Nordkorea modernisiert sich! — Zumindest im Netz…


Gestern überraschte mich (und vor mir Bagameri. Vielen Dank für den Hinweis!) die Korean Central News Agency (KCNA) mal wieder mit einer umfassenden Neugestaltung und teilweise inhaltlichen Umstrukturierung ihres Internetauftritts. Damit setzt Pjöngjang sowas wie eine kleine Tradition fort, nach der zum Jahresanfang häufiger mal Neuerungen an den Internetauftritten der Staatsmedien vorgenommen werden. Anfang 2011 ging das Parteiorgan Rodong Sinmun mit ihrer Homepage an den Start und wenig später das Auslandsradio Stimme Koreas. Anfang 2012 beglückte uns die Rodong Sinmun dann mit einem englischsprachigen Auftritt.

Moderne(re) Optik

Der neue Auftritt ist von der Optik her (über vielmehr kann ich eh nicht urteilen, da hoffe ich auf die Computernerds, die sich ja gerne mit technischen Details auseinandersetzen) wesentlich moderner als der alte, was ihn aber noch lange nicht in die Internetmoderne bringt, aber näher ran als zuvor. Hier zum Vegleich die alte und die neu Startseite:

Der alte Auftritt von KCNA sah nicht unbedingt verheerend aus, aber irgendwie nach Marke Eigenbau.

Der alte Auftritt von KCNA sah nicht unbedingt verheerend aus, aber irgendwie nach Marke Eigenbau.

Die neue Startseite erscheint dagegen dirchaus moderner und frischer.

Die neue Startseite erscheint dagegen durchaus moderner und frischer.

Ich will jetzt hier nicht jedes inhaltliches Detail durchkauen, das mir an der neuen Seite aufgefallen ist, aber einiges finde ich dann doch erwähnenswert:

Registrierungsfunktion

Dank Bagameris Selbstversuch weiß ich, dass man sich gefahr- und folgenlos registrieren kann (man kann sich dann einloggen, aber das ändert erstmal nichts am Zugang etc.). Wozu das gut sein soll bleibt erstmal im Dunkeln, aber vielleicht interessiert man sich bei KCNA ja auch dafür, wer die Leser sind. Oder man hat langfristig ein selbsttragendes Finanzierungsmodell im Auge, wer weiß.

Kein Juche Jahr

Auf einen weiteren spannenden Aspekt macht North Korea Tech aufmerksam. Bei den Datumsangaben (in allen Sprachen) fehlt nämlich vollkommen die Juche Zeitrechnung. Stattdessen wird das Datum einzig nach dem weltweit gängigen Kalender angegeben. Zufall ist das jedenfalls nicht, denn im Zentrum der Startseite fliegt momentan auch permanent die 2012 und nicht die 101 ein. Was das zu bedeuten hat? Keine Ahnung. Vielleicht ein einfaches Signal, dass man nach vorne schaut und sich weltoffen geben will. Vielleicht hat es auch eine weitergehende symbolische Bedeutung, zum Beispiel, dass mit Kim Jong Un eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Wer weiß das schon. Ich jedenfalls nicht.

Kim Il Sung und Kim Jong Il verlieren ihre Plätze

Inhaltlich sind mir noch einige weitere Dinge aufgefallen, die etwas bedeuten können, aber nicht müssen. In den Kategorien im Kopf der Seite wurden die Reiter „Life“, „History“ und „Scenic Spots“ ausgemustert. Vor allem fehlen aber die zuvor prominent platzierten „Kim Jong Il’s Activities“, „Kim Jong Il’s Works“, „Kim Il Sung’s Works“ und „Kim Il Sung’s Reminiscences“ jetzt komplett. „Kim Jong Un’s Activities“ hat einen Platz in der Seitenleiste gefunden. Auch die Tatsache, dass Kim Jong Il und Kim Il Sung keine prominenten eigenen Plätze mehr auf der KCNA Homepage haben, könnte man durchaus als eine Hinwendung zur Gegenwart/Zukunft sehen. Als ein bewusstes Signal der Modernisierung. Die berühmte Fettschrift bleibt dagegen allen lebenden und toten Herrschern Nordkoreas erhalten.

Kyodo Banner

Ein anderes Detail, das ich schon immer seltsam fand und für das ich trotz relativ intensiver Recherche keine wirkliche Erklärung finden konnte, war der Link auf die japanische Nachrichtenagentur Kyodo im Fuß der Seite (die anderen Banner dort gehören zu den nordkoreanische Seiten Naenara, Uriminzokkiri, Rodong Sinmun und Stimme Koreas), das m.E. nicht unbedingt dorthin passte.

Was mich schon immer gewundert hat, war das Banner der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo im Fuß von KCNA.

Was mich schon immer gewundert hat, war das Banner der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo im Fuß von KCNA.

Dieses Banner findet man auf der neuen Homepage nicht mehr. Vielleicht ist das Banner auch einem Mitarbeiter von Kyodo aufgefallen und man bat, das doch in Zukunft wegzulassen. Oder es gab eine stillschweigende Kooperation, die dann irgendwann beendet wurde. Auch das weiß ich nicht, aber ich muss da ja in Zukunft auch nicht mehr drüber nachdenken.

Searchengine: Optimierung mit Google?

Was mich bis jetzt noch ein bisschen stört, ist das irgendwie seltsam funktionierende Suchwerkzug der Seite. So gibt die Seite für die Suchbegriffe „Jang Song Thaek“ und „Ri Yong Ho“ jeweils nur einen Treffer aus. Im Gegensatz dazu gibt es zu Kim Jong Un insgesamt 111 Trefferseiten mit Ergebnisse seit dem 1.1.2012. Ob die Tatsache, dass zu diesem Termin Kim Jong Il gerade zwei Wochen tot war ein Zufall ist oder das Datum bewusst gewählt ist, das weiß ich nicht, kann aber sein. Vielleicht kann Eric Schmidt von Google Kim Jong Un ja ein bisschen bei der Optimierung des On-Site Suchwerkzeugs beraten, wenn er in den kommenden Tagen/Wochen mit unklarer Mission nach Nordkorea fliegt. Das wäre doch mal eine feine Sache.

Das Logo: Kleine Stilkritik

Zum Schluss noch eine kleine Stilkritik an dem neu designten Medialogo von KCNA.

Das Bild ist unter „Medialogo“ abgelegt.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich hatte nur positive Assoziationen. Eine Mischung aus Star Wars und Knight Rider. Keine Ahnung wieso, aber das ist doch mal was…

Radikaler Umschwung?

Wer weiß, wo gerade in unseren Medien alles Mögliche als Zeichen „radikalen Umschwungs“ gelesen wird (Wem außer der FAZ ist es denn bitte neu, dass Nordkorea nach ausländischen Investoren für seine Sonderwirtschaftszonen sucht? Auch wenn mich natürlich brennend interessieren würde, welche deutschen Wissenschaftler alles an dem Masterplan für Nordkoreas Wirtschaft arbeiten. Für sachdienliche Hinweise wäre ich dankbar…) warum sollte dieser Relaunch nicht der erste Schritt in eine völlig neue Zeit sein? Ein paar Schlauen wird die Idee bestimmt kommen.

Qualitätskontrolle? Die KCNA-Berichterstattung zum Besuch von Johannes Pflug in Nordkorea


Johannes Pflug von der SPD ist wohl einer der Parlamentarier des Deutschen Bundestags, der sich mit am Besten auskennt in und mit Nordkorea. Als erfahrener Außenpolitiker mit Fokus auf Ostasien (u.a. ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe) ist er schon häufiger nach Nordkorea gereist, seit 2004 so etwa im Zweijahresturnus. Dort trifft er sich auch regelmäßig mit den zuständigen Leuten und hat freundliche Gespräche mit ihnen (um die KCNA Berichterstattung zu den Besuchen zusammenzufassen).

Was er ihnen (oder anderen) aber in all der Zeit scheinbar noch nicht vermitteln konnte ist sein richtiger Name. Denn irgendwie wird er in den Pressemeldungen seit 2006 meist „Plug“ genannt. Ich meine, dass die nordkoreanischen Journalisten manchmal etwas unvorsichtig mit Namen (oder Geschlechtern) umgehen, ist ja nicht neu. Aber wenn man jemanden schon so oft empfangen hat, könnte man ja meinen, dass man sich mal irgendwann anguckt, wie der denn jetzt heißt. Ist ja auch irgendwie recht unhöflich das nicht zu machen.

Aber stimmt. Das scheint auch einer gemacht zu haben. Und zwar 2004, als der Name noch richtig geschrieben war und 2012 bei seiner Ankunft in Pjöngjang vor ein paar Tagen (das scheint man dann aber wieder ganz schnell vergessen zu haben). Aber das ist noch nicht das Seltsamste an der Sache. Die richtige Schreibweise für den Namen gibt es nämlich nur in dem Artikel auf der alten KCNA-Seite. Auf der neuen Seite (müsst ihr leider selbst raussuchen. Aber gebt einfach „Plug“ in das „Suche-“Fenster ein. Das geht am schnellsten) ist der ansonsten gleiche Artikel mit dem falsch geschriebenen Namen versehen. Es scheint also bei der Artikelübernahme durch die Agentur sowas wie eine partielle redaktionelle Überarbeitung zu geben. Komisch nur, dass derjenige, der das korrigiert hat, nicht auch mal über die anderen „Plug-Artikel“ geschaut hat. So riesig ist das Nachrichtenaufkommen von KCNA ja auch wieder nicht. Interessant jedenfalls. Ich wüsste mal gerne, wie die Arbeitsprozesse zwischen den beiden KCNA-Armen aussehen. Denn eine redaktionell Änderung wie diese habe ich bisher noch nie gesehen.

Ob ihn seine Gesprächspartner auch immer mit…

…“Mr. Plug“ oder so ansprechen?

Leider gibt es ansonsten nicht wirklich viel über Pflugs Reise zu berichten. Aber vielleicht veröffentlicht er ja was dazu, fände ich jedenfalls wie immer eine interessante Angelegenheit. Und vielleicht liest er ja irgendwann auch mal, was KCNA so zu seinem Besuch schreibt und wundert sich, wie konsequent sein Name falsch geschrieben wird. Und vielleicht wird dann bei seinem nächsten Besuch in zwei Jahren dann sein Namen richtig geschrieben. Wir werden sehen, in ein paar Jahren.

Nordkorea und Südostasien: Ein besonderes Verhältnis? (I): Nordkorea und Südostasien im Spiegel der KCNA Berichterstattung


Die Staaten Südostasiens scheinen in der strategischen Planung Pjöngjangs eine besondere Rolle zu spielen, die sich vor allem an einem besonderen Engagement Nordkoreas und einem verstärkten Interesse anderer Mächte zeigt.

Doch was könnten Gründe für eine Sonderstellung Südostasiens in den Überlegungen Pjöngjangs sein und trifft die Annahme einer Sonderstellung überhaupt zu? In dieser Serie werde ich mich regelmäßig diesen Fragen widmen und mich dem Thema auf der Suche  nach möglichen Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln nähern…

Klicke auf das Bild und finde die anderen Artikel der Serie…

In den letzten Wochen gab es ja wieder mal regen diplomatischen Austausch zwischen Nordkorea und verschiedenen Staaten Südostasiens. Recht häufig hört man auch von verschiedenen Projekten, die nordkoreanische Unternehmungen in den Ländern dieser Region betreiben oder von Kooperationsabkommen, häufig im kulturellen bzw. gesellschaftlichen Bereich (wobei das im Fall Nordkoreas wohl in Anführungszeichen gesetzt werden muss, denn von einer Gesellschaft jenseits der politischen Sphäre kann man ja kaum sprechen). Außerdem bestehen zu den Staaten dieser Region auch verschieden ausgeprägte historische und ideologische Bindungen. Nicht zuletzt hatte ich in der Vergangenheit das Gefühl, dass den Staaten Südostasiens auch von Nordkoreas Medien (ich beziehe mich dabei vor allem auf die Nachrichtenagentur KCNA, weil ich mir die regelmäßig anschaue) eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Aus Wahrnehmungen werden Fragen…

Jedenfalls führten mich diese Wahrnehmungen dazu, mal darüber nachzudenken, ob es vielleicht so etwas wie eine Sonderstellung Südostasiens in der nordkoreanischen Außenpolitik gäbe. Das zu überprüfen ist allerdings nicht so einfach, denn außenpolitische Strategiedokumente oder ähnliches gibt es ja nicht. Daher habe ich mich erstmal umgeschaut, ob vielleicht jemand in letzter Zeit was zu diesem Thema geschrieben hat. Viel gab es da allerdings nicht. Allerdings fand ich dieses kleine Paper von Pavin Chachavalpongpun aus dem Jahr 2009, das er am Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur geschrieben hat, recht interessant. Darin beschreibt er ein erwachtes Interesse Pjöngjangs an der Region etwa seit 2007 und belegt dieses vor allem mit Hilfe der Beispielen Laos und Myanmar. Die Gründe für dieses stärkere Interesse sieht er vor allem in ökonomischen und strategischen Interessen der nordkoreanischen Führung. Ansonsten habe ich allerdings nicht wirklich was gefunden, das das gesamte Bild „Nordkorea und Südostasien“ aufzuspannen versucht.

…und wenn man keine schnellen Antworten bekommt, muss man sie eben selbst suchen

Da ich das Thema allerdings erstens für relevant halte, weil Nordkoreas Führung die strategischen Optionen ihres außenpolitischen Handelns dadurch deutlich erweitern könnte, zweitens für interessant halte, weil es mal was anderes als das fast schon zu Tode analysierte (auch hier) „Nordkorea und sie Sechs-Parteien“ oder „Nordkorea und eine der Sechs-Parteien“ ist (und im besten Fall wenn aus europäischer Feder „Nordkorea und die EU“) ist und weil ich diese einseitige Fokussierung drittens auch nicht gerade hilfreich für die Analyse der nordkoreanischen Außenpolitik erachte (wenn man sich immer nur dieselben Fragen stellt und dieselben Aspekte betrachtet, ist es kein Wunder, wenn man als Ergebnis immer dieselben Verhaltensmuster bekommt. Wenn das alles Nordkoreas außenpolitisches Handeln erschöpfend beschreiben würde, wäre das auch kein Problem, tut es aber nicht und dadurch besteht immer die Gefahr, dass man was übersieht.), habe ich beschlossen, mich selbst ein bisschen eingehender damit zu befassen. Da das Thema aber ein bisschen zu groß ist, um es in einem Beitrag abzuhandeln, werde ich das splitten und immer wenn ich Zeit habe einen Einzelaspekt prüfen. Dabei werde ich erstmal prüfen, inwiefern die These einer Sonderstellung der Staaten Südostasiens in der nordkoreanischen Außenpolitik überhaupt haltbar ist. Sollte sich die Annahme erhärten, werde ich auf unterschiedliche Aspekte eingehen, die ursächlich dafür sein könnten.

Ein erster Schritt: Medienauswertung

Jetzt wo ich so sehe, was ich da gerade aufgeschrieben habe, merke ich schon: Das wird einiges werden. Aber ich finde die Fragestellung echt spannend und bin daher auch wohlgestimmt, dass ich das in den nächsten Wochen abschließen werde und dass die ganze Geschichte nicht so schmählich endet, wie mein Vorhaben, die Beziehungen zwischen China und Pjöngjang auszuleuchten. Naja, um nicht nur rumzusülzen, sondern auch was Substantielles zu liefern, fange ich heute gleich mal an. Für den Start der Reihe habe ich mir mal die die publizistische Linie von KCNA gegenüber den Staaten etwas näher angeschaut und versucht, ein paar Infos daraus zu gewinnen. Das ist natürlich extrem angreifbar, aber ich habe kein Jahr Zeit und das was sich so ergeben hat, fand ich durchaus schon interessant.

Wer und wie oft?

Mein erster Schritt war dabei, mir die reine Quantität der Meldungen zu den einzelnen Staaten mal anzuschauen. Dazu habe ich den Namen des jeweiligen Staates in die Suche-Funktion von KCNA eingegeben und abgezählt, wieviele Artikel es zu dem jeweiligen Land gab. Da ich später noch ein bisschen ins Detail gegangen bin, konnte ich auch noch die Fälle ausschließen, die fälschlich dazwischengeraten sind (z.B. weil über die Untaten der USA im Vietnamkrieg berichtet wurde, nicht über das heutige Vietnam). Einschränkend ist hierbei zu sagen, dass die Seite maximal 300 Artikel anzeigt. Die Schwelle wurde in zwei Fällen gerissen, so dass dort noch einiges mehr zu erwarten wäre. Trotzdem hat die Auswertung schon einige Aussagekraft:

Nennungen der Staaten Südostasiens durch die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA 18.05.2012

Nennungen der Staaten Südostasiens durch die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA (18.05.2012, eigene Darstellung)

Brunei: Du bist raus!

Eine Sache wird hier sofort augenfällig: Wenn es eine Sonderstellung Südostasiens geben sollte, dann kann man Brunei vermutlich nicht dazuzuählen. Entweder dort passiert einfach nie etwas oder man ist schlicht vollkommen desinteressiert an diesem Land. Mag sein, dass Brunei nicht das mächtigste und größte Land ist, aber wenn man Lust gehabt hätte, hätte man sicherlich mal diese oder jene Initiative oder Aussage von dort in eine Meldung packen können. Hat man aber nicht. Das legt den Schluss nahe, dass das kleine Sultanat für Pjöngjang nur von geringem Interesse ist.

Spiegel globaler politischer Konstellationen?

Ansonsten wird deutlich, dass manche Staaten weit mehr Aufmerksamkeit erhalten als andere. Interessanterweise stehen die Philippinen, Thailand und Singapur geopolitisch näher bei den USA als die restlichen Staaten der Region. Und genau die finden eindeutig weniger Beachtung, als die restlichen Staaten Südostasien. Man kann natürlich jetzt einwenden, dass das genau deshalb vielleicht keine riesige Überraschung ist und dem würde ich auch teilweise zustimmen. Gleichzeitig muss man dann aber auch zugeben, dass man mit dem Vorgehen, dass ich hier gewählt habe, irgendetwas belegen kann und das ist doch auch schonmal was…

Indonesien und Vietnam erstaunlich viel, Myanmar erstaunlich wenig

Interessant auch, dass Myanmar relativ selten erwähnt wird, obwohl doch beiden Staaten immer gerne so glänzende Beziehungen nachgesagt wurden. Aber das kann eventuell damit erklärt werden, dass viele Aspekte dieser Beziehungen von beiden Seiten lieber nicht öffentlich gemacht wurden. Da lief wohl viel im Geheimen ab und vielleicht wollte man die Welt nicht darauf aufmerksam machen, indem man allzugroßes Interesse an Myanmar zeigte. Laos, Kambodscha und auch Vietnam stehen Pjöngjang entweder nur aus historischer Sicht (Kambodscha) oder auch noch ideologisch nahe und daher ist ein gesteigertes Interesse nicht wirklich überraschend. Es fällt auf, dass Vietnam wesentlich häufiger Erwähnung findet, als Laos, obwohl die diplomatischen Beziehungen mit Laos noch einen Tick besser sein dürften. Jedoch könnte man hier argumentieren, dass in Vietnam tatsächlich etwas mehr passiert als in Laos und dass das Land auch aus wirtschaftlicher Sicht (als mögliches Reformvorbild) interessanter sein könnte. Wie gesagt wurde Vietnam in mehr als dreihundert Artikeln genannt, aber das jetzt im Einzelnen abzuzählen wäre doch zuviel des Guten. Der letzte Artikel in der Liste datiert im März 2011. Das heißt es kämen nochmal etwa 3 Monate Berichterstattung dazu, aber das kann man nicht wirklich hochrechnen, weil KCNA damals noch wesentlich weniger Veröffentlicht hat als heute. Deutlich am Meisten Artikel gibts aber mit dem Schlagwort „Indonesia“. Dort ist der letzte Artikel von Ende Juni 2011, was heißt, dass nochml ein halbes Jahr an Berichterstattung dazukäme. Sieht so aus, als würde man tatsächlich diesem Land eine besondere Bedeutung zuschreiben, bzw. besondere Kontakte unterhalten, die nach der reinen Quantität der KCNA Berichterstattung tatsächlich noch besser sind, als diejenigen mit den sozialistischen Bruderstaaten Laos und Vietnam.

Vergleich mit anderen Spielern und Bedarf einer inhaltlicher Auswertung

Aber natürlich ist diese Zählerei erstmal ein Agieren im luftleeren Raum. Was zählt ist der Vergleich. Rein quantitativ mithalten oder diese Zahlen überflügeln können natürlich auf der einen Seite Russland und China als wichtigste „Freunde“ auf der anderen Seite auch Südkorea, Japan und die USA als die Hauptfeinde. Außerdem ist noch Kuba zu nennen, das in noch mehr Artikeln Erwähnung findet als Indonesien, was mit der ideologischen Nähe und dem geteilten Feindbild-USA zu erklären ist (das z.B. in Vietnam und Laos nicht mehr so scharf existiert). Südafrika und Nigeria werden auch noch recht häufig erwähnt und können mit dem Mittelfeld dier mithalten und einige europäische Staaten liegen Mengenmäßig ähnlich. Allerdings ist hier die Qualität der Artikel eine ganz Andere. Neben gelegentlichen lobenden Erwähnungen Guido Westerwelles (wenn es um nukleare Abrüstung geht) und Grüßen der fränkischen Juche-Studiengruppe (die leider im Netz keinerlei Spuren hinterlässt. Ich wüsste nämlich echt mal gern…) geht es da Meist um Armut, Arbeitslosigkeit, Verbrechen, Demos und Streiks etc.. Naja und das ist ein entscheidender Unterschied, wie ich gleich zeigen werde.

Inhaltliche Auswertung: Wer und was? Erklärung und Probleme

Nachdem ich all das gesehen hatte und es so aussah, als sei der Ansatz der Analyse der Meldungen von KCNA nicht ganz sinnfrei, war ich motiviert mir noch ein bisschen mehr Arbeit zu machen. Dabei ist vorab zu sagen, dass kritische Artikel eigentlich garnicht vorkommen, mit kleineren Ausnahmen, über die ich später noch was sage. Das Kritischste was ansonsten zu finden ist, sind Berichte über Naturkatstrophen und für die kann ja schließlich niemand etwas. Jedenfalls habe ich versucht, die Meldungen grob in inhaltliche Kategorien einzuteilen.

Mit manchen Themen ging das ganz gut, mit anderen weniger. Gut ging es bei Meldungen, die sich auf Kooperationen anderer Staaten untereinander bezogen, bei Artikeln über Katastrophen und Krankheiten (habe ich ja auch schonmal was zu geschrieben) und bei dem, was ich „Best-Practice“ genannt habe. Das sind entweder Artikel, die entweder über (positive) wirtschaftliche Entwicklungen, innenpolitische Maßnahmen des jeweiligen Landes oder außenpolitische Aussagen ohne direkten Bezug zu Nordkorea, berichten. Bei diesen Meldungen kann man davon ausgehen, dass die Maßnahmen und Entwicklungen von Nordkorea entweder unterstütz werden bzw. als Vorbild gesehen werden, oder zumindest als unverfänglich empfunden werden (das wäre natürlich auch nicht uninteressant, mal zu schauen, über was man überhaupt so allgemein berichtet). Schwierig auseinanderzuhalten waren dagegen die Kategorien „Beziehungen“ (was sich eher auf die unmittelbar poltische Ebene beziehen soll) und „Andere Würdigungen“ (was Erwähnungen in Zeitungen, Aussagen und Präsente von Unterstützern etc. beinhaltet. Das war schwierig da trennscharf zu sein. Einige Dinge habe ich auch ausgeklammert. Einerseits alles, was mit dem Tod Kim Jong Ils zusammenhängt (das hätte wahrscheinlich etwas verzerrt und hat mir ein bisschen Arbeit gespart) und andererseits die detaillierten Berichte, wenn eine Delegation in oder aus Pjöngjang zu Gast war (also die „XXX Guests visit XXX“- oder Banquet for guests from XXX given“-Artikel). Eine Auflistung über berichtete diplomatische Kontakte gibt es später. Erstmal die Einzelauswertungen:

Indonesia KCNA

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Indonesien. (Eigene Darstellung)

KCNA Cambodia contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Kambodscha. (Eigene Darstellung)

Lao KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Laos. (Eigene Darstellung)

Malaysia KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Malaysia. (Eigene Darstellung)

Myanmar KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Myanmar. (Eigene Darstellung)

Philippines KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu den Philippinen. (Eigene Darstellung)

Singapore KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Singapur. (Eigene Darstellung)

Thailand KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Thailand. (Eigene Darstellung)

Vietnam KCNA contents

Inhaltliche Verteilung von KCNA-Artikeln mit Bezug zu Vietnam. (Eigene Darstellung)

Die Einfärbungen habe ich vorgenommen, um eine grobe „politische Zuordnung“ treffen zu können. Rot sind die Genossen, gelb diejenigen, die eher ins US-Lager passen und Grün die, die nicht unbedingt natürliche Verbündete sind, sich aber auch nicht durch besonders gute Beziehungen zu den USA auszeichnen.

Meldungen über Beziehungen im weiteren Sinne als Gradmesser

Generell sind zwischen den Diagrammen einige Parallelen feststellbar. Der Teil der Meldungen, der sich auf die Beziehungen Nordkoreas zum jeweiligen Staat im weiteren Sinne bezieht, läuft meistens so grob um die 50 Prozent Marke. Allerdings liegen Laos, Kambodscha, Myanmar und Malaysia bei über 60 Prozent. Die Philippinen und Singapur reißen dagegen mit unter 40 Prozent — im Fall Philippinen sogar deutlich — nach Unten aus. Dafür wird mit Bezug auf Thailand und den Philippinen wesentlich mehr über Katastrophen berichtet (bei den Philippinen über 40 Prozent). Natürlich hatten beide Staaten in den letzten anderthalb Jahren vor allem Wettertechnisch einiges auszuhalten und natürlich werden die Philippinen auch öfter mal von Erdbeben getroffen, aber ob das beispielsweise in Indonesien groß anders ist, ist zu bezweifeln.

Weitere Abstufung: Philippinen und Singapur

Es wird deutlich, dass es neben Brunei, dass ich hier raugekickt habe, weil das Auswerten der paar Meldungen wenig sinnvoll gewesen wäre, weitere Staaten gibt, die weniger interessant scheinen, bzw. zu denen weniger gute Beziehungen bestehen. Eindeutig ist das bei den Philippinen, aber auch Singapur könnte man dazu zählen. Das sind auch die einzigen Länder, bei denen sich in den Meldungen hin und wieder so etwas wie ein kritischer Unterton (nämlich mit Bezug auf Truppenstationierungen der USA und Occupy-Demos gegen Kapitalismus, eingeschlichen hat). Bei Thailand sieht das dann schon etwas anders aus. Immerhin die Hälfte der Meldungen (die dazu ja noch etwas mehr waren wie im Fall Philippinen und Singapur) betrifft im weiteren Sinne die Beziehungen beider Staaten.

„Best-Practice“? Nicht von den Genossen…

Was vielleicht noch bemerkenswert ist, ist die Tatsache, dass gerade die Staaten, die ideologisch und was das politische System angeht noch relativ nah bei Nordkorea liegen (die Roten, also rot eingefärbten) im Verhältnis weniger Anlass zur Nennung als „Best-Practice“ liefern. Hier sieht man die Vorbilder erstaunlicherweise eher bei Indonesien, Malaysia, vielleicht auch Myanmar oder Singapur. Kann natürlich sein, dass man das besser nicht als „Best-Practice“ interpretieren sollte, aber andererseits sollte man doch denken, dass man, wenn man was unverfängliches berichten will, am ehesten in Laos, vielleicht auch Vietnam fündig würde…

Harte Fakten: Wer trifft wen wo?

Abschließend noch einige etwas härtere Fakten, nämlich der diplomatische Austausch, von dem KCNA im Untersuchungszeitraum berichtet hat. Hier habe ich allerdings auch offizielle Medienabordnungen undFrauenverbände dazugenommen und nur die Freundschafts- und Juche-Studiengruppen aussortiert.

North Korea - Southeast Asia - Diplomatic Contacts as reported by KCNA

Diplomatische Kontakte zwischen Nordkorea und den Staaten Südostasiens wie von KCNA berichtet von 2011 bis heute. (Eigene Darstellung)

„Natürliche Verbündete“ klar vorne

Hier stechen die natürlichen Verbündeten Laos und Vietnam deutlich hervor. Das ist zum Teil vielleicht auch mit historisch gewachsenen Beziehungen und Partei zu Partei Kontakten zu erklären, gleichzeitig ist es aber auch eine klare Aussage. Auch mit Indonesien und Malaysia gibt es relativ rege beidseitige Kontakte, während der Rest deutlich zurückfällt. Im Fall Myanmar kann man das eventuell mit einer gewissen Geheimnistuerei erklären und bei Thailand könnte man sagen, dass die Spitzenpolitiker des Landes vor allem mit sich selbst und den Innenpolitischen Scherereien beschäftigt waren. Es bleibt abzuwarten, ob das auch unter der relativ stabil scheinenden Regierung der aktuellen Premierministerin so bleiben wird. Auch die Standorte und nicht-Standorte von Botschaften stützen die bisherigen Erkenntnisse. Zu einigen Ländern bestehen bessere Beziehungen als zu anderen und bei manchen könnte man darüber nachdenken, ob da eine Art einseitiges Werben vorliegt, dass möglicherweise von den USA abgeschirmt wird.

Ebene der Treffen bleibt hier außen vor

Allerdings bleiben hier zwei Dinge festzuhalten. Einerseits bringt die Auflistung nicht ausreichend die Qualität der Kontakte zum Vorschein: So gab es mit Laos, Indonesien und Singapur in jüngster Zeit Kontakte auf allerhöchster Staatsebene, als Besucher aus Pjöngjang von den Staats- und Regierungschefs in diesen Ländern empfangen wurden, bezüglich anderer Ländern ist das schon länger her. Es würde sicherlich Sinn machen, sich das näher anzuschauen, aber heute nicht mehr.

Kein endgültiger Beweis für Sonderstellung, aber Hinweise.

Insgesamt kann die mediale Würdigung der Staaten Südostasiens durch KCNA nicht als endgültiger Beweis dafür genommen werden, dass zu diesen Staaten ein besonderes Verhältnis besteht, allerdings finden sich hierfür einige eindeutige Hinweise. Außerdem wird deutlich, dass zwischen den unterschiedlichen Staaten eindeutig differenziert wird und es lässt sich anhand der bisherigen Ergebnisse so etwas wie eine Rangfolge der Beziehungen aufstellen. Einiges war dabei zu erwarten, anderes kam doch eher überraschend. In den nächsten Tagen werde ich mich mit weiteren Aspekten auseinandersetzen, die Hinweise auf eine besondere Bedeutung der Staaten Südostasiens für Nordkorea geben können. Kritik und Anmerkungen sind mir wie immer willkommen, aber jetzt besonders, weil ich etwas mehr Arbeit investiere als sonst meist.

Die Rattenfänger von Pjöngjang — Hintergründe zur jüngsten anti-Lee-Kampagne


Von der nordkoreanischen Propaganda ist man ja einiges gewohnt. Neben einem kreativen Umgang mit der Realität pflegt man in den journalistischen Produktionsstätten des Landes auch einen sehr kreativen Umgang mit der Sprache. Besonders wenn es darum geht, die politischen Gegner aus dem Ausland und vor allem aus den USA und Südkorea zu diffamieren, verfügt man über einen schier unerschöpflichen Schatz von Beleidigungen, die mitunter eine leicht humoristische Note annehmen (ich persönlich finde den “ just like a thief crying „stop the thief““-Spruch irgendwie immer witzig) und die nach Bedarf kombiniert werden können (der „random insult generator“ von NK News.org trifft es ganz gut).

„Ratstorm“

Aber der „shitstorm“ der momentan durch Nordkoreas Medien schwappt, ist wohl bisher präzedenzlos. Seit ungefähr einer Woche hat man sich auf Lee Myung-bak eingeschossen und beschimpft ihn als Ratte oder ratten-ähnlich (es gibt mittlerweile 70 Artikel, in denen die Phrase „rat-like“ vorkommt und alle stammen aus den letzten acht Tagen). Vor drei Tagen hat man dann auch noch angefangen „satirische Cartoons“ zu veröffentlichen, die alle eins gemeinsam haben. Sie zeigen wie der „Ratten-Lee Myung-bak“ getötet wird (in Stücke gehackt, stranguliert, zerquetscht usw.). Ganz ehrlich gesagt finde ich die Bilder schon ziemlich krass scheußlich und wenn ihr sie euch angucken wollt, findet ihr zum Beispiel hier eine Sammlung (irgendwie widerstrebt es mir, sie direkt zu verlinken).

Ratte? Warum Ratte? Ach deshalb…

Eigentlich habe ich mich schon relativ bald nachdem die Rattengeschichte angefangen hat gefragt, was zur Hölle das denn jetzt auf einmal soll und nachdem man das so forciert hat, habe ich mal nachgelesen. Scheinbar ist diese Sache mit der „Ratte“ nicht den Köpfen der nordkoreanischen Propaganda entsprungen, sondern geistert schon seit längerer Zeit durch das südkoreanische Netz. Der einfache Hintergrund: Die Wörter die Lees Namen und das Wort „Ratte“ beschreiben schreiben sich ähnlich und daher war das Wortspiel für seine politischen Gegner wohl naheliegend. Auf den Cartoons findet sich übrigens noch ein anderer „Spitzname“ Lees: 2MB. Auch hier schreiben sich „2“ und „Lee“ gleich. Der Witz: Das Ganze soll als Angabe über das Fassungsvermögen seines Hirns verstanden werden. Manchmal haben die Ratten die gerade erschossen, erstochen oder sonstwas werden, eben noch die Aufschrift „2MB“ irgendwo drauf.

Wo die Story herkommt

Auf die Idee für diese tollen Cartoons und das neue Motiv scheinen die Propagandisten in Pjöngjang vor einiger Zeit gekommen zu sein, als sie eine Story aus Südkorea aufschnappten.

Der Denkanstoß? Diffamierendes Bild Lees mit Rattenmotiv (das "G" auf seiner Armbinde)

Danach hat sich die Kreativabteilung wohl die Köpfe heiß gedacht und pünktlich für die Nachwehen des gescheiterten Raketenstarts und der entsprechend extrem verschärften Kriegsrhetorik der letzten Tage, die neue Rattenkampagne an den Start gebracht. Laut nordkoreanischer Propaganda ist die Ursache des ganzen Buheis, die mit massiven (Gewalt-)drohungen gegen Lee und südkoreanische Medien (wobei ich mir unter den angekündigten „special actions“ auch was asymmetrisches wie eine Hackerattacke vorstellen könnte) einhergingen, eine Beleidigung der Würde der obersten Führung des Landes. Um genauer zu sein regt man sich extrem drüber auf, dass Lee gesagt hat, Pjöngjang hätte das Geld, dass für die Geburtstagsfeierlichkeiten Kim Il Sungs und den gescheiterten Satellitenstart ausgegeben wurden, besser verwenden können. Aber wenn man die Meldungen von KCNA in den Wochen davor durchschaut, dann sieht man, dass man nur nach irgendeinem gangbaren Grund gesucht hat, um sich in seiner Würde verletzt zu fühlen. Wenn es nicht diese Aussage Lees gewesen wäre, dann irgendeine andere.

Nach innen Zusammenhalt stärken…

Aber warum dann diese schrillen Töne? Nach innen hin folgt das Ganze wohl dem altbekannten Motiv: Wenn die Situation in der Welt bedrohlicher wird (sogar wenn selbst verursacht, aber das dürften die Menschen in Nordkorea vermutlich aufgrund der ausführlichen „Information“ durch die Medien anders sehen), halten die Menschen noch enger zusammen und denken garnicht erst darüber nach, ob es Sinn macht, der Führung zu folgen, ob wirklich ein dreißigjährige der Richtige Führer ist und ob das Land jetzt wirklich den Status „Reich und Mächtig“ erreicht hat.

…und nach außen Rattenfängerei?

Vielleicht soll die Kampagne sogar auch nach außen, oder vielmehr auf die Lee kritischen, progressiven Kreise Südkoreas wirken, die ja schließlich den „Ratten-Spitznamen“ erfunden haben, dann könnte man im doppelten Sinne von Rattenfängerei sprechen (einmal die in den Cartoons abgebildete und dann noch die damit intendierte). Vielleicht dachte man, sich gewissen Kreisen anbiedern zu können, indem man signalisiert: „Wir denken genauso wie ihr. Wir übernehmen sogar eure Schmähungen. Ihr seid durch uns besser vertreten.“ Ob das funktionieren wird, finde ich allerdings fraglich. Einerseits ist diese Kampagne so widerlich, dass man schon hartgesotten sein muss, um sich davon überzeugen zu lassen. Andererseits kriegt man in Südkorea wohl nur wenig davon mit. Das Nationale Sicherheitsgesetz verbietet es, die nordkoreanischen Propagandaorgane im Netz zu lesen (bzw. macht es unmöglich) und die südkoreanischen Medien haben recht wenig davon berichtet.

Ärgerlich aber nicht gefährlich

Alles in Allem ist diese Kampagne bisher schrill und ekelhaft, vielleicht sogar besorgniserregend, aber zum Glück nicht gefährlich. Ich hoffe die nordkoreanischen Strategen begnügen sich damit, irgendwas zwischen Abscheu und Belustigung in der Welt geweckt zu haben und verspüren nicht das Bedürfnis, den Drohungen, die mit alldem verbunden sind, Taten folgen zu lassen. Leere Drohungen aus Pjöngjang sind ja schließlich nicht das Neuste vom Neuen, aber dass es auch folgenschwere Ausnahmen gibt, hat sich in der Vergangenheit ja bereits wiederholt gezeigt.

Erbfolge? Hier doch nicht…

Um diese unerfreuliche Geschichte noch etwas versöhnlich bis lustig abzuschließen möchte ich euch noch kurz mitteilen, worin das Regime in Pjöngjang heute einen Angriff auf die Würde der obersten Führung sah. Und zwar hat sich ein Berater Lee Myung-baks doch tatsächlich erdreistet, dass System Nordkoreas als Erbfolgesystem zu bezeichnen. Also sowas. Wie er da nur drauf kam? Hat ja vor ihm auch noch niemand gewagt.

Also wenn man in Pjöngjang darin jetzt schon eine Ehrabschneidung sieht und jedem drohen will, der das behauptet, dann hat KCNA in Zukunft aber viel zu tun. Ich glaube es gibt international nur wenige Medienorgane, die nicht schonmal sowas von sich gegeben haben. Naja…

Noch ein bisschen musikalische Untermalung zur Kampagne. Sogar der Bandname dürfte in Pjöngjang positiv gesehen werden. Ob man Campino aber für ein reunion Konzert in Pjöngjang gewinnen kann, ist fraglich…

KCNA berichtet interessantes vom CDU Parteitag: „German Ruling Party Adopts New Euro Policy“


Ich rege mich ja manchmal über den Quatsch auf, den manche deutsche Medien so über Nordkorea verzapfen. Allerdings haben BILD, WELT und Co. natürlich kein Monopol darauf, Unfug über andere Länder zu verzapfen. Auch KCNA kriegt das öfter mal vorzüglich hin. Heute konnte ich zum Beispiel etwas Neues über deutsche Politik lernen, das mir ziemlich neu war:

The German ruling party adopted a policy of allowing the country’s voluntary abandonment of the euro use at its congress on Monday.

The policy allows the country to give up the use of euro any time, while maintaining the status of EU member nation.

The adoption of the policy may touch off discussions of the reestablishment of the eurozone order, media reports said.

[Die regierende Partei Deutschlands hat auf ihrem Kongress am Montag eine Politik beschlossen, die es dem Land erlaubt, freiwillig auf die Nutzung des Euro zu verzichten.

Die Politik erlaubt es dem Land die Nutzung des Euro jederzeit aufzugeben, aber gleichzeitig Mitgliedsstaat der EU zu bleiben.

Medien berichteten, dass die Annahme dieser Politik Diskussionen über die Wiederherstellung der Ordnung der Eurozone auslösen könnte.]

(Den richtigen Link gibts morgen, wenn das alte KCNA die Meldung übernimmt. Heute müsst ihrs in den Tagesmeldungen der neuen Seite suchen.)

Aha. War mir wohl entgangen. Oder vielmehr ist dem Autor von KCNA auch beim Übersetzen der Nachrichten aus Deutschland etwas entgangen. Nämlich, dass der Austritt für solche Euro-Staaten ermöglicht werden soll, „dauerhaft nicht willens oder in der Lage [sind], die mit der gemeinsamen Währung verbundenen Regeln einzuhalten“. Vielleicht hat da einfach jemand etwas falsch verstanden.  Oder es war jemand ähnlich ideologisch Verbohrt oder schlagzeilenfixiert, wie mancher Kollege in deutschen Redaktionen.

Aber irgendwie hat der Autor natürlich auch wieder Recht. Denn wenn Deutschland dauerhaft die Regeln nicht einhalten will, oder kann, dann könnte es nach dem Parteitagsbeschluss wohl tatsächlich austreten. Allerdings wäre zu dem Zeitpunkt wohl eh nichts mehr zum Austreten da…

Neuer „trend of times“ bei KCNA: „Cooperation among countries“


Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA ist ja ein besonderes Exemplar seiner Gattung, denn der Inhalt der Nachrichten die es da zu lesen gibt ist sehr oft mit Vorsicht zu genießen. Sie sind häufig ziemlich tendenziös und der Nachrichtengehalt ist manchmal fragwürdig, manchmal dünn und manchmal für nicht-Nordkoreaner einfach schwer zu ergründen. Daher finde ich es hin und wieder interessant, nicht danach zu schauen, worüber konkret berichtet wird, sondern zu sehen, was Themen der Berichterstattung sind.

Kooperationswelle bei KCNA

In den letzten Monaten ist mir aufgefallen, dass recht häufig über die Zusammenarbeit verschiedener Länder berichtet wird. Meistens sind das Sammelartikel die mit Überschriften wie „Cooperation among different countries“ überschrieben sind. Inhaltlich beschränken sich die Meldungen dann meistens auf die Basisinformationen „wer?“ und „was?“ manchmal noch ergänzt durch das „wann?“.

Meist kooperieren befreundete Entwicklungsländer in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen

Diese „Kooperationswelle“ in der Berichterstattung begann etwa im März dieses Jahres und gewinnt ab August so richtig an Fahrt. Seitdem gibt es alle paar Tage Informationen zu neuen internationalen Kooperationen. Schwerpunktmäßig wird vor allem über die Zusammenarbeit der befreundeten Staaten China und Russland informiert und es ist ein regionaler Fokus auf Südost- und Südasien zu erkennen. Aber auch Kooperationen in Afrika und Mittel- und Südamerika finden Eingang in diese Meldungen. Eigentlich ist immer ein Entwicklungs- oder Schwellenland dabei und generell ist meist mindestens ein Staat, über dessen Zusammenarbeit berichtet wird, zu den „Freunden“ Nordkoreas zu zählen, allerdings gibt es manchmal auch Berichte über Staaten, bei denen aktuell keine enge Bindung zu Nordkorea zu vorzufinden ist. Die Sektoren der Zusammenarbeit sind meistens in den Bereichen „Wirtschaft“ und „Sicherheit“ angesiedelt.

Einfach so zum Zeilen füllen? Glaub ich nicht

Natürlich kann man jetzt fragen, warum diese Meldungen interessant sein sollen, denn irgendwas muss KCNA ja schreiben und da die Welt ja voller Informationen ist, die man nordkoreanischer Sicht aus dem einen oder anderen Grund als „politisch gefährlich“ einstufen könnte, ist Berichterstattung über Kooperationen zwischen anderen Staaten recht unverfänglich. Allerdings glaube ich nicht, dass die Maßgabe der Berichterstattung „politische Unverfänglichkeit“ ist, sondern dass bei KCNA nur über politisch Erwünschtes berichtet wird. Ich glaube, dass jede Meldung der Agentur irgendeinen Zweck erfüllt, das heißt eine politische Botschaft vermittelt.

„Kooperation zwischen Entwicklungsländern ist normal und erstrebenswert…“

Und welche andere Botschaft kann hinter der Kooperationswelle stehen, außer der, dass Kooperation zwischen Staaten vor allen in den Bereichen Wirtschaft und Sicherheit normal und ein erstrebenswertes Ziel ist. Natürlich ist das nicht ganz neu, denn auch schon in den Jahren zuvor berichtete KCNA hin und wieder über die positiven Effekte der „south-south cooperation“ auf die eigenständigen und unabhängigen Wirtschaften (hm, kann man das sagen? Also ich meine jetzt keine Orte die „Zum Anker“ oder „Zum güldenen Krug“ heißen) und auf das Verhältnis der Entwicklungsländer gegenüber den „Imperialisten“, aber das war nicht unbedingt ein zentrales Thema. Wie ich finde stellt diese Berichterstattung eine neue Qualität dar. Natürlich hat es auch etwas damit zu tun, dass KCNA die Quantität der Berichterstattung so seit Mitte Februar diesen Jahres rapide ausgedehnt hat und nun Platz für sowas ist. Aber dass man sich für dieses Thema entschieden hat und nicht noch ausgiebiger über Themen wie Kim Il Sungs Werke, automatisierte Schweineställe oder Grußbotschaften von und an Staats- und Regierungschefs berichtet, ist trotzdem ein deutliches Zeichen. (Übrigens ist mir eben aufgefallen, dass die Zunahme der Meldungen ziemlich genau mit Kim Jong Ils Geburtstagsfeierlichkeiten zusammenfiel. Vielleicht ist das Mehr an Informationen ja ein Geschenk von ihm für sein Volk und die ganze Welt?)

Passt zu aktuellen Entwicklungen

Die Idee der bilateralen (und manchmal auch multilateralen (v.a. ASEAN und SCO)) Kooperation ist also zumindest medial in den letzten Monaten in Nordkorea vermehrt ins Zentrum gerückt. Passt ja auch eigentlich ganz gut, wenn man bedenkt, dass sich Nordkorea seit einiger Zeit um gemeinsame Militärübungen mit den großen Nachbarn Russland und China bemüht hat und verstärkt nach internationalen Kooperationspartnern für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sucht. Da ist es doch gut der Leserschaft klarzumachen, dass zwischenstaatliche Zusammenarbeit ein „trend of times“ (irgendwie mag ich diese KCNA-Phrase) ist und dass daher künftige dahingehende Entwicklungen in Nordkorea ganz normal sind. Aber vielleicht lese ich da auch zuviel rein und die Meldungen beruhen einfach auf der Tatsache, dass ein armer Journalist sein Plansoll an Meldungen erfüllen will und verzweifelt nach Themen sucht, die keinem wehtun. Wir werden es wohl nie erfahren…

Ein seltsames Selbstbild: KCNAs Berichterstattung zum Wirtschaftswunderland Nordkorea und eintreffenden Nahrungsmittelhilfen


Heute habe ich mal wieder mit  besonderem Vergnügen die Nachrichten von KCNA gelesen. Einer gewissen Absurdität entbehrt zumindest ein Teil der Inhalte der nordkoreanischen Nachrichtenagentur ja nie, aber heute fand ich es so schön schlagend, dass ich euch kurz darauf aufmerksam machen möchte.

Was mag wohl ein Mensch denken, der die folgenden beiden Überschriften und die zugehörigen Inhalte liest?

Der erste Artikel bezieht sich auf die Schätzungen zu Nordkoreas Wirtschaftsentwicklung von der südkoreanischen Zentralbank „Bank of Korea“. Ich habe mich ja auch bereits zum Wert dieser Zahlen geäußert, die besagen, Nordkoreas Wirtschaft sei im vergangenen Jahr um 0,5 % geschrumpft. Aber naturgemäß fühlt man sich in Nordkorea von den Zahlen und dem daraus gefolgerten Schluss, Nordkoreas Wirtschaft taumele weiter auf den Abgrund zu, tief getroffen. Auch die ungefähr gleichzeitig öffentlich gewordenen Berichte, Chinas Handelsministerium habe vor Investitionen in Nordkorea gewarnt, nimmt man scheinbar sehr übel und sieht darin eine Schmierkampagne, die die (für die Widersacher schwer erträgliche Realität) verdrehen und potentielle Kooperationspartner abschrecken wolle. Die Realität sieht laut KCNA natürlich ganz anders aus:

All these are sophism aimed to distort the true picture of the DPRK’s self-supporting economy. […]

Today the DPRK’s economy is at the highest tide of its development ever in history.

Significant progress has been made in putting the national economy on a Juche-oriented, modern and scientific basis.

Epochal changes equivalent to the industrial revolution in the 21st century are taking place in the DPRK. […]

The Ryonha General Machinery Plant pushed back the frontiers in 11-axes processing. It is leading the world in CNC technology and machine-building industry.

The Juche-based steel-making system was perfected and Juche fibre and Juche fertilizer are being churned out in the country.

The DPRK also succeeded in nuclear fusion and made a signal progress in bio-engineering development.

The day is near at hand when a light water reactor entirely based on domestic resources and technology will come into operation in the DPRK.

Hm, das klingt doch alles super für den Leser. Ein bisschen ins Grübeln kommen dürfte er dann vielleicht doch bei der Lektüre des nächsten Artikels:

The delivery of 50 000 tons of food donated to the DPRK by the Russian government was completed […] Russia’s donation of food to the DPRK is an encouragement to the Korean people in speeding up the building of a thriving country. It will also be helpful to further developing the traditional relations of friendship and cooperation between the two countries.

Also zusammengefasst steht in den beiden Artikeln: Nordkorea hat eine selbsttragende Wirtschaft und ist in vielen Bereich höchstentwickelt. Gleichzeitig lässt man sich von Russland 50.000 Tonnen Getreide spenden (und das trotz der Tatsache, dass Juche Dünger überall im  Land verteilt wird). Also ganz ehrlich gesagt käme mir das spanisch vor, wenn ich diese beiden Artikel direkt hintereinanderweg lesen würde. Das hat ja schon fast was Subversives. Oder ist man in der KCNA-Redaktion so sehr durch die eigene Propaganda-Folklore abgestumpft, dass man gar nicht mehr merkt, dass da was seltsam ist.