Was mit KCCE passiert ist und einiges mehr: Bericht zur Reise von Jürgen Klimke im Hamburger Abendblatt


Kürzlich habe ich ja darüber berichtet, dass Jürgen Klimke, ein hamburgischer Bundestagsabgeordneter der CDU, nach Nordkorea gereist ist. Scheinbar hatte er einen (kleinen, ein-Mann) Pressetross dabei, denn heute gibt es im Hamburger Abendblatt einen Bericht von Egbert Nießler zu lesen, der offenbar mit Klimke im Land war.

Scheinbar hat der der CDU-Abgeordnete dort einige recht interessante Gesprächspartner gehabt. Viel scheinen sie mit Ri Yong-chol zu tun gehabt zu haben, der laut Nießler stellvertretender Direktor der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas ist. (Ich weiß nicht genau ob das der Selbe Ri Yong-chol ist, der auch erster Sekretär der Kim Il Sung Socialist Youth League ist, aber es gab den Namen bis letztes Jahr ja zumindest zweimal in der nordkoreanischen Elite, scheint also nicht so selten zu sein). Außerdem gab es ein Zusammentreffen mit dem stellvertretenden Außenminister Kung Sok-ung und (was wohl den „höchstrangigen Termin“ darstellt) mit Yang Hyong-sop, der Vizepräsident der Obersten Volksversammlung und Mitglied des Politbüros ist.

Aber er hatte nicht nur ein gemütliches sit-in mit den Leuten, sondern scheinbar gab es auch einige konkrete Anliegen, die es anzusprechen galt. Neben der Zusammenführung einer Familie, deren Vater in den 60er Jahren plötzlich aus der DDR zurückbeordert wurde und der korrekten Würdigung der deutschen Hilfe bei der Restaurierung eines historischen Gebäudes (durch Anbringung einer Plakette), fand ich es sehr spannend, dass es wohl auch um das Schicksal des Korea Computer Center Europe, die (ehemalige Firma Jan Holtermanns) ging. Ihr erinnert euch, das Berliner Unternehmen, das das Internet nach Nordkorea bringen wollte und plötzlich sang und klanglos von der Bildfläche verschwand, um dann recht zügig durch eine thailändische Firma ersetzt zu werden. In diesem Zusammenhang sehe ich jedenfalls den Halbsatz:

dass man die deutsche Telekommunikationsfirma KCC im Rahmen eines Joint Ventures um 3,5 Millionen Euro an Investitionen erleichtert hat

Naja, das mit den Investitionen in Nordkorea ist halt so eine Sache. Gern gesehen sind sie auf jeden Fall, aber was dann damit passiert steht auf einem anderen Blatt.

Neben den Terminen mit nordkoreanischen Offiziellen und dem obligatorischen „Sightseeing“ besuchte Klimke auch noch einige interessante Projekte der deutschen Welthungerhilfe, die auf innovative Art die Erträge des oft ausgelaugten Ackerlands steigern.

Nießlers Bericht gibt einen schönen Überblick über die Reise und besonders spannend fand ich es natürlich etwas über das Schicksal des KCCE zu hören. Hätte er sich allerdings diese abschließende Sentenz gespart, hätte ich das Ganze sogar noch etwas besser gefunden:

Auf dem beim Abschlussessen vorgetragenen Wunsch, den Lesern zu Hause vielleicht nach dem nächsten Besuch mitteilen zu können, wie die Menschen hier leben, was sie bedrückt oder erfreut, welche Ziele sie im Leben haben oder was sie denken, antwortet ZK-Abteilungsleiter Ri mit ein paar allgemeinen Floskeln und der Bemerkung: „Wir sind hier alle gleich.“ Schneidet sich ein schönes Stück von seinem Steak – und verspeist es genüsslich.

Irgendwie erinnert mich das ein bisschen zu sehr an die Geschichte vom mit Champagner auf den Sozialismus anstoßenden Minister, die ein gewisser BILD-Mitarbeiter in seinem Bericht verbreitet hat. Jedoch werde ich auch irgendwie etwas nachdenklich, wenn sich solche Geschichten häufen. Vielleicht sind die nordkoreanischen Offiziellen ja tatsächlich so abgehoben und zynisch, dass sie immer dann, wenn sie ihre Privilegien auskosten, anfangen von Gleichheit und Sozialismus zu reden. Aber natürlich macht dieser Schlussabsatz auch sehr gut deutlich wie menschenverachtend das Regime ist, ohne dass man unendlich viele Zeilen darauf verwenden muss…

Da in ein paar Tagen ja schon die nächste Reise einer deutschen Delegation, stattfinden wird, die dieses Mal noch wesentlich höherrangig besetzt ist, würde es mich nicht wundern, wenn es bald darauf wiederum was in der einen oder anderen überregionalen Tageszeitung zu lesen gäbe (vor allem im Hinblick auf die neue nordkoreanische „Offenheit“ den Medien gegenüber). Mal sehen wie sich unsere Fußballfunktionäre und die Abgeordneten dort schlagen werden.

Wo ist denn Naenara hin???


Wie ich kürzlich gemerkt habe (eigentlich hat Michael es gemerkt und mich drauf aufmerksam gemacht, danke dafür) funktioniert Naenara (sonst konnte man das hier abrufen (mittlerweile ist Naenara unter neuem Link hier abrufbar)), die Seite auf der Infos aus und über Nordkorea bereitgestellt wurden, seit etwa zwei Wochen nicht mehr (den letzten Eintrag hab ich bei Google am 14. September gefunden). Es könnte natürlich an zwischenzeitlichen Software-Problemen oder ähnlichem liegen, allerdings habe ich dann mal geschaut, was das Korea Computer Center Europe (KCCE), der Betreiber von Naenara, der ja bekanntlich in Berlin sitzt, so sagt. Tja und die Seite hat sich mittlerweile auch etwas geändert: Da gibt es nämlich nichts mehr über die praktische Sichtweite zur nordkoreanischen Botschaft in Berlin zu lesen und nichts mehr über das Projekt das Internet nach Nordkorea zu bringen. Nur noch das hier: Adresse und wo das Unternehmen ins Handelsregister eingetragen ist. Alles andere ist weg.

Das sieht für mich so aus, als wär etwas schiefgelaufen in den Geschäftsbeziehungen zwischen Jan Holtermann, der hinter KCCE steht und seinen Geldgebern in Nordkorea (Vielleicht hat es genau da gehapert: Am Geldgeben). Aber was auch immer der Grund für das Verschwinden von Naenara sein mag: Ich kann mir vorstellen, dass es wiederkommt. Aber KCCE scheint aus dem Geschäft zu sein.

Was mich noch erstaunt: Weder in Deutschland noch im englischsprachigen Netz scheint jemand Notiz vom Verschwinden Naenaras genommen zu haben. Also entweder interessieren sich nur sehr, sehr wenige Leute dafür, oder ich hab den ganzen Artikel ohne Not geschrieben und kann aus irgendeinem Grund Naenara nur nicht abrufen. Ich werde dran bleiben und sehen ob Naenara nochmal auftaucht…

Nordkorea, die Gefahr aus dem Netz!?


Update (26.02.2010): Der Autor von Zirkumflex hat sich etwas näher mit dem nordkoreanischen Gegenstück zu MS Word beschäftigt. Changdeok heißt das gute Stück, und wenn ihr mehr über die Special Features des Programms erfahren wollt, klickt am Besten mal hier rein.

Ursprünglicher Beitrag (19.12.2009): In den vergangenen Tagen war es mal wieder so weit. Irgendein Schlaumeier im Dienst der US-Armee in Südkorea hat eine Tür sperrangelweit offen gelassen, die für computeraffine Personen mit Interesse an sensiblen militärischen Infos von höchstem Interesse war. Dementsprechend ergriffen solche Menschen, die eine IP-Adresse in China nutzten, die Chance und griffen geheime Aufmarschpläne der US-Armee in Korea ab. Ok, in diesem Fall ist es ja noch relativ naheliegend, dass eine Verbindung zu Nordkorea bestehen könnte. Aber generell hat es sich in den vergangenen Jahren zu einem gern genommenen Reflex entwickelt, Nordkoreas geheime Computer-Brigade für so ziemlich alle Schandtaten im Internet verantwortlich zu machen. Vermutlich hat Kim Jong Il jedesmal persönlich die Finger im Spiel, wenn auf irgendeinem Rechner in Südkorea, Japan oder den USA eine Festplatte verschmort. Aber andererseits. So ganz abwegig ist das Ganze ja dann doch wieder nicht…Ok, eigentlich schon recht abwegig. Ein Land, in dem sich Medienberichten zufolge ein Großteil der Bevölkerung von Wurzeln ernährt, dass alle entbehrlichen Ressourcen dem Militär und seinem Nuklearprogramm zukommen lässt. Dieses Land hat seit seiner schweren Krise in den 1990er Jahren eine beachtliche Hacker Truppe zum Zwecke eventueller asymmetrischer Kriegsführung auf die Beine gestellt. Echt? Wenn man sich so die staatlich verantworteten (oder zumindest genehmigte) Internetauftritte des Landes anschaut, die etwas altbacken daherkommen, bzw. stillgelegt sind, kann man das kaum glauben. Aber naja, schauen wir uns mal das an, was es an Fakten dazu gibt.

Eine nordkoreanische Cyber-Brigade?

Seit einigen Jahren berichten besorgte Quellen mit erstaunlicher Frequenz von der Gefahr, die durch die nordkoreanische Hackerbrigade droht. Das wachsenden Potential Nordkoreas zur Cyber-Kriegsführung wird allerdings meist durch Gerüchte oder Informationen von Flüchtlingen, die in diesem Projekt eine große Rolle gespielt haben wollen, belegt. Wirklich stichhaltiges gibt es kaum. Es werden Zahlen zwischen 100 und 1.000 Mitgliedern der „Hacker-Brigade“ genannt, aber auch die Möglichkeit zur Ausbildung von etwa 100 Hackern jährlich. Der Truppe wird einiges zugetraut. So sollen sie bereits im Jahr 2006 in der Lage gewesen sein, das US-Pazifik-Kommando „lähmen“ zu können und den Netzwerken in den USA erheblichen Schaden zuzufügen. Agieren sollen die nordkoreanischen Hacker aus dem Ausland (ach wie praktisch: Dann warens ja im Zweifel immer die Nordkoreaner). Aber wirklich zuschreiben kann man ihnen bisher nicht besonders viel. Der relativ prominent gewordenen Angriff auf US-Regierungshomepages (u.a. das Weiße Haus) kam allem Anschein nach aus Großbritannien und ob die Hackerarmee ausgerechnet von daaus agiert, das ist dann wohl doch eher zweifelhaft!

Nordkoreas IT Errungenschaften

Soviel zu dem was den Nordkoreanern zugeschrieben wird. Aber was können sie denn wirklich? Sehen wir uns erstmal dieses Commercial des Korean Computer Center (KCC) an.

Hm, sieht jetzt nicht besonders Hightechmäßig aus (wenn ihr noch mehr über das KCC wissen wollt, guckt mal hier), aber immerhin haben sie das Selbstbewusstsein nach internationalen Kooperationspartnern zu suchen. Außerdem scheinen sie Zugang zu westlicher Technologie (zumindest zu Dell Monitoren) zu haben (und natürlich liegt das Hauptquartier in einer landschaftlich ansprechenden Umgebung und es gibt tolle Brunnen). Im KCC scheinen Programm wie ein Übersetzer „Englisch-Koreanisch„, ein Simulationsprogramm für Weltraumreisen (für Schulkinder) und Programme zur Geschichte und traditionellen Kleidung Koreas geschrieben zu werden, will man KCNA glauben. Klingt jetzt auch nicht nach Spitzen IT. Aber vielleicht ist das ja auch so, weil die wirklich guten Spezialisten zu Superhackern ausgebildet werden.

Fünfte Kolonne in Europa?

Achja, noch ne interessante Fußnote, die ebenfalls nicht für die größte Kompetenz in Korea spricht: Die Seite „Naenara“ auf der sich Nordkorea vorstellt, seine Sichtweisen zum Besten gibt und moderne Vermarktungsmethoden nutzt (und das alles recht zeitgemäß und in Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch, Japanisch, Chinesisch, Arabisch und natürlich Koreanisch) wird nicht aus Nordkorea betrieben. Nein, die Firma die dafür verantwortlich zeichnet, die KCCE („E“ für Europa) sitzt auf unserem Kontinent und, um genauer zu sein, sitzt sie in Deutschland, in Berlin „nahe der Botschaft der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik (KDVR)“ und hat einen „Exklusiv-Vertrag zum Zweck der Errichtung, Einrichtung und kommerziellen Nutzung des Internets in der KDVR“. Da wundert man sich doch, dass man davon noch nichts gehört hat. Aber scheinbar scheint man in Nordkorea nicht in der Lage oder Willens zu sein, sich selbst um das Internet zu kümmern. Naja, ich werd die Augen hinsichtlich der KCCE offenhalten…

Und was schließt man so daraus? Also ich glaube, dass die Bedrohung durch Nordkoreas Cyber-Brigade bei weitem nicht die Größte Gefahr ist, die von Nordkorea ausgeht. Vermutlich kann man die ganz gut als Sündenbock nutzen, wenns irgendwo im Gebälk des WWW knackt, oder wenn sich einer nen Spass draus macht, Obamas Homepage anzugreifen. Sollte es doch anders sein, dann sind die Nordkoreaner wirklich großartig darin, ihre großartigen Fähigkeiten zu verbergen. Aber man weiß ja nie….

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