Leben und arbeiten in Nordkorea: Interview mit dem Entwicklungshelfer Gerhard Tauscher (I)


Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Gerhard Tauscher zu sprechen, der von 2011 bis 2012 für die Internationale Föderation des Roten Kreuzes und der Rothalbmond Gesellschaften (IFRC) in Nordkorea Wasser und Sanitärprojekte betreute und der erst seit einigen Wochen aus Nordkorea zurück ist. Er hat sich viel Zeit für mich genommen und daher habe ich beschlossen, das Interview dreizuteilen. In diesem ersten Teil wird es in erster Linie um die Arbeit der IFRC und um Entwicklungshilfe in Nordkorea im Allgemeinen gehen. Der zweite Teil wird dann stärker auf den konkreten Arbeitsalltag von Herrn Tauscher eingehen und der letzte Teil wird sich um seine persönliche Erfahrungen und Einschätzungen drehen.

Logo der IFRC (Foto von sbamueller unter CC Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0))

Nordkorea-Info: Also vielleicht erstmal zum Anfang: Sie waren ja für das Rote Kreuz in Nordkorea. Was macht denn das DRK genau dort?

Gerhard Tauscher: Also das DRK ist nicht selbst vor Ort, sondern das DRK stellt in dem Fall nur Personal ab für eine Delegation der Internationalen Föderation des Roten Kreuzes und der Rothalbmond Gesellschaften. Das ist die eine Organisation des Roten Kreuzes, die dort aufläuft und die kümmert sich um Entwicklungshilfe und um Katastrophenmanagement. Die andere Organisation ist das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Die sind auch da und versuchen ihr Mandat umzusetzen.

Das Programm der IFRC in Nordkorea ist dreigeteilt, in den Gesundheitsbereich, den Wasser- und Sanitärbereich und in Katastrophenvorsorge/Katastrophenmanagement. Diese drei Bereiche werden abgedeckt von technischen Delegierten, von denen ich eben derjenige war, der sich um den Wasser- und Sanitärbereich gekümmert hat. Insgesamt sind das fünf internationale und dann ungefähr 13 nationale Mitarbeiter im Land. Das ist grob die Mission.

Der Jahresetat ist bei ungefähr sechs Millionen Dollar insgesamt und die Gelder kommen aus aller Welt. Das ist der Vorteil, dass nicht „nur“ ein kleines Rotes Kreuz die Mission trägt, sondern die Gelder überall eingesammelt werden. Und da ist auch deutsches Geld dabei. Das kommt vom BMZ und da ist schwedisches, norwegisches, finnisches, australisches, neuseeländisches, also alle, alle Länder, die sich sozusagen, die dort vertreten sein wollen, die dort was machen wollen, die können was dazugeben und dann wird es eben sozusagen im ganzen Projekt verwendet.

NK-Info: Und wie läuft das dann administrativ? Sie haben ein Budget für die Zeit, in der Sie den Einsatz haben und planen dann verschiedene Projekte, oder kriegen Sie die auch schonmal ans Herz gelegt oder so?

Tauscher: Das ist ganz verschieden. Es gibt Geldgeber die sagen: „Wir wollen mit diesem Geld das machen…“ Die geben relativ präzise mit einem Unterbudget, also mit einem eigenen Plan vor, wo das verwendet werden muss, in welcher Provinz, in welchen Dörfern und für was genau, mit genauem Budget wieviel Leute davon bezahlt werden können, wieviel Material, wieviel Transportkosten, wieviel Verwaltung und wir sind sozusagen wie eine Art Subunternehmer und machen das für…in dem Fall zum Beispiel das BMZ.

Das ist übrigens relativ anstrengend, was die Vorgaben angeht. Dann gibt es andere, die sehen das ein bisschen lockerer, die sagen: „Ok, wir geben euch Geld für…Wassersysteme, macht aber nur Wassersysteme, andere Sachen nicht.“ Oder: „Wir wollen nur Hygieneschulung damit finanzieren.“ Und andere, die Liberalsten, die sind „easy going“, zum Beispiel die Norweger. Die geben zum Beispiel und sagen: „Hier. Macht was davon.“

Und das Gesamtpaket muss sozusagen das ganze Projekt ergeben. Das ist die Schwierigkeit. Denn, die Tendenz geht immer mehr dahin, dass die Geldgeber die Sachen, die sehr gut sichtbar sind, finanzieren wollen. Und wenn ich aber zum Beispiel einen meiner Mitarbeiter auf eine Schulung ins Ausland schicken will, dann muss das ja auch einer bezahlen. Und ein paar Flugtickets, ein paar Hotelübernachtungen, das klingt halt nicht so sexy wie zum Beispiel Wasserleitungen.

Aber das ist ungefähr das System. Wir stellen ein Budget auf, was wir ungefähr machen wollen. Das habe ich zum Beispiel im Herbst gemacht für 2013. Das orientiert sich grob an dem Geld, das wir im letzten Jahr bekommen haben. Manchmal haben wir dann ein Vorabinfos, dass irgend ein Land vielleicht ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger geben will, das wird dann schon grob berücksichtigt und so haben wir dann so das Arbeitsbudget. Das wird dann sozusagen „verkauft“ und wir versuchen das Geld zusammenzubekommen.

NK-Info: Und woher kommt das Geld für die Projekte?

Tauscher: Private Spender im eigentlichen Sinn gibt’s fast keine,  Das ist eher unwesentlich. Im Wesentlichen sind es dann institutionelle Geldgeber, wie das BMZ, wie SIDA aus Schweden, wie das Außenministerium von Norwegen, eigentlich auch Australian Aid, aber das waren die Ersten, die dann ausgestiegen sind. Die haben 2010 noch relativ viel finanziert und 2011 haben sie gesagt: „Nö.“ Die sind auf jeden Fall ein sehr sensibler Spender, der sehr genau hinschaut, was dort passiert und wenn das, was dort passiert nicht ganz in ihrem Sinn ist, dann gibt es eben keinen Fokus auf Nordkorea.

NK-Info: Ich dachte ich hätte mal gelesen, dass auch das DRK manchmal Nothilfen oder so nach Nordkorea schickt, also bei Überschwemmungen zum Beispiel diese Nothilfekits. 

Tauscher: Ja. Das haben die in der Vergangenheit gemacht. Das DRK hat ein Lager in Kuala Lumpur für Ostasien und das wird üblicherweise dann von dort geschickt. Aber speziell in Nordkorea ist es relativ wichtig, selbst eine Lagerhaltung im Land zu haben. Ja, also wenn man schnell reagieren will, muss man es im Prinzip vor der Regenzeit, vor der Hurricane Season/Taifun Saison schon im Land haben, sonst kommt es relativ spät an. Aber auch diese Lager müssen auch finanziert werden.

NK-Info: Das ist ja eigentlich witzig, dass die Nothilfebestände schon aufgebaut werden, bevor der Notfall eintritt, aber andererseits ist das ja auch klar. Das ist ja eigentlich jedes Jahr das Gleiche.

Tauscher: Im Prinzip ja. Wie gesagt, in der Region gibt es auch viele Länder, wo das schon vor Ort eingelagert ist, aber dann gibt es wie gesagt ein Zentrallager in Kuala Lumpur, da haben wir unser Regionalbüro für ganz Asien. Das ist logistisch ziemlich gut angebunden, also theoretisch könnte man das aufladen und würde es in einem Tag auch nach Nordkorea fliegen. Aber wenn man es verschiffen kann, ist es deutlich billiger und da macht eine Lagerhaltung auch Sinn, gerade für Sachen, die sich lange halten.

NK-Info: Ich habe auf Ihrem Blog gelesen, dass sie geschrieben haben, es gibt nur 200 Entwicklungshelfer in Nordkorea…

Tauscher: …plus die Russen, plus die Chinesen. Grob, ja. Aber ich glaube es gibt insgesamt nur ungefähr 400 Ausländer, dazu gehören dann auch schon ausländische Botschaftsangehörige. Die 200 waren ungefähr die Leute, die eine Funktion haben, aber insgesamt, also mit Familienmitgliedern, sind es 400. Das ist nicht viel.

NK-Info: Das ist wirklich nicht viel. Mich würde interessieren: Leben diese 400 dann auch an einem Ort konzentriert? Gibt es so eine Art Community? Ist das im Endeffekt so, dass die 200 auch aller per du sind und sich auf jeden Fall kennen?

Tauscher: Ja, das ist so. Man kennt fast jeden und dass man auf so einem Compound lebt, das ist eben von den Koreanern so eingefädelt. Das ist nicht unbedingt von uns so gewünscht und man lebt dann automatisch im Gutsituiertenviertel. Das ist eben der Platz, an dem Wohnungen zur Verfügung gestellt werden und dann kann man das alles auch gut überwachen. Im Prinzip bis auf gewisse Ausnahmen, wieder für die Russen und für die Chinesen, ist das auf zwei verschiedenen Geländen. Da sind alle Ausländer. Dementsprechend kennt man eigentlich jeden.

NK-Info: Und Russen und Chinesen, machen die Business da, oder sind das auch zum Teil Helfer?

Tauscher: Die machen auch was im Bereich EZ, aber die machen das nicht über uns. Von daher weiß ich da nicht genau was sie machen. Aber in der Hauptsache gibt es zum einen schon mal relativ große Botschaften und dann sind es bei den Chinesen relativ viele Geschäftsleute, die auch teilweise in dem gleichen Compound leben. Die betreiben hauptsächlich Importgeschäfte für … von Lebensmitteln bis zu Kleidung und auch … „Luxussachen“ ist vielleicht übertrieben, aber Alkohol, Tabak, was auch immer.

NK-Info: Um zurückzukommen zur Arbeit des Roten Kreuzes: Es gibt ja auch ein nordkoreanisches Rotes Kreuz. Also arbeitet man dann als Rotkreuzler automatische eng mit dem zusammen?

Tauscher: Nur über das nordkoreanische Rote Kreuz. Man arbeitet nicht separat. Alle unsere Lokalangestellten waren vom nordkoreanischen Roten Kreuz gestellt.

NK-Info: Ok. Und ist das dann schon so, dass man die Mitarbeiter dort dann also auch irgendwie ein bisschen mehr auch als Kollegen in gleicher Sache sieht?

Tauscher: Ja schon. Schon, aber es ist auch klar, dass die auch noch eine zweite Ebene da hinten dran haben. Das ist schon ne spezielle Sorte Mensch dort. Die sind schon relativ gut gestellt und hoch in der internen Hierarchie. Von meinen Leuten sind einige auch relativ viel gereist. Die sind auf Meetings gefahren, auf Ausbildungen im Ausland.

Ich hatte einen Kollegen, der war einmal sogar mit mir in Nepal; Der war auch mal in Australien. Andere waren in Malaysia, wo unser Regionalbüro ist. Also die sehen deutlich mehr von der Welt als der Rest der Koreaner.

NK-Info: Es ist ja jetzt schon ein paarmal angeklungen, dass in Nordkorea Politik und Entwicklungshilfe nicht unbedingt – also, von keiner Seite eigentlich – so richtig zu trennen sind. In Nordkorea selbst ist ja eigentlich alles politisch, per Definition, aber gleichzeitig gibt es hier im Westen ja auch immer mal wieder heiße Diskussion, wo Dinge wie „Haben die jetzt wirklich Hunger und sind sie es nicht selbst Schuld“ und sowas diskutiert werden.

Wie schwer ist das, wenn man jetzt wirklich sozusagen vorne steht und denkt man da auch mal drüber nach, oder denkt man einfach „Ich mach meinen Job und ich bin kein Politiker“?

Tauscher: Nein, man denkt sehr viel darüber nach, wenn man Projekte aufsetzt. Man hat ja ungefähr einen Plan, wie viel Geld man ungefähr zur Verfügung hat und wenn dann die Politik eben wieder mal eine Rakete in den Weltraum schießt, oder was auch immer macht und dann gewisse Geldgeber aussteigen, dann wirkt das auch direkt auf die eigene Arbeit. Es gibt einige Geldgeber, die wirklich rein auf humanitäre Hilfe auch schauen, aber es gab auch einige Geldgeber, die dann sofort gesagt haben: „Ok. Dann nicht!“ Ein Beispiel habe ich ja schon eben genannt.

Wir haben auch versucht das unseren Counterparts klarzumachen und versucht das rüberzubringen. Uns ist völlig klar, dass die natürlich da null Einfluss drauf haben, aber zumindest wollten wir, dass die’s dann zu ihrem nächsten Level tragen.

Also die Mindestannahme ist, dass in vielen Bereichen falsche Prioritäten gesetzt werden. Oft hören wir als Erklärung, warum die Projekte so gemacht werden müssen und warum der Eigenanteil, der von Nordkorea nicht höher sein kann, dass das am Mangel an Devisen liegt. Das wird eigentlich immer genannt.

NK-Info: Und was kommt dann von den Counterparts zurück? Ich meine, die sind ja auch in einer schwierigen Situation in dem Moment und dürfen wahrscheinlich auch nichts sagen.

Tauscher: Genau. Das ist ja immer das. Die können auch nur ganz eingeschränkt frei sprechen. In der Regel sind sie schonmal immer nur zu zweit. Das ist schon ein feiner Mechanismus von gegenseitiger Kontrolle, aber außerdem wird alles, was schriftlich ist, mitgeschnitten, über allem gibt es da starke Kontrollmechanismen.

NK-Info: Also wird man da die ganze Zeit überwacht?

Tauscher: Wenn man sieht, dass es ja nur zweihundert Ausländer mit einer Funktion im Land sind, dann gibt es auch einen ausreichend großen Apparat um die ganz engmaschig zu kontrollieren, also alle E-Mails, auch alle E-Mails die im Land verschickt werden. Auch zwischen uns und den Counterparts oder zwischen den Ausländern und – natürlich – alle, die aus dem Land rausgehen. Alles wird mitgeschnitten.

Vor allen Dingen wenn die Mails auf Deutsch waren. Dann haben die noch länger gebraucht. Im Outlook, da musste man sich am Anfang ein bisschen dran gewöhnen. Man arbeitet dann am Abend Outlook ab und am nächsten Tag im Büro sortieren sich dann so ein paar alte E-Mails so zwischendrin ein. Die haben dann ein bisschen länger gebraucht…

NK-Info: Ist ja auch ein weiter Weg von Deutschland…

Wir haben jetzt vor allem über die nordkoreanische Seite der Politik gesprochen, aber Nordkorea ist ja auch für westliche Staaten schwierig, was die Informationslage angeht. Also so ne Art schwarzes Loch. Und jemand wie Sie, der rumreist, der ist ja schon interessant, weil der vielleicht Sachen sieht, die man von der Botschaft in Pjöngjang aus nicht sieht. Wurden Sie da schonmal gefragt: „Wie war’s; Was haben Sie gesehen?“

Tauscher: Ich glaube, dass die deutsche Botschaft schon sehr gut informiert ist. Die sind schon ziemlich nah dran; Die haben schon ein gutes Bild. Und da gab es auch enge Abstimmungen. Außerdem ist die deutsche Botschaft ja auch relativ gut aufgestellt und erstaunlich groß, dafür dass es im Land natürlich nur sehr überschaubare Anzahl Deutscher gibt.

NK-Info: Wie groß ist die eigentlich so?

Tauscher: Das sind sechs Leute, plus Internationale.

NK-Info: Wir haben ja eben schon mal darüber gesprochen, dass das mit den E-Mails öfter mal ein bisschen schwierig ist. Mich würde interessieren: Wie ist das dann, mit Leuten in Deutschland Kontakt zu halten. Ist das dann nur E-Mail, oder kann man schonmal telefonieren oder macht man das, wenn man dann gerade im Ausland ist?

Tauscher: Man macht ganz viel über Skype. Also das Internet, das wir zur Verfügung haben, ist ein ganz normal westliches. Das ist auch nur den Ausländern vorbehalten. Und daher hat es null Limitation. Noch nicht mal wie in China, wo Social Media geblockt werden und wo Google kastriert ist, das ist dort nicht so. Das Internet, das man dort zur Verfügung hat ist perfekt und auch schnell. Skype läuft oft sogar auch mit Video und es ist normalerweise kein Problem damit Kontakt zu halten.

Und Skype ist auch nicht so einfach abzuhören. Und um im Kopf klar zu bleiben, habe ich mir angewöhnt, einfach frei zu sprechen. Ich glaube, wenn man anfängt zu überlegen: „Hört jetzt einer mit oder nicht?“ oder „Kann ich das, was kann ich jetzt genau sagen?“, ich glaub dann fängt‘s direkt an schwierig zu werden. Manchmal muss man vielleicht auch das Risiko eingehen aus dem Land zu fliegen, wenn man was zu gesagt hat, was jetzt dummerweise kritisch ist. Und das ist schnell passiert. Es sind einige, ich habe jetzt einige erlebt, die aus dem Land geflogen sind.

NK-Info: Ach echt; In der Zeit in der Sie da waren?

Tauscher: Ja.

NK-Info: Und weshalb? Wegen irgendwelcher schwieriger Aussagen?

Tauscher: Es gibt da verschiedene Beispiele. Ich nenne mal eins: Einer, sogar ein Deutscher, der hat kritisch hinterfragt, ob es wirklich eine „Food-Insecurity“ gibt. Er hat die Rechnung hinterfragt, die dort aufgestellt wird, was die landwirtschaftlichen Flächen speziell angeht. Und der ist eben Landwirtschaftsexperte und das war denen dann irgendwann zu kritisch und zu nervig und dann hat man sehr kurzfristig das Visum nicht verlängert.

Ich glaube es ist sinnvoll, eine Einstellung zu haben, dass man dort temporär ist und wenn man dann aus dem Land geschmissen wird, weil man irgendwas kritisch angemerkt hat, dann ist das halt so. Das macht einen in der eigenen Position stärker. Ich glaube zu versuchen, alles recht zu machen um Gottes Willen nichts Kritisches zu machen, das bringt einen auch nicht besonders weit.

In den nächsten Wochen wird der zweite Teil des Interviews erscheinen. Leider kann ich noch nicht genau sagen, wann, aber das Transkribieren etc. braucht eben seine Zeit und daher bitte ich um etwas Geduld...

Wer sich bis dahin weiter über die Arbeit des IFRC in Nordkorea informieren will, kann sich entweder die Länderseite auf der Homepage der IFRC anschauen, einen kleinen Bericht des DRK zur Arbeit von Herrn Tauscher, das Papier zur Langfristplanung von 2012 bis 2015 oder den Jahresbericht 2011.

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Da Helfen wo es nötig ist: IFRC will sich aus der Medikamentenverteilung in Nordkorea zurückziehen


Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von euch ja noch an PyongSu Pharma. Ein Unternehmen, über das ich vor einem guten halben Jahr mal etwas geschrieben habe, weil sich darin einerseits positive Entwicklungen in der nordkoreanischen Wirtschaft spiegeln, andererseits aber auch ein Dilemma internationaler Hilfsorganisationen deutlich wird.

PyongSu Pharma: Vorzeigebetrieb der nordkoreanischen Wirtschaft…

PyongSu Pharma ist ein Joint Venture eines nordkoreanischen Arzneimittelherstellers und einer schweizerischen Unternehmensgruppe. Die Firma hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt und erreicht bei seiner Produktion internationale Standards, so dass es in der Lage ist, sich im Bieterwettstreit auch gegen internationale Wettbewerber durchzusetzen. Dementsprechend konnte das Unternehmen 2010 auch erstmals Dividenden an seine Anteilseigener (also u.a. den nordkoreanischen Staat) auszahlen. Solche Unternehmen bräuchte die nordkoreanische Wirtschaft in größerer Zahl, um in Zukunft eine positivere Entwicklung zu nehmen. Soviel zu den positiven Aspekten PyongSus, die ich hier nicht klein reden möchte.

…doch vor fragwürdigem Hintergrund.

Ein bisschen fragwürdig fand ich allerdings einen anderen Aspekt, der unmittelbar mit dem Erfolg verbunden ist. Liest man nämlich etwas über die Kunden des Unternehmens, so sind da neben dem nordkoreanischen Gesundheitsministerium Nordkoreas die Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgezählt. Die IFRC wird dabei als der größte Käufer von PyongSu Pharma Produkten seit 2008 beschrieben. Die Frage die ich mir deshalb vor einem halben Jahr stellte war, ob es nicht irgendwie komisch sei, wenn internationale Hilfsorganisationen staatseigenen Betrieben Medikamente in großer Menge abkaufen würden, um sie dann der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Denn so verdient der Staat Geld mit der Not seiner Bevölkerung und zwar mit einem Produkt, dass er den Menschen auch auf direktem Weg zur Verfügung stellen könnte (also ohne den Umweg des Verkaufs an die Hilfsorganisationen). Gleichzeitig geben die Hilfsorganisationen ihre Gelder für Dinge aus, für die der nordkoreanische Staat selbst Kapazitäten hätte, während andere, m.E. sinnvollere Projekte hintan stehen müssen. Unten noch ein Video aus dem letzten Jahr, mit einem anderen Beispiel für die Tätigkeitsfelder der IFRC:

IFRC will sich aus Medikamentenverteilung zurückziehen

Jedenfalls fand ich es gestern sehr interessant, den Rahmenplan der IFRC für Nordkorea von 2012 bis 2015 zu lesen und darin folgende Zeilen zu finden:

Since the start of its operations in 1995, the IFRC has supported the DPRK Red Cross in the provision of essential drugs to 8.25 million people through 2,030 clinics nationwide, approximately one third of the population. As drug distribution is not a traditional Red Cross activity, discussions are underway with the DPRK ministry of public health to transfer this responsibility back to the government, while the Red Cross is looking into alternative ways to support the health sector.

[Seit Beginn ihrer Operation 1995 hat die IFRC das Rote Kreuz der DVRK bei der Bereitstellung grundlegender Medikamente für 8,25 Millionen Menschen in 2.030 Kliniken landesweit unterstützt und damit schätzungsweise einem Drittel der Bevölkerung geholfen. Da Medikamentenverteilung kein traditionelles Aktivitätsfeld des Roten Kreuzes ist, wird momentan mit dem Gesundheitsministerium der DVRK darüber dsikutiert, diese Verantwortung wieder an die Regierung zu übertragen, während das Rote Kreuz alternative Wege sucht, den Gesundheitssektor zu unterstützen.]

Auf Gutdeutsch: Die IFRC will aus der Medikamentenverteilung aussteigen und diese Verantwortung vom nordkoreanischen Staat erfüllt wissen. Ich finde es schön, dass man das klare Wort „Verantwortung“ gewählt hat, denn das ist eine Kernverantwortung des Staates und wenn man Kapazitäten dazu hat, dann muss man die auch nutzen, um den Menschen Zugang zu Medikamenten zu verschaffen. Das ist ja sogar verfassungsmäßig vorgeschrieben (das ist aus der Verfassung von 1998. Ich denke, dass der Inhalt dieses Artikels von den Revisionen der letzten Jahre nicht betroffen war):

Artikel 56 Der Staat festigt und entwickelt das System der allgemeinen unentgeltlichen medizinischen Betreuung, verstärkt das System des Wohn- bereichsarztes und der prophylaktischen Medizin, schützt so das Leben der Menschen und fördert die Gesundheit der Werktätigen.

Mögliche Hintergründe

Natürlich steht in dem IFRC Rahmenplan nicht drin, das man nicht einsieht für etwas zu bezahlen, was der nordkoreanische Staat seinem Volk auch selbst zur Verfügung stellen kann und ich kann auch keine abschließendes Urteil darüber fällen, inwieweit diese Überlegung Teil des Kalküls war, als man beschloss, sich auch der Medikamentenverteilung zurückzuziehen. Aber soweit ich gehört habe, war es nicht zuletzt diese Überlegung, die letztlich zu diesem Schritt geführt hat.

Gutes Signal und Selbstschutz

Ein guter und konsequenter Schritt wie ich finde und es ist ja nicht so, als gäbe es keine anderen Tätigkeitsfelder, auf denen das IFRC nicht wirkliche Hilfen leisten könnte, weil es über Kapazitäten und Know-How verfügt, die in Nordkorea nicht in gleichem Maße vorhanden sind. Es kann nicht Ziel von Hilfsorganisationen sein, Aufgaben zu übernehmen, die der Staat bei sinnvoller Prioritätensetzung selbst erfüllen könnte. Gerade zum aktuellen Zeitpunkt setzt die IFRC damit ein kleines Zeichen, denn wenn man Berichte hört, nachdem mit dem Satellitenstart hunderte von Millionen Dollar ins All geschossen werden, ist es schwer zu vermitteln, dass der gleiche Staat nicht in der Lage sein soll, Medikamente aus seinen eigenen Fabriken unters Volk zu bringen. Ich weiß, dass das ein bisschen plakativ dargestellt ist und ich gehe mal davon aus, dass man die 850 Millionen US-Dollar, mit denen man den Preis des Starts in Südkorea beziffert kritisch hinterfragen kann und muss, aber andererseits muss man sich hier wohl vor allem in die Position der Hilfsorganisation versetzen. Dass der gesamte Sachverhalt für die Organisationen schwer erträglich sein dürfte, weil man eigentlich nicht den nordkoreanischen Staat und Schweizer Investoren subventionieren will, sondern den Menschen helfen, habe ich ja schon beschrieben. Aber solche Sachverhalte können ja, gerade was Nordkorea angeht, auch ganz schnell sehr kritisch in der Öffentlichkeit aufgenommen werden, wie beispielsweise der „Skandal“ um das Engagement einiger UN Organisationen vor ein paar Jahren zeigt (der von einem der Sturmgeschütze amerikanischen Konservatismus prächtig kultiviert wurde). Auch deshalb können es sich die Organisationen wohl kaum erlauben, in einem solchen, leicht angreifbaren Feld aktiv zu sein.

Als nächstes die WHO?

Die IFRC hat meiner Meinung nach also soweit alles richtig gemacht. Sie hat den Aufbau inländischer (nordkoreanischer) Kapazitäten zur Medikamentenherstellung gefördert, indem sie auf diesem Markt einkaufte und nachdem die Fähigkeiten jetzt bestehen, können die übernehmen, die die eigentliche Verantwortung dafür tragen. Wünschenswert wäre es nun noch, dass auch  die WHO dem Schritt folgt.

Geld sparen und gleichzeitig Kasse machen: Nordkorea macht’s vor…


Kürzlich bin ich zufällig auf diese relativ aktuelle Unternehmenspräsentation der Pyongsu Pharma Joint Venture Co., Ltd. gestoßen. Der Arzneimittelhersteller ist ein Joint Venture zwischen der Pyongyang Pharmaceutical Company die dem Gesundheitsministerium Nordkoreas untersteht und dem Northern Development Pharmaceutical Consortium Ltd., einer Tochter der schweizerischen Parazelsus Gruppe. Die Zusammenarbeit läuft schon seit einigen Jahren und scheint auch erfolgreich zu sein, wenn man steigende Ertragszahlen und Expansion des Unternehmens betrachtet (einige von euch dürften schon davon gehört haben, für die die mehr Infos suchen, gibt es einige Beiträge bei North Korea Economy Watch) und liest, dass Pyongsu Pharma als Produzent hochwertiger Arzneimittel unter anderem vom TÜV Süd im Auftrag der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) zertifiziert wurde und damit in Nordkorea alleine steht. Generell ist es natürlich eine gute Sache, wenn dem ziemlich desolaten Arzneimittelsektor Nordkoreas mit Hilfe eines solchen Joint Ventures etwas auf die Beine geholfen wird und wenn in einem so essentiellen Bereich eigene Produktionskapazitäten aufgebaut werden. Daher kann man dieses Unternehmen im Grunde nur loben. Allerdings hat mich bei der Lektüre des Berichts und beim Klicken durch die Firmenhomepage eine Sache doch irgendwie irritiert und zu einer eher grundsätzlichen Frage geführt.

Und zwar werden als Kunden des Unternehmens einerseits das nordkoreanische Gesundheitsministerium genannt, andererseits aber auch internationale Hilfsorganisationen wie IFRC und Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO). Nun gut, wird man sagen, es ist ja auch heute common sense, dass Hilfsorganisationen den Aufbau von Produktionsstrukturen und Infrastruktur in den Ländern fördern sollten, in denen sie Hilfe leisten, um so langfristig auch den Weg aus der Abhängigkeit zu weisen. Gleichzeitig kann man auf der Homepage von Pyongsu Pharma (nicht in dem  Bericht) aber auch lesen, dass das Unternehmen 2010 erstmals Dividenden an die Teilhaber ausgezahlt habe.

Und das passt für mich irgendwie nicht so gut zusammen. Der nordkoreanische Staat verdient mit einem Unternehmen Geld, das Medikamente an Hilfsorganisationen liefert, die die nordkoreanische Bevölkerung versorgen, die vom Staat nicht versorgt werden kann. Das hat für Pjöngjang nicht nur den positiven Aspekt, dass ein Teil der medizinischen Grundversorgung von außenstehenden übernommen wird, darüber hinaus erzielt der Staat damit auch noch Einnahmen. Ob das für Nordkorea der Weg aus der Abhängigkeit ist? Ich meine es wäre aus Sicht des Regimes doch totaler Schwachsinn, selbst für die Medikamente zu zahlen (die ja in einem teilweise staatseigenen Betrieb produziert werden) denn dann hätte man erstens die Einkaufkosten und hätte deshalb zweitens auch keine Freude an der Dividende.

Es ist natürlich möglich, dass die Gewinne, die ja vermutlich direkt oder indirekt ans Gesundheitsministerium gehen, von dort aus wieder ins Gesundheitssystem fließen, aber wer weiß das schon. Aus meiner Sicht müsste eine solche Vereinbarung allerdings Voraussetzung für die Abnahme von Medikamenten von Pyongsu Pharma sein, denn sonst subventionieren die Hilfsorganisationen ja irgendwie das Regime und mindern gleichzeitig die Chance, dass sich dieses wirklich bemüht, die Bevölkerung eigenständig zu versorgen. Naja, ich bin mir da selbst nicht ganz im Klaren, aber irgendwie kommt mir dieses Konstrukt schwierig vor, aber wenn die Einnahmen aus der Unternehmung der Volksgesundheit zugutekommt, dann ist es ne gute Sache, ansonsten ziemlich widersinnig.