Deutsch-nordkoreanische Geschichte(n): Wie kommt ein sächsischer Raddampfer nach Pjöngjang?


Im Alltagsgeschäft meiner Bloggerei verliere ich mich ja allermeistens im Hier und Jetzt und werfe nur ganz selten mal einen Blick in die Vergangenheit. Und wenn ich einen solchen Blick werfe, dann meistens sehr selektiv und im Endeffekt mit dem Ziel einen Rückbezug zur Gegenwart herzustellen. Dabei hält auch die Geschichte manchmal Episoden bereit die für sich genommen schon interessant und erzählenswert genug sind, ohne sie immer gleich im Sinne einer analytischen Auswertung ausschlachten zu müssen. Nur stehen diese Episoden meist ein bisschen im Verborgenen und sind auch eher schwierig zu recherchieren.
Naja,  jedenfalls war ich froh und interessiert, als ich kürzlich auf eine kleine aber durchaus spannende Episode dieser Art gestoßen wurde, als ich ein paar Leute traf, die auf unterschiedliche Art damit verbunden waren. Die Geschichte handelt davon, wie es dazu kommt, dass ein Nachbau des Schaufelraddampfers „Dresden“, der noch heute im Betrieb ist, in Pjöngjang zu finden ist und stellt damit einen der wenigen Bezugspunkte der Freundschaft zwischen der DDR und Nordkorea dar.

1984 besuchte Kim Il Sung im Rahmen einer großen Europareise vom 30. Mai bis zum 3. Juni die DDR (sein zweiter und letzter Besuch dort) und traf dort unter anderem mit dem Generalsekretär der SED, Erich Honecker zusammen. Es wurde viel besprochen und diskutiert (für nähere Informationen dazu lest ihr am besten in den Protokollen der Treffen) aber natürlich gab es auch, wie zu solchen Anlässen üblich, ein umfangreiches Unterhaltungs-/Informationsprogramm, bei dem den ausländischen Gästen die Errungenschaften des realexistierenden Sozialismus auf deutschem Boden präsentiert wurden. Eine der Stationen Kim Il Sungs war eine Schiffstour Tour gemeinsam mit Honecker auf dem Raddampfer „Dresden“ durch die schöne Sächsische Schweiz (danke für die Zeitungsausschnitte an Matthias).

Bild via Politiek en Cultuur

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Naja und diese Tour scheint bei Kim Il Sung einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Jedenfalls interessierte er sich sehr ausgiebig für das Schiff. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Frau Prof. Dr. Picht zu sprechen, die damals, wie auch zu vielen anderen Anlässen, für Honecker und andere Funktionäre gedolmetscht hat und sie erinnerte sich tatsächlich noch recht lebhaft an diese Episode. Kim Il Sung wollte viele Details über das Schiff wissen und als sie auf seine Frage nach dem Tiefgang die Antwort des Kapitäns „90 cm“ übersetzte, konnte Kim das zuerst garnicht so recht glauben und versicherte sich nochmal, dass sie das richtig übersetzt und er das richtig verstanden habe. Danach schickte er seinen Premierminister mit ihr auf die Brücke, um Informationen über den konkreten Aufbau des Schiffes einzuholen. Das Ergebnis dieser Begeisterung des großen Führers war, dass man sich die Pläne für das Schiff von der DDR besorgte und das Ganze dann in Nordkorea nachbauen ließ.

Mit alledem hätte ich mich allerdings so vermutlich nie beschäftigt und auch nicht mit Frau Picht darüber gesprochen, wäre nicht Matthias bei seiner Nordkoreareise im letzten Jahr aufgefallen, dass das Schiff, dass da in Pjöngjang lag, der Dresden zum Verwechseln ähnlich sah und hätte er mir nicht ein Bild von dem Schiff zukommen lassen, dessen nordkoreanische Version sinnigerweise „Pjöngjang“ heißt.

Raddampfer Pjöngjang

Um zum Vergleich den Dampfer „Dresden“ anzugucken einfach auf das Bild klicken. (Bild: M.E.)

Wie gesagt: Nur eine kleine Episode, aber irgendwie doch sinnbildlich. Einerseits, mit Blick auf die ostdeutsch-nordkoreanische Geschichte, die nach dem Ende der DDR und ihrem Anschluss an die BRD nur noch am Rande steht und kaum mehr wahrgenommen wird (wie so manch anderer Aspekt der DDR-Geschichte auch, so ist das eben, die Sieger schreiben die Geschichte (ist es nicht irgendwie bezeichnend, dass ich auf digitalisierte Teile der DDR-Archive am besten über ein US-amerikanisches Projekt zugreifen kann?)), was schade ist, weil es dort sicherlich einiges spannendes zu  finden gäbe. Andererseits sieht man hieran auch, wie viele Leute es gibt, die spannende Geschichte zu erzählen haben, weil sie in der Vergangenheit auf die eine oder andere Art einen Bezug zu Nordkorea bekamen.

Die Sache mit der Legitimität — Was das ist, wo es herkommt und wie man damit das Handeln Nordkoreas erklären kann


Wenn man aktuell über Kim Jong Uns Nachfolge und die weitere innen- wie außenpolitische Strategie Nordkoreas reden hört und schreiben liest (diese Wendung gibt es so wohl nicht, aber wenn man „reden hören“ nutzen darf, sollte das auch für „schreiben lesen“ gelten (ich bi eben für Chancengleichheit…)), dann wird sehr häufig die „Legitimität“ der neuen Führung ins Spiel gebracht.

Die gute alte Legitimität. Immer gern genommen…

Mit dieser Legitimität kann man, so scheint es manchmal, so gut wie alles erklären. Wenn Kim Jong Un aussieht wie sein Opa hat das ganz klar was mit Legitimität zu tun und wenn er sich nicht verhält wie ein sozial gestörter Autist (wen meine ich nur damit. Nur weil man nie vor Menschen spricht und nur mit einem Panzerzug verreist…) auch. Wenn er seine Frau präsentiert eh und wenn Nordkorea eine Annäherung an die USA plant genauso. Auch dann, wenn Nordkorea eine Rakete testen will, eine Parade durchführt oder Monumente errichtet. Allerdings passt auch das Thema Wirtschaft blendend zur Legitimität und so verwundert es nicht, dass ein sichtbarer Aufschwung in Pjöngjang genausogut unter den Vorzeichen der Legitimität diskutiert werden kann wie Maßnahmen in den Sonderwirtschaftszonen zu diesen Vorzeichen passen.

…aber was ist denn eigentlich damit gemeint?

Allerdings wird meistens nur gesagt, dass dies und das der Legitimität zu- oder abträglich ist, aber was genau jetzt diese unglaublich vielschichtige Legitimität ist, wozu man sie braucht und wie man sie kriegt und verliert, darüber wird seltener gesprochen. Kein Wunder. Das muss ja auch ziemlich kompliziert sein, wenn man sieht, was alles in diesen Komplex der Legitimität eingeordnet werden kann. Daher dachte ich, befasse ich mich einfach nochmal ein bisschen mit diesem Thema, damit dieser schwammige Legitimitätsbegriff, den man zu allem und jedem heranziehen kann für euch mal ein bisschen mehr an Konturen gewinnt. Dazu ist erstmal festzuhalten, dass wie das häufig bei solchen Begrifflichkeiten der Fall ist, nicht ein feststehendes Theoriegebäude existiert, das alles was mit Legitimität zusammenhängt erschöpfend erklärt, sondern dass sich zu diesem Thema eine Vielzahl schlauer Köpfe Gedanken gemacht hat, die sich häufig gute ergänzen, aber hin und wieder auch ein bisschen widersprechen. Da ich nicht die Zeit habe, mich nochmal durch seitenweise Literatur dazu zu wühlen, aber zu einem früheren Zeitpunkt etwas recht gutes dazu geschrieben habe, zitiere ich mich in der Folge einfach selbst (bzw. meine Magisterarbeit).

Allgemeine Definition

Daher erstmal etwas zur Frage, was Legitimität eigentlich ist:

Legitimität ist allgemein ein Merkmal in der Beziehung eines Staates mit seinen Untertanen und kann als Grund dafür gelten, dass sich die Untertanen des Staates seiner Herrschaft unterwerfen.

Legitimität ist also der tiefliegende Grund dafür, dass wir uns weitgehend klaglos den Gesetzen und Regeln unseres Staates unterwerfen, mehr oder weniger ehrlich unsere Steuern zahlen und uns nicht darum bemühen, unser derzeitiges politisches System durch etwas vollkommen anderes zu ersetzen. Andersherum gesehen, dürfte ein Mangel an Legitimität der Grund dafür sein, dass z.B. die syrische Führung momentan sehr unruhige Zeiten durchlebt. Genauso kann man mit Legitimitätsdefiziten einiges von dem erklären, dass in den vergangenen Jahren in den Staaten der arabischen Welt passiert ist, wobei man Unterschiede in den Legitimitäten der Staaten z.B. auch daran zu belegen versuchen könnte, dass in manchen Staaten Aufstände losbrachen und in anderen nicht. So kann man sagen, dass Legitimität wohl auch ein Grund dafür ist, dass das nordkoreanische System weiterhin besteht.

Wessen Legitimität denn jetzt?

Allerdings muss man bei der Nutzung des Begriffes Legitimität ganz genau darauf  achten, auf wen man den Begriff anwendet. Denn es sind ja durchaus Fälle vorstellbar, in denen man Führungspersonen als illegitim ansieht, ein politisches System, nach dem die Führung organisiert ist jedoch nicht. Allerdings ist es fraglich (das könnte man ausgiebig diskutieren) ob eine solche Unterscheidung im politischen System Nordkoreas wirklich Sinn macht. Denn es ist wohl unbestritten, dass die Person des Führers (und mittlerweile wohl auch die Tatsache, dass diese Person zur Linie Kim Il Sungs gehört) ein konstituierendes Teil des nordkoreanischen Systems ist. Wenn aber der Führer seine Legitimität verliert, dann wohl auch das System, das um ihn herum geschaffen wurde. Ich nehme also in der Folge an, dass ein Legitimitätsgewinn oder -verlust des Führers sich entsprechend auch auf die Systemlegitimität auswirkt.

Wo kommt Legitimität her?

Nun gut, dass die Legitimität also der Grund dafür ist, dass sich die Menschen dem Staat unterordnen und nicht ständig Revolution machen mag eine gute Sache sein. Für den/die Staatsmann/-frau von Welt, egal ob Demokrat (Möchtegern-)Diktator oder Hybrid, ist natürlich viel wichtiger, wo man diese Legitimität herbekommt, wie man sie behält und was sie einem abspenstig machen kann. Die Erklärung von dem allen ist sowas wie eine Königsdisziplin der politischen Wissenschaften, denn wie in der Einleitung schon angedeutet, gibt es ziemlich viele potentielle Faktoren, die auf die eine oder andere Weise auf die Legitimität einwirken können.

Max Webers grundlegende Einteilung

Grundlegende und richtungweisende Gedanken zu diesem Thema hat sich Max Weber gemacht, der in so ziemlich allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen bedeutende Fundamente gelegt hat:

Weber sieht drei mögliche Quellen der Legitimität, die sich dann unmittelbar auf die Art der Herrschaftsausübung auswirken und Bestimmungsgrundlage des politischen Systems sind. Bei der traditionellen Herrschaft beruht die Legitimation auf dem inneren Glauben an die Heiligkeit althergebrachter Ordnungen und Traditionen. Bei der charismatischen Herrschaft entspringt die Legitimität der Herrschaft dem besonderen Charisma der Führungspersönlichkeit, wobei dieses Charisma aus der besonderen „Qualität einer Persönlichkeit, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens als spezifischen außeralltäglichen […] Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als «Führer» gewertet wird“, hervorgeht. Die letzte Kategorie der Herrschaft und der Legitimität nach Weber ist die legal-rationale Herrschaft. Hier begründet sich die Legitimität der Herrschaft in der Legalität der Ordnung. Herrscher und Beherrschte sind denselben Rechtsnormen unterworfen, das Recht wird zum Fundament der Herrschaftslegitimation. Die oben dargestellten Herrschaftsarten und Legitimationsquellen sind idealtypische Darstellungen und es wird nicht angenommen, dass sie in Reinform auftreten. Vielmehr sind es immer Mischformen aus den jeweiligen Legitimationsquellen und den damit verbundenen Arten der Herrschaftsausübung.

Charismatische Legitimierung in Nordkorea früher und heute

Wer sich schonmal ein bisschen mit dem Personenkult auseinandergesetzt hat, der in Nordkorea um Kim Il Sung und Kim Jong Il getrieben wurde, der kann sich denken, auf welche der drei Säulen nach Weber man sich in Nordkorea vor allem verließ. Die charismatische. Zwar sind die Zuschreibungen von „übernatürlichem oder übermenschlichem“ in den vergangenen Jahren zurückgegangen (ich bin mal gespannt, ob es auch im Zusammenhang mit Kim Jong Un noch zu Wundererscheinungen kommen wird, oder ob die mit dem Tod Kim Jong Ils aus dem Propagandaarsenal gestrichen wurden), jedoch kann man für Kim Jong Un zumindest aufgrund seines Auftretens, das bewusst Anleihen an Kim Il Sung zu nehmen scheint, ebenfalls starke Anleihen an charismatischer Legitimation ausmachen (Allerdings muss man sich hier dann nochmal die Frage danach stellen, ob man dann nicht doch zwischen System und Führer unterscheiden muss. Während sich im Falle Kim Il Sungs der Staat durch seine Person legitimierte, ist es im Falle Kim Jong Uns (wie seines Vaters) eher so, dass sie ihre eigene Herrschaft legitimieren, nicht aber das System an sich).

Die anderen beiden Wege der Legitimierung: Ergänzende Aspekte

Mit einem bisschen guten Willen kann man daneben aber auch Versuche des nordkoreanischen Staates erkennen, sich über die beiden anderen Quellen zu legitimieren. So könnte man die immer wieder zu findende Berufung auf die Tradition des Koguryo-Reiches und die ideologischen Anleihen bei Konfuzianismus wie Christentum als Versuche interpretieren, sich auf traditionelle Werte zu berufen, also dem Muster traditioneller Herrschaft zu folgen. Aspekte wie die immer wieder beschworene, freie Bildung oder Gesundheitsversorgung und so ziemlich alles andere was in der Verfassung steht, könnte man als Versuch interpretieren, das Staatswesen auf legal-rationale Art zu legitimieren. Allerdings muss das Papier im Falle Nordkoreas ja bekanntlich besonders geduldig sein und daher ist durchaus die Frage erlaubt, inwiefern das zur tatsächlichen Legitimität beiträgt und inwiefern Differenzen zwischen Realität und auf Papier festgehaltenem Anspruch nicht zur Delegitimierung des Systems führen können.

Seymour Martin Lipset: Legitimität und Effektivität

Nach Max Weber haben sich noch viele weitere schlaue Leute Gedanken zu Fragen der Legitimität gemacht. Da mir bisher wirtschaftliche Aspekte ein bisschen kurz kamen, die aber gerade im Fall Nordkorea immer wieder angeführt werden, habe ich mir noch einen Vertreter gesucht, der darauf näher eingegangen war. Fündig wurde ich damals (und damit heute wieder) bei Seymour Martin Lipset. Der hatte den Begriff der Legitimität die auf dem

Legitimitätsglauben der Herrschaftsunterworfenen und der Fähigkeit der Herrschenden, diesen zu beeinflussen

beruhte um den Begriff der Effectiveness ergänzt. Diese

beschreibt die Leistungsfähigkeit bzw. die konkreten Leistungen des Systems gegenüber der Gesellschaft, aber auch gegenüber einflussreichen Gruppen, wie zum Beispiel dem Militär. Effektivität wird als instrumentelles Konzept beschrieben, das auch kurzfristig Legitimitätsdefizite ausgleichen kann. Jedoch wird der umgekehrte Weg als wesentlich gangbarer beschrieben. Während sehr effektive, aber nicht legitime Systeme immer ein gewisses Maß an Instabilität in sich bergen, bleiben nicht effektive, aber mit hoher Legitimität ausgestattete Systeme vorerst stabil. Langfristig kann eine hohe Effektivität dem System jedoch weitere Legitimität hinzufügen.

Nordkorea arbeitet an seiner Effektivität. Warum nur?

Was damit gemeint ist, ist ja relativ plastisch greifbar. Wenn ein Staat für die ganze Bevölkerung oder tragende Pfeiler viele Leistungen erbringen kann (zum Beispiel wenn man in einem schönen Haus wohnen und sich nette Sachen kaufen kann), dann kann der Staat damit Defizite im Bereich der Legitimität ausgleichen. Jedoch scheint das etwas schwieriger zu sein als umgekehrt, also wenn ein System zwar legitim aber nicht effektiv ist. Wenn wir das einfach mal auf Nordkorea beziehen, böte sich dann ein recht interessantes Bild. Bis dato war der Staat alles andere als Effektiv (jedenfalls gegenüber weiten Teilen der Bevölkerung und vor allem auch den normalsterblichen Militärangehörigen). Also gab es wohl kein Legitimitätsdefizit auszugleichen. Jetzt scheint die Führung in Pjöngjang aber davon auszugehen, dass der Staat im Bereich der Effektivität „liefern“ (dem Menschen der sich diese besch…eidene Formulierung ausgedacht hat, möchte ich seine vermutlich schwarzgelbe Krawatte mal durch einen Pott frisch „gelieferter“ Hundeexkremente ziehen (entschuldigt den Ausbruch, musste mal gesagt werden)) muss. Also geht man möglicherweise von Defiziten im Bereich der Legitimität aus. Wenn aber das Ersetzen von Legitimität durch Effektivität riskanter ist und eine langfristige Angelegenheit, dann ist auch der Weg, den Nordkorea geht (wenn es tatsächlich die Wirtschaft aufbauen will um das System zu stützen und zukunftsfähig zu machen (was ich für durchaus wahrscheinlich halte)) ein nicht ungefährlicher, denn man ersetzt die wirkmächtige Legitimität durch die riskantere Effektivität.

Die Sache mit dem Glauben. Wie er erhalten wird und wie er verlorengeht

Aber warum sollte man das tun? Vielleicht, weil es mit der Legitimität des Regimes ohnehin nicht mehr so weit her ist. Wie oben gezeigt wurde, verliert die Geschichte mit der charismatischen Legitimität ihre Wirkkraft und die anderen beiden Säulen, die ich genannt habe sind ohnehin zum Teil nicht wirklich funktionierend. Hm, einen entscheidenden Punkt habe ich jedoch bisher ausgelassen. Denn die von mir angeführten Autoren haben jeweils dezidiert auf den Aspekt des Glaubens im Zusammenhang mit der Legitimität verwiesen. Das heißt es kommt nicht immer wirklich darauf an, was ist, sondern darauf, was die Menschen glauben das ist. Die nordkoreanische Propagandamaschine ist weltberühmt und ebenso fast schon sprichwörtlich ist die Abschottung des Landes. Beides dient (wenn auch nicht exklusiv), dem Zweck, den Glauben in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Propaganda pflanzt ihn ein und frischt ihn Tag für Tag auf, die Abschottung sorgt dafür, dass es keine Vergleichsmöglichkeiten, also keinen Maßstab gibt, an dem der eigene Glaube mit der Realität abgeglichen werden kann. Dieses Erfolgsduo aus Propaganda und Abschottung konnte aber nur so gut funktionieren, weil es sich gegenseitig ergänzte und verstärkte. Jetzt beginnt die Säule der Abschottung zunehmend zu erodieren. Die Menschen bekommen Maßstäbe. Damit wird der Glaube immer wieder auf die Probe gestellt und wenn der verloren geht, dann ist es auch mit der Legitimität nicht mehr weit her. Naja und damit ist man darauf angewiesen, diese Legitimität irgendwie aufzufüllen. Und dazu fällt den Staatslenkern in Nordkorea wohl momentan nur die Effektivität durch wirtschaftliche Leistungen ein.

Rodney Barker: Schichtenspezifische Legitimierung und Zwang

Rodney Barker schließlich ergänzte das ganze Bild durch einen eher „schichtenspezifischen“ Blickwinkel.

Er verweist auf die Möglichkeit, dass die Beziehung zwischen dem Staat und unterschiedlichen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft auf unterschiedlichen Arten und Graden von Legitimität beruhen kann. So besteht die Möglichkeit, dass sich der Staat gegenüber seinen Eliten über seine rationale Verfahrensweise legitimiert, während gegenüber anderen Gruppen Legitimität fast vollständig durch Zwang und Gewalt ersetzt wird.

Gerade für Nordkorea mit seinem straff organisierten sozialen Kastensystem ist diese Ergänzung interessant, denn tatsächlich lassen sich unterschiedliche Methoden der Legitimierung pro Schicht erkennen. So verlässt man sich bei den oberen Klassen seit Jahren eher auf die Effectiveness, indem man diesen Klassen Güter bereitstellt. In den unteren Schichten konnte man sich dagegen lange auf die charismatische Legitimität verlassen. Das geht jedoch zunehmend zuende, so dass für diese Klasse wohl eine neue Legitimierungsbasis gefunden werden muss. Neben der Effektivität, die sich so schnell nicht einstellen wird (wer jetzt von der schönen neuen Glitzerwelt in Pjöngjang erzählen will, der soll bitte überlegen wer da wohnt und wer in den Teilen des Landes wohnt, für die die Hilfsorganisationen der UN weiterhin Alarm schlagen, das ist nämlich eigentlich ein starker Hinweis auf verschiedene Methoden der Legitimierung), sind auch Zwang und Gewalt als kurzfristig einsetzbare Mittel zur Sicherung der Gefolgschaft zu nennen.

Zwang als Mittel: Es funktioniert – Nur wie lange?

Allerdings ist deren Wirkung nicht besonders zuverlässig und kann kaum als alleiniges Mittel zur Ergänzung nicht vorhandener Legitimität dienen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an Charles Taylor. Der Mann wurde 1997 in Liberia zum Präsidenten gewählt. Das öfter mal als Wahlkampfslogan bezeichnete Geflügelte Wort, das einen Teil seines Aufstiegs zum gewählten Präsidenten ganz gut beschreibt lautete wie folgt:

He killed my ma, he killed my pa, I’ll vote for him.

Allerdings musste er bald erfahren, dass allein mit Terror nicht wirklich ein Staat zu führen ist. Dementsprechend verantwortet er sich jetzt in Den Haag (zwar nicht dafür, was er seinen eigenen Leuten angetan hat, aber die Nachbarn in Sierra Leone hatten auch unter ihm zu leiden). Naja, soviel nur kurz zur Möglichkeit, mangelnde Legitimität durch Zwang und Gewalt zu ersetzen. Das funktioniert zwar, aber nicht ewig.

Legitimität: Ein Analysefaktor den man beachten sollte

Dementsprechend sind die vielfältigen Analysen des Handelns Nordkoreas unter dem Schlagwort „Legitimität“ alles andere als falsch. Man kann das machen und sicherlich ist da auch öfter mal was Wahres dran. Allerdings wäre es hin und wieder nicht schlecht, wenn man vorweg ein paar Worte zur Bedeutung dieses Schlagwortes schicken würde. Das habe ich hiermit versucht. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass man versuchen wird, auch um Kim Jong Un eine Art charismatische Legitimationsbasis zu bauen. Allerdings will man dabei wohl anders vorgehen als bei seinem Vater Kim Jong  Il.  Bei ihm lieh man sich sozusagen die Legitimität von Kim Il Sung und stellte ihn als denjenigen dar, der Kim Il Sung und seine Pläne genau kannte und deshalb auch der einzige sein konnte, der diese Pläne umsetzt. Das klappt natürlich nicht mehr für Kim Jong Un. Stattdessen wird er jetzt derjenige sein, der einerseits die alten Werte Kim Il Sungs vertritt (sieht man ihm ja an..) und der andererseits das Land modernisiert und aufrichtet. Er vereint also altes und neues und kann somit wieder — so denke ich, dass man sich das denkt — eine eigene charismatische Legitimationsbasis gründen. Wenn das geschafft ist, dann sind Aspekte der Effektivität nice to have, aber kein Muss mehr.

UPDATE (10.05.2012): Kim Yong-nam und Indonesiens Präsident Yudhoyono wollen sich treffen. Warum Indonesien ein Schlüsselstaat für Nordkorea ist


Update (10.05.2012): Das ging aber schnell. Ich dachte Kim Yong-nam soll im Juni gemeinsam mit Außenminister Pak Ui-chun nach Indonesien fliegen. Und jetzt ist er heute schon ohne den Außenminister ins Flugzeug gestiegen. Allerdings fliegt er erstmal nach Singapur und wird dort von Premier Tony Tan Keng Yam empfangen. Am 13. soll er dann nach Indonesien weiterfliegen. Pak Ui-chun konnte er nicht mitnehmen, weil der gerade in Ägypten bei den Blockfreien ist.

Schon seltsam, wenn es auf einmal so schnell geht. Aber vielleicht würde eine spätere Reise mit anderen Vorhaben kollidieren und man macht sich Sorgen, dass man dann nicht mehr so willkommen wäre. Oder man will den beiden (als Vermittler bekannten) Gastgebern die Chance bieten, ihre Qualitäten bei der Verhinderung eines Nukleartests zu beweisen. Wer weiß das schon. Was man dagegen weiß, ist, wen er noch so dabei hat. Den Leichtindustrieminister und den Vorsitzenden der Joint Venture Kommission. Vielleicht sucht man noch ein paar nicht-chinesische Investoren für das nordkoreanische Wirtschaftswunder.

Ursprünglicher Beitrag (04.05.2012): Von der Welt weitgehend unbemerkt (oder -kommentiert) hat Nordkoreas protokollarisches Staatsoberhaupt Kim Yong-nam sich offensichtlich für einen Besuch in Jakarta angekündigt. Dort will er unter anderem mit Präsident Susilo Bambang Yudhoyono zusammentreffen. Den Angaben zufolge soll er von mehreren Ministern des Kabinetts, darunter auch Außenminister Pak Ui-chun, begleitet werden. Der Besuch dürfte die erste wirklich hochrangige Auslandsreise nach den jüngsten Spannungen um Nordkoreas Satellitenstart sein und es sind bisher keine Informationen bekannt geworden, ob die Delegation noch andere Ziele in der Region ansteuern möchte.

Dass gerade Indonesien das erste Land ist, das Nordkoreas „Elder Statesman“ Kim Yong-nam nach Kim Il Sungs Geburtstagswoche und den damit verbundenen Änderungen in Nordkoreas Führungsstrukturen und dem Satellitenstart ansteuert, ist nicht uninteressant, dass sich Indonesiens Präsident dabei zu einem Treffen bereitfindet, ebenfalls nicht. Daher möchte ich mich in der Folge kurz mit diesem Besuch und möglichen Hintergründen auseinandersetzen. Dazu werde ich zuerst ganz kurz die Historie der Beziehungen zwischen beiden Ländern beleuchten, dann etwas zur Rolle Kim Yong-nams (vor allem als außenpolitischer Repräsentant) sagen um dann darauf einzugehen, was die Beweggründe Pjöngjangs wie Jakartas für das Treffen sein könnten.

Indonesien und Nordkorea: Eine kurze Geschichte

Die Beziehungen zwischen beiden Staaten reichen weit zurück und waren häufig enger, als das die geringe ideologische Nähe der Staaten vermuten lässt.

Persönliche Beziehungen und ein früher Auslandsbesuch Kim Jong Ils

Diplomatische Beziehungen wurden 1962 aufgenommen, in einer Zeit, in der die Regierung eine zunehmend aktive Politik gegenüber den anderen Ländern des globalen Süden (v.a. Südostasiens und Afrikas) zu betreiben begann. 1965 besuchte dann Kim Il Sung einen Dritte-Welt-Gipfel in Jakarta, was gleichzeitig seinen ersten Besuch in einem Staat markierte, der nicht dem Ostblock angehörte.

Kim Il Sung und Sukarno 1965

Kim Il Sung und Sukarno

Noch interessanter finde ich allerdings, wer ihn begleitete. Der damals noch sehr jugendliche Kim Jong Il scheint damals noch nicht von so einer starken Aversion gegen Fernreisen betroffen gewesen zu sein. Kim Il Sung traf den damals herrschenden indonesischen Präsidenten Sukarno und scheinbar gab es auch ein Beisammensein mit der Familie, denn Kim Jong Il soll dabei auch die Tochter Sokarnos und spätere Präsidentin Megawati Sukarnoputri getroffen haben (die vorherigen Infos kommen aus diesem sehr interessanten Paper zu Nordkoreas Internationalismus), die ihn 2002 in dieser Funktion in Pjöngjang besuchte.

Kim Jong Il und Megawati Sukarnoputri

Kim Jong Il und Megawati Sukarnoputri

Familienfreundschaft…

Der Besuch Megawati Sukarnoputris 2002 zeigt, dass die Beziehungen beider Länder trotz der wechselhaften politischen Entwicklung Indonesiens (so konnten ihr Vater und Kim Il Sung ihre Beziehungen nicht lange ausbauen, denn Sukarno wurde noch 1965 aus dem Amt gefegt) und der geänderten geopolitischen Konstellation nie einschliefen. Übrigens scheint die Sukarno-Kim Familienfreundschaft wirklich eng (gewesen) zu sein denn Dewi Sukarno, die Ex-Frau des 1970 verstorbenen Ex-Präsidenten, scheint zu Kim Il Sungs Geburtstagsfeierlichkeiten im April diesen Jahres in Pjöngjang gewesen zu sein. Das wird jedenfalls in diesem sehr informativen Reisebericht des Präsidenten der Indonesisch-Nordkoreanischen Freundschaftsgesellschaft gesagt.

…aber nicht nur

Dass es sich auch nicht um eine reine „Familienangelegenheit“ handelt, zeigt die Tatsache, dass Kim Yong-nam auch 2005 (zum zweiten Mal nach 2002, als Kim Yong-nam die Präsidentin traf) in Indonesien zu Gast war. Damals traf er allerdings nicht mit dem gerade im Vorjahr ins Amt gekommenen Präsidenten Yudhoyono zusammen, sondern nahm am Asien-Afrika-Gipfel statt. Nichtsdestotrotz positionierte sich Indonesien zumindest in den vergangenen zehn Jahren immer wieder als aktiver Vermittler bezüglich Nordkoreas, allerdings mit wechselndem Erfolg. Als positives Ergebnis dieser Bemühungen kann beispielsweise das Zusammentreffen der Außenminister Süd- und Nordkoreas auf dem ARF im vergangenen Jahr in Bali gewertet werden.

In jüngster Zeit war Indonesien eines der Länder, das unter der geplanten Startroute der vorher schon explodierten Trägerrakete für den nordkoreanischen Satellitenstart lag. Daher wurde die Regierung in Jakarta unter Druck gesetzt, klar gegen den Satellitenstart Stellung zu beziehen, was man allerdings m.E. auffällig halbherzig tat, wenn man beispielsweise die Reaktionen anderer Staaten betrachtet, die enger mit den USA verbunden sind.

Indonesien als Schlüsselstaat für Nordkorea: Politisch…

Neben diesen bilateralen Faktoren muss man im Bezug auf Indonesien auch an das Land als bedeutendes  Mitglied der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) denken. In Nordkoreas Außenpolitik nimmt die ASEAN neben der geographischen Nähe offensichtlich schon deshalb eine Sonderrolle ein, weil das ASEAN Regionl Forum (ARF) der ASEAN die einzige fest institutionalisiere multilaterale sicherheitspolitische Veranstaltung ist, an der Pjöngjang regelmäßig teilnimmt. Damit garantiert die ASEAN sozusagen ein Minimum an sicherheitspolitischer Einbindung Pjöngjangs. Indonesien stellt mit 240 Millionen Einwohnern und einer in den letzten Jahren erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung eines der politischen und diplomatischen Schwergewichte der Staatengruppe dar. Daher dürfte Jakarta auch ein bedeutender Adressat Pjöngjangs sein, um eine auf Ausgleich und Kooperation bedachte, gemeinsame Position der ASEAN gegenüber Nordkorea zu garantieren.

…und geographisch

Mal ganz abgesehen von all den diplomatischen Faktoren müssen alle nordkoreanischen Schiffe, die nach Afrika oder auch Myanmar wollen, irgendwann durch indonesische Gewässer.

An Indonesien führt kaum ein Weg vorbei…

Das heißt, Jakarta könnte einige Geschäfte Pjöngjangs zu einer sehr unangenehmen Angelegenheit machen, wenn man dort die Sanktionen der UN sehr ernst nähme oder sich gar an der Prolifertion Security Initiative der USA beteiligen würde. Auch daher ist Indonesien ein Schlüsselstaat für Pjöngjang.

Der Gast aus Pjöngjang: Kim Yong-nam

Aus all diesen Gründen dürfte man in Nordkorea gesteigerten Wert darauf legen, gute Beziehungen zu den jeweils aktuellen Führungen in Jakarta zu unterhalten. Daher dürfte man auch die diplomatisch schwergewichtigste Persönlichkeit auf die Reise schicken, die man aktuell zu bieten hat.

Institutionelle Konstante

Kim Yong-nam hat in seiner Funktion als Vertreter der Obersten Volksversammlung Nordkoreas (Supreme People’s Assembly (SPA)) seit 1998 Kim Il Sungs Präsidenten-Aufgaben übernommen und repräsentiert Nordkorea nach außen. So schreibt er zu allen möglichen Anlässen Grüße in alle Welt, empfängt Gäste aus dem Ausland oder geht auch häufig selbst auf Reisen. Daneben sitzt er im Präsidium des Politbüros des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas und ist damit an einer der Schaltstellen des Regimes vertreten. Seine Auslandsreisen, die er trotz seines fortgeschrittenen Alters noch regelmäßig durchführt, führen ihn vor allem in die Staaten Südostasiens und nach Afrika. Der 84 jährige ist vermutlich nach außen wie nach innen eine der dauerhaftesten Größen des Regimes, denn er hatte schon unter Kim Il Sung hohe Ämter in Partei und Kabinett inne (in letzterem arbeitete er bis zu seinem Aufstieg 1998 seit 1983 als Außenminister) und stellt so eine institutionelle Konstante von Kim Il Sung bis Kim Jong-un dar (ich bin mal gespannt, wie er eines Tages ersetzt werden soll).

Gut vernetzt nach außen und innen

Während in Pjöngjang die Außenminister schonmal wechselten, blieb Kim Yong-nam immer der Gleiche und konnte so vermutlich gute Kontakte in viele Staaten des Südens knüpfen. Über seine tatsächliche außenpolitische Macht lässt sich zwar nicht allzuviel sagen, jedoch steht er wohl im regelmäßigen Austausch mit den Spitzen des Regimes und kennt daher Pläne und Prioritäten. Wenn er im Ausland zu Gast ist, dann dürfte er dort auch etwas zu sagen haben, auch wenn er dies in Konsultation mit oder im Auftrag von Anderen tut. Da er eine Reihe von Ministern nach Jakarta mitbringen will, scheint die Reise auch praktischen Zwecken dienen zu sollen und nicht nur der Beziehungspflege.

Beide Seiten versprechen sich etwas

Es sieht also so aus, als würden sich beide Seiten etwas von dem geplanten Besuch Kim Yong-nams etwas erhoffen, denn sonst hätte man in Pjöngjang dem alten Mann vielleicht eher etwas Ruhe gegönnt (das Reisen wird in diesem Alter von Jahr zu Jahr sicher nicht einfacher) und sonst hätte sich Indonesiens Präsident Yudhoyono unter den gegebenen schwierigen außenpolitischen Umständen auch sicherlich nicht zu einem solchen Treffen entschieden.

Nordkorea

Auf Seiten Nordkoreas habe ich oben ja bereits einige Ziele beschrieben, die sich aus der großen Bedeutung Indonesiens ergeben. Der Staat ist als Führungsnation der ASEAN und durch seine geographische Position ein Schlüsselpartner für Pjöngjang. Man wird es sich nur schwerlich erlauben können, die Beziehungen zu Jakarta erkalten zu lassen und muss daher gerade nach dem Raketenstart aktive diplomatische Landschaftspflege betreiben (nicht zuletzt muss man sich vermutlich wegen der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Indonesien und Südkorea öfter mal versichern, dass der Süden nicht anfängt, Jakarta abspenstig zu machen).

Vielleicht kann man den geplanten Besuch auch schon im Hinblick auf das diesjährige ARF verstehen, für das sich Nordkorea evtl. etwas Besonderes vorgenommen hat oder zumindest einer deutlichen Verurteilung im Abschlussdokument des Treffens entgehen will. Möglicherweise erinnert man sich auch der aktiven Vermittlungstätigkeiten indonesischer Regierungen in der Vergangenheit und versucht einen neuen Kanal zu öffnen, um die festgefahrene Situation auf der Koreanischen Halbinsel etwas zu entschärfen.

Vielleicht (oder eher vermutlich) versucht man darüber hinaus ein bisschen Werbung für wirtschaftliche Investitionen zu machen. Die ökonomische Verknüpfung ist zurzeit durchaus ausbaufähig, selbst wenn die Zahlen etwas über den 15 Mio. Euro liegen sollten, mit denen die EU den Handel beider Staaten beziffert.

Indonesien

Analysten bewerten das Engagement des indonesischen Präsidenten gegenüber Nordkorea vor allem als Versuch, das indonesische Profil als Vermittler weiter zu stärken und so international an diplomatischem Gewicht zu gewinnen. Nach der erfolgreichen Vermittlungstätigkeit hinsichtlich Myanmar wende sich Yudhoyono nun Nordkorea zu, vielleicht um Kim Yong-nam die Entwicklungen in Myanmar als Paradebeispiel für eine schnelle Besserung der Situation nach einer Veränderung der politischen Haltung eines Landes zu präsentieren. Ergänzend ist vielleicht noch hinzuzufügen, dass auch die indonesische Wirtschaft von einer friedlichen Entwicklung auf der Koreanischen Halbinsel wegen der engen wirtschaftlichen Kontakte in die Region profitieren könnte, während eine dauerhaft konfliktreiche Lage eher hemmend wirken würde. Da ich davon ausgehe, dass Indonesien die recht erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre fortsetzen möchte, ist es ein vitales Interesse des Landes, einen Beitrag zum Frieden in der Region zu leisten.

Ruhe aus den USA

Auffällig finde ich insgesamt, dass sich die USA kaum zu dem geplanten Treffen geäußert haben. Der amerikanische Botschafter in Jakarta wird mit der Aussage zitiert, es liege bei Indonesien, wie es seine Außenpolitik betreibe, man hoffe aber, dass klar gestellt würde, dass provokatives Verhalten wie ein Nukleartest ein inakzeptables Verhalten darstelle. Die Zurückhaltung der USA könnte einerseits daher rühren, dass man weiß, dass es Indonesien nicht besonders schätzt, Politikempfehlungen aus Washington zu bekommen (allerdings war das im Vorfeld des Raketenstart anders), andererseits könnte man auch darauf hoffen, dass Indonesien tatsächlich vermittlerisch tätig wird.

Es ist angerichtet: Nordkorea bereitet Kim Il Sungs Geburtstagsparty vor


Es gibt ja Traditionen, denen gehen die Menschen in Aller Herren Länder nach. Einige davon haben mit Geburtstagen zu tun: Da kommt die ganze Familie zusammen, schmaust köstliche Leckereien, spricht über dies und das, was eben gerade wichtig ist und versucht darüber nicht in Streit zu geraten; Da gibt es jede Menge tolle Geschenke, vor allem für das Geburtstagskind aber auch schonmal für den Nachwuchs des Hauses; Und wenn der Jubilar eine wichtige Persönlichkeit ist oder zumindest reich (solche Leute neigen ja mitunter dazu, „Wichtigkeit“ aus Reichtum abzuleiten) dann wird auch schonmal zum Abschluss der Party ein Feuerwerk gezündet.

So in etwa haben sich das wohl auch die Veranstaltungsplaner von Kim Il Sungs rundem Jubiläum gedacht. Zum Hundertsten bekommt das Familienoberhaupt (als „ewiger Präsident“ wird er wohl auch das „ewige Familienoberhaupt“ sein) von seinen Abkömmlingen und Geschöpfen nämlich genau das. Das Feuerwerk ist ja schon bestellt und wird gerade aufgebaut und ein, oder eigentlich zwei Geschenke hängen damit mehr oder minder direkt zusammen. Das etwas greifbare ist der Wettersatellit, der im Idealfall irgendwann in zwei Wochen seine Arbeit aufnehmen kann. Er wäre ein manifester Beweis dafür, dass Kim Il Sungs Staat zu großen technologischen Leistungen im Stande ist und mit (oder trotz) seiner Idee einer weitgehenden Autarkie in der Lage ist, mit (mehr oder weniger) eigenen Entwicklungen, neue unbekannte Welten zu erobern. Das zweite Stützt sich auf diese Leistung. Denn was, wenn nicht die Entwicklung eines eigenen und nutzenbringenden (denn nach Ansicht der nordkoreanischen Propaganda kreisen ja aktuell zwei (Phantom-)Satelliten aus Nordkorea um die Erde und funken patriotisches Liedgut (was ja ganz nett ist, aber nicht wirklich nützlich)) Raumfahrtprogramms kann besser belegen, dass die Nation den Status einer „starken und prosperierenden Nation“ wie geplant erreicht hat.

Heute hat KCNA dann auch noch das zugehörige Familienfest terminiert. Die ganze Parteifamilie wird sich nämlich am 11. April in Pjöngjang treffen und eine Parteikonferenz abhalten (bisher war nur „Mitte April“ angegeben). Man wird wohl viel zu besprechen und auch zu entscheiden haben dort. Denn immerhin wurden Mitte Dezember letzten Jahres so ziemlich alle entscheidenden Staatsämter auf einen Schlag vakant und formell hat bisher noch niemand die Nachfolge angetreten. Das wird wohl die Hauptaufgabe der Konferenz sein. Und da haben wir dann auch schon die Geschenke für den Familiennachwuchs, denn ab dem 12. wird sich Kim Jong Un dann wohl Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas nennen können und auch Vorsitzender der zentralen Militärkommission der Partei sein. Ob es noch weitere Positionen gibt, die er bekommen wird, muss sich dann zeigen. Das Feuerwerk wird der junge Kim dann wohl schon in seiner neuen Funktion zünden und sich auf die Fahnen schreiben können. Sein Opa wäre sicher stolz gewesen zu sehen, wie der Familienbetrieb floriert.

Es sieht also ganz so aus, als würde Kim Il Sung eine rundum gelungene Party bekommen. Es wird jedenfalls spannend sein, das Fest zu verfolgen, denn ob es nicht noch weitere Überraschungen gibt, das kann man ja nie wissen. Außerdem ist es ja immer interessant zu beobachten, wer noch zur Familie gehört und wer verstoßen (oder schlimmeres) wurde. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch noch einen kleinen Familienstreit. Auch wenn das ziemlich unwahrscheinlich ist, so kann man sich ja gerade unter den gegebenen Umständen vorstellen, dass der Eine oder Andere am Ende des Tages mit dem Arrangement oder seinem Geschenk nicht glücklich ist.

Nordkoreanisches „Guerilla-Marketing“. Wie Kims Regime die Welt überzeugen will…


Ich befasse mich von Zeit zu Zeit ja ganz gerne mit Nordkoreas Öffentlichkeitsarbeit weil das oft gleichermaßen kurios und interessant ist. Daher fand ich es auch sehr spannend, als ich diesen Artikel auf „Korea Realtime“ gelesen habe. Darin geht es darum, wie es dem nordkoreanischen Propagandaparat gelingt, hier und da auf internationaler Ebene, auch mal gute Presse zu bekommen. Die einfache Lösung: Wenn niemand freiwillig was gutes schreiben will, dann schreibt man es halt selbst und bezahlt für die Publikation, zum Beispiel die in Bangladesch erscheinende „BLITZ“. In der Folge kann man dann über diesen Erfolg mächtig stolz sein und wiederum einen Bericht über den Bericht verfassen und den auf KCNA veröffentlichen. Wozu das genau gut sein soll? Ich weiß es nicht und wie groß genau die Zahl der philosophiebegeisterten Bangladeschis ist, die sich für Kim Jong Ils wegweisende Schrift: „On Some Questions in Understanding The Juche Philosophy“ von 1976 interessiert, die Vorgestern in BLITZ erschien, kann ich natürlich nicht sagen und warum es gerade Bangladesch ist, dass wo man für den Abdruck der nordkoreanischen Propaganda bezahlt, auch nicht. Interessant ist es aber allemal. Und die Freude bei KCNA über diesen großen (wenn auch vorhersehbaren) Erfolg hört sich auch echt an.

Jedenfalls erinnerte mich dieser Artikel dann an etwas, das ich vor längerem Mal in einem alten Spiegel gesehen hatte (also die Zeitschrift jetzt, nicht mein Gesicht verschwommen oder sowas…). Dort (Ausgabe vom 15.12.1969) ging es nämlich um eine Werbekampagne des nordkoreanischen Regimes (mittelbar), mit der eine Kim Il Sung Biografie unter anderem in der „New York Times“ und der „Times“ beworben wurde. Und nicht zuletzt auch in der FAZ.

Ganz unideologisch. Wenn sie bezahlten, durften sogar die Kommunisten in der FAZ werben.

Das hatte ich damals schon recht witzig gefunden (über die Medienlandschaft in Deutschland scheint man sich nicht so richtig informiert zu haben. Die potentielle Zielgruppe unter den FAZ-Lesern dürfte damals wie heute nicht sonderlich groß gewesen sein), aber irgendwie finde ich es noch lustiger, dass man gute alte Traditionen beibehält und nur etwas an die heutigen Begebenheiten anpasst (Vielleicht sollten die Propagandaleute mal beim „Express“ aus Köln nachfragen. Viel teurer als bei ner bangladeschischen Zeitschrift sollte es da auch nicht sein, nen Artikel unterzubringen…). Naja, vielleicht gucke ich mir in Zukunft doch mal die KCNA Berichte an, in denen steht, dass diese und jene Arbeit der Kims irgendwo veröffentlicht wurde. Vielleicht aber auch nicht…

Kim Il Sungs „Mit dem Jahrhundert“ als „bebildertes Hörbuch“


Manchmal macht es ja durchaus Sinn sich bei Youtube die Seiten von allen möglichen Spinnern anzugucken. Oft findet man da einiges Interessantes (das gilt übrigens für Links wie Rechts). Gestern habe ich mich mal ein bisschen mit Linken („Nordkorea-Fan“) Spinnern beschäftigt. Und dabei habe ich wirklich eine Perle gefunden (eigentlich noch viel mehr, aber das finde ich am Besten). Kim Il Sungs Erinnerungen „With the Century“ bzw. „Mit dem Jahrhundert“ (Nur Teil eins, was wohl grob die Jahre 1912 – 1926 abdeckt glaube ich) als „bebildertes Hörbuch“ in deutscher Sprache. Neben dem durchaus interessant bis witzigen Inhalt sind auch die Vielzahl alter Filmaufnahmen sehr schön und interessant anzusehen. Also schauts euch an, wenns euch interessiert…

Nordkorea und Simbabwe: Mal wieder die Geschichte…


Irgendwie scheint es in Simbabwe in einer erstaunlichen Regelmäßigkeit um Konflikte zu kommen, weil die Regierung gute Beziehungen zu Nordkorea pflegt, während die Bevölkerung auch nach fast 30 Jahren nicht vergessen kann, dass es Nordkoreaner waren, die eine Militäreinheit (die fünfte Brigade) ausbildeten, die dann ein Massaker unter mehreren zehntausend Zivilisten des Ndebele Stamms anrichtete.

Im Vorfeld der Fußball WM musste die nordkoreanische Nationalmannschaft ein Trainingslager in Simbabwe absagen, weil es starke Wiederstände aus der Bevölkerung gab. Und vor ein paar Tagen wurden die unguten Erinnerungen der Simbabwer von einer Statue geweckt, die den Freiheitskämpfer Joshua Nkomo zeigt (genaugenommen waren es zwei, nur wurde eine nie aufgestellt weil sie an einem symbolisch aufgeladenen Ort errichtet werden sollte, der an den Sieg Mugabes über Nkomo erinnert) und im Auftrag der Regierung in Harare angefertigt wurde (vermutlich durch die Mansudae Overseas Projects). Zwar gab es auch andere Konfliktpunkte, denn die Familie und Anhängerschaft Nkomos fühlten sich beim Prozedere der Auftragsvergabe und Auswahl des Standorts der Statuen übergangen, aber — und damit sind wir auch schon wieder bei Nordkorea — gehörte Nkomo pikanterweise jener ethnischen Gruppe der Ndebele an, die unter den Massakern der fünften Brigade zu leiden hatte. Dazu kann man wohl nur sagen: „In the face!“ Jedenfalls kein Beispiel politischen Feingefühls seitens der simbabwischen Regierung, die aber behauptete, das Vorgehen sei nicht beleidigend gemeint gewesen.

Naja, um die Geschichte der Statuen zu Ende zu bringen. Einige Tage nach der Enthüllung des drei Meter Bronze-Kolosses (manchmal habe ich den Verdacht, dass die Mansudae Overseas Projects  nur Aufträge annimmt, die mit Hilfe der Gussform Kim Il Sungs herzustellen sind) in Simbabwes zweitgrößter Stadt Bullawayo, gab die Regierung dem öffentlichen Druck nach und baute die Statue wieder ab. In Pjöngjang wird das wohl keinen interessieren. Die 600.000 US-Dollar die dafür veranschlagt waren sind bereits geflossen…