Außer das Szenario tritt tatsächlich ein. Dann kann der Autor sagen: „Siehste, war doch plausibel mein Szenario.“ Wenn es nicht eintritt sagt er eben: „Ich habe ja nur verschieden mögliche Versionen der Zukunft dargestellt. Es ist eben anders gelaufen“. Super! Szenarien schreiben macht bestimmt Spaß. Aber natürlich haben solche Szenarien auch durchaus einen Wert (sonst würde ich euch garnicht damit belästigen) und sind nicht bloß Taschenspielertricks. Sie zeigen nämlich auf, welche unterschiedlichen Variablen auf zukünftige Entwicklungen — in diesem Fall in Nordkorea — Einfluss nehmen können (zumindest nach Ansicht des Autors des Szenarios). Jenachdem wie die verschiedenen Variablen aufeinander wirken und wieviel Gewicht sie einnehmen, kommt am Ende ein unterschiedliches Szenario raus (verkürzt gesagt).

Im Absatz: „Endspiel in Nordkorea — Was folgt auf den lieben Führer“ stellt Hanns Günther Hilpert so beispielsweise vier Szenarien dar.

  1. 2012 geht die Machtweitergabe an Kim Jong Un schief, es kommt zum Bürgerkrieg (das Regime zerfällt in unterschiedliche Lager die sich bekriegen) in dessen Rahmen die Welt mit Nuklearraketen bedroht wird. Daraufhin arbeiten die USA, Südkorea und China zusammen um Nordkoreas Nuklearwaffen sicherzustellen (China) und die Artillerie die auf Seoul zielt zu zerstören (USA), was aber nicht vollständig gelingt, bevor Seoul schwer beschädigt wird. Am Ende dieses Szenarios steht wohl eine Wiedervereinigung.
  2. Der Machtwechsel hat trotz Widerständen Erfolg, in Nordkorea gibt es eine „Retotalisierung“ und ein weiterer Angriff auf Südkorea (auf den dieses wiederum besonnen reagiert) wird dem brillanten Genie Kim Jong Un zugeschrieben. Im Endeffekt bleibt, was die desaströse Wirtschaftslage und die Aggressive Außenpolitik des Landes angeht, alles beim Alten.
  3. Nach einem gescheiterten Machtwechsel kommt es zu einer Liberalisierung und Öffnung gegenüber den ehemaligen Feindstaaten (v.a. Südkorea und USA) aber auch gegenüber der Weltwirtschaft. Es kommt zu schweren ideologischen Auseinandersetzungen im Inneren und die Bürger werden unruhig, weil sie merken, wie es wirklich um ihr Land steht. Gleichzeitig wird Nordkorea zunehmend abhängig vom Ausland. Nordkorea nimmt einen ähnlichen Weg wie die Sowjetunion/Russland zwei Jahrzehnte zuvor.
  4. Chinas Einfluss wächst soweit, dass sie den Nachfolger Kim Jong Ils quasi in den Sattel hebt, wonach Nordkorea quasi zum Protektorat wird. China hat davon einige wirtschaftliche Vorteile, jedoch entsteht in Nordkorea Wiederstand, der das System destabilisieren könnte. Genau das, was  China eigentlich verhindern wollte.

Nach den Szenarien gibt Hilpert einige sehr vernünftig klingende Handlungsempfehlungen an die deutsche Politik ab, wie trotz der nicht vorhandenen Einflussmöglichkeiten hinsichtlich der Situation auf der Koreanischen Halbinsel aktiv werden könnte.  So kann Deutschland als neutraler Gastgeber für mögliche semi-offizielle Gespräche zwischen den Koreas agieren. Außerdem sollte es seine Erfahrungen hinsichtlich der deutschen Wiedervereinigung teilen. Als Ansatzpunkte in Nordkorea sieht er vor Allem humanitäre Hilfen (Medizin und Lebensmittel) sowie Aus- und Fortbildung, also grob das was einige politische Stiftungen ohnehin schon betreiben. Nicht gerade innovativ, aber vielleicht sind die Möglichkeiten damit tatsächlich schon ausgereizt. Ich weiß es nicht.

Wie gesagt. An dem Text gibt es nicht viel zu kritisieren, weil ich ihn erstens ganz gut finde und weil man zweitens Szenarien eben nicht kritisieren kann. Nur eine Sache ist mir aufgefallen: Ich wüsste mal gerne, woher man so genau über den Status der Machtweitergabe in Nordkorea bescheidwissen kann. Im Text steht:

Doch anders als dem von einem Schlaganfall gezeichneten „lieben Führer“ Kim Jong-il fehlt dem zum Nachfolger auserkorenen jüngsten Sohn Kim Jong-un der Rückhalt und die Vernetzung im Militär und im Polizeiapparat.

Kann sein, dass man bei der SWP wesentlich bessere Informationsquellen hat als anderswo, aber kann auch sein, dass das eher ein Vermutung nach dem Motto: „Wo soll der denn Vernetzung und Rückhalt herhaben!“ ist. Denn wenn diese Annahme vom schwachen Rückhalt wegfällt, dann sind damit auch schonmal mindestens zwei der vier Szenarien ziemlich unwahrscheinlich geworden. Aber so ist das eben mit Nordkorea. Nichts Genaues weiß man nicht.