Machiavelli lesen mit Kim Jong Un


Als ich kürzlich von den Gerüchten gehört habe, Kim Jong Un habe nicht nur Jang Song-thaek, sondern auch seine Familie hinrichten lassen, sind mir zwei Dinge durch den Kopf gegangen. Einerseits war ich mir nicht sicher, ob diese Gerüchte glaubwürdig sind, andererseits dachte ich zum wiederholten Male an Niccolò Machiavellis kontroverses Werk „Der Fürst“.
Dabei hatte ich eine ganz bestimmte Passage im Kopf und weil ich es eh nicht schlecht fand, da nochmal reinzulesen, habe ich eben beschlossen, die wenig kreative Übung auf mich zu nehmen und den Sturz Jang Song-thaeks durch die Machiavelli-Brille zu betrachten. Klingt erstmal nicht überspannend, ist aber eigentlich dann wieder so ergiebig, dass man sich fragen könnte, ob Kim Jong Un das Buch vielleicht doch unter seinem Kopfkissen liegen hat.

Notwendige Grausamkeiten auf einen Schlag. Macht das Kim Jong Un?

Allerdings startete mein Ausritt in die politische Philosophie erstmal mit einer Enttäuschung, denn die Passage an die ich gedacht hatte, wollte einfach nicht so richtig passen. Ich hatte irgendwas im Hinterkopf vonwegen „nötige Grausamkeiten in vollem Ausmaß auf einen Schlag begehen“. Und von diesem Anfangsgedanken war ich zu Jang Song-thaeks Hinrichtung und dem Schicksal seiner Familie gekommen. So wie sich uns diese ganze Säuberung dargestellt hat, wurden Jang und sein Netzwerk sowie vielleicht seine Familie innerhalb eines Monats von den Machtpositionen des Regimes entfernt und zumindest teilweise hingerichtet. Allerdings ist die entsprechende Passage bei Machiavelli ein bisschen differenzierter. Da steht nämlich der Absatz:

Woraus sich ergibt, dass der, welcher einen Staat an sich reißen will, alle notwendigen Gewalttaten vorher bedenken und sie auf einen Schlag ausführen soll, um nicht jeden Tag wieder anfangen zu müssen. Ist alles auf einmal abgetan, so beruhigen sich die Menschen, und er kann sie durch Wohltaten gewinnen. Wer aus Furcht oder aus Mangel an Einsicht anders handelt, muss das Schwert ständig in der Hand halten und kann sich nie auf seine Untertanen verlassen, da diese ihm wegen der fortgesetzten Misshandlungen nicht trauen können. Darum müssen alle Gewalttaten auf einmal geschehen, da sie dann weniger empfunden und eher vergessen werden. Die Wohltaten aber müssen nach und nach erwiesen werden, damit sie sich besser einprägen. (N. Machiavelli: Der Fürst, S. 53f)

Naja, einerseits stimmt die Sache mit „auf einen Schlag“ schon, wenn man nur auf Jang guckt. Aber wenn man sozusagen das gesamte Führungssystem in den Fokus nimmt, dann läuft ja eher das ab, was Machiavelli hier als Negativbeispiel nennt. Die notwendigen Gewalttaten werden über Jahre gestreckt und Kim Jong Uns Untergebene können ihm nicht wirklich trauen. Daher dürfte er laut Machiavelli sein Schwert nie weglegen. Man könnte natürlich argumentieren, dass die von Kim Jong Un empfundenen Grausamkeiten schlicht so umfangreich waren, dass er sie nicht hätte umsetzen können, wenn er auf einen Schlag hätte vorgehen wollen, denn wer soll denn gleichzeitig alle Chefs von Militär und Sicherheitsdiensten und ein umfassendes quer durchs Regime verlaufendes Netzwerk aushebeln, wenn man ja gerade mit dieser Aktion die Werkzeuge für ein solches Aushebeln (Militär und Sicherheitsdienste eben) außer Gefecht setzt. Ein bisschen retten könnte man die Passage dann dadurch, dass man davon ausgeht, dass Kim Jong Un das Regime wegen der umfangreichen notwendigen Grausamkeiten in funktionale Einheiten unterteilt hat. Auf der einen Seite der Militär- und Sicherheitsapparat, der sich wiederum in kleinteiliger Einheiten aufsplitterte und im Rahmen mehrerer einzelner Aktionen mit Grausamkeiten überzogen wurde und auf der anderen Seite Jang Song-thaek und sein Netzwerk, das mit Hilfe des runderneuerten Sicherheitsapparates auf einen Schlag ausgeschaltet wurde. Aber ein bisschen bemüht ist das alles schon und daher fand ich es spannend, dass es in einer anderen Passage Inhalte gab, die viel besser auf den Fall Jang passten.

Das „richtige“ Maß an Grausamkeit

Ein Fürst darf daher die Nachrede der Grausamkeit nicht scheuen, um seine Untertanen in Treue und Einigkeit zu erhalten; denn mit einigen Strafgerichten, die du verhängst bist du menschlicher, als wenn du durch übertriebene Nachsicht Unordnung einreißen lässt, die zu Raub und Mord führen. Diese treffen das ganze Gemeinwesen, wogegen die Strafgerichte, die der Fürst verhängt, nur dem einzelnen schaden. Unter allen Fürsten kann der Neue den Ruf der Grausamkeit am wenigsten meiden, weil neue Herrschaften voller Gefahren sind. […] Keineswegs darf er zu leichtgläubig oder zu mitleidig sein, aber auch nicht zu ängstlich, sondern mit Klugheit und Menschlichkeit maßvoll verfahren, damit ihn weder zu großes Vertrauen unvorsichtig, noch zu großes Misstrauen unerträglich mache. (N. Machiavelli: Der Fürst, S. 83f)

Das finde ich schon wesentlich passender. Der neue Fürst, der Ordnung halten will, indem er Strafgericht gegen einzelne hält. Dabei könnte man noch hinzufügen, dass Machiavelli auch gleich ein Argument gegen die von unseren Medien häufiger mal gerne kolportierten perversen Grausamkeiten mitliefert. Jedenfalls kann ich mir kaum vorstellen, wie Kim Jong Un sich nicht unerträglich gemacht haben könnte, wenn er all die abartigen Hinrichtungsmodi, Gründe und Ziele genutzt hätte, die ihm hierzulande schon unterstellt wurden. Überbordende Grausamkeit ist selten geeignet Herrschaft zu festigen. Kann sein, dass Kim Jong Un das nicht mitgekriegt hat, aber meine Vermutung ist eher, dass er das recht genau weiß und beherzigt und dass wir nur öfter mal sowas hören, weil unsere Medien an dieser zynischen rationalen Grausamkeit seiner Herrschaft zu wenig Spektakel finden kann. Dieses Argument stärkt Machiavelli ein paar Zeilen später auch nochmal, wenn er schreibt:

Nichtsdestoweniger muss der Fürst sich derart gefürchtet machen, dass er, wenn er auch keine Liebe erwirbt, doch auch nicht verhasst wird; denn gefürchtet und nicht gehasst zu werden, ist wohl vereinbar. Das kann er erreichen, indem er Hab und Gut seiner Bürger und ihre Frauen unangetastet lässt. Und wenn es nötig ist, einem das Leben zu nehmen, so geschehe es nur, wenn die gerechte Ursache offenbar ist. (N. Machiavelli: Der Fürst, S. 84f)

Das fand ich gleich in doppelter Hinsicht interessant. Einerseits gab man sich vor der Hinrichtung Jangs ja alle Mühe, seine Schuld offenbar und objektiv darzulegen, also die Grausmakeit so zu begehen, dass sie zum gefürchtet sein, nicht aber zum verhasst werden führt. Auch den Hinweis auf das Hab und Gut der Bürger finde ich sehr spannend. Denn klar, das wurde zumindest bei der Währungsreform Ende 2009 nicht geachtet. Die Lösung stellte die Hinrichtung Jangs dar, denn nicht zuletzt wurde ihm ja unterstellt, für diese chaotisch abgelaufene Aktion verantwortlich zu sein. Das zeigt auf der einen Seite, dass der aktuelle Fürst das Eigentum der Bürger achtet und auf der anderen Seite wird klar, dass die Hinrichtung Jangs, der das Eigentum missachtete, gerecht war.
Ziemlich passend fand ich auch das Beispiel des Cesare Borgia, das hier angeführt wird. Unter anderem berichtet Macciaveli dort, dass Borgia einen Statthalter eingesetzt habe, der mit Erfahrung und Grausamkeit für Ruhe in einem unrihigen Gebiet sorgte. Nachdem der Statthalter aufgrund seiner Grausamkeit verhasst wurde, ließ ihn Borgia öffentlichkeitswirksam hinrichten und demonstrierte so zum einen, dass der Statthalter und nicht er für die Grausamkeiten verantwortlich war und dass er selbst das Wohl der Bürger im Auge hätte.

Wie sich die Zeiten doch ähneln

Natürlich hat Machiavelli in seinem Fürsten noch viel mehr stehen und ich habe mir nur das rausgegriffen, was mir gerade prima gepasst hat und natürlich passt nicht alles so gut auf Nordkorea. Aber das wäre auch ein Wunder, schließlich hat sich Machiavelli nicht weniger zum Ziel gesetzt, als eine Allzweckanleitung für Fürsten in allen erdenklichen Lebenslagen zu verfassen. Naja und der nordkoreanische kleine Fürst ist ja nun nur in einer bestimmten Lebenslage. Und so komplett hat Machiavelli das auch nicht vorhersehen können, was heute im Norden der koreanischen Halbinsel existiert. Aber manches von dem, das Machiavelli da zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Toskana als Bewerbungsschreiben verfasst hat, passt erstaunlich gut auf die heutige Zeit und eröffnet unangenehme Perspektiven darauf, wie wenig sich bei aller „Zivilisiertheit“ und „Modernität“ unserer heutigen Zeit im Endeffekt an den grundlegenden Mechanismen der Macht geändert hat.

Hat Kim Jong Un den Fürsten gelesen? Egal!

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob Kim Jong Un jetzt seinen Machiavelli auf dem Nachttisch liegen hat oder nicht? Ganz ehrlich: Ich glaube Machiavellis Werk ist nicht unbedingt deshalb so berühmt, weil er so unglaublich kreative und kaum nachzuvollziehende Gedankengänge zu Papier gebracht hat, sondern weil er das unverblümt aufgeschrieben hat, was man damals wie heute eigentlich als moralisches Wesen nicht aussprechen durfte. Ohne Frage hat er hervorragend beobachtet und zugrundliegende Prozesse herausgestellt, aber ich würde nicht darauf wetten, dass ein junger und in seinem Metier talentierter Nachwuchsdiktator das nicht intuitiv hinkriegen würde.
Aber gleichzeitig hat sich Kim Jong Un vermutlich seit einiger Zeit auf seine Zukunft vorbereitet und abwegig finde ich es da nicht, dass er dabei auch mal in den Fürsten reingelesen haben könnte. Auf jeden Fall beruhen seine Herrschafts- und Machtprozesse meiner Meinung nach in weiten Teilen auf ähnlich kühlem Kalkül, wie es Machiavelli in seinem Buch den Fürsten empfiehlt. Und wenn das so ist, ist es im Endeffekt auch egal, ob er es jetzt gelesen hat oder nicht, die Denkstrukturen gleichen sich und deshalb ist die Machiavelli-Brille mitunter ein geeignetes Werkzeug um Kim Jong Uns Herrschaft zu analysieren.

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Spannendes sky-Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter in London — oder: Warum ich nicht gerne nordkoreanischer Botschafter wäre…


Dass sich Vertreter des nordkoreanischen Regimes vor westlichen Medien äußern ist ja relativ selten. Fast nie kommen Gespräche zwischen Politikern die in Pjöngjang arbeiten und Medienvertretern zustande, aber ebenfalls nur sehr spärlich sind Auftritte der nordkoreanischen Diplomaten vor westlichen Medien. Und wenn das mal stattfindet ist es meist Bestandteil einer konzertierten Aktion, mit dem das diplomatische Corps Nordkoreas irgendwelchen als wichtig empfundenen Mitteilungen aus Pjöngjang eine höhere Publicity verschaffen will. Im Ergebnis gibt es dann normalerweise ein ellenlanges Verlesen einer Verlautbarung, bestenfalls gefolgt von einigen wenigen erlaubten Fragen, auf die es standardisierte Antworten gibt.
Deswegen war ich relativ überrascht und relativ angetan, als ich gesehen habe, dass der Fernsehsender sky ein Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter in London, Hyon Hak-bong (Ein ganz interessanter Typ. Bevor er 2012 Botschafter in London wurde, hat er im nordkoreanischen Außenministerium schon ein paar interessante Jobs gehabt. Zumindest zwischen 2004 und 2008 spielte er in den Verhandlungen um die Denuklearisierung Nordkoreas eine wichtige Rolle) geführt und das auch noch ungekürzt ins Netz gestellt hat.

Der langweilige Teil: Der Vorschlag der NDC

Das Interview hat so seine Längen, aber es gibt auch spannende Phasen. Relativ langweilig ist die erste viertel Stunde. Da wird der Botschafter vor allem zum aktuell bedeutendsten Thema befragt, nämlich dem „Vorschlag“ der nationalen Verteidigungskommission Nordkoreas an den Süden, einen friedlicheren Weg ohne gegenseitige Verleumdungen und Beleidigungen einzuschlagen, den sie in einem „offenen Brief“ an die südkoreanische Regierung formuliert hat. Das Wort „Vorschlag“ steht in Anführungszeichen, weil man es auch „Forderung“ nennen könnte. „Forderung“ keine Militärmanöver durchzuführen. Und neben dem Angebot „wenn ihr das macht“ schwingt im Subtext sehr deutlich das „ansonsten“ mit. Naja, eine Spielart der üblichen nordkoreanischen Diplomatie und daher nicht unbedingt spannend. Vor allem weil der Botschafter in diesem so wichtigen Thema keinen Millimeter vom vorgegebenen Sprechzettel abweichen kann und darf.
Das tut er auch nicht und deswegen hören wir wie so oft:

  • dass die USA eine Vereinigung blockieren, dass sie den Norden bedrohen
  • dass der Norden deswegen nukleare Abschreckung braucht
  • dass die Ergebnisse der Sechs-Parteien-Gespräche wegen der Nichterfüllung der Versprechungen durch die USA nicht weiter umgesetzt werden.
  • Natürlich hören wir auch, dass die USA und Nordkorea ihre Beziehungen durchaus normalisieren können, aber erst, wenn die USA Nordkorea nicht mehr bedrohen. Wie das gehen soll weiß ich aber nicht, denn die Interkontinentalraketen rüstet ja noch nichtmal ein Friedensnobelpreisträger ab.

Das alles finde ich nicht interessant, weil man es so oft schon gehört hat. Der Reporter gab sich alle Mühe Herrn Hyon nähere Details zum mitschwingenden „ansonsten“ zu entlocken, aber weil das Thema so hoch hängt umschiffte der Botschafter diese Klippe so oft sie ihm im Wege stand.

Jang Song-thaek: Hunde? — Abwegig

Spannender wurde es dann schon bei den Themen, die nicht ganz so hoch hängen, bzw. nicht ganz so aktuell sind. Für die Jang Song-thaek-Hundestory hatte der Botschafter nur ein sehr ehrlich klingendes Lachen mit anschließendem Hinweis auf westliche Medienpropaganda übrig. Die Frage nach dem Schicksal von Jangs Familie (min 19:30) versuchte er ebenfalls zu umgehen: „Diese Frage verdient keine Antwort“ um dann aber überraschenderweise doch ein bisschen nachdenklich zu sagen, er wisse nicht, was mit der Familie sei. Außerdem interessant, wie er das Vorgehen gegen Jang begründete: „Er hat die rote Linie überschritten“.

Arbeitslager? Nein! – Umerziehungsorte…

Inhaltlich spannend ist auch der Teil des Interviews, in dem über Arbeitslager gesprochen wird. Hier zeigt sich der Zynismus des Regimes und ich hatte in diesem Teil des Gesprächs das Gefühl, ein Grinsen auf dem Gesicht des Botschafters zu erkennen, das ihn als wissenden Lügner erscheinen lässt, der weiß, dass auch die andere Seite die Wahrheit kennt. Auf die Frage zu den Arbeitslagern (24:30) sagt er: „Wer ein Verbrechen gegen die Regierung begeht, muss bestraft werden. Aber wir haben keine „Arbeitslager“. Wir haben Umerziehungslager, verstanden? — Äh, keine Lager — Umerziehungsorte… Die USA und Südkorea und Japan sagen, wir hätten Arbeitslager, aber das stimmt nicht.“ Auf die Frage, warum dann keine Journalisten auf eigene Faust nach den Lagern suchen dürften, versteigt er sich zuerst zu der Erklärung, man könne doch keine Journalisten an einen Ort bringen, der garnicht existiere. Vor allem sei es aber nicht der Job von Journalisten, zu beweisen, dass es diese Lager gebe. Journalisten sollten das gegenseitige Verständnis verbessern und hier und da berichten, was es da so gebe, aber politisch tätig zu werden sei für Journalisten unmoralisch. Bei dieser Aussage habe ich das Gefühl, dass der Botschafter das wirklich glaubt. Es ist nicht nur so eine Art Ausrede, sondern er glaubt, Journalisten die sich in die Politik einmischen haben ihren Job nicht verstanden. Das ist natürlich ein Problem im Umgang des Regimes mit Journalisten, denn das Verständnis von dem was beide Seiten tun sollten und was nicht ist sehr gegensätzlich.

Kenneth Bae? Kommt frei – Wenn er seine Strafe verbüßt hat…

Interessant war auch das Gespräch zu Kenneth Bae (29:10). Da hatte der Botschafter nämlich nicht viel zu sagen, außer dass Bae natürlich freikäme… Wenn er seine Strafe von 15 Jahren harter Arbeit abgesessen hätte. Auf die Frage, was denn die Strafe „harte Arbeit“ genau bedeute erklärte der Botschafter, es sei nicht wirklich harte Arbeit, er bekäme sogar medizinische Versorgung, wenn er die brauche. Naja, interessant wäre hier zu wissen gewesen, was er sich denn unter „echter harter Arbeit“ vorstellt. Vielleicht das, was die Leute machen, die in den nicht vorhandenen Arbeitslagern sitzen? Aber der Journalist war auch nicht schlecht: Er fragte, ob Bae seine 15 Jahre hart Arbeit denn in einem Arbeitslager verbringe… Da hatte er wohl nicht aufgepasst und deshalb bekam er nochmal erklärt, es gebe keine Arbeitslager in Nordkorea. Insgesamt war der Arme aber hier ein Stück weit am Schwimmen: So erklärte er zum „Level der Härte der Arbeit“ es sei eben „harte“ Arbeit, nicht „normale“ Arbeit.

Ein Job den ich nicht gerne hätte: Nordkoreanischer Botschafter

Insgesamt ist dieses Interview ein recht spannendes Dokument, denn es zeigt deutlich, was es für ein schwerer Job ist, nordkoreanischer Botschafter zu sein und warum nordkoreanische Botschafter so ungern Interviews geben: Sobald sie sich aus ihren vorgefertigten Textelementen und Versatzstücken lösen und selbst Antworten geben müssen, also nicht mehr auf dem sicheren Boden des von oben vorgegebenen bewegen, wird das Eis sehr dünn, auf dem sie agieren. Gleichzeitig werden sie natürlich nach vielem gefragt, das kritisch ist und natürlich wissen sie es bei manchen Antworten besser, als sie das kommunizieren. Und wie schnell hat man dann die Existenz von Lagern eingestanden, obwohl es doch garkeine geben darf.

Warum das Interview, warum jetzt?

Spannend wäre es jetzt noch zu wissen, wie es zu dem Interview kam. Generell stehen solche Gelegenheiten eigentlich immer in Verbindung mit irgendwelchen PR-Kampagnen für wichtige Äußerungen der Führung in Pjöngjang. Vermutlich ist der PR-Anlass hier der Vorschlag aus Pjöngjang, nicht mehr zu verleumden oder zu bedrohen. Immerhin ging die erste viertel Stunde des Gesprächs darum. Ich bin aber gespannt, ob noch andere nordkoreanische Botschafter dazu Pressekonferenzen oder Interviews machen, oder ob Herr Hyon das alleine gemacht hat. Das würde ziemlich spannende Erkenntnisse über die Kommandostruktur des Außenministeriums zulassen. Es würde nämlich bedeuten, dass zu manchen Anlässen konzertierte PR-Offensiven stattfinden, zu denen die Botschafter in die Medien müssen, dass es aber generell die Möglichkeit gibt das auch aus eigenem Antrieb zu tun. Das kommt dann vermutlich nur so selten vor, weil es mit den oben beschriebenen Fallstricken verbunden ist.

Der Kitt des Regimes — Warum Nordkoreas Eliten zusammenhalten


Die Geschehnisse rund um den Sturz und die darauf folgende Hinrichtung Jang Song-thaeks haben mich in letzter Zeit öfter mal zu einer Frage im Zusammenhang mit der Stabilität des Regimes geführt. Ich gehe davon aus, dass die Stabilität des Regimes zumindest aktuell nicht von unten, sondern nur von außen oder von innen gefährdet werden kann. Über das Thema der Bedrohung von außen schreibe ich ja eigentlich relativ oft; Die Thema eines Konfliktes im Inneren umgehe ich dagegen meistens. Das erklärt sich damit, dass es sich einfach um ein sehr spekulatives Ding handelt. Eigentlich zeigen sich uns ja nur die extremsten Symptome eines inneren Konfliktes, nämlich dann, wenn sowas wie mit Jang Song-thaek passiert. Aber selbst dann wissen wir eigentlich kaum etwas. Zwar sind wir informiert, dass Jang gestürzt und hingerichtet wurde, wir wissen aber nicht warum und wer genau die anderen Akteure des Konfliktes waren. Uns ist also im Endeffekt überhaupt nicht klar, wo die Konfliktlinien liefen oder laufen. Wir wissen nur, dass es sowas gegeben haben muss.

Die Eliten halten zusammen

Allerdings ist außerdem zu attestieren, dass die Eliten trotz des Konfliktes, den es gab oder gibt nach außen hin weiter zusammenhalten. Wenn es Brüche gibt, dann sieht man sie von außen nicht. Nach während und vor der Hinrichtung Jangs, konnten wir von außen neben den Vorgängen um Jang nur beobachten, dass das Regime im „buiseness-as-usual-Modus“ arbeitete. Es sah nichts nach großen Verwerfungen aus, sondern als sei das was da gerade passierte ganz normaler Alltag. Ich habe in meinem Artikel nach den ersten Gerüchten um Jangs Sturz einige Punkte identifiziert, die Verwerfungen im Regime gezeigt hätten. Aber nichts davon ist eingetreten. Es gab keine inkonsistenten politischen oder medialen Aktionen und es sind auch keine nennenswerten Absetzbewegungen hochrangiger Funktionäre festzustellen gewesen. Es sind sogar Botschafter, die in Verbindung mit Jang gestanden haben und abberufen wurden brav wie Opferlämmer nach Pjöngjang heimgekehrt. Da fragt man sich doch: Was ist denn der Kitt, der dieses Regime zusammenhält. Was sind die Faktoren, die dazu führen, dass kaum hochrangige Funktionäre ausscheren und trotz wirtschaftlicher Misere, ideologischer Desillusionierung und schlechten Zukunftsperspektiven für Regime und Land, nicht wirklich ein Auseinanderdriften der Führungsschichten zu verzeichnen ist?

Der Kitt des Regimes

Eigentlich kann man von außen nicht beobachten, was diesen massiven Bunker, den das Regime darstellt eigentlich so massiv macht, aber man kann versuchen es sich abzuleiten, denn einige Eigenschaften des Regimes sind ja durchaus bekannt.

Überzeugung:

In den frühen Jahren des Regimes vor allem unter Kim Il Sung dürfte ein großer Teil der Eliten tatsächlich überzeugt gewesen sein, dass sie für eine gute Sache arbeiten und dass die Maßnahmen, die das Regime ergriffen hat gerechtfertigt waren um das gute Ziel zu erreichen. Das dürfte sich mittlerweile jedoch geändert haben, da Realität und Ansprüche kaum mehr zusammenpassen und Ankündigungen und Behauptungen ebenfalls nicht den real existierenden Bedingungen entsprechen. Nichts desto trotz kann es durchaus sein, dass einige Mitglieder der Eliten tatsächlich noch vom langfristigen Sieg des Juche-Sozialismus überzeugt sind.

Ideologie:

Eng verbunden mit Überzeugungen, aber nicht das Gleiche ist der Faktor Glaube. Das Regime in Pjöngjang hat mit der Juche-Ideologie sozusagen eine festgeschriebene Glaubensgrundlage, die einem religiösen Denksystem ziemlich nahe kommt. Wenn man daran glaubt, dann ersetzt das, ähnlich wie bei anderen Religionen ein Stück weit die Notwendigkeit rationaler Begründungen und Motivationen. Wer also der Ideologie glaubt und ich denke es ist garnicht so einfach das nicht zu tun, wenn man es von Kind an eingebläut bekommt, der handelt vielleicht nicht so rational und trägt das Regime mit, obwohl er es eigentlich besser wissen müsste.

Angst:

Einen nicht unwesentlicher Grund für das Regime zu arbeiten dürfte auch die Angst vor den Konsequenzen darstellen, wenn man das nicht täte. Einerseits dürfte auffälliges Verhalten sehr schnell zu einer Gefahr für Leib und Leben desjenigen sein, der dieses Verhalten an den Tag legt. Daher wird er sich bemühen, so konform wie möglich zu erscheinen, um auf garkeinen Fall aus dem Kollektiv herauszustechen. Gerade der Sturz Jang Song-thaeks zeigt, dass vor dieser Gefahr weder mächtige Freunde noch eigene Macht schützen. Im Gegenteil, mächtige Freunde und eigene Macht sind auffällige Attribute.
Andererseits kann man sich dem nur schwer durch Flucht entziehen. Es gibt wohl kaum jemanden, der keine anderen Menschen kennt, die er beschützen möchte. Durch Flucht erreicht jeder das Gegenteil: Er bringt seine Lieben in Gefahr.

Privilegien:

Als Gegenpol zu diesem allgegenwärtigen Bedrohtsein bietet das Regime den Eliten aber auch eine Entschädigung:  Sie haben kein so schlechtes Leben wie diejenigen, die nicht zu den Eliten gehören und je loyaler sie zu der Führung stehen, desto besser wird das Leben, jedenfalls dann, wenn sie sich der Führung als nützlich erweisen. Beides — also Angst und Privilegien — zusammengenommen könnte man von einem recht einfach gestrickten Anreiz- und Disziplinierungsprogramm sprechen. Wer sich wohlverhält wird belohnt, wer aus der Reihe fällt wird bestraft.

Persönliche Schuld:

Ab einer bestimmten Ebene dürfte es im Regime vermutlich kaum mehr jemanden geben, der nicht individuelle Schuld auf sich geladen hat und das auch weiß. Wenn er nicht aus Überzeugung oder ideologisch festgelegt, dass der Zweck die Mittel heilige, muss er mit dieser Schuld klarkommen. Das mag für einige leichter gehen als für andere, aber viele wollen dieser Schuld vermutlich einen Sinn geben, was wiederum dazu führt, dass sie sich dem Regime nicht entgegenstellen können, wenn sie nicht die Schuld die sie auf sich geladen haben sinnlos machen wollen.
Daneben hat die Schuld aber auch eine materiellere Wirkung: Solange das Regime in seiner aktuellen Form existiert, wird es alle schuldigen Mitglieder davor schützen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Jedes andere mögliche System birgt eine gewisse Unsicherheit darüber, ob man weiter straflos bleibt.

Keine „bessere“ Option:

Eng damit zusammenhängend ist die Frage, was die Alternativen zum jetzigen Regime für seine Träger bedeuten. Jeder Träger des Regimes wird sich ja potentiell nur in den Gegensatz zur Führung begeben, wenn er glaubt, sich besser zu stellen. Ein rechtsstaatliches System ist für die Meisten aufgrund ihrer Schuld wohl uninteressant. Sie müssen fürchten zur Rechenschaft gezogen zu werden und das ist keine Besserstellung. Andere Alternativen unterscheiden sich dann jedoch nicht wesentlich von der aktuellen. Höchstens wäre es möglich, dass einzelne denken, sie könnten durch eine solche Änderung mehr Privilegien und weniger Angst erlangen. Aber der Weg dorthin ist riskant und die Konsequenzen eines Scheiterns denkbar negativ. Daher dürfte sich ein bedeutender Teil der Träger des Regimes keine bessere Alternative als den aktuellen Zustand vorstellen können.

Was daraus folgt

Wenn man sich das alles so anguckt, ergeben sich daraus zwei Erkenntnisse.
Zum einen ist die Gewalt und das Unrecht, dass das Regime begeht eine zentrale Stütze, ohne die es vermutlich nicht bestehen können. Dieses Unrecht wirkt einerseits indem es die Eliten einschüchtert, andererseits aber auch indem es sie in das Unrecht verstrickt und ihr individuelles Wohl so an das Fortbestehen des Regimes kettet. Den Schluss den man daraus ziehen muss: Für das Regime ist ein Ende von Terror und Unrecht im eigenen Land nicht von Interesse. Das würde den Zusammenhalt schwächen und die Stabilität gefährden.
Zum anderen ist es aber auch von außen kaum möglich, diesen Zusammenhalt aufzubrechen. Die meisten Faktoren die den Zusammenhalt bestimmen werden durch das System selbst produziert und bieten kaum Ansatzpunkte von außen. Man könnte versuchen, die Anreize des Regimes für Loyalität zu übertreffen, das dürfte aber schwierig sein, denn es liegt ja auch noch die Drohung der Strafe für nichtloyalität auf dem Tisch. Außerdem dürften die Anreize des Regimes nicht eben gering sein und es ist wohl auch garnicht so einfach, den Einzelnen Angebote zu machen. Daneben bleibt eigentlich nur noch die Möglichkeit, den Trägern des Regimes bessere Alternativen für ihre individuelle Zukunft zu bieten. Das wiederum würde aber bedeuten, dass man nicht nur anbieten muss, dass sie für ihre individuelle Schuld (und auch für die kollektive des Regimes) nicht zur Verantwortung gezogen werden, sondern dass sie danach auch noch ein gutes Leben führen werden. Ein solches Angebot wäre vermutlich vor dem Hintergrund des internationalen Rechts und der Menschenrechte schlicht nicht vorstellbar, bzw. nicht glaubwürdig.

Ernüchternder Ausblick

Ein ernüchterndes Urteil, aber ich glaube, dass das Regime in Pjöngjang vor dem Hintergrund des Weges, den es eingeschlagen hat keine Interessen hat, sich in näherer Zukunft zum Positiven zu Wandeln. Unrecht und Gewalt sind zentrale Konstituenten seiner Stabilität geworden und ein Wandel hin zu einem rechtsstaatlichen und Menschenrechte anerkennenden System ist höchsten sehr langfristig und sehr graduell denkbar. Gleichzeitig gibt es für Akteure außerhalb des Regimes kaum Möglichkeiten, den Zusammenhalt der Eliten zu zerstören. Will man von außen also einen Wandel bewirken, muss man andere Optionen wählen oder weiter mit dem Regime leben und hoffen, dass es zu einem Volksaufstand oder unvorhergesehenen Veränderungen im inneren kommt.

Von 120 hungrigen Hunden und 146 Zuchtmeerschweinen: Warum man viel über Nordkorea schreiben kann, aber nur weniges beweisen muss.


Die meisten von euch werden die Story mit Jang Song-thaeks Hinrichtung mit Hilfe von 120 Hunden zumindest am Rande wahrgenommen und sich vielleicht auch eine Meinung dazu gebildet haben. Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben, denn wenn ich anfangen würde mich über jedes dumme Gerücht über Nordkorea aufzuregen, das von unseren Medien ohne seriöse Quellenprüfung oder Anwendung sonstiger journalistischer Standards zu einer skandalösen Geschichte breitgewalzt und mit tollen Schlagzeilen versehen wird, dann würde ich ja sonst nichts mehr machen (und das ist leider nicht wirklich überspitzt).
Dann hätte ich es mir fast anders überlegt, als ich diese ausgezeichnet verschwörungstheoretisch fundierte aber absolut gehaltlose Analyse meines lieblings-Kommunistenflüsterers, Stalinverstehers und Chefkommentators gelesen habe. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil es mir einerseits um die Zeit zu schade war, andererseits möchte ich nicht den Anschein machen, unter irgendeiner Art von persönlichen Manie zu leiden, so oft wie ich über den Quatsch schreibe, den der Mann von der WELT verzapft (der Grund für meine häufige Beschäftigung mit dem Werk des WELT-Chefkommentators ist schlicht, das niemand in Deutschland so ausdauern und so unterirdisch zu Nordkorea schreibt).
Dass ich aber jetzt doch hier sitze und was zu dem Thema tippe, liegt nicht an irgendeinem Mist, den ich gelesen habe sondern ist Folge eines positiven Impulses:

Schön zu wissen: Deutsche Journalisten sind zur Selbstkritik fähig

Denn tatsächlich gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland (bzw. zumindest in deutscher Sprache schreibend) Journalisten, die ihrer Arbeit offensichtlich etwas reflektierter nachgehen, als viele ihrer Kollegen und die auch bereit sind, in diesem Rahmen so etwas wie Medienkritik zu üben (unsere Medien sind ja grundsätzlich nicht unkritisch und verstehen es oft gesellschaftliche Phänomene etc. mit scharfer Feder bzw. Worten anzuprangern; Nur wenn es um sie selbst geht, tun sie sich mitunter schwer mit sowas). Naja, lange Rede kurzer Sinn, lest euch auf jeden Fall mal diesen Artikel von Stephan Scheuer durch, alles was er schreibt kann ich auch so unterschreiben.
Das Schöne an seinem Beitrag: Er suggeriert nichts in die eine oder andere Richtung, sondern macht das, was journalistische Texte eigentlich tun sollten: Er ordnet Informationen ein und bietet Hintergründe. Er lässt der Geschichte ihren Raum, macht nicht mehr daraus, als es ist und versucht nicht irgendwelche hochtrabenden Analysen daraus abzuleiten.
Das mag zwar weniger „sexy“ sein, als eine Story mit einem grausamen mordenden Diktator mit 120 hungrigen Hunde, aber da ich der Ansicht bin, dass „sexieness“ bei Inhalten und Überschriften nicht das oberste Kriterium journalistischer Arbeit sein sollte und gehöre daher zu denen, die solche Artikel wohltuend finden.
Ich hoffe auch einfach mal, dass ihr nicht zu den Leuten gehört, die das anders sehen, denn dann wärt ihr auf diesem Blog vermutlich leider falsch und solltet hier, hier oder hier weiterlesen (allerdings könnt ihr euch dafür dann vielleicht merken, dass die spektakulären, obskuren und „irren“ Storys meistens nicht unbedingt wahr sind).

Warum ich unkritische Berichterstattung zu Nordkorea verwerflich finde

Ich will jetzt nicht lange mit irgendeiner Art von moralischem Zeigefinger rumwinken, denn ich habe ja schon oft genug darauf hingewiesen, wie vorsichtig man mit Medienberichten zu Nordkorea umgehen muss. Denn leider machen sich es Medienvertreter allzuoft allzuleicht, übernehmen irgendwelche Gerüchte und halbseidenen Informationen, drehen sie dann so lange vorwärts, rückwärts, kreuz und quer durch die Medienmaschinerie, bis sie selbst glauben, das Gerücht sei wahr.
Natürlich gibt Nordkorea für ein solches Verhalten das ideale „Opfer“ ab, denn die informative Abschottung, die teils tatsächlich obskure Propaganda und das damit verbundene vergleichsweise lückenhafte gesicherte Faktenwissen über das Land laden dazu ein, einfach irgendetwas zu schreiben, Wiederspruch kommt ja eh nicht und da man ja weiß, dass das Regime böse ist, trifft es immer den Richtigen, selbst wenn das was man da über Nordkorea geschrieben oder gesagt hat, nicht so ganz der Wahrheit entspricht.
Nur dumm, dass damit eigentlich niemandem geholfen ist, außer vielleicht ein paar Journalisten, die mit wenig Aufwand viele Klicks erzeugt oder Zeilen gefüllt haben. Denn was wir als Leser  bekommen haben ist nur das Gefühl informiert worden zu sein, nicht aber echte Information oder Wissen. Noch schlimmer ist dabei, dass nicht nur wir kleinen Lichter Zeitung lesen, sondern auch diejenigen, die entscheiden dürfen. Auch die richten sich mitunter nach dem, von dem sie glauben, dass es sich um echte Informationen handelt. Wenn aber Politik auf Basis falscher Informationen gemacht wird, nur weil irgendwelche Medienschaffenden denken, dass es schon nicht so schlimm sein wird, wenn man ungeprüfte Gerüchte über Nordkorea (oder irgendein anderes Thema) publiziert, dann bin als Bürger damit nicht einverstanden und würde mir ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein der Betreffenden wünschen.

Ist die Hundegeschichte wahr?

Und was ist jetzt mit der Hundegeschichte? Kann die nicht doch wahr sein? Klar kann sie wahr sein! Ich glaube das nicht und verweise euch einfach an den oben verlinkten Artikel, aber auch hierher, hierher und hierher und möchte euch darauf aufmerksam machen, dass ziemlich vieles wahr sein kann, weil man ziemlich weniges selbst nachprüfen kann (das betrifft übrigens nicht nur Nordkorea. So funktionieren Verschwörungstheorien). Es könnte auch gut sein, dass Kim Jong Un ein rosa-Meerschweinchen-Fetischist ist und zu diesem Zweck ein Expertenteam syrischer Meerschweinezüchter mitsamt 146 hochgezüchteten Meerschweinen hat einfliegen lassen (hierdurch erklärt sich übrigens die Präsenz nordkoreanischer Militärangehöriger im syrischen Bürgerkrieg: Sie schützen essentielle Meerschweinezuchteinrichtungen und sichern die Evakuierung der Experten ab). Klingt unwahrscheinlich? Klar! Aber beweist mir doch mal das Gegenteil! Könnt ihr nicht! Seht ihr: Und ich würde euch gerne die Belege für die Meerschweinegeschichte liefern, aber weil das Regime so intransparent, irre und böse ist kann ich das leider nicht.
Naja, und das ist das Motto nach dem ein beachtlicher Teil der Nordkorea-Storys funktioniert. Aber weil ihr ja hier regelmäßig mitlest wisst ihr natürlich Bescheid und geht deshalb gerade mit den Geschichten, die am spektakulärsten klingen auch am vorsichtigsten um und das ist auch gut so…

Jang Song-thaeks Hinrichtung: Konkrete Vorwürfe und ihre Funktionen


Heute schreibt und spricht ja jeder zur Hinrichtung Jang Song-thaeks und den Auswirkungen dieses Ereignisses. Dabei weiß man nicht vielmehr als gestern und die Tage davor. Das einzige Dokument, das möglicherweise Neuigkeiten enthält, ist der Bericht zum Prozess gegen Jang. Den habe ich mir mal angeguckt und alle enthaltenen Vorwürfe aufgelistet. Hier hat NK Leadership Watch den Text samt kurzem eigenen Kommentar und Bildern zur Verfügung gestellt.

Der zentrale Vorwurf war dabei ganz klar:

  • die Gründung einer modernen Splittergruppe, deren Chef er seit langem war. Diese sollte den Staat umstürzen und die absolute Macht in Staat und Partei ergreifen.

Diesem Vorwurf ordnen sich alle anderen Beschuldigungen unter. Entweder indem sie zum Beleg seiner Verwerflichkeit genommen werden, oder indem sie direkt mit diesem Umsturzversuch in Verbindung gebracht werden. Seine Verwerflichkeit drückt sich in seiner moralischen Schwäche aus:

  • Er hatte das Vertrauen aller drei Kims, am meisten jedoch Kim Jong Uns. Dieses Vertrauen missbrauchte er schändlich.
  • Unter Kim Il Sung und Kim Jong Il wagte er es nicht, sein wahres Gesicht zu zeigen. Jedoch glaubte er mit dem Machtwechsel zu Kim Jong Un, seine Zeit sei gekommen.

Dementsprechend begann er dann, die Vorbereitungen seines Umsturzes voranzutreiben:

  • Er sabotierte offen und Verdeckt die Nachfolge Kim Jong Uns.
  • Als Kim Jong Un zum stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission gemacht wurde, applaudierte er nur halbherzig.

Schon solche Beobachtungen werden in den Kontext der Machtpläne gesetzt:

  • Jang gab zu, dass er sich so verhielt, um die Konsolidierung des Führungssystems Kim Jong Un zu sabotieren, damit er später einfacher die Macht in Partei und Staat ergreifen könnte.

Vor allem aber wird wiederholt kritisiert, dass er sich mit Kim Jong Un gleichsetzte und dass er eine Gruppe um sich scharte.

  • Jang versuchte sich im Rahmen der Vor-Ort-Anleitungen Kim Jong Uns als jemand besonderes zu präsentieren, der gleichwertig mit Kim Jong Un sei.
  • Um eine Gruppe aufzubauen, holte Jang Personen in seine Abteilung des Zentralkomitees der PdAK, die gegen die Führung waren und zum Teil wegen Befehlsverweigerung ernsthaft bestraft worden waren.
  • Er fügte der Jugend als Mitglied einer Gruppe, die von Feinden bestochen war, Schaden zu.
  • Jang ließ in wenigen Jahren Vertrauten und Schmeichler, die wegen eines ernsthaften Falls der Befehlsverweigerung gefeuert worden waren, in seine Abteilung. Er herrschte über sie als heiliges und nicht angreifbares Wesen.

Als ein weiteres zentrales Element seines Planes wird die Ausweitung administrativer Kompetenzen dargestellt:

  • Er versuchte Aufgaben des Landes unter seine Kontrolle zu bringen, indem er die Mitarbeiter seiner Abteilung ausweitete und seine Tentakel nach Ministerien und anderen Institutionen ausstreckte.

Allerdings geht sehr viel Kritik in die Richtung, dass er nicht die notwendige Unterwürfigkeit und Unterordnung an den Tag gelegt habe.

  • Er verhinderte die Errichtung eines Mosaiks, das Kim Il Sung und Kim Jong Il darstellte und verneinte die einmütige Anfrage einer Einheit der Sicherheitskräfte, den Inhalt eines unterschriebenen Briefs Kim Jong Uns in einen Granitblock zu meißeln und vor seinem Kommandogebäude zu errichten. Jang ließ es in einer schattigen Ecke aufstellen.
  • Er verneinte systematisch die politische Linie der Partei und erweckte so den Eindruck, er sei jemand besonderes, der über den Entscheidungen der Partei stehe.
  • Er verteilte Geschenke, die für Loyalität für Partei und Führer verteilt wurde an seine Vertrauten und strich dafür den Respekt ein.
  • Er ließ sich von seinen Schmeichlern und seiner Abteilung „Genosse Nr. 1“ nennen.
  • Er errichtete ein heterogenes Arbeitssystem und was er sagte galt mehr als die Parteipolitik.

Interessant ist der Vorwurf, er habe sich in die Kompetenzen des Kabinetts eingemischt, aber auch

  • Mit der Idee, als erster Schritt seiner Machtübernahme Regierungschef zu werden, ließ er seine Abteilung die Kontrolle über zentrale Bereiche der Wirtschaft übernehmen. So wollte er die Wirtschaft in ein Chaos stürzen. Jang übernahm Aufgaben des Kabinetts und verhinderte so, dass es seine Arbeit richtig machen konnte. Dazu gehören das Aufstellen von Einheiten für den Außenhandel, die Devisengewinnung und die Verteilung von Aufenthaltsgenehmigungen.
  • Als er der Partei einen falschen Bericht erstattete und die Genossen anmerkten, dass das dem von Kim Il Sung und Kim Jong Il erarbeiteten Baugesetz widerspreche meinte er nur: „Die Umformulierung des Baugesetzes würde dieses Problem lösen.“

Ausgestattet mit diesen Kompetenzen, aber auch schon vorher, sollte die Wirtschaft ins Chaos gestürzt werden:

  • Er störte Baumaßnahmen in Pjöngjang, indem er Arbeiter und Material an seine Vertrauten weiterreichte, die so Geld verdienten.
  • Er beauftragte seine Vertrauten, Kohle und andere Ressourcen zu verkaufen. Deshalb waren sie hoch verschuldet. Um die Schulden zu begleichen verpachtete Jang einen Teil der Rason SWZ für fünf Jahrzehnte an ein anderes Land.
  • Auf Jangs Befehl hin wurden hunderte von Milliarden Won gedruckt. So verursachte er 2009 ein ökonomisches Chaos. Mit dem Geld wurde unter anderem Korruption finanziert.
  • Außerdem kaufte eine von ihm aufgebaute geheime Organisation im Widerspruch zum Gesetz wichtige Metalle und verursachte so Chaos im staatlichen Finanzsystem.

Er persönlich missbrauchte Mittel und verhielt sich unmoralisch:

  • Er führte ein dekadentes Leben und verteilte seit 2009 alle Arten von pornographischen Bildern unter seinen Vertrauten. Allein 2009 gab er 4,6 Millionen Euro in einem ausländischen Casino.

Seine Umsturzpläne reichten bis ins Militär:

  • Jang versuchte in der Armee Einfluss zu gewinnen um einen Putsch durchzuführen.

Abschließend wird er zu seinen konkreten Plänen zitiert:

  • Er wird zitiert, dass er Unzufriedenheit schüren wollte, um einen Putsch gegen Kim Jong Un auszulösen.
  • Er habe Leute angesprochen, die seit längerem in Positionen seien, da er die jüngst beförderten nicht kenne. Er dachte die Armee würde putschen, wenn die Lebensbedingungen von Volk und Soldaten sich weiter verschlechterten. Er zählte auf seine Vertrauten und versuchte die Organe der Volkssicherheit für sich zu gewinnen. Außerdem versuchte er andere zu gewinnen.
  • Er wollte nachdem er die Wirtschaft zugrunde gerichtet hatte Premier werden, dann mit Mitteln, die er auf unterschiedliche Weise gehortet hatte die Probleme  bei den Lebensumständen der Menschen lösen, so dass Bevölkerung und Militär „Hurra!“ schreien würden und der Putsch einfach umzusetzen wäre.
  • Durch sein Image als „Reformer“ würde er vom Ausland schnell Hilfe bekommen.

Aufgrund dieses „Umsturzplanes“ wurde er von der Sonderkommission schuldig gesprochen und hingerichtet.

Dieser gesamte Bericht enthält viele Komponenten, die verschiedene Funktionen erfüllen dürften. Ich versuche mal kurz die unterschiedlichen Funktionen, die ich sehe, zu erläutern:

  1. Rechtfertigung der Hinrichtung: Jang hat sowohl moralisch, als auch in der Realität gegen das Wertsystem der DVRK verstoßen. Er hat das Vertrauen der Führer missbraucht und er hat gegen das hierarchische Normsystem verstoßen. Außerdem hat er Volksvermögen verprasst und dem Volk geschadet, indem er gezielt seinen Lebensstandard verschlechtert hat.
  2. Klarstellung des Regelsystems: Jeder der nicht genug applaudiert, der sich eigene Netzwerke aufbaut, der sich mit dem Führer auf einer Ebene wähnt, der sich politischen Vorgaben der Partei aktiv oder passiv widersetz oder den Führerkult kritisiert ist verdächtig. Also sollte man als Teil der Führung all diese Regeln mit allen daraus ableitbaren Konsequenzen lieber befolgen.
  3. Stabilisierung der absoluten Führung Kim Jong Uns: Wer ein Netzwerk oder eine Gruppe bildet, gerät ins Blickfeld der Führung und steht potentiell auf der Abschussliste. Ohne Gruppenbildung bleibt das System leicht zu kontrollieren, denn ein alleinstehender Widerständler hat kaum die Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Außerdem prüft und kontrolliert sich aktuell jeder noch stärker auf abweichendes Verhalten.
  4. Maßnahmen gegen ältere Generationen werden gerechtfertigt: Wenn Jang sagt (bzw. man Jang sagen lässt…) in den älteren Generationen habe es Leute gegeben, die er ansprechen wollte und die jüngeren kenne er nicht und wenn es im Unklaren belassen wird, wen er alles für seinen Putsch gewinnen wollte, dann ist klar, dass es unter den Älteren weitere Mitglieder der Jang-Gruppe geben könnte. Jüngeren kann man dagegen vertrauen. Kim Jong Un setzt seine eigenen Vertrauten ein und wenn es Konflikte gibt, weil hierarchisch eigentlich Ältere dran wären, dann kann immer das Vertrauensargument gezogen werden. Außerdem werden sich jetzt wohl alle älteren besonders bemühen, ihr Vertrauen zu beweisen.
  5. Ich sehe hier Anzeichen, die gegen reformerische Ideen und Öffnung sprechen. Die Errichtung eines Mosaiks dem wirtschaftlichen Arbeiten in einer Fabrik vorzuziehen zeigt klar die Präferenz: Personenkult geht vor wirtschaftlicher Entwicklung. Vor allem zeigt aber die Denunziation Jangs als „Reformer“ und die Kritik an Maßnahmen zur Öffnung (verpachten von Land in der SWZ Rason), dass man diesem Weg kritisch gegenübersteht. Diejenigen, die sich für Öffnung einsetzen oder Zusammenarbeit mit dem Ausland werden vermutlich wesentlich vorsichtiger werden.
  6. Es wird ein Sündenbock konstruiert, der an allem, was in den letzten Jahren schiefging, Schuld ist: Keine Verbesserung der Lebensumstände? Jang war’s! Inflation? Jang war’s! Stillstand auf Baustellen? Jang war’s! Korruption? Jang war’s! Ausverkauf von Ressourcen? Jang war’s! Alles klar? Wenn es in den letzten Jahren Probleme gab, ist der Schuldige gefunden.
  7. Entlastung der eigentlich Verantwortlichen: Den Punkt, dass Jang sich in die Kompetenzen des Kabinetts gemischt haben soll finde ich spannend, denn damit nimmt man diejenigen, die offensichtlich die Misere im Land nicht behoben haben aus der Schusslinie, sie konnten ja ihre Arbeit nicht richtig machen. Damit sind sie aber ab jetzt so richtig in der Pflicht.
  8. Trennung der Sphären und Verantwortlichkeiten: Jeder soll das machen, was seiner Aufgabenzuschreibung entspricht. Mischt sich eine Abteilung der Partei in die Wirtschaftspolitik, kann dies Verdacht erwecken. Vielleicht ist das übertragbar. Zum Beispiel denke ich da an wirtschaftliche Aktivitäten des Militärs. Generell ist jedenfalls eine klare Funktionstrennung ein gutes Mittel gegen Machtanhäufung.

Vermutlich enthält der Subtext noch einiges mehr, aber dafür muss man sich wohl weitaus besser mit Kultur und Gesellschaft dort auskennen und wohl auch den Originaltext lesen. Aber schon interessant, wieviel hier wirklich drinsteckt und wie wenig manche Medien daraus machen. Ich meine was soll das denn, als Hauptgrund für den Sturz immernoch Korruption und Frauengeschichten anzugeben. Das läuft hier unter „weiteres“ und dient nur als Beleg für seine moralische Verkommenheit. Auch die Verweise auf einen „Militärputsch“ oder auf Kim Jong Un als Reformer finde ich sehr fragwürdig, denn die Hinweise darauf müssen sich aus irgendwas ergeben, jedenfalls nicht aus den Informationen, die aus Nordkorea kommen. Und man sollte nicht in der selbstüberschätzenden Idee an die Sache rangehen, dass die nordkoreanische Propaganda diese Texte in erster Linie für den Westen konstruiert. Da steckt vielleicht die eine oder andere Botschaft drin, aber der überwiegende Teil der Informationen adressiert die Nordkoreaner selbst.

Ein(ig)e Frage(n) des Timings — Jang Song-thaeks Sturz betrachtet vor seinem zeitlichen Ablauf


Eben stand ich unter der Dusche und da ist mir eine Frage zum Fall Jang Song-thaek eingefallen, der ich gleich nach der Beendigung meiner Waschung (hm, hat einen komischen Klang das Wort. Irgendwie morbide…) nachgegangen bin. Und zwar habe ich mir die Frage gestellt, ob der Sturz Jang Song-thaeks vom Timing her funktioniert hat, bzw. wie das alles funktioniert hat.
Der Hintergrund: Der südkoreanische Geheimdienst und in der Folge so ziemlich alle westlichen Medien haben am vergangenen Dienstag dem 3. Dezember darüber berichtet, dass eine Säuberung gegen Jang stattgefunden habe. Der Bericht von KCNA, der das bestätigt hat, kam allerdings erst gestern, am Montag dem 9. Dezember, also sechs Tage später.
Ich habe in meinem Beitrag gestern alles Mögliche analysiert und zwischen den Zeilen gelesen, aber auf die Daten habe ich nicht geguckt. Deshalb war ich gespannt, welche Zeitangaben die nordkoreanischen Medien zu dem Vorgehen genannt haben. Und tatsächlich ist in dem Artikel zu lesen, dass Jang Song-thaek auf einer Sitzung des Politbüros des ZK der PdAK am 8. Dezember gestürzt wurde. Die Bilder auf denen Jang öffentlichkeitswirksam abgeführt wurde, kennt ihr mittlerweile ja vermutlich alle. Naja und damit hat die Antwort auf meine Frage einige weiter Fragen aufgeworfen:

Was passierte an den Tagen zwischen 3. Und 8. Dezember ab?

Denn wenn die Sitzung am 8. Dezember stattfand und der südkoreanische Geheimdienst schon am 3. Dezember darüber bescheidwusste, dass Jang gestürzt worden war, dann stelle ich mir die Frage, was an den Tagen zwischen dem 3. und dem 8. Dezember passiert ist. Ich meine Jang saß bestimmt nicht zuhause in seinem Büro, ging seinen Alltagsgeschäften nach und als er im Pressespiegel las, dass gegen ihn eine Säuberung im Gang war, ließ er sich von seinem Neffen bestätigen, dass alles in bester Ordnung sei.
Er muss schon festgesessen haben und vermutlich war gerade, als in Südkorea die Geschichte aufs Tableau kam, die Säuberung im Norden in vollen Gängen oder schon weitgehend abgeschlossen.
Wenn er aber schon festgesessen hat, dann war die Meldung die die südkoreanischen Dienste da in die Finger bekamen alles andere als brandheiß. Eher lauwarm. Vielleicht sogar bewusst durchsickern gelassen. Immerhin hat man das ganze davor einige Tage oder Wochen unter der Decke gehalten. Also wie kam es dazu, dass die Meldung durchgesickert ist? Und wer wusste zu diesem Zeitpunkt in Pjöngjang schon Bescheid? Denn innerhalb der Eliten wird doch schon aufgefallen sein, wenn bestimmte Leute nach und nach von der Bildfläche verschwunden sind.

An wen ist die Inszenierung des Sturzes gerichtet?

Die Frage die sich aus der Erkenntnis, dass Jang natürlich schon festsaß ergibt, ist, was die Zielrichtung dieses öffentlichen Sturzes war? Für wen wurde das inszeniert? Für die Bevölkerung? Für uns? War dieser Akt eine Reaktion auf die Berichte in den westlichen Medien, entsprach die Berichterstattung in den westlichen Medien dem Drehbuch Pjöngjangs (weil die Info gezielt lanciert wurde) oder lief das Vorgehen der nordkoreanischen Führung vollkommen unabhängig von der westlichen Berichterstattung ab?
Ich weiß es nicht, tendiere aber zur ersten These: Dadurch, dass in den westlichen Medien über die Säuberung berichtet wurde, sickerte die Information nach und nach auch in alle Bereiche der nordkoreanischen Führung durch. Das Überraschungsmoment war verloren und man musste schnell Gerüchten vorbeugen. Also zeigte man öffentlichkeitswirksam, dass Jangs Entmachtung absolut war und dass sein Netzwerk ausgehebelt ist. Das wäre die Botschaft nach innen.
Aber enthält das Ganze auch eine Botschaft nach außen? Ich weiß es nicht, aber ich bezweifle es. Normalerweise werden sensible (oder als sensibel erachtete) Sicherheitsfragen rigide und ohne jegliche Rücksicht auf die Außenwelt umgesetzt (siehe z.B. auch Atomtests etc.). Vielleicht wurde die Inszenierung in Teilen mit einer Botschaft nach außen versehen, aber selbst das glaube ich nicht. Ich glaube das ging alles als Botschaft an die eigenen Leute.

Wie lief die Inszenierung organisatorisch ab?

Aber auch im Zusammenhang mit der Inszenierung habe ich noch Fragen. Wenn man sich den Mann, der neben Jang Song-thaek saß (im Video etwa ab 7:55) anguckt, dann zeigt der ganz eindeutige Zeichen von einer möglichst demonstrativen Abwendung, vielleicht sogar Ekel. Drumherum gucken die Leute teils ein bisschen interessiert, teils aber auch ganz verängstigt nach unten (übrigens gibt es in den Kommentaren zu meinem Beitrag von gestern einige sehr spannende Beobachtungen zu den Bildern und dem Sachverhalt insgesamt und natürlich die Links zu den vollständigen KCTV-Berichten, danke dafür an die Kommentatoren). Was ich mich frage: Wie läuft die Inszenierung in der Praxis ab? Wissen vorher alle Bescheid: Heute wird Jang, der eh schon seit Wochen im Knast sitzt öffentlich niedergemacht. Oder wissen nur ein paar Eingeweihte Bescheid und die armen Leute, die um ihn rum sitzen wundern sich nur, warum er nicht an anderer Stelle sitzt? Oder wissen alle Bescheid und er wird extra zum „Fotoshooting“ reingebracht, hingesetzt und dann gleich wieder öffentlichkeitswirksam abgeführt? Keine Ahnung!
Aber dieses Vorgehen signalisiert für mich eine absolute Kontrolle der Führung. Die Säuberung war zu dem Zeitpunkt schon so weit abgeschlossen, dass man das, egal in welcher Spielart durchziehen konnte, ohne sich Sorgen zu machen, dass es Aufruhr gibt oder so.
Auch die Tatsache, dass nur von der Flucht einer einzigen Person aus dem Umfeld Jangs berichtet wird, deutet darauf hin, dass die gesamte Aktion straff durchorganisiert war.

Wie weiter mit Jang?

Bleibt die Frage, wie es mit Jang weitergeht. Es gibt ja bereits Berichte über seine Hinrichtung, was einerseits naheliegend wäre, im Sinne von jeglichen Widerstand schnell beenden, indem die Führungsfigur und damit die Perspektive geraubt wird. Bei einer solchen Lesart wäre sein inszenierter Sturz quasi der Schauprozess gewesen, auf den die Hinrichtung unmittelbar folgt.
Andererseits fände ich es abwegig, Jang Tage oder Wochenlang eingekerkert zu lassen um dann plötzlich den Drang zur Eile zu verspüren. Ich meine die Sitzung des Politbüros hat ja wie gesagt maximale Kontrolle demonstriert und sollte vermutlich auch maximale Angst bei eventuellen Sympathisanten verbreiten. Warum dann nicht noch mehr Kontrolle und Macht demonstrieren, indem man seinen Prozess und seine Hinrichtung zu einer einzigen Machtdemonstration macht? Mit meiner gesamten Wahrnehmung des Sachverhaltes wäre es eher konsistent, wenn es in nächster Zeit zumindest einen großangelegten öffentlichen Prozess geben würde.

Warum sich in hochtrabende Analysen ergehen, wenn die einfachen Fragen schon so naheliegen?

Naja, alles in allem finde ich es jedenfalls spannend, dass über alle möglichen Aspekte im Zusammenhang mit Jangs Sturz Analysen angestellt werden, aber sich niemand über den konkreten Zeitablauf Gedanken macht. Denn mal ganz ehrlich: Über die konkreten Zusammenhänge und Vorgänge die  dahinterstehen weiß man sehr wenig, aber der Zeitablauf ist offensichtlich und daraus lässt sich einiges ablesen. Es war jedenfalls keine Überraschungsaktion und zu dem Zeitpunkt, als Jang vor Kameras und versammelten Politbüro abgeführt wurde, war sein Schicksal schon lange entschieden. Es war ein kontrollierter und abgestimmter Vorgang. Zumindest eine Woche vor Jangs offizieller Festsetzung mussten recht viele Leute gewusst haben, dass etwas im Busch ist und seitdem müssen all diese Leute ein Stück weit Geschauspielert haben. Sowas klappt nicht, wenn ein offener oder halboffener Konflikt ausgetragen wird. Aber wir werden sehen. Daraus, ob von Jang nochmal die Rede sein wird und ob Kims Tante Kim Kyong-hui jetzt auch von der Bildfläche verschwindet, werden wir wohl einiges über die Hintergründe des Sturzes erfahren. Aber bis dahin ist noch etwas Geduld nötig.

Nordkoreas Säuberung gegen Jang Song-thaek: Was die KCNA-Meldung über die Hintergründe verrät


Heute Morgen bestätigte die nordkoreanische Führung die Absetzung der faktischen Nummer zwei im Staat, von Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek. Damit bestätigt sich, was bereits seit einigen Tagen (auch von mir) vermutet wurde.
In einer recht ausführlichen KCNA-Meldung werden die Gründe für Jangs Ausschaltung ziemlich umfassend und auch detailliert dargelegt. Weil ich den gesamten Vorgang für ein entscheidendes Ereignis in der jüngeren nordkoreanischen Geschichte und für ein hoch riskantes Manöver halte, das vermutlich noch nicht abgeschlossen ist, will ich mich der Begründung für diese politische Säuberung gegen Jang Song-thaek etwas näher widmen. Hier zuerstmal der gesamte und wie gesagt recht lange Text zum nachlesen, ich werde mir ein paar Stellen herausgreifen, die ich besonders wichtig oder exemplarisch finde und sie übersetzten.

Wenn ihr keine Lust habt, dass zu lesen wollt ihr es vielleicht hören? Hier ein Mitschnitt (auch Englisch) von der der Voice of Korea:

Report on Enlarged Meeting of Political Bureau of Central Committee of WPK

Pyongyang, December 9 (KCNA) — A report on the enlarged meeting of the Political Bureau of the Central Committee of the Workers‘ Party of Korea (WPK) was released on December 8.
    The following is the full text of the report:
    An enlarged meeting of the Political Bureau of the Central Committee of the WPK was held in Pyongyang, the capital of the revolution, on Dec. 8.
    Respected Comrade

Kim Jong Un, first secretary of the WPK, guided the meeting.
    Present there were members and alternate members of the Political Bureau of the Central Committee of the WPK.
    Leading officials of the Central Committee of the WPK, provincial party committees and armed forces organs attended it as observers.
    Our party members, service personnel and all other people have made energetic efforts to implement the behests of leader Kim Jong Il, entrusting their destiny entirely to Kim Jong Un and getting united close around the Central Committee of the WPK since the demise of Kim Jong Il, the greatest loss to the nation.
    In this historic period for carrying forward the revolutionary cause of Juche the chance elements and alien elements who had made their ways into the party committed such anti-party, counter-revolutionary factional acts as expanding their forces through factional moves and daring challenge the party, while attempting to undermine the unitary leadership of the party.
    In this connection, the Political Bureau of the C.C., the WPK convened its enlarged meeting and discussed the issue related to the anti-party, counter-revolutionary factional acts committed by Jang Song Thaek.
    The meeting, to begin with, fully laid bare the anti-party, counter-revolutionary factional acts of Jang Song Thaek and their harmfulness and reactionary nature.
    It is the immutable truth proved by the nearly 70-year-long history of the WPK that the party can preserve its revolutionary nature as the party of the leader and fulfill its historic mission only when it firmly ensures its unity and cohesion based on the monolithic idea and the unitary center of leadership.
    The entire party, whole army and all people are dynamically advancing toward the final victory in the drive for the building of a thriving nation, meeting all challenges of history and resolutely foiling the desperate moves of the enemies of the revolution under the leadership of Kim Jong Un. Such situation urgently calls for consolidating as firm as a rock the single-minded unity of the party and the revolutionary ranks with Kim Jong Un as its unitary centre and more thoroughly establishing the monolithic leadership system of the party throughout the party and society.
    The Jang Song Thaek group, however, committed such anti-party, counter-revolutionary factional acts as gnawing at the unity and cohesion of the party and disturbing the work for establishing the party unitary leadership system and perpetrated such ant-state, unpopular crimes as doing enormous harm to the efforts to build a thriving nation and improve the standard of people’s living.
    Jang pretended to uphold the party and leader but was engrossed in such factional acts as dreaming different dreams and involving himself in double-dealing behind the scene.
    Though he held responsible posts of the party and state thanks to the deep political trust of the party and leader, he committed such perfidious acts as shunning and obstructing in every way the work for holding President Kim Il Sung and Kim Jong Il in high esteem for all ages, behaving against the elementary sense of moral obligation and conscience as a human being.
    Jang desperately worked to form a faction within the party by creating illusion about him and winning those weak in faith and flatterers to his side.
    Prompted by his politically-motivated ambition, he tried to increase his force and build his base for realizing it by implanting those who had been punished for their serious wrongs in the past period into ranks of officials of departments of the party central committee and units under them.
    Jang and his followers did not sincerely accept the line and policies of the party, the organizational will of the WPK, but deliberately neglected their implementation, distorted them and openly played down the policies of the party. In the end, they made no scruple of perpetrating such counter-revolutionary acts as disobeying the order issued by the supreme commander of the Korean People’s Army.
    The Jang group weakened the party’s guidance over judicial, prosecution and people’s security bodies, bringing very harmful consequences to the work for protecting the social system, policies and people.
    Such acts are nothing but counter-revolutionary, unpopular criminal acts of giving up the class struggle and paralyzing the function of popular democratic dictatorship, yielding to the offensive of the hostile forces to stifle the DPRK.
    Jang seriously obstructed the nation’s economic affairs and the improvement of the standard of people’s living in violation of the pivot-to-the-Cabinet principle and the Cabinet responsibility principle laid down by the WPK.
    The Jang group put under its control the fields and units which play an important role in the nation’s economic development and the improvement of people’s living in a crafty manner, making it impossible for the economic guidance organs including the Cabinet to perform their roles.
    By throwing the state financial management system into confusion and committing such act of treachery as selling off precious resources of the country at cheap prices, the group made it impossible to carry out the behests of Kim Il Sung and Kim Jong Il on developing the industries of Juche iron, Juche fertilizer and Juche vinalon.
    Affected by the capitalist way of living, Jang committed irregularities and corruption and led a dissolute and depraved life.
    By abusing his power, he was engrossed in irregularities and corruption, had improper relations with several women and was wined and dined at back parlors of deluxe restaurants.
    Ideologically sick and extremely idle and easy-going, he used drugs and squandered foreign currency at casinos while he was receiving medical treatment in a foreign country under the care of the party.
    Jang and his followers committed criminal acts baffling imagination and they did tremendous harm to our party and revolution.
    The ungrateful criminal acts perpetrated by the group of Jang Song Thaek are lashing our party members, service personnel of the People’s Army and people into great fury as it committed such crimes before they observed two-year mourning for Kim Jong Il, eternal general secretary of the WPK.
    Speeches were made at the enlarged meeting.
    Speakers bitterly criticized in unison the anti-party, counter-revolutionary factional acts committed by the Jang group and expressed their firm resolution to remain true to the idea and leadership of Kim Jong Un and devotedly defend the Party Central Committee politically and ideologically and with lives.
    The meeting adopted a decision of the Political Bureau of the Party Central Committee on relieving Jang of all posts, depriving him of all titles and expelling him and removing his name from the WPK.
    The party served warning to Jang several times and dealt blows at him, watching his group’s anti-party, counter-revolutionary factional acts as it has been aware of them from long ago. But it did not pay heed to it but went beyond tolerance limit. That was why the party eliminated Jang and purged his group, unable to remain an onlooker to its acts any longer, dealing telling blows at sectarian acts manifested within the party.
    Our party will never pardon anyone challenging its leadership and infringing upon the interests of the state and people in violation of the principle of the revolution, regardless of his or her position and merits.
    No matter how mischievously a tiny handful of anti-party, counter-revolutionary factional elements may work, they can never shake the revolutionary faith of all party members, service personnel and people holding Kim Jong Un in high esteem as the unitary centre of unity and unitary centre of leadership.
    The discovery and purge of the Jang group, a modern day faction and undesirable elements who happened to worm their ways into our party ranks, made our party and revolutionary ranks purer and helped consolidate our single-minded unity remarkably and advance more dynamically the revolutionary cause of Juche along the road of victory.
    No force on earth can deter our party, army and people from dynamically advancing toward a final victory, single-mindedly united around Kim Jong Un under the uplifted banner of great Kimilsungism-Kimjongilism. -0-

In der Folge wie gesagt ein paar Übersetzungen, denen ich dann jeweils meine Bemerkungen und Bewertungen anfüge:

Die ideologische Begründung: Störung der Einheit

Es ist eine unveränderliche Wahrheit, bewiesen von der nahezu 70-jährigen Geschichte der PdAK, dass die Partei ihre revolutionäre Natur und ihre historische Mission nur als die Partei des Führers erhalten und erfüllen kann, wenn sie fest ihre Einheit und ihren Zusammenhalt sicherstellt, basierend auf der monolithischen Idee und dem einheitlichen Zentrum der Führung.

Die gesamte Partei, die ganze Armee und alle Menschen schreiten dynamisch voran in Richtung des finalen Triumphs, auf dem Weg des Aufbaus einer gedeihenden Nation, unter der Führung Kim Jong Uns allen Herausforderungen der Geschichte entgegentretend und entschieden die Verzweiflungstaten der Feinde der Revolution vereitelnd. Diese Situation verlangt es notwendig, die einmütige Geschlossenheit der Partei und der revolutionären Reihen mit Kim Jong Un als ihrem einheitlichen Zentrum felsenfest zu konsolidieren und das monolithische Führungssystem der Partei innerhalb der Partei und der Gesellschaft noch sorgfältiger umzusetzen.

Diese Absätze liefern zwar nicht direkt Erkenntnisse über die Vergehen Jang Song-thaeks oder irgendeine Art von juristischer Begründung für das Vorgehen, dafür aber etwas, das in einem Staat wie Nordkorea mindestens ebenso wichtig ist. Die ideologische Erläuterung und Erklärung des Vorgehens und gleichzeitig ein ideologisches Bekenntnis zur ungebrochenen Fortsetzung des alten Führungssystems Kim Il Sung und Kim Jong Ils: Die Partei ist an der Spitze und schart sich quasi um ihr Zentrum, den Führer, mit dem alle Aufrechten Parteimitglieder und Revolutionäre einer Meinung sind. Gesellschaft, Armee und Partei müssen weiter dafür arbeiten, die einmütige Geschlossenheit zwischen revolutionären Massen, Partei und Führer zu stärken.
Einfacher: Es gibt nur einen Führer und seine Vorgaben dürfen nicht in Frage gestellt werden. Alle sind einer Meinung und wer das nicht ist stört notwendigerweise die Einheit von Partei, Gesellschaft und Führer und gehört damit wohl zu den verzweifelten Feinden der Revolution.

Eine deutliche Warnung und Hinweise auf einen Putsch?

Die Jang Song-thaek-Gruppe, beging jedoch solche anti-Partei, konter-revolutionären, Splittergruppen-Aktionen wie das Nagen an der Einheit und dem Zusammenhalt der Partei. So störten sie die Arbeit an der Etablierung des einheitlichen Führungssystems der Partei. Sie bereitete solch anti-staatliche Verbrechen gegen das Volk vor, wie das enorme Schädigen der Bemühungen, eine gedeihende Nation zu errichten und den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern.

Jang gab vor, die Partei und ihren Führer zu unterstützen, war jedoch vertieft in Splittergruppenaktivitäten wie das Träumen anderer Träume und das Mittun in Unaufrichtigkeiten hinter den Kulissen.

[…]

Jang arbeitete verzweifelt daran, eine Gruppe innerhalb der Partei aufzubauen, indem er Illusionen über sich schuf und so diejenigen, die schwach im Glauben waren und die Opportunisten auf seine Seite brachte.

Bedingt von seiner politisch motivierten Ambition versuchte er seine Macht zu vergrößern und eine Basis sie zu nutzen aufzubauen, indem er diejenigen, die für ihre ernsthaften Vergehen in der Vergangenheit bestraft worden waren, in die Reihen der Funktionäre der Abteilungen des Zentralkomitees der Partei und den Einheiten unter diesen einpflanzte.

Jang und seine Gefolgschaft akzeptierten nicht ehrlich die Linie und Politik der Partei, den Organisationswillen der PdAK, sondern vernachlässigten bewusst ihre Umsetzung, verdrehten sie und spielten die politischen Maßnahmen der Partei offen herunter. Am Ende hatten sie noch nicht einmal mehr Skrupel, solch konter-revolutionäre Akte wie die Missachtung der Anordnungen des obersten Kommandanten der Koreanischen Volksarmee vorzubereiten.

Was hier beschrieben ist, ist ziemlich genau das, was auch das Urteil westlicher Analysten über Jang Song-thaek war. Er hatte ein eigenes Netzwerk und dehnte seinen Einfluss dadurch immer weiter aus, dass er Leute, die ihm loyal gegenüberstanden in Ämter in der Staatsführung und Verwaltung brachte. Dadurch bekam er immer mehr Einfluss an den Schnittstellen des Regimes und wies eine eigene Machtbasis auf. Was auffällt: Es geht hier exklusiv um die Partei. Der Vorwurf ist, dass Jang mit seiner Splittergruppe die Parteiorganisation ein Stück weit unterwandert hat. Das Militär wird nicht erwähnt.

Was ich an diesem Absatz auch noch spannend finde ist die Formulierung „träumte andere Träume“ ich weiß nicht, wie das im Ursprungsdokument formuliert ist, aber wenn es da auch um Träume geht, dann ist das spannend, denn eigentlich wird hier ja auch irgendwie gesagt: Du darfst noch nichtmal im Traum daran denken, von der ideologischen Linie der Partei abzuweichen. Wenn du das tust, dann bist du auch ein Verräter und wenn wir das rausfinden, dann geht es dir wie Jang. Das dürfte in ziemlich vielen Menschen ziemlich große Sorgen hervorrufen. Aber wie gesagt, Formulierungen aus englischen Übersetzungen zu analysieren ist immer ein bisschen kritisch, daher solltet ihr diese Träumereien nicht überbewerten.

Kann sein, dass der letzte Absatz hier so etwas wie der Kern des Ganzen ist. Muss es aber nicht.
Hier steht es sei die Missachtung der Befehle Kim Jong Uns vorbereitet worden. Das ist einerseits spannend, weil das das einzige Mal ist, dass die Armee oder vielmehr ihr oberster Befehlshaber als aktive Größe im Text vorkommt. Interessant, dass man aus dem gesamten Text die Armee rausgehalten hat. Natürlich war es formal die Partei, die Jang entmachtet hat, aber einerseits waren Armeeleute als Beobachter da, andererseits ist das nordkoreanische Machtsystem ohne Armee nicht zu denken. Allerdings sehe ich hierin das klare Signal: Die Partei war und bleibt das Zentrum der Revolution, mit ihrem Führer in ihrer Mitte. Die Armee ist ein Werkzeug.
Und damit sind wir beim zweiten bemerkenswerten Punkt an diesem Absatz, denn wenn man eine Befehlsverweigerung der Armee in Nordkorea vorbereitet, dann klingt das für mich nach nicht weniger als einem Putsch. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass Jang Einfluss in der Armee gehabt haben muss, denn ohne Einfluss kann er keine Befehlsverweigerung vorbereiten. Ich will auch das nicht überbewerten, aber werde auf jeden Fall beobachten, ob etwas über Verwerfungen im Militär Nordkoreas berichtet wird. Zum Beispiel ein umfassender Austausch von Kommandanten und eine Ver- und Zusammenlegung von Einheiten. So hatte das jedenfalls Kim Jong Il seinerzeit zur Machtsicherung gemacht.

Konkrete Vergehen: Jang als Sündenbock?

Indem sie das Finanzverwaltungssystem in Konfusion stürzte und verräterische Taten wie das Verkaufen wertvoller Ressourcen des Landes zu billigen Preisen beging, machte es die Gruppe unmöglich, die Weisungen Kim Il Sungs und Kim Jong Ils umzusetzen, Juche-Eisen, Juche-Dünger und Juche-Vinalon [nordkoreanisches selbstentwickeltes Plastikersatzprodukt] zu entwickeln.

Vom kapitalistischen Lebensstil beeinflusst, war Jang für Regelverstöße und Korruption verantwortlich und führte ein zügelloses und verderbtes Leben.

Diese Abschnitte verhandeln weitere und konkretere Vorwürfe gegen Jang, die aber eher als Rechtfertigungen, denn als Gründe für seine Entmachtung gesehen werden können. Erstens kommen sie im Text nach den Absätzen, die eher die theoretisch-ideologischen, aber auch die politpraktischen Vorwürfe der Störung der einheitlichen Gefolgschaft betrafen, zweitens sind sie weit kürzer gehalten und drittens dürften viele der Punkte auch auf andere Regimeeliten zutreffen.

Der Verweis auf die Konfusion im Finanzverwaltungssystem könnte einerseits die Währungsreform von 2009 betreffen, die zu großer Unruhe in der Bevölkerung führte und die Inflation anheizte (das finde ich naheliegend). Andererseits könnte es sich auch um Hinweise auf jüngere Entwicklungen handeln, nach denen das Eintauschen von Won zu Schwarzmarktpreisen und das Zahlen in Yuan in Pjöngjang heutzutage scheinbar an der Regel ist (auch das könnte plausibel sein). Jedenfalls ist Jang scheinbar der aktuelle Sündenbock für den relativen Stillstand der Wirtschaft.

Sehr spannend finde ich auch die Hinweise auf Juche-Eisen etc. Der Vorwurf ist hier nicht, dass Jang die Rohstoffe zu günstig verkauft hat, sondern so wie ich das lese eher, dass er sie überhaupt verkauft hat, denn man soll ja laut Geheiß der Kim-Ahnen Juche-Sachen produzieren, also selbst, ohne das Ausland. Wenn man das weiterdenkt, dann könnte man darin durchaus einen Vorwurf lesen, Jang habe die wirtschaftliche  Verknüpfung mit dem Ausland vorangetrieben und wenn das ein Vorwurf ist, dann besagt die Lehrmeinung wohl gerade, dass wirtschaftliche Orthodoxie, das heißt in Nordkorea der Aufbau eines autarken Wirtschaftssystem das Ziel sind.

„Wir haben euch im Auge und wir habe alles unter Kontrolle“

Die Partei hatte Jang wiederholt, auch durch konkrete Maßnahmen, gewarnt. Dabei beobachtete sie die anti-Partei, konter-revolutionären Splittergruppenaktivitäten, weil sie seit langer Zeit um diese wusste. Aber Jang beachtete das nicht und überschritt die Toleranzgrenzen. Deshalb schaltete die Partei Jang aus und nahm eine Säuberung gegen seine Gruppe vor, da es unmöglich war, noch länger Zuschauer dieser Aktivitäten zu bleiben, indem sie vielsagende Schritte gegen sektirerische Taten ergriff, die sich innerhalb der Partei manifestierten.

Unsere Partei wird unabhängig von seiner Position und seinen Verdiensten, niemals jemandem verzeihen, der gegen das Prinzip der Revolution verstoßend, ihre Führerschaft herausfordert und die Interessen des Staates und der Menschen verletzt.

Ganz egal wie boshaft eine winzige Handvoll anti-Partei, konter-revolutionärer Splittergruppenelemente auch arbeitet, sie können niemals das revolutionäre vertrauen aller Parteimitglieder, Arbeitnehmer und Menschen erschüttern, die Kim Jong Un in Hochachtung als das einheitliche Zentrum der Einheit und einheitliches Zentrum der Führung betrachten.

Damit schließt sich der Kreis und die Erzählung ist abgeschlossen, denn von der anfänglichen ideologischen Erzählung haben wir den Schritt ins Konkrete gemacht um am Ende wieder zur Ideologie zurückgeführt zu werden. Nur dass die Ideologie jetzt reiner und klarer scheint und nicht mehr von den anti-kontra-Splittergruppenelementen beeinträchtigt wird. Allein durch die Säuberung gegen die Jang-Gruppe ist das Land ein Stück besser geworden.
Interessant auch die Hinweise darauf, dass man Jang schon lange im Auge hatte. Einerseits dürfte das eine Anspielung auf die Zeit seines Abtauchens zwischen 2004 und 2006 sein, was ja vermutlich innerhalb der Führung bekannt war, andererseits aber auch als Warnung gegenüber allen anderen, die sich je was zuschulden haben kommen lassen gesehen werden, denn die Partei hat ihr Auge auf dir und irgendwann ist die Toleranzgrenze überschritten.
Interessant finde ich die Erwähnung dieser Toleranzgrenze, denn das heißt ja, man toleriert Korruption, Verstöße gegen die Interessen der Menschen, liederliches Leben und Splittergruppenaktivitäten, es darf nur nicht zu viel werden. Gegenüber der Bevölkerung finde ich dieses Argument nur schwer vermittelbar, aber vielleicht lege ich das etwas zu viel auf die Goldwaage.

Was wichtig ist in nächster Zeit

Alles in allem finde ich es hoch spannend, wie offen über Jangs Ausschaltung berichtet wird. Hier könnt ihr euch ein paar Screenshots von KCTV angucken, die zeigen wie Jang aus der Versammlung abgeführt wird.
Sein Sturz wurde also demonstrativ und offen vollzogen, was meine Prognose für ihn ziemlich schlecht ausfallen lässt. Vermutlich endet er in einem Stadion. Weiterhin bleibt zu beobachten, was mit seiner Frau Kim Kyong-hui passiert. Ich kann mir vorstellen, dass Kim Jong Un sie verschont, aber aufs Abstellgleis schiebt.
Außerdem bleibt nach wie vor offen, was mit den Resten von Jangs Netzwerk passieren wird. Erste Hinweise auf Absetzbewegungen gibt es und ich kann mir vorstellen, dass einige weitere Leute, die verschont geblieben sind das Land zu verlassen versuchen.
Weiterhin werde ich aufmerksam beobachten, ob es auch in den Sicherheitsorganen zu erneuten Säuberungen kommt. Ich kann mir vorstellen, dass da nichts mehr öffentlich passiert. Möglicherweise waren all die Ämterwechsel an den Spitzen von Militär und Sicherheitsapparaten die Vorbereitung für diese große und entscheidende Säuberung. Man musste erstmal die Werkzeuge, vor allem ihre Führung mit so loyalen Leuten besetzen, dass man sicher sein kann, dass sie folgen, sollte Jang offen opponieren. Allerdings galt das wohl nicht bis in die niedereren Dienstränge und möglicherweise hat Jang den Braten gerochen und versucht Militärs auf seine Seite zu bringen, ehe er gar keinen Einfluss mehr hatte.

Naja, aber das ist reine Spekulation und wie es wirklich war, werden wir nie erfahren. Jedenfalls werden die Zeiten wieder interessanter und in nächster Zeit werden wir wohl erfahren, in welche Richtung Jang marschieren wollte und in welche Kim will. Ich fürchte ja, dass er den Steinzeitkurs seines Vaters fortsetzen will, aber vielleicht lese ich auch gerade etwas zu viel zwischen den Zeilen…