Nordkoreas zeitgenössische Kunst: „Goldesel“ für Devisen?


Vor einiger Zeit habe ich ja mal auf die „Kaesong Sammlung“ als Möglichkeit hingewiesen „einen Einblick in zeitgenössische nordkoreanische Malerei“ zu gewinnen. Darauf bekam ich einiges Feedback von Leuten, die sich wesentlich besser als ich — der in diesem Bereich tatsächlich nur vor sich hin dilettiert — auskennen. Dies öffnete meinen Blick etwas für ein Feld, das ich vorher nicht wirklich beachtet habe, obwohl es eigentlich nicht fernliegt. Der notorische Bedarf des Regimes in Pjöngjang an harter Währung. Aus diesem Bedarf erwachsen die verschiedensten Methoden, um in den Besitz dieser Währung zu kommen. Und eine dieser Methoden steht in engem Zusammenhang mit Nordkoreas zeitgenössischer Kunst (oder zumindest der zeitgenössischen Kunst, zu der wir Zugang haben).  Netterweise hat mir Thomas einige Hintergrundinformationen und Einschätzungen zur Verfügung gestellt, so dass ich auf diesem Feld etwas tiefer blicken kann und das möchte ich euch nicht vorenthalten (nicht nur falls jemand von euch mit dem Gedanken gespielt haben sollte, unter die Nordkorea-Kunstsammler zu gehen).

Warum Nordkorea kreativ werden muss, um Devisen zu erwirtschaften

Zuerst aber nochmal kurz grundsätzlich dazu, warum Nordkorea überhaupt Devisen braucht. In der Weltwirtschaft ist es nunmal in der heutigen Zeit so, dass man für alle Waren und Dienstleistungen, die man irgendwo einkauft, mit Geld bezahlen muss. Die Möglichkeiten zu Tauschhändeln sind recht selten geworden und auch wenn Pjöngjang diesen Weg ebenfalls regelmäßig zu beschreiten scheint, gibt es einige Dinge, die Nordkoreas Wirtschaft trotz aller Autarkiebestrebungen nicht selbst produzieren kann. Diese Dinge müssen also auf dem internationalen Markt besorgt werden. Da aber die Handelspartner Nordkoreas kein rechtes Vertrauen in den nordkoreanischen Won haben — Währungsreformen, nahezu vollkommene Intransparenz des nordkoreanischen Finanzgebarens (wir brauchen ein paar Milliarden Won? Lass sie uns drucken!) und hohe Auslandsschulden dürften u.a. hierfür verantwortlich sein — verlangen sie eine Zahlungsabwicklung in harter Währung, zum Beispiel US-Dollar. Da Nordkorea aber nicht wirklich viele Waren produziert, die es ins Ausland verkaufen kann (wodurch Dollars in die Kasse kommen), muss es eben „kreativ“ werden, um doch etwas zum exportieren zu haben. Es wird viel über Drogenschmuggel, Geldfälschung etc. geschrieben, aber obwohl es durchaus denkbar ist, dass Pjöngjang sich auf diesen Feldern betätigt und es auch einige Hinweise, zumindest für die Drogengeschichte zu geben scheint, sollte man Berichte darüber immer mit Vorsicht behandeln, denn sowas kann auch einer politisch motivierten bzw. instrumentalisierten Aussage entstammen, die gemacht wurde, weil ja eh keiner das Gegenteil beweisen kann. Aber auch das Geschäft mit Kunst scheint zumindest in großen Teilen durch Nordkoreas Bedarf an ausländischer Währung motiviert zu sein.

Nordkoreas zeitgenössische Kunst als Mittel zur Devisengewinnung

Die nordkoreanischen zeitgenössischen Bilder und Gemälde, die auf dem internationalen Markt verfügbar sind scheinen demnach in erster Linie für den Zweck produziert worden zu sein, durch ihren Verkauf Devisen in die Kassen des Regimes zu spülen. Der Kunstmarkt eignet sich natürlich besonders für ein solches Vorhaben, denn die Preise für Kunst lassen sich ja nur bis zu einem gewissen Grad an objektiven Kriterien festmachen, sondern werden in hohem Maße subjektiv bestimmt (der Verkäufer nimmt was er kriegen kann und der Käufer gibt, was er glaubt, dass es wert ist. Dieser Sachverhalt spielt nicht nur im Bezug auf Nordkorea eine Rolle. Wenn man in den letzten Monaten mal ein bisschen in die Feuilletons der Zeitungen (und manchmal auch die Wirtschaftsteile) gelesen hat, konnte man Einiges zu „Preisexplosionen“ auf dem Kunstmarkt finden).

Willkürliche Preissetzung

Und da in Nordkorea ja kein „Kunstmarkt“ (das mit Märkten ist ja immer so eine Sache in Wirtschaftssystemen wie dem Nordkoreanischen) existiert, haben Käufer natürlich auch wenig Anhaltspunkte über den „Marktwert“ nordkoreanischer Gemälde etc.. Dementsprechend erfolgt die Preisfestsetzung auch fast willkürlich. Thomas hat mir Berichtet, dass man vor einigen Jahren in Dandong Gemälde und Tuschmalereien guter Qualität für eine Handvoll Dollar (im wahrsten Sinne) erwerben konnte. Die Bilder wurden für den Vertrieb in Frachtkisten über die Grenze geschmuggelt. Da scheint ein gut eingespieltes Schmuggelwesen für Kunst (auch Antike, aber dazu werde ich ein andermal was schreiben) bestanden zu haben und ich wüsste nicht, weshalb sich das geändert haben sollte.

Die zeitgenössische Malerei Nordkoreas: Nichts Neues nirgendwo

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass es nur, weil man sich keinen wirklichen Eindruck vom Markt für nordkoreanische Kunst machen kann und weil die Preissetzung willkürlich zu erfolgen scheint, heißt das ja noch nicht, dass man nicht trotzdem tolle Kunst kauft und damit ein gutes bis bombiges Investment tätigt. Aber auch hier hat mir Thomas mich eines besseren belehrt. Die nordkoreanische Malerei die international verfügbar sei und beispielsweise in Südkorea auch einige Sammler habe, sei zwar, was technische Maßstäbe angeht von guter bis hoher Qualität, stellten aber, was Themenauswahl, Stilistik und Maltechnik anginge, puren Eklektizismus dar (also etwas, das nichts originär eigenes hat, sondern vielmehr ein reine Kopie von schon dagewesenem und als schön empfundenem (den Begriff hört man öfter mal, wenn man gerne „Kunst und Krempel“ auf den öffentlich rechtlichen schaut. Da kommen öfter mal Leute, die sehr stolz auf irgendein dekoratives Stück von ihrer Urgroßoma sind hin, und nach dem die Experten dann den Goldrand abgerieben und festgestellt haben, dass die Büste hohl ist und keinen Stempel hat, sagen sie oft: „Das ist Mitte/Ende des 19. Jhd. entstanden und dem Historismus zuzuordnen. Wenn sie Glück haben, kriegen sie beim Trödler 100 Euro dafür. Das ist dann öfter mal schön zu beobachten, wie den stolzen Besitzern der Kiefer runterfällt.). Auch die Zusammenstellung der Kaesong-Sammlung sieht er als perfektes Beispiel dieses Eklektizismus.

Chinesisches Vorbild...

...nordkoreanischer "Nachbau". Die Ähnlichkeit ist nicht übersehbar.

Die enthaltenen Bilder speisten sich weitgehend aus ausländischen, z.B. französischen (Impressionismus) sowjetischen (realistisch) und chinesischen (Tuschmalerei) Vorlagen. Aber allen gemein sei, dass es ihnen an eigener Kreativität und Ideen mangele. Ihr nutzen sei daher bestenfalls im ästhetisch-Dekorativen Bereich zu finden (wenn mir der röhrende Hirsch über dem Sofa nicht mehr gefällt, hänge ich mir eben eine nordkoreanische Kiefer nach chinesischem Vorbild hin). Diese Dekorative Qualität hätten übrigens auch viele Hotels erkannt, die für ihre Ausstattung oft schnell viel schöne, nicht anstößige aber vor allen Dingen günstige Bilder, brauchten.

Nordkoreanische Kunst als Investitionsobjekt: Lieber nicht

Dementsprechend kommt die Kaesong-Sammlung dann auch nicht so gut weg in der Gesamtbewertung (wie vermutlich so ziemlich jede Sammlung zeitgenössischer Kunst). Denn die Tatsache, dass man dafür viel Geld investiert hat, bedeutet ja noch lange nicht, dass es „gut“ ist. Naja, jedenfalls scheint nordkoreanische Kunst als Investitionsobjekt nicht so der Hammer zu sein.

Kommandokunst erstickt Kreativität

Das alles soll aber nicht heißen, dass Nordkorea keine guten Künstler hervorbringen kann. Aber wenn sie sich nicht frei betätigen und entwickeln können, sondern ihre Arbeit durch den staatlichen Kunstbetrieb (ich weiß nicht, ob sich der gesamte bekannte Kunstbetrieb, was Malerei angeht, unter Mansudae Art Studios zusammenfasst, aber eigentlich bin ich noch keiner anderen Institution begegnet. Auf jeden Fall können sich Sammelgierige auf deren Homepage direkt mit nordkoreanischer Kunst eindecken (über ein italienisches Unternehmen, das den Auslandsvertrieb scheinbar übernimmt…)) reglementiert und gesteuert ist (gut ist, was sich verkauft), dann können sie ihre Kreativität auch nicht weiterentwickeln und etwas wirklich eigenes schaffen. Möglich, dass es Künstler gibt, die irgendwo im Hinterstübchen ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Aber wie soll jemand von außen da ran kommen. Absolut illusorisch. So ist wohl davon auszugehen, dass alle nordkoreanische Kunst, die außerhalb des Landes verfügbar ist, einerseits den nordkoreanischen Devisenbeschaffern zugute kam und andererseits durch die Mühlen der Produktionsbürokratie gewandert ist, so dass am Ende nicht mehr viel Besonderes daran sein dürfte.

Flucht als Ausweg

Wenn nordkoreanische Künstler ihre Kreativität entfalten und öffentlich zur Schau stellen wollen, dann bleibt ihnen wohl nur die Flucht, obwohl in dem Fall unten die Motive für die Flucht wohl gemischt waren.

Ausblick: Handel mit Kulturgütern als Devisenquelle und ein Beispiel aus der deutschen Geschichte

Ich werde demnächst noch was zu Nordkoreas Handel mit Kulturgütern schreiben, aber das kann noch ein bisschen dauern. Ähnliches haben wir ja auch in der jüngeren deutschen Geschichte erlebt. Wer sich dafür interessiert, der kann hier den sehr umfassenden Bericht lesen, den ein Untersuchungsausschuss des Bundestags Anfang der 1990er Jahre zu den Aktivitäten der Abteilung Kommerzielle Koordination unter Alexander Schalck-Golodkowski (den Namen dürften die meisten schonmal gehört haben) im Bereich Kunst und Antiquitäten angefertigt hat. Vieles von dem dort beschriebenen dürfte heute in Nordkorea nach ähnlichem Vorbild laufen und auch generell ist es ein interessanter Rückblick in die jüngere deutsch Geschichte.

Abschließend ist hierzu zu sagen, dass ich nach wie vor ein Kunstbanause bin (man kann ja nicht alles wissen) und daher gerne alle Arten von Beschwerden und Verbesserungen entgegennehme. Außerdem will ich mich noch bei Thomas bedanken, der mir zu einem etwas weniger banausigem Verständnis der ganzen Sache verholfen hat (hoffe ich jedenfalls).

Kleiner Einblick in zeitgenössische nordkoreanische Malerei: Die „Kaesong Sammlung“


Es gibt ja Themen im Zusammenhang mit Nordkorea, über die hört man ziemlich oft etwas, auch wenn die Informationen nicht immer die besten sind (Politik, Propaganda, Wirtschaft) und es gibt andere Themen, über die man kaum etwas hört und über die es kaum mal Informationen gibt. Dazu gehört nicht zuletzt das kulturelle Leben jenseits dessen, das von der Propaganda nach außen getragen wird. Daher bin ich immer froh, wenn es mal einen Blick auf dieses wenig ausgeleuchtete Feld zu erhaschen gibt, auch wenn die Informationen wie in diesem Fall nicht mehr taufrisch sind.

Ich bin nämlich eben zufällig über die „Kaesong-Sammlung“ nordkoreanischer Kunst gestoßen und der Internetauftritt zu dieser Sammlung gewährt einen Einblick in das breite Spektrum nicht propagandistischer nordkoreanischer Kunst. Die Sammlung wurde aufgebaut von dem Niederländer Frans Broersen, der mit Hilfe einer Stiftung und einem finanzkräftigen Investor über 2.000  zeitgenössische nordkoreanische Kunstwerke zusammengetragen hat. Der Internetauftritt zeigt, wie gesagt, eine kleinen Teil der Bilder der Sammlung und hilft so einen Einblick in das breite Spektrum nordkoreanischer Kunst zu gewinnen.

Wie schon im Zusammenhang mit der Ausstellung „Blumen für Kim Il Sung“ in Wien deutlich wurde, zeigen viele Werke deutliche Anleihen am französischen Impressionismus. Aber es gibt auch einiges, das mich (in meinem absoluten Kunst-Laientum, also dreht mir daraus keinen Strick) an van Gogh erinnert und manchmal würde ich auch an sogar eher an Expressionismus denken, manchmal aber auch einfach an Kitsch (aber das ist ja Geschmackssache). Es ist wirklich sehr interessant das ganze mal anzuschauen und zu sehen, dass es auch in Nordkorea Künstler gibt, die Kunst ohne (großen) politischen Ballast produzieren. Wenn man sich tiefergehend für nordkoreanische Kunst interessiert, kann man auf der Seite auch noch den Katalog der Künstler anschauen, die Werke zu der Sammlung beigesteuert haben. Auch hier zeigt sich der Querschnittcharakter der Sammlung, denn die Altersspanne der Künstler deckt von Malern Ende zwanzig bis Mitte achtzig alles ab.

Ich frage mich ob es (für Leute die Geld zum Anlegen haben) eine sinnvolle Geldanlage ist, in zeitgenössische nordkoreanische Kunst zu investieren. Immerhin werden seit ein paar Jahren ganz schön hohe Preise für Kunst bezahlt. Und wenn man dann etwas hat, das jederzeit zu einer absoluten Rarität werden könnte, weil das System in dem es entstanden ist verschwindet, könnte man sich ja durchaus vorstellen, dass dafür irgendwann hohe Preise erzielt werden (bei den Bildern die ich kitschig finde kann ich mir das allerdings nicht vorstellen). Vielleicht haben Herr Broersen und seine Investoren ja ähnlich gedacht…

Irgendwie zum Thema passend, möchte ich euch noch auf den Sammelband „Exploring North Korean Art“ aufmerksam machen. Das ist glaube ich im Zusammenhang mit einem Symposium entstanden, das zum Rahmenprogramm der oben genannten Ausstellung in Wien gehörte. Das erste Kapitel des Buchs von Rüdiger Frank, mit dem Titel, „The Political Economy of North Korean Arts“ gibt es hier zum runterladen.

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