Deutsch-nordkoreanische Geschichte(n): Wie kommt ein sächsischer Raddampfer nach Pjöngjang?


Im Alltagsgeschäft meiner Bloggerei verliere ich mich ja allermeistens im Hier und Jetzt und werfe nur ganz selten mal einen Blick in die Vergangenheit. Und wenn ich einen solchen Blick werfe, dann meistens sehr selektiv und im Endeffekt mit dem Ziel einen Rückbezug zur Gegenwart herzustellen. Dabei hält auch die Geschichte manchmal Episoden bereit die für sich genommen schon interessant und erzählenswert genug sind, ohne sie immer gleich im Sinne einer analytischen Auswertung ausschlachten zu müssen. Nur stehen diese Episoden meist ein bisschen im Verborgenen und sind auch eher schwierig zu recherchieren.
Naja,  jedenfalls war ich froh und interessiert, als ich kürzlich auf eine kleine aber durchaus spannende Episode dieser Art gestoßen wurde, als ich ein paar Leute traf, die auf unterschiedliche Art damit verbunden waren. Die Geschichte handelt davon, wie es dazu kommt, dass ein Nachbau des Schaufelraddampfers „Dresden“, der noch heute im Betrieb ist, in Pjöngjang zu finden ist und stellt damit einen der wenigen Bezugspunkte der Freundschaft zwischen der DDR und Nordkorea dar.

1984 besuchte Kim Il Sung im Rahmen einer großen Europareise vom 30. Mai bis zum 3. Juni die DDR (sein zweiter und letzter Besuch dort) und traf dort unter anderem mit dem Generalsekretär der SED, Erich Honecker zusammen. Es wurde viel besprochen und diskutiert (für nähere Informationen dazu lest ihr am besten in den Protokollen der Treffen) aber natürlich gab es auch, wie zu solchen Anlässen üblich, ein umfangreiches Unterhaltungs-/Informationsprogramm, bei dem den ausländischen Gästen die Errungenschaften des realexistierenden Sozialismus auf deutschem Boden präsentiert wurden. Eine der Stationen Kim Il Sungs war eine Schiffstour Tour gemeinsam mit Honecker auf dem Raddampfer „Dresden“ durch die schöne Sächsische Schweiz (danke für die Zeitungsausschnitte an Matthias).

Bild via Politiek en Cultuur

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Naja und diese Tour scheint bei Kim Il Sung einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Jedenfalls interessierte er sich sehr ausgiebig für das Schiff. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Frau Prof. Dr. Picht zu sprechen, die damals, wie auch zu vielen anderen Anlässen, für Honecker und andere Funktionäre gedolmetscht hat und sie erinnerte sich tatsächlich noch recht lebhaft an diese Episode. Kim Il Sung wollte viele Details über das Schiff wissen und als sie auf seine Frage nach dem Tiefgang die Antwort des Kapitäns „90 cm“ übersetzte, konnte Kim das zuerst garnicht so recht glauben und versicherte sich nochmal, dass sie das richtig übersetzt und er das richtig verstanden habe. Danach schickte er seinen Premierminister mit ihr auf die Brücke, um Informationen über den konkreten Aufbau des Schiffes einzuholen. Das Ergebnis dieser Begeisterung des großen Führers war, dass man sich die Pläne für das Schiff von der DDR besorgte und das Ganze dann in Nordkorea nachbauen ließ.

Mit alledem hätte ich mich allerdings so vermutlich nie beschäftigt und auch nicht mit Frau Picht darüber gesprochen, wäre nicht Matthias bei seiner Nordkoreareise im letzten Jahr aufgefallen, dass das Schiff, dass da in Pjöngjang lag, der Dresden zum Verwechseln ähnlich sah und hätte er mir nicht ein Bild von dem Schiff zukommen lassen, dessen nordkoreanische Version sinnigerweise „Pjöngjang“ heißt.

Raddampfer Pjöngjang

Um zum Vergleich den Dampfer „Dresden“ anzugucken einfach auf das Bild klicken. (Bild: M.E.)

Wie gesagt: Nur eine kleine Episode, aber irgendwie doch sinnbildlich. Einerseits, mit Blick auf die ostdeutsch-nordkoreanische Geschichte, die nach dem Ende der DDR und ihrem Anschluss an die BRD nur noch am Rande steht und kaum mehr wahrgenommen wird (wie so manch anderer Aspekt der DDR-Geschichte auch, so ist das eben, die Sieger schreiben die Geschichte (ist es nicht irgendwie bezeichnend, dass ich auf digitalisierte Teile der DDR-Archive am besten über ein US-amerikanisches Projekt zugreifen kann?)), was schade ist, weil es dort sicherlich einiges spannendes zu  finden gäbe. Andererseits sieht man hieran auch, wie viele Leute es gibt, die spannende Geschichte zu erzählen haben, weil sie in der Vergangenheit auf die eine oder andere Art einen Bezug zu Nordkorea bekamen.

Die Sache mit der Legitimität — Was das ist, wo es herkommt und wie man damit das Handeln Nordkoreas erklären kann


Wenn man aktuell über Kim Jong Uns Nachfolge und die weitere innen- wie außenpolitische Strategie Nordkoreas reden hört und schreiben liest (diese Wendung gibt es so wohl nicht, aber wenn man „reden hören“ nutzen darf, sollte das auch für „schreiben lesen“ gelten (ich bi eben für Chancengleichheit…)), dann wird sehr häufig die „Legitimität“ der neuen Führung ins Spiel gebracht.

Die gute alte Legitimität. Immer gern genommen…

Mit dieser Legitimität kann man, so scheint es manchmal, so gut wie alles erklären. Wenn Kim Jong Un aussieht wie sein Opa hat das ganz klar was mit Legitimität zu tun und wenn er sich nicht verhält wie ein sozial gestörter Autist (wen meine ich nur damit. Nur weil man nie vor Menschen spricht und nur mit einem Panzerzug verreist…) auch. Wenn er seine Frau präsentiert eh und wenn Nordkorea eine Annäherung an die USA plant genauso. Auch dann, wenn Nordkorea eine Rakete testen will, eine Parade durchführt oder Monumente errichtet. Allerdings passt auch das Thema Wirtschaft blendend zur Legitimität und so verwundert es nicht, dass ein sichtbarer Aufschwung in Pjöngjang genausogut unter den Vorzeichen der Legitimität diskutiert werden kann wie Maßnahmen in den Sonderwirtschaftszonen zu diesen Vorzeichen passen.

…aber was ist denn eigentlich damit gemeint?

Allerdings wird meistens nur gesagt, dass dies und das der Legitimität zu- oder abträglich ist, aber was genau jetzt diese unglaublich vielschichtige Legitimität ist, wozu man sie braucht und wie man sie kriegt und verliert, darüber wird seltener gesprochen. Kein Wunder. Das muss ja auch ziemlich kompliziert sein, wenn man sieht, was alles in diesen Komplex der Legitimität eingeordnet werden kann. Daher dachte ich, befasse ich mich einfach nochmal ein bisschen mit diesem Thema, damit dieser schwammige Legitimitätsbegriff, den man zu allem und jedem heranziehen kann für euch mal ein bisschen mehr an Konturen gewinnt. Dazu ist erstmal festzuhalten, dass wie das häufig bei solchen Begrifflichkeiten der Fall ist, nicht ein feststehendes Theoriegebäude existiert, das alles was mit Legitimität zusammenhängt erschöpfend erklärt, sondern dass sich zu diesem Thema eine Vielzahl schlauer Köpfe Gedanken gemacht hat, die sich häufig gute ergänzen, aber hin und wieder auch ein bisschen widersprechen. Da ich nicht die Zeit habe, mich nochmal durch seitenweise Literatur dazu zu wühlen, aber zu einem früheren Zeitpunkt etwas recht gutes dazu geschrieben habe, zitiere ich mich in der Folge einfach selbst (bzw. meine Magisterarbeit).

Allgemeine Definition

Daher erstmal etwas zur Frage, was Legitimität eigentlich ist:

Legitimität ist allgemein ein Merkmal in der Beziehung eines Staates mit seinen Untertanen und kann als Grund dafür gelten, dass sich die Untertanen des Staates seiner Herrschaft unterwerfen.

Legitimität ist also der tiefliegende Grund dafür, dass wir uns weitgehend klaglos den Gesetzen und Regeln unseres Staates unterwerfen, mehr oder weniger ehrlich unsere Steuern zahlen und uns nicht darum bemühen, unser derzeitiges politisches System durch etwas vollkommen anderes zu ersetzen. Andersherum gesehen, dürfte ein Mangel an Legitimität der Grund dafür sein, dass z.B. die syrische Führung momentan sehr unruhige Zeiten durchlebt. Genauso kann man mit Legitimitätsdefiziten einiges von dem erklären, dass in den vergangenen Jahren in den Staaten der arabischen Welt passiert ist, wobei man Unterschiede in den Legitimitäten der Staaten z.B. auch daran zu belegen versuchen könnte, dass in manchen Staaten Aufstände losbrachen und in anderen nicht. So kann man sagen, dass Legitimität wohl auch ein Grund dafür ist, dass das nordkoreanische System weiterhin besteht.

Wessen Legitimität denn jetzt?

Allerdings muss man bei der Nutzung des Begriffes Legitimität ganz genau darauf  achten, auf wen man den Begriff anwendet. Denn es sind ja durchaus Fälle vorstellbar, in denen man Führungspersonen als illegitim ansieht, ein politisches System, nach dem die Führung organisiert ist jedoch nicht. Allerdings ist es fraglich (das könnte man ausgiebig diskutieren) ob eine solche Unterscheidung im politischen System Nordkoreas wirklich Sinn macht. Denn es ist wohl unbestritten, dass die Person des Führers (und mittlerweile wohl auch die Tatsache, dass diese Person zur Linie Kim Il Sungs gehört) ein konstituierendes Teil des nordkoreanischen Systems ist. Wenn aber der Führer seine Legitimität verliert, dann wohl auch das System, das um ihn herum geschaffen wurde. Ich nehme also in der Folge an, dass ein Legitimitätsgewinn oder -verlust des Führers sich entsprechend auch auf die Systemlegitimität auswirkt.

Wo kommt Legitimität her?

Nun gut, dass die Legitimität also der Grund dafür ist, dass sich die Menschen dem Staat unterordnen und nicht ständig Revolution machen mag eine gute Sache sein. Für den/die Staatsmann/-frau von Welt, egal ob Demokrat (Möchtegern-)Diktator oder Hybrid, ist natürlich viel wichtiger, wo man diese Legitimität herbekommt, wie man sie behält und was sie einem abspenstig machen kann. Die Erklärung von dem allen ist sowas wie eine Königsdisziplin der politischen Wissenschaften, denn wie in der Einleitung schon angedeutet, gibt es ziemlich viele potentielle Faktoren, die auf die eine oder andere Weise auf die Legitimität einwirken können.

Max Webers grundlegende Einteilung

Grundlegende und richtungweisende Gedanken zu diesem Thema hat sich Max Weber gemacht, der in so ziemlich allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen bedeutende Fundamente gelegt hat:

Weber sieht drei mögliche Quellen der Legitimität, die sich dann unmittelbar auf die Art der Herrschaftsausübung auswirken und Bestimmungsgrundlage des politischen Systems sind. Bei der traditionellen Herrschaft beruht die Legitimation auf dem inneren Glauben an die Heiligkeit althergebrachter Ordnungen und Traditionen. Bei der charismatischen Herrschaft entspringt die Legitimität der Herrschaft dem besonderen Charisma der Führungspersönlichkeit, wobei dieses Charisma aus der besonderen „Qualität einer Persönlichkeit, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens als spezifischen außeralltäglichen […] Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als «Führer» gewertet wird“, hervorgeht. Die letzte Kategorie der Herrschaft und der Legitimität nach Weber ist die legal-rationale Herrschaft. Hier begründet sich die Legitimität der Herrschaft in der Legalität der Ordnung. Herrscher und Beherrschte sind denselben Rechtsnormen unterworfen, das Recht wird zum Fundament der Herrschaftslegitimation. Die oben dargestellten Herrschaftsarten und Legitimationsquellen sind idealtypische Darstellungen und es wird nicht angenommen, dass sie in Reinform auftreten. Vielmehr sind es immer Mischformen aus den jeweiligen Legitimationsquellen und den damit verbundenen Arten der Herrschaftsausübung.

Charismatische Legitimierung in Nordkorea früher und heute

Wer sich schonmal ein bisschen mit dem Personenkult auseinandergesetzt hat, der in Nordkorea um Kim Il Sung und Kim Jong Il getrieben wurde, der kann sich denken, auf welche der drei Säulen nach Weber man sich in Nordkorea vor allem verließ. Die charismatische. Zwar sind die Zuschreibungen von „übernatürlichem oder übermenschlichem“ in den vergangenen Jahren zurückgegangen (ich bin mal gespannt, ob es auch im Zusammenhang mit Kim Jong Un noch zu Wundererscheinungen kommen wird, oder ob die mit dem Tod Kim Jong Ils aus dem Propagandaarsenal gestrichen wurden), jedoch kann man für Kim Jong Un zumindest aufgrund seines Auftretens, das bewusst Anleihen an Kim Il Sung zu nehmen scheint, ebenfalls starke Anleihen an charismatischer Legitimation ausmachen (Allerdings muss man sich hier dann nochmal die Frage danach stellen, ob man dann nicht doch zwischen System und Führer unterscheiden muss. Während sich im Falle Kim Il Sungs der Staat durch seine Person legitimierte, ist es im Falle Kim Jong Uns (wie seines Vaters) eher so, dass sie ihre eigene Herrschaft legitimieren, nicht aber das System an sich).

Die anderen beiden Wege der Legitimierung: Ergänzende Aspekte

Mit einem bisschen guten Willen kann man daneben aber auch Versuche des nordkoreanischen Staates erkennen, sich über die beiden anderen Quellen zu legitimieren. So könnte man die immer wieder zu findende Berufung auf die Tradition des Koguryo-Reiches und die ideologischen Anleihen bei Konfuzianismus wie Christentum als Versuche interpretieren, sich auf traditionelle Werte zu berufen, also dem Muster traditioneller Herrschaft zu folgen. Aspekte wie die immer wieder beschworene, freie Bildung oder Gesundheitsversorgung und so ziemlich alles andere was in der Verfassung steht, könnte man als Versuch interpretieren, das Staatswesen auf legal-rationale Art zu legitimieren. Allerdings muss das Papier im Falle Nordkoreas ja bekanntlich besonders geduldig sein und daher ist durchaus die Frage erlaubt, inwiefern das zur tatsächlichen Legitimität beiträgt und inwiefern Differenzen zwischen Realität und auf Papier festgehaltenem Anspruch nicht zur Delegitimierung des Systems führen können.

Seymour Martin Lipset: Legitimität und Effektivität

Nach Max Weber haben sich noch viele weitere schlaue Leute Gedanken zu Fragen der Legitimität gemacht. Da mir bisher wirtschaftliche Aspekte ein bisschen kurz kamen, die aber gerade im Fall Nordkorea immer wieder angeführt werden, habe ich mir noch einen Vertreter gesucht, der darauf näher eingegangen war. Fündig wurde ich damals (und damit heute wieder) bei Seymour Martin Lipset. Der hatte den Begriff der Legitimität die auf dem

Legitimitätsglauben der Herrschaftsunterworfenen und der Fähigkeit der Herrschenden, diesen zu beeinflussen

beruhte um den Begriff der Effectiveness ergänzt. Diese

beschreibt die Leistungsfähigkeit bzw. die konkreten Leistungen des Systems gegenüber der Gesellschaft, aber auch gegenüber einflussreichen Gruppen, wie zum Beispiel dem Militär. Effektivität wird als instrumentelles Konzept beschrieben, das auch kurzfristig Legitimitätsdefizite ausgleichen kann. Jedoch wird der umgekehrte Weg als wesentlich gangbarer beschrieben. Während sehr effektive, aber nicht legitime Systeme immer ein gewisses Maß an Instabilität in sich bergen, bleiben nicht effektive, aber mit hoher Legitimität ausgestattete Systeme vorerst stabil. Langfristig kann eine hohe Effektivität dem System jedoch weitere Legitimität hinzufügen.

Nordkorea arbeitet an seiner Effektivität. Warum nur?

Was damit gemeint ist, ist ja relativ plastisch greifbar. Wenn ein Staat für die ganze Bevölkerung oder tragende Pfeiler viele Leistungen erbringen kann (zum Beispiel wenn man in einem schönen Haus wohnen und sich nette Sachen kaufen kann), dann kann der Staat damit Defizite im Bereich der Legitimität ausgleichen. Jedoch scheint das etwas schwieriger zu sein als umgekehrt, also wenn ein System zwar legitim aber nicht effektiv ist. Wenn wir das einfach mal auf Nordkorea beziehen, böte sich dann ein recht interessantes Bild. Bis dato war der Staat alles andere als Effektiv (jedenfalls gegenüber weiten Teilen der Bevölkerung und vor allem auch den normalsterblichen Militärangehörigen). Also gab es wohl kein Legitimitätsdefizit auszugleichen. Jetzt scheint die Führung in Pjöngjang aber davon auszugehen, dass der Staat im Bereich der Effektivität „liefern“ (dem Menschen der sich diese besch…eidene Formulierung ausgedacht hat, möchte ich seine vermutlich schwarzgelbe Krawatte mal durch einen Pott frisch „gelieferter“ Hundeexkremente ziehen (entschuldigt den Ausbruch, musste mal gesagt werden)) muss. Also geht man möglicherweise von Defiziten im Bereich der Legitimität aus. Wenn aber das Ersetzen von Legitimität durch Effektivität riskanter ist und eine langfristige Angelegenheit, dann ist auch der Weg, den Nordkorea geht (wenn es tatsächlich die Wirtschaft aufbauen will um das System zu stützen und zukunftsfähig zu machen (was ich für durchaus wahrscheinlich halte)) ein nicht ungefährlicher, denn man ersetzt die wirkmächtige Legitimität durch die riskantere Effektivität.

Die Sache mit dem Glauben. Wie er erhalten wird und wie er verlorengeht

Aber warum sollte man das tun? Vielleicht, weil es mit der Legitimität des Regimes ohnehin nicht mehr so weit her ist. Wie oben gezeigt wurde, verliert die Geschichte mit der charismatischen Legitimität ihre Wirkkraft und die anderen beiden Säulen, die ich genannt habe sind ohnehin zum Teil nicht wirklich funktionierend. Hm, einen entscheidenden Punkt habe ich jedoch bisher ausgelassen. Denn die von mir angeführten Autoren haben jeweils dezidiert auf den Aspekt des Glaubens im Zusammenhang mit der Legitimität verwiesen. Das heißt es kommt nicht immer wirklich darauf an, was ist, sondern darauf, was die Menschen glauben das ist. Die nordkoreanische Propagandamaschine ist weltberühmt und ebenso fast schon sprichwörtlich ist die Abschottung des Landes. Beides dient (wenn auch nicht exklusiv), dem Zweck, den Glauben in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Propaganda pflanzt ihn ein und frischt ihn Tag für Tag auf, die Abschottung sorgt dafür, dass es keine Vergleichsmöglichkeiten, also keinen Maßstab gibt, an dem der eigene Glaube mit der Realität abgeglichen werden kann. Dieses Erfolgsduo aus Propaganda und Abschottung konnte aber nur so gut funktionieren, weil es sich gegenseitig ergänzte und verstärkte. Jetzt beginnt die Säule der Abschottung zunehmend zu erodieren. Die Menschen bekommen Maßstäbe. Damit wird der Glaube immer wieder auf die Probe gestellt und wenn der verloren geht, dann ist es auch mit der Legitimität nicht mehr weit her. Naja und damit ist man darauf angewiesen, diese Legitimität irgendwie aufzufüllen. Und dazu fällt den Staatslenkern in Nordkorea wohl momentan nur die Effektivität durch wirtschaftliche Leistungen ein.

Rodney Barker: Schichtenspezifische Legitimierung und Zwang

Rodney Barker schließlich ergänzte das ganze Bild durch einen eher „schichtenspezifischen“ Blickwinkel.

Er verweist auf die Möglichkeit, dass die Beziehung zwischen dem Staat und unterschiedlichen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft auf unterschiedlichen Arten und Graden von Legitimität beruhen kann. So besteht die Möglichkeit, dass sich der Staat gegenüber seinen Eliten über seine rationale Verfahrensweise legitimiert, während gegenüber anderen Gruppen Legitimität fast vollständig durch Zwang und Gewalt ersetzt wird.

Gerade für Nordkorea mit seinem straff organisierten sozialen Kastensystem ist diese Ergänzung interessant, denn tatsächlich lassen sich unterschiedliche Methoden der Legitimierung pro Schicht erkennen. So verlässt man sich bei den oberen Klassen seit Jahren eher auf die Effectiveness, indem man diesen Klassen Güter bereitstellt. In den unteren Schichten konnte man sich dagegen lange auf die charismatische Legitimität verlassen. Das geht jedoch zunehmend zuende, so dass für diese Klasse wohl eine neue Legitimierungsbasis gefunden werden muss. Neben der Effektivität, die sich so schnell nicht einstellen wird (wer jetzt von der schönen neuen Glitzerwelt in Pjöngjang erzählen will, der soll bitte überlegen wer da wohnt und wer in den Teilen des Landes wohnt, für die die Hilfsorganisationen der UN weiterhin Alarm schlagen, das ist nämlich eigentlich ein starker Hinweis auf verschiedene Methoden der Legitimierung), sind auch Zwang und Gewalt als kurzfristig einsetzbare Mittel zur Sicherung der Gefolgschaft zu nennen.

Zwang als Mittel: Es funktioniert – Nur wie lange?

Allerdings ist deren Wirkung nicht besonders zuverlässig und kann kaum als alleiniges Mittel zur Ergänzung nicht vorhandener Legitimität dienen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an Charles Taylor. Der Mann wurde 1997 in Liberia zum Präsidenten gewählt. Das öfter mal als Wahlkampfslogan bezeichnete Geflügelte Wort, das einen Teil seines Aufstiegs zum gewählten Präsidenten ganz gut beschreibt lautete wie folgt:

He killed my ma, he killed my pa, I’ll vote for him.

Allerdings musste er bald erfahren, dass allein mit Terror nicht wirklich ein Staat zu führen ist. Dementsprechend verantwortet er sich jetzt in Den Haag (zwar nicht dafür, was er seinen eigenen Leuten angetan hat, aber die Nachbarn in Sierra Leone hatten auch unter ihm zu leiden). Naja, soviel nur kurz zur Möglichkeit, mangelnde Legitimität durch Zwang und Gewalt zu ersetzen. Das funktioniert zwar, aber nicht ewig.

Legitimität: Ein Analysefaktor den man beachten sollte

Dementsprechend sind die vielfältigen Analysen des Handelns Nordkoreas unter dem Schlagwort „Legitimität“ alles andere als falsch. Man kann das machen und sicherlich ist da auch öfter mal was Wahres dran. Allerdings wäre es hin und wieder nicht schlecht, wenn man vorweg ein paar Worte zur Bedeutung dieses Schlagwortes schicken würde. Das habe ich hiermit versucht. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass man versuchen wird, auch um Kim Jong Un eine Art charismatische Legitimationsbasis zu bauen. Allerdings will man dabei wohl anders vorgehen als bei seinem Vater Kim Jong  Il.  Bei ihm lieh man sich sozusagen die Legitimität von Kim Il Sung und stellte ihn als denjenigen dar, der Kim Il Sung und seine Pläne genau kannte und deshalb auch der einzige sein konnte, der diese Pläne umsetzt. Das klappt natürlich nicht mehr für Kim Jong Un. Stattdessen wird er jetzt derjenige sein, der einerseits die alten Werte Kim Il Sungs vertritt (sieht man ihm ja an..) und der andererseits das Land modernisiert und aufrichtet. Er vereint also altes und neues und kann somit wieder — so denke ich, dass man sich das denkt — eine eigene charismatische Legitimationsbasis gründen. Wenn das geschafft ist, dann sind Aspekte der Effektivität nice to have, aber kein Muss mehr.

UPDATE (10.05.2012): Kim Yong-nam und Indonesiens Präsident Yudhoyono wollen sich treffen. Warum Indonesien ein Schlüsselstaat für Nordkorea ist


Update (10.05.2012): Das ging aber schnell. Ich dachte Kim Yong-nam soll im Juni gemeinsam mit Außenminister Pak Ui-chun nach Indonesien fliegen. Und jetzt ist er heute schon ohne den Außenminister ins Flugzeug gestiegen. Allerdings fliegt er erstmal nach Singapur und wird dort von Premier Tony Tan Keng Yam empfangen. Am 13. soll er dann nach Indonesien weiterfliegen. Pak Ui-chun konnte er nicht mitnehmen, weil der gerade in Ägypten bei den Blockfreien ist.

Schon seltsam, wenn es auf einmal so schnell geht. Aber vielleicht würde eine spätere Reise mit anderen Vorhaben kollidieren und man macht sich Sorgen, dass man dann nicht mehr so willkommen wäre. Oder man will den beiden (als Vermittler bekannten) Gastgebern die Chance bieten, ihre Qualitäten bei der Verhinderung eines Nukleartests zu beweisen. Wer weiß das schon. Was man dagegen weiß, ist, wen er noch so dabei hat. Den Leichtindustrieminister und den Vorsitzenden der Joint Venture Kommission. Vielleicht sucht man noch ein paar nicht-chinesische Investoren für das nordkoreanische Wirtschaftswunder.

Ursprünglicher Beitrag (04.05.2012): Von der Welt weitgehend unbemerkt (oder -kommentiert) hat Nordkoreas protokollarisches Staatsoberhaupt Kim Yong-nam sich offensichtlich für einen Besuch in Jakarta angekündigt. Dort will er unter anderem mit Präsident Susilo Bambang Yudhoyono zusammentreffen. Den Angaben zufolge soll er von mehreren Ministern des Kabinetts, darunter auch Außenminister Pak Ui-chun, begleitet werden. Der Besuch dürfte die erste wirklich hochrangige Auslandsreise nach den jüngsten Spannungen um Nordkoreas Satellitenstart sein und es sind bisher keine Informationen bekannt geworden, ob die Delegation noch andere Ziele in der Region ansteuern möchte.

Dass gerade Indonesien das erste Land ist, das Nordkoreas „Elder Statesman“ Kim Yong-nam nach Kim Il Sungs Geburtstagswoche und den damit verbundenen Änderungen in Nordkoreas Führungsstrukturen und dem Satellitenstart ansteuert, ist nicht uninteressant, dass sich Indonesiens Präsident dabei zu einem Treffen bereitfindet, ebenfalls nicht. Daher möchte ich mich in der Folge kurz mit diesem Besuch und möglichen Hintergründen auseinandersetzen. Dazu werde ich zuerst ganz kurz die Historie der Beziehungen zwischen beiden Ländern beleuchten, dann etwas zur Rolle Kim Yong-nams (vor allem als außenpolitischer Repräsentant) sagen um dann darauf einzugehen, was die Beweggründe Pjöngjangs wie Jakartas für das Treffen sein könnten.

Indonesien und Nordkorea: Eine kurze Geschichte

Die Beziehungen zwischen beiden Staaten reichen weit zurück und waren häufig enger, als das die geringe ideologische Nähe der Staaten vermuten lässt.

Persönliche Beziehungen und ein früher Auslandsbesuch Kim Jong Ils

Diplomatische Beziehungen wurden 1962 aufgenommen, in einer Zeit, in der die Regierung eine zunehmend aktive Politik gegenüber den anderen Ländern des globalen Süden (v.a. Südostasiens und Afrikas) zu betreiben begann. 1965 besuchte dann Kim Il Sung einen Dritte-Welt-Gipfel in Jakarta, was gleichzeitig seinen ersten Besuch in einem Staat markierte, der nicht dem Ostblock angehörte.

Kim Il Sung und Sukarno 1965

Kim Il Sung und Sukarno

Noch interessanter finde ich allerdings, wer ihn begleitete. Der damals noch sehr jugendliche Kim Jong Il scheint damals noch nicht von so einer starken Aversion gegen Fernreisen betroffen gewesen zu sein. Kim Il Sung traf den damals herrschenden indonesischen Präsidenten Sukarno und scheinbar gab es auch ein Beisammensein mit der Familie, denn Kim Jong Il soll dabei auch die Tochter Sokarnos und spätere Präsidentin Megawati Sukarnoputri getroffen haben (die vorherigen Infos kommen aus diesem sehr interessanten Paper zu Nordkoreas Internationalismus), die ihn 2002 in dieser Funktion in Pjöngjang besuchte.

Kim Jong Il und Megawati Sukarnoputri

Kim Jong Il und Megawati Sukarnoputri

Familienfreundschaft…

Der Besuch Megawati Sukarnoputris 2002 zeigt, dass die Beziehungen beider Länder trotz der wechselhaften politischen Entwicklung Indonesiens (so konnten ihr Vater und Kim Il Sung ihre Beziehungen nicht lange ausbauen, denn Sukarno wurde noch 1965 aus dem Amt gefegt) und der geänderten geopolitischen Konstellation nie einschliefen. Übrigens scheint die Sukarno-Kim Familienfreundschaft wirklich eng (gewesen) zu sein denn Dewi Sukarno, die Ex-Frau des 1970 verstorbenen Ex-Präsidenten, scheint zu Kim Il Sungs Geburtstagsfeierlichkeiten im April diesen Jahres in Pjöngjang gewesen zu sein. Das wird jedenfalls in diesem sehr informativen Reisebericht des Präsidenten der Indonesisch-Nordkoreanischen Freundschaftsgesellschaft gesagt.

…aber nicht nur

Dass es sich auch nicht um eine reine „Familienangelegenheit“ handelt, zeigt die Tatsache, dass Kim Yong-nam auch 2005 (zum zweiten Mal nach 2002, als Kim Yong-nam die Präsidentin traf) in Indonesien zu Gast war. Damals traf er allerdings nicht mit dem gerade im Vorjahr ins Amt gekommenen Präsidenten Yudhoyono zusammen, sondern nahm am Asien-Afrika-Gipfel statt. Nichtsdestotrotz positionierte sich Indonesien zumindest in den vergangenen zehn Jahren immer wieder als aktiver Vermittler bezüglich Nordkoreas, allerdings mit wechselndem Erfolg. Als positives Ergebnis dieser Bemühungen kann beispielsweise das Zusammentreffen der Außenminister Süd- und Nordkoreas auf dem ARF im vergangenen Jahr in Bali gewertet werden.

In jüngster Zeit war Indonesien eines der Länder, das unter der geplanten Startroute der vorher schon explodierten Trägerrakete für den nordkoreanischen Satellitenstart lag. Daher wurde die Regierung in Jakarta unter Druck gesetzt, klar gegen den Satellitenstart Stellung zu beziehen, was man allerdings m.E. auffällig halbherzig tat, wenn man beispielsweise die Reaktionen anderer Staaten betrachtet, die enger mit den USA verbunden sind.

Indonesien als Schlüsselstaat für Nordkorea: Politisch…

Neben diesen bilateralen Faktoren muss man im Bezug auf Indonesien auch an das Land als bedeutendes  Mitglied der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) denken. In Nordkoreas Außenpolitik nimmt die ASEAN neben der geographischen Nähe offensichtlich schon deshalb eine Sonderrolle ein, weil das ASEAN Regionl Forum (ARF) der ASEAN die einzige fest institutionalisiere multilaterale sicherheitspolitische Veranstaltung ist, an der Pjöngjang regelmäßig teilnimmt. Damit garantiert die ASEAN sozusagen ein Minimum an sicherheitspolitischer Einbindung Pjöngjangs. Indonesien stellt mit 240 Millionen Einwohnern und einer in den letzten Jahren erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung eines der politischen und diplomatischen Schwergewichte der Staatengruppe dar. Daher dürfte Jakarta auch ein bedeutender Adressat Pjöngjangs sein, um eine auf Ausgleich und Kooperation bedachte, gemeinsame Position der ASEAN gegenüber Nordkorea zu garantieren.

…und geographisch

Mal ganz abgesehen von all den diplomatischen Faktoren müssen alle nordkoreanischen Schiffe, die nach Afrika oder auch Myanmar wollen, irgendwann durch indonesische Gewässer.

An Indonesien führt kaum ein Weg vorbei…

Das heißt, Jakarta könnte einige Geschäfte Pjöngjangs zu einer sehr unangenehmen Angelegenheit machen, wenn man dort die Sanktionen der UN sehr ernst nähme oder sich gar an der Prolifertion Security Initiative der USA beteiligen würde. Auch daher ist Indonesien ein Schlüsselstaat für Pjöngjang.

Der Gast aus Pjöngjang: Kim Yong-nam

Aus all diesen Gründen dürfte man in Nordkorea gesteigerten Wert darauf legen, gute Beziehungen zu den jeweils aktuellen Führungen in Jakarta zu unterhalten. Daher dürfte man auch die diplomatisch schwergewichtigste Persönlichkeit auf die Reise schicken, die man aktuell zu bieten hat.

Institutionelle Konstante

Kim Yong-nam hat in seiner Funktion als Vertreter der Obersten Volksversammlung Nordkoreas (Supreme People’s Assembly (SPA)) seit 1998 Kim Il Sungs Präsidenten-Aufgaben übernommen und repräsentiert Nordkorea nach außen. So schreibt er zu allen möglichen Anlässen Grüße in alle Welt, empfängt Gäste aus dem Ausland oder geht auch häufig selbst auf Reisen. Daneben sitzt er im Präsidium des Politbüros des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas und ist damit an einer der Schaltstellen des Regimes vertreten. Seine Auslandsreisen, die er trotz seines fortgeschrittenen Alters noch regelmäßig durchführt, führen ihn vor allem in die Staaten Südostasiens und nach Afrika. Der 84 jährige ist vermutlich nach außen wie nach innen eine der dauerhaftesten Größen des Regimes, denn er hatte schon unter Kim Il Sung hohe Ämter in Partei und Kabinett inne (in letzterem arbeitete er bis zu seinem Aufstieg 1998 seit 1983 als Außenminister) und stellt so eine institutionelle Konstante von Kim Il Sung bis Kim Jong-un dar (ich bin mal gespannt, wie er eines Tages ersetzt werden soll).

Gut vernetzt nach außen und innen

Während in Pjöngjang die Außenminister schonmal wechselten, blieb Kim Yong-nam immer der Gleiche und konnte so vermutlich gute Kontakte in viele Staaten des Südens knüpfen. Über seine tatsächliche außenpolitische Macht lässt sich zwar nicht allzuviel sagen, jedoch steht er wohl im regelmäßigen Austausch mit den Spitzen des Regimes und kennt daher Pläne und Prioritäten. Wenn er im Ausland zu Gast ist, dann dürfte er dort auch etwas zu sagen haben, auch wenn er dies in Konsultation mit oder im Auftrag von Anderen tut. Da er eine Reihe von Ministern nach Jakarta mitbringen will, scheint die Reise auch praktischen Zwecken dienen zu sollen und nicht nur der Beziehungspflege.

Beide Seiten versprechen sich etwas

Es sieht also so aus, als würden sich beide Seiten etwas von dem geplanten Besuch Kim Yong-nams etwas erhoffen, denn sonst hätte man in Pjöngjang dem alten Mann vielleicht eher etwas Ruhe gegönnt (das Reisen wird in diesem Alter von Jahr zu Jahr sicher nicht einfacher) und sonst hätte sich Indonesiens Präsident Yudhoyono unter den gegebenen schwierigen außenpolitischen Umständen auch sicherlich nicht zu einem solchen Treffen entschieden.

Nordkorea

Auf Seiten Nordkoreas habe ich oben ja bereits einige Ziele beschrieben, die sich aus der großen Bedeutung Indonesiens ergeben. Der Staat ist als Führungsnation der ASEAN und durch seine geographische Position ein Schlüsselpartner für Pjöngjang. Man wird es sich nur schwerlich erlauben können, die Beziehungen zu Jakarta erkalten zu lassen und muss daher gerade nach dem Raketenstart aktive diplomatische Landschaftspflege betreiben (nicht zuletzt muss man sich vermutlich wegen der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Indonesien und Südkorea öfter mal versichern, dass der Süden nicht anfängt, Jakarta abspenstig zu machen).

Vielleicht kann man den geplanten Besuch auch schon im Hinblick auf das diesjährige ARF verstehen, für das sich Nordkorea evtl. etwas Besonderes vorgenommen hat oder zumindest einer deutlichen Verurteilung im Abschlussdokument des Treffens entgehen will. Möglicherweise erinnert man sich auch der aktiven Vermittlungstätigkeiten indonesischer Regierungen in der Vergangenheit und versucht einen neuen Kanal zu öffnen, um die festgefahrene Situation auf der Koreanischen Halbinsel etwas zu entschärfen.

Vielleicht (oder eher vermutlich) versucht man darüber hinaus ein bisschen Werbung für wirtschaftliche Investitionen zu machen. Die ökonomische Verknüpfung ist zurzeit durchaus ausbaufähig, selbst wenn die Zahlen etwas über den 15 Mio. Euro liegen sollten, mit denen die EU den Handel beider Staaten beziffert.

Indonesien

Analysten bewerten das Engagement des indonesischen Präsidenten gegenüber Nordkorea vor allem als Versuch, das indonesische Profil als Vermittler weiter zu stärken und so international an diplomatischem Gewicht zu gewinnen. Nach der erfolgreichen Vermittlungstätigkeit hinsichtlich Myanmar wende sich Yudhoyono nun Nordkorea zu, vielleicht um Kim Yong-nam die Entwicklungen in Myanmar als Paradebeispiel für eine schnelle Besserung der Situation nach einer Veränderung der politischen Haltung eines Landes zu präsentieren. Ergänzend ist vielleicht noch hinzuzufügen, dass auch die indonesische Wirtschaft von einer friedlichen Entwicklung auf der Koreanischen Halbinsel wegen der engen wirtschaftlichen Kontakte in die Region profitieren könnte, während eine dauerhaft konfliktreiche Lage eher hemmend wirken würde. Da ich davon ausgehe, dass Indonesien die recht erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre fortsetzen möchte, ist es ein vitales Interesse des Landes, einen Beitrag zum Frieden in der Region zu leisten.

Ruhe aus den USA

Auffällig finde ich insgesamt, dass sich die USA kaum zu dem geplanten Treffen geäußert haben. Der amerikanische Botschafter in Jakarta wird mit der Aussage zitiert, es liege bei Indonesien, wie es seine Außenpolitik betreibe, man hoffe aber, dass klar gestellt würde, dass provokatives Verhalten wie ein Nukleartest ein inakzeptables Verhalten darstelle. Die Zurückhaltung der USA könnte einerseits daher rühren, dass man weiß, dass es Indonesien nicht besonders schätzt, Politikempfehlungen aus Washington zu bekommen (allerdings war das im Vorfeld des Raketenstart anders), andererseits könnte man auch darauf hoffen, dass Indonesien tatsächlich vermittlerisch tätig wird.

Es ist angerichtet: Nordkorea bereitet Kim Il Sungs Geburtstagsparty vor


Es gibt ja Traditionen, denen gehen die Menschen in Aller Herren Länder nach. Einige davon haben mit Geburtstagen zu tun: Da kommt die ganze Familie zusammen, schmaust köstliche Leckereien, spricht über dies und das, was eben gerade wichtig ist und versucht darüber nicht in Streit zu geraten; Da gibt es jede Menge tolle Geschenke, vor allem für das Geburtstagskind aber auch schonmal für den Nachwuchs des Hauses; Und wenn der Jubilar eine wichtige Persönlichkeit ist oder zumindest reich (solche Leute neigen ja mitunter dazu, „Wichtigkeit“ aus Reichtum abzuleiten) dann wird auch schonmal zum Abschluss der Party ein Feuerwerk gezündet.

So in etwa haben sich das wohl auch die Veranstaltungsplaner von Kim Il Sungs rundem Jubiläum gedacht. Zum Hundertsten bekommt das Familienoberhaupt (als „ewiger Präsident“ wird er wohl auch das „ewige Familienoberhaupt“ sein) von seinen Abkömmlingen und Geschöpfen nämlich genau das. Das Feuerwerk ist ja schon bestellt und wird gerade aufgebaut und ein, oder eigentlich zwei Geschenke hängen damit mehr oder minder direkt zusammen. Das etwas greifbare ist der Wettersatellit, der im Idealfall irgendwann in zwei Wochen seine Arbeit aufnehmen kann. Er wäre ein manifester Beweis dafür, dass Kim Il Sungs Staat zu großen technologischen Leistungen im Stande ist und mit (oder trotz) seiner Idee einer weitgehenden Autarkie in der Lage ist, mit (mehr oder weniger) eigenen Entwicklungen, neue unbekannte Welten zu erobern. Das zweite Stützt sich auf diese Leistung. Denn was, wenn nicht die Entwicklung eines eigenen und nutzenbringenden (denn nach Ansicht der nordkoreanischen Propaganda kreisen ja aktuell zwei (Phantom-)Satelliten aus Nordkorea um die Erde und funken patriotisches Liedgut (was ja ganz nett ist, aber nicht wirklich nützlich)) Raumfahrtprogramms kann besser belegen, dass die Nation den Status einer „starken und prosperierenden Nation“ wie geplant erreicht hat.

Heute hat KCNA dann auch noch das zugehörige Familienfest terminiert. Die ganze Parteifamilie wird sich nämlich am 11. April in Pjöngjang treffen und eine Parteikonferenz abhalten (bisher war nur „Mitte April“ angegeben). Man wird wohl viel zu besprechen und auch zu entscheiden haben dort. Denn immerhin wurden Mitte Dezember letzten Jahres so ziemlich alle entscheidenden Staatsämter auf einen Schlag vakant und formell hat bisher noch niemand die Nachfolge angetreten. Das wird wohl die Hauptaufgabe der Konferenz sein. Und da haben wir dann auch schon die Geschenke für den Familiennachwuchs, denn ab dem 12. wird sich Kim Jong Un dann wohl Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas nennen können und auch Vorsitzender der zentralen Militärkommission der Partei sein. Ob es noch weitere Positionen gibt, die er bekommen wird, muss sich dann zeigen. Das Feuerwerk wird der junge Kim dann wohl schon in seiner neuen Funktion zünden und sich auf die Fahnen schreiben können. Sein Opa wäre sicher stolz gewesen zu sehen, wie der Familienbetrieb floriert.

Es sieht also ganz so aus, als würde Kim Il Sung eine rundum gelungene Party bekommen. Es wird jedenfalls spannend sein, das Fest zu verfolgen, denn ob es nicht noch weitere Überraschungen gibt, das kann man ja nie wissen. Außerdem ist es ja immer interessant zu beobachten, wer noch zur Familie gehört und wer verstoßen (oder schlimmeres) wurde. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch noch einen kleinen Familienstreit. Auch wenn das ziemlich unwahrscheinlich ist, so kann man sich ja gerade unter den gegebenen Umständen vorstellen, dass der Eine oder Andere am Ende des Tages mit dem Arrangement oder seinem Geschenk nicht glücklich ist.

Nordkoreanisches „Guerilla-Marketing“. Wie Kims Regime die Welt überzeugen will…


Ich befasse mich von Zeit zu Zeit ja ganz gerne mit Nordkoreas Öffentlichkeitsarbeit weil das oft gleichermaßen kurios und interessant ist. Daher fand ich es auch sehr spannend, als ich diesen Artikel auf „Korea Realtime“ gelesen habe. Darin geht es darum, wie es dem nordkoreanischen Propagandaparat gelingt, hier und da auf internationaler Ebene, auch mal gute Presse zu bekommen. Die einfache Lösung: Wenn niemand freiwillig was gutes schreiben will, dann schreibt man es halt selbst und bezahlt für die Publikation, zum Beispiel die in Bangladesch erscheinende „BLITZ“. In der Folge kann man dann über diesen Erfolg mächtig stolz sein und wiederum einen Bericht über den Bericht verfassen und den auf KCNA veröffentlichen. Wozu das genau gut sein soll? Ich weiß es nicht und wie groß genau die Zahl der philosophiebegeisterten Bangladeschis ist, die sich für Kim Jong Ils wegweisende Schrift: „On Some Questions in Understanding The Juche Philosophy“ von 1976 interessiert, die Vorgestern in BLITZ erschien, kann ich natürlich nicht sagen und warum es gerade Bangladesch ist, dass wo man für den Abdruck der nordkoreanischen Propaganda bezahlt, auch nicht. Interessant ist es aber allemal. Und die Freude bei KCNA über diesen großen (wenn auch vorhersehbaren) Erfolg hört sich auch echt an.

Jedenfalls erinnerte mich dieser Artikel dann an etwas, das ich vor längerem Mal in einem alten Spiegel gesehen hatte (also die Zeitschrift jetzt, nicht mein Gesicht verschwommen oder sowas…). Dort (Ausgabe vom 15.12.1969) ging es nämlich um eine Werbekampagne des nordkoreanischen Regimes (mittelbar), mit der eine Kim Il Sung Biografie unter anderem in der „New York Times“ und der „Times“ beworben wurde. Und nicht zuletzt auch in der FAZ.

Ganz unideologisch. Wenn sie bezahlten, durften sogar die Kommunisten in der FAZ werben.

Das hatte ich damals schon recht witzig gefunden (über die Medienlandschaft in Deutschland scheint man sich nicht so richtig informiert zu haben. Die potentielle Zielgruppe unter den FAZ-Lesern dürfte damals wie heute nicht sonderlich groß gewesen sein), aber irgendwie finde ich es noch lustiger, dass man gute alte Traditionen beibehält und nur etwas an die heutigen Begebenheiten anpasst (Vielleicht sollten die Propagandaleute mal beim „Express“ aus Köln nachfragen. Viel teurer als bei ner bangladeschischen Zeitschrift sollte es da auch nicht sein, nen Artikel unterzubringen…). Naja, vielleicht gucke ich mir in Zukunft doch mal die KCNA Berichte an, in denen steht, dass diese und jene Arbeit der Kims irgendwo veröffentlicht wurde. Vielleicht aber auch nicht…

Kim Il Sungs „Mit dem Jahrhundert“ als „bebildertes Hörbuch“


Manchmal macht es ja durchaus Sinn sich bei Youtube die Seiten von allen möglichen Spinnern anzugucken. Oft findet man da einiges Interessantes (das gilt übrigens für Links wie Rechts). Gestern habe ich mich mal ein bisschen mit Linken („Nordkorea-Fan“) Spinnern beschäftigt. Und dabei habe ich wirklich eine Perle gefunden (eigentlich noch viel mehr, aber das finde ich am Besten). Kim Il Sungs Erinnerungen „With the Century“ bzw. „Mit dem Jahrhundert“ (Nur Teil eins, was wohl grob die Jahre 1912 – 1926 abdeckt glaube ich) als „bebildertes Hörbuch“ in deutscher Sprache. Neben dem durchaus interessant bis witzigen Inhalt sind auch die Vielzahl alter Filmaufnahmen sehr schön und interessant anzusehen. Also schauts euch an, wenns euch interessiert…

Nordkorea und Simbabwe: Mal wieder die Geschichte…


Irgendwie scheint es in Simbabwe in einer erstaunlichen Regelmäßigkeit um Konflikte zu kommen, weil die Regierung gute Beziehungen zu Nordkorea pflegt, während die Bevölkerung auch nach fast 30 Jahren nicht vergessen kann, dass es Nordkoreaner waren, die eine Militäreinheit (die fünfte Brigade) ausbildeten, die dann ein Massaker unter mehreren zehntausend Zivilisten des Ndebele Stamms anrichtete.

Im Vorfeld der Fußball WM musste die nordkoreanische Nationalmannschaft ein Trainingslager in Simbabwe absagen, weil es starke Wiederstände aus der Bevölkerung gab. Und vor ein paar Tagen wurden die unguten Erinnerungen der Simbabwer von einer Statue geweckt, die den Freiheitskämpfer Joshua Nkomo zeigt (genaugenommen waren es zwei, nur wurde eine nie aufgestellt weil sie an einem symbolisch aufgeladenen Ort errichtet werden sollte, der an den Sieg Mugabes über Nkomo erinnert) und im Auftrag der Regierung in Harare angefertigt wurde (vermutlich durch die Mansudae Overseas Projects). Zwar gab es auch andere Konfliktpunkte, denn die Familie und Anhängerschaft Nkomos fühlten sich beim Prozedere der Auftragsvergabe und Auswahl des Standorts der Statuen übergangen, aber — und damit sind wir auch schon wieder bei Nordkorea — gehörte Nkomo pikanterweise jener ethnischen Gruppe der Ndebele an, die unter den Massakern der fünften Brigade zu leiden hatte. Dazu kann man wohl nur sagen: „In the face!“ Jedenfalls kein Beispiel politischen Feingefühls seitens der simbabwischen Regierung, die aber behauptete, das Vorgehen sei nicht beleidigend gemeint gewesen.

Naja, um die Geschichte der Statuen zu Ende zu bringen. Einige Tage nach der Enthüllung des drei Meter Bronze-Kolosses (manchmal habe ich den Verdacht, dass die Mansudae Overseas Projects  nur Aufträge annimmt, die mit Hilfe der Gussform Kim Il Sungs herzustellen sind) in Simbabwes zweitgrößter Stadt Bullawayo, gab die Regierung dem öffentlichen Druck nach und baute die Statue wieder ab. In Pjöngjang wird das wohl keinen interessieren. Die 600.000 US-Dollar die dafür veranschlagt waren sind bereits geflossen…

China und Nordkorea: (I) Geschichte der Beziehungen bis 2000


Ich habe mich ja lange drumrum gewunden, aber natürlich weiß ich, dass es eigentlich sein muss und dass es vermutlich auch den Einen oder Anderen interessiert. Daher füge ich mich heute in mein Schicksal (wohl etwas zu große Worte, aber irgendwie empfinde ich das so. In letzter Zeit fühlt sich ja fast jeder berufen sich zu allen möglichen noch so abwegigen Aspekten im Bezug zu China zu äußern, so dass ich kaum noch Lust habe irgendwas zu lesen wo das Wort drin vorkommt, aber der Aspekt ist halt so wichtig, dass ich hier wohl wirklich nicht drumrum komme.) und schreibe mal ein bisschen was über die Beziehungen zwischen China und Nordkorea. Dabei werde ich weniger die aktuellsten Entwicklungen in den Blick nehmen, sondern eher einen allgemeinen Hintergrundartikel schreiben, denn das was man allgemein öfter mal in der Presse liest ist mitunter doch arg verkürzt.

In diesem Rahmen werde ich versuchen zu verdeutlichen wie sich die Beziehungen beider Staaten in der Vergangenheit entwickelt haben, welche Bedeutung Nordkorea für China und vice versa hat, was die Motive in den Beziehungen sind und welche Perspektiven für die Freundschaft (Wenn es denn eine ist) beider Staaten bestehen. Und weil das Thema so umfangreich ist (ein anderer Grund aus dem ich nie so richtig Lust hatte das mal anzugehen) werde ich euch das Ganze in mehreren Happen präsentieren (hab ich mir gerade überlegt habe, nachdem ich angefangen hab mich nochmal ein bisschen (und merken musste, dass das Wort „bisschen“ hier gänzlich fehl am Platz ist) einzulesen). Heute gibt es erstmal die Entwicklung der chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen bis zur Jahrtausendwende.

China als Retter im Koreakrieg

China hat schon seit den Anfangsjahren seiner Entstehung eine essentielle (wenn auch wechselhafte) Rolle für Nordkorea gespielt. Während man sagen könnte, dass die Sowjetunion für die Zeugung der DVRK verantwortlich war, war es China das den Geburtshelfer spielte und dem Land letztendlich den Lebensatem einhauchte. Nachdem sich Kim Il Sung 1950 entschlossen hatte (eigentlich hatte er sich schon früher dafür entschieden, sah aber nun den Zeitpunkt als günstig) Korea mit Gewalt wiederzuvereinigen und daran in letzter Minute von einer massiven UN-Mission unter US-amerikanischer Führung gehindert wurde, sah es bald darauf so aus, als würde die Gegenoffensive der UN-Truppen die Existenz Nordkoreas beenden, bevor sie so richtig begonnen hatte. Binnen weniger Wochen drängten MacArthurs Truppen die Nordkoreaner bis zum Yalu, dem Grenzfluss zu China, zurück. Durch dieses Vorgehen fühlte sich die chinesische Seite bedroht (unter Anderem, weil in der Geschichte Chinas die Mandschurei immer wieder als Einfallstor fremder Mächte (zuletzt der Japaner) gedient hatte und man daher die vorrückenden amerikanischen Truppen mit größtem Misstrauen betrachtete) und Warf eine zunächst etwa 300.000 Mann starke „Freiwilligenarmee“ in die Schlacht. Die schiere Masse an Menschen (denn die Ausrüstung war eher nicht so beeindruckend) genügte um die Niederlage Nordkoreas zu verhindern und die südkoreanischen und UN-Truppen zurückzudrängen. Das Ergebnis ist bekannt, letztendlich wurde die vor dem Krieg bestehende Teilung des Landes wiederhergestellt und verfestigt. Die Unterstützung Nordkoreas kostete etwa 400.000 Chinesen das Leben.

Das Freundschafts- Kooperations- und Beistandsabkommen

Diese mit Blut besiegelte Freundschaft blieb, allerdings mit wechselnder Intensität, bis heute bestehen. Zwischen Kim Il Sung und Mao Tse-tung bestand eine gute persönliche Beziehung und da viele Militärs beider Staaten Seite an Seite gekämpft hatten bestanden auch ansonsten enge Kontakte zwischen den Führungsebenen beider Staaten. Diese Beziehungen erfuhren 1961 im „Treaty of Friendship, Cooperation und Mutual Assistance“ auch eine formal Verankerung. Inhaltlich geht das (grundsätzlich bis heute bestehende) Abkommen recht weit, indem es unter Anderem in Absatz II festlegt:

The Contracting Parties undertake jointly to adopt all measures to prevent aggression against either of the Contracting Parties by any state. In the event of one of the Contracting Parties being subjected to the armed attack by any state or several states jointly and thus being involved in a state of war, the other Contracting Party shall immediately render military and other assistance by all means at its disposal.

Daneben werden auch wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit sowie die Wiedervereinigung Koreas auf „friedliche und demokratische Weise, so wie es dem Interesse des koreanischen Volks entspricht“ festgeschrieben.

Wechselhafte Freundschaft

Jedoch entwickelten sich die Beziehungen unabhängig von diesem Vertrag recht wechselhaft. Nordkorea war nicht gewillt sich in eine einseitige Klientelbeziehung zu einer der beiden Großmächte China und Sowjetunion zu begeben. Mit dem aufbrechen des sino-sowjetischen Gegensatzes Ende der 1950er Jahre und seiner Manifestierung in den 1960ern der sie 1969 an den Rand eines Krieges führte, bot sich für Nordkorea das für beide Seiten von strategischer Bedeutung war, die Gelegenheit, durch geschicktes Lavieren Konzessionen von beiden Seiten zu erlangen. Nach dem Tod Maos und dem Beginn der vorsichtigen wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping – vor allem seit den 1980er Jahren – neigte sich Nordkorea allerdings mehr der Sowjetunion zu, da die chinesische Linie nun immer weniger den eigenen ideologischen Vorstellungen von einer guten Außenpolitik entsprach. Auch die chinesische Politik gegenüber Südkorea die Anfangs in einer „ein-Korea-Politik“ bestand, sich dann später zu einer „de-jure-ein-Korea; de-facto-zwei Korea-Politik“ wandelte und in der vollständigen Anerkennung der Republik Korea 1992 gipfelte, konnte der Führung in Pjöngjang nicht gefallen.

Unentschiedenheit nach dem Ende der Sowjetunion

Obwohl sich für Nordkorea mit dem Niedergang des Ostblocks Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre die Grundvoraussetzungen grundsätzlich geändert hatten, versuchte China sich nicht unmittelbar als neuer und alleiniger Patron des immer tiefer in die Krise schlitternden Landes anzubieten. Vielmehr wahrte man von Seiten Pekings ein schwaches Profil und versuchte sich soweit wie möglich aus dem innerkoreanischen Konflikt, aber auch aus dem 1994 erstmals offen auftretenden Streit um Nordkoreas Nuklearprogramm herauszuhalten. So versuchte man in aus der Schusslinie zu bleiben während man sich gleichzeitig alle Alternativen offenhielt (eine Verhalten, das Chinas Außenpolitik in den 1990er Jahren generell kenzeichnete).

Wirtschaftliche Beziehungen: Ebenso wechselhaft wie die politischen

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Nordkorea über die gesamte oben beschriebene Zeitspanne spiegeln in hohem Maß die politischen Verhältnisse zwischen beiden Staaten wieder. Lief es gut zwischen Peking und Pjöngjang nerreichte auch der Handel zwischen den beiden Staaten hohe Anteile an Nordkoreas Außenhandel (bis zu 60 %). Waren die Beziehungen gerade angespannt, wurden auch wesentlich weniger Waren ausgetauscht (ca. 10 %). In der neuen Situation Anfang der 1990er Jahre bis zum Ende des Jahrzehnts blieben die offiziellen Handelszahlen zwischen den Staaten zwar weitestgehend konstant (ganz grob gesagt um eine halbe Milliarde US-Dollar +/-), allerdings gab es daneben zwei Entwicklungen, die aus diesen Zahlen nicht abzulesen sind. Erstens verlangte China (wie auch die Sowjetunion) zum Jahr 1992 harte Währung für die Exporte nach Nordkorea. Aufgrund des Mangels an Handel mit anderen Staaten und der nicht vorhandenen Möglichkeit zum Schulden machen stellte sich dies für Nordkorea kompliziert dar und dürfte einer der Faktoren gewesen sein, die die Wirtschaft des Landes ab 1994 vollends ins Chaos stürzte. Zweitens begann China später wieder große Mengen der Exporte nach Nordkorea in Form von Tauschgeschäften abzuwickeln oder als unentgeltliche Hilfen zu gewähren. Die Menge der auf diesen Wegen gelieferten Güter wird von China nicht bekannt gegeben und taucht in den Statistiken nicht auf. Daher sind die Zahlen über den Handel beider Staaten nur von begrenztem Wert. 1994 soll China aber schon drei Viertel der Energie- und Nahrungsmittelimporte Nordkoreas abgedeckt haben. Während der Nahrungsmittelkrise von 1994-98 gab es darüber einen wachsenden „kleinen Grenzverkehr“ mit dessen Hilfe sich Menschen aus grenznahen Gebieten versorgte und der natürlich auch in keiner Statistik auftaucht. In dieser Zeit scheint die Bedeutung Chinas für Nordkorea weiter zugenommen zu haben, ohne dass strategische Entscheidungen getroffen wurden. Die Hilfen waren eher ad hoc Maßnahmen um den Status quo aufrechtzuerhalten.

Schlussworte etc.

Rein geschichtlich betrachtet hat es also keine langfristige und eindeutige Klientelbeziehung zwischen China und Nordkorea gegeben, allerdings wuchs Chinas Bedeutung fast zwangsweise mit dem Ende der Sowjetunion. China scheint in dieser Zeit jedoch noch nicht beschlossen zu haben, dass Regime in Pjöngjang um jeden Preis zu stützen (ob es das jetzt um „jeden Preis“ tun wird ist natürlich fraglich, allerdings scheint man zumindest einen hohen Preis zu akzeptieren). Die Haltung bis zur Jahrtausendwende war eher eine Abwartende, sich alle Alternative offen haltende.

Was die Motive in den Beziehungen beider Staaten zueinander sind, welche Faktoren dabei in der öffentlichen Betrachtung eher im Hintergrund stehen, darüber werde ich das nächste Mal schreiben, wenn ich wieder Zeit finde mich dem Thema zuzuwenden. Achja, ihr habt vielleicht gemerkt, dass ich hier recht wenig verlinke. Das hat damit zu tun, dass das sehr viel Arbeit wäre ohne euch viel zu helfen, weil das Meiste was ich hier schreibe aus langen PDF Dokumenten kommt. Ich werde nach jedem Beitrag eine allgemeine Leseempfehlung geben, die ein bisschen an das Thema ranführt und am Ende der Serie dann ne recht umfassende Quellensammlung zu dem Thema geben.

Heute möchte ich „North Korean foreign relations in the Post-Cold War world“ von Samuel S. Kim empfehlen. Es reicht natürlich weit über die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen hinaus aber als Einführung in dieselben ist es trotzdem sehr lesenswert. Generell gibt es glaub ich kaum was Besseres (auch nicht im Geschäft oder der Bibliothek), das man als Einführung zu den Außenbeziehungen Nordkoreas lesen kann.

Saure-Gurken-Zeit eröffnet: Von fashion victims, externen Explosionen und nuklearen Koopertionen


Leider war ich ein bisschen beschäftigt die letzten Tage (und wahrscheinlich auch die nächsten) und kam daher nicht wirklich zum schreiben. Zum Glück ist aber auch eigentlich nichts Wichtiges oder Interessantes passiert. Dementsprechend haben sich die Medien, die regelmäßig zu Nordkorea berichten darauf verlegt, im Obskuritäten- und Spekulationsgewerbe tätig zu werden.

Wenn einem sonst nichts mehr einfällt

Die „Topmeldung“ war wohl die über einen Bericht in der Rodong Sinmun, dass Kim Jong Ils Kleidungsstil weltweit Nachahmer finde und en vogue sei (die zugegebenerweise sogar für nordkoreanische Verhältnisse recht abstrus ist). Zwar ist die „Nachricht“ auch schon über eine Woche alt, allerdings hat das Ganze für ein Medienecho gesorgt, das knapp unter der „Nukleartestschwelle“ geblieben ist (ganz schön früh die Saure-Gurken-Zeit dieses Jahr).

Alt mal Alt ungleich Neu

Eine zweites Thema, dass zwar wesentlich ernster ist, war der Untergang der Cheonan. Hier ist ein öffentliches Interesse zwar eher zu erkennen, allerdings beschränkte sich die Berichterstattung darüber wegen nicht vorhandener Neuigkeiten zu diesem Thema auf „Spekulieren auf hohem Niveau“. Zwar hats mächtig gerauscht im Blätterwald, aber auch wenn man jeden Tag dreimal die gleichen Kommentare wiederkäut und anders zusammensetzt werden die Meldungen nicht neuer. Aber hier wirds vermutlich in den nächsten Tagen – zumindest teilweise – Aufklärung geben, da das Wrack mittlerweile gehoben ist. Weiterhin ist zu hören, dass die Katastrophe von einer Explosion außerhalb des Schiffes ausgelöst worden sei. Aber wie gesagt, man wird sehen was sich daraus ergibt und jedes weitere Wort ist momentan Zeitverschwendung.

Kim Il Sungs Geburtstag und keiner hat dran gedacht

Von diesen ganzen Nicht-Meldungen wurde eine weitere Meldung von vor 98 Jahren ganschön in den Schatten gestellt. Kim Il Sung hat seinen 98ten gefeiert. Mit den üblichen Feuerwerken und Blumenbouquets. In diesem Zusammenhang gabs auch die vermutlich einzig interessante Nachricht der letzten Tage. Anlässlich Kim Il Sungs Geburtstag, oder dem „Tag der Sonne“ wie man in Nordkorea sagen würde, beförderte Kim Jong Il eine Gruppe von hundert Militärs zu Generälen. Das war die zweitgrößte Aktion dieser Art. Nur 1997 waren es mehr (127). Dies kann man sowohl im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten rund um die Währungsreform sehen, da sich Kim  Jong Il so der Loyalität der Truppen versichern könnte, als auch bezüglich einer möglichen Nachfolge Kim Jong Uns. Aber wie gesagt, diese Meldung fand kaum ein Echo im Gegensatz zu den Spektakulären News für fashion victims.

Wenn Kalter Kaffee noch kälter wird

Und dann hab ich gestern noch was in den Gulf News gelesen. Diese Zeitung mag ich eigentlich ganz gern, aber der Beitrag „North Korea and Iran are nuclear allies“ (das er als Kommentar/Kolumne gekennzeichnet ist mach es etwas besser, aber nicht viel) ist ne unrühmliche Ausnahme der sonst recht sachlichen Berichterstattung (Ich verwende ja mitunter den Begriff „Kalter Kaffee“. Aufgrund einer längeren Versuchsphase konnte ich allerdings feststellen, dass Kaffee – lässt man ihn  nur lange genug stehen – seine Konsistenz erheblich ändern kann, also eigentlich nichts mehr mit Kaffee zu tun hat. Der Artikel stellt ein Schrift gewordenes Beispiel eines solchen Stoffes, für den ich leider keinen Namen kenne, dar). Außer der Überschrift deutet eigentlich nichts in dem Artikel auf eine nukleare Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und dem Iran hin. Das über 6.000 nordkoreanische Arbeiter im Mittleren Osten arbeiten mag interessant sein, hat aber, wie der Autor dann selbst zugibt, nichts mit irgendeiner nordkoreanisch-iranischen Kooperation zu tun, da die Meisten auf Baustellen in den Vereinigten Arabischen Emiraten schuften (Aber das sollten die Macher der Gulf News ja selbst am besten wissen.). Das „in 2002, it was estimated that more than 120 North Korean nationals were working at more than 10 locations across Iran that were relevant to missile or nuclear development.“ ist zwar interessant, aber nicht gerade neu, vor allem weil in dieser Zeit das iranische Nuklearprogramm noch nicht besonders weit gediehen war und die Spezialisten sich daher wohl eher mit Raketen beschäftigt haben. Ganz vergessen zu sagen hat der Autor, dass das bekannte nordkoreanische Nuklearprogramm und das iranische auf völlig unterschiedlichen Wegen der Gewinnung nuklearwaffentauglichen Materials beruhen, was eine Kooperation nochmal unwahrscheinlicher macht. Was bleibt ist ein bisschen Geschreibe über Vorgänge in der nordkoreanischen Geldbeschaffungsverwaltung, die auf geheimen Dokumenten beruht, die Informanten (Immer wieder schön aus Dokumenten zu zitieren die sonst niemand kennt) nach Japan gebracht haben sollen. Und da sind wir schon beim Punkt. Zuerst habe ich mich gewundert, dass die Gulf News den Kram, der absolut nichts neues bringt und hauptsächlich auf dem Zusammenfügen von Fakten und Gerüchten, die nicht besonders viel miteinander zu tun haben, beruht, überhaupt veröffentlicht. Aber als ich den Namen der Autorin gelesen habe wurde mir einiges klarer, der kommt nämlich aus dem Land, in dem schon seit Jahren das Spekulieren auf hohem Niveau bezüglich Nordkorea, eine Art eigene Kunstform geworden ist (Übrigens auch ein Grund, weshalb ich japanische Zeitungen als Quellen nicht besonders nützlich finde. Was Nordkorea angeht ist sogar die BILD ein Hort seriöser Berichterstattung dagegen). Nicht besser wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass die Autorin ne waschechte japanische ex-Außenministerin ist. Hm, wahrscheinlich ihr Beitrag dazu, n bisschen Druck auf Nordkorea zu machen. Aber auf die Art macht das nicht viel Sinn, sondern kommt eher wirr rüber. Aber die Headline ist natürlich n eyecatcher, den Rest liest dann eh niemand mehr.

Tja, und was lernen wir aus alldem? Ne recht ereignislose Woche geht zu Ende und die Medien haben mal wieder ihr Bestes getan, dass Ganze doch noch irgendwie interessant zu machen, über den Erfolg lässt sich allerdings streiten…

Die „Drei Generäle vom Paektusan“ in den nordkoreanischen Medien: Vorbereitung zur Nachfolge Kim Jong Uns?


Update (25.02): Werner hat sich die Zeit genommen und sich die koreanische Version der KCNA Seite mal etwas näher bezüglich der „Storys of…“ angeschaut. Hier seine Ergebnisse:

2009 und 2010:
Montag-Kim Il Sung, Dienstag-Kim Jong Il, Mittwoch-Kim Jong Suk  (immer in der letzten Zeile der KCNA-Nachrichten)

2007 und 2008:
Anekdoten über Kim Vater und Sohn an unterschiedlichen Wochentagen, manchmal öfter, dann wieder seltener (aber immer in der letzten Zeile der KCNA-Nachrichten)

2003 und 2004:
Die Anekdoten kommen nur selten vor
(auch nicht in der letzten Zeile, sondern irgendwo im letzten Drittel der KCNA-Nachrichten)

Kurios: am 23. 3. 2008 steht anstelle „Anekdoten mit dem Vorsitzenden Kim Il Sung“ nur „Anekdoten mit den Vorsitzenden“ (auf den Namen Kim Il Sung wurde an diesem Tag verzichtet/vergessen)

Werner sagt, dass sich die koreanische Version von KCNA von der englischen generell dadurch unterscheidet, dass sie viel weniger Hetztiraden gegen die Politik und Politiker in Südkorea, Japan oder den USA aufweist. Durchaus interessant. Also, danke für die Mühe.

Ursprünglicher Beitrag (24.02): Ich habe bei meiner Lektüre der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA was recht interessantes rausgefunden (Vielleicht hats auch wer Anderes rausgefunden, dann geht meine Entschuldigung an denjenigen, aber ich hab bisher keinen Bericht darüber gelesen). Seit Juni des vergangenen Jahres gibt es eine Art Serie, die zwischenzeitlich auch mit einem eigenen „Label“ versehen wurde und zu regelmäßigen Terminen auf die Errungenschaften Kim Il Sungs, Kim Jong Suks und Kim Jong Ils hinweist. Das ganze könnte im Zusammenhang mit der (angeblich geplanten) Nachfolge von Kim Jong Ils jüngstem Sohn hinweisen. Im Folgenden findet ihr einen Versuch einer näheren Analyse des Ganzen…

Ich lese von Zeit zu Zeit ganz gern die „Nachrichten“ der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA. Einerseits gibts da natürlich zwischen den Informationen über Grüße anderer Präsidenten oder „Figures“, Blumengestecken und Seminare über Juche, die irgendwo abgehalten werden, gelegentlich durchaus brauchbare Inhalte (wenn man seinen „Nordkorea-Filter“ eingeschaltet lässt). Vor allem ist es andererseits aber oft einfach nur unterhaltsam. Ich habe oft kaum zu übertreffendes Spaß, wenn ich über die Besuche Kims in landwirtschaftliche Betrieben oder Produktionsstätten lese, besonders seine Anweisungen und Kommentare find ich herrlich. Was ich auch gerne lese sind die Anekdoten. Leider gab es davon relativ Lange nur wenige. In letzter Zeit ist mir aber aufgefallen, dass eine Art neue Rubrik eingeführt wurde. Wer gelegentlich bei KCNA reinschaut, der hat vielleicht bemerkt, dass öfter mal als letzte Nachricht da steht: „Story of…“, wobei diese Storys entweder von Kim Il Sung, Kim Jong Il oder Kim Jong Suk (wobei diese den annähernd festen Namenszusatz „Anti-Japanese heroine“ innehat) handeln. Weil mich Veränderungen, auch wenn sie nur klein (aber durchaus offensichtlich) sind, immer interessieren, da ich mir einbilde, dass man aus solchen etwas ablesen kann, hab ich mir die Storys mal näher angeschaut. Keine Sorge, ich mach jetzt keine Inhaltsanalyse darüber was Kim Il Sung in Juch 43 hier gemacht, Kim Jong Il in Juche 74 da gesagt, oder wessen Wäsche Kim Jong Suk in Juche 67 gewaschen hat. Wäre bestimmt vielleicht auch interessant, aber da ich auch noch was anderes zu tun habe, präsentiere ich andere aber wie ich finde hoch interessante Ergebnisse.

Auffälliges Muster in den Nachrichtenartikeln

Mir ist nämlich recht schnell aufgefallen, dass die „Storys of…“ Reihe nicht einfach so ins Propagandarauschen eingestreut wird, sondern dass die Serie einem recht stringenten Muster folgt. Schaut ihr Mittwochs bei KCNA rein, könnt ihr mit ner über 90 Prozentigen Wahrscheinlichkeit ne Story von Kim Jong Suk lesen, Dienstags gibts ne Anekdote von Kim Jong Il und wie sich das gehört ist es am ersten Tag der Woche der Ewige Präsident himself, dessen glorreiche Vergangenheit ins Bewusstsein des Lesers gerufen wird. Die drei Generäle vom Paektusan erleben also ein wohlgeordnetes Revival in den nordkoreanischen Medien, obwohl 2/3 der Gruppe schon recht lange tot sind. Das finde ich schonmal erstaunlich und interessant auch die strikte Reihenfolge, an die sich die Meldungen über die Drei halten.

Allerdings hat diese Erkenntnis mein Interesse noch weiter angestachelt. Also hab ich mich daran gemacht, die Archive der KCNA zu durchforsten (Bei Kim Jong Suk hat sich NK News als gute Hilfe erwiesen, aber da Kim Jong Il in jeder zweiten Nachricht namentlich genannt wird und Kim Il Sung auch häufig, musste ich bei den Beiden auf die klassische Durchforstungsmethode zurückggreifen). Dabei sind mir noch einige weitere interessante Fakten aufgefallen, denndie Serie hat eine Entwicklung durchgemacht. Sie wurde in mehrerlei Hinsicht immer weiter verfeinert

  • Sie hat nicht unter dem Label „Story of…“ gestartet, sondern unter irgendwelchen Überschriften, die den Inhalt der Anekdote mehr oder weniger genau umschrieb (Das Label wurde am 09. Dezember erstmals eingeführt (Kim Jong Suk), aber noch nicht konsequent durchgehalten. Konsequente Anwendung findet das Ganze seit dem 04. Januar 2010 (Kim Jong Il, erste Anekdote des Jahres).
  • Anfänglich waren die Anekdoten auch nicht generell als letzte Nachricht eingeordnet, sondern fanden sich irgendwo zwischen den Anderen. (Die Einordnung als letzte Nachricht begann am 06. Juli und wurde seitdem konsequent durchgehalten. Interessant, gleichzeitig wurde das übliche Muster durchbrochen, es gab keine Anekdote von Kim Il Sung sondern an dem sonst für ihn reservierten Montag eine von Kim Jong Il und am Kiim Jong Il vorbehaltenen Dienstag eine von Kim Jong Suk)
  • Hin und wieder wurde die strikte Reihenfolge (wie gesagt: Montag Kim Il Sung; Dienstag Kim Jong Il; Mittwoch Kim Jong Suk), nach der die Drei Generäle Erwähnung fanden auch durchbrochen (sehr selten, ich glaube zweimal oder so) oder es wurde Einer ausgelassen (etwa 5 Mal).
  • Gestartet wurde die Serie, soweit ich das erkennen kann am 18. Mai 2009. Danach trat das Muster in der oben genannten Reihenfolge (Kim Il Sung, Kim Jong Il und Kim Jong Suk) sieben Wochen in Folge auf.

Toll, oder? Nun stehe ich nur vor einer Art Dilemma. Einerseits freue ich mich, dass ich irgendwas bemerkt habe. Andererseits weiß ich aber überhauptnicht, was das alles bedeuten soll. Ich mache mir mal ein bisschen Gedanken und schreibe das hierher, wenn euch ne Idee kommt, immer her damit!

Die Drei Generäle vom Paektusan

Vielleicht erstmal was zu den Drei Generälen des Paektusan. Kim Il Sung, Kim Jong Suk und Kim Jong Il sind die drei entscheidenden Figuren des nordkoreanischen Gründungsmythos (Ich bin nicht besonders Firm in dieser Gründungsmythos-Sache (ich hab mich bisher immer gesträubt mich da wirklich reinzulesen), also seht mir bitte Ungenauigkeiten nach und macht mich auf Fehler aufmerksam). Kim Jong Il ist der Sohn der beiden Anderen und soll dem Mythos entsprechend während des Befreiungskampfes gegen Japan in einer Hütte am Paektusan geboren worden sein (während am Himmel ein Regenbogen erschien), was aber alles mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht stimmt. Die Hütte etc. sind heute ein quasi heiliger Ort, zu der man als guter Nordkoreaner pilgern muss, wie ein guter Christ ins Heilige Land (apropos Christ: Teile des Gründungsmythos sollen christlichen Motiven entliehen sein). Und natürlich wurde die Erinnerung an die Drei Generäle hochgehalten. Allerdings wurden Kampagnen, die auf die Drei Generäle hinwiesen, in jüngerer Vergangenheit oft mit der Nachfolge Kim Jong Ils in Verbindung gebracht. Der Verweis auf die Drei Generäle ist ein klarer Verweis auf die Blutsline Kim Il Sungs. Kim Jong Il stammt aus diesem „heiligen Geschlecht“ an dessen Bedeutung wir alle wöchentlich erinnert werden und Kim Jong Un (der zurzeit allerorten besprochene aber nicht bekannte jüngste Sprössling Kim Jong Ils) stammt direkt aus dieser Linie. Die Kampagne kann also als Vorbereitung für Kim Jong Un gesehen werden. Ich muss gestehen, dass ich mich nie so recht von dem Gerede um die Vorbereitung der Nachfolge überzeugen lassen wollte, aber irgendwie werde ich zunehmend nachdenklich. Nachdem ich mich jetzt auf wissensmäßig relativ dünnem Eis bewegt habe, gehe ich am Besten nochmal zurück zu den Fakten und schaue mir einfach mal die Termine an, zu denen es Änderungen gab.

Indirekte Zusammenhänge mit dem Nukleartest?

Hach, das finde ich ja herrlich, am 18. Mai begann die Serie und ratet mal was am 25. Mai war. Genau, da hat Nordkorea seinen zweiten Nukleartest durchgeführt. Zusammenhang? Ja? Nein? Vielleicht! Aber man könnte das Ganze so sehen, dass der Nukleartest eben auch eine große interne Bedeutung hatte und eben auch eine Rolle für die Nachfolge Kim Jong Uns spielen sollte und das zu dieser Zeit eine groß angelegte Kampagne für die Vorbereitung derselben anlief. Auch Meldungen über die offizielle Verkündigung der Nachfolge, die Anfang Juni datieren, könnte in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Oder am Ende doch nur Nebelkerzen?

Nun wirft das Ganze allerdings noch eine weitere Frage auf, die ich mir schon seit langem stelle: Wer sind eigentlich die Adressaten der KCNA Meldungen? Ich meine, Nordkoreaner sind es nicht (definitiv nicht bei der englischen Version), weil die großteils keinen Zugang zum Internet haben. Es könnten natürlich die Versprengten Wirrköpfe sein, die es überall auf der Welt zu geben scheint und die weiterhin von Nordkorea als erfolgreichem und zukunftsträchtigem Modell überzeugt sind und an die Propaganda glauben. Aber müssen die von der Legitimität der Nachfolge Kim Jong Uns überzeugt werden? Eigentlich nicht! Dann bleiben, zumindest für diesen Fall, nur noch…wir (im weiteren Sinne)! Leute die sich mit Nordkorea beschäftigen und die irgendwelche Informationen einziehen wollen, bzw. irgendwas zwischen den Zeilen rauslesen wollen. Aber kann man in Pjöngjang ernsthaft annehmen uns von irgendwas überzeugen zu können oder zu müssen? Eigentlich nicht. Wozu also das ganze? Ich habe keinen blassen Schimmer. Aber da Nordkorea ja schon gelegentlich gerne Leute manipuliert könnte das ganze (Ich bin gerade äußerst spekulativ) auch ein kleiner Scherz sein. Nebelkerzen die dazu führen, dass sich Menschen, die mehr zu Nordkorea herausfinden wollen sich in irgendwelchen Spekulationen und Analysen verrennen, während irgendetwas ganz anderes abläuft. Dazu würde auch passen, dass man offensichtlich will, dass das Muster hinter den „Storys of…“ auffällt. Nach der Einführung stellte man sie zuerst an einen auffälligen Ort (immer die letzte Stelle) und versah sie nach einiger Zeit noch zusätzlich mit dem einheitlichen Label („Story of…“). Daher war es ja nur eine Frage der Zeit, bis es irgendwer merkt. Und wenn nicht, hätte man vielleicht irgendwann ne Meldung geschrieben, die dezidiert auf die Serie hinweist oder so.

Was fürn Ärger, da hat man irgendwas gefunden und weiß nicht was man damit anfangen soll, oder wie Faust sagen würde: „Da steh ich nun ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor“