Wahlkampfmanöver oder Weg aus dem zertrümmerten Porzellanladen? Lee Myung-bak entlässt Vereinigungsminister Hyun In-taek


Gestern hat Südkoreas Präsident Lee Myung-bak im Rahmen einer Kabinettsumbildung die Entlassung von Vereinigungsminister Hyun In-taek bekanntgegeben. Er soll durch Yu Woo-ik ersetzt werden, der als Botschafter Südkoreas in China arbeitete und ein enger Vertrauter Lees ist.

Die Kabinettsumbildung wie die Entlassung Hyuns kommen nicht besonders überraschend. Es war erwartet worden, dass Lee diejenigen Minister ersetzen würde, die auch im südkoreanischen Parlament sitzen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ihrer parlamentarischen Arbeit zu widmen und so die Grand National Party (GNP) vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr zu stärken. Im Rahmen dieses erwarteten Schrittes, hatten Beobachter auch eine Entlassung Hyuns, der nicht im Parlament sitzt, für möglich gehalten. Unter Hyun, der eine harte Linie gegenüber Nordkorea vertrat und vor seiner Amtszeit sogar für die Auflösung des Vereinigungsministeriums eingetreten sein soll (aber in Deutschland haben wir ja einen ähnlichen Fall. Nichtsdestotrotz halte ich es hüben wie drüben für Fragwürdig, Leute in ein Amt zu setzen, dass sie grundsätzlich für überflüssig halten. Es sei denn, der Einsetzende hält das Amt auch für überflüssig, dann macht das irgendwie wiedr Sinn.) verschlechterten sich die Beziehungen beider Länder zusehends, wozu auch (aber bei weitem nicht exklusiv) seine Kompromisslosigkeit beitrug. Dementsprechend forderte Pjöngjang bereits seit langem in wilden Tiraden die Absetzung Hyuns (Nur ein Beispiel: Hyon In Thaek Termed Traitor to Nation–Minju Joson). Bereits bei der letzten Kabinettsumbildung war über eine Neubesetzung im Vereinigungsministeriums gesprochen worden, was Lee Myung-bak aber damals ablehnte, da er kein „falsches Signal“ an Pjöngjang senden wollte.

Die Ernennung Yu Woo-iks weckt nun Hoffnungen, dass sich die Beziehungen zwischen Seoul und Pjöngjang nun verbessern könnten und Yu befeuerte diese weiter, indem er sagte, er würde einen flexibleren Ansatz gegenüber Nordkorea verfolgen. Ob Südkorea weiterhin auf einer Entschuldigung für die Versenkung der Cheonan und den Beschuss von Yonpyong beharren wird, sagte er nicht. Dies dürfte aber unter anderem entscheidend dafür sein, ob die Umbesetzung tatsächlich zu einer Besserung der Beziehungen führen wird. Aus dem Präsidentenpalast kamen bereits Signale, die gegen eine grundlegende Änderung der Politik sprechen. Hyun In-taek wurde zum Berater Lees in Nordkoreafragen ernannt — wohl um Kontinuität zu Signalisieren — und ein Sprecher verkündete, dass die personelle Neubesetzung die politische Linie nicht ändern würde. Dann frage ich mich allerdings, wozu die Ganze Übung gut war.

Wie man sieht, lassen sich generell aus dieser neue Personalie noch nicht viele Schlüsse ziehen. Natürlich ist es ein Signal an Pjöngjang, aber ohne eine veränderte politische Haltung, wird dieses Signal maximal bei der südkoreanischen Bevölkerung den Eindruck erwecken, Lee habe tatsächlich versucht, die Beziehungen zu verbessern (ein Eindruck, den momentan wohl kaum jemand hat). In diesem Fall wäre die Neubesetzung nicht mehr als ein Wahlkampfmanöver. Allerdings ist es auch durchaus möglich, dass Lee seine Amtszeit im Hinblick auf Nordkorea nicht inmitten eines total zertrümmerten Porzellanladens beenden will. Es ist ziemlich sicher, dass sein Nachfolger, welcher politischen Richtung er auch immer angehören mag, seinen eingeschlagenen Weg nicht verfolgen wird. Das heißt, dass seine Nordkoreapolitik als ein Fehlschlag und eine Zeit der extremen Spannungen in Erinnerung bleiben werden. Sollte er das nicht wollen und vielleicht stattdessen sogar ein bisschen für seine Partei Werbung machen und die Politik seines/r Nachfolgers/in schon etwas vorbereiten wollen, dann wäre es zu erwarten, dass er seinen Kurs aufgibt und tatsächlich flexibler agiert (ich denke das hängt nicht zuletzt von seiner Persönlichkeit ab). Es könnte also passieren, dass in den Endzügen seiner Präsidentschaft tatsächlich noch was ernstgemeintes kommt.

Aber wird das reichen? Denn die Frage ist ja nicht nur, ob sich Seoul kompromissbereiter zeigen wird, sondern ob Pjöngjang darauf eingehen will. Kim Jong Ils Reisen nach China und Russland haben vor allen Dingen ein Signal der Stärke nach Seoul gesandt. Man ist geschäftig in Pjöngjang und mit den beiden großen Nachbarn läuft es prächtig. Man weiß, dass man selbst von einem Kompromissbereiten Lee nicht allzuviel erwarten kann. Warum soll man ihn also für seine harte Haltung der letzten Jahre belohnen? Wenn sich Pjöngjang entscheiden würde, auf ein Annäherungsangebot aus dem Süden einzugehen, dann bestimmt nicht, weil es muss. Wenn es noch unter dem Präsidenten Lee zu einer Annäherung kommt, dann wird das eine strategische Entscheidung des Nordens sein, die vor allem im Hinblick auf seinen Nachfolger geschieht. So ist der Boden schonmal geebnet und gleichzeitig hat man den Spieß quasi umgedreht und gezeigt: „Wohlverhalten“ wird belohnt, „Missverhalten“ bestraft…

Wie es im Endeffekt kommen wird, das entscheidet also in erster Instanz Lee Myung-bak, indem er den Kurs für den Rest seiner Amtszeit festlegt und in zweiter Instanz das Regime in Pjöngjang, indem es entscheidet, wie es auf Lees Kursänderung reagiert (sollte es die nicht geben, dann wird es wohl einfach so weiter gehen wie bisher). Eine Lehre, die schon jetzt jeder Amtsnachfolger Lee Myung-baks aus dessen Regierungszeit ziehen kann ist, dass es nicht Zielführend ist, nach außen hin eine Position der Stärke zu beziehen, wenn man diese Stärke in der realen Welt nicht besitzt, sondern allenthalben angreifbar ist. Ein fieser Gegner wird das ausnutzen und der Welt mit Vergnügen deine Schwäche demonstrieren.

UPDATE: Nordkorea keilt unfair gegen Lee Myung-bak: Diplomatisches Rowdytum vom Feinsten


Update: (10.06.2011): Die südkoreanische Regierung scheint bei ihrer Version der Geschichte zu bleiben:

„The government’s position remains the same that we do not feel the need to respond to one-sided claims that distort our true intentions,“ unification ministry spokesman Chun Hae-sung told reporters in a regular briefing in response to the latest move by Pyongyang, calling it „very regrettable.“

Chun said Pyongyang’s claim that Seoul officials attempted to offer bribes for concessions over summits is „not true,“ and repeated the unification minister’s recent assertion that the meeting was held at the request of Pyongyang.

Damit steigen die Chancen, dass wir das Tonband zu hören bekommen, wenn es wirklich existiert. Danach wird man sich dann wohl um die Auslegung der Inhalte streiten (oder vielleicht sogar die Authentizität anzweifeln).

Ursprünglicher Beitrag (09.06.2011): Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Preisgabe angeblicher Details eines Geheimtreffens zwischen Süd- und Nordkorea, durch KCNA in der vergangen Woche. Damals hatte ich das als Bombe bezeichnet, die der Norden platzen gelassen hat. In der Rückschau war es aber nur ein kleines Bömbchen, denn den zentralen Sprengkörper hat der Norden erst jetzt ins Spiel gebracht.

Das Bömbchen…

Aber eins nach dem Anderen: In der vergangenen Woche berichtete KCNA über ein geheimes Treffen in Peking, bei dem Vertreter des Südens mit direkten Anweisungen von Präsident Lee Myung-bak und Vereinigungsminister Hyun In-taek, unter anderem um drei Gipfeltreffen zwischen Lee und Kim Jong Il „gebettelt“ hätten und versucht hätten, die nordkoreanische Gesandtschaft zu bestechen. Das ganze führte zu einem gewissen medialen Echo und wie zu erwarten war, gab die südkoreanische Regierung zwar den Kontakt zu, sagte aber, die weiteren Details (die aus verschiedenen Gründen nicht gut für Lee Myung-baks Glaubwürdigkeit sind) seien Missverstanden worden oder falsch dargestellt gewesen.

…und die Bombe

Ich dachte damit hätte es sich und der Norden hätte zwar mit einem lauten Krachen die Kontakte zum Süden abgebrochen und etwas an Lees Glaubwürdigkeit gekratzt, ich dachte aber nicht, dass wir von der Geschichte nochmal hören würden. Da hab ich mich wohl getäuscht (und so wie ich die Lage einschätze nicht nur ich). Heute hat KCNA einen Artikel veröffentlicht, der mit „Lie about Beijing Secret Contact Spread by Lee Myung Bak Group Refuted“ überschrieben ist und in dem ein ungenanntes Mitglied der Delegation von Peking, weitere Details des Treffens preisgibt und wieder mit dem Finger auf Lee und Hyun zeigt. Das allein wäre allerdings noch nicht besonders spektakulär, denn Südkoreas Regierung könnte das wiederum als Lüge oder Missverständnis abtun und gut wäre. Allerdings gibt es am Schluss des Artikels einen Absatz, der in Seoul für Kopfzerbrechen sorgen wird:

We want to tell those who are anxious to know about the contact.

You had better directly ask Lee Myung Bak who instructed officials to hold contact and „approved“ it. Then you will understand everything.

And please ask Hyon In Thaek who masterminded the whole course of the contact behind the scene. Then you will have the whole story of it.

It would be better to inquire Kim Thae Hyo, Kim Chon Sik and Hong Chang Hwa, participants in the contact, for more details. Then everything will become clear.

Should they continue to decline to reveal the truth and deceive their fellow countrymen and hatch plots, the DPRK will have no other choice but to make public the tape recording the whole course of the contact before the world.

The reason why the DPRK takes such measures is that the north-south relations are the most important issue common to the nation and that those measures are aimed to save the policy for fellow countrymen from being abused by some selfish traitors and to make it completely serve the interests of the popular masses, the maker of the policy.

Pjögjangs Version stimmt, außer man agiert wahnsinnig

Das ändert vieles. Natürlich wissen wir damit noch immer nicht, ob das Treffen in Peking wie aus Pjöngjang behauptet ablief und natürlich wissen wir auch nicht, ob es irgendwo ein solches Tonband gibt, dass die Wahrheit ans Licht bringen kann. Aber eigentlich bestätigt dieser Artikel schonmal die nordkoreanische Version der Peking-Story. Ansonsten würde sich Pjöngjang unglaublich vor aller Welt blamiert haben. Die südkoreanische Regierung könnte im vollen Bewusstsein die Wahrheit zu kennen, weiter bei ihrer Story bleiben (die ja dann nicht gelogen wäre) und der Norden müsste irgendwann den Schwanz einziehen und sagen: „Nee, wir haben das Tape verloren…“ oder sowas. Sollte dieser Fall eintreten, dann könnt ihr alles vergessen was ich je über Nordkorea als rationalen Akteur gesagt habe. Dann sind Kim und sein Regime wirklich wahnsinnig (Das schöne ist, dass wir in diesem Fall tatsächlich mal die Wahrheit erfahren werden, denn entweder Pjöngjangs Beschuldigungen werden irgendwie untermauert, oder sie fallen in sich zusammen. Da gibt es kein Zurück mehr.)

Pest oder Cholera. Mehr Auswahl gibt’s nicht.

Wie ihr aber wisst, glaube ich, dass die Handlungen Pjöngjangs auf rationalen Überlegungen beruhen. Daher glaube ich, dass die Peking-Story wahr ist und daher glaube ich, dass zurzeit in einigen Amtszimmern Seouls ganzschöne Aufregung herrscht. Denn sollte die Geschichte wahr sein, dann haben Lee Myung-bak und Hyun In-taek nicht nur heimlich ihre eigenen Prinzipien unterlaufen, sondern danach dem ganzen Land frech ins Gesicht gelogen. Und wenn das der Fall ist, dann stehen sie genau jetzt vor der Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder sie können hoffen, dass die nordkoreanische Delegation doch nicht so hinterhältig war, die Verhandlungen auf Tonband aufzunehmen (aber warum sollten sie das hoffen?) um das Spielfeld vielleicht doch noch als Sieger zu verlassen (wenn man bei der Geschichte bleibt und Pjöngjang kann keine Beweise liefern, dann ist sitzen die bis auf die Knochen blamierten in Pjöngjang). Das wäre dann ein Punktsieg und ein wichtiger Erfolg, aber man müsste dafür von einem ziemlich dreisten Bluff Nordkoreas ausgehen. Oder man sieht es als unabwendbar an, dass die Wahrheit ans Licht kommt und gibt alles zu, um nicht als noch dreisterer Lügner dazustehen, als man es ohnehin schon ist. Über die Folgen will ich nicht spekulieren, aber es wird auf jeden Fall viel Geschrei geben und wer weiß, vielleicht auch noch eine Kabinettsumbildung. Wenn Lee bei seiner Story bliebe und dann gäbe es tatsächlich ein Tonband, dann würde es glaube ich einigen Flurschaden in Lees Umgebung geben.

Zweimal ins gleiche Messer gelaufen

Wie gesagt, es steht alles unter dem Vorbehalt, dass Pjöngjang nicht total wahnsinnig agiert. Aber wenn es das nicht tut, dann hat Kims Regime eine unglaublich kaltblütige und hinterhältige Falle für Lee Myung-bak gebaut, aus der er nicht mehr raus kann. Er ist zweimal ins gleiche Messer gelaufen (das erinnert mich irgendwie an einen Ausspruch von Kurt Beck gegenüber einer hessischen Möchtegern-Ministerpräsidentin. Nur dass die sich die Falle selbst gestellt hat), wobei der zweite Treffer wohl ungleich schmerzhafter ist. Damit ist seine Glaubwürdigkeit schwer erschüttert und seine Nordkoreapolitik ein endgültiger Scherbenhaufen. Pjöngjang hat bewiesen, dass es auf harte Bandagen des Gegners mit Hufeisen in den eigenen Boxhandschuhen reagiert. Es hat alle Regeln des diplomatischen Anstands gebrochen und wird im Endeffekt doch irgendwie gewonnen haben. Die Legitimation für das Verhalten wird wohl sein, dass man mit solch offensichtlichen Feinden wie Lee nicht fair verfahren muss, oder so ähnlich. Ob diese dreiste Erpressung und das Abhören und Aufzeichnen eines geheimen Treffens Auswirkungen auf die Diplomatie mit anderen Ländern haben wird, weiß ich nicht genau. Es muss aber auch erst einmal etwas dermaßen Delikates mit Vertretern eines anderen Landes besprochen werden, von dem man dermaßen wenig zu befürchten hat, wie von Südkorea (oder fällt euch irgendwas ein, mit dem Lee reagieren könnte? Mir jedenfalls nicht, außer vielleicht ein paar Agenten auf Kims Kopf anzusetzen). Das werden auch die Verbündeten und Bekannten Pjöngjangs wissen.

Warum war Lee so blauäugig?

Mir stellt sich dann nurnoch die Frage, wie Lee Myung-bak nach der ersten Veröffentlichung Pjöngjangs so blauäugig sein konnte, nicht zu befürchten, die Gespräche seien aufgezeichnet worden. Da ich nicht glaube, dass man an das Gute in Kims Regime glaubt, denke ich, man hat einfach überhaupt nicht an die Möglichkeit gedacht, dass das passiert sein könnte, weil es eben ein so großer Verstoß gegen diplomatische Umgangsformen ist. Ich vermute so langsam kommt man in Seoul dahinter, dass von Kims Regime einfach jegliche Normverstöße zu erwarten sind.

Interessantes Spiel

Es ist eine höchst interessante Situation zurzeit und ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Tagen passiert. Für Pjöngjang könnte die Leere sein, dass man mit diplomatischen Normverstößen mehr erreichen kann, als mit Waffengewalt. Kims diplomatisches Rowdytum wird wohl noch eine Zeit weitergehen. Viel spannender ist allerdings, welche Folgen das Ganze in Seoul haben wird. Eben habe ich mir überlegt, dass es bestimmt eine spannende Sache wäre, diese ganze Story mal spieltheoretisch zu analysieren. Ich hab mich nie wirklich tief damit befasst, aber wenn man das Ganze so durchdenkt, dann sieht es fast so aus, als wäre für Pjöngjang schon relativ früh, jede denkbare Konstellation ziemlich gut gewesen, während Seoul sich damit abfinden muss, in ziemlich vielen Situation die schlechtest mögliche Entscheidung getroffen zu haben. Naja, mal sehen was in der nächsten Zeit passiert.

Der Typ vom Bahnhof, Nordkorea und was man daraus über Nahrungsmittelhilfen lernen kann


Kürzlich hab ich mir am Hauptbahnhof eine Fahrkarte gezogen und dummerweise bekam ich vom Automaten ein bisschen Rückgeld. Wie das in solchen Fällen ja öfter mal der Fall ist, kam ungefähr vier Sekunden später ein ziemlich abgerissen aussehender Typ und hat mich gefragt, ob ich ein bisschen Kleingeld hätte. Das war eine eher rhetorische Frage, wir wussten ja beide, dass ich welches habe. In solchen Situationen mache ich mir meistens zwei Sachen bewusst. Erstens gebe ich oft Geld für Sachen aus, die ich nicht brauche und die mitunter hätte ich das Geld genausogut ins Klo schmeißen können. Zweitens bedeutet ein „Nein“ ja nicht, dass ich kein Kleingeld habe — wir wissen ja beide, dass ich gerade welches vom Automaten bekommen habe — sondern, dass ich kein Geld für ihn habe. Und das ist eine Sache, die ich Leuten, die mich um was bitten nur ungern sage. Also hab ich ihm die 60 Cent gegeben. Eine dritte Überlegung, die meist noch im Spiel ist, ist die, dass er das Geld vermutlich für etwas ausgeben wird, das meine potentielle Ausgabe wie ein hervorragendes Investment hätte aussehen lassen. Aber hätte es ihm was geholfen, wenn ichs ihm nicht gegeben hätte? Naja, so weit so unspektakulär. Allerdings war er damit noch nicht fertig: Weil ich ihm das Geld ohne viel Murren gegeben habe und weil ich ihn nicht darauf verpflichtet habe, sich davon nen Apfel und ne Bionade zu kaufen, vielleicht auch noch weil ich aussehe wie ein Idiot (weiß ich nicht, aber scheint das gedacht zu haben), hat er mir dann noch eine langatmige Geschichte erzählt, vom Arzt, den Medikamenten und überhaupt und warum er deshalb noch weitere zehn Euro von mir bräuchte. Naja, irgendwie war mir das dann doch ein bisschen bunt und er musste zu seiner Enttäuschung feststellen, dass ich nicht so blöd bin wie ich aussehe. Grundsätzlich hat sich aber an den Überlegungen, die ich oben schonmal dargestellt habe, nicht wirklich was geändert. Ich geb auch schonmal zehn Euro für irgendeinen Mist aus und wer läuft schon rum, ohne zehn Euro in der Tasche zu haben? Die zehn Euro fließen vermutlich genauso in sein Budget für ungesundes Zeug, wie es die 60 Cent getan haben. Grundsätzlich also zweimal die gleiche Situation nur mit verschiedenen Ergebnissen. Seis drum. Vermutlich könnt ihr euch denken, warum ich euch das alles erzählt habe. Es hat nicht unbedingt was damit zu tun, dass ich euch mein unbegrenztes Gutmenschentum beweisen möchte oder so, sondern da sind ja schon gewisse Analogien zu erkennen, oder um es anders auszudrücken: Vor ähnlichen Fragen stehen Politiker beispielsweise in den USA und Südkorea, aber auch in mindestens vierzig anderen Ländern ebenfalls. Mit einem extrem wichtigen Unterschied, aber dazu später mehr.

Zeichen für eine Hungersnot in Nordkorea verdichten sich

In den letzten Monaten habe ich ja schon öfter über die Nahrungsmittelsituation in Nordkorea geschrieben, die sich zunehmend in Richtung einer Krise entwickelt. Nordkorea hat über seine Botschaften im Ausland um Nahrungsmittelhilfen gebeten und ähnliche Anfragen an die USA und Südkorea gerichtet. Die ohnehin dauergespannte Situation wurde in diesem Jahr noch verschärft durch Überschwemmungen im letzten Sommer und den ungewöhnlich scharfen Winter. Nach Einschätzungen eines Bewertungsteams von fünf NGOs haben sowohl die Fluten, als auch der Frost Schäden in den Ernten bewirkt, die in manchen Regionen bis zu fünfzig Prozent der Erträge reichen können. Gleichzeitig bewirken gestiegene Weltmarktpreise, dass nur etwa zwei Drittel der geplanten Lebensmitteleinkäufe auf dem Weltmarkt getätigt werden können. Daraus resultiert eine erhebliche Knappheit, die vor allem Diejenigen betrifft, die vom öffentlichen Verteilungssystem abhängig sind, also Kinder, Schwangere und Ältere. Vor allem in der Zeit bis zur Haupternte im Herbst, könnte es daher zu bedrohlichen Engpässen kommen. In den letzten Tagen war eine Gruppe von Mitarbeitern der Food and Agriculture Organization und des World Food Programme in Nordkorea, um die Situation zu bewerten. Ergebnisse hiervon werden Ende des Monats erwartet. Dann wird das Bild der Situation noch schärfer und belastbarer sein.

Wie mit der Situation umgehen

Jedoch dürfte schon jetzt klar sein, dass ernsthafte Versorgungsengpässe schon bestehen und noch ernsthaftere Schwierigkeiten zu erwarten sind. Vor diesem Hintergrund beginnt nun auch langsam die Diskussion darum anzulaufen, wie die internationale Gemeinschaft auf die Situation in Nordkorea reagieren sollte. Die USA haben in der letzten Zeit verstärkt darauf verwiesen, dass Krisenhilfe unabhängig von politischen Überlegungen geleistet werden kann. Allerdings muss dazu gewährleistet sein, dass die Nahrungsmittel auch bei denjenigen ankommen, für die sie gedacht sind und nicht beispielsweise für das Militär verwendet werden, während die Schwachen genauso auf der Strecke bleiben wie vorher (in durchaus sinnvoller Grundsatz, der aber häufiger zu Konflikten mit dem nordkoreanischen Regime führte). In Südkorea ist die Stimmungslage scheinbar eine Andere. Laut Aussagen der Lee Myung-bak Regierung sieht man in Südkorea keine krisenhafte Entwicklung im Nachbarland. Wiedervereinigungsminister Hyun In-taek  vertritt die Position, die Nordkoreaner würden zurzeit Reis einlagern, um für das Jahr 2012 gewappnet zu sein, wenn das Land eine „starke und blühende Nation“ sein will. Wäre dies die tatsächliche Situation in Nordkorea, wären Nothilfen natürlich nicht angebracht. Allerdings hat Lees Regierung ja ein recht eigenwilliges Verhältnis zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea. So geht aus einem der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente (das aus dem letzten Jahr stammt) hervor, dass man erstens die offiziellen Schätzungen über die Versorgung in Nordkorea um 1 Million Tonnen höher ansetzte als die inoffiziellen und dass man zweitens inoffiziell „hier und da“ mit Hungertoten rechnete. Also muss man nicht unbedingt damit rechnen, dass die Regierung in Seoul sagt was sie weiß, oder dass es sie wirklich interessiert, wenn in Nordkorea „hier und da“ Leute verhungern.

Von „short-term costs“ und „long-term benefits“ und anderem Quatsch

Da könnte Leicht die Vermutung aufkommen, dass Südkorea dabei ist eine Strategie zu wählen, die Obamas Regierung nicht gutheißen will und nicht kann (wenn Obama auch nur einen Funken Glaubwürdigkeit bewahren will). Das Alte „Aushungern-bis-sie revoltieren-Spiel“ scheint in Lees Erwägungen eine gewisse Rolle zu spielen. Eine Zusammenfassung des Spiels bietet Christopher Hill, George W. Bushs Verhandlungsführer mit Nordkorea von 2005 bis 2009:

In the coming weeks, South Korea’s government will confront one of the toughest choices that any government can face: whether the short-term cost in human lives is worth the potential long-term benefits (also in terms of human lives) that a famine-induced collapse of North Korea could bring.

Klingt natürlich nach einer schweren, aber lösbaren Aufgabe. „Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende!“ Ha, Herr Hill, wenn das so einfach wäre! Man kann weder abschätzen, wie die „short-term costs“ aussehen werden noch weiß man genaueres über die „long-term benefits“. Aber das wäre ja nicht das erste Mal, dass man das „Spiel“ spielt. Von 1994-1998 sind in Nordkorea zwischen 800.000 und 2 Millionen Menschen verhungert, weil die entscheidenden Regierungen dachten, man müsste nur warten, bis das Regime kollabiert und könnte dann schön blühende Landschaften bauen. Aber stimmt, jetzt ist ja alles anders und es sieht viel schlechter aus als damals. Hm, was eigentlich. Damals hatte Nordkorea keinen Supporter wie China im Rücken. Eine Machtübergabe war im vollen Gange und gerade erst waren annähernd alle befreundeten Staaten in sich zusammen gefallen. Also ich würde nicht fahrlässig auf die „long-term benefits“ des Aushungerns bauen.

Aber selbst wenn das Aushungern zu Erfolgen führen könnte, muss die Frage erlaubt sein, ob man das Ernsthaft als Strategie verfolgen darf. Im Endeffekt sagt das doch Folgendes: „Die Menschen die da leben sind uns völlig Egal. Was uns stört ist Kim und sein Regime. Mögen halt hier und da ein paar verhungern…“ Sowas ist natürlich vor keiner Öffentlichkeit vertretbar. Also muss man sich unterstützend ein paar Argumente dazunehmen, die das Ganze auch moralisch rechtfertigen. Das sind vor allem die schon vorher angeführte Aussage, dass die Hilfen ohnehin nicht bei den Bedürftigen ankämen, worauf man natürlich die Frage stellen kann, ob das schon rechtfertigt, Hilfen von vorne herein auszuschließen. Ich würde mal sagen, man weiß es nicht, aber da beispielsweise das Welternährungsprogramm im Land ist und Hilfen weitergibt, würde ich behaupten, dass dieses Argument zweifelhaft ist. Weiterhin hört man die Aussage, dass Nordkorea selbst verschuldet in dieser Situation ist und dass man, wenn man mit Nahrungsmitteln hilft, nur Ressourcen freimacht um weiter am Nuklearprogramm und Raketen zu basteln. Das Argument zieht aber auch nur solange man Nordkorea als eine verschlossene Kiste sieht. Völlig unverschuldet in der Situation sind nämlich die Menschen, die im Endeffekt zu leiden haben. Die bauen keine Raketen oder sonstwas sondern sind nur damit beschäftigt, nicht zu verhungern. Das Problem ist, dass man ja theoretisch gerne den Menschen helfen würde, aber eben nicht dem Regime, das will man los sein. Wer sich aber dafür entscheidet, die Menschen zu opfern, nur um das Regime vielleicht zu stürzen, der sollte nie wieder mit Moral oder Menschenrechten argumentieren. Vermutlich hat Obamas Regierung das erkannt und sieht das Problem daher differenzierter. Für Lee und seine Leute sollte es allerdings schwierig werden (wenn sie bei einer Ablehnung bleiben), sich in Zukunft darauf zu berufen, dass man den Menschen in Nordkorea helfen will.

Was Nordkorea mit dem Bahnhofstypen gemein hat und was nicht

Und irgendwie bin ich damit wieder in meinem Hauptbahnhof angekommen. Da ist ein Typ, der vermutlich Drogen oder Schnaps kaufen will, ich weiß es zwar nicht ganz genau, aber es ist doch ziemlich wahrscheinlich. Nun will ich eigentlich ja nicht seine Drogensucht fördern, denn schließlich schadet ihm das. Aber was wäre die Konsequenz, wenn ich ihm das Geld nicht gäbe. Es gäbe vermutlich keine. Entweder er würde etwas länger betteln müssen, um seine Ration zusammenzubekommen, oder es würde ihm bald echt dreckig gehen oder er würde sich das notwendige Geld irgendwie anders beschaffen (was dann gelegentlich Auswirkungen auf die Kriminalitätsstatistik der Umgebung hat). Natürlich tue ich nichts Gutes, wenn ich ihm Geld gebe, aber eben auch nichts Schlechtes. Schwarz und Weiß sind eben relativ seltene Farben in der Realität.

So ähnlich ist es auch mit Kims Regime. Die Hilfen die benötigt werden, können gewährt werden oder nicht. Gewährt man sie, dann weiß man, dass man nicht nur etwas Gutes tut. Man kann nicht sicher sein, dass das Militär nicht einen Teil der Hilfen abzweigt (Ach übrigens: „Das Militär“ besteht in großen Teilen aus „normalen“ Nordkoreanern irgendwo zwischen achtzehn und dreißig Jahren. Ob die einfach riesige Lager mit Nahrung horten, während ihre Eltern verhungern ist eine interessante Frage…) und man kann sich annähernd sicher sein, dass das Regime Geld für Waffen ausgibt, während es das Geld nicht für Nahrung ausgibt. Den Kopf verlangt es nach Dingen, die bewirken, dass der Körper verfällt. Eine interessante Parallele zu dem Kerl am Bahnhof, aber auch zur Juche Ideologie, denn der Suryong ist der Kopf, den der Körper zur Führung braucht, der aber eben auch entscheidet, was gut für den Körper ist. Aber da liegt eben auch der Unterschied zwischen dem Bahnhofsbeispiel und Nordkorea. Bei dem Kerl am Bahnhof lassen sich Kopf und Körper nicht ohne größere Schäden auseinanderdividieren. Es ist tatsächlich ein Organismus und es ist daher schwieriger zu sagen „Der arme geschundene Körper, was der Kopf ihm antut!“ In Nordkorea kann man die Menschen nicht im Geringsten dafür verantwortlich machen, was ihnen von oben angetan wird. Daher gibt es meiner Meinung nach kein vernünftiges Argument gegen Nothilfen für die Menschen in Nordkorea. Und wer sich gegen solche Hilfen ausspricht, der sollte sich das nächste Mal was schämen, wenn er Geld für eine gute Sache spendet oder einem Bettler in den Hut schmeißt, denn der denkt entweder nicht besonders weit, oder er ist ein Heuchler. Das sollten sich alle Entscheider mal durch den Kopf gehen lassen, bevor sie mit Begriffen wie „Menschenrechten“ operieren. Man muss ja nicht anfangen, dem nordkoreanischen Regime das Geld leichtfertig in den Rachen zu schaufeln, wie es wohl unter Lees Vorgängern passiert ist. Aber Menschen verhungern lassen, für eine nicht abschätzbare Chance auf Wandel, das geht schon zweimal nicht.

Natürlich hat die Bahnhofsmetapher so ihre Haken und Ösen, aber irgendwie musste ich kürzlich daran denken und das führt dann schnell mal dazu, dass sich meine Finger in Bewegung setzen…